Latest / Die Abschweifung / Die Abschweifung 34 Hochbegabung: Segen und Last
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- 0:00[Musik]
- 0:17Hallo und willkommen zu einer neuen Ausgabe der Abspeifung.
- 0:20Da wo ich herrlich und eigentlich immer, naja fast immer, vom eigentlichen Thema, was ich mir vorgenommen habe, abspeife.
- 0:29Ich bin Sascha Markmann und sage Hallo.
- 0:33Das heutige Thema, was ich mir überlegt habe, da weiß ich noch gar keinen Titel für.
- 0:41Es geht um, warum ich meine Bildung sehr oft, gar nicht so oft nach außen trage,
- 0:54sondern es wenig bis gar nicht kommuniziere.
- 1:02Also, ich mache jetzt mal so einen groben Umriss.
- 1:07Ich war ein Jahr lang auf einer Regelschule und sollte das Jahr wiederholen
- 1:14und es kam auch der Verdacht auf, dass irgendetwas bei mir nicht stimmt.
- 1:18Also hatte ich so eine besondere Untersuchung damals beim Gesundheitsamt
- 1:28und da kam heraus, dass bei mir eine Hochbegabung vorliegt
- 1:36und dass die normalen Schulen nichts für mich wäre.
- 1:39Jetzt war das damals so Anfang der 80er Jahre noch nie so ein wirklich Riesenthema,
- 1:46dass man Kinder, die halt solche speziellen Bedürfnisse haben,
- 1:55und großartig unterstützt, es sei denn, man wohnt ja in der Großstadt
- 1:59und ich habe zwar im Ruhrgebiet gewohnt, aber nicht direkt in der Großstadt,
- 2:04sondern am Rand vom Ruhrgebiet, eher Richtung Grenze Münsterland.
- 2:10Und einer von den Sozialarbeitern, die dabei waren, meinte dann so,
- 2:18ob meine Eltern schon mal was von der Waldorfschule gehört hätten.
- 2:21Und da sagte mein Vater, ja, da hat eine Arbeitskollegin,
- 2:26mein Vater hat damals als Heil- und Erziehungspfleger gearbeitet,
- 2:32in einer Wohnstätte für geistig Behinderte,
- 2:35und die Arbeitskollegin davon, die Tochter, die wäre von der Schule sehr begeistert.
- 2:42Ja, dann hat man wohl familienintern das besprochen,
- 2:49ich meine, die Schulen sind ja auch nicht ganz billig,
- 2:51und da meine Mutter und mein Vater auch bei der Arbeit gegangen sind
- 2:55und ganz gut verdient haben, redet man jetzt auch über einen etwas größeren Geldbetrag,
- 2:59den man da so bezahlen muss.
- 3:03Ja, dann war ich halt auf der Waldorfschule, in einer Klasse so ungefähr mit 40 Leuten.
- 3:12Und das Interessante an der Schule war gewesen,
- 3:15dass man die Schule nicht nur mit dem Abitur verlassen konnte,
- 3:17sondern auch mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung in verschiedenen Bereichen,
- 3:21also handwerklich, als Erzieher, als Schneider und noch viele andere Sachen.
- 3:29Ja, da kam dann irgendwann mal so die Vermutung,
- 3:35weil ich eigentlich nie das Klassenziel wirklich erreicht habe,
- 3:41das könnte auch sein, dass ich da vielleicht eine Legasthenie oder sowas habe,
- 3:47oder auch eine Dyskalkulie, und das wurde dann untersucht,
- 3:52damals in Wittenherdecke, und da kam heraus, ja, Jackpot,
- 3:58da ist eine Legasthenie vorhanden, also eine stärkere Lese- und Rechtschreibschwäche.
- 4:06Eine Lese- und Rechtschreibschwäche könnte man mit gezieltem Training halt
- 4:11wieder rausbügeln, und dann kommt man besser zurecht,
- 4:15aber bei der Legasthenie ist irgendwie eine Fehlverdrahtung.
- 4:19Ja, dann hatte man besprochen gehabt, was man da machen könnte,
- 4:25und dann, die Klasse ist definitiv zu groß für mich,
- 4:29und man könnte auf meine speziellen Bedürfnisse halt nicht eingehen,
- 4:32und dann standen wir dann für einen Schulwechsel an,
- 4:35ich bin dann von der 5. in die 6. Klasse gegangen,
- 4:38und habe dort in einer sogenannten kleinen Klasse,
- 4:42wir waren maximal 14 Leute, also die meiste Zeit waren wir irgendwie so immer um die 12,
- 4:48habe dann dort nach einem halben Jahr so ein Aha-Erlebnis gehabt,
- 4:54dass irgendwie ich von meiner kindlich verträumten Welt
- 4:59auf einmal das alles Sinn gemacht hat, was an der Tafel stand.
- 5:02Das war mitten in der Mathestunde, und ich habe die Aufgaben für die schwachen Schüler gemacht,
- 5:06dann habe ich auch zu lauter Langeweile die Aufgaben für die starken Schüler gemacht,
- 5:10und habe dann noch den schwachen Schülern noch geholfen.
- 5:15Ja, und von dort an war irgendwie alles anders,
- 5:18da musste ich, bis auf Deutsch oder Englisch,
- 5:22nicht wirklich Hausaufgaben machen, weil das ist mir alles so zugeflogen.
- 5:28Ich weiß nicht, kennt ihr den Film "Phenomen"?
- 5:33Da gibt es so eine Szene, da schaut der Hauptdarsteller so zum Himmel
- 5:39und sieht auf einmal Licht zu sich kommen, das trifft ihn,
- 5:42und danach hat er halt besondere Fähigkeiten,
- 5:47und so ein Erlebnis hatte ich damals in der sechsten Klasse auch gehabt.
- 5:50Es war kein Licht, aber es machte auf einmal "Peng" in meinem Kopf.
- 5:54Ja, das ging dann so.
- 6:01Ich bin dann durch die Jahre so durchgeschlendert,
- 6:05und irgendwann musste ich dann selbst in Deutsch und Englisch keine Hausaufgaben mehr machen,
- 6:09das war alles so einfach.
- 6:13Und ja, Abitur, das ist mir so zugeflogen, das war schon fast geschenkt,
- 6:22und ich habe dann eine Ausbildung gemacht als Elektroinstallateur, damit ich was habe.
- 6:31Danach habe ich studiert,
- 6:36dann habe ich festgestellt, dass ich halt mit Menschen arbeiten möchte
- 6:45und habe Altenpflege nochmal danach geschoben.
- 6:50Jetzt muss man sich vorstellen, wie kommt das,
- 6:54dass ich dann halt mit meinen Talenten und Fähigkeiten gelernt habe,
- 6:58hinterm Berg zu halten.
- 7:01Ich bin irgendwann mal, das musst du in der neunten Klasse,
- 7:11da haben wir mit anderen Klassen zusammen, also immer eine Jahrgangsstufe,
- 7:16Klassenfahrten gemacht oder Praktikas.
- 7:20Also in der Waldorfschule macht man auch mit der gesamten Klasse
- 7:24so eine Art Betriebspraktikum oder Landwirtschaftspraktikum
- 7:28oder Landvermehrungspraktikum.
- 7:30Und wir sind halt immer mit einer von den Parallelklassen gefahren.
- 7:35Und da tauchte das irgendwann mal das erste Mal auf, als man mich so reden hörte,
- 7:40ich meine, man kannte sich zwar ein bisschen, aber nicht wirklich gut,
- 7:44dass ich halt einen Spitzname Jesus oder Professor bekommen habe
- 7:52und dass man sich darauf lustig gemacht hatte,
- 7:57darüber, wie ich schreibe, weil da sind noch viele Rechtschreibfehler drinnen,
- 8:04und wie ich rede.
- 8:07Dann kam, ich glaube, es war in der zehnten Klasse,
- 8:11dass wir auch bestimmte Unterrichtsstunden zusammen hatten.
- 8:14An den normalen Schulen, würde man sagen, also Wahlpflichtfächer.
- 8:17Und wir hatten nicht die Möglichkeit zu wählen,
- 8:22weil wir haben halt ein paar Wochen lang die eine Sache gemacht,
- 8:27dann ein paar Wochen die andere Sache, also Metallverarbeitung,
- 8:31praktische Physik, Elektronik, Schreinern, Textil und Textilgestaltung,
- 8:43Schneidern und noch viele andere Sachen.
- 8:48Und da ist den Leuten aufgefallen, dass das einfach alles nicht zusammenpasst.
- 8:53Und ich habe gemerkt, dass wenn ich nicht so viel von mir preisgebe
- 9:03und halt ein paar Gänge runterschalte, so von Gang 1 auf Gang 12,
- 9:09dann habe ich weniger Probleme, weil einfach weniger Hässlichkeiten
- 9:16oder auch, ich würde schon sagen, fast Mobbing da war.
- 9:19Weil ich für Nichtstun einfach immer viel bekommen habe.
- 9:27Ich war der faulste Schüler, ich habe nie Hausaufgaben gemacht
- 9:32und habe, wenn man das in Noten ausdrückt, 1+ geschrieben bekommen.
- 9:44Und wenn eine Frage gestellt wurde und keiner in der Klasse Bescheid wusste,
- 9:48dann hat man mich gefragt, weil die Lehrkörper, die Lehrer wussten.
- 9:53Er weiß es.
- 9:57Ja, das hat sich natürlich halt in der Berufsschule auch gezeigt gehabt.
- 10:03Da hatte man auch relativ schnell den Spitznamen Professor gehabt,
- 10:08weil ich habe davor mehrere Jahre praktische Physik gehabt
- 10:17und da haben wir halt Elektronikschaltungen auseinandergebaut, zusammengebaut.
- 10:22Wir haben einen Computer Winterunterrichts gebaut aus analogen Komponenten,
- 10:29erst einmal in Röhren, dann einmal aus Transistoren.
- 10:33Den haben wir selber zusammengelötet.
- 10:37Und da habe ich drei Monate dran gearbeitet an dem Projekt und viele andere Sachen.
- 10:45Das ist mir auch alles so leicht gefallen und das hat auf ziemlich viel Missgunst
- 10:52meiner Mitschüler geführt und da war ich dann ja auch schon erwachsen.
- 10:56Und während des Studiums war das nicht anders gewesen.
- 11:03Also die Kommilitonen haben einfach gemerkt gehabt,
- 11:07dass ich die meiste Zeit mich langweile und Zeit für Blödsinn habe
- 11:14und nichts wirklich machen muss.
- 11:17Ja, selbst wie ich die Altenpflege gemacht habe
- 11:24und dann das ganze medizinische Fachwissen und die ganzen Fachbegriffe,
- 11:32lateinische oder altgriechische, sind mir auch so alle in den Schoß gefallen,
- 11:38weil einmal gelesen, zweites Mal gelesen und dann konnte ich es auswendig.
- 11:44Meine Vorbereitung für Klausuren bestand eigentlich immer nur so,
- 11:50dass ich mir einen Abend vor die Sachen durchgelesen habe,
- 11:53mit denen ich mich vorher nie beschäftigt habe und dann konnte ich es.
- 11:58Ich würde jetzt nicht sagen, dass es ein fotografisches Gedächtnis ist,
- 12:02aber es ist ein Gedächtnis, das Inhalte wiedergibt.
- 12:07Nicht wortwörtlich, aber bildmäßig, sondern inhaltlich.
- 12:13Und ich habe das immer so als Betrügen empfunden.
- 12:19Meine Mutter hat zum Beispiel keinen einzigen Abschluss von mir gesehen.
- 12:25Also bis ich 18 war, war klar gewesen, dass ich die Zeugnis unterschrieben werden musste.
- 12:30Und danach konnte ich das selber machen und seitdem hat das keiner mehr gesehen.
- 12:37Und auch wenn meine besonderen Leistungen erwähnt wurden
- 12:44oder ich ausgezeichnet wurde, war mir das eher unangenehm,
- 12:47weil ich immer das Gefühl hatte, ich betrüge, weil ich dafür nie was getan habe.
- 12:54Und ich glaube auch, dass der Neid oder auch der Zweifel der anderen dazu gefügt hat,
- 13:05dass ich extremst unsicher bin, was das ist.
- 13:08Also die Erfahrung daraus, als ich Legastheniker bin,
- 13:11dass ich sowieso schon anders über Probleme nachdenke und Problemlösungen finde,
- 13:19auf die andere überhaupt nicht komme.
- 13:23Und dadurch werde ich ja immer wieder darauf reduziert, dass ich halt
- 13:28– du kannst ja nicht richtig lesen und nicht richtig schreiben, aber redest wie ein Professor –
- 13:34immer ständig darauf reduziert auf Sachen, die du falsch machst und Fehlermaß.
- 13:38Und ich sehe es, wie viele Menschen so durchs Leben gehen und fundamentale Fehler machen
- 13:47und denen ist das scheißegal.
- 13:52Für mich ist das immer ein halber Zusammenbruch, wenn da mal was nicht funktioniert.
- 13:56Auf jeden Fall denke ich, dass es dazu geführt hat, dass ich einfach
- 14:03mein Licht ganz weit unter den Scheffel stelle und dann halt nicht so damit hausieren gehe.
- 14:13Ich mache einen Podcast mit anderen Kollegen über Musik
- 14:18und da war in der letzten Zeit ein paar Mal die Andeutung,
- 14:21dass ich mich bei bestimmten Themen rausgehalten habe und nichts mehr gesagt habe,
- 14:25obwohl ich in den Bereichen abgeschlossenes Studium habe.
- 14:30Also ich habe ja nicht nur das eine Studium gemacht,
- 14:33ich habe nach dem Schlaganfall viel Zeit gehabt und musste eine Sinnkrise durchleben
- 14:41und habe dann aus lauter Langeweile noch ein bisschen mehr studiert
- 14:45und habe seitdem drei weitere Fächer abgeschlossen.
- 14:53Und auf jeden Fall, obwohl ich dann in dem und dem Bereich halt einen Abschluss habe,
- 15:03habe ich dazu nichts gesagt und da habe ich auch gesagt,
- 15:06dass ich vorsichtig bin mit dem, was ich sage und wie ich es sage und wann ich was sage,
- 15:14weil ich nicht post-human exmatrikuliert werden möchte.
- 15:18Das war natürlich der Gag gewesen, aber in Grundgelegenheit genommen ist das halt immer noch so die Angst,
- 15:24wenn ich mein wahres Potenzial präsentiere und zeige, dass ich dann halt Probleme bekomme.
- 15:33Ich beschäftige mich in meiner Freizeit stellenweise mit Themen,
- 15:40womit ich wirklich nur über ganz wenige Menschen sprechen kann.
- 15:44Ich habe mit 16 ein Tunnelrastermikroskop gebaut.
- 15:49Das machen andere halt erst, wenn sie Mitte 20 sind, weil sie das für das Studium brauchen oder daran forschen.
- 15:58Mit dem Tunnelrastermikroskop kann man Atome sichtbar machen,
- 16:03weil man halt einen physikalischen Effekt ausnutzt, dass wenn man mit einer Spitze aus Wolframen,
- 16:10wo die Spitze nur einen Durchmesser von einem Atom hat, ganz nah an das Testobjekt herangeht,
- 16:16wird ein Tunnelstrom fließen und wenn man jetzt in der Lage ist,
- 16:21ganz fein gerastert über das Teststück drüber zu gehen,
- 16:26kann man den Tunnelstrom, die Stärke messen und daraus ein Bild generieren.
- 16:32Das habe ich damals gebaut mit Verstärkerstufen und so weiter,
- 16:38ohne dass es da irgendwelche Einrauschen gab.
- 16:42War eine Jahresarbeit.
- 16:45War ein Jahr lang Arbeit und Forschung.
- 16:50Das habe ich damals neben der Schule gemacht.
- 16:56War natürlich ein voller Erfolg gewesen und weit über dem, was man sonst so gewohnt ist,
- 17:03wenn Schüler da eine Jahresarbeit abgeliefert haben.
- 17:10Es sind so viele Sachen. Ich musste mal eine computergesteuerte Ampelanlage bauen.
- 17:16Das habe ich natürlich auch gemacht und handwerklich war das jetzt nicht so perfekt,
- 17:22aber es war eine Software und dann meinte damals der Schulleiter und auch der Lehrer,
- 17:28dass es weit über dem ist, was sie halt verstehen.
- 17:33Für mich waren das einfach so Sachen. Ich habe das an einem Wochenende gemacht.
- 17:40Ich habe an einem Wochenende das Modell für die Ampelanlage gebaut
- 17:45und die Software geschrieben und die Elektronik gemacht.
- 17:51Und so ist das einfach total oft in meinem Leben gewesen.
- 17:55Ich habe alles auf den letzten Drücker gemacht und habe mich mit vielen anderen Sachen beschäftigt.
- 18:01Und ja, es würde man meinen, dass ich besonders erfolgreich bin.
- 18:09Ganz im Gegenteil.
- 18:12Seit meinem Schlaganfall und dem langen Zeitraum meiner Ausbildungen
- 18:19hatte ich eine Erwerbsminderungsrente, die auf dem Niveau des Bürgergeldes ist.
- 18:23Und ich bin froh, dass das Bürgergeld erhöht wurde,
- 18:27denn jetzt bezahle ich keinen Rundfunkbeitrag mehr, weil ich quasi in dem Bereich drinne bin.
- 18:34Man kann sehen, dass man mit den Möglichkeiten, die uns auf den Weg gegeben werden,
- 18:48nicht unbedingt immer sehr erfolgreich sind, dass das nicht erfolgsversprechend ist und man scheitern kann.
- 18:58Ich sehe mich jetzt nicht als gescheitert an, weil ich jetzt doch, obwohl ich kein Geld habe
- 19:04und ein Low-Level-Niveau leben führe und angewiesen bin auf Unterstützung,
- 19:15in vielerlei Sicht auch finanziell, dass ich so viel Zeit habe,
- 19:21dass ich mich jetzt den Sachen widmen kann, die mich interessieren.
- 19:25Und nach dem Schlaganfall hatte ich so viel Freizeit gehabt,
- 19:30dass ich dann halt noch Sachen, die mich interessiert haben
- 19:33und nicht weil ich da beruflich irgendwie Ambitionen habe, studieren konnte und Abschlüsse machen konnte.
- 19:44Sogar in einer Zeit, weil ich auch finanzielle Unabhängigkeit habe dadurch,
- 19:50wovon andere Leute nur träumen können.
- 19:53Man kann sehen, auch wenn ich jetzt nicht der super erfolgreiche Mensch bin,
- 20:03dass ich halt meinen Frieden gefunden habe, obwohl ich halt immer noch vorsichtig bin,
- 20:11dass ich halt mein Potenzial zeige oder nicht.
- 20:14Es ist sogar so, dass sich das regelrecht schon fast automatisiert hat bei mir,
- 20:20dass ich Grammatikfehler mache in der Aussprache,
- 20:25dass ich falsche Formen verwende oder auch Fehler mache bei Singular Plural,
- 20:35also Einzahl und Mehrzahl und solche Sachen.
- 20:38Das hat sich einfach so eingeschlichen als Automatismus, um nicht aufzufallen.
- 20:43Heutzutage, wenn du jemand bist, der intelligent ist und auch überdurchschnittlich intelligent,
- 20:55dann hast du die Möglichkeit, vernünftig gefördert zu werden.
- 21:01Zu meiner Zeit war das gewesen, ich stand kurz davor, auf eine Sonderschule geschickt zu werden für Lernbehinderte,
- 21:11weil ich mich so dermaßen in der Schule gelangweilt habe,
- 21:16dass ich mich mit allen möglichen anderen Sachen beschäftigt habe,
- 21:21als denen zu folgen, wie man halt bis 10 zählt.
- 21:27Unglaublich! Und dass erst so viel später das wahre Potenzial bei mir entdeckt wurde.
- 21:36Ich kann mich noch mal daran erinnern, wo ich in einer der Schulen war,
- 21:43im Berufskolleg, genauer gesagt, um eine Zeichenskopie beglaubigen zu lassen,
- 21:51dass die Lehrer, die ich getroffen habe, sich gefreut haben, mich zu sehen,
- 21:58weil es mal ein positives Beispiel ist dafür.
- 22:04Wenn die gewusst hätten, wie faul ich damals war und ich stellenweise Hausaufgaben an der Tafel gemacht habe,
- 22:13weil ich die Sachen gar nicht wirklich zu Hause ausgearbeitet habe,
- 22:19sondern wenn es um Mathematik ging, dann konnte ich das so an der Tafel schreiben.
- 22:25Das war jetzt hier so ein sehr persönliches Gespräch mit euch,
- 22:37wo ich hauptsache monologisiert habe und mal ein bisschen was erzählt habe.
- 22:44Ich hoffe, dass ihr es mir nicht böse nehmt, dass ich jetzt nicht mehr weiß, wie abgeschweift bin,
- 22:51wie ich es sonst gerne tue, sondern dieses Mal da geblieben bin,
- 22:56ziemlich beim Thema, weil es muss sich was ändern in unserer Bildungspolitik.
- 23:06Kinder sind nicht alle gleich und ich verstehe nicht, warum ein Kind in dem und dem Alter
- 23:16oder auch wenn es jünger ist, mit dem und dem Anzahl an Monaten, an Lebenszeit,
- 23:22das und das können muss, weil der Durchschnitt es kann.
- 23:28Sondern ich habe gesehen bei meinen Neffen, da ist jeder anders gewesen
- 23:35und der eine hat sich mehr sprachlich entwickelt und das viel schneller als der andere.
- 23:41Der andere hat sich motorisch entwickelt und konnte dann, obwohl der andere gelabert hat wie im Wasserfall,
- 23:49konnte er sich dann aufs Fahrrad, so ein Tretrad, setzen und ist damit über die Schotterpiste geheizt,
- 23:59als ob er noch nie was anderes gemacht hätte.
- 24:02Der andere konnte es nicht und so individuell die Kinder sind, so sollte auch Bildung gesehen werden,
- 24:12weil Bildung ist nicht nur das stumpfe Auswendiglernen von Zahlen und Fakten,
- 24:18sondern auch das Verstehen, was dahinter steckt, warum manche Prozesse so sind, wie sie sind.
- 24:24Natürlich, wenn ich Geschichte mache, muss man Zahlen und Fakten kennen,
- 24:29aber es gibt ja auch Gründe, warum etwas zu etwas geführt hat.
- 24:34Die französische Revolution ist ja nicht einfach so entstanden, aus sich heraus,
- 24:40sondern es gab eine Geschichte davor und
- 24:44so muss man das auch sehen bei Kindern oder auch bei Jungerwachsenen.
- 24:54Ich war mal in einer Einrichtung während eines Studiums, wo es halt um Wiedereingliederung ging
- 25:08und da hatte man festgestellt, dass ich anders rede, wie ich schreibe
- 25:17und da war man im Kollegium sehr verwirrt.
- 25:22Ich musste mich dann quasi erklären, dass ich Legastheniker bin
- 25:30und Erwachsene können damit besser umgehen wie andere Kinder,
- 25:38vor allem im Alter des Erwachsenen, in den jugendlichen Jahren,
- 25:46wo man versucht, sich selbst zu finden und sich mit anderen vergleicht
- 25:51und alles, was anders ist als die Normalität, merkwürdig, fällt man damit extremst auf
- 25:59und die Verletzung und die Zeit hat mich stark geprägt.
- 26:08Ich hatte vor einiger Zeit mal eine Dokumentation gesehen,
- 26:13über eine Schule für Hochbegabte, was ein Internat ist,
- 26:17wo Jugendliche, anstatt das, was Jugendliche sonst so tun,
- 26:25Zeit totschlagen und irgendwelche ablenkenden Sachen zu machen,
- 26:32sich wirklich mit komplexen Themen auseinandergesetzt haben und daran Spaß hatten.
- 26:39Die einen haben Japanisch gelernt, die anderen haben Schachs geübt,
- 26:47aber dann nicht normal, sondern schon x-Züge im Voraus.
- 26:54Es wurde wissenschaftlich gearbeitet und das war das erste Mal, wo ich mir gedacht habe,
- 27:02das hättest du damals haben müssen.
- 27:06Du hättest halt nicht dieses Außenseitergefühl haben müssen.
- 27:14Klar sind Leute zu mir gekommen, wenn sie ein Problem hatten in der Schule oder während des Studiums,
- 27:21aber aufgrund meiner Begabung, meines Fluches, fühlte ich mich nie irgendwie richtig dazugehörig.
- 27:36Gut, bei meiner zweiten Runde, wo ich studiert habe, nach dem Schlaganfall,
- 27:43war vieles nicht mehr möglich.
- 27:45Ich bin ja hauptsächlich mit einem Rollstuhl durch die Gegend geeiert
- 27:49und habe viel zu Hause studiert und hatte wenig Kontakt mit meinen Kommilitonen,
- 27:54außer zu den Pflichtveranstaltungen, wo man anwesend sein muss.
- 27:59Da war das jetzt nicht so das Thema gewesen.
- 28:04Aber beim ersten Studium, da habe ich es schon gemerkt gehabt,
- 28:10da war ja Party und machen und so weiter dran und ich habe lieber im Labor gesessen
- 28:16und habe da meine Forschung gemacht und das hat auch dazu geführt,
- 28:20dass ich halt wesentlich schneller fertig war wie meine Kommilitonen,
- 28:25die noch ein paar Semester mehr brauchten.
- 28:29Ja, das war jetzt wirklich ein Monolog und ich bin doch zum Ende hin ein bisschen abgespaltet.
- 28:39Ich bedanke mich dafür, dass ihr zugehört habt und würde mich freuen,
- 28:45wenn ihr auch beim nächsten Mal dabei wieder einschaltet,
- 28:49wenn es heißt "Die Abschweifung" oder irgendein anderes Format hier auf dem Lautfunk,
- 28:56dem Publikationskartell.
- 28:59Ja, da sage ich mal Dankeschön und sage Tschüss, euer Sascha.
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