Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 7 - Der hässlichste Mensch
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:04Unterkapitel 7 der Hässlichste Mensch Zarathustra ist weiterhin
- 0:10in den Bergen und Wäldern unterwegs, er sucht nach der
- 0:13Person, die zuvor laut um Hilfe gerufen hat, während er läuft,
- 0:17freut er sich in seinem Herzen, er ist dankbar für die seltsamen
- 0:21Menschen, die er an diesem Tag schon getroffen hat und nimmt
- 0:24sich vor, später in Ruhe über ihre Worte nachzudenken.
- 0:27Als der Weg um einen großen Felsen biegt, verändert sich die
- 0:30Landschaft plötzlich. Zarathustra betritt ein Tal, das
- 0:34wie ein Reich des Todes aussieht, es gibt hier keine
- 0:37grünen Pflanzen, keine Bäume und keine Vögel, alles ist voller
- 0:41schwarzer und roter Felsen, es ist ein Ort, den alle Tiere
- 0:45meiden, nur alte, dicke, grüne Schlangen kommen hierher, um zu
- 0:49sterben, deshalb nennen die Hirten diesen Ort den
- 0:53Schlangentod. Zarathustra wird von dunklen
- 0:56Erinnerungen eingeholt. Es kommt ihm vor, als wäre er
- 0:59schon einmal hier gewesen. Ein schweres Gefühl legt sich
- 1:03auf ihn und er geht immer langsamer, bis er schließlich
- 1:06ganz stehen bleibt, als er sich umsieht, entdeckt er etwas am
- 1:09Rand des Weges, es sieht aus wie ein Mensch, aber gleichzeitig
- 1:14auch fast nicht wie ein Mensch, es ist eine unbeschreiblich
- 1:17hässliche Gestalt als Zarathustra dieses Wesen sieht,
- 1:21überfällt ihn ein tiefes Gefühl der Scham.
- 1:24Er schämt sich dafür, dass er mit seinen eigenen Augen so
- 1:27etwas Schlimmes und hässliches ansehen muss.
- 1:30Sein Gesicht wird rot, er dreht den Kopf weg und will schnell
- 1:33weitergehen, um diesen schrecklichen Ort zu verlassen,
- 1:37aber plötzlich wird es in dem Totental laut, vom Boden herauf
- 1:41beginnt die Gestalt zu gurgeln und zu röcheln, es klingt, als
- 1:46ob in der Nacht Wasser durch ein verstopftes Rohr gluckert,
- 1:49schließlich formen sich aus diesen Geräuschen menschliche
- 1:52Worte. Das Wesen ruft nach Zarathustra,
- 1:55es warnt ihn davor, dass der Weg hier glatt wie Eis ist und dass
- 1:58Zarathustras stolz ihn Zufall bringen könnte.
- 2:02Dann stellt das Wesen Zarathustra ein Rätsel, es
- 2:05fragt, Was ist die Rache am Zeugen, Zarathustra soll
- 2:08erraten, wer diese Gestalt auf dem Boden ist.
- 2:11Nietzsche verwendet hier den Begriff des Zeugen, ein Zeuge
- 2:15ist jemand, der alles sieht und beobachtet, das Rätsel bedeutet,
- 2:19wie rächt man sich an jemandem, der jede noch so kleine
- 2:21Schwäche. Jede Peinlichkeit und die
- 2:24absolute Hässlichkeit eines Menschen gesehen hat als
- 2:27Zarathustra diese Worte hört, passiert etwas in ihm ein
- 2:31starkes Gefühl des Mitleids überfällt ihn in der Philosophie
- 2:34von Nietzsche ist Mitleid keine gute Eigenschaft, Mitleid wird
- 2:38oft als Schwäche gesehen, wenn man Mitleid zeigt, leidet man
- 2:42mit dem anderen mit, was beide schwächt, außerdem nimmt das
- 2:45Mitleid dem Leidenden oft seine würde, weil er von oben herab
- 2:49bemitleidet wird. Wegen dieses plötzlichen
- 2:51Mitleids bricht Zarathustra zusammen.
- 2:54Er fällt zu Boden wie ein großer Eichenbaum, der lange Zeit
- 2:57vielen Holzfällern standgehalten hat und nun plötzlich schwer und
- 3:01laut Umstürzt. Aber Zarathustra bleibt nicht
- 3:04lange liegen, er kämpft gegen das Mitleid an, er steht wieder
- 3:07auf und sein Gesichtsausdruck wird hart und fest mit einer
- 3:11harten metallischen Stimme sagt Zarathustra, dass er das Wesen
- 3:15erkannt hat, er nennt den hässlichsten Menschen den Mörder
- 3:19Gottes. Zarathustra erklärt ihm, warum
- 3:22er Gott töten musste. Er sagt, du Ertrugst den nicht,
- 3:26der dich sah. Hier erklärt Nietzsche einen
- 3:29sehr wichtigen Gedanken. Der hässlichste Mensch hat Gott
- 3:32getötet, weil Gott alles gesehen hat.
- 3:36Gott sah in die tiefsten, dunkelsten und hässlichsten
- 3:38Ecken der menschlichen Seele dieser Gott hatte grenzenloses
- 3:42Mitleid, aber dieses Mitleid war unerträglich, weil es keine
- 3:46Grenzen kannte. Es gab keinen Ort, an dem sich
- 3:49der Mensch vor den Blicken Gottes verstecken konnte.
- 3:52Der Mensch fühlte sich durch dieses ständige Mitleidige
- 3:55Beobachtetwerden in seiner Freiheit und würde verletzt, um
- 3:59frei zu sein, und weil er diesen ewigen perfekten Zeugen seiner
- 4:03eigenen Hässlichkeit nicht mehr aushalten konnte, musste der
- 4:06Mensch Gott töten, Zarathustra will weitergehen und den
- 4:10hässlichsten Menschen zurücklassen, aber dieser bittet
- 4:13ihn zu bleiben, er lobt Zarathustra dafür.
- 4:17Dass er das Rätsel richtig gelöst hat.
- 4:19Der hässlichste Mensch bestätigt, dass Gottes Mitleid
- 4:22keine Scham kannte. Gott kroch in die schmutzigsten
- 4:25Winkel der menschlichen Seele, er war zu neugierig und zu
- 4:29aufdringlich, deshalb musste er sterben.
- 4:33Dann erklärt der hässlichste Mensch, warum er Zarathustra so
- 4:36sehr schätzt, als Zarathustra die Hässlichkeit sah, hat er
- 4:40nicht aus Mitleid geholfen, Stattdessen hat Zarathustra sich
- 4:43geschämt und weggeschaut. Genau das sieht der hässlichste
- 4:47Mensch als Zeichen des Respekts. Zarathustra hat seine Würde
- 4:51bewahrt, indem er ihn nicht anstarrte und nicht von oben
- 4:54herab bemitleidete der hässlichste Mensch sagt, dass es
- 4:57oft vornehmer ist, nicht helfen zu wollen, als aus einem
- 5:00falschen Mitleid heraus sofort einzugreifen, die einfachen
- 5:04Leute in der Gesellschaft halten Mitleid für die höchste Tugend,
- 5:08aber sie haben keinen Respekt vor dem großen Unglück und der
- 5:11großen Hässlichkeit. Der hässlichste Mensch warnt
- 5:14Zarathustra nun vor dessen eigener Gefahr.
- 5:17Er sagt, dass Zarathustra sich vor seinem eigenen Mitleid hüten
- 5:21muss, viele Leidende und verzweifelte Menschen sind auf
- 5:24dem Weg zu Zarathustra, wenn Zarathustra schwach wird und
- 5:28Mitleid mit ihnen hat, könnte das sein Untergang sein, der
- 5:31hässlichste Mensch, sagt von sich selbst, dass er ein
- 5:34Ausgestoßener ist, der sich selbst verachtet, aber er möchte
- 5:38nicht in der Welt der normalen Menschen und ihres Mitleids
- 5:41leben. Er bittet Zarathustra um den Weg
- 5:44zu seiner Höhle. Er möchte lieber zu zarathustras
- 5:46Tieren, dem Adler und der Schlange gehen.
- 5:50Der Adler steht bei Nietzsche für den Stolz, die Schlange für
- 5:53die Klugheit, der hässlichste Mensch glaubt, dass diese
- 5:57stolzen und klugen Tiere die besseren Ratgeber für ihn sind
- 6:00als die Menschen. Zarathustra geht langsam und
- 6:03nachdenklich weiter, die Begegnung hat ihn tief bewegt,
- 6:07er denkt darüber nach wie Arm. Hässlich und voller versteckter
- 6:11Scham. Der Mensch, eigentlich ist man
- 6:13sagt zwar oft, dass die Menschen sich selbst lieben, aber
- 6:16Zarathustra erkennt, dass die Selbstverachtung der Menschen
- 6:19riesig ist. Der hässlichste Mensch hat sich
- 6:22selbst abgrundtief verachtet. Für Nietzsche ist diese tiefe
- 6:26Selbstverachtung aber nicht nur etwas Schlechtes.
- 6:29Wer sich selbst so sehr verachtet, der hat eine
- 6:31Vorstellung von etwas besserem, Größerem und Schönerem in sich.
- 6:36Deshalb nennt Zarathustra den hässlichsten Menschen einen
- 6:38großen Liebenden. Nur wer eine große Liebe zu
- 6:42einem höheren Ideal in sich trägt, kann so streng mit seinen
- 6:45eigenen Fehlern und seiner eigenen Hässlichkeit sein.
- 6:49Die Begegnung bestätigt Zarathustras zentrale Lehre der
- 6:53jetzige Mensch ist nicht das Ziel der Geschichte, der Mensch
- 6:56ist etwas unvollkommenes, etwas, das überwunden werden muss, um
- 7:00Platz für den Übermenschen zu machen.