Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 2: Warum ich so klug bin. 5
Transcript
- 0:00Etse Homo, wie man wird, was man ist.
- 0:04Kapitel 2 warum ich so klug bin Abschnitt 5 Nietzsche beginnt
- 0:12diesen Abschnitt mit einem Blick auf die Dinge, die ihm in seinem
- 0:15Leben Erholung und Ruhe gebracht haben.
- 0:18Dabei möchte er seine tiefe Dankbarkeit für eine ganz
- 0:21bestimmte Erfahrung ausdrücken, die ihn am tiefsten und von
- 0:25ganzem Herzen erholt hat, er spricht hier von seiner engen
- 0:28und vertrauten Beziehung. Zu dem berühmten Komponisten
- 0:31Richard Wagner. Nietzsche sagt, dass ihm alle
- 0:34anderen menschlichen Beziehungen in seinem Leben wenig bedeuten
- 0:37und er sie gerne billig hergibt. Aber die Tage, die er in
- 0:41Tripschen verbracht hat, würde er um keinen Preis der Welt aus
- 0:44seiner Erinnerung streichen. Tripschen ist ein Landhaus in
- 0:48der Schweiz am Vierwaldstättersee, in dem
- 0:51Richard Wagner eine Zeitlang lebte und wo Nietzsche ihn oft
- 0:54besuchte. Nietzsche beschreibt diese Tage
- 0:57als eine Zeit des vollkommenen Vertrauens.
- 0:59Der Fröhlichkeit und der erhabenen, wunderbaren Zufälle.
- 1:04Für ihn waren es Momente von unglaublicher Tiefe.
- 1:07Er betont, dass er nicht weiß, welche Erfahrungen andere
- 1:10Menschen mit Wagner gemacht haben, aber sein eigener Himmel
- 1:13mit Wagner war völlig wolkenlos und rein nach diesem Loblied auf
- 1:17Wagner wendet sich Nietzsche jedoch mit scharfer Kritik gegen
- 1:20die typischen Wagner Anhänger, die sogenannten Wagnerianer, und
- 1:24diese ganze Art von Leuten, er hat für sie nur Verachtung
- 1:28übrig. Diese Anhänger glauben
- 1:30fälschlicherweise, sie würden Wagner ehren, indem sie
- 1:33behaupten, sie seien ihm ähnlich.
- 1:36Nietzsche verabscheut diese Gleichmacherei, anschließend
- 1:39erklärt Nietzsche seine tiefe instinktive Abneigung gegen
- 1:42alles Deutsche, er sagt von sich selbst, dass er allem Deutschen
- 1:46so fremd gegenübersteht, dass allein schon die körperliche
- 1:49Nähe eines Deutschen ausreicht, um seine Verdauung zu
- 1:51verlangsamen, er spürt also eine regelrechte körperliche
- 1:55Abstoßung. Genau aus diesem Grund war seine
- 1:58erste Begegnung mit Wagner für ihn wie ein erstes befreiendes
- 2:02Aufatmen. Er verehrte Wagner nicht als
- 2:04deutschen, sondern ganz im Gegenteil, er sah in Wagner das
- 2:08Ausland, den totalen Gegensatz zu Deutschland und einen
- 2:11lebendigen Protest gegen alle sogenannten deutschen Tugenden.
- 2:15Nietzsche erklärt weiter, dass die Menschen seiner Generation,
- 2:18die in der bedrückenden und stickigen Atmosphäre der 1800
- 2:2150er Jahre aufgewachsen sind. Zwangsläufig zu Pessimisten
- 2:25gegenüber allem wurden, was als Deutsch galt, diese Zeit nach
- 2:29der gescheiterten Revolution von 1848 war geprägt von politischer
- 2:33Unterdrückung und geistiger Enge.
- 2:36Deshalb, so Nietzsche, mussten frei denkende Menschen einfach
- 2:39zu revolutionären werden, sie weigerten sich, einen Zustand zu
- 2:42akzeptieren, in dem der sogenannte Mucker das Sagen
- 2:45hatte. Der Begriff Mucker steht hier
- 2:48für einen Heuchlerischen. Stuckmäuserischen und
- 2:51engstirnigen Menschen der nach außen hin fromm und anständig
- 2:54tut, innerlich aber feige und verklemmt ist.
- 2:58Nietzsche ist es dabei völlig egal, in welchen neuen Farben
- 3:00sich dieser Heuchler heute präsentiert, selbst wenn er sich
- 3:03in leuchtend rote Husarenuniformen kleidet und
- 3:06militärisch auftritt. Für Nietzsche war Richard Wagner
- 3:09genau ein solcher Revolutionär, der im Grunde vor den Deutschen
- 3:13davongelaufen ist. Nietzsche stellt die Behauptung
- 3:15auf, dass ein wahrer Künstler in Europa eigentlich nur in Paris
- 3:19eine Heimat finden kann. Nur in Paris gibt es jene
- 3:22besondere Feinheit und Feinfühligkeit in allen 5
- 3:25Sinnen, die Wagners Kunst unbedingt erfordert.
- 3:29Nietzsche nennt dies die französische Delikatesse Wagners
- 3:33Kunst braucht ein Gespür für kleinste Feinheiten und Nuancen
- 3:36sowie eine gewisse psychologische Morbidität.
- 3:39Dieser Begriff der psychologischen Morbidität
- 3:42bedeutet eine Art seelischer Überempfindlichkeit oder eine
- 3:45Neigung zum düsteren und krankhaften, die jedoch
- 3:47künstlerisch sehr fruchtbar sein kann.
- 3:50Nietzsche führt aus, dass man nirgendwo sonst in Europa diese
- 3:53echte Leidenschaft für künstlerische Formen und diesen
- 3:56tiefen Ernst bei der Mis mis encene findet wie in Paris.
- 4:02Die et mis encen ist ein Begriff aus dem Theater und beschreibt
- 4:05die Art und Weise, wie ein Stück auf der Bühne optisch und
- 4:08räumlich inszeniert und aufgebaut wird.
- 4:11Dieser Sinn für die große Inszenierung ist für Nietzsche
- 4:14typisch französisch in Deutschland, so behauptet er,
- 4:17habe man gar kein Verständnis für den gewaltigen Ehrgeiz, der
- 4:20in der Seele eines Pariser Künstlers brennt, der typische
- 4:23Deutsche sei einfach zu gutmütig.
- 4:26Wagner hingegen war in Nietzsches Augen absolut nicht
- 4:28gutmütig, sondern besaß diesen harten französischen
- 4:32Künstlerehrgeiz. Nietzsche erinnert daran, dass
- 4:35er bereits in einem anderen Buch namens Jenseits von Gut und Böse
- 4:38erklärt hat, in welche Tradition Richard Wagner eigentlich
- 4:41gehört, Wagners Wahre geistige Verwandte sind nicht in
- 4:45Deutschland zu finden, sondern in der französischen
- 4:47Spätromantik, er vergleicht Wagner mit hochfliegenden,
- 4:51mitreißenden französischen Künstlern wie dem Maler Eugene
- 4:54de Lacroix. Oder dem Komponisten Ector
- 4:56Bellios. Diese Künstler haben laut
- 4:58Nietzsche alle einen tiefen Kern von Krankheit und Unhaltbarkeit
- 5:01in ihrem Wesen. Sie sind reine Fanatiker des
- 5:04Ausdrucks und absolute Virtuosen ihres Fachs.
- 5:07Als Beweis dafür fragt Nietzsche, Wer denn überhaupt
- 5:10der allererste kluge und intelligente Anhänger von Wagner
- 5:13war, es war Charles Budelaire, ein berühmter französischer
- 5:17Dichter, budelaire war auch derjenige, der den Maler de
- 5:20Lacroix als Erster wirklich verstand.
- 5:23Nietzsche bezeichnet Bodulaire als einen typischen Décadon.
- 5:27Der Begriff Décadence oder Décadon ist ein Schlüsselwort
- 5:31bei Nietzsche. Er beschreibt damit einen
- 5:33Zustand des kulturellen und biologischen Verfalls, in dem
- 5:36die natürlichen, gesunden Lebensinstinkte geschwächt sind,
- 5:40stattdessen herrschen Erschöpfung, aber gleichzeitig
- 5:42auch eine Extreme, oft ungesunde Verfeinerung des Geistes vor.
- 5:46In diesem Typus des Décadon hat sich laut Nietzsche eine ganze
- 5:50Generation von Künstlern wiedererkannt.
- 5:52Zum Schluss dieses Abschnitts nennt Nietzsche den einen großen
- 5:56Fehler, den er Richard Wagner niemals verzeihen konnte.
- 6:00Er wirft Wagner vor, dass er sich am Ende seines Lebens zu
- 6:03den Deutschen herabgelassen hat. Wagner wurde Reichsdeutsch
- 6:07dieser Begriff bezieht sich auf das neu gegründete Deutsche
- 6:10Kaiserreich ab 1871 Wagner passte sich dem neuen
- 6:15nationalistischen deutschen Zeitgeist an und verriet damit
- 6:19seine frühere Revolutionäre und übernationale Künstlerseele.
- 6:23Nietzsche beendet diesen fünften Abschnitt mit einem sehr
- 6:26scharfen und vernichtenden Urteil, soweit der Einfluss
- 6:29Deutschlands reicht, zerstört und verdirbt es die echte
- 6:32Kultur.