Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 193-200
Transcript
- 0:00Unterkapitel 193 Drakonisches Gesetz gegen Schriftsteller
- 0:02Drakonisch bedeutet, sehr streng oder hart.
- 0:07Nietzsche schlägt hier scherzhaft, aber mit ernstem
- 0:10Hintergrund ein Gesetz vor. Man sollte jeden Schriftsteller
- 0:14als einen Übeltäter oder Verbrecher ansehen, nur in ganz
- 0:17seltenen Ausnahmefällen sollte er eine Freisprechung oder
- 0:20Begnadigung verdienen. Das Ziel dieser harten Regel
- 0:24wäre es, gegen das Überhandnehmen der Bücher
- 0:26vorzugehen. Nietzsche ist der Meinung, dass
- 0:30viel zu viel Belangloses geschrieben und veröffentlicht
- 0:32wird, wenn schreiben als Verbrechen gelte, würden nur
- 0:36noch diejenigen schreiben, die es absolut müssen und die
- 0:39wirklich Großartiges zu sagen haben.
- 0:42Unterkapitel 194 die Narren der modernen Kultur in diesem
- 0:45Abschnitt vergleicht Nietzsche die mittelalterlichen Hofnarren
- 0:50mit den modernen Feuilletonisten.
- 0:55Feuilletonisten sind Journalisten, die kulturelle,
- 0:57unterhaltsame und oft geistreiche Artikel in Zeitungen
- 1:00schreiben. Nietzsche nennt diese
- 1:02Journalisten, die die Narren der modernen Kultur ähnlich wie die
- 1:07Hofnarren an den Fürstenhöfen sind sie halb vernünftig,
- 1:10witzig, übertrieben und manchmal albern.
- 1:14Ihre Aufgabe ist es, die Stimmung aufzulockern, sie
- 1:17mildern das Pathos der Stimmung, also allzu großen Ernst durch
- 1:21ihre Einfälle. Sie übertönen den schweren,
- 1:24feierlichen Klang großer politischer Ereignisse, den
- 1:27Glockenklang mit ihrem Geschrei. Früher dienten Narren den
- 1:32Fürsten und dem Adel, heute dienen diese Journalisten den
- 1:35Parteien. Nietzsche bemerkt, dass im
- 1:38modernen Parteiwesen immer noch viel von der alten
- 1:41Unterwürfigkeit des Volkes gegenüber Fürsten steckt,
- 1:44dennoch beurteilt man diese modernen Narren den ganzen
- 1:47Literatenstand oft milder, man nimmt sie nicht ganz für voll.
- 1:51Nicht ganz zurechnungsfähig Nietzsche schlägt vor, dass man
- 1:55die Schriftstellerei als Lebensberuf, Billigerweise als
- 1:58eine Art Tollheit oder Verrücktheit betrachten sollte.
- 2:02Unter Kapitel 195 den Griechen nach nee, in diesem Abschnitt
- 2:07beschäftigt sich Nietzsche mit der Art und Weise, wie wir Dinge
- 2:11erkennen und beschreiben. Er stellt fest, dass unser
- 2:14heutiges Wissen und unsere Sprache oft durch übertriebene
- 2:17Gefühle beeinträchtigt werden. Er sagt, dass wir uns seit
- 2:22Jahrhunderten daran gewöhnt haben, Gefühle aufzublasen und
- 2:25alles dunstig oder neblig darzustellen, anstatt klar und
- 2:28deutlich zu sein. Nietzsche empfiehlt hier, sich
- 2:32an den alten Griechen zu orientieren, besonders an den
- 2:35Rednern aus der Zeit des Demosthenes Demosthenes war ein
- 2:38berühmter griechischer Redner, der für seine klare und
- 2:41kraftvolle Sprache bekannt war. Nietzsche lobt die sogenannte
- 2:45höhere Kultur, die sich unter die Herrschaft der Erkenntnis
- 2:48stellt. Das bedeutet, dass der Verstand
- 2:51und das Wissen wichtiger sein sollten als bloße Emotionen.
- 2:55Er kritisiert die modernen Schriften seiner Zeit als
- 2:57überspannt, das heißt, sie sind zu emotional und übertrieben,
- 3:03selbst wenn ein moderner Text einfach geschrieben ist, wirken
- 3:06die Worte darin oft noch zu exzentrisch oder abgehoben.
- 3:09Als Gegenmittel empfiehlt Nietzsche eine strenge
- 3:11Überlegung, kürze Kälte und Schlichtheit, man soll seine
- 3:16Gefühle zurückhalten und auch mal schweigen können.
- 3:19Interessant ist, dass Nietzsche diese mal kalte Schreibweise
- 3:22nicht als langweilig empfindet. Im Gegenteil, er sieht darin
- 3:26einen großen Reiz, weil sie einen Gegensatz zur heute
- 3:29üblichen hitzigen Art bildet. Er vergleicht diese geistige
- 3:32Kälte mit einem Kältereiz auf der Haut, der genauso
- 3:35stimulierend wirken kann wie Wärme, Unterkapitel, 196, gute
- 3:40Erzähler, schlechte Erklärer. Nietzsche beobachtet hier ein
- 3:48Phänomen bei guten Geschichtenerzählern.
- 3:50Er sagt, dass Menschen, die eine Geschichte spannend und
- 3:53folgerichtig erzählen können, oft gar nicht verstehen, warum
- 3:56ihre Figuren so handeln, wie sie es tun.
- 3:58Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Erzählen einer
- 4:01Handlung und dem psychologischen Verständnis dieser Handlung, die
- 4:05Erzähler wirken oft lächerlich, wenn sie versuchen, das
- 4:07Verhalten ihrer eigenen Helden zu erklären, ihre
- 4:10psychologischen Überlegungen, also das Nachdenken darüber, was
- 4:13im Kopf der Figuren vorgeht. Sind oft ungeübt und falsch.
- 4:18Nietzsche bringt hier ein sehr anschauliches Beispiel aus der
- 4:21Musik, er vergleicht den Erzähler mit einem
- 4:23Klavierspieler, ein großartiger Klavierspieler kann vielleicht
- 4:27wunderbar spielen, hat aber möglicherweise nie darüber
- 4:29nachgedacht, wie seine Finger technisch funktionieren oder
- 4:33warum ein bestimmter Finger für eine bestimmte Taste am besten
- 4:36geeignet ist. Nietzsche nennt dies scherzhaft
- 4:40Daktylische Ethik, was so viel bedeutet wie die Lehre vom
- 4:43richtigen Gebrauch der Finger. Wenn der Musiker nun anfängt,
- 4:46über die Technik zu reden, macht er oft grobe Fehler, obwohl er
- 4:50perfekt spielt. Genauso ist es beim Erzähler, er
- 4:53kann die Geschichte perfekt darstellen, aber er kann sie
- 4:56nicht logisch erklären. Unterkapitel 197 die Schriften
- 5:01von Bekannten und ihre Leser in diesem Abschnitt analysiert
- 5:06Nietzsche, was passiert, wenn wir Texte von Menschen lesen,
- 5:09die wir persönlich kennen, seien es Freunde oder Feinde.
- 5:15Er sagt, dass wir solche Texte auf eine doppelte Art lesen, was
- 5:18das Verständnis stört. Auf der einen Seite flüstert uns
- 5:21unser Wissen über die Person ständig etwas ins Ohr, wir
- 5:25denken beim Lesen, das ist typisch für ihn, oder das
- 5:29spiegelt sein inneres Wesen wider, oder das liegt an seiner
- 5:33Begabung, Wir schauen also immer auf den Autor als Menschen auf
- 5:37der anderen Seite versucht unser Verstand aber auch, den Text
- 5:40sachlich zu bewerten, wir fragen uns.
- 5:44Was bringt mir dieses Werk an neuem Wissen oder wie gut ist
- 5:48das Werk an sich, unabhängig davon, wer es geschrieben hat,
- 5:52diese beiden Arten des Lesens einmal mit dem Blick auf den
- 5:55Menschen und einmal mit dem Blick auf die Sache, kommen sich
- 5:58laut Nietzsche in die Quere, sie stören sich gegenseitig unsere
- 6:03persönliche Beziehung zum Autor verhindert, dass wir das Werk
- 6:06rein sachlich und objektiv beurteilen können.
- 6:09Nietzsche fügt hinzu, dass dies auch für mündliche Gespräche
- 6:11gilt. Ein Gespräch mit einem Freund
- 6:14bringt erst dann wirklich gute Erkenntnisse, wenn beide
- 6:17Gesprächspartner die persönliche Ebene vergessen und sich nur
- 6:20noch auf die Sache konzentrieren.
- 6:22Unterkapitel 198 rhythmische Opfer hier spricht Nietzsche
- 6:25über den Rhythmus in der Sprache guter Schriftsteller, er
- 6:30behauptet, dass gute Autoren den Rhythmus ihrer Sätze oft
- 6:34absichtlich verändern, und zwar aus Rücksicht auf ihre Leser.
- 6:40Manche Sätze hätten eigentlich einen ganz bestimmten Takt, den
- 6:43der Autor vielleicht bevorzugen würde.
- 6:45Aber der Autor weiß, dass der gewöhnliche Leser nicht die
- 6:48Fähigkeit besitzt, diesen komplizierten Takt zu verstehen
- 6:51oder beim Lesen innerlich zu hören.
- 6:54Deshalb vereinfacht der Schriftsteller den Rhythmus, er
- 6:57wählt einen Takt, der bekannter und für den Leser leichter
- 7:00fassbar ist. Nietzsche nennt dies ein
- 7:03rhythmisches Opfer. Der Autor opfert die perfekte
- 7:06künstlerische Form, damit der Leser den Text besser aufnehmen
- 7:09kann. Er stellt am Ende die Frage, ob
- 7:12es guten Musikern nicht ähnlich ergeht, dass auch sie ihre Musik
- 7:15vereinfachen müssen, damit das Publikum sie versteht.
- 7:20Unterkapitel 199 das unvollständige als
- 7:21künstlerisches Reizmittel Nietzsche erklärt in diesem
- 7:26Abschnitt. Warum Kunstwerke, die nicht ganz
- 7:30fertig oder nicht vollständig ausgeführt wirken, oft eine
- 7:33stärkere Wirkung haben als perfekte, vollendete Werke?
- 7:37Er nennt als Beispiel Relieffiguren, das sind
- 7:41Skulpturen, die nicht frei im Raum stehen, sondern aus einer
- 7:44flachen Wand herausgearbeitet sind.
- 7:47Solche Figuren wirken so, als ob sie gerade aus der Wand
- 7:49heraustreten wollen, aber plötzlich gestoppt wurden.
- 7:53Dieses unvollständige wirkt stark auf unsere Fantasie.
- 7:56Nietzsche sagt, dass unser Geist angeregt wird, das Werk im Kopf
- 8:00selbst weiterzuführen. Das unvollständige lässt uns
- 8:03weiterdenken und träumen. Wenn ein Werk hingegen absolut
- 8:06vollständig und perfekt ausgeführt ist, dann gibt es für
- 8:09den Betrachter nichts mehr zu tun.
- 8:12Die perfekte Ausführung schränkt die eigene Vorstellungskraft
- 8:14ein, das unvollständige hingegen ist ein Reizmittel, weil es uns
- 8:18Arbeit übrig lässt. Wir sehen Licht und Schatten,
- 8:21und unser Gehirn ergänzt den Rest unter Kapitel 200.
- 8:26Vorsicht im Schreiben und Lehren dieser Abschnitt handelt von den
- 8:31Auswirkungen des Schreibens auf den Autor selbst.
- 8:34Nietzsche stellt eine interessante These auf, sobald
- 8:37man etwas aufgeschrieben hat, lernt man daraus nichts mehr für
- 8:40sich selbst. Wenn jemand den Drang hat, zu
- 8:43schreiben und zu veröffentlichen, dann achtet er
- 8:45bei allem, was er erlebt oder tut, nur noch darauf, was davon
- 8:49sich gut erzählen oder schreiben lässt.
- 8:51Er denkt nicht mehr an sich selbst und sein eigenes
- 8:54Wachstum. Sondern nur noch an den Leser
- 8:56und das Publikum. Der Autor will zwar Erkenntnisse
- 8:59gewinnen, aber nicht, um sie selbst anzuwenden, sondern um
- 9:03sie anderen mitzuteilen. Nietzsche weitet dies auch auf
- 9:06Lehrer aus, er sagt, ein Lehrer ist oft unfähig, etwas Gutes für
- 9:11sich selbst zu tun, er denkt immer nur an das wohl seiner
- 9:14Schüler, jede neue Erkenntnis freut den Lehrer nur insofern,
- 9:18als er sie nutzen kann, um sie anderen beizubringen.
- 9:21Das Fazit ist etwas traurig. Der Schreibende oder Lehrende
- 9:25betrachtet sich selbst am Ende nur noch als ein Mittel zum
- 9:28Zweck, als einen Durchgangsweg für Wissen, und verliert dabei
- 9:31den Ernst für das eigene Leben.