Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Anhang - An Goethe - Dichters Berufung - Im Süden - Die fromme Beppa
Transcript
- 0:00Anhang Lieder des Prinzen Vogelfrei an Goethe in diesem
- 0:07kurzen Gedicht setzt sich Nietzsche mit dem großen Dichter
- 0:10Johann Wolfgang von Goethe auseinander.
- 0:13Er nimmt eine berühmte Zeile aus Goethes Werk Faust und kehrt
- 0:16ihre Bedeutung um. Bei Goethe heißt es am Ende,
- 0:19alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, damit ist gemeint,
- 0:23dass alles, was auf der Erde geschieht und vergeht, nur ein
- 0:26Symbol für eine höhere, ewige Wahrheit ist Nietzsche dreht das
- 0:30nun um und schreibt, das Unvergängliche ist nur dein
- 0:34Gleichnis. Er sagt damit, dass auch die
- 0:36Idee des ewigen oder des Unvergänglichen nur eine
- 0:40Erfindung von uns Menschen ist. Ein schönes Bild oder ein
- 0:43Symbol, das wir uns gemacht haben.
- 0:46Es gibt keine höhere Wahrheit dahinter, sondern nur die
- 0:49menschliche Vorstellung davon. Weiter schreibt er, Gott sei
- 0:53eine Dichtererschleißung das bedeutet, Gott ist eine listige
- 0:57Erfindung der Dichter und Denker.
- 0:59Ein kunstvoller Gedanke, den sie sich ausgedacht haben, um die
- 1:02Welt zu erklären. Danach beschreibt er das Leben
- 1:05als ein rollendes Weltrad, das von einem Ziel zum nächsten
- 1:09eilt, wie man dieses endlose Rollen des Lebens wahrnimmt,
- 1:13hängt von der eigenen Perspektive ab, der Grollende,
- 1:17also jemand, der verbittert und unzufrieden ist, nennt dieses
- 1:21ewige Streben Not, für ihn ist das Leben ein leidvoller Zwang,
- 1:26der Narr hingegen, der das Leben leichter nimmt.
- 1:29Nennt es ein Spiel. Für ihn ist es ein fröhliches,
- 1:32Zielloses geschehen. Am Ende fasst Nietzsche diesen
- 1:36Gedanken zusammen, das Leben ist ein großes Weltspiel, das von
- 1:40einer herrschenden Kraft gelenkt wird.
- 1:43In diesem Spiel vermischen sich sein und Schein, also
- 1:46Wirklichkeit und Illusion, man kann oft nicht unterscheiden,
- 1:50was echt ist und was nur so aussieht und dieses ewig
- 1:53närrische, also spielerische und unberechenbare Spiel zieht uns
- 1:57alle mitten hinein. Wir sind alle Teil dieses
- 2:00großen, undurchschaubaren Theaters, Dichters Berufung.
- 2:06Dieses Gedicht erzählt in Form einer kleinen Geschichte, was es
- 2:10bedeutet, ein Dichter zu sein. Es beschreibt die Berufung des
- 2:13Dichters als eine Art Inneren zwang, dem man nicht entkommen
- 2:17kann. Am Anfang sitzt der Erzähler,
- 2:20wahrscheinlich Nietzsche selbst, nachdenklich unter Bäumen, er
- 2:23hört ein leises, rhythmisches Ticken, dieser Takt geht ihm so
- 2:27sehr ins Blut. Dass er selbst anfängt, im
- 2:29gleichen Rhythmus zu sprechen, ohne es eigentlich zu wollen.
- 2:33Er wird sozusagen von der Sprache und ihrem Rhythmus
- 2:36verführt, er muss plötzlich über sich selbst lachen, weil er
- 2:40unwillkürlich anfängt, Verse zu schmieden.
- 2:43In diesem Moment hört er die Stimme eines Spechts, der wie
- 2:46ein spöttischer Beobachter kommentiert, Ja, mein Herr, Sie
- 2:50sind ein Dichter, der Specht wird im Gedicht zur
- 2:53wiederkehrenden Stimme, die dem Erzähler seine wahre Natur vor
- 2:57Augen hält. Der Erzähler beschreibt dann,
- 3:00wie ein Dichter arbeitet. Er lauert auf einen Gedanken,
- 3:03einen Spruch oder ein Bild und fängt es sofort in einem Reim
- 3:07ein. Er kann nicht anders, wieder
- 3:10zuckt der Specht mit den Achseln und bestätigt ja genau das Macht
- 3:15einen Dichter aus, danach wird die Beschreibung etwas
- 3:18drastischer, die Reime des Dichters werden mit Pfeilen
- 3:21verglichen, die ein kleines Tier, eine Eidechse treffen und
- 3:25es zucken lassen. Der Dichter nimmt sich also, was
- 3:28er in der Welt sieht, auch wenn es grausam erscheinen mag, und
- 3:31verwandelt es in seine Kunst. Auch hier kommentiert der
- 3:35Specht, dass dies eben das Wesen des Dichters sei.
- 3:38Der Dichter beschreibt seine eigenen Werke als schiefe
- 3:41Sprüchlein und Trunkene Wörtlein, die er zu einer Kette
- 3:44aus Rhythmus zusammenfügt, er fragt sich selbst, ob dichter
- 3:48schlechte Menschen sind, weil sie an diesem manchmal grausamen
- 3:51Spiel ihre Freude haben, und wieder kommt die Bestätigung vom
- 3:55Specht. Am Ende wird der Erzähler wütend
- 3:58auf den Vogel, der ihn so schonungslos durchschaut.
- 4:01Er fühlt sich verspottet und elend, doch selbst in seiner Wut
- 4:05und seinem Grimm kann er nicht aufhören, Reime zu schmieden,
- 4:09seine Wut selbst wird zum Gegenstand eines Gedichts, und
- 4:13der Specht gibt ihm ein letztes Mal recht.
- 4:16Die Botschaft ist also die Berufung des Dichters ist keine
- 4:19freie Wahl, sondern ein Unaufhaltsamer trieb.
- 4:23Ein Dichter muss alles, was er erlebt und fühlt, in Sprache und
- 4:26Rhythmus verwandeln, selbst wenn es ihn quält oder er sich dafür
- 4:30schämt. Im Süden.
- 4:34Dieses Gedicht beschreibt eine Reise und eine innere
- 4:37Verwandlung, es ist ein Abschied von einem alten, schweren Leben
- 4:41und die Hinwendung zu einem neuen, leichteren Dasein am
- 4:45Anfang ist der Erzähler müde und erschöpft, er schaukelt auf
- 4:48einem Ast und fühlt sich verloren.
- 4:51Er sehnt sich nach einem Ort der Ruhe.
- 4:54Dann beschreibt er eine wunderschöne Landschaft im
- 4:56Süden, wahrscheinlich am Mittelmeer.
- 4:59Er sieht das Weiße Meer, ein purpurrotes Segel, Felsen,
- 5:03feigenbäume und einen Hafen, es ist eine idyllische, unschuldige
- 5:08Szene, und er bittet, diese Unschuld des Südens, ihn bei
- 5:12sich aufzunehmen, er blickt zurück auf sein früheres Leben,
- 5:16das er als schwer und deutsch beschreibt.
- 5:18Das Leben war ein mühsames Schritt für Schritt gehen.
- 5:22Er wollte diesem schweren Dasein entfliehen, mit den Vögeln
- 5:25schweben lernen und flog deshalb über das Meer in den Süden.
- 5:29Der Süden steht hier für eine Befreiung von der Last der
- 5:32Vergangenheit, er wendet sich ab von der Vernunft und dem
- 5:35verdrießlichen Geschäft, das einen immer nur schnell an ein
- 5:39Ziel bringen will, im Fliegen, also in der neuen Leichtigkeit,
- 5:43hat er sich selbst neu entdeckt, er fühlt sich erfüllt von neuem
- 5:47Mut. Neuer Lebenskraft und ist bereit
- 5:50für ein neues Spiel. Er kommt zu dem Schluss, dass es
- 5:54zwar Weise ist, für sich allein zu denken, aber dumm wäre, für
- 5:57sich allein zu singen, deshalb teilt er seine Freude in Form
- 6:01eines Liedes mit seinen Zuhörern, er spricht diese
- 6:04Zuhörer als schlimme Vögelchen an, jung, falsch und wie für die
- 6:09Liebe und den leichten Zeitvertreib gemacht, diesen
- 6:12leichten spielerischen Wesen stellt er seine frühere Liebe
- 6:15aus dem Norden gegenüber. Eine alte Frau, die ihn
- 6:18schaudern lässt und die Wahrheit heißt.
- 6:22Damit sagt Nietzsche, dass er sich von der verbissenen,
- 6:24ernsten Suche nach der einen absoluten Wahrheit verabschiedet
- 6:28hat. Diese Wahrheit erscheint ihm nun
- 6:31wie eine hässliche alte Frau, stattdessen wendet er sich einer
- 6:35leichteren künstlerischen und lebensfroheren Haltung zu, die
- 6:39er im Süden gefunden hat, die fromme Bepper.
- 6:44Dieses Gedicht ist ein Monolog einer jungen Frau namens Bepper.
- 6:48Sie spricht auf eine sehr offene und lebenslustige Weise über
- 6:51ihre Frömmigkeit, die sich als sehr weltlich und berechnend
- 6:54herausstellt. Bepper sagt ganz direkt, solange
- 6:58sie noch hübsch ist, lohnt es sich für sie, fromm zu sein.
- 7:02Sie geht davon aus, dass Gott schöne junge Frauen liebt,
- 7:05deshalb ist sie sich sicher, dass Gott auch dem armen jungen
- 7:08Mönch verzeihen wird, der so gerne bei ihr sein möchte.
- 7:12Sie deutet also eine heimliche Liebesbeziehung an, für die sie
- 7:15Gottes Nachsicht erwartet, weil sie jung und schön ist.
- 7:18Sie stellt klar, dass sie kein Interesse an alten Kirchenvätern
- 7:21hat. Sie mag die jungen, rotwangigen
- 7:24Männer, auch wenn das bei anderen für Eifersucht sorgt.
- 7:28Sie meint, Gott habe das alles wunderbar eingerichtet, denn sie
- 7:31liebe keine alten Männer und der junge Mönch Liebe keine alten
- 7:35Frauen. Die Kirche, so sagt sie,
- 7:38versteht es zu leben, sie prüft zwar Herz und Gesicht.
- 7:42Aber sie ist immer bereit zu vergeben.
- 7:44Bepper beschreibt, wie sie nach der Beichte mit einem kleinen
- 7:47Sündenbekenntnis und einer demütigen Geste die Kirche
- 7:50verlässt. Das neue kleine Sündchen, das
- 7:53sie begeht, löscht das Alte einfach aus.
- 7:56Die Religion wird für sie zu einem praktischen Mittel, um ihr
- 7:59Gewissen immer wieder reinzuwaschen, ohne ihr
- 8:02Verhalten ändern zu müssen. Am Ende fasst sie ihre
- 8:05Lebensphilosophie zusammen, gelobt sei Gott, denn er liebt
- 8:09hübsche Mädchen. Und diese Mädchen verzeihen sich
- 8:11ihre kleinen Sünden auch gerne selbst, solange sie hübsch ist,
- 8:15lohnt sich die Frömmigkeit. Wenn sie aber einmal ein altes
- 8:19Wackelweibchen ist, dann, so sagt sie unbekümmert, kann der
- 8:22Teufel sie holen. Das Gedicht ist eine heitere,
- 8:26aber auch scharfe Kritik an einer oberflächlichen und
- 8:29eigennützigen Form der Religiosität.
- 8:32Bepper benutzt die Religion als eine Art Fassade, um ihre
- 8:35sinnlichen Wünsche auszuleben, ihr Glaube ist nicht von innerer
- 8:38Überzeugung geprägt. Sondern von dem praktischen
- 8:41Nutzen, den sie daraus ziehen kann, solange sie jung und
- 8:44begehrenswert ist.