Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 8 - Von den Abtrünnigen
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:04Unterkapitel 8 von den Abtrünnigen.
- 0:10In diesem Kapitel wendet sich Zarathustra einem Thema zu, das
- 0:13ihn sehr traurig und auch wütend macht, er spricht über Menschen,
- 0:16die einst seine Anhänger oder zumindest freie Denker waren,
- 0:20aber nun ihre eigenen Ideale verraten haben.
- 0:23Das Wort Abtrünnige bedeutet so viel wie Verräter, Überläufer.
- 0:27Oder Menschen, die von ihrem bisherigen Weg abgewichen sind.
- 0:31In diesem Fall meint Nietzsche damit Menschen, die die Freiheit
- 0:34des Denkens aufgegeben haben und in den Schoß der traditionellen
- 0:37Religion, also konkret in das Christentum zurückgekehrt sind.
- 0:42Zarathustra beginnt mit einer Klage, er betrachtet die Welt um
- 0:46sich herum und sieht, dass alles, was vor kurzem noch grün
- 0:49und bunt wie eine frische Wiese war, nun welk und grau daliegt.
- 0:54Diese grüne Wiese steht als Sinnbild für die jungen
- 0:57Menschen. Und frischen Ideen, in die er
- 0:59viel Hoffnung gesetzt hatte. Er vergleicht diese Hoffnung mit
- 1:03Honig, den er sammeln wollte, doch diese jungen Herzen sind
- 1:07vorzeitig gealtert, sie sind müde, gewöhnlich und bequem
- 1:11geworden, sie sagen nun ganz offen über sich selbst.
- 1:15Wir sind wieder fromm geworden. Zarathustra erinnert sich daran,
- 1:19wie diese Menschen früher waren, einst liefen sie auf tapferen
- 1:22Füßen früh am Morgen los, um die Wahrheit zu suchen.
- 1:27Doch der Weg der Erkenntnis ist anstrengend.
- 1:30Ihre Füße wurden müde und anstatt ihre Schwäche
- 1:32einzugestehen, reden sie nun schlecht über ihre frühere
- 1:35Tapferkeit und Verleumten sie. Früher hatten einige von ihnen
- 1:39noch die Kraft, wie Tänzer zu zarathustras Weisheit zu tanzen.
- 1:43Das Tanzen ist bei Nietzsche immer ein Symbol für
- 1:45Lebensfreude, Leichtigkeit und geistige Freiheit, doch diese
- 1:50Zeiten sind vorbei, Zarathustra sieht, wie diese ehemals freien
- 1:54Geister nun zum Kreuze kriechen. Diese Redewendung nimmt
- 1:58Nietzsche hier wörtlich. Sie unterwerfen sich aus
- 2:00Schwäche wieder dem christlichen Glauben und seinen strengen
- 2:03Regeln. Einst flatterten diese Menschen
- 2:06wie junge Insekten in das Licht der Freiheit, doch mit der Zeit
- 2:10wurde ihnen dieses Licht zu hell und zu kalt, sie sind nun dunkle
- 2:15Ofenhocker geworden, ein Ofenhocker ist jemand, der sich
- 2:19lieber gemütlich und sicher in der warmen Stube versteckt,
- 2:22anstatt sich den harten Herausforderungen der Welt zu
- 2:24stellen. Zarathustra vermutet, dass seine
- 2:27eigene gewaltige Einsamkeit diese Menschen abgeschreckt hat.
- 2:31Sie konnten es nicht ertragen, dass Zarathustra so viel
- 2:33forderte und dabei oft so schweigsam und ernst war.
- 2:37Zarathustra stellt fest, dass nur sehr wenige Menschen
- 2:39wirklich den Mut und den Übermut haben, um dauerhaft frei zu
- 2:42sein, der große Rest der Menschen ist einfach feige.
- 2:47Diese große Mehrheit nennt er den Alltag, den Überfluss oder
- 2:51die viel zu vielen. Weil die meisten Menschen Angst
- 2:54vor der wahren Freiheit haben, wird jeder, der den Weg des
- 2:57Übermenschen geht, unweigerlich von schlechter Gesellschaft
- 3:00umgeben sein. Der Begriff des Übermenschen ist
- 3:03ein zentraler Gedanke von Nietzsche, er beschreibt einen
- 3:06Menschen, der alle alten, schwachen Werte hinter sich
- 3:09lässt, seine eigenen starken Werte erschafft und aus eigener
- 3:12Kraft über sich selbst hinauswächst.
- 3:15Wer diesen Weg geht, so Zarathustra, wird als Begleiter
- 3:18meist nur geistig Tote oder lächerliche Narren finden.
- 3:22Es gibt noch eine zweite Art von Begleitern, die Zarathustra
- 3:25streng ablehnt, die Gläubigen. Diese Menschen folgen ihm nicht
- 3:30aus eigener Stärke, sondern aus einem Schwarmverhalten heraus,
- 3:34sie bringen viel Liebe und naive Verehrung mit, aber ihnen fehlt
- 3:38der eigene Wille. Zarathustra warnt davor, sein
- 3:41Herz an solche Menschen zu binden, er sagt, Wer die
- 3:44Flüchtige und feige Natur des Menschen kennt, darf nicht an
- 3:47solche frommen Begleiter glauben.
- 3:49Wenn diese Gläubigen wirklich stark wären, würden sie nicht
- 3:52nur glauben, sondern selbst etwas wollen.
- 3:55Da sie aber nur halbe Sachen machen und wie Welke Blätter im
- 3:58Wind sind, ruft Zarathustra den Wind auf, sie einfach
- 4:01wegzublasen. Im zweiten Teil des Kapitels
- 4:04wendet sich Zarathustra direkt an diese Abtrünnigen, die wieder
- 4:07fromm geworden sind, manche von ihnen sind sogar zu feige, ihre
- 4:11neue Frömmigkeit offen zuzugeben.
- 4:13Zarathustra sagt Ihnen die Wahrheit direkt ins Gesicht.
- 4:17Sie sind wieder zu Menschen geworden, die Beten.
- 4:20Für Zarathustra ist das Beten eine große Schande, wer betet,
- 4:24macht sich selbst klein, legt die Hände in den Schoß und
- 4:27wartet darauf, dass eine höhere Macht die Probleme löst.
- 4:30Diese Haltung ist für Nietzsche der absolute Gegensatz zum
- 4:34starken, eigenverantwortlichen Übermenschen.
- 4:37Diese feigen Menschen reden sich ein, es sei viel bequemer zu
- 4:40glauben, dass es einen Gott gibt.
- 4:43Damit reihen sie sich in die Art von Menschen ein, die das Licht
- 4:46der Wahrheit scheuen. Sie müssen nun ihren Kopf tief
- 4:50in die Dunkelheit und in religiösen Nebel stecken.
- 4:53Zarathustra verspottet ihre Versammlungen, er vergleicht sie
- 4:57mit Nachtvögeln oder Fledermäusen, die erst in der
- 4:59Dämmerung herauskommen, weil sie das grelle Licht des Tages nicht
- 5:02ertragen, in ihren dunklen Treffen feiern sie nicht das
- 5:06Leben, sondern sie jagen nach anderen, verängstigten Seelen.
- 5:10Sie stellen geistige Mausefallen auf, um andere Menschen in ihren
- 5:13Glauben hineinzuziehen. Zarathustra beschreibt, wie sie
- 5:17an langen Abenden zusammensitzen und predigen, man müsse wieder
- 5:21wie die kleinen Kinder werden und lieber Gott sagen, er sagt
- 5:26ihre Münder und Mägen seien von frommen Zuckerbäckern verdorben
- 5:29worden. Mit diesen Zuckerbäckern meint
- 5:32Nietzsche Priester und religiöse Tröster, die den Menschen süße,
- 5:36aber ungesunde Illusionen als Wahrheit verkaufen.
- 5:39Um die Dummheit dieser Abtrünnigen zu zeigen, nennt
- 5:42Zarathustra mehrere Beispiele für ihr Verhalten.
- 5:45Sie schauen einer Kreuzspinne zu und reden sich ein, dass die
- 5:48Spinne klug ist, weil sie unter dem Kreuz sitzt, ein spöttisches
- 5:52Wortspiel Nietzsches mit dem christlichen Kreuzsymbol andere
- 5:56Sitzen tagsüber an Sümpfen mit einer Angelrute und halten sich
- 5:59für besonders tiefgründig, obwohl es in diesen Sümpfen gar
- 6:02keine Fische gibt, wieder andere lassen sich von einem Dichter
- 6:06mit Harfenspiel verzaubern. Der eigentlich nur junge Frauen
- 6:09verführen will. Manche lassen sich in dunklen
- 6:12Zimmern von halbgaren Gelehrten Gruselgeschichten erzählen, in
- 6:15der Hoffnung, dass Geister erscheinen.
- 6:18Einige dieser Abtrünnigen sind sogar so weit gesunken, dass sie
- 6:21geistige Nachtwächter geworden sind, sie blasen in alte Hörner
- 6:25und versuchen längst, eingeschlafene und verstaubte
- 6:27Dinge wieder aufzuwecken. Zarathustra erzählt, wie er
- 6:31nachts an einer Gartenmauer 2 solcher alten Nachtwächter
- 6:34belauscht hat. Die beiden unterhielten sich
- 6:36voller Zweifel über Gott. Der eine sagte, Gott Sorge nicht
- 6:40gut genug für seine Menschenkinder, menschliche
- 6:42Väter würden das besser machen, der andere antwortete, Gott sei
- 6:47eben zu alt geworden und kümmere sich gar nicht mehr, sie
- 6:51stritten sogar darüber, ob Gott überhaupt Kinder habe, da man es
- 6:54ja nicht beweisen könne. Am Ende gaben sie das denken
- 6:58einfach auf und trösteten sich mit dem Spruch der Glaube macht
- 7:02selig als Zarathustra diese nächtlichen Zweifler hörte,
- 7:07musste er so heftig lachen, dass ihm der Bauch weh tat.
- 7:10Er findet es unfassbar lächerlich, dass diese Menschen
- 7:13versuchen, alte theologische Zweifel wieder aufzuwärmen.
- 7:17Er fragt sich, ob die Zeit für solche Zweifel nicht längst
- 7:19vorbei ist mit den alten Göttern, so sagt er, ist es
- 7:23schon lange zu Ende gegangen. Zarathustra erklärt dann, wie
- 7:27die Götter wirklich gestorben sind, sie sind nicht langsam im
- 7:30Schlaf verblasst. Vielmehr haben Sie sich
- 7:33buchstäblich totgelacht. Das passierte, als ein einziger
- 7:37Gott, Nietzsche spielt hier auf den eifersüchtigen Gott des
- 7:40Alten Testaments an, das gottloseste Wort überhaupt
- 7:43aussprach. Dieser Gott sagte, es ist nur
- 7:47ein Gott, du sollst keinen anderen Gott haben neben mir als
- 7:52die anderen Götter diesen arroganten und eifersüchtigen
- 7:54Spruch hörten, fingen sie an zu lachen, sie wackelten auf ihren
- 7:58Stühlen und riefen. Ist das nicht gerade das
- 8:02Göttliche, dass es zwar Götter gibt, aber keinen einzigen
- 8:05herrschenden Gott? Die Vorstellung, dass nur eine
- 8:08einzige absolute Wahrheit oder ein einziger Diktator Gott
- 8:12existiert, war für die anderen Götter so lächerlich, dass sie
- 8:15sich zu Tode lachten, wer Ohren hat zu hören, der soll das
- 8:19Verstehen, sagt Zarathustra abschließend, die Abtrünnigen
- 8:24sollen aufhören, sich an tote Götter zu klammern.
- 8:27Denn die Zeit für solche Mythen ist durch das Lachen der Götter
- 8:30selbst schon lange beendet worden.