Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Drittes Hauptstück - 137-141
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- 0:00Unterkapitel 137, der Trotz gegen sich selbst und die
- 0:04Tyrannei hier geht Nietzsche sehr detailliert darauf ein,
- 0:09warum Menschen sich selbst quälen oder sich Dinge versagen,
- 0:13wie es asketen tun. Er findet eine überraschende
- 0:16Erklärung, es ist eine Form von Machtausübung, es gibt Menschen,
- 0:19die ein extrem hohes Bedürfnis haben, Gewalt und Herrschaft
- 0:23auszuüben, wenn sie diese Herrschsucht nicht an anderen
- 0:27Menschen auslassen können. Oder wenn Sie dabei keinen
- 0:31Erfolg haben, dann richten Sie diese Herrschsucht gegen sich
- 0:34selbst. Sie fangen an, Teile Ihres
- 0:37eigenen Wesens zu tyrannisieren. Nietzsche nennt dies einen trotz
- 0:41gegen sich selbst. Er vergleicht das mit einem
- 0:43Denker, der sich zu Meinungen bekennt, die ihm Schaden und
- 0:47seinen Ruf ruinieren, nur um zu beweisen, dass er es kann.
- 0:51Oder er vergleicht es mit einem Reiter, der ein wildes Pferd
- 0:54absichtlich in Gefahr bringt, bis es vor Schweiß und Angst
- 0:57zittert. Nur um seine Macht über das Tier
- 0:59zu spüren. Genauso steigt ein Mensch auf
- 1:02gefährliche Berge, nur um seine eigene Angst zu verspotten und
- 1:05seine zitternden Knie zu beherrschen.
- 1:08Diese Menschen spalten sich innerlich auf, ein Teil von
- 1:11ihnen spielt den Gott oder den Tyrannen und der andere Teil von
- 1:15ihnen ihre Natur, ihr Körper, ihre Wünsche, muss gehorchen und
- 1:20leiden. Nietzsche sagt, das sei ein sehr
- 1:23hoher Grad an Eitelkeit, der Mensch findet ein Vergnügen
- 1:26daran. Sich zu etwas zu zwingen, was
- 1:29gegen seine Natur geht. Danach verehrt er diesen
- 1:32tyrannischen Teil in sich als etwas Göttliches in der Moral
- 1:36der Religionen, besonders in der christlichen Bergpredigt sieht
- 1:39Nietzsche genau diesen Mechanismus am Werk.
- 1:42Der Mensch betet einen Teil von sich selbst als Gott an und muss
- 1:46dafür den restlichen Teil von sich, auch seine natürlichen
- 1:49Bedürfnisse verteufeln und schlecht machen, Unterkapitel
- 1:55138. Die Veränderlichkeit des
- 1:58Menschen und die Leidenschaft Nietzsche erklärt in diesem
- 2:02Abschnitt, dass ein Mensch nicht zu jeder Stunde gleich moralisch
- 2:06ist. Er kritisiert die Vorstellung,
- 2:08dass Moralität, also das Gutsein, etwas dauerhaftes ist,
- 2:12wenn man Moralität daran misst, wie sehr sich jemand aufopfert
- 2:15oder selbst verleugnet, was ja oft als Heiligkeit bezeichnet
- 2:18wird, dann stellt Nietzsche fest, der Mensch ist dann am
- 2:21Moralischsten, wenn er in einem Zustand von Affekt ist.
- 2:26Ein Affekt ist eine starke emotionale Erregung, ein
- 2:29Gefühlszustand in dieser hohen Erregung bekommt der Mensch ganz
- 2:33neue Motive, also Beweggründe für sein Handeln, die er im
- 2:36normalen, nüchternen Zustand gar nicht hätte.
- 2:39Wie passiert das? Es geschieht oft durch etwas
- 2:42Großes oder Aufregendes, wenn ein Mensch unter einer extremen
- 2:46Spannung steht, zum Beispiel durch Wut oder Hass, dann muss
- 2:50sich diese Spannung entladen. Nietzsche sagt, der Mensch kann
- 2:54sich dann genauso gut für eine furchtbare Rache entscheiden wie
- 2:57für eine furchtbare Selbstverleugnung.
- 2:59Beides dient dazu, die innere Spannung loszuwerden.
- 3:03Nietzsche beschreibt das Bild eines Menschen, der sich mit den
- 3:06Waffen seiner Feinde schadet, um seine Spannung zu erleichtern.
- 3:10Das wirkt großartig. Die Menschheit musste erst lange
- 3:13lernen, dass Selbstverleugnung als etwas Großes gilt.
- 3:16Im Gegensatz zur Rache. Ein Gott, der sich selbst
- 3:19opfert, ist das stärkste Symbol für diese Art von Größe.
- 3:23Aber eigentlich, so analysiert Nietzsche, geht es dem Menschen
- 3:27dabei gar nicht um Moral. Es geht ihm um die Entladung
- 3:30seiner Emotionen, er tauscht nur die Vorstellung aus.
- 3:34Rache gegen Selbstaufopferung aber die emotionale Spannung
- 3:37bleibt gleich hoch, wenn die Tat vorbei ist und der Mensch wieder
- 3:41nüchtern ist, verstehen die Zuschauer oft mehr von der
- 3:44vermeintlichen Moralität als der Täter selbst.
- 3:47Die Bewunderung der anderen hält den Täter dann aufrecht.
- 3:51Sein Stolz tröstet ihn, wenn die emotionale Erregung nachlässt.
- 3:55Im Grunde ist die Handlung der Selbstverleugnung also nicht
- 3:57wirklich moralisch, weil sie nicht aus einer strengen
- 4:00Überlegung für andere getan wurde.
- 4:02Der andere Mensch gab nur die Gelegenheit, damit sich der
- 4:05Täter erleichtern konnte, unter Kapitel 139 die Unterordnung als
- 4:10Mittel gegen Langeweile und Eigenwillen.
- 4:16In diesem Unterkapitel beleuchtet Nietzsche eine
- 4:18weitere Seite der Askese. Er sagt, dass Asketen sich das
- 4:22Leben in mancher Hinsicht auch leicht machen wollen.
- 4:25Wie tun Sie das, Sie ordnen sich vollkommen einem fremden Willen
- 4:29unter, das kann ein Gesetz sein oder ein umfangreiches Ritual,
- 4:33das ihren ganzen Tag bestimmt. Nietzsche nennt als Beispiel den
- 4:38Brahmanen, einen hinduistischen Priester, dieser lässt in seinem
- 4:42Leben nichts mehr offen, was er selbst entscheiden müsste.
- 4:45Jede Minute ist durch eine heilige Vorschrift geregelt.
- 4:49Diese Unterordnung ist ein mächtiges Mittel, um sich selbst
- 4:51zu beherrschen. Der Vorteil dabei ist, man ist
- 4:55immer beschäftigt, es kommt keine Langeweile auf,
- 4:58gleichzeitig wird der eigene Wille, der oft unruhig ist und
- 5:02Dinge begehrt, nicht mehr angeregt, man muss nicht mehr
- 5:05wählen oder entscheiden. Nietzsche beschreibt, dass es
- 5:09nach einer solchen Tat der Unterwerfung kein Gefühl der
- 5:11Verantwortung mehr gibt. Und wenn man keine Verantwortung
- 5:14trägt, gibt es auch keine Reue. Also kein schlechtes Gewissen
- 5:18darüber, was man getan hat. Der Asket verzichtet ein für
- 5:21alle Mal auf seinen eigenen Willen, das ist für ihn
- 5:25leichter, als immer wieder in einzelnen Situationen verzichten
- 5:28zu müssen. Es ist auch leichter, eine
- 5:30Begierde ganz aufzugeben, als sie immer nur ein bisschen im
- 5:34Zaum zu halten. Nietzsche zieht hier auch einen
- 5:37Vergleich zum Staat. Wenn wir uns dem Staat absolut
- 5:40unterordnen würden, wäre das bequemer als eine bedingte
- 5:43Unterordnung, bei der wir noch selbst denken müssen.
- 5:47Der Heilige macht sich das Leben also leichter, indem er seine
- 5:50Persönlichkeit aufgibt. Wir täuschen uns, wenn wir
- 5:53dieses Phänomen als ein heldenhaftes moralisches Wunder
- 5:56bewundern. Es ist eigentlich schwieriger,
- 5:58seine Persönlichkeit zu behalten und sich ohne Schwanken
- 6:01durchzusetzen, als sich auf diese Weise von ihr zu lösen,
- 6:06Unterkapitel 140. Die Lust an der Emotion und
- 6:10Selbstquälerei im letzten Unterkapitel dieses Abschnitts
- 6:15fasst Nietzsche noch einmal zusammen, was er in den schwer
- 6:18erklärbaren Handlungen der Heiligen und Asketen gefunden
- 6:21hat. Er nennt es eine Lust an der
- 6:24Emotion an sich. Nietzsche meint, dass Asketen
- 6:27nach intensiven Empfindungen suchen, dabei stellen sie das
- 6:31eigene ich zurück und üben extreme Strenge gegen sich
- 6:33selbst. Er nennt Beispiele wie strenges
- 6:36Fasten, körperliche Härte und das Herbeiführen von
- 6:40tranceartigen Zuständen, um den Geist zu beeinflussen.
- 6:43Warum tun Sie das? Nietzsche erklärt es so, diese
- 6:47Menschen kämpfen gegen eine große Müdigkeit an durch ihre
- 6:51völlige Unterordnung und ihren passiven Lebensstil wie in
- 6:54Unterkapitel 139 beschrieben, wird ihr Lebenswille und ihre
- 6:57Nervenkraft schwach und müde, um sich überhaupt noch lebendig zu
- 7:01fühlen, brauchen sie sehr starke Reize.
- 7:05Sie schaden sich selbst, um aus ihrer dumpfen Trägheit und
- 7:08Langeweile aufzutauchen. Strenge Disziplin hilft gegen
- 7:12das Gefühl der inneren Erschöpfung, man ist sehr hart
- 7:15zu sich selbst, nur um überhaupt wieder etwas zu fühlen und sich
- 7:19lebendig zu spüren. Unterkapitel 141 der Kampf gegen
- 7:24die inneren Feinde. In diesem Abschnitt beschäftigt
- 7:30sich Nietzsche mit der Frage, wie ein Asket, also ein Mensch,
- 7:34der streng enthaltsam lebt und auf weltliche Genüsse
- 7:37verzichtet, sein Leben überhaupt erträglich findet.
- 7:40Nietzsche sagt, dass der Asket sein Leben interessant
- 7:43gestaltet, indem er Krieg führt, dieser Krieg findet jedoch nicht
- 7:47auf einem echten Schlachtfeld statt, sondern in seinem eigenen
- 7:50Inneren. Der Asket sucht sich Gegner in
- 7:53sich selbst, er teilt sein Innenleben auf in ein ich und in
- 7:57einen Feind. Dieser Feind besteht meistens
- 8:00aus seinen natürlichen Trieben und Eigenschaften.
- 8:03Nietzsche nennt hier vor allem die Eitelkeit, die Ehrsucht und
- 8:07die Herrschsucht, das sind Eigenschaften, die den Menschen
- 8:11dazu bringen, gut vor anderen dastehen zu wollen oder macht
- 8:14über andere zu haben, doch der schlimmste Feind für den Asketen
- 8:18sind seine sinnlichen Begierden, also seine sexuellen Triebe.
- 8:23Nietzsche beschreibt, wie der Asket gegen diese Triebe kämpft,
- 8:26er betrachtet sie als innere Feinde.
- 8:28Oder sogar als böse Geister, wenn der Asket diese Triebe
- 8:32spürt, glaubt er, von Dämonen angegriffen zu werden.
- 8:36Ein interessanter Punkt, den Nietzsche hier erklärt, ist der
- 8:39Zusammenhang zwischen Regelmäßigkeit und Fantasie, er
- 8:43sagt, Wenn ein Mensch ein geregeltes Geschlechtsleben hat,
- 8:47wird seine Fantasie in diesem Bereich eher ruhig und gemäßigt
- 8:50sein, wenn aber ein Asket versucht, völlig auf Sexualität
- 8:54zu verzichten oder wenn sein Leben in Unordnung gerät.
- 8:57Dann spielt seine Fantasie verrückt.
- 9:00Die Bilder in seinem Kopf werden wild und Wüst.
- 9:03Nietzsche kritisiert hier vor allem die christlichen Heiligen
- 9:06früherer Zeiten. Er sagt, dass ihre Fantasie oft
- 9:09ungewöhnlich schmutzig war. Das lag daran, dass sie ihre
- 9:12natürlichen Bedürfnisse unterdrückten, aber anstatt zu
- 9:15erkennen, dass dies eine ganz normale biologische Reaktion
- 9:18ist, deuteten sie diese Gefühle um, sie glaubten, dass diese
- 9:22Begierden wirkliche Dämonen seien, die in ihnen wüten.
- 9:26Durch diesen Glauben fühlten sie sich nicht mehr selbst
- 9:28verantwortlich für ihre Gefühle. Sie dachten nicht, ich bin das,
- 9:33sondern ein böser Geist versucht mich zu verführen, dieser
- 9:36ständige innere Kampf gegen die angeblichen Dämonen macht das
- 9:40Leben des Asketen spannend und unterhaltsam.
- 9:43Es vertreibt die Langeweile, allerdings führt dieser Kampf
- 9:46auch dazu, dass der Asket sein eigenes Leben und die
- 9:49menschliche Natur als etwas Schlechtes ansieht.
- 9:53Nietzsche verweist am Ende auf eine extreme Ansicht, die im
- 9:56Christentum und bei dem spanischen Dichter Calderon
- 9:58vorkommt. Diese Ansicht besagt, dass die
- 10:01größte Schuld des Menschen allein darin besteht, überhaupt
- 10:04geboren zu sein. Nietzsche hält diese Idee für
- 10:07eine völlig verdrehte Wahrheit, die entsteht, wenn man die
- 10:10menschliche Natur verteufelt.