Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 20 - Von der Erlösung
Transcript
- 0:00Unterkapitel 20 von der Erlösung in diesem Teil der Geschichte
- 0:06geht Zarathustra über eine große Brücke.
- 0:08Dabei wird er von vielen Menschen umringt, die
- 0:10körperliche Einschränkungen haben, wie zum Beispiel Bettler
- 0:13und Krüppel, ein Mann mit einem Buckel spricht Zarathustra an,
- 0:18der Bucklige sagt, dass das einfache Volk bereits an
- 0:20zarathustras Lehren glaubt, aber um auch die Menschen mit
- 0:24Behinderungen zu überzeugen, müsse Zarathustra Wunder
- 0:26vollbringen. Er fordert Zarathustra auf, die
- 0:29Blinden sehend zu machen. Die Lahmen gehen zu machen und
- 0:33ihm seinen Buckel abzunehmen. Zarathustra lehnt diese
- 0:36Forderung ab, er nutzt dafür Argumente, die das Volk selbst
- 0:40benutzt, wenn man einem buckligen seinen Buckel nimmt,
- 0:43dann nimmt man ihm auch seinen Geist und seinen Charakter, wenn
- 0:47man einem Blinden das Augenlicht gibt, dann sieht er plötzlich zu
- 0:50viele schlimme Dinge auf der Welt und verflucht denjenigen,
- 0:54der ihn geheilt hat. Und wenn ein Lama plötzlich
- 0:57laufen kann, dann rennt er sofort seinen schlechten
- 1:00Gewohnheiten und Lastern hinterher.
- 1:02Deshalb, so meint Zarathustra, möchte er die körperlichen Makel
- 1:06der Menschen gar nicht heilen. Dann erklärt Zarathustra etwas
- 1:10sehr wichtiges, er sagt, dass körperliche Einschränkungen für
- 1:13ihn gar nicht das Schlimmste sind, vielmehr leidet er, wenn
- 1:17er sogenannte umgekehrte Krüppel sieht.
- 1:20Mit dem Begriff umgekehrte Krüppel meint Friedrich
- 1:23Nietzsche Menschen, denen eigentlich fast alles fehlt, was
- 1:26einen echten, vollständigen Menschen ausmacht.
- 1:29Sie bestehen stattdessen fast nur aus einer einzigen, extrem
- 1:33überentwickelten Eigenschaft. Zarathustra beschreibt das
- 1:36bildlich, er sieht Menschen, die nur aus einem riesigen Auge,
- 1:40einem riesigen Mund oder einem riesigen Bauch bestehen, das ist
- 1:44eine Kritik an Menschen, die zum Beispiel extrem gebildet oder
- 1:47spezialisiert sind. Wie bestimmte Wissenschaftler
- 1:50oder sogenannte Genies, denen es aber an lebensklugheit,
- 1:53Charakter und innerer Größe fehlt.
- 1:56Sie sind für Zarathustra keine ganzen Menschen, sondern nur
- 1:59menschliche Bruchstücke. Voller Unmut wendet sich
- 2:02Zarathustra von dem Buckligen ab und spricht zu seinen Schülern,
- 2:06er gesteht ihnen, wie sehr er darunter leidet, unter solchen
- 2:10Menschen zu leben, für ihn fühlt es sich an, als würde er über
- 2:13ein Schlachtfeld voller abgetrennter Körperteile laufen.
- 2:17Die Gegenwart und die Vergangenheit der Menschheit
- 2:19sind für ihn unerträglich. Zarathustra kann dieses Leid nur
- 2:24ertragen, weil er in die Zukunft blickt, er sieht sich selbst als
- 2:27einen Schöpfer und als eine Brücke zum Übermenschen.
- 2:31Der Begriff Übermensch ist eines der wichtigsten Konzepte von
- 2:34Nietzsche, er steht für ein Ideal eines zukünftigen
- 2:37Menschen, der frei von alten, Einengenden, moralischen Werten
- 2:41ist. Der Übermensch erschafft sich
- 2:43seine eigenen Werte, bejaht das Leben bedingungslos.
- 2:46Und hat seine eigene Schwäche überwunden.
- 2:49Zarathustras Ziel ist es, aus all den menschlichen
- 2:51Bruchstücken und dem Chaos der Gegenwart etwas Neues und Großes
- 2:55für diesen zukünftigen Menschen zu formen, um diesen Weg frei zu
- 2:59machen, spricht Zarathustra nun über das Kernthema dieses
- 3:02Textes, die Erlösung in der klassischen, zum Beispiel
- 3:06christlichen Religion bedeutet Erlösung, dass Gott die Menschen
- 3:10von ihren Sünden befreit. Nietzsche lehnt diese religiöse
- 3:13Idee völlig ab. Für ihn ist Erlösung etwas
- 3:16zutiefst menschliches und Psychologisches.
- 3:19Wahre Erlösung bedeutet für ihn die absolute Befreiung von der
- 3:22Last der Vergangenheit. Er erklärt dies genauer, der
- 3:26menschliche Wille ist eigentlich eine große, befreiende Kraft,
- 3:30die Freude bringt, aber der Wille hat ein gewaltiges
- 3:33Problem, er ist ein Gefangener der Zeit, der Wille kann Dinge
- 3:38in der Zukunft verändern, aber er kann nicht rückwärts wirken,
- 3:42er kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen.
- 3:45Das vergangene, das es war, ist wie ein schwerer Stein, den der
- 3:49Wille nicht wegrollen kann, weil der Wille die Vergangenheit
- 3:53nicht ändern kann, fühlt er sich ohnmächtig aus dieser Ohnmacht
- 3:57und Frustration entsteht das, was Nietzsche den Gasgeist der
- 4:00Rache nennt, dieser Geist der Rache ist ein tiefer verborgener
- 4:05Groll gegen die Zeit und gegen die Tatsache, dass alles
- 4:08vergeht. Weil der Mensch an seiner
- 4:11Vergangenheit und an seiner Unfähigkeit leidet, die Zeit
- 4:14zurückzudrehen, will er sich rächen.
- 4:17Er will, dass auch andere Leiden Zarathustra erklärt, dass dieser
- 4:21Rachegeist bisher das Denken der Menschheit dominiert hat, aus
- 4:24diesem Gefühl der Rache heraus haben die Menschen Ideen, wie
- 4:28Schuld und Torte und Strafe erfunden, sie haben sich sogar
- 4:32eingeredet, dass das Leben selbst eine Strafe sei.
- 4:35Zarathustra fragt nun, wie der Wille von dieser Wut und diesem
- 4:38Geist der Rache befreit, also erlöst werden kann.
- 4:42Die Lösung ist ein radikales Umdenken, der schöpferische
- 4:45Wille muss lernen, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, er
- 4:49muss zu allem, was geschehen ist, sagen können, aber so
- 4:52wollte ich es, so werde ich es wollen, das bedeutet, dass der
- 4:57Mensch jeden Zufall, jeden Schmerz.
- 5:00Und jeden Fehler seiner eigenen Vergangenheit rückwirkend
- 5:03akzeptiert und als seinen eigenen Willen anerkennt,
- 5:07anstatt zu bereuen oder der Vergangenheit hinterher zu
- 5:09trauern, macht man sie zu einem notwendigen Teil des eigenen
- 5:12Weges. Nur wer sein Leben so radikal
- 5:15bejaht, ist wahrhaft erlöst und frei vom Geist der Rache mitten
- 5:20in dieser tiefgründigen Rede passiert jedoch etwas
- 5:23Unerwartetes, Zarathustra bricht plötzlich ab, ein extremer
- 5:27Schrecken überfällt ihn. Und er blickt seine Schüler
- 5:30Angsterfüllt an, sein Blick durchbohrt sie, als hätte er
- 5:34eine schreckliche Erkenntnis. Dieser Moment ist eine Andeutung
- 5:38auf Nietzsches Gedanken der ewigen Wiederkunft, das ist die
- 5:43philosophische Vorstellung, dass man sein Leben immer und immer
- 5:46wieder genau gleich durchleben muss, bis in alle Ewigkeit.
- 5:51In diesem Moment ist Zarathustra dieser Gedanke noch zu schwer
- 5:55und zu furchtbar, um ihn ganz auszusprechen.
- 5:58Oder zu ertragen. Zarathustra beruhigt sich nach
- 6:02einer kurzen Weile wieder, er lacht und sagt beschwichtigend,
- 6:05dass es schwer ist, mit Menschen zusammen zu leben, weil man so
- 6:09schwer schweigen kann. Er wollte also etwas vor ihnen
- 6:12verbergen, der bucklige Mann, der die ganze Zeit zugehört hat,
- 6:16bemerkt dies und fragt Zarathustra, warum er zu seinen
- 6:19Schülern anders spricht als zu ihm, dem buckligen Zarathustra,
- 6:23antwortet mit einem Scherz und sagt, dass man mit buckligen
- 6:26eben krumm reden müsse. Doch der bucklige lässt sich
- 6:30nicht so leicht abweisen. Er stellt Zarathustra eine sehr
- 6:33direkte und entlarvende Gegenfrage.
- 6:36Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern als zu
- 6:39sich selber? Mit dieser Frage zeigt der
- 6:42Bucklige, dass Zarathustra selbst noch nicht vollständig
- 6:45erlöst ist. Er hat die absolute schwere
- 6:47Wahrheit für sich selbst zwar schon gespürt, traut sich aber
- 6:51noch nicht, sie vor sich selbst voll und ganz einzugestehen.