Latest / Gin And Talk / Caro Matzko über Familie, Trauma und Radikalisierung
Transcript
- 0:00Speaker 1: dir gewählt, Atlas, gibt es keinen Ostpreußen mehr, keinen Pommern und Schlesien so.
- 0:05Speaker 1: Sondern es lebt ja in Erinnerung der Menschen, die da noch die Erfahrung gemacht haben oder ihrer Nachfahren, die die Erinnerung noch aufrechterhalten wollen.
- 0:14Speaker 1: Das ist ja der Punkt.
- 0:15Speaker 1: Aber ich habe tatsächlich ja so Spuren gefunden von dem, was er beschrieben hat.
- 0:19Speaker 1: Und das war super schräg.
- 0:21Speaker 1: Das war, als ob du ein schwarz-weiß Bild plötzlich neu kolorierst und zum Leben erwächst.
- 0:27Speaker 1: Dieser Satz, da war man weh und auf einmal ist alles weg.
- 0:30Speaker 1: Das ist ja auch was, was jetzt den deutschen Osten auch total geprägt hat.
- 0:35Speaker 1: Und ich glaube, das ist einer, der ist jetzt ein bisschen weitersprungen.
- 0:38Speaker 1: Aber ich glaube, dass das wirklich ein Riesenproblem ist für unser Land heute, dass wir drüber gefahren sind mit einer westdeutschen Arroganz über die Errungenschaften der Menschen damals in der damaligen DDR.
- 0:53Speaker 0: Herzlich willkommen.
- 0:54Speaker 0: Mein Name ist Daniel Fürg und ich freue mich sehr, euch heute zu einer neuen Episode von Gen & Talk begrüßen zu dürfen.
- 1:01Speaker 0: Mein heutiger Gast ist Karo Matsko.
- 1:04Speaker 0: Die Journalistin, Moderatorin und Autorin hat mit ihrem neuen Buch Alte Wut ein sehr persönliches, zugleich gesellschaftlich hochrelevantes Werk vorgelegt.
- 1:15Speaker 0: Sie beschreibt darin, wie sich familiäre Traumata über Generationen fortsetzen können, wie Entwurzelung, Schweigen und Verlust nicht verschwinden, sondern weitergegeben werden.
- 1:26Speaker 0: Emotional, politisch und oft unbemerkt.
- 1:30Speaker 0: Wir haben über ihre eigene Geschichte gesprochen, über ihren Vater, die Spurensuche in Ostpreußen, über Essstörungen, Radikalisierung, die Rolle der AfD.
- 1:40Speaker 0: und über die Kraft, die entsteht, wenn man beginnt, die Dinge beim Namen zu nennen.
- 1:45Speaker 0: Caro spricht offen klug und eindringlich über das, was uns prägt und darüber, wie wichtig es ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
- 1:55Speaker 0: Wenn dir diese Episode von Genetalk gefällt, folge uns bei Spotify, Apple Podcast oder wo auch immer du gerne Podcasts hörst und hinterlasse uns eine gute Bewertung.
- 2:05Speaker 0: Diese und viele weitere Episoden findest du auch als Videopodcast auf unserem YouTube-Kanal.
- 2:10Speaker 0: Jetzt aber viel Spaß beim Zuhören.
- 2:12Speaker 0: Schön, dass ihr alle wieder mit dabei seid.
- 2:16Speaker 0: Zwei Menschen, eiskalte Drinks
- 2:19Speaker 1: und eine
- 2:20Speaker 0: Menge Zeit für ein persönliches Bargespräch.
- 2:24Speaker 0: Herzlich willkommen an unseren Bartresen.
- 2:27Speaker 0: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge Gin & Talk.
- 2:33Speaker 0: Mach es dir gemütlich, lehne dich zurück.
- 2:36Speaker 0: Und tauche ein in die verrucht düstere Atmosphäre
- 2:40Speaker 1: unserer Studiobahn.
- 2:49Speaker 0: Liebe Caro, ich freue mich sehr, dass du heute hier bist und wir über dein Buch Alte Wut sprechen können.
- 2:54Speaker 0: Das ist mir
- 2:55Speaker 1: eine Ehre.
- 2:56Speaker 0: Vielen Dank.
- 2:57Speaker 1: Nee, ich mein so.
- 2:58Speaker 1: Vielen Dank.
- 2:59Speaker 1: Du hast immer so schlaue Menschen hier.
- 3:01Speaker 1: Und jetzt aus Versehen mich.
- 3:04Speaker 0: Ich finde dein Buch sehr schlau, also insofern passt es wunderbar.
- 3:07Speaker 0: Danke.
- 3:08Speaker 0: Deshalb herzlich willkommen.
- 3:10Speaker 0: Du hast dieses Buch geschrieben und es geht ja auch viel um dich selber, um dein Vater, um auch die Prägungen, die er dir mitgegeben hat, die aber auch ihn natürlich erst mal geprägt haben.
- 3:24Speaker 0: Was ich mich so ein bisschen frage, du hättest ja in dieses ganze Thema schon theoretisch viel früher einsteigen können, dass alles viel früher angehen können.
- 3:34Speaker 0: Es war ja so ein bisschen, glaube ich, der Auslöser, dass er dann auch in die AfD eingetreten ist und du da so ein bisschen verstehen wolltest, warum, wieso, weshalb.
- 3:42Speaker 0: Aber gab es so diesen einen Moment, wo du gesagt hast, okay, ich muss jetzt mal dann auch mich auf diese Reise begeben.
- 3:49Speaker 0: Ich muss jetzt wirklich mal rausfinden.
- 3:51Speaker 0: Ich will es jetzt unbedingt verstehen, was da eigentlich diesen Menschen zu dem gemacht hat, was er ist.
- 3:58Speaker 1: Also es gab eigentlich zwei Auslöser.
- 4:01Speaker 1: Der erste Auslöser war, dass ich eigentlich erst mit der Traumatherapie und der EMDR-Methode, also mit dem man wirklich Traumata rausholen und neu in die Verstoffwechslung schieben kann, dass ich erst dadurch den Eindruck hatte, dass ich stabil genug bin, zum einen, dass ich die Reise machen kann und zum anderen habe ich erst dadurch verstanden, wie eng eigentlich die Biografie meines Vaters mit meiner verwoben ist.
- 4:30Speaker 1: Das ist mir dadurch erst klar geworden.
- 4:31Speaker 1: Davor dachte ich ja, klassisch Schuldprinzip, dysfunktionale Familie, sehr patriarchale Strukturen.
- 4:41Speaker 1: Ich opfer deswegen krank und möglichst Abstand halten.
- 4:48Speaker 1: Und ich habe erst die Nähe zwischen uns verstanden, als ich in dieser Traumotherapie war und das alles aus dem Unterbewussten zu mir kam.
- 4:58Speaker 1: Und erst, ich wäre vorher, glaube ich, gar nicht fähig gewesen, mich mit all dem zu konfrontieren in der Intensität.
- 5:04Speaker 1: Also ich war, hatte das Traum auf Verstoffwechsel dem vereinfacht ausgedruckt und dann konnte ich erst gehen.
- 5:08Speaker 1: Und der andere Anlass war eigentlich, dass ich wirklich eingeladen wurde vom Haus des deutschen Ostens und die Professorin dort mir gesagt hat, Mensch, mach halt mal, fahr doch da mal hin.
- 5:19Speaker 1: Und ich dadurch erst um eine Ostpreußenallergie ablegen konnte.
- 5:23Speaker 1: Also die beiden Dinger habe ich gebraucht.
- 5:27Speaker 1: dass ich mich auf die Reise begebe.
- 5:30Speaker 0: Du schreibst in dem Buch ja auch sehr offen darüber, was dieses Aufwachsen auch in diesem Umfeld auch mit deinem Vater mit dir gemacht hat, von Essstörungen über Magersucht bis hin zu fast dem Tod von der Schippe gesprungen, weil du irgendwann, glaube ich, nur noch neun und dreißig Kilo gewogen hast und es ja dann auch dieses Problem gibt, wenn man dann so wenig nur noch ist, also ist und ist.
- 5:57Speaker 0: dass dann auch die Gefahr von dem Herzinfarkt recht hoch ist, durch Wassereinlagen im Herz und so weiter.
- 6:03Speaker 0: Also sehr, sehr reale, auch greifbare Dinge, die da mit dir passiert sind.
- 6:10Speaker 0: War das vielleicht, also gerade diese Traumatherapie und dieses dann auch tiefer Beschäftigen mit dem Thema, würdest du sagen, du hast dadurch auch irgendwann die Angst verloren, was das alles mit dir machen kann?
- 6:27Speaker 1: Also Therapie ist bei mir immer so ein steter Begleiter gewesen.
- 6:32Speaker 1: Also es ist eigentlich jetzt zum ersten Mal seit ich so vierzig bin und jetzt bin ich sechsundvierzig so, dass ich ohne Therapie durchs Leben gehe.
- 6:40Speaker 1: Das war einfach so ein klarer Begleiter, dass ich immer mich monitore und über alles spreche.
- 6:48Speaker 1: Also ich glaube, sonst hätte ich es auch jetzt bis zu diesem Alter gar nicht geschafft.
- 6:52Speaker 1: Und insofern, ich habe... Also, er hat neulich jemand vorgeworfen, ja, warum muss man denn immer seine Erfahrungen dann auch noch so vermarkten?
- 7:01Speaker 1: Aber ich sehe das gar nicht als Vermarktung, sondern ich wundere mich immer vielmehr, dass Menschen immer noch eine Scheu haben, über Gefühle zu sprechen und über Wunden zu sprechen, weil ich einfach das so gelernt habe, dass es so sinnvoll ist, das zu tun.
- 7:18Speaker 1: Und dadurch möchte ich eher eine Ummutigung sein, dass man sich dem aussetzt und sich mit sich selber konfrontiert.
- 7:25Speaker 1: Weil ich es einfach auch als was unglaublich Bereicherndes erfahren habe.
- 7:28Speaker 1: Ich sehe das gar nicht als was Pathologisches, sondern ich habe wahnsinnig viel gelernt dadurch.
- 7:34Speaker 0: Ich habe auch im Zuge von deinem Buch da auch noch mal viel nachgedacht, auch so ein bisschen in meine eigene Familiengeschichte gegangen.
- 7:43Speaker 0: Großvater, mütterlicherseits, ist damals aus dem Sudeten-Land geflogen, wurde vertrieben und habe auch so ein bisschen in mich reingehört, ob da irgendwas ist.
- 7:56Speaker 0: Und ich hatte, glaube ich, für mich war ganz Osteuropa ganz lange irgendwie so eine Black Box.
- 8:03Speaker 0: Also so ein, es war so ein irgendwie so, ich kann das.
- 8:07Speaker 0: beschreibt Dinge irgendwie ganz gerne manchmal in Farben und in Licht und nicht Licht und keine Ahnung, ganz schräg, wie mein Hirn da funktioniert.
- 8:16Speaker 0: Aber das war für mich immer so ein dunkler Fleck, bis ich dann irgendwann mal angefangen habe, diese Region dann auch zu bereisen und als Erwachsener dann auch mal in Ländern, in Osteuropa war, auch in großen Städten war und gemerkt habe, das ist eigentlich alles ziemlich cool hier und irgendwie auch die Menschen sind toll.
- 8:36Speaker 0: kann da viel erleben und das war für mich davor, aber so gar nicht auf dem Radar, also jetzt mal fernab von Nachrichten und Dingen, die da passiert sind, aber so im persönlichen Empfinden.
- 8:46Speaker 0: War das für dich ähnlich, als du dann auch diese Reise gemacht hast und dann auch diese Orte gesehen hast, über die er ja auch immer, ja, in dieser, sagst du ja auch, er hat sehr viel in der Vergangenheit gelebt oder liebt sehr viel in der Vergangenheit, über die er auch so viel gesprochen hat?
- 9:02Speaker 1: Ja, der Punkt ist das... Das ist für mich wie Disneyland war.
- 9:08Speaker 1: Und das ist ja jetzt auch ein komplett anderes Land.
- 9:10Speaker 1: Also das ist eigentlich für mich das Abstruseste.
- 9:12Speaker 1: Das ist das, was er vermisst, der gar nicht mehr gibt.
- 9:16Speaker 1: Es ist ja nur noch eine Erinnerung.
- 9:18Speaker 1: Also es ist ja mit der Vertreibung der Menschen gestorben.
- 9:22Speaker 1: Das heißt ja jetzt auch anders.
- 9:24Speaker 1: Also im dirke Weltatlas gibt es keinen Ostpreußen mehr.
- 9:28Speaker 1: Kein Pommern und Schlesien so.
- 9:30Speaker 1: Sondern es lebt ja in Erinnerung der Menschen, die da noch die Erfahrung gemacht haben.
- 9:35Speaker 1: ihrer Nachfahren, die die Erinnerung noch aufrechterhalten wollen.
- 9:39Speaker 1: Das ist ja der Punkt.
- 9:40Speaker 1: Aber ich habe tatsächlich ja so Spuren gefunden von dem, was er beschrieben hat.
- 9:44Speaker 1: Und das war super schräg.
- 9:45Speaker 1: Das war, als ob du ein schwarz-weiß Bild plötzlich neu colorierst und zum Leben erwächst.
- 9:51Speaker 1: Das war wie jetzt diese tollen KI-Filme, die gerade kursieren auf Social Media, wo du so alte Schinken aus dem Louvre oder so plötzlich animierst und dann sprechen diese Gesichter zu dir.
- 10:03Speaker 1: Und genau so war das.
- 10:06Speaker 1: Und die Plumpe-Erkenntnis, das gab es, hat irgendwie sehr viel für mich, hat sehr viel in mir bewegt.
- 10:14Speaker 1: Einfach nur, dass ich mehr verstehen konnte, dass es wirklich passiert ist und kein Quatsch ist, was er erzählt.
- 10:20Speaker 1: Das ist wirklich passiert.
- 10:21Speaker 1: Das sind Begebenheiten und Verletzungen, Traumata und Menschen haben, sind da gestorben, wurden vergewaltigt, wurden massakriert, es wurde gebranschatzt und es ist so viel Leid dort passiert.
- 10:34Speaker 1: Und ich bin mir ziemlich sicher jetzt auch mit dem Feedback durch meine Lesungen, es kommen so viele Menschen auch in unserem Alter, so Anfang Mittevierzig, die dann schon oftmals der Enkelgeneration angehören, die das jetzt bearbeiten und die jetzt aber dastehen und nasse Augen haben.
- 10:54Speaker 1: Und das zeigt mir, dass in so vielen Menschen da was schlummert.
- 10:59Speaker 1: Was vielleicht auch, was ich gar nicht geschnallt habe, was auch in mir die ganze Zeit Rumwort hat.
- 11:04Speaker 0: Ja, was ja natürlich auch ein bisschen daran liegt, dass viele ja auch nicht darüber gesprochen haben.
- 11:10Speaker 0: Also ich habe ganz viele Gespräche auch in den letzten Jahren geführt.
- 11:13Speaker 0: Auch das prägenste in die Richtung war wahrscheinlich mit Evelyn Roll, die ein ganz tolles Buch geschrieben hat, wo sie auch in ihre eigene Familiengeschichte dann reingesprungen ist und ganz viele Dinge herausgefunden hat.
- 11:30Speaker 0: Teilweise gar nicht wahr waren, die erzählt worden sind und die sie dann erst verstanden hat, als sie da recherchiert hat.
- 11:35Speaker 0: Und wir haben halt alle dieses, ja wie so ein abstraktes Geschichtsbuchwissen, also gerade unsere Generation.
- 11:44Speaker 0: Klar, wir waren alle irgendwie im KZ in Dachau und wir haben uns irgendwie so mit diesen Themen beschäftigt und in der Schule was darüber gelernt, aber so diese individuellen Familiengeschichten, das war ja ganz schwierig greifbar für alle.
- 11:58Speaker 0: Also, wenn ich meine Großeltern anschaue, man da nie wirklich drüber reden wollte.
- 12:04Speaker 0: Also, da kam ja auch nicht so viel.
- 12:07Speaker 0: Und wenn was kam, dann war es eher so, ja, irgendwie, da war alles besser.
- 12:12Speaker 0: Und zumindest bei meinem Opa kann ich das irgendwie so nach dem Motto, da war man leer.
- 12:18Speaker 0: Und von heute auf morgen war alles weg.
- 12:24Speaker 0: Ich glaube, da müssten wir eigentlich noch viel mehr ran.
- 12:26Speaker 0: Und
- 12:26Speaker 1: das ist ja genau dieser Satz.
- 12:28Speaker 1: Da war man weh und auf einmal ist alles weg.
- 12:30Speaker 1: Das ist ja auch was, was jetzt den deutschen Osten auch total geprägt hat.
- 12:35Speaker 1: Und ich glaube, das ist einer, der ist jetzt ein bisschen weitersprungen.
- 12:38Speaker 1: Aber ich glaube, dass das wirklich ein Riesenproblem ist für unser Land heute, dass wir drüber gefahren sind mit einer westdeutschen Arroganz über die Errungenschaften der Menschen damals in der damaligen DDR.
- 12:53Speaker 1: dass man ihnen quasi abgesprochen hat, dass sie auch was können, dass sie eine Erfahrung haben, dass sie... Also wir haben ihnen einfach das System übergestülpt und plötzlich waren viele Schicksale besiegelt.
- 13:05Speaker 1: Die Firma war weg oder das, das sagen wir mal so, war eh keine eigenständige Unternehmertum, aber es war nichts mehr wert, was man gelernt hatte.
- 13:15Speaker 1: Und damit haben wir jemand zum Niemand gemacht und ich glaube, das sitzt so tief.
- 13:22Speaker 1: dass dann eine Bewältigungsstrategie kommt, allein von der Psyche, die mitunter sehr ungesund ist.
- 13:28Speaker 1: Und dass man deswegen anfällig wird für auch Parteien oder politische Strömungen, die einem sagen, hier bist du wieder wer.
- 13:36Speaker 1: Oder man sucht einen Opfer, man sucht jemand, der schuld ist.
- 13:39Speaker 0: Ich habe das gerade in der letzten Episode intensiv mit Marike Reimann diskutiert mit der Journalistin, die sich eben auch viel mit Ostdeutschland beschäftigt hat, die selber in Rostock geboren ist.
- 13:52Speaker 0: Und ich dann eben auch gesagt habe, also aus der Perspektive heraus eine Ostdeutschen Biografie, die merkt, okay, von heute auf morgen war alles anders.
- 14:05Speaker 0: Und die Westdeutschen haben gesagt, wir machen das jetzt so.
- 14:07Speaker 0: Und bis heute, thirty-fünf Jahre später, sind Ostdeutsche Biografien immer noch unterrepräsentiert in der, in der gesamtdeutschen Machtverteilung.
- 14:20Speaker 0: Und dass man dann irgendwann so ein Gefühl dafür entwickelt, dass zumindest mal der politische Status quo gar nicht mal erst mal Partei bezogen, aber dass man dann sagt, okay, all diese Parteien, die bisher da waren, haben es ja irgendwie nicht hinbekommen.
- 14:36Speaker 0: Also wollen wir jetzt irgendwie eine Art von Veränderung haben.
- 14:39Speaker 0: Und dann kommt halt genau in dieses Loch, springt dann irgendwie die AfD hinein, die das Ganze dann auch noch schön populistisch verpackt und mit einfachen Lösungen hausieren geht.
- 14:50Speaker 0: Da darf man sich eigentlich erst mal nicht wundern, oder?
- 14:53Speaker 1: Nee, und ich hatte neulich auf einer Lesung ein paar aus dem Erzgebirge, die wirklich in Tränen aufgelöst waren, weil sie, die wohnen jetzt in Südwestdeutschland, schon an der Schweizer Grenze, und ihre Tochter war sehr in der Friedensbewegung aktiv und hatte eben so super High Hopes, was die Wiedervereinigung angeht, und die sieht jetzt ihre... ihre alte Heimat einfach so sich verändern und wieder mit so einer Sehnsucht nach dem Autoritären nicht nur spielen, sondern einfach darauf setzen, dass das die Zukunft ist, die mehr des starken Mannes, des Vaters Staat, der dann alles richtet.
- 15:39Speaker 1: Und die Tochter hat wirklich psychische Maläsen dadurch, weil sie wirklich verzweifelt und depressiv geworden ist.
- 15:46Speaker 1: Weil alles, wofür sie wirklich gekämpft hat, Perdu ist.
- 15:51Speaker 1: Und solche Begegnungen finde ich schon immer sehr beeindruckend, weil es immer wieder doch so viele Familien gibt, wo das politische so reingefunkt hat in die Biografie.
- 16:05Speaker 1: Und ich habe immer früher, als ich klein war, alle beneidet, wo Politik nicht so eine Rolle gespielt hat.
- 16:11Speaker 1: Auch vor allen Dingen auch emotional.
- 16:13Speaker 0: Wie hat dein Vater eigentlich reagiert, als er gemerkt hat, du möchtest das jetzt mal wirklich verstehen, also du möchtest da wirklich ... tiefer rein du willst da hinfahren du willst das dir auch anschauen du willst auch irgendwie seinen faden folgen und ja damit auch ein schritt auf ihn zugehen vielleicht.
- 16:33Speaker 1: ich glaube er hat das erst mal gar nicht als so ein auf ihn zugehen verstanden sondern es waren sehr gemischte gefühle weil er war in den siebziger jahren schon mal dort also einmal und hatte geguckt.
- 16:45Speaker 1: was geblieben ist hat dann festgestellt nichts.
- 16:49Speaker 1: Es ist alles anders und ist jetzt nicht in so einem rausgeputzten Zustand, wie ich es jetzt erlebt habe, diese Stadt in der Kleinstadt, in der groß geworden ist und diese paar glücklichen unbeschwerten Jahre noch hatte.
- 17:03Speaker 1: Das ist ja jetzt alles wesentlich auch mit EU-Geldern einfach rausgeputzt und wirklich hübsch.
- 17:07Speaker 1: Also es ist jetzt ein richtig properes Seebad, kann man sagen, mit diesem hübschen See und weißgetünchten Stegen und so tollen Natur und ... kulturelles Leben.
- 17:19Speaker 1: abstruserweise das größte Raggy Festival Polenswürttel statt, wenn das überhaupt nicht dazu passt.
- 17:25Speaker 1: Aber ja, es gibt ein junges, wildes Leben dort und das ist schön.
- 17:30Speaker 1: Und er hat das aber in diesem Mief der Siebziger noch erlebt.
- 17:35Speaker 1: Braunkohle, geschwängerter.
- 17:38Speaker 1: Und er war, ich glaube, für ihn hat das total retraumatisiert damals.
- 17:41Speaker 1: Insofern war er erst mal völlig in Schockstarre, als ich gesagt habe, ich fahre dahin.
- 17:45Speaker 1: Und wusste gar nicht, was er empfinden soll in dem Moment.
- 17:49Speaker 1: Und dann, als ich die Reise angetreten bin, dann war er voll am Start und hat permanent angerufen.
- 17:53Speaker 1: Und das ist eigentlich auch so seitdem geblieben.
- 17:55Speaker 1: Also er ruft jetzt dauernd an.
- 17:58Speaker 1: Dauernd ruft er an auch immer.
- 18:00Speaker 1: Also ich hatte jetzt eine Lesung in Lorach.
- 18:01Speaker 1: Das war wahnsinnig lustig, weil die Firma, für die er früher gearbeitet hat, die war in Lorach.
- 18:07Speaker 1: Und dann habe ich gesagt, ich fahre nach Lorach.
- 18:09Speaker 1: Und dann hat er sofort gesagt, ich rufe alle an.
- 18:12Speaker 1: Wie ich noch kenne, von denen war dann keiner da, aber egal, auch alle schon zu betagt.
- 18:18Speaker 1: Aber dann hat er mich am Tag vorher angerufen und hat gesagt, wie war es in Lorach?
- 18:23Speaker 1: Ich war noch gar nicht.
- 18:23Speaker 1: Ich fahre erst morgen.
- 18:25Speaker 1: Warum?
- 18:25Speaker 1: Weil das erst morgen ist gut.
- 18:28Speaker 1: Am nächsten Tag ruft er mich an.
- 18:31Speaker 1: Wie war es in Lorach?
- 18:32Speaker 1: Ich so, ich bin gerade erst angekommen.
- 18:35Speaker 1: Bist du immer noch da?
- 18:36Speaker 1: Ich so, nein, nochmal.
- 18:37Speaker 1: Ich bin gerade erst angekommen.
- 18:39Speaker 1: Ja, wann ist denn die Lesung?
- 18:40Speaker 1: Ich so jetzt, ich sitz grad auf der Bühne.
- 18:42Speaker 1: In fünf Minuten geht's los.
- 18:44Speaker 1: Ja, dann ruf mich morgen an.
- 18:47Speaker 1: Also er kriegt es nicht so, als in bedroht diese Lesetour, auf der ich jetzt grad bin, weil es stressig findet, dass ich da und Auto fahre.
- 18:54Speaker 1: Das macht ihm Angst.
- 18:56Speaker 1: Aber in dem Trägeranteil.
- 18:57Speaker 1: Und das finde ich eigentlich sehr schön.
- 18:59Speaker 1: Weil er auch immer wissen will, wer kommt, wer interessiert sich.
- 19:02Speaker 1: Dann findet er es natürlich gut, dass alle wissen, wie er aussah als kleiner Junge.
- 19:07Speaker 1: Also er freut sich sehr drüber.
- 19:09Speaker 0: Wie ist es eigentlich für ihn, also eher der sehr dramatisiert ist von all dem Ganzen und und immer war, der für sich selber vielleicht auch nicht so richtig Perspektiven gesehen hat, weil er so diese Idealvorstellung von ganz am Anfang irgendwie seines Lebens vielleicht noch so im Kopf hatte.
- 19:31Speaker 0: Wie war es für ihn dann auch zu sehen, dass du als seine Tochter Ja, schon auch in der Generation ist es ja auch wirklich irgendwie was Großes, dann auch im Fernsehen Kehre zu machen und in die Öffentlichkeit zu gehen, bekannt zu werden, Erfolg zu haben.
- 19:47Speaker 0: War das für ihn so, also worauf ich hinaus will, ist so dieses für jemanden, der irgendwie für sich so die Perspektive irgendwie nicht gesehen hat, vielleicht, zu merken, dass scheinbar die Generation danach ja offensichtlich doch eine echte Perspektive haben kann.
- 20:06Speaker 1: Ich glaube, dass da viel von diesen verdeckten Aufträgen, diesen familiären Aufträgen drin steckt.
- 20:13Speaker 1: Also mein Bruder und ich sind ja beide sehr fleißig und sind sehr emsig und wirkliche Arbeitsviecher und hatten beide das dringende Bedürfnis, irgendwie wirklich uns was aufzubauen.
- 20:31Speaker 1: Mein Bruder hat ja eigentlich den Traum umgesetzt, den mein Vater nicht umsetzt konnte, der ist ja Arzt geworden.
- 20:38Speaker 1: Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein Vater fast eifersüchtig ist, dass mein Bruder das machen konnte und er nicht.
- 20:44Speaker 1: Da ist dann wirklich wie so ein komischer Jungs-Konkurrenzkampf.
- 20:48Speaker 1: Das ist sehr seltsam.
- 20:52Speaker 1: Und bei mir ist er, ist er natürlich jetzt nicht unbedingt einverstanden, dass ich da in der linksversifften Presse bin, im Rotfunk, was abstrus ist, wenn du an dem Bayerisch Trug fängst.
- 21:03Speaker 1: Aber er ist natürlich alles mein, dadurch, dass wir, wir leben was aus, was er nicht so kann und er liebt alles mit Aufmerksamkeit und es zahlt ja alles auf seine Dachmarke ein.
- 21:13Speaker 1: Aber er lobt dann nicht so großartig, weil es ist ja eigentlich selbstverständlich, weil wir aus diesem edlen Spross kommen.
- 21:20Speaker 1: Das ist immer ein bisschen verkorkst, aber er ist, glaube ich, letzten Endes ist er sehr stolz, dass wir so high performer sind auf eine Weise, obwohl ich mich gar nicht so empfinde.
- 21:33Speaker 1: Mach halt einfach nur Sachen.
- 21:36Speaker 0: Ich habe die letzten Jahre das Gefühl gehabt, immer wenn ich versucht habe, mit AfD-Wählern oder auch AfD-Mitgliedern oder AfD-Sympathisanten, wie auch immer man da dann unterscheiden möchte.
- 21:49Speaker 0: Immer wenn ich versucht habe, mit denen sachliches Gespräch zu führen, kommst du irgendwie nicht weiter.
- 21:55Speaker 0: Du kannst, du kannst seitenweise ... Diagramme statistischen Fakten mitbringen, du kommst da nicht wirklich ans Ziel.
- 22:04Speaker 1: Weil die gefühlte Wahrheit eine andere ist.
- 22:08Speaker 0: Weil man auch das gar nicht wahrhaben will, dass es anders sein könnte?
- 22:13Speaker 1: Ja, ich glaube, weil, und das ist ja eigentlich das, ich habe da neulich auch eine ganze Podiumsdiskussion gehabt zur Wissenschaftsfeindlichkeit.
- 22:22Speaker 1: Wenn du für dich ein bestimmtes Narrativ dir zurechtgelegt hast oder eine bestimmte Weltanschauung hast, dann wirst du nur das konsumieren, was das bestätigt.
- 22:32Speaker 1: Dass das richtig ist, wie du siehst und Wasser auf deine Mühlen.
- 22:36Speaker 1: Und dann bist du natürlich auch auf Social Media, bist du ja in so einer Echo-Kammer und in so einem Geschmacksverstärker drin, der genau darauf einzahlt.
- 22:45Speaker 1: Und ich glaube, dass es gar nicht angeht.
- 22:49Speaker 1: zu sehen, dass es vielleicht eine andere Wahrheit auch noch gibt.
- 22:52Speaker 1: Es gibt nur die gefühlte Wahrheit und nur die hat Existenzberechtigung.
- 22:56Speaker 1: Ich glaube, wenn du dich sehr eingelebt hast mit einem Weltbild, wäre es fatal, es zu ändern, weil du dann ja dein ganzes Leben auch infrage stellen müsstest.
- 23:08Speaker 0: Ist es nicht auch so ein, vielleicht so ein sich selbst bestätigender Schmerz, den man da die ganze Zeit auch irgendwo kultiviert, weil man sich über sein ganzes Leben so sehr daran gewöhnt hat, dass man irgendwie gar nicht wahrhaben möchte, dass es vielleicht auf der Welt gar nicht so schlimm ist.
- 23:25Speaker 1: Ja, ich glaube, weil man sich ja auch sehr gut in einer Opferrolle einleben kann.
- 23:29Speaker 1: Und dann sind ja immer die anderen Schuld.
- 23:31Speaker 1: Ich glaube, das ist die Selbstverantwortung und die Selbstwirksamkeit.
- 23:37Speaker 1: Das ist das Schwierige.
- 23:38Speaker 1: Also, ich werde nie vergessen, dem Moment, wo meine Tochter zum ersten Mal ein Stift in der Hand hatte und auf ein Papier so gemacht hat und gesehen hat, da kommt ein Strich raus.
- 23:47Speaker 1: Dieses Glänzen in ihren Augen, weil sie diese Selbstwirkksamkeit gesehen hat, auf eine ganz simple Art und Weise, das war unglaublich, dass sie dann sich Ausdruck verleihen kann und dann wild über dieses Papier so eine Krizzel-Kratzelwolke gemacht hat.
- 24:01Speaker 1: Und das ist ja ein, wie du findest, toll, glaube ich.
- 24:04Speaker 1: Oder du bist in dem System vielleicht auch groß geworden, dass dir das alles abgenommen hat.
- 24:09Speaker 1: Und jemand anders ist verantwortlich.
- 24:10Speaker 1: Und dann kannst du hinlamentieren, aber das super Tolle daran ist, wenn du so hörig bist, jemand anders ist ja dann auch schuld und ist verantwortlich dafür.
- 24:19Speaker 1: Und ich glaube, wir müssen wieder mehr als auch als Gesellschaft in eine Selbstverantwortlichkeit kommen.
- 24:25Speaker 1: Und dann halt auch Freiheit ist total nervig.
- 24:29Speaker 1: Weil du hast halt Verantwortung und du musst halt schauen, dass der Laden läuft.
- 24:34Speaker 1: Kannst halt nicht immer nur hinschimpfen, sondern musst halt deinen Hintern in Bewegung halten.
- 24:38Speaker 1: Und das ist, glaube ich, echt mühsam für manche.
- 24:40Speaker 0: Und die Leute sind natürlich auch konstant auf der Suche nach dem Bedürfnis irgendwo gesehen und verstanden zu werden.
- 24:50Speaker 0: Da fällt es, glaube ich, den demokratischen Parteien sehr schwer, Angebote zu liefern, wo man sagt, okay, da sehe ich mich jetzt.
- 25:00Speaker 0: Da fühle ich mich irgendwie, da kann ich mich mit identifizieren.
- 25:03Speaker 1: Ja, und ich glaube, dass viele gerne motzen.
- 25:05Speaker 1: Also, schau dir mal das Beispiel, das ich meine, der einfachste Lach und der Platte, den du auf einer Bühne generieren kannst, das macht irgendeinen dummen Bahnwitz.
- 25:13Speaker 1: Ja?
- 25:14Speaker 1: Und da sind sich ja auch alle total einig.
- 25:17Speaker 1: Jetzt gibt es ja sogar eine... Werbekampagnen mit Anke Enneke, dass sich alle einig sind, dass wir im Prinzip ein völlig kaputtes Nachverkehrssystem haben.
- 25:27Speaker 1: Verschreiß
- 25:27Speaker 0: nicht, ich muss morgen mit dem Sprinter nach Berlin.
- 25:29Speaker 1: Das wird super.
- 25:30Speaker 1: Ich habe neulich dran geglaubt und es hat geklappt.
- 25:33Speaker 1: Ich hatte alle Züge beim Pünktlich.
- 25:34Speaker 1: Ich weiß gar nicht, was los war.
- 25:35Speaker 1: Ich war selber ganz verwundert.
- 25:36Speaker 1: Aber jetzt stell dir vor, du sitzt im Zug und dann kommt die Durchsage.
- 25:41Speaker 1: Die Mobile Snacks Station hat Corona, der Kühlschrank läuft heiß.
- 25:45Speaker 1: Dafür sind die gekühlten Getränke jetzt warm, aber zu essen gibt es nichts.
- 25:48Speaker 1: Außerdem haben wir es so eine halbe Stunde Verspätung.
- 25:51Speaker 1: Was kannst du jetzt in der Situation tun?
- 25:54Speaker 1: Du kannst dir überlegen, dass du deine Termine danach kennst, dass du es verschiebst, dass du einfach die Chance vielleicht nutzt, einfach ein Quadrat zu atmen, auf vier ein, Pause auf vier aus und deinen Vargusnerv irgendwie runterzubringen oder, was die meisten machen, du redest jetzt mit deinem Sitznachbarn darüber, wie scheiße alles ist.
- 26:12Speaker 1: Und dann steigest du dich rein.
- 26:14Speaker 1: Und dann ist ja das und das und dann kommst du vom Hundertsten ins Tausende und du steigst dann aus.
- 26:19Speaker 1: Vielleicht hat der Sprinter sogar zehn Minuten nochmal rausgeholt, du steigst aus und du bist negativ, stimuliert komplett.
- 26:27Speaker 1: Und das passiert gerade, finde ich, aber auf einer großen Skala.
- 26:33Speaker 0: Konntest du in all der Arbeit auch mit dem Buch und damit auch mit der Beschäftigung, mit deinem Vater herausarbeiten?
- 26:42Speaker 0: Ob es bei ihm wie so einen Schlüsselmoment gab, wo ihn die AfD quasi hatte, also wo sie ihn wirklich gefangen genommen haben.
- 26:53Speaker 1: Es begann ja schon viel früher.
- 26:54Speaker 1: Das war schon vor der AfD.
- 26:57Speaker 1: Im Prinzip war es eine gewisse Europaeu-Feindlichkeit, Ende der D-Mark, also auch Identitätsverlust hier, ein Aufgehen in einem größeren Kollektiv, so einen Schimpfen Richtung Brüssel.
- 27:12Speaker 1: Und das war eigentlich mit der Auslöser.
- 27:14Speaker 1: Dieser Identitätsverlust in Deutschland und wir zahlen jetzt für die anderen diese Nummer und jetzt müssen wir über Gurkenlängen reden.
- 27:24Speaker 1: Das war also der Verluste demarkt.
- 27:26Speaker 1: Da diese Euro-Kritik da ging es eigentlich schon los bei ihm.
- 27:31Speaker 1: Und nachdem diese Splitterpartei in der davor war, schon dann sich amortisiert hat, ich war total happy, weil ich dachte, ach Gott, die fangen sich dann eh an zu streiten und dann löst sich das wieder auf.
- 27:42Speaker 1: nicht damit gerechnet, dass die AfD so ein Siegeszug haben wird.
- 27:47Speaker 1: Ich dachte, die löst sich auf wie alle anderen Rechtsplitterparteien.
- 27:52Speaker 0: Aber war er schon immer ein politischer Mensch?
- 27:54Speaker 0: Ja,
- 27:54Speaker 1: schon immer.
- 27:55Speaker 1: Es geht ja gar nicht anders.
- 27:59Speaker 1: Wenn du aus einer Familie kommst, wo der Vater in zwei Weltkriegen war, die ihn gekillt haben am Ende und sämtliche Privates, also wenn wir heute sagen, Work-Life-Balance, Work-Joy-Balance, alles eine Berechtigung.
- 28:14Speaker 1: Aber wenn ich mir meinen Großvater anschaue, da war gar nichts mit Work-Life-Balance oder mit sich selbst verwirklichen.
- 28:22Speaker 1: Na da, mit sechs, mit vierzehn, fünfzehn rekrutiert für den Ersten Weltkrieg, in sechs verschiedenen Gefangenschaften gewesen, morden müssen, dann kommst du gerade auf die Füße wieder.
- 28:34Speaker 1: Und da hast du ein gewisses Unternehmertum ausleben können, hast du zwei Kinder bekommen und dann kommt der nächste Weltprieg.
- 28:42Speaker 1: Und das macht dich dann platt.
- 28:44Speaker 1: Dein gesamter Besitz ist verloren.
- 28:46Speaker 1: Für mich war einer der wirklich eindringlichsten Momente, als mein Vater mir erzählt, wie seine Mutter geweint hat, als das Paket, als da so Latten drauf gehauen wurden.
- 28:57Speaker 1: Und sie gesagt, Jamat hat das schöne neue Paket.
- 29:00Speaker 1: Und mein Opa dann wohl zu ihr gesagt, das ist sowieso alles verloren.
- 29:06Speaker 1: Und das war für mich so greifbar, dass man sich noch um das Paket bemüht und das ist doch so schön und wir haben das doch geölt und gepflegt und jeden Tag haben wir den Ballsaal geputzt und jetzt ist alles kaputt.
- 29:22Speaker 1: Da wurde das für mich so greifbar, dieser Verlust.
- 29:25Speaker 1: Und wenn das Politische dir so reinspielt und für ihn ja auch dann die Mutter alleine ziehen mit zwei Kindern, wirklich bettelarm, Hungersnot.
- 29:37Speaker 1: Und dann machst du dein Abitur.
- 29:39Speaker 1: Und dann kannst du das nicht studieren, was du studieren willst, weil die nächste Diktatur daherkommt.
- 29:44Speaker 1: Da kannst du nicht unpolitisch bleiben.
- 29:47Speaker 0: Jetzt sind wir ja in einer Zeit aufgewachsen.
- 29:50Speaker 0: Ich habe gestern mit einem guten Freund lange darüber diskutiert, weil ich gesagt habe, so die Neunziger, wenn man die mal so rekonstruiert.
- 29:58Speaker 0: Und wir haben dann witzigerweise eine kleine Jet-GPT-Recherche gemacht, weil wir dann so den Fact-Check machen wollten zu unseren Eindrücken.
- 30:06Speaker 0: Wo wir gesagt haben, in diesem Jahrzehnt war ja irgendwie alles super.
- 30:09Speaker 0: Hier für uns in Deutschland.
- 30:11Speaker 0: Wir hatten die Wiedervereinigung.
- 30:13Speaker 0: Natürlich kamen damit auch Challenges für alle Beteiligten.
- 30:17Speaker 0: Aber es war erst mal ein tolles Ereignis.
- 30:19Speaker 0: Love
- 30:19Speaker 1: Parades.
- 30:20Speaker 0: Ja, es war.
- 30:22Speaker 0: Das Internet kam langsam auf.
- 30:24Speaker 0: Die ersten Handys.
- 30:25Speaker 1: Buffy the Vampireslayer, lieb auf im Fernsehen.
- 30:28Speaker 0: Genau.
- 30:29Speaker 0: MTV und alles Mögliche.
- 30:35Speaker 0: Das ist ja eigentlich noch viel absurder für Menschen, die all diese schlimmen Dinge erlebt haben.
- 30:44Speaker 0: Und dann auf einmal merken, so Mitte der Achtziger, Ende der Achtziger, Ende der Geschichte, Fukuyama quasi Ende des Kalten Krieges, Wiedervereinigung.
- 30:55Speaker 0: Und so plopp soll auf einmal alles toll sein.
- 30:58Speaker 0: Und die für sich fühlen das aber vielleicht gar nicht.
- 31:01Speaker 0: weil sie ja immer noch in diesen Traumata feststecken und die ganze Welt um sie herum ist aber auf einmal irgendwie Friede, Freude, Eierkuchen und dann spielen die das irgendwie so mit und gehen da irgendwie durch und kommen jetzt die letzten vielleicht zehn Jahre, die letzten acht Jahre, mal mindestens in eine Phase rein, wo Dinge wieder schwierig werden für... also... Wir wissen, es gab zwischendrin alle möglichen Challenges und Kriege und Krisen und alles Mögliche.
- 31:33Speaker 0: Aber diese geballte Form an multiplen Krisen in verschiedenster Art und Form auf der ganzen Welt.
- 31:40Speaker 0: Ja,
- 31:40Speaker 1: die Veränderungen.
- 31:42Speaker 1: Also es ist einfach das Tempo der Veränderungen, das ist ja wirklich messbar.
- 31:46Speaker 0: Genau.
- 31:48Speaker 0: Das muss ja eigentlich zwanzläufig allein deshalb schon auch zu einer Art Retraumatisierung führen, oder?
- 31:53Speaker 1: Ja, ich finde ich, also ich harte ja auch total, ich bin ja ein Grundoptimist mittlerweile.
- 32:00Speaker 1: Und ich will ja auch, ich lasse mich auch von KI nicht in die Panik leiten, dass das jetzt alles Jobs kaputt macht und das Ende der Welt.
- 32:08Speaker 1: Aber trotzdem muss man auch unser, also was dieser Kapitalismus und diese Marktwirtschaft oder dieser Fortschritt, dieser Glaube daran mit Wachstum, Wachstum, Wachstum, das stimmt ja auch nicht ganz.
- 32:22Speaker 1: Es ist ja einfach eine Rechnung, die nicht aufgeht letzten Endes.
- 32:25Speaker 1: Ich hatte neulich auf einer Nachhaltigkeitskonferenz, kann man jetzt auch sofort zucken und über Nachhaltigkeit lachen und sagen, aber trotzdem, ich hatte eine Folie bei einem Vortrag gesehen, die mich total für mich sehr einleuchtend waren.
- 32:41Speaker 1: Und das war ein Foto von einem Telefon von einem Festnetz-Telefon, so das schöne Backe-Lit-Telefon, was es noch für Fans bei Manufaktum zu kaufen gibt mit dieser Wehlscheibe, dieses Dial-M von Murderphone.
- 32:53Speaker 1: Und das hat wunderbar funktioniert über Jahrzehnte.
- 32:58Speaker 1: Und dann war einfach die verschiedenen iPhone-Typen innerhalb von einem wesentlich kürzeren Zeitspanne.
- 33:04Speaker 1: Und das Bild hat für mich dieser Fächer an Telefonen im Vergleich zu diesem einen Monolith.
- 33:11Speaker 1: hat für mich gezeigt, was auch so ein bisschen falsch läuft.
- 33:14Speaker 1: Weil das hält uns ja, dieser Konsum hält uns ja auch unter Druck und ist ja Stress.
- 33:20Speaker 1: Du brauchst, dir wird suggeriert, dass du immer, dass du eigentlich immer was kaufen musst, um zufrieden zu sein.
- 33:25Speaker 1: Das heißt, du bist die ganze Zeit damit beschäftigt, dem nächsten Trend hinterher.
- 33:29Speaker 1: Das heißt, das nächste Update, das nächste, die neuen Passwörter.
- 33:33Speaker 1: und das mich stresst das.
- 33:35Speaker 1: Passwörter stressen mich.
- 33:36Speaker 1: Ich habe eine innere Abwehr gegen Passwörter, gegen Updates.
- 33:41Speaker 1: Permanent ist da eine Veränderung, eine neue Oberfläche.
- 33:45Speaker 1: Du stressst sogar mich.
- 33:47Speaker 1: Wie ist es für jemand, der noch zwanzig, dreißig Jahre älter ist?
- 33:51Speaker 1: Und ich verstehe das dieser Konsum Wahnsinn, der erhält uns ja auch beschäftigt und hält uns vielleicht von den wesentlichen Dingen ab, die uns eigentlich beschäftigen sollten.
- 34:02Speaker 1: Und deswegen sind es ja, es sind die Krisen einerseits.
- 34:06Speaker 1: Aber dieser Glaube an Wachstum und Beschleunigung und immer mehr setzt uns ja auch unter Druck.
- 34:12Speaker 0: Du schreibst ja auch, dass das Wut im Endeffekt immer auch was mit Angst zu tun hat.
- 34:17Speaker 0: Und das ist ja genau das, was daraus entsteht.
- 34:19Speaker 0: Also auch so eine Angst, dass man selber nicht mehr mitkommt, dass die Welt nicht mehr mitkommt, dass vielleicht auch gerade aus der Perspektive deines Vaters die Generation nach ihm vielleicht Wohlstand verliert, dass schlimmer wird, dass schlechter wird für alle Beteiligten.
- 34:34Speaker 1: Ich glaube, es ist bei ihm zwei geteilt, wenn ich da noch kurz einhaken darf.
- 34:37Speaker 1: Ich glaube, zum einen war es für ihn diese... Bewuht, die er empfunden hat, dass jetzt die Generation danach so sehr man das seinen Kindern natürlich wünscht, dass sie es besser haben.
- 34:45Speaker 1: Gleichzeitig hat er aber auch, glaube ich, immer den Schmerz dabei gespürt, die hat die Wachstum im goldenen Löffel auf.
- 34:51Speaker 1: Drum musste er jedem ja immer sagen, ja, guck mal, wir hatten es damals, und als ich so alt war wie du und wir waren barfuß durch den Schnee, immer, und das wollten wir natürlich nicht hören.
- 35:02Speaker 1: Weil wir auch... Keine Lust hatten uns immer damit auseinanderzusetzen.
- 35:06Speaker 1: Und jetzt setze ich mich damit auseinander und ich verstehe ihn mehr denn je.
- 35:11Speaker 1: Aber eher so aus einer Sorge, weil ich dachte, es geht immer so weiter, dass es den Kindern mal besser geht.
- 35:19Speaker 1: Dass wir Frieden haben, dass sie nur irgendwie gut einen Schulabschluss machen müssen, dass sie dann sorgenfrei in die Zukunft gehen können.
- 35:27Speaker 1: Und ich weiß nicht mal mehr, ob wir noch in zehn Jahren eine Demokratie haben.
- 35:32Speaker 1: Und ob, wie die Winter bei uns sind, ob wir ein Winter haben, ob der vielleicht polarmäßig super kalt wird, ob wir nur noch Dürren haben und Überschwärmungen oder ein Wassermangel.
- 35:45Speaker 1: Ich bin Mama und ich hab Sorge.
- 35:49Speaker 0: Du sprichst das gerade an, du bist Mutter.
- 35:52Speaker 0: Weil wir schon ein bisschen über transgenerationale Traumata gesprochen haben, auch darüber, dass du dich damit ja auch viel beschäftigt hast.
- 36:02Speaker 0: Gab's einen Moment, wo du auch im Zuge des Buches und der Beschäftigung mit all diesen Themen, wo du für dich selber gemerkt hast, oh, ich muss da jetzt auch was tun, damit ich dieses Trauma möglichst nicht weitergebe und dass ich vielleicht dann auch für die nächste Generation da in irgendeiner Form vorsorgen kann und mich da selber erst mal heilen kann.
- 36:26Speaker 1: Ja, also ich glaube ... Was epigenetik angeht, ist der KSE-Bissen.
- 36:31Speaker 1: Also ich kann die Gene nicht verändern und meine Tochter hat sicherlich einen ganzen Katalog voll Neurosen von mir mit auf die Festplatte bekommen.
- 36:41Speaker 1: Das geht gar nicht anders.
- 36:43Speaker 1: Und da bin ich sehr sensibel.
- 36:44Speaker 1: gerade auf das Thema Erstörung angeht, da monitoriere ich sie sehr eng, weil sie mir so krass ähnlich ist in vielerlei Hinsicht.
- 36:51Speaker 1: Und ich da oft gar nicht weiß, woher ich aufhör, wo fängt sie an oder umgekehrt.
- 36:57Speaker 1: Und natürlich hat sie auch meine Belastung, mein Burnout mitbekommen.
- 37:00Speaker 1: Und da war ich in größter Sorge, weil ich da eine Parentifizierung gefürchtet habe.
- 37:05Speaker 1: Also ich merkte schon sehr, dass sie sich dann anfängt, um sich um mich zu kümmern.
- 37:09Speaker 1: Und das ist not her job.
- 37:12Speaker 1: Das ist über ihren Level an Verantwortung.
- 37:14Speaker 1: Deswegen habe ich... Schon beim Buch eins, das ich mit der Tanja Marvoh damals über Essstörungen geschrieben hatte, sei es egal, schon extrem, auch angefangen nachzudenken, was hat mir meine Mama als erstes weibliches Roll-Model vorgelebt, wie Frau sein geht.
- 37:29Speaker 1: Und da habe ich erst mal gemerkt, wie viel ich für selbstverständlich gehalten habe, dass man als Frau sich so verhält.
- 37:35Speaker 1: Dass man zum Beispiel vor dem Spiegel steht und an sich rummerkelt.
- 37:38Speaker 1: Ich dachte, Frauen machen das so.
- 37:39Speaker 1: Das gehört dazu.
- 37:41Speaker 1: Dass man sich von Spiegel speellt und sagt, du bist zu fett.
- 37:46Speaker 1: Und da habe ich erst dann weiter drüber nachgedacht, was lebe ich der Fani eigentlich vor?
- 37:52Speaker 1: Und deswegen versuche ich eigentlich, dass es eigentlich mein Hauptantrieb, dass ich versuche, möglichst happy und stabil für sie zu sein und ihr gesundes Selbstbewusstsein vorzuleben.
- 38:04Speaker 1: Auch wenn ich es so nicht fühle vielleicht.
- 38:08Speaker 1: Aber ich will nicht vor dem Spiegel stehen und drum mäkeln an mir.
- 38:12Speaker 1: Das soll sie nicht sehen.
- 38:14Speaker 1: Aber natürlich mache ich es trotzdem ab und zu.
- 38:16Speaker 1: Es wird fortgeschritten weiter.
- 38:18Speaker 1: Wäre es auch blöd zu behaupten, dass ich davor stehe und sage, Mensch, bin der Gewebs Schwäche.
- 38:25Speaker 1: Heute besonders schön.
- 38:26Speaker 1: Die Erdannziehung.
- 38:27Speaker 1: Ich sehe es an dir.
- 38:29Speaker 1: Das ist ja rauchgelogen.
- 38:33Speaker 0: Du hast in einem anderen Interview relativ ausführlich erzählt, dass diese Essstörung für dich im Rückblick auch so ein... verlangen nach kontrolle war.
- 38:44Speaker 0: also dieses dieses dieses last resort in dem du quasi Kontrolle ausüben konntest über dich selbst über dein körper über Ja wo wo dir eben keiner rein pushen konnte von außen Wie kommt man denn da eigentlich raus?
- 39:03Speaker 0: also wie kommt man da irgendwann an den moment wo man sagen kann nee da draußen gibt es noch viel mehr was ich sein kann was ich machen kann wie ich mich selbst verwirklichen kann, wie ich, ja, ich sein kann.
- 39:18Speaker 1: Das geht nur mit einer... Also ich bin mir sicher, wenn das so ein harter Fall ist, wie ich es war und je länger man das hat, umso chronifizierter wird, das geht nur mit einem ganz klaren Entschluss auch von sich selber.
- 39:34Speaker 1: Also wirklich, sich selber die Frage stellen, will ich jetzt sterben?
- 39:40Speaker 1: Oder auch die nächste Frage?
- 39:43Speaker 1: Will ich mich damit einleben?
- 39:44Speaker 1: Soll das wirklich mein Begleiter sein, diese Sucht?
- 39:47Speaker 1: Und es ist eine Suchterkrankung.
- 39:49Speaker 1: Und du musst bei einer Suchten Entzug machen.
- 39:52Speaker 1: Und bei einer Erststörung ist es einfach, dass du auch aus diesem Milieureausgenommen werden musst, dass dich kranke macht.
- 39:59Speaker 1: Dass du musst im Prinzip wirklich über losgehen und nochmal in einem Widecube anfangen zu überlegen, wer du bist.
- 40:07Speaker 1: Weil es ist so... Es ist so ein Reflex und so ein Teil von dir, diese Suchterkrankung, weil die gibt einem ja auch so viel.
- 40:13Speaker 1: Die gibt einem so viel Selbstbewusstsein und so viel Halt.
- 40:16Speaker 1: Das ist für Außenstehende völlig verquert natürlich.
- 40:21Speaker 1: Aber sie gibt so eine Struktur und dir so Halt, wenn du so schwimmst.
- 40:26Speaker 1: Und dafür musst du wirklich in ein sicheres Umfeld... wo du dir das abgewöhnt und das ist eine neue neuronale Wege zu legen.
- 40:34Speaker 1: Das ist ein ganz langer Prozess.
- 40:35Speaker 1: Das geht nicht von heute auf morgen und auch nicht mit eine Stunde Therapie pro Woche.
- 40:40Speaker 1: Das ist wirklich, braucht es ein langer Zeitraum.
- 40:43Speaker 1: Aber es lohnt sich.
- 40:46Speaker 1: I'm living proof.
- 40:47Speaker 1: Also ich habe jetzt bin so froh, dass ich diesen Dämon nicht mehr habe, der mich selbst, also ich war wirklich getrieben von mir selber.
- 40:58Speaker 1: Das ist so.
- 40:59Speaker 1: Nervig.
- 40:59Speaker 1: Wenn du deinen größten Feind nicht loswirst, weil du selber bist, das ist anstrengend.
- 41:05Speaker 1: Mein Leben war wirklich grauenvoll mit mir selber.
- 41:09Speaker 1: Und jetzt lebe ich echt gern mit mir zusammen.
- 41:12Speaker 1: Aber es war ein langer Weg.
- 41:15Speaker 0: Wann war denn eigentlich, also wenn man da in so einem Film drin ist und das auch über so lange Zeit irgendwie ja auch kultiviert ein Stück weit?
- 41:27Speaker 0: Wie schwer ist es dir denn gefallen, wirklich zu realisieren?
- 41:31Speaker 0: Also gerade auch in diesem neununddreißig Kilo Notfallmoment, wie ernst die Lage gerade tatsächlich ist.
- 41:38Speaker 1: Ja, das ist schwierig, weil du es ja immer klein redest.
- 41:42Speaker 1: Ach, weil du dich ja immer vergleichst und deswegen ist es ja auch das gefährliche an Social Media.
- 41:47Speaker 1: Dieses sich vergleichen.
- 41:49Speaker 1: bei uns war es damals nur, dass du die Nacktfoto in der Bravo irgendwie angeschaut hast oder im Schwimmbad warst oder in der Klasse oder... AG, rhythmische Sport, Gymnastik.
- 42:00Speaker 1: Aber jetzt kannst du dich auf Social Media permanent vergleichen.
- 42:04Speaker 1: Das tut den Menschen, insbesondere den jungen Mädchen, nicht gut.
- 42:07Speaker 1: Das ist so gefährlich.
- 42:15Speaker 1: Also das Vergleichnis ist ein und es hat dann auch irgendwann gar nichts mit Schönheitsideal zu tun.
- 42:19Speaker 1: Ich habe mich wirklich so aufgeregt, weil wir so eine Automatik, ich mache immer so ein Rentnersport, ein Shoutout an Gabi Fastner in Bad Tölz, ja.
- 42:27Speaker 1: Wir versuchen uns in der Familie immer so ein bisschen gegen unsere Rückenschmerzen gegenseitig zu motivieren, dass wir dreißig Minuten Gabi Fastner Sport machen und dann ins Eisbad gehen.
- 42:35Speaker 1: Dann ist ein guter Tag so.
- 42:36Speaker 1: Jedenfalls kriege ich jetzt deswegen immer Werbung geschaltet für Abnehmen und irgendwelche Zaubermittel.
- 42:41Speaker 1: Trinkt nur Kokoswasser mit ... Zwei links gedrehten, was weiß ich, Brause-Tabletten und Natron.
- 42:53Speaker 1: Und dann hat wieder irgendeine Zaubermaus gesagt, ich habe es so abgenommen.
- 42:59Speaker 1: Ich war fast magersüchtig, so habe ich abgenommen.
- 43:02Speaker 1: Ich habe mir gedacht, nein, das kannst du doch überhaupt nicht sagen.
- 43:05Speaker 1: Bloß weil du ein Gewichtsverlust hast, hat es nichts mit Magersucht zu tun.
- 43:09Speaker 1: Das ist eine psychische Suchterkrankung.
- 43:12Speaker 1: Nur Gewicht verlieren ist nicht gleich Magersucht.
- 43:14Speaker 1: Es ist einfach eine psychische Komponente, dass du überperformen musst und dass du dich selber hast und dass du überall die Beste sein musst und krankhaft ärgereizig bist, superperfektionistisch und dich einfach so ablehnst.
- 43:27Speaker 1: Da steckt einfach viel mehr dahinter.
- 43:29Speaker 1: Und Social Media ist einfach brandgefährlich, weil sie so viel Bullshit erzählen.
- 43:34Speaker 1: Und deswegen glaube ich, dass die Generation heute und die Mädels damit noch viel gefährdeter sind.
- 43:39Speaker 1: Und deswegen gehen die Zahlen ja auch so hoch.
- 43:41Speaker 1: Als Vergleichen ist die Hölle.
- 43:44Speaker 0: Woher kommt das eigentlich?
- 43:45Speaker 0: Also was denkst du?
- 43:46Speaker 0: Woher kommt das, dass wir mit diesen Leiendiagnosen sozusagen inflationär um uns herum werfen?
- 43:54Speaker 0: Also das will sagen, ich war fast magersüchtig oder du hast eine Essstörung oder du hast eine Depression, du bist ein Nazist, du hast ein Burnout.
- 44:03Speaker 0: Also das ist ja fast inflationär inzwischen.
- 44:06Speaker 1: Total.
- 44:09Speaker 1: Zum einen finde ich es natürlich gut, dass wir eine psychologisierte Sprache haben und ein Bewusstsein dafür.
- 44:14Speaker 1: Das ist ja auch nicht nur falsch, das hat ja auch gute Seiten.
- 44:18Speaker 1: weil wir uns der Thematik bewusster sind und damit auch das Ganze enstigmatisieren.
- 44:23Speaker 1: Auf der anderen Seite habe ich dann schon manchmal den Eindruck, dass man sich fast irgendwas halten muss, so eine Neurose, um irgendwie sich selbst zu vergewissern, was man ist oder für bestimmte normale Tätigkeiten oder vielleicht, dass man zum Beispiel gerne prokrastiniert oder faul ist halt einfach, dass man dafür dann irgendeine psychische Malese braucht als Entschuldigung, die man dann so vor sich herträgt.
- 44:42Speaker 1: Das ist ja fast auch schon eine Modeerscheinung, dass man sagt, ich habe ADHS.
- 44:45Speaker 1: Wenn du aber wirklich eine Neuro- ... In unserer Diversität hast du es gar nicht oft so cool, dass du damit jetzt zu haushalten gehst.
- 44:54Speaker 1: Und ich finde es auch blödes, als Entschuldigung für irgend einen zu spät kommen zu nehmen.
- 44:58Speaker 1: Es hat alles eine Frage der Gewichtung.
- 45:00Speaker 1: Ich will da niemand vorunglimpfen.
- 45:03Speaker 1: Aber ich glaube schon, dass wir, ich glaube dadurch, dass wir so viele Stunden auch am Tag damit verbringen, auf Social Media unterwegs zu sein.
- 45:13Speaker 1: Dass wir einfach verlernt haben, wirklich in einem konkreten Umgang oder miteinander auszukommen oder uns zu begegnen, also einfach auch sich abzudäten im öffentlichen Raum, was ist eigentlich normal?
- 45:24Speaker 1: Ich glaube schon, dass diese Begegnung fehlt.
- 45:27Speaker 1: Deswegen, auch wenn du nur auf vier Stunden am Tag auf Social Media unterwegs bist, fühlst du dich natürlich schlecht, weil alle ja behaupten, sie sind schlankreich und schön und mindestens Taylor Swift.
- 45:39Speaker 1: Geh mal irgendwie in Schwimmbarten unter Haching.
- 45:42Speaker 1: Das ist für die Psyche besser.
- 45:44Speaker 1: Oder in die Terme Erdingen.
- 45:46Speaker 1: Vergleich dich mal dort.
- 45:48Speaker 1: Ich glaube, uns fehlt der Sinn fürs Normale.
- 45:52Speaker 1: Und wir nehmen dann alles, was normal ist, als unzulänglich war und als unglamourös.
- 45:59Speaker 1: Und ich glaube, unser Anspruch an Glamour ist einfach auch ein bisschen zu groß.
- 46:05Speaker 0: Wobei ich sagen muss in der Terme Erding im Nacktbereich kann man auch viele Dinge sehen, die nicht normal sind.
- 46:09Speaker 0: Aber das ist dann wieder eine andere Nummer.
- 46:12Speaker 1: Ja, aber guck mal zum Beispiel den World Obesity Report an.
- 46:17Speaker 1: Dann weißt du das.
- 46:20Speaker 1: ich glaube zwei Drittel der Menschheit sind übergewichtig und ein Drittel ist adipös.
- 46:25Speaker 1: Also das stimmt ja nicht.
- 46:27Speaker 1: Das was du auf Social Media siehst ist einfach komplett verzerrtes Weltbild.
- 46:30Speaker 1: Und wenn du das vergleichst und die viele bauen sich ja ihren eigenen.
- 46:34Speaker 1: digitalen Avatar und leben dann da in diesen Gruppen und in diesen Chats.
- 46:40Speaker 1: Und ich bin einfach so überzeugt, dass wir sind halt Rudeltiere.
- 46:45Speaker 0: Ja, wir haben ja auch komplett verlernt, was eigentlich ein gesunder Körper, ein normaler gesunder Körper ist.
- 46:50Speaker 0: Also wir haben ja, glaube ich, wenn wir hier eine Straßenumfrage machen würden, dann würde wahrscheinlich jeder sagen, naja, so ein bisschen durchtrainiert und keine Ahnung und definiert und schlank und wie auch immer.
- 47:04Speaker 0: Aber das ist ja erst mal kein Zeichen von Gesundheit.
- 47:07Speaker 0: Also, das geht ja schon viel früher los.
- 47:10Speaker 0: Ein gesunder, normaler Körper.
- 47:13Speaker 0: Da muss ich jetzt nicht der Bodybuilder sein.
- 47:16Speaker 1: Ja, oder eine normale Ernährung.
- 47:18Speaker 1: Und zwar gehört für mich immer noch Kochen dazu.
- 47:22Speaker 1: Und so viele Menschen haben gar keine Zeit mehr oder machen das nicht mehr.
- 47:26Speaker 1: Und deswegen hauen wir uns ja auch permanent irgendwelche Dinge rein, die gar nicht gut sind für uns.
- 47:31Speaker 1: Sie sicherlich toll schmecken.
- 47:33Speaker 1: Aber nicht zu hohe Energiedichte haben und so weiter und so fort.
- 47:36Speaker 1: Mir geht es ja wirklich nur um Gesundheit.
- 47:41Speaker 1: Ich finde, alles ist so extrem geworden.
- 47:44Speaker 1: Es ist extrem dünn und supersporty und irgendwelche komischen Ernährungsgewohnheiten, die schon definitiv pathologisch sind.
- 47:54Speaker 1: Oder es ist irgendwie völlig egal, Mr.
- 47:56Speaker 1: Flodder.
- 47:58Speaker 1: Es gibt dazwischen dieses Mittelmäßige.
- 48:01Speaker 1: Irgendwie mit Mittelmäßigkeit tun wir uns schwer.
- 48:04Speaker 1: Also ich versteh's auch.
- 48:05Speaker 1: Ich tue mir mit mittelmäßig auch schwer, aber je mehr, weil ich ja aber auch so getrimmt wurde zu.
- 48:10Speaker 1: Du musst immer besser sein als die anderen.
- 48:12Speaker 1: Deswegen war Mittelmäßigkeit der Untergang.
- 48:15Speaker 1: Aber je länger ich mich mit meiner eigenen Mittelmäßigkeit in manchen Bereichen abfinde, umso entspannter bin ich.
- 48:22Speaker 0: Wenn wir zum Schluss nochmal kurz zu deinem Vater und seiner Generation zurückspringen.
- 48:28Speaker 0: Wir leben ja in einer Zeit, in der wir ... diese Generation die quasi direkt traumatisierte auch durch den krieg und die zeit danach traumatisierte generation immer mehr verlieren auch tatsächlich allein altersbedingt.
- 48:45Speaker 0: was würdest du denn menschen raten die uns jetzt vielleicht zu sehen oder zu hören was können wir denn noch machen solange die noch da sind um um vielleicht auch unseren Familien und diese Transgeneration, dieser transgenerationalen Trauma weitergabe, entgegenzuwirken oder zumindest eine Aufarbeitung hinzubekommen.
- 49:11Speaker 0: Was würdest du den Menschen raten, die uns dazu hören, was können wir noch machen?
- 49:21Speaker 1: Ich weiß auch gar nicht, ich bin ja mit diesem transgenerationalen Trauma, ich bin ja wirklich eigentlich eher so durch Zufall drauf gekommen, wie eng eigentlich unsere Biografien von meinem Papa und mir.
- 49:32Speaker 1: verwoben sind.
- 49:33Speaker 1: Und da bin mir der Tragweite erst in dieser Traumatherapie bewusst geworden.
- 49:37Speaker 1: Aber erst mal ging es um ein ganz konkretes Trauma, das ich hatte durch einen Gewalterlebnis, dass ich hatte, dass mich unglaublich beeinträchtigt hat und eben diese Hyperrosals ausgelöst hat, diese Angstzustände und so.
- 49:47Speaker 1: Also es gab ja einen konkreten Anlass, weshalb ich mich darum gekümmert habe.
- 49:52Speaker 1: Und jetzt, ich glaube, dass man da sitzt wie Skaninchen vor der Schlange und sich abklopft, vielleicht meine Oma war jetzt aus dem Sodetenland, vielleicht habe ich jetzt auch irgendwie da was.
- 50:02Speaker 1: Ich glaube, das bringt uns nicht weiter.
- 50:04Speaker 1: Ich glaube, man muss jeder für sich gucken.
- 50:05Speaker 1: Habe ich irgendeinen Leidensdruck?
- 50:07Speaker 1: Und gehe ich dann damit um?
- 50:08Speaker 1: und ich finde es einfach lohnenswert, dass man versucht, zuzuhören und Gespräche zu führen, solange das noch geht.
- 50:14Speaker 1: Aber viele wollen ja auch sprechen und dann kommt nichts raus.
- 50:17Speaker 1: Ach, lass das doch.
- 50:20Speaker 1: Die meisten Menschen aus der Coorte machen, Alterscoorte machen jetzt zu.
- 50:26Speaker 1: Aber ich glaube, es lohnt sich schon auch noch mal.
- 50:28Speaker 1: Viele haben von uns ja von der Enkel oder ich bin ja noch Kindgeneration den Wunsch, dort hinzufahren an diesen Ort und irgendwas zu fühlen.
- 50:37Speaker 1: Also der Ort löst ja was aus, auch wenn man vielleicht noch gar nicht genau weiß, was.
- 50:41Speaker 1: Ich habe jetzt erst ein Jahr gebraucht, um nochmal zu gucken, warum bin ich da eigentlich hingefahren?
- 50:48Speaker 1: Und ich bin jetzt zu einem Punkt gekommen, wirklich, dass ich, glaube ich, den Wunsch hatte, dort hinzufahren.
- 50:54Speaker 1: Einmal richtig das zu beweinen, weil mein Papa hat ja nie geweint.
- 50:59Speaker 1: Außer einmal, als er mich an Weihnachten in die Erststörungsklinik gefahren hat.
- 51:02Speaker 1: Da habe ich ihn weinen sehen.
- 51:05Speaker 1: Und einmal noch, als er vor der Kamera stand für die Lebenslinien und das Interview geben wollte.
- 51:11Speaker 1: Da hat er dann auch geweint.
- 51:12Speaker 1: Das waren die zwei Mal, wo ich ihn habe weinen sehen.
- 51:14Speaker 1: Aber es gibt zu viel mehr eigentlich, was er beweinen müsste.
- 51:17Speaker 1: Und ich glaube, ich bin irgendwie seine Vessel.
- 51:21Speaker 1: Ich bin der Kanal, ich musste da hingehen und weinen.
- 51:24Speaker 1: Und jetzt ist irgendwie tiefer Friede, zumindest in mir, in ihm nicht.
- 51:29Speaker 1: Aber ich bin wesentlich ruhiger geworden, seit ich das gemacht habe.
- 51:34Speaker 1: Und ich glaube, wir sollten, das ist eigentlich mein einziger Tipp, wenn ihr so ein komisches Gefühl habt, dass ihr irgendwas machen müsst, macht es.
- 51:46Speaker 1: Nicht aufschieben, wirklich machen.
- 51:48Speaker 1: Und dann gucken, was passiert.
- 51:50Speaker 1: Aber einfach machen.
- 51:52Speaker 1: Macht die Reise, schiebt es nicht auf, wenn die Mama sagt, ich wurde die Oma, ich würde da gern mit euch hinfahren.
- 51:59Speaker 1: Fazit, nicht aufschieben und danach traurig sein, dass man es verpasst hat.
- 52:07Speaker 0: Das ist doch ein wunderbarer Appell zum Abschluss.
- 52:11Speaker 0: Ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit genommen hast.
- 52:13Speaker 1: Jetzt habe ich ganz viel Fragen an dich.
- 52:16Speaker 1: The other way round.
- 52:17Speaker 1: Genau.
- 52:18Speaker 1: Vielen Dank.
- 52:20Speaker 0: Sehr gerne.
- 52:22Speaker 0: Das war es leider schon.
- 52:23Speaker 0: Die letzte Runde ist ausgetrunken, das Gespräch zu Ende.
- 52:28Speaker 0: Vielen Dank fürs Zuhören.
- 52:30Speaker 0: Bitten im Rücksicht auf die Nachbarn und sei leise, wenn du die Bar verlässt.
- 52:35Speaker 0: Aber vergiss auf keinen Fall, den abonnieren Button zu klicken.