Latest / Raumrauschen / Das Abendmahl
Transcript
- Hallo und herzlich Willkommen zu Raumrauschen. Wir erzählen uns hier am digitalen Lagerfeuer persönliche Geschichten und blicken hinter die Texte der AutorInnen. Schön, dass ihr dabei seid. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Raumrauschen. Heute wieder mit der Lucia Traut. Hallo Lucia. Hallo. Schön, dass wir wieder zusammengekommen sind. Wir haben heute was Besonderes, nämlich wie jedes Mal eine neue Geschichte. Und vor der Geschichte gibt es ein Check-In. Wieder mit dem Wertvoll-Ich-Karten-Set. Den Link findet ihr wie immer in der Beschreibung. Und Lucia, du darfst mir jetzt folgende Karte beantworten. Nämlich, du hast in einem Wettbewerb gewonnen. Was wäre deine Siegerpose? Meine Siegerpose? Und da wir hier keinen Videopodcast haben, darfst du es gerne beschreiben. Oh, ich schummel jetzt ein bisschen. Geht auf die Raumrauschenseite und guckt mein Foto an. Da springe ich nämlich lustig auf einer Mauer hin und her. Das wäre meine Siegerpose. Boah, das ist ja, das ist gute Schummel. Es gibt nicht so gute Schummel und gute Schummel. Und ich würde sagen, schaut euch die Profilseite von Lucia an. Das ist ihre Siegerpose. Da hast du es ja auch ein bisschen einfach gemacht. Ja, ist bereit. Schön, dass es trotzdem so geworden ist. Du hast eine Geschichte mitgebracht, die lautet wie? Die heißt Das Abendmahl. Klingt sehr liturgisch, nicht wahr? Ist es gar nicht. Ja, wir sind hier zwei Theologen. Können nicht aus unserer Haut manchmal. Aber ihr werdet merken, es ist nicht so liturgisch. Dann hören wir mal rein, was hinter diesem Titel sich verbirgt. Das Abendmahl. Dieser Sommerabend mitten in der Woche, als die Freunde da waren zum Essen und danach der Wein und die Gespräche schmeckten in der kleinen WG-Küche, bis die Sterne durch das offene Fenster schienen und der Nachtwind die Stille der Stadt hereinblies und es zu spät wurde, um nach Hause zu gehen und das auch keiner mehr wollte, denn wir gehörten zusammen wie niemals zuvor. Da war er da, der Satz, bleibt doch hier heute Nacht. Und wenn ihr des Wachens müde seid, habe ich für jeden von euch einen Platz zum Schlafen. Als die Betten bereitet waren, schlief ich ein mit den Stimmen der Freunde im Ohr und fühlte mich geborgen. Am nächsten Morgen machten wir uns schweigend gemeinsam auf den Weg zur Arbeit. Mit müden Gliedern und vollen Herzen. Verwandelt. Gewandelt. Der Nachhall des Abends lag wie ein Zauber auf den Straßen. Musik. Vielen Dank für diese etwas andere Geschichte. Wir sind es ja von dir gewohnt, mehr Texte in Prosa zu lesen und auch zu hören. Und jetzt mal ein bisschen lyrischer. Ich schreibe tatsächlich eigentlich mehr Lyrik als Prosa. Das ist spannend. Dann bin ich mal gespannt, was so in Zukunft noch auf uns zukommt. Ist mal einer deiner gewohnten Texte vielleicht. Und trotzdem steckt dahinter ja eine Geschichte, die sich in etwa so abgespielt hat und die wir jetzt hier beim Gespräch mal so ein bisschen aufschlüsseln. Mich würde jetzt als allererstes interessieren, hast du den Satz gesagt, bleibt hier heute Nacht? Ja, genau. Das war bei mir in meiner, ja war es in der WG, also ich glaube zu dem Zeitpunkt war die WG schon keine mehr, weil meine Mitbewohnerin schon ausgezogen war. Also ich hatte eine kleine Wohnung in Münster unterm Dach. Also wirklich ganz kleine Wohnung, eine mini kleine Küche, ein kleines Schlafzimmer, ein kleines Wohnzimmer. Und meine Kollegen, Schrägstrich Freunde, also wir haben uns gut verstanden. Wir hatten uns spontan abends getroffen bei mir, um einen Wein zu trinken. Und es gab irgendetwas Gutes zu essen. Und ja, und irgendwie wollte keiner gehen, weil wir so gut im Gespräch waren. Und manchmal ist das ja so, dass Gespräche einfach auf einmal so tief werden und man sich so verbunden fühlt, auf so eine ganz besondere Art und Weise. Und dann, ja, ich weiß noch nicht mal mehr, ich glaube, im Text habe ich geschrieben, es war ein Sommerabend. Ich habe gerade das Gefühl, es war vielleicht mehr so Frühsommer oder Frühling. Aber so, wenn das Fenster auf ist und es langsam dunkel wird, also man kennt ja, glaube ich, auch diese Stimmung. Ja. Genau. Und es ging keiner und ich war irgendwann wirklich müde. Und habe dann gesagt, ihr könnt total gern hierbleiben heute Nacht. Es waren drei Menschen da zu Gast. Ich hatte ein großes Bett, in dem ich zu dem Zeitpunkt alleine geschlafen habe. Und ein Sofa, wo zwei drauf schlafen konnten. Und habe die in die Betten fertig gemacht. Und bin dann irgendwann, ich war die Erste, die aufgegeben hatte, die dann ins Bett gegangen ist. Und ja, es war wirklich so, wie ich da geschrieben habe. Ich habe im Bett gelegen und habe die Freunde in der Küche noch weiter reden, hören und das war so schön. Das war einfach schön. Und irgendwann in der Nacht ist eine Kollegin mit zu mir ins Bett gekrabbelt. Genau, und die beiden aneinander nehmen an ins Zimmer und am nächsten Morgen dann auch gemeinsam irgendwie noch zu frühstücken und dann sind wir wüttert. Zur Arbeit gefahren. Und dann war der Alltag wieder da. Ja, aber es war nicht so richtig Alltag. Also ich meine, einerseits, wenn man so einen sehr erfüllten, schönen Abend hatte und dann vielleicht auch so ein bisschen übermüdet ist, dann ist man ja auch noch so in der Stimmung. Und ja, es war also dieser Zauber oder diese Verbundenheit dieses Abends. Ich habe wirklich das Gefühl gehabt, das hat was mit uns gemacht. Also wir sind nochmal auf einer ganz anderen Ebene miteinander verbunden. Es sind nicht mehr nur Kollegen, sondern das ist irgendwie ein bisschen mehr. Und ich erinnere mich daran, dass wir in Münster im Kreuzviertel, also alle, die in Münster studieren, kennen das Kreuzviertel. Da gibt es eine Straße, da stehen japanische Kirschblütenbäume. Und in meiner Erinnerung sind wir an dem Morgen da durchgefahren mit den Fahrrädern. Und die Kirschblüten waren gerade dabei, so zu blühen, beziehungsweise ihre Blüten abzuschmeißen. Und das ist natürlich dann auch immer ganz zauberhaft. Das war der Zauber auf den Straßen. Das war der Zauber auf den Straßen, genau. Also dieses, wenn die Welt so rosarot und geschmückt ist und duftet und irgendwie lebendig ist und alles irgendwie so ein bisschen anders. Das können nur Kirschblüten, finde ich. Ja, wenn wir jetzt gerade aus dem Fenster gucken, jetzt blüht ja auch gerade wieder alles. Ja, und deswegen habe ich das ganze Ding, glaube ich, auch das Abendmahl genannt. Ja, ich würde gerne nochmal einen kleinen Schritt zurückgehen. Denn diese Frage, die du gestellt hast, dieses Bleibt hier heute Nacht und klar, keiner hat sich fortbewegt. Manchmal ist es eine Gemütlichkeit oder es ist so dieses, weil die Stimmung so toll ist. Was war denn so die erste Reaktion? Also erinnerst du dich vielleicht? Kannst du dich an die Zeit zurückversetzen? War das quasi, endlich hat es jemand gesagt oder gut, dass du es gesagt hast, das schwebte im Raum? Ich glaube, ja, so war das. Ich bin... Ich kenne das von meinem Zuhause nicht, dass man so Dinge so spontan gemacht hat. Das heißt, das war für mich auch irgendwie so ein Stückchen über das Springen, was ich kenne, so dieses anzubieten und jetzt bleib doch einfach hier spontan heute. Also eigentlich kennst du es so? Das kenne ich nicht. Gar nicht. Das kenne ich so nicht. Bei uns war immer alles geplant und lang angekündigt und so. Und das heißt, das kam bei mir wirklich aus dieser Situation heraus. So dieses, ich habe das Gefühl, ich möchte euch auch irgendwie noch gar nicht gehen lassen. Und ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass die dann alle sagen, jo, wir bleiben. Weil wir wohnten alle in Münster, die hätten alle einfach bleiben können. Okay. Genau. Und die hätten ja nur aufs Fahrrad steigen müssen und 10 Minuten oder vielleicht 20 Minuten durch Münster fahren müssen. Aber nee, sie sind alle geblieben und haben wirklich auch übernachtet. Und das war... Also vielleicht ist es auch das, was diesen Abend für mich so besonders macht, weil es für mich auch so ein großes Zeichen von Verbundenheit und von Vertrauen ist, dass man einfach spontan bei jemandem bleibt. Spannend zu hören. Ich kenne das auch, da ist man so ein Sicherheitsmensch oder so ein bisschen das Gewohn, dass alles geplant ist und plötzlich über seine Schatten zu springen. Und gleichzeitig, also es liest sich so für mich, dass dieser Wunsch da war, das so lange noch zu halten, wie es geht. Und jetzt springe ich, ich versuche mal die Brücke zu uns Theologen, wir sind ja gute Brückenbauer, über Bande spielen, auf deinen Titel, das Abendmahl. Das war ja auch, wenn ich jetzt so an diese Situation denke, vom letzten Abendmahl vielleicht sogar, dieser Moment, dass man sich als Apostel gewünscht hätte, da diesen Moment lange zu halten. Das ist ja auch kirchlich gesehen einer der Schlüsselmomente, den wir ja bis heute feiern im kirchlichen Kontext. Wo sich auf die Nachtwache anschließt. Genau, wo sich dann noch die Nachtwache anschließt. Also wo das, was du jetzt hier, ich spinne mal weiter in diese Richtung, und das, was du jetzt hier so schön mit deinen studierenden Kollegen oder mit deinen Kollegen gemacht hast, sich ja im Säkulat fortgesetzt hat. Ja, wenn ich mir nochmal angucke, wann dieser Text entstanden ist. Also der ist 2018 im April entstanden und das muss ja irgendwie zur Osterzeit gewesen sein. Dass dieses Erlebnis, ich denke, das war 2011 oder vielleicht sogar 2010, ich bin mir gar nicht ganz sicher, das habe ich wirklich, wirklich lang, glaube ich, mit mir rumgetragen, weil das sowas Besonderes war. Und dann in dieser Osterzeit 2018, da habe ich mir wahrscheinlich aus irgendeinem Grund Gedanken gemacht über das Abendmahl und über diese Ostertage und dann kam diese Erinnerung wieder hoch. Und die war noch so präsent und so klar, dass ich dann diesen Text geschrieben habe und in meinem Kopf sich das dann halt verbunden hat mit dem Abendmahl. Und ich glaube, das ist auch jetzt als Theologin gesprochen. Ich glaube, das ist das, was Jesus gemacht hat. Also nicht nur beim letzten Abendmahl. Das hat ja auch nochmal ganz eigene Dramatik und so. Also die möchte ich da gar nicht reinbringen. Der hat ja ständig mit den Leuten gegessen. Das war ja seine Art und Weise, Kontakt aufzunehmen und Gemeinschaft herzustellen. Und die sind ja auch herumgezogen als Wandergruppe. Die müssen ja dann auch bei den Menschen übernachtet haben. Und dann denke ich so, vielleicht ist es genau so ein bisschen dieses Gefühl, was in solchen Situationen entstehen kann, nicht muss. Wenn durchs Essen und Wein trinken so eine Gemeinschaft entsteht, die noch hält bis zum nächsten Tag und dadurch dann auch über eine gemeinsame Nacht hinweg, dann einfach dadurch verändert sich was. Man wacht am nächsten Tag auf und ist ein Stück weit ein neuer Mensch und eine neue Gemeinschaft und hat eine neue Verbindung. Und ich denke, das ist das, was im Christentum am Anfang passiert ist. Vielleicht auch so ein bisschen über den eigenen Schatten zu springen. Dieses Gefühl von, bleib doch da, es ist so schön. Und über die Grenze des Tages hinaus eine Verbundenheit zu spüren. Das finde ich so spannend, auch in dem Text, wie du es jetzt schriebst. Es ist ja auch ein Stück weit die Emmaus-Geschichte. Herr, bleib bei uns, denn es will Abend werden. Da gibt es auch, von wem ist das, dieses ganz tolle Abendlied. Ich habe jetzt gerade den Komponisten, das habe ich einmal im Chor gesungen. Bleibet hier und wachet mit mir? Nee, er bleibt bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget, so geht das. Das ist was Klassisches. Super, super schön und ja. Das ist genau diese Sehnsucht. Sprich deine Sehnsucht aus. Wenn da eine Situation ist, die dir geschenkt wird von Gemeinschaft, dann ist es auch okay, seine Sehnsucht aufzusprechen, diese Gemeinschaft noch ein bisschen zu halten, halten zu wollen. Ich würde fast sagen, dieses Wagnis auch einzugehen. Also in der Reaktion wurdest du ja bestätigt. Es hätte aber auch ganz anders sein können in dem Moment. Und dieses Wagnis einzugehen, diesem inneren Gefühl einen Ausdruck zu geben. Und das dann so belohnt zu werden. Ja, das war wirklich, ja. Und deswegen, also der Text ist viele Jahre nach dem Erlebnis entstanden, aber das hat wirklich was mit mir gemacht. Und ich habe gar nicht mehr zu all diesen Kollegen Kontakt, also manchmal ist das ja so, dass sich Berufswege trennen und anders entwickeln, ab und zu trifft man sich nochmal, aber es ist also für mich, zumindest auf meiner Seite, ist immer noch, also wenn ich sie treffe und sehe, ist immer noch irgendwie eine große Verbundenheit da, die einfach durchträgt, auch wenn man vielleicht jetzt nicht die letzten Jahre gar nicht mehr gesprochen oder gesehen hat. Kann so ein bisschen diese Referenz auf diesen einen Punkt, also auf diesen einen Tag vielleicht zurückverweisen und jeder nimmt ihn ja auch anders wahr. Genau. Lucia, wie würdest du denn, also du hast selber gesagt, der Text ist schon lange her, die Geschichte. Was würdest du sagen, wie geht Abendmahl heute? Oh, wie geht Abendmahl heute? Ich glaube, es geht gar nicht anders. Abendmahl heute. Ich glaube fast, es ist vielleicht nochmal noch ein bisschen schwieriger geworden. Also einerseits für mich jetzt, wenn ich jetzt von mir ausspreche, biografisch gesehen, lebe ich inzwischen ja in ganz anderen Bezügen mit Menschen, Groß und Klein zusammen. Da ist man vielleicht ein bisschen mehr wieder in diesem Planenden unterwegs. Aber ich glaube, zum Abendmahl gehört nicht immer nur, dass man was Großes miteinander plant, ein großes Essen oder einen schönen Abend, sondern dass das Abendmahl auch entstehen kann aus, komm, wir schmeißen zusammen, was da ist. Du bist gerade hier, bleib doch noch was, es ist doch so schön. Und ich gucke in den Kühlschrank und schaue mal, was passiert. Und die Erfahrung habe ich tatsächlich auch im Familienleben immer mal wieder gemacht, dass auf einmal Menschen da waren mit am Tisch, die man dann auf einmal mit an den Tisch eingeladen hat, ohne das jemals geplant zu haben und auch gar nicht so ganz sicher, haben wir eigentlich genug zu essen. Und dann kocht man gemeinsam sehr kreativ und dann ergeben sich dann aus dieser Spontanität auch nochmal ungeplante schöne Gemeinschaftsmomente. Und in all den Zeiten, wo wir mit Social Media uns so viel verbinden und das für mich eigentlich auch oberflächlich bleibt, ich glaube, dieses gemeinsame Essen ist wirklich total toll, weil das einfach einen Kommunikationsraum eröffnet. Deswegen Abendmahl oder Frühstück ist auch okay. Genau, am besten vielleicht noch mit einem Picknick. Dann wird es ganz besonders schön, wenn man auch noch an der frischen Luft ist. Was würdest du denn dir wünschen, so letzte Frage, was die Hörenden oder die Lesenden so am Ende noch mitnehmen von deiner Geschichte? Ich würde sagen, ich glaube, es ist wichtig zu merken, wenn man an sich solche Momente ereignen, Momente von besonderer Gemeinschaft. Und die auch gut zu bewahren im Gedächtnis. Jetzt sind wir wieder theologisch, im Herzen bewahren. Weil ich merke, dass das immer noch was mit mir macht, wenn ich daran denke. Also dass das wirklich ein Schatz ist, zu dem ich immer wieder zurückkehren kann. Wenn man sich das zugesteht und achtsam, dafür ist, dass sich sowas ereignet im eigenen Leben, das in irgendeiner Form für sich zu sichern. Und wenn das nur ist, wenn man an Kirschblüten denkt, dass das wieder hochkommt oder wenn man eine bestimmte Flasche Wein aufmacht oder durch ein bestimmtes Viertel geht oder was auch immer oder halt einen Text dazu schreibt, einen Tagebuchnotiz oder so. Ich glaube, das sind geschenkte Momente und das sind Kostbarkeiten. Die werden bleiben. Bleib dafür offen. Haltet die fest. Die werden bleiben. Das ist ein sehr schönes Schlusswort. Ich danke dir vor allem auch, dass du diesen Moment mit uns teilst und diese Geschichte unter den vielen Geschichten bei Raumrauschen jetzt auch seinen Platz findet. Vielen lieben Dank dir dafür. Von Herzen gern. Und wie immer ganz am Ende gibt es noch eine Schlusskarte, die Checkout-Frage und dann enden wir, nämlich der heutige Tag in einem Wort. Voll. Voll. Voll. Mehr darf ich nicht sagen. Stimmt. In diesem Sinne vielen Dank für die heutige Aufnahme. Ich wünsche dir jetzt noch alles Gute, Luzia. Bis zum nächsten Mal. Bis dann. Tschüss.