Latest / heute journal - der Podcast / PISA-Schock: Ist unser Bildungssystem gescheitert? Mit Gina Waibel und Kai Maaz
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- 0:08Ein PISA-Schock hat uns diese Woche erreicht und lässt bundesweit die Alarmglocken schrillen.
- 0:14Die Leistungen von Schülerinnen und Schülern haben einen historischen Tiefstand erreicht.
- 0:20Wir wollen wissen, woran liegt es?
- 0:23Hat das deutsche Bildungssystem versagt und lässt Kinder verdummen?
- 0:28Und wie könnte es besser werden?
- 0:30Außerdem sprechen wir über das Beben nach der Wahl in Sachsen-Anhalt und was
- 0:34Bildungspolitik unter der AfD bedeuten würde.
- 0:38Und damit sage ich herzlich willkommen zum Heute-Journal-Podcast.
- 0:42Heute sind mit dabei im Studio auch, das ist immer was Besonderes,
- 0:47wenn uns Gäste hier im Studio besuchen, Gina Weibel.
- 0:51Sie war zehn Jahre lang Lehrerin, hat letztes Jahr den Job aufgegeben und spricht
- 0:55heute auf Social Media über politische und demokratische Bildung.
- 0:59Sie ist da unter dem Namen Frau Weibel unterwegs und sagt, PISA zeigt,
- 1:04was passiert, wenn ein Schulsystem soziale Benachteiligung nicht ausgleicht, sondern verstärkt.
- 1:11Hallo Frau Weibel. Hallo, danke, dass ich da sein darf.
- 1:15Uns ist außerdem zugeschaltet Professor Dr. Kai Marz.
- 1:18Er ist einer der führenden Bildungsexperten des Landes vom Leibniz-Institut
- 1:23für Bildungsforschung.
- 1:24Er lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt und berät mehrere Bundesländer bei Bildungsthemen.
- 1:30Er sagt, man müsse aufhören, dabei nur Symptome zu bekämpfen und stattdessen
- 1:35früher ansetzen. Er hält aber nichts davon vor, schnell eine Bildungskatastrophe auszurufen.
- 1:42Hallo Herr Marz, schön, dass das klappt. Hallo, ich grüße Sie.
- 1:46Und außerdem mit dabei Anne Gelinek. Sie ist stellvertretende ZDF-Chefredakteurin
- 1:52und Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Aktuelles, zu der auch das Heute-Journal gehört. Hallo Anne.
- 1:57Hallo, danke und schön, dass ich da sein darf. Heute ist der 10. September, 14 Uhr.
- 2:05Die wohl bekannteste Bildungsstudie, die PISA-Studie, hat ja diese Woche ihr 25. Jubiläum gefeiert.
- 2:12Die Party fällt aber wohl aus, kann man sagen, weil jeder dritte Jugendlich
- 2:17in Deutschland Probleme beim Rechnen und Lesen hat.
- 2:20Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler sind sogar noch schlechter als vor
- 2:2425 Jahren, als wir diesen ersten großen PISA-Schock hatten.
- 2:29Frau Weibel, Sie haben ja zehn Jahre lang Unterricht mitgestaltet.
- 2:32Sie haben auch miterlebt, wie und was Kinder, Schüler und Schülerinnen lernen.
- 2:37War dieses schlechte PISA-Abschneiden, war das abzusehen oder waren Sie geschockt?
- 2:42Geschockt war ich ehrlich gesagt nicht. Ich war nur geschockt über so manche Aussagen von.
- 2:51Politikern und Politikerinnen, zum Beispiel wie die von Herrn Merz oder auch die von Frau Prien.
- 2:58Sie meinte ja gestern als Bundesbildungsministerin, dass sie überrascht sei,
- 3:05wie wenig die Eltern heute noch Interesse daran haben, dass ihre Kinder gut in der Schule sind.
- 3:12Und mich überrascht es insofern, dass eine Bundesbildungsministerin,
- 3:19verschiedene Lebensrealitäten nicht im Blick hat.
- 3:24Denn es gibt nicht die Eltern. Wir können nicht von den Eltern sprechen.
- 3:29Denn auch Ressourcen bei Erziehungsberechtigten sind unterschiedlich verteilt.
- 3:33Und ich mache es mal ganz konkret. Das eine Kind hat Eltern,
- 3:38Erziehungsberechtigte.
- 3:40Die bei den Hausaufgaben helfen können, weil sie selber einen akademischen Abschluss
- 3:45haben, die genug Zeit haben, die genug Geld haben, um auch irgendwie Nachhilfe bereitzustellen.
- 3:51Und das andere Kind hat das nicht. Und da müssen wir, glaube ich, genauer hinschauen.
- 3:56Mir geht es dabei um die Bildungsbenachteiligung und die Chancenungleichheit,
- 4:02die wir immer noch im Schulsystem haben.
- 4:04Und die Schule eben auch mit den Logiken, die jetzt bestehen, verstärkt.
- 4:11Und das überrascht mich eher. Und wenn wir uns mal genauer ansehen auch,
- 4:15die PISA-Studie sagt uns das auch. Denn zwischen privilegierten Schülern und,
- 4:21benachteiligten Schülern liegen 125 Punkte.
- 4:24Also Sie sprechen jetzt sofort die politische Diskussion schon an,
- 4:28die es seitdem gibt. Wird ja auch über die Frage diskutiert,
- 4:32ob man da mit dem Bildungssystem vielleicht in eine falsche Richtung gesteuert
- 4:35ist, was man verbessern könnte. Um die Fragen soll es hier ja auch gehen.
- 4:38Wir haben uns das auch angehört. Das war gestern. Da hat nämlich Friedrich Merz
- 4:42eben auf diese Ergebnisse in der Generaldebatte im Bundestag,
- 4:45hat er darauf Bezug genommen. Kommen wir hören da mal kurz rein.
- 4:48Die Ergebnisse, die wir dort gesehen haben, sind ernüchternd.
- 4:51Und wir wissen, dass wir gerade in der Bildungspolitik noch einmal eine wirklich
- 4:55große Kraftanstrengung brauchen.
- 4:57Ich will den Ländern ausdrücklich anbieten, dass wir noch einmal gemeinsam zu
- 5:02einer großen Kraftanstrengung finden, um die Situation der Bildung in Deutschland zu verbessern.
- 5:09Eines gehört aber auch dazu.
- 5:12Man kann Bildung und Erziehung nicht an den Staat outsourcen.
- 5:18Auch die Familien, auch die Eltern gehören dazu und haben eine Verantwortung.
- 5:26Professor Marz, gehen Sie da mit mit Friedrich Merz? Man könne Bildung nicht
- 5:31an den Staat outsourcen?
- 5:35Ja und nein. Also die Verantwortung für Bildung, insbesondere für Schulbildung
- 5:39und vor allem auch für die Grundschulbildung, Das sagt unser Grundgesetz,
- 5:43die liegt eindeutig beim Staat.
- 5:45Natürlich sind die Familien und die Eltern die ersten Ansprechpartnerinnen für die Kinder.
- 5:50Und wir müssen sie schon stärker in den Blick nehmen, aber nicht in der Perspektive,
- 5:54dass die veränderten Lebenswelten und die Realitäten, von denen Frau Weibel
- 5:59auch gerade gesprochen hat, allein die Familien auffangen.
- 6:01Wir müssen schon dafür sorgen, dass das Bildungssystem eine Voraussetzung schafft,
- 6:07um genau diesen Veränderungen gerecht zu werden.
- 6:10Und das ist für mich eigentlich der große Schockmoment gewesen,
- 6:13dass genau das jetzt nochmal dokumentiert wurde.
- 6:16Hier haben wir versagt. Man könnte sagen, nach PISA 2000 ist es dem System gelungen,
- 6:21eine gewisse Veränderungsenergie zu mobilisieren, weil es hat sich ja was verändert.
- 6:26Aber heute müssen wir feststellen, dauerhafte Veränderungsfähigkeit,
- 6:30davon sind wir ganz weit entfernt.
- 6:33Wenn wir uns nochmal die Studie selbst und das, was bei den Ergebnissen jetzt
- 6:37rausgekommen ist, das, was man dadurch feststellen kann, Aber was vielleicht
- 6:40man auch nicht dadurch feststellen kann,
- 6:43die PISA-Studie wird von der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
- 6:47und Entwicklung, organisiert.
- 6:5015-Jährige werden aus der ganzen Welt, aus 91 Ländern, zwei Stunden lang getestet
- 6:57in Mathe, Naturwissenschaften und Lesen.
- 6:59Und Anne, wir haben uns ja beide aus Neugier und natürlich auch für die Vorbereitung
- 7:04auf diese Folge ein paar Aufgaben daraus angeschaut.
- 7:08Ja, da sind ein paar ganz triviale Sachen dabei.
- 7:12Also ein Diagramm ist 80 Prozent mehr als 20 Prozent, finde ich jetzt nicht
- 7:16so schwierig zu beantworten.
- 7:18Aber es sind auch Sachen dabei, die ich sehr interessant fand,
- 7:21nämlich die, glaube ich, für junge Erwachsene oder 15-Jährige sind ja kurz davor
- 7:27erwachsen zu werden, sagen wir mal, die wirklich wichtig sind.
- 7:30Und da ging es zum Beispiel in einer Frage darum, ist Biobaumwolle umweltschädlich
- 7:36oder wie wenig belastet Biobaumwolle die Umwelt?
- 7:40Und dann wurden vier Quellen genannt und die Kinder, die Jugendlichen sollten
- 7:44nennen, welche Quelle ist vertrauenswürdig?
- 7:45Ist es die Quelle des Online-Shops, der Biobaumwolle verkauft?
- 7:50Ist es ein Artikel eines Journalisten, der über eine Konferenz berichtet oder
- 7:54ist es eine agrarwissenschaftliche Studie?
- 7:57Und das fand ich schon extrem interessant, weil da musste ich auch zweimal hingucken.
- 8:04Und ich habe dann die richtige Quelle gefunden. Das ist jetzt bei mir nicht
- 8:07so schwierig, weil ich ja den ganzen Tag nichts anderes mache, als Quellen zu checken.
- 8:11Aber das fand ich schon nicht so einfach für junge Erwachsene,
- 8:16das zu beurteilen. Und das ist aber total wichtig für den Alltag.
- 8:20Da waren ja auch so Fragen drin, ist eine Einzelfahrt mit der Freiburger Straßenbahn.
- 8:27Günstiger als das Tagesticket?
- 8:29Dinge, mit denen man täglich konfrontiert wird.
- 8:32Und wenn junge Menschen das nicht mehr können, dann ist das natürlich wahnsinnig
- 8:37wichtig, nicht nur für die Wirtschaft und für alles weitere,
- 8:40sondern einfach für den Alltag in einer digitalen Welt.
- 8:43Das ist mir auch aufgefallen, weil man könnte ja natürlich auch ganz ketzerisch
- 8:47sagen, was brauche ich noch, so eine Matheaufgabe, ich habe doch die KI,
- 8:50ich habe doch den Taschenrechner, aber bei diesen PISA-Aufgaben geht es ja wirklich darum,
- 8:55zu testen, ob die Schüler und Schülerinnen auch verschiedene Muster erkennen
- 8:59können, Informationen miteinander verknüpfen können, eben dieses tiefere Verständnis
- 9:04von den Aufgaben verstehen, um dann mit solchen einfachen oder mit solchen Alltagsfragen,
- 9:09die ihnen überall begegnen,
- 9:11auch umgehen zu können.
- 9:14Darf ich da kurz rein? Und zwar, da muss ich die Gegenfrage stellen,
- 9:18also was ich so die letzten zehn Jahre erlebt habe.
- 9:23Wie viel Platz gewähren wir solchen Themen im Lehrplan?
- 9:28Eigentlich so gut wie keine. Ich würde sagen, vielleicht 10 Prozent,
- 9:3220 Prozent hat etwas wirklich mit der Lebenswelt und mit dem Alltag der Schülerinnen und Schüler zu tun.
- 9:39Und ich appelliere schon lange dazu, dass wir wirklich einmal Platz machen müssen,
- 9:47im Bildungsplan, im Lehrplan, um diese lebensrelevanten Themen in den Vordergrund zu stellen.
- 9:52Ich würde doch hoffen, dass Medienkompetenz und der Umgang mit dem,
- 9:57dass das jetzt spätestens jetzt Einklang in den Lehrplan findet.
- 10:01Ich würde mal die Frage an den Bildungswissenschaftler weitergeben.
- 10:04Könnte das ein Grund sein für das schlechte Abschneiden,
- 10:08im PISA-Test, dass wir mit unseren Lehrplänen da vielleicht nicht flexibel genug
- 10:13sind, dass wir da noch zu altmodisch sind? Müssten wir da was überarbeiten?
- 10:17Ich meine, die Grundstrukturen des Bildungssystems, die reichen ja bis ins 19.
- 10:22Jahrhundert teilweise zurück.
- 10:25Also die Antwort ist nicht so einfach,
- 10:26wie sie möglicherweise erhofft sein könnte. Ich habe es befürchtet.
- 10:33Warum unsere Schülerinnen und Schüler so abgeschnitten haben.
- 10:40Aber natürlich müssen unsere Lehrpläne überarbeitet werden. Natürlich müssen
- 10:44wir überlegen, wo haben wir Ballast, den wir rausnehmen können.
- 10:47Und nicht gleich, um was Neues reinzupacken, sondern einfach auch,
- 10:50um Zeit für Vertiefung zu geben, um Zeit zum Üben zu geben, um Zeit zum Ausprobieren zu haben.
- 10:57Das müssen wir meines Erachtens dringend machen.
- 10:59Also man findet in jeder Schule Medienkompetenz als Gegenstand,
- 11:03nicht als eigenes Unterrichtsfach. Wir können auch nicht für jeden Gegenstandsbereich
- 11:06neue Unterrichtsfächer generieren.
- 11:09Also ein Jugendlicher von 15 Jahren ist über 30 Stunden in der Schule im Unterricht,
- 11:15dann kommen die Wegezeiten dazu, dann kommen Hausarbeiten dazu.
- 11:18Das heißt, das ist mehr als jemand, der eine 35-Stunden-Woche als Arbeitnehmer
- 11:22arbeitet. Da können wir nicht noch mehr raufpacken.
- 11:25Gerade bei der Digitalisierung und auch bei der Medienkompetenz,
- 11:28da hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz
- 11:32ja ganz klare Empfehlungen
- 11:34ausgesprochen, wie das sein könnte und wie man auch Informatik und Medienkompetenz
- 11:38ins Curriculum verankern kann.
- 11:40Also das würde ich schon ganz klar als eine ganz genuine Aufgabe von Schule verstehen.
- 11:48Jetzt kommt aber das Aber. Natürlich sind die Familien entscheidend.
- 11:51Wenn Kinder sehen, dass zu Hause jede Information mit der KI generiert wird,
- 11:55wenn nichts mehr mit dem Kopf gerechnet wird, dann machen Kinder das,
- 11:59was sie von Geburt an lernen.
- 12:01Sie lernen durch Nachahmung und insofern kann vieles, was in der Schule funktioniert,
- 12:06möglicherweise, wenn es zu Hause nicht gut läuft, auch zu Hause wieder rückgängig
- 12:11gemacht werden. Und deswegen muss man die Familien schon stärker mit ins Boot nehmen.
- 12:15Man darf jetzt aber das Abschneiden unserer Schülerinnen und Schüler nicht auf
- 12:19den Versagen der Familie schieben.
- 12:22Wohl aber haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Erwerbstätigkeit von Frauen
- 12:26und Männern, alleinerziehende Familien, große soziale, ökonomische Ängste einiger Familien.
- 12:32Das wirkt natürlich auch auf Kinder und Jugendliche und beeinflusst sie in ihrer Lernfähigkeit.
- 12:39Ich hatte ja am Anfang von Ihnen das Zitat vorgebracht, Sie halten nichts davon,
- 12:43eine vorzeitige Bildungskatastrophe auszurufen.
- 12:48Und natürlich liest und hört man jetzt überall vom PISA-Schock.
- 12:52Man muss ja aber auch dazu sagen, dass die Schüler und Schülerinnen wirklich
- 12:56schlecht abgeschnitten haben. Das stimmt so nicht. Da muss man differenzieren,
- 13:01weil Deutschland in allen getesteten Bereichen etwa im OECD-Durchschnitt liegt.
- 13:06Zum Teil auch leicht über dem EU-Schnitt.
- 13:09Bei Naturwissenschaften hat Deutschland zum Beispiel besser abgeschnitten als
- 13:13Frankreich oder auch als Spanien.
- 13:15Aber, das muss man auch sagen, der Durchschnitt kommt uns ja sozusagen entgegen.
- 13:20Das ist nämlich insgesamt sehr gesunken. Das heißt, andere Länder sind auch schlechter geworden.
- 13:26Das scheint also ein globales Problem zu sein. Woran liegt das, Professor Marz?
- 13:34Also ich finde erstmal die Einordnung sehr wichtig. Wir haben hier kein Einzelergebnis,
- 13:39was in Deutschland feststellbar ist, sondern wir haben es im gesamten Kontext.
- 13:42Die Mittelwerte gehen ein Stück weit nach unten. Und für mich wäre auch gar
- 13:45nicht der Mittelwert zu entscheiden und auch gar nicht der Rangplatz,
- 13:48an dem Deutschland steht, sondern im Prinzip die eingangs schon beschriebenen
- 13:5130 Prozent der jungen Menschen, die nicht hinreichend lesen können, die einem,
- 13:56mittellangen Text keinen Sinn entnehmen können, die nicht in der Lage sind,
- 13:59Informationen zu filtern.
- 14:02Weil das hat wirklich Konsequenzen, nicht nur für andere Fächer,
- 14:05sondern auch für die Lebensrealität.
- 14:07Ja, was hat sich verändert? Und davon ist nicht nur Deutschland betroffen.
- 14:10Natürlich sind die Rahmenbedingungen, unter denen wir heute leben,
- 14:13andere als vor 25 Jahren. Sie sind herausfordernder, sie sind unsicherer.
- 14:19Kinder und Jugendliche werden auch mit Ablenkungsverfahren.
- 14:25Medien ständig konfrontiert. Das heißt, die Konkurrenz um aktive Lernzeit ist
- 14:30heute eine völlig andere, als das noch mal zu meiner Schulzeit war.
- 14:34Und das wirkt sich natürlich auch auf das Lernen aus.
- 14:37Wenn Sie heute in einer S-Bahn sitzen, wenn Sie in einem Zug sitzen,
- 14:40dann sehen Sie nicht nur Kinder, auch viele Erwachsene, die hängen vor ihren
- 14:44Geräten, lesen möglicherweise Zeitungen. Was Sie aber weniger sehen,
- 14:47dass sich halt auch Kinder und Jugendliche unterhalten, dass sie sich austauschen.
- 14:50Und das gesprochene Wort schärft natürlich auch, das Bewusstsein für Sprache.
- 14:56Und insofern würde ich sagen, die Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden.
- 15:01Sie sind herausfordernder. Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden.
- 15:04Jetzt mache ich aber gleich eine ganz große Klammer. Die Vielfältigkeit ist
- 15:08mitnichten das Problem.
- 15:09Sondern das Problem ist, dass wir es in den 25 Jahren nicht geschafft haben,
- 15:13uns auf diese Vielfältigkeit einzustellen.
- 15:16Ich will das an einem Beispiel machen. Wenn wir einen Kindergarten haben,
- 15:20der sich aus 60 oder 70 Prozent von Kindern zusammensetzt, die nicht Deutsch
- 15:24als Familiensprache sprechen, dann ist das überhaupt kein Problem.
- 15:27Wenn wir aber implizit die Annahme haben, wenn die da nur fünf oder sechs Stunden
- 15:31sind und miteinander sprechen, dann behalten die sich auch die Instruktionssprache
- 15:34der Schule vor, dann liegen wir trefflich falsch, weil die sprechen kein Deutsch da.
- 15:39Das heißt, wir müssen relativ früh erkennen, gibt es Probleme im Spracherwerb der deutschen Sprache.
- 15:45Und wenn es die gibt, dann müssen wir frühe Förderung installieren und verbindlich
- 15:48machen. Das machen andere Länder zum Teil.
- 15:51Und da gehen die Kinder auch mit ganz anderen Voraussetzungen in die Schule
- 15:54und die stehen heute auch in dieser Ergebnisse besser da als wir.
- 15:59Also Sie haben die Grundvoraussetzungen, die sich natürlich stark verändert
- 16:05haben, im Vergleich vor 25 Jahren angesprochen, die Ablenkung,
- 16:09die überall auf uns lauert.
- 16:11Ich kenne das von mir selbst, wenn das Handy im Raum ist, ich kann mich nicht
- 16:13so gut konzentrieren auf den Text, ich werde ständig abgelenkt.
- 16:17Frau Weibel, haben Sie das im Unterricht auch erlebt, weil vor allem Sie haben
- 16:21sich ja dafür entschieden, ganz stark auch mit und auf Social Media zu arbeiten.
- 16:26Genau, also ich kann dem nur zusprechen.
- 16:32Ich habe erlebt, dass Kinder und Jugendliche schon einer Reizüberflutung ausgesetzt
- 16:38sind durch Social Media.
- 16:40Ich meine, ich kenne das auch von mir selbst und das steht wirklich in Konkurrenz
- 16:44mit Schule, die natürlich erwartet, dass sich Kinder konzentrieren können,
- 16:49Leistungsfähigkeit, Disziplin.
- 16:51Und ich glaube, es ist schwierig geworden, dass Schule nicht mehr langweilig
- 16:57ist, nachdem Kinder eben stundenlang auf Social Media gescrollt haben.
- 17:02Bei mir im Haus wohnt eine Lehrerin, eine junge Lehrerin, die sagt,
- 17:06wenn sie eine Frage stellt, dann sieht sie, wie alle ihre Schüler das Handy
- 17:09rausziehen und die Frage sozusagen mitzeichnen und die KI antworten lassen.
- 17:15Und die sammelt jetzt natürlich, die sagt alle Handys auf den Tisch. Und.
- 17:21Also das ist ja auch eine totale Herausforderung, dass die Schüler während des
- 17:25Unterrichts die KI für die Antworten befragen.
- 17:28Also wie man darauf reagiert.
- 17:31Vielleicht zwei Gedanken. Also das, was Sie gerade von Gellinick beschrieben
- 17:34haben, kann man ja ganz leicht ändern.
- 17:36Also da hat das Handy einfach nichts in der Unterrichtsstunde zu suchen. Punkt.
- 17:39Und das kann man auch als Schulgemeinschaft im Konsens ganz leicht durchsetzen.
- 17:44Zwei Gedanken zu dem, was Frau Weibel gesagt hat, nämlich die stimme ihnen völlig zu.
- 17:48Wir haben an dieser Stelle nicht das hinreichend ausgebildete Personal,
- 17:51das wir brauchen. Und da wird auch einiges verschlimmbessert möglicherweise.
- 17:55Auch bei einem hohen Engagement, das man, glaube ich, auch sehen muss.
- 17:58Aber der Umgang mit Fake News, der Umgang mit KI beispielsweise,
- 18:02macht für mich noch mal deutlich, je mehr wir von KI abhängig werden oder drohenabhängig
- 18:07zu werden, umso wichtiger werden fachliche Kompetenzen, wird Wissen sein.
- 18:12Nur mit dem Wissen, das ich in mir habe, kann ich ja einschätzen,
- 18:15ob ich eine Information habe, mit der ich weiterarbeiten kann oder ob ich sie zur Seite lege.
- 18:19Und dann haben sie ganz beiläufig ein Wort genannt, das ich total spannend finde,
- 18:23was wir viel, viel häufiger thematisieren müssen. Langeweile.
- 18:27Kinder haben verlernt, mit Langeweile umzugehen. und Langeweile ist ein Treiber für Kreativität.
- 18:34Wenn Sie einfach mal überlegen, jetzt werde ich mal gar nicht wissenschaftlich,
- 18:36gucke mir meine eigenen Kinder an, wenn die in Langeweile da auf der Couch liegen,
- 18:39dann dauert das eine Weile und wenn Sie das aber überwunden haben,
- 18:43dann haben Sie auf einmal Ideen.
- 18:45Die Sie vorher noch nie hatten und ich glaube, da müssen wir ran,
- 18:49also dieses ständig unter Beschallung sein
- 18:52und ständig unter Informationseinfluss, das nimmt uns Kreativität Und wir brauchen
- 18:57diese Freiräume, um einfach zu atmen und auch dem eigenen Geist ein bisschen
- 19:01mehr Raum zum Atmen, zum Denken zu geben.
- 19:04Jetzt sind wir da aber ja in einer echten Zwickmühle oder auch in einem Teufelskreis, würde ich sagen.
- 19:10Professor Marz, Sie haben gesagt,
- 19:12wie wichtig eben geschulte Fachkräfte seien, auch im Umgang mit KI.
- 19:16Ich habe mal geschaut, es gibt eine Berechnung vom Bildungsökonomen Ludger Wößmann,
- 19:23Er hat errechnet, es würde uns in den kommenden 80 Jahren Billionen Euro kosten,
- 19:28wenn wir unsere Bildung nicht verbessern. Das wäre das Dreifache unseres BIPs.
- 19:34Denn weniger Bildung, das bedeutet auch weniger Fachkräfte. Da haben wir es wieder.
- 19:39Sinkende Produktivität, weniger innovative Entwicklungen. Das heißt,
- 19:43in den Schulen entscheidet sich heute, wie gut es auch der Wirtschaft von morgen geht.
- 19:47Das heißt, das sollte eigentlich Anreiz genug sein, für die Politik dieses Thema
- 19:51auch ernst zu nehmen. Und auch weit oben auf die Agenda zu schreiben.
- 19:56Anne, hast du das Gefühl, das passiert gerade aktuell bei der Bundesregierung?
- 20:00Tja, wir haben ja in Deutschland das Problem, dass wir wieder das föderale System
- 20:05haben, an dem wir scheitern. Aber ich habe das Gefühl, wir hatten ja diese Woche
- 20:08im Heute-Journal die Bundesfamilienministerin Prien zu dem Thema auch als Gast.
- 20:15Die hat ja eine Kommission eingesetzt und gefragt, was machen wir mit Jugendlichen und Social Media.
- 20:21Die Kommission hat gesagt, erst ab 13 Jahren überhaupt, 13 oder 14 und bei bestimmten,
- 20:29Plattformen sogar noch weitergehende Beschränkungen.
- 20:32Also das spricht ja dafür, dass sie das Problem erkannt haben.
- 20:35Ob es sich dann politisch durchsetzen lässt, ist nochmal eine andere Frage.
- 20:39Und wir haben ja den Kanzler gerade gehört, der gesagt hat, wir wollen den Ländern
- 20:43da helfen, was ja heißt offenbar auch finanziell helfen.
- 20:47Also ich würde sagen, wir haben wieder mal kein Erkenntnisproblem,
- 20:50aber die Umsetzung ist natürlich schwierig.
- 20:54Worüber man diese Woche natürlich auch.
- 20:59In hohem Maße, man ist ja eigentlich nicht drum rumgekommen,
- 21:01um das Thema gesprochen hat, das ist, hatte ich eingangs auch schon angekündigt,
- 21:05dass wir darüber sprechen werden, das sind die Wahlen in Sachsen-Anhalt,
- 21:10bei denen die AfD ein Rekordergebnis erhalten hat, mit Abstand stärkste Kraft
- 21:16geworden ist, fast 44 Prozent der Stimmen geholt hat.
- 21:21Und da haben sich auch viele jetzt nicht nur in Sachsen-Anhalt,
- 21:24aber auch insgesamt AfD-Politiker und Politikerinnen und auch viele Menschen
- 21:28auf X zum Thema PISA jetzt diese Woche geäußert.
- 21:33Und da kam man zu dem Schluss, das habe etwas mit der Migrationspolitik,
- 21:41zu tun, weil es da auch Kurven gibt und Zahlen gibt und man eben sieht,
- 21:47dass es ab 2015 in der Lesekompetenz wieder nach unten geht.
- 21:51Also man hat nach dem ersten PISA-Schock sozusagen es geschafft,
- 21:56auch die Leistungen wieder zu
- 21:58verbessern und danach ging es sozusagen ab 2012, 2015 wieder nach unten.
- 22:05Professor Matz, gibt es da einen Zusammenhang? Können Sie das so bestätigen?
- 22:12Also die Antwort ist relativ klar und knapp.
- 22:16Nein, es gibt keinen kausalen Zusammenhang und den kann es auch gar nicht geben.
- 22:21Jetzt sage ich mal so, wenn es ihn denn gäbe, dann wäre es ja vielleicht gar
- 22:23nicht immer so schlecht, weil dann hätten wir einen Hebel, den wir angeben könnten,
- 22:26wüssten wir, wo wir Unterricht verbessern müssen, wo wir Förderung inszenieren.
- 22:30Also die Veränderungen in dem PISA-Trend, Sie haben es ja gerade schon beschrieben,
- 22:35die haben ja nicht erst 2015 angefangen, gerade im Lesen nicht.
- 22:37Das ging schon nach PISA 2009 los und da haben wir noch keine großen Zuwanderungsbewegungen
- 22:43kriegsbedingt, krisenbedingt nach Deutschland gehabt.
- 22:47Und selbst 2015 hat PISA zu einer Testung stattgefunden, da war noch kein Flüchtling
- 22:52aus Syrien in Deutschland angekommen, schon gar nicht in der Schule.
- 22:56Das heißt, das sind Argumente, mit denen man versucht, komplexe Sachverhalte zu erinnern.
- 23:02Mit einfachen Mitteln zu erklären, für die man keine empirische Evidenz hat.
- 23:06Richtig ist aber, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den erworbenen Kompetenzen
- 23:11und Merkmalen von Kindern und Jugendlichen.
- 23:13Da gehört auch der Migrationshintergrund und die Zuwanderungsgeschichte dazu.
- 23:17Da gehört aber auch dazu, ob eine Schülerin, ein Mädchen oder ein Junge ist.
- 23:22Da gehört auch dazu, hatten wir eingangs, aus welchen sozialen Konstellationen die Kinder kommen.
- 23:28Das heißt, natürlich gibt es Einflüsse, aber die sind in keines,
- 23:33keinenfalls kausal, dass sie diesen Negativtrend in Gänze erklären können.
- 23:37Ich finde, wir sollten das als Anreiz,
- 23:41nehmen, um zu überlegen, wie wir klug und gescheit mit Vielfalt in den Lehrsituationen,
- 23:47in der Gesellschaft, in den Familien, in den Vereinen, in der Kinder- und Jugendarbeit
- 23:52umgehen und das zum Thema machen.
- 23:55Letztendlich, wir brauchen Zuwanderung als Gesellschaft und insofern kann die
- 23:59Zuwanderung nicht das Problem sein, sondern das Problem ist die Art und Weise, wie wir damit umgehen.
- 24:04Wenn wir im Ausland leben würden,
- 24:06wir würden doch mit unseren Kindern zu Hause auch Deutsch sprechen.
- 24:09Das ist doch überhaupt nichts Schlimmes, das ist doch etwas Natürliches,
- 24:12dass man seine Familiensprache zu Hause spricht.
- 24:15Das braucht aber, wenn es aus den Familien nicht von alleine kommt,
- 24:18Anreizstrukturen, dass wir den Kindern es ermöglichen, die Instruktionssprache zu lernen.
- 24:24Vielleicht ein letzter Gedanke, der kommt mir in der öffentlichen Diskussion noch mal zu kurz.
- 24:28Wir reden dann oft bei Kindern mit Zuwanderungshintergrund von Sprachdefiziten.
- 24:33Die haben keine Sprachdefizite, sondern die sind eigentlich den anderen ein
- 24:36Stück weit voraus, weil sie mehrsprachig aufwachsen. Das heißt,
- 24:39sie haben wenigstens eine zweite Sprache neben der Muttersprache.
- 24:42Und das ist ein ganz großes Potenzial.
- 24:44Die Erkenntnis, dass wir daraus etwas machen, die ist so naheliegend.
- 24:48Und sollten wir jetzt wirklich in die Umsetzung bringen.
- 24:51Ich finde das total spannend und Sie haben da voll den Punkt getroffen.
- 24:58Ich möchte dahingehend auch mal die Arbeit von Rosemary Tracy gerne empfehlen.
- 25:04Sie spricht nämlich auch davon, dass sich zwei Sprachen oder drei Sprachen im
- 25:09Kopf der Kinder nicht in Konkurrenz stehen zueinander, sondern sich ergänzen können.
- 25:14Und dann brauchen wir wirklich ausgebildete Teams, die auch rassismuskritisch
- 25:24sind und auch Ahnung davon haben, wie man mit mehrsprachigen Kindern umgeht.
- 25:29Weil da passiert oft der Fehler, dass Menschen denken, es sind Sprachdefizite,
- 25:35was sie auch gerade gesagt haben.
- 25:37Und dann passieren Sprachverbote und das ist ein Fehler, denn das hindert eher
- 25:43die Kinder daran, Deutsch zu lernen. Genau.
- 25:46Frau Weibel, Sie sprechen ganz offen auf Social Media,
- 25:52aber auch in einem Buch, das Sie geschrieben haben über Rassismus in Schulklassen,
- 25:58über Diskriminierung, über rechtsextreme Positionen.
- 26:05Das gefällt aber nicht allen so gut. Da gab es Beschwerden gegen Sie.
- 26:11Sie haben sich nicht neutral genug verhalten.
- 26:15Haben Sie deshalb auch Ihren Beruf aufgegeben als Lehrerin?
- 26:19Ja, zumindest jetzt erst mal pausiert. Ich weiß nicht, ob ich noch mal zurückgehen werde.
- 26:25Aber das war mit ein Grund, weil ich auch nicht so die Rückendeckung gespürt
- 26:29habe vom System, von den Strukturen, die ich nicht mehr so verstanden habe.
- 26:33Ich erkläre mal einfach, was so die letzten Jahre von rechten Akteuren und auch
- 26:40seitens der AfD immer wieder in den Schulalltag reingetragen wurde.
- 26:46Dieses Neutralitätsgebot, was die ja immer wieder in die Debatte bringen,
- 26:52existiert so gar nicht, wie sie sich das hinbasteln, sage ich jetzt mal.
- 26:56Denn als Lehrkräfte haben wir die Aufgabe, im Rahmen der freiheitlich-demokratischen
- 27:00Grundordnung zu handeln und im Rahmen dessen neutral zu sein.
- 27:04Das bedeutet aber, dass wir uns klar und deutlich gegen Rassismus,
- 27:08gegen Diskriminierung, gegen jegliche Form von Menschenfeindlichkeit,
- 27:11Antisemitismus, Ableismus, Sexismus stellen und klar und deutlich positionieren.
- 27:18Und wir haben auch eine Aufgabe als Lehrkräfte, wenn man mal daran denkt, dass nach 1945 Schulen,
- 27:26zu demokratischen Räumen erklärt wurden, in denen Schülerinnen und Schülern
- 27:31in erster Linie demokratische Werte vermittelt werden sollten,
- 27:34dann ist es jetzt wirklich,
- 27:37ein Armutszeugnis, dass wir darüber sprechen müssen, würde ich mal sagen.
- 27:44Aber können Sie sich vorstellen, dass Lehrer in Sachsen-Anhalt an Schulen,
- 27:51wo in der Klasse 80 Prozent der Schüler für die AfD sind.
- 27:58Vielleicht sich nicht trauen, sich vor die Klasse zu stellen? Total.
- 28:03Und ich möchte da wieder betonen, ich möchte keine Lehrkräfte irgendwie bashen.
- 28:09Ich möchte wirklich klauen deutlich.
- 28:13Den rechten Akteuren und die AfD und den Strukturen die Schuld geben,
- 28:17die zugelassen haben, dass wir Lehrkräfte und dass Lehrkräfte und Schulleitungen
- 28:21eingeschüchtert wurden und nicht mehr wussten, was sie sagen dürfen und was nicht.
- 28:27Aber wir haben klar und deutlich einen Bildungsauftrag und dazu gehört auch
- 28:32politische Bildungsarbeit zu leisten. Aber hat Parteipolitik etwas im Klassenzimmer,
- 28:37zu suchen? Das würde ich noch ergänzen.
- 28:41Man darf nicht parteipolitisch sein. Also ich darf jetzt nicht vor der Klasse
- 28:44stehen und sagen, wählt Partei XY und wählt Partei XY nicht.
- 28:49Aber wenn in der Gesellschaft und in der Politik rassistische Aussagen getroffen
- 28:56werden zum Beispiel, dann habe ich auch die Aufgabe als Lehrkraft,
- 28:59diesem Unterricht zu thematisieren.
- 29:02In dem Zusammenhang Sachsen-Anhalt wurde ja auch das Thema Homeschooling häufig
- 29:08diskutiert. Die AfD möchte nämlich die Schulpflicht abschaffen.
- 29:12Eltern sollen wählen können, ob sie Kinder in die Schule schicken oder zu Hause unterrichten.
- 29:18Professor Marz, würde man Kindern damit was Gutes tun?
- 29:21Würde Kindern damit überhaupt nichts Gutes tun? Und es zeigt,
- 29:24dass auch hier wieder eine Diskussion geführt wird, die überhaupt nicht aktuell ist in Deutschland.
- 29:28Richtig ist, dass wir im internationalen Vergleich ein sehr strenges Schulrecht.
- 29:34Haben an der Stelle mit der Schulpflicht. Das ist in anderen Ländern durchaus anders.
- 29:38Das heißt aber nicht, auch im europäischen Kontext, dass die ganz hohe Quoten
- 29:42von Homeschooling haben.
- 29:44Und in Deutschland, auch nicht in Sachsen-Anhalt, ist mir nicht bekannt,
- 29:47dass es irgendeinen realen Bedarf gibt von Familien, die ihre Kinder zu Hause geschulen wollen.
- 29:53Das muss man ja, selbst wenn man es denn wollen würde, müsste man es ja organisationell hinbekommen.
- 29:58Und ich halte die Schulpflicht auch für ein hohes Gut, nämlich für die Ermöglichungsstruktur,
- 30:03den Kindern und den Jugendlichen das Recht auf Bildung zukommen zu lassen.
- 30:08Aber ich mache das immer mit so einem Beispiel. Wenn man einem Kind in der Grund-
- 30:11oder in der Weiterschule versucht, den Satz des Pythagoras zu erklären,
- 30:15wenn man das mit mathematischen Mitteln macht, dann kann man es sein lassen,
- 30:19weil das ist nicht Alltagsrealität.
- 30:21Wenn man aber versucht, über das Argument argumentieren, beweisen, verstehen zu kommen,
- 30:27Das mit praktischen Fragen verbindet, dann verstehen sie, hey,
- 30:31ich brauche das, auch neben der KI, um mich zurechtzufinden.
- 30:35Also diese Erdung der schulischen Inhalte an die Problemlagen und Herausforderungen,
- 30:41mit denen sich Kinder und Jugendliche beschäftigen, stärker zu berücksichtigen,
- 30:45das könnte eine Lösung sein, um Schule attraktiver zu machen.
- 30:48Jetzt bin ich weit von Ihrer Frage weggekommen, aber ich würde sagen,
- 30:52wir haben andere Probleme im deutschen Schulsystem, als über Homeschooling nachzudenken.
- 30:58Ich glaube, wenn man Kinder und Jugendliche fragen würde, wie viele von denen,
- 31:02von ihren Eltern unterrichtet werden wollen, dann wäre das Ergebnis ziemlich eindeutig, glaube ich.
- 31:08Ja, und Schule ist ja auch noch so viel mehr. Ja, soziale Kontakte.
- 31:11Ja, und sich mit Menschen auseinandersetzen, mit denen man nicht gut auskommt.
- 31:16Also der Lateinlehrer oder so. Also das ist doch wirklich kokolos.
- 31:22Wir haben doch das natürliche Experiment vor fünf Jahren gehabt.
- 31:25Als die Schulen zu waren, waren Eltern zwangsläufig gefordert,
- 31:31unterrichtsähnliche Situationen herzustellen.
- 31:35Mir sind viele Fälle bekannt und ich schließe mich da auch mit ein,
- 31:38wo das nicht nur gut geklappt hat zu Hause, sondern wo man sich gegenseitig
- 31:41mächtig auf den Keks gegangen ist.
- 31:44Kinder brauchen die Distanz von Eltern, sie brauchen verlässliche Ansprechpartner
- 31:49außerhalb der Familie, sie brauchen die Freunde, die Peers und alles,
- 31:52was damit zusammenhängt, den Ganztag und vieles mehr.
- 31:57Ich möchte noch ein etwas ansprechen, das mir ein bisschen paradox vorkommt,
- 32:02wenn man sich mit diesen PISA-Ergebnissen und auch mit anderen Bildungsstudien mal beschäftigt.
- 32:10Es ist ja so, dass heute deutlich mehr Schüler und Schülerinnen das Abi machen als noch vor 25 Jahren.
- 32:16Die Schulnoten und insbesondere auch die Abinoten, die sind tendenziell ja besser
- 32:21geworden. und trotzdem lassen wieder, wie wir diese Woche gemerkt haben,
- 32:26die Leistungen bei PISA nach.
- 32:27Haben wir da eine Noteninflation?
- 32:30Der Schluss liegt nahe, dass wir eine Noteninflation haben.
- 32:34Aber selbst wenn es denn so wäre, ist es nicht schlimm. Weil wir haben die Noteninflation
- 32:38ja dann nicht nur bei der Benotung der Ziffernote 1, sondern wir haben sie über das gesagte Spektrum.
- 32:43Insofern könnte dann sagen, wenn alle ein Stück weit nach oben rutschen,
- 32:47dann bleiben die Abstände zwischen den einzelnen Ziffernnoten.
- 32:51Relativ konstant und stabil. Und insofern ist die Eins von heute vielleicht
- 32:56nicht mehr die Eins von vor 20 Jahren.
- 32:58Aber auch die Eins von vor 20 Jahren war nicht die Eins von vor 40 Jahren,
- 33:02weil sich die Rahmenbedingungen ändern.
- 33:04Und letztendlich muss man sich da aber auch ein Stück weit ehrlich machen.
- 33:07Wir haben über Jahre, Jahrzehnte gepredigt, wir brauchen mehr Abiturienten,
- 33:12wir brauchen mehr Studierende.
- 33:13Und wenn man dann halt auch die Familien und die jungen Menschen hinbefähigt,
- 33:17dass sie das tun, dann darf man jetzt auch nicht auf der anderen Seite sagen,
- 33:21wir haben zu viele Menschen, die diesen Bildungsweg eingehen.
- 33:26Auf der anderen Seite halte ich es schon wichtig, dass man das monitort,
- 33:29welche Leistung steht mit welcher Note zusammen.
- 33:32Und da sind die Länder ja auch schon Wege gegangen, dass es Vergleichsarbeiten
- 33:36gibt, dass es auch fürs Abitur mittlerweile Aufgabenpools gibt,
- 33:40aus denen sich die Länder bedienen können.
- 33:43Mich würde da interessieren, Herr Marz, wie sehen Sie oder sehen Sie da den
- 33:47Fehler auch, dass wir zu früh selektieren. Also ich glaube, andere OECD-Länder...
- 33:54Da irgendwie liegen bei 14,3 im Durchschnitt vom Alter und wir irgendwie bei
- 33:589, ich habe es jetzt nicht ganz im Kopf. Wie sehen Sie das?
- 34:02Also vier oder sechs Jahre Grundschule. Ja, genau, vier oder sechs Jahre,
- 34:06außer Berlin und Brandenburg haben sechs oder andere Länder,
- 34:09haben vier Mecklenburg-Vorpommern mit der regionalen Schule,
- 34:11die hatten nochmal so eine Zwischenregelung.
- 34:14Also es gibt im internationalen Vergleich keinen Hinweis darauf,
- 34:17dass das frühe Selektieren irgendetwas bringt.
- 34:20Im Gegenteil, man sieht, dass Länder durchaus erfolgreicher sind,
- 34:25wenn sie später selektieren und Kinder länger gemeinsam lernen.
- 34:28Es gibt aber auch Länder, die nicht früh selektieren und trotzdem keine guten
- 34:34Leistungen hervorbringen. Also entscheidend wird weiter sein,
- 34:37was im Unterrichtskontext gemacht wird.
- 34:39Wenn ich mir ein System zeichnen könnte, dann würde ich nicht früh selektieren.
- 34:44Ich würde auch gar nicht unterschiedliche Schulformen zwischen Primar- und Sekundarschulstufe
- 34:48unterscheiden, sondern ich würde den Gedanken des Bildungscampus viel,
- 34:51viel stärker machen, wo ich nämlich die Kinder von der Kita bis zum Erwerb des
- 34:56Schulabschlusses, und egal welcher das ist, an einem Ort habe.
- 34:59Das hätte im Übrigen einen ganz großen strategischen Vorteil.
- 35:02Wir kommen jetzt in eine Situation, wo die Geburten zurückgehen.
- 35:05Das heißt, wir werden Personal freikriegen, weil wir weniger Kinder in der Kita
- 35:09haben, weniger Kinder in den Grundschulen und tendenziell später auch in den
- 35:13weiterführenden Schulen.
- 35:15Und jetzt darf nicht passieren, dass wir auf einmal das Personal reduzieren,
- 35:18sondern wir müssen es im System lassen. Drei Dinge, die man jetzt ändern müsste,
- 35:22um Schule und Bildung besser zu machen.
- 35:25Frau Weibel, was würden Sie da sagen? Welche sind das?
- 35:28Also was ich auch in meinem Buch immer wieder schreibe, wir brauchen
- 35:33unbedingt verpflichtende Module bereits im Lehramtsstudium und auch für Lehrkräfte
- 35:38Fortbildungen verpflichtende, die bereits im Dienst sind zu den Themen Rassismuskritik.
- 35:44Wir müssen unser schulisches Personal diversitätssensibel ausbilden,
- 35:47dass Lehrkräfte in der Lage sind, unterschiedliche Lebensrealitäten auch in
- 35:54der Notengebung zum Beispiel zu berücksichtigen.
- 35:59Und natürlich ganz, ganz wichtig, wenn wir nochmal den Blick auf Sachsen-Anhalt
- 36:04werfen, aber auch für alle anderen Bundesländer wichtig, wir müssen unbedingt
- 36:08Demokratiebildung in der Schule.
- 36:10Einen wichtigeren Stellenwert zuschreiben und dahingehend auch nochmal die Lehrkräfte
- 36:16bestärken, im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu handeln.
- 36:21Der erste wäre, das Bekenntnis der frühen Bildung jetzt wirklich ernst zu nehmen
- 36:26und umzusetzen und wirklich früh bilden und nicht in erster Linie betreuen.
- 36:31Das zweite wäre, weg vom fragmentierten Aktionismus, wenn Probleme sichtbar
- 36:37werden, Programme zu starten, Reformen, die dann nach kurzer Zeit wieder zurückgenommen
- 36:41werden, sondern ganzheitlich,
- 36:43zu denken, ähnlich wie es für den Schulbereich das Startchancenprogramm im Übrigen
- 36:47gerade versucht umzusetzen.
- 36:49Zur Erklärung, das Startchancenprogramm, weil es nicht jeder auf dem Schirm
- 36:53hat, da werden, ich glaube, 20 Milliarden in zehn Jahren in die Hand genommen,
- 36:59um vor allem sogenannte Brennpunktschulen zu unterstützen, oder?
- 37:02Ja, es sind 4.000 Schulen in herausfordernden Lagen. Das ist aber nur der eine
- 37:06Teil und der für mich spannende Teil ist, und das machen wir beispielsweise,
- 37:10in der wissenschaftlichen Begleitung des Programms.
- 37:13Wir arbeiten gar nicht mit den 4.000 Schulen zusammen, sondern wir geben Unterstützung
- 37:17und Qualifizierung direkt ins System, in die Unterstützungsstrukturen
- 37:21und können damit im Prinzip versuchen zu gewährleisten, dass es schon einen
- 37:25Transfer in der Entwicklungsphase gibt, dass wir die Steuerungsstrukturen.
- 37:30In den Kultusministerien hinterfragen.
- 37:32Deswegen sage ich, wenn man es konsequent umsetzt, kann es zum Game Changer
- 37:36werden, aber man muss sich dann auch selbst ehrlich machen und man muss das
- 37:39eigene Steuerungshandeln hinterfragen und gegebenenfalls ändern. Der dritte Punkt.
- 37:45Und da würde ich sagen, wir müssen endlich auch hier einen Schänzchen bekommen.
- 37:50Bildungspolitik muss ressortübergreifende Zukunftspolitik, Gestaltungspolitik werden.
- 37:56Und dann gehört sie nämlich auch ins Bundeskanzleramt und in die 16 Staatskanzleien
- 38:01unserer 16 Landesregierungen.
- 38:04Wenn man sich jetzt die Plakate der Landtagswahlen anschaut,
- 38:07dann sieht man da herzlich wenig von Bildung.
- 38:09Und das frustriert schon fast, weil letztendlich liegt ja Bildung in der Hoheit
- 38:14der Länder. Und da hätte es eigentlich zu einem ganz großen Thema werden müssen.
- 38:17Nächste, aber leider nicht.
- 38:19Dann bedanke ich mich schon mal an der Stelle in dieser Runde,
- 38:23dass wir über die Ergebnisse der neuesten,
- 38:26PISA-Studie sprechen konnten, über die Gründe des schlechten Abschneidens der
- 38:32Schülerinnen und Schüler in Deutschland und auch über die Frage,
- 38:35wie es denn besser gelingen könnte im deutschen Bildungssystem.
- 38:38Und ich würde ganz zum Schluss Ihnen und Euch noch die Gelegenheit geben,
- 38:42einen Lehrer oder eine Lehrerin zu grüßen.
- 38:45Es gibt ja, wenn man sich mal so überlegt, immer doch diesen einen oder diese
- 38:49eine Lehrerin, die tatsächlich einen vielleicht inspiriert hat oder deren Unterricht
- 38:55besonders viel Spaß gemacht haben.
- 38:57Und um das noch zu würdigen, habe ich mir das für den Schluss,
- 39:00würde ich mir das sehr gerne wünschen. Anne, wie ist es denn bei dir?
- 39:04Meiner sitzt auf der Wolke schon, aber es ist ein Religionslehrer, ein,
- 39:09evangelischer Religionslehrer, der gleichzeitig, ich bin in Duisburg zur Schule
- 39:12gegangen, auch Gefängnispfarrer war und uns ganz viel Lebensrealität in den
- 39:18Religionsunterricht gebracht hat.
- 39:21Wie schön. Bei mir ist es meine Deutschlehrerin aus der achten Klasse.
- 39:27Ich habe damals in allen Fächern, war ich schlecht, so zwischen vier und fünf
- 39:34würde ich sagen, vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern und in Deutsch
- 39:38hatte ich tatsächlich immer eine Eins oder eine Zwei.
- 39:41Und während die anderen Lehrkräfte mir geraten haben, lieber vom Gymnasium runterzugehen,
- 39:49war sie diejenige, die zu mir sagte, du musst unbedingt Lehrerin werden,
- 39:53wenn du Referate hältst.
- 39:55Also das ist wirklich was für dich.
- 39:57Und das ist mir so im Kopf geblieben und wegen ihr bin ich dann letztendlich
- 40:00auch Lehrkraft geworden.
- 40:02Das ist witzig. Ich grüße an der Stelle meine Englischlehrerin.
- 40:04Die hat mir nämlich davon abgeraten, Lehrerin zu werden. und meinen Deutschlehrer,
- 40:08der mich tatsächlich auf die Medien gebracht hat, weil ich im Deutschunterricht
- 40:12immer so Kurzfilme drehen durfte.
- 40:15Quasi eine moderne Verfilmung von Goethes Faust. Und das hat mir unglaublich
- 40:19viel Spaß gemacht. Also Grüße an Herrn Kognacki.
- 40:22Ja, ich grüße meinem ehemaligen Berufsschullehrer Herrn Müller,
- 40:26der auch schon von oben dazuschaut, der uns in Fertigungstechnik unterrichtet hat.
- 40:31Ich habe mal Werkzeugmacher gelernt und uns immer Freiräume gegeben hat und
- 40:37gerade in der Phase der Wende 89, 90, 91.
- 40:42Hat auch mal Lehrplan sein lassen und uns einfach Raum gegeben hat,
- 40:46uns als jugendliche junge Menschen unseren Fragen und unseren Problemen anzunehmen
- 40:50und über Gesellschaft und über Politik zu reden.
- 40:54Wenn ihr da draußen auch jemanden kennt, den ihr gerne grüßen würdet,
- 40:58ein Lehrer, eine Lehrerin, der oder die euch in besonderem Maße geprägt hat,
- 41:02dann schreibt das doch auch gerne in die Kommentare.
- 41:05Ansonsten herzlichen Dank an Kai Matz, Bildungswissenschaftler,
- 41:09an Gina Weibel, ehemalige Lehrerin und Bildungsinfluencerin und natürlich auch
- 41:15an dich, Anne Anne Gelinek,
- 41:18stellvertretende ZDF-Chefredakteurin.
- 41:22Danke auch fürs Zuhören, wenn euch das gefallen hat. Wir freuen uns riesig über
- 41:26ein Abo oder wenn ihr uns weiterempfehlt, auch über einen Kommentar oder eine
- 41:30E-Mail mit Feedback an heute-podcast.zdf.de.
- 41:34Bis nächste Woche.