Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 14
Transcript
- 0:01Kapitel 14 das Leck sie fand es nachts, weil man Lecks nachts
- 0:06findet, wenn das rauschendes Tages aufhört und das eine
- 0:09leise, beständige Geräusch übrig bleibt, das tagsüber untergeht.
- 0:12Die Redaktion war leer um diese Zeit, die anderen längst
- 0:16gegangen, die 23, die noch übrig waren von einer Mannschaft, die
- 0:19einmal 20 gewesen war. Lena saß allein im Großraumbüro,
- 0:24in dem die Hälfte der Schreibtische verwaist war,
- 0:26abgeräumt, die Monitore abgebaut, verkauft und über den
- 0:30leeren Tischen lag der Staub einer Branche, die starb und nur
- 0:34an ihrem Tisch brannte. Licht, eine Insel im Dunkeln und
- 0:37auf ihrem Bildschirm standen zahlen, sie hatte die Zahlen
- 0:39über Wochen zusammengetragen, Stück für Stück, mit der Geduld,
- 0:43die ihr von allem geblieben war. Das Land veröffentlichte sie
- 0:46selbst. Das war der Witz an der Sache.
- 0:49Das Land war stolz auf seine Zahlen, Transparenz hieß das in
- 0:52den freundlichen Farben, Quartalsberichte zur
- 0:55Landesinitiative, säuberlich aufbereitet, wie viele
- 0:58Rehaplätze vergeben, wie viele Facharzttermine vermittelt, wie
- 1:02viele Wohnungen zugeteilt, wie viele Kitaplätze, alles offen,
- 1:06alles einsehbar, ein Beweis, wie gerecht die Maschine arbeitete.
- 1:10Seht her, sagten die Zahlen, wir haben nichts zu verbergen.
- 1:13Und die meisten sahen hin und nickten und Blätterten weiter,
- 1:16weil eine Tabelle keine Geschichte erzählt, nicht von
- 1:19selbst. Eine Tabelle liegt da und
- 1:21schweigt, und das Schweigen einer Tabelle hält man für
- 1:24Unschuld. Lena hielt es nicht für
- 1:26Unschuld, sie hatte 20 Jahre gelernt, dass das Schweigen das
- 1:29Verräterischste ist, dass die Wahrheit selten in dem liegt,
- 1:33was eine Quelle sagt, sondern in dem, was sie auslässt.
- 1:36Und eine Tabelle ist nichts als eine Quelle, die auslässt.
- 1:40Also legte sie die Zahlen des Landes neben andere Zahlen, die
- 1:43das Land nicht dazu gelegt hatte, weil niemand sie dazu
- 1:46legen sollte, die Sozialdaten der Stadt öffentlich auch sie
- 1:49aber an einer anderen Stelle in einem anderen Bericht von einer
- 1:53anderen Behörde, sodass niemand auf die Idee kam, das eine neben
- 1:57das andere zu halten. Welche Viertel Arm waren und
- 2:00welche reich, wo die Geflüchteten wohnten, wo die
- 2:03Alten, die Alleinerziehenden, die Aufstocker.
- 2:06Sie legte die Landkarte der Zuteilungen neben die Landkarte
- 2:09der Armut. Und dann saß sie da, in der
- 2:11Nacht auf ihrer Lichtinsel und hörte das Leck, denn die Karten
- 2:15passten nicht zusammen, und genau in dem Nichtzusammenpassen
- 2:18lag es, die öffentliche Formel der Initiative war sauber, war
- 2:22neutral, war bedarfsgerecht, sie versprach, nach Dringlichkeit
- 2:26zuzuteilen, nach Wartezeit, nach medizinischer oder sozialer Not.
- 2:30Wenn die Formel hielt, was sie versprach, dann hätten die
- 2:33ärmeren Viertel, in denen die Not größer war, mehr bekommen
- 2:36müssen, nicht weniger schneller, nicht langsamer.
- 2:39Stattdessen war es umgekehrt, die Zuteilungen flossen in die
- 2:42guten Viertel, zu den stabilen Verhältnissen, zu denen, die
- 2:46ohnehin schon trugen, wer arm war, wartete länger, wer
- 2:50geflüchtet war, wartete am längsten.
- 2:52Der Bedarf zeigte in die eine Richtung und die Maschine teilte
- 2:56in die andere zu. Und zwischen den beiden
- 2:58Richtungen klaffte ein Spalt und durch den Spalt tropfte es leise
- 3:02beständig. Zahl um Zahl ein Leck in der
- 3:05Decke einer Stadt, die glaubte, es regne nicht herein, sie hatte
- 3:08die Zahlen nicht geschenkt bekommen, niemand schenkte einem
- 3:11etwas in diesem Beruf, am wenigsten Behörden, sie hatte
- 3:14Anträge gestellt, nach dem Informationsfreiheitsgesetz,
- 3:17höfliche, präzise und höfliche präzise Ablehnungen
- 3:20zurückbekommen, Betriebs und Geschäftsführer.
- 3:22Geheimnisse des Dienstleisters kein überwiegendes öffentliches
- 3:25Interesse die ganze Litanei, mit der ein Amt eine Tür zuhält,
- 3:30aber das, was das Land von sich aus veröffentlichte, um zu
- 3:32glänzen, das konnte es ihr nicht verweigern.
- 3:35Und so hatte sie sich aus den Glanzbroschüren
- 3:37Zusammengeklaubt, was die Glanzbroschüren nicht hatten
- 3:40zeigen wollen, nicht die Gesamtzahlen, auf die das Land
- 3:43stolz war, sondern die Aufschlüsselung, darunter die
- 3:46Kleine, die man veröffentlichte, weil man musste und von der man
- 3:49hoffte, dass keiner sie las. Zuteilungsquoten nach
- 3:52Stadtbezirk, Wartezeiten nach Postleitzahl, sie hatte sie
- 3:56abgetippt, von Hand aus Dateien, die sich nicht kopieren ließen,
- 4:00Zeile um Zeile, nächtelang mit dem Rücken, der davon schmerzte,
- 4:05und der Geduld einer Frau, die gelernt hatte, dass die Wahrheit
- 4:08fast immer in einer kleinen Zahl steht, in einer Fußnote, in
- 4:11einer Aufschlüsselung, die jemand pflichtschuldig
- 4:14veröffentlicht und insgeheim hofft, dass sie im Rauschen
- 4:16untergeht. Im Bezirk mit den höchsten
- 4:19Mieten kam ein Rehaplatz im Schnitt nach 11 Tagen im
- 4:23Plattenbau am Rand, wo die Aufstocker wohnten und die
- 4:25Geflüchteten nach 4040 gegen 11 bei gleicher medizinischer
- 4:30Dringlichkeit. Das stand nirgends als Satz, es
- 4:34stand nur in 2 Tabellen weit auseinander, in 2 verschiedenen
- 4:38Berichten, und niemand legte sie nebeneinander, weil niemand auf
- 4:41die Idee kam, dass die freundlichen Farben so etwas
- 4:44verbargen, sie schrieb es nicht gleich auf.
- 4:47Das war die Disziplin, die ihr Vater ihr nie hatte beibringen
- 4:50müssen, weil sie sie sich selbst beigebracht hatte an
- 4:52Geschichten, die ihr unter den Händen zerbrochen waren, weil
- 4:55sie zu früh geglaubt hatte, was sie sah, dass das, was man in
- 4:58der Nacht hört, am Morgen noch hält, dass ein Leck, das man
- 5:02gefunden zu haben glaubt, auch wirklich ein Leck ist und nicht
- 5:05der eigene Wunsch, eines zu finden.
- 5:07Also prüfte sie sich, sie spielte den Anwalt der
- 5:10Gegenseite, wie sie es immer tat, bevor sie etwas glaubte,
- 5:14die Zahlen konnten lügen. Die ärmeren Viertel hatten
- 5:17vielleicht andere Bedürfnisse, eine andere Altersstruktur,
- 5:20andere Krankheiten. Und vielleicht erklärte das den
- 5:23Unterschied ganz ohne böse Absicht.
- 5:26Korrelation war nicht Ursache das war das erste, was man
- 5:29lernte und das letzte, was man vergaß und sie wusste, dass die
- 5:33Maschine, wenn man sie damit konfrontierte, genau das sagen
- 5:36würde. Dass es Störfaktoren gebe, dass
- 5:38die Viertel nicht vergleichbar seien, dass der Spalt sich
- 5:41erklären lasse, harmlos, statistisch, ohne dass jemand
- 5:44etwas Böses getan hätte. Sie würden lächeln und auf die
- 5:48Komplexität verweisen, und die Komplexität würde den Spalt
- 5:51zuschütten, und am Ende stünde Lena da, mit 2 Karten, die nicht
- 5:55zusammenpassten, und niemand würde es ihr glauben, weil 2
- 5:58Karten, die nicht zusammenpassen, kein Beweis
- 6:01sind, sondern ein Verdacht, sie brauchte mehr.
- 6:04Das war der Moment in dieser Nacht, in dem die Geschichte
- 6:07sich vor ihr Aufrichtete. In ihrer ganzen Größe und ihrer
- 6:10ganzen Unmöglichkeit. Und Lena nahm ihr Notizbuch, das
- 6:13echte, das aus Papier, und schrieb auf, was sie brauchte.
- 6:17In der knappen Schrift, in der sie dachte, 3 Zeilen, 3 Beine,
- 6:21auf denen die Geschichte stehen musste, um nicht umzufallen, das
- 6:24erste Bein, die Zahlen, hatte sie den statistischen Schatten,
- 6:28den Spalt zwischen Formel und Ergebnis.
- 6:32Er bewies nichts allein, aber er zeigte, wo man graben musste.
- 6:36Das zweite Bein, der Bau, wie die Maschine wirklich rechnete,
- 6:41nicht die öffentliche Formel, die schöne neutrale, sondern die
- 6:44andere, die Verborgene, die zweite Formel, von der sie Theo
- 6:47erzählt hatte. Irgendwo gab es eine
- 6:50Spezifikation, eine Vorschrift, ein Stück Technik, in dem Stand,
- 6:54wie die Maschine die Menschen wirklich gewichtete, und solange
- 6:57sie das nicht hatte, war der Spalt ein Verdacht und kein
- 6:59Beleg. Aber das lag hinter Mauern in
- 7:02einer Firma, deren Namen sie nicht kannte, in einer
- 7:06Verwaltung, die sie nicht hineinließ sie hatte keinen
- 7:09Zugang. Eine Reporterin bei einem
- 7:11sterbenden Blatt hatte keinen Zugang zu der Blackbox, in der
- 7:14eine Stadt ausgerechnet wurde, das dritte Bein, die Menschen,
- 7:18die Zahlen, hatten keine Gesichter und eine Geschichte
- 7:21ohne Gesichter rührte niemanden, bewegte nichts, blieb eine
- 7:25Tabelle. Sie brauchte die Fälle, die
- 7:27Echten, die Benennbaren, die Frau, der man die Reha
- 7:30verweigerte, das Kind ohne Kitaplatz, den Menschen, den der
- 7:34Spalt nicht nur benachteiligt, sondern gekostet hatte.
- 7:37Sie brauchte jemanden von innen, aus den Kliniken, aus den
- 7:40Ämtern, der sah, was die Zahlen verschwiegen und der bereit war,
- 7:43es zu sagen, auch das hatte sie nicht.
- 7:46Wer von innen sprach, riskierte alles, und niemand riskierte
- 7:50alles für eine Reporterin, die in einem Blatt schrieb, das
- 7:53Morgen eingestellt sein konnte, 3 Beine.
- 7:56Sie hatte eines und das schwächste, die anderen beiden
- 7:59Lagen jenseits dessen, was sie erreichen konnte, hinter Mauern
- 8:03und hinter der Angst. Und Lena saß auf ihrer
- 8:05Lichtinsel in der Toten Redaktion und spürte, wie die
- 8:09Größe der Sache sich gegen sie wandte, wie das, was sie
- 8:11gefunden hatte, sie nicht stärker machte, sondern kleiner,
- 8:15weil sie nun wusste, was sie brauchte und wusste, dass sie es
- 8:18nicht hatte und nicht bekommen würde.
- 8:20Es war der Moment, in dem die Verbissenheit, die sie durch 20
- 8:23Jahre getragen hatte, sich zum ersten Mal gegen sie selbst
- 8:26kehrte. Leise ein Gedanke, den sie nicht
- 8:29zu Ende dachte, weil das zu Ende denken ihn wahr gemacht hätte,
- 8:32dass sie vielleicht die Geschichte ihres Lebens gefunden
- 8:35hatte und dass die Geschichte ihres Lebens vielleicht die war,
- 8:38die sie nicht erzählen konnte, weil sie zu klein war, zu spät
- 8:41an einem zu kleinen, zu späten Ort.
- 8:44Sie kannte den Gedanken aus einer anderen Zeit, von einem
- 8:47anderen Verlust. Ihre Ehe war an genau dieser
- 8:50Verbissenheit zerbrochen, an den durchgearbeiteten Nächten, an
- 8:53der einen Geschichte, die immer wichtiger gewesen war als der
- 8:56Mensch, der zu Hause wartete, bis er aufhörte zu warten.
- 9:00Sie hatte sich damals gesagt. Es lohne sich, die Treue zur
- 9:04Sache, das Festhalten, und sie war nie sicher gewesen, ob das
- 9:08stimmte oder ob es nur die Geschichte war, die sie sich
- 9:11erzählte, um den leeren Platz am Tisch zu ertragen, denselben
- 9:15leeren Platz, den ihr Vater am Küchentisch hatte, beide allein,
- 9:19beide einer Sache Treue, die ihnen die Menschen weggenommen
- 9:21hatte. Vielleicht war Treue nur ein
- 9:23schöneres Wort für die Unfähigkeit, loszulassen.
- 9:26Vielleicht war sie Lena nicht die mutige Reporterin, für die
- 9:29sie sich hielt, sondern bloß eine Frau, die nicht aufhören
- 9:32konnte, an einem Leck zu horchen, weil das Horchen das
- 9:34einzige war, was sie noch hatte, nachdem sie alles andere dafür
- 9:37hergegeben hatte. Der Gedanke war hässlich, und er
- 9:41war vielleicht wahr und das Schlimmste an ihm war, dass er
- 9:44nichts änderte, auch wenn ihre treue Dummheit war, sie konnte
- 9:48sie nicht ablegen, so wenig wie man sich entscheiden kann, ein
- 9:51Geräusch nicht mehr zu hören, das man einmal gehört hat.
- 9:55Sie ging trotzdem zu Brettschneider, man ging zu
- 9:58Brettschneider, auch wenn man wusste, was er sagen würde, weil
- 10:00er der Chefredakteur war und weil es das Verfahren so
- 10:03verlangte und weil ein Teil von ihr ein dummer, hoffnungsvoller
- 10:07Teil, immer noch glaubte, dass ein Mann, der einmal Journalist
- 10:10gewesen war, das Leck hören würde, wenn sie es ihm
- 10:13vorspielte. Sein Büro war das einzige, das
- 10:16noch ganz war mit Wänden, mit einer Tür, ein Relikt aus der
- 10:19Zeit, als die Zeitung noch Büros gehabt hatte und nicht nur ein
- 10:23Großraum mit verwaisten Tischen. Brettschneider war ein müder
- 10:27Mann hinter einem zu großen Schreibtisch mit dem Gesicht
- 10:29eines Menschen, der seit Jahren nur noch verwaltete, was
- 10:32schrumpfte, der jeden Monat eine Seite weniger machte und jeden
- 10:36Monat einen Grund mehr brauchte, morgens aufzustehen.
- 10:39Er war kein böser Mann, das machte es schwerer.
- 10:43Lena hätte einen bösen Chefredakteur ertragen, gegen
- 10:46einen hätte sie kämpfen können. Brettschneider war nur müde und
- 10:50gegen Müdigkeit kämpft man nicht.
- 10:51Müdigkeit gibt einem Recht und tut trotzdem, was sie tut.
- 10:55Sie hatten einmal zusammen Geschichten gemacht vor Jahren,
- 10:59als die Zeitung noch eine Zeitung war und Brettschneider
- 11:02noch ein Journalist und nicht ein Verwalter des Niedergangs,
- 11:05er hatte ihr damals beigebracht, was sie heute konnte, einer
- 11:09Quelle zuzuhören, bis sie sich verriet.
- 11:12Eine Tabelle zu lesen, bis sie sprach, nicht aufzugeben, wenn
- 11:15alle anderen Aufgaben. Er hatte ihr einmal betrunken
- 11:18auf einer Weihnachtsfeier, die es schon lange nicht mehr gab,
- 11:21gesagt, sie sei die Beste, die er je gehabt habe, und dass es
- 11:25ihm leid tue, dass sie in eine Zeit geraten sei, in der man das
- 11:28Beste nicht mehr brauche, das lag zwischen ihnen, all das,
- 11:32während er jetzt hinter seinem zu großen Schreibtisch saß und
- 11:35ihr die Tür zuhielt. Und es machte es nicht leichter.
- 11:38Es machte es unerträglich, weil sie in dem müden Mann den
- 11:41anderen noch sah, den, der ihr das Zuhören beigebracht hatte
- 11:45und der jetzt nicht mehr zuhören wollte, weil das Zuhören zu
- 11:48teuer geworden war. Sie legte es ihm vor, knapp
- 11:51Verben vorn, die 2 Karten, den Spalt, das, was sie brauchte,
- 11:55sie sah ihn dabei an, und sie sah, dass er es hörte für einen
- 11:59Moment, dass irgendwo unter der Müdigkeit der alte Journalist
- 12:02die Ohren spitzte, das Leck hörte, das sie ihm vorspielte.
- 12:06Für einen Moment war er wach, dann erlosch es wieder und er
- 12:10lehnte sich zurück und rieb sich die Augen und sagte den Satz,
- 12:13den sie gefürchtet hatte, in dem Ton, in dem man eine Tür im
- 12:16Dunkeln zuhält, gegen die schon jemand drückt.
- 12:19Lena, das ist groß, das ist sehr groß, und genau deshalb können
- 12:24wir es uns nicht leisten, wir können es uns nicht leisten, es
- 12:27nicht zu bringen, sagte sie, wir können es uns nicht leisten,
- 12:30falsch zu liegen. Er beugte sich vor.
- 12:34Du hast 2 Karten, die nicht zusammenpassen.
- 12:36Das ist kein Beweis, das weißt du selbst.
- 12:38Das hast du mir gerade selbst gesagt und du willst mit 2
- 12:41Karten die nicht zusammenpassen, gegen die Landesregierung
- 12:44schreiben, gegen die beliebteste Politik, die diese Stadt seit
- 12:47Jahren gesehen hat, weißt du was passiert, wenn wir das bringen
- 12:51und es kippt nur ein bisschen nur ein Detail, dann sind wir
- 12:55weg, nicht angeschlagen, weg, wir sind sowieso bald weg.
- 12:59Ja, sagte er. Und in dem einen Wort lag seine
- 13:02ganze Müdigkeit, sein Ganzes aufgeben.
- 13:05Aber ich entscheide, wie wir weg sind, und ich will nicht, dass
- 13:08das letzte, was diese Zeitung tut, ein Prozess ist, den wir
- 13:11verlieren, weil eine Reporterin eine Geschichte hatte, die sie
- 13:14nicht beweisen konnte. Er machte eine Pause, und dann
- 13:18kam es, das Eigentliche, das, weswegen er sie wirklich hatte
- 13:21kommen lassen, der weiche, höfliche Kern unter der Sorge,
- 13:24und es gibt noch etwas die Landesgesellschaft du weißt,
- 13:27dass sie inseriert. Bei uns jeden Monat eine halbe
- 13:32Seite, manchmal eine ganze. Das ist Lena, das ist das
- 13:36Einzige, was uns über Wasser hält im Moment diese Anzeigen
- 13:39und mir ist zu Ohren gekommen, dass man dort nervös ist, dass
- 13:42man dort gehört hat, eine unserer Reporterinnen
- 13:45recherchiere in eine bestimmte Richtung, es ist nichts gesagt
- 13:48worden, nichts Konkretes, niemand hat gedroht, nur
- 13:52Nervosität, und ich kann es mir nicht leisten, dass aus
- 13:55Nervosität etwas anderes wird, da war es.
- 13:58Das Leck von der anderen Seite nicht ein Verbot, nichts, was
- 14:02man hätte drucken können, kein Mann, der mit der Faust auf den
- 14:05Tisch schlug, nur Nervosität, nur eine halbe Seite anzeigen
- 14:09pro Monat, an der ein sterbendes Blatt hing wie ein Ertrinkender
- 14:12an einem Strohhalm, nur ein müder Mann, der nicht nein sagte
- 14:16zu ihr, sondern sei vorsichtig, wir können es uns nicht leisten,
- 14:20es ist nichts gesagt worden. Die ganze weiche, höfliche
- 14:23Maschinerie der Unterdrückung, die ohne einen einzigen harten
- 14:26Befehl auskam, weil sie die Angst und die Armut für sich
- 14:29arbeiten ließ. Du sagst mir, ich soll es
- 14:32lassen, sagte Lena, ich sage dir, du sollst vorsichtig sein,
- 14:36ausgewogen, ich sage dir, bring mir etwas wasserdichtes oder
- 14:40bring mir nichts, solange du 2 Karten hast, die nicht
- 14:43zusammenpassen, hast du nichts und mit nichts gehe ich nicht
- 14:46gegen die Hand, die uns füttert. Er sah sie an und in seinem
- 14:49Blick war etwas, das fast Mitleid war, das Mitleid eines
- 14:52Mannes, der einmal so gewesen war wie sie, und der wusste, was
- 14:56er ihr gerade nahm. Es tut mir leid, Lena, ich bin
- 14:59nicht der Feind, ich bin nur der, der die Lichter ausmacht,
- 15:03und ich will es ordentlich tun. Sie ging zurück an ihren Tisch,
- 15:06auf die Lichtinsel und setzte sich und die 2 Karten standen
- 15:10noch auf dem Bildschirm, der Spalt zwischen ihnen, das Leck,
- 15:13das nicht aufhörte zu tropfen, nur weil ein müder Mann die Tür
- 15:16zuhielt. Sie war müde, müde, als
- 15:19Brettschneider vielleicht auf eine andere Art die Müdigkeit
- 15:23eines Menschen, der noch nicht aufgegeben hat und der zum
- 15:25ersten Mal spürt, wie es wäre, aufzugeben, wie leicht es wäre,
- 15:29wie warm fast sie hätte es lassen können.
- 15:32Niemand würde es ihr vorwerfen, sie hatte 2 Karten und kein
- 15:36drittes Bein und keinen Zugang und einen Chefredakteur, der die
- 15:39Lichter ausmachte und einen Anzeigenkunden, der nervös war
- 15:43und ein Leben, das sie einer Sache geweiht hatte, die starb.
- 15:47Und vielleicht dachte sie, vielleicht war ihre Treue
- 15:49wirklich nur Dummheit gewesen, eine Verbissenheit ohne
- 15:52Gegenstand, das Festhalten an einem Beruf, der sie nicht mehr
- 15:56brauchte in einer Stadt, die ihn nicht mehr las.
- 15:59Sie dachte es zum ersten Mal ganz den Gedanken, den sie sich
- 16:03nie erlaubt hatte. Und er tat weh, körperlich ein
- 16:06Druck hinter den Augen und für einen langen Moment in der Toten
- 16:09Redaktion auf der schrumpfenden Lichtinsel war sie der Inversion
- 16:13ganz nah, dem Punkt, an dem die Idealistin zerbricht, und sie
- 16:16wusste nicht, dass es ihr Vater sein würde, der Zyniker, der sie
- 16:20davon abhalten würde, und sie wusste nicht, dass er an diesem
- 16:22Abend ein paar Straßen weiter mit einem reparierten Herzen im
- 16:26Bett lag und einen Fall in der dunklen Spalte trug, der genau
- 16:29das. Das war, was ihr fehlte.
- 16:31Ein zweites Bein, ein menschliches mit einem Namen und
- 16:342 vernarbten Maurerhänden. Sie wusste es nicht, sie sah nur
- 16:38die 2 Karten und den Spalt, und sie hörte das Leck, und sie
- 16:42konnte es nicht abstellen, so wie man ein Leck nicht abstellt,
- 16:44indem man weghört, weil das Wasser weiterläuft, ob man
- 16:47hinhört oder nicht, und irgendwann die Decke
- 16:49durchweicht, ob man will oder nicht, sie speicherte die Datei
- 16:54storchenpaare. Sie schloss den Rechner nicht,
- 16:57sie ließ ihn an die 2 Karten leuchteten weiter in der
- 17:00Dunkelheit und sie lehnte sich zurück und schloss die Augen und
- 17:03hörte zu dem Tropfen, dass niemand sonst hörte und sie
- 17:07wusste gegen alle Vernunft, gegen Brettschneider, gegen die
- 17:11Müdigkeit, gegen die Aussichtslosigkeit, dass sie
- 17:14nicht aufhören würde, nicht weil sie hoffte.
- 17:16Sondern weil sie es hörte. Und weil man, wenn man ein Leck
- 17:19einmal hört, nicht mehr aufhören kann, es zu hören.
- 17:22Und weil das Hören in ihrem Beruf eine Entscheidung war,
- 17:25genau wie das Schweigen in Jasmins Beruf.
- 17:28Eine Behandlungsentscheidung war, auch wenn keine der beiden
- 17:31Frauen das je voneinander erfahren würde, noch nicht
- 17:34draußen, wurde es hell, sie hatte die Nacht durchgearbeitet,
- 17:38wieder. Sie würde nach Hause gehen, ein
- 17:41paar Stunden schlafen und dann würde sie weitersuchen.
- 17:43Nach dem zweiten Bein und dem Dritten, ohne zu wissen wo, ohne
- 17:47einen Zugang, ohne eine Chance allein auf ihrer Insel.
- 17:51Und sie ahnte nicht, dass die beiden fehlenden Beine längst
- 17:54existierten. In einem Krankenhausspinnt und
- 17:56in einer Glaskanzel über einer Werkhalle.
- 17:58Und dass sie auf sie zukamen, langsam auf wegen, die sich noch
- 18:02nicht kreuzten, getrieben von denselben 2 Karten, die nicht
- 18:05zusammenpassten, und demselben leisen, beständigen Tropfen, den
- 18:09jeder von ihnen für sich allein hörte.
- 18:11In der Nacht, wenn das Rauschen aufhörte.