Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 162-173
Transcript
- 0:00Unterkapitel 162 Egoismus Nietzsche gibt hier eine
- 0:05ungewöhnliche Definition von Egoismus.
- 0:06Er nennt ihn das perspektivische Gesetz der Empfindung, das
- 0:11bedeutet, Egoismus ist für ihn kein moralisches Versagen,
- 0:14sondern eine grundlegende Eigenschaft unserer Wahrnehmung.
- 0:17Nach diesem Gesetz erscheint uns das, was uns am nächsten ist,
- 0:21immer groß und schwer, alles, was weiter von uns entfernt ist,
- 0:26nimmt dagegen an Größe und Gewicht ab.
- 0:30Das gilt für Dinge, aber auch für Menschen, Probleme und
- 0:33Gefühle. Unsere eigenen Sorgen, unsere
- 0:36eigenen Erfolge und unsere eigenen Schmerzen fühlen sich
- 0:40immer am wichtigsten an, einfach weil sie uns am nächsten sind,
- 0:45die Sorgen von Menschen auf einem anderen Kontinent
- 0:47erscheinen uns kleiner und leichter, weil sie weit weg
- 0:50sind. Nietzsche bewertet das nicht,
- 0:53sondern beschreibt es als eine natürliche Perspektive, aus der
- 0:56wir die Welt wahrnehmen. Unter Kapitel 163 nach einem
- 1:01großen Siege hier beschreibt Nietzsche eine psychologische
- 1:06Wirkung des Erfolgs. Das Beste an einem großen Sieg
- 1:10ist, dass er dem Sieger die Furcht vor einer Niederlage
- 1:12nimmt, der Sieger kann sich dann fragen, warum nicht auch einmal
- 1:17unterliegen, er kann sich eine Niederlage leisten, weil er sich
- 1:21nun reich genug dafür fühlt. Ein großer Erfolg stärkt das
- 1:25Selbstvertrauen so sehr. Dass man nicht mehr krampfhaft
- 1:29am Siegen festhalten muss. Man wird innerlich freier und
- 1:33kann sogar eine mögliche Niederlage als eine neue
- 1:35Erfahrung betrachten, ohne dass das eigene Selbstwertgefühl
- 1:38daran zerbricht. Man hat bewiesen, dass man
- 1:41gewinnen kann und ist dadurch über die Angst vor dem Scheitern
- 1:44erhaben unter Kapitel 164 die Ruhesuchenden Nietzsche meint,
- 1:50er erkenne Menschen, die Ruhe suchen.
- 1:56An den vielen dunklen Gegenständen, mit denen sie sich
- 1:59umgeben. Wer schlafen will, macht sein
- 2:01Zimmer dunkel oder kriecht in eine Höhle.
- 2:04Am Ende gibt er einen Wink für diejenigen, die nicht wissen,
- 2:08was sie eigentlich am meisten suchen und es gerne wissen
- 2:12möchten. Die äußere Umgebung spiegelt das
- 2:15innere Bedürfnis wider, Wer sich nach Ruhe, Rückzug und dem Ende
- 2:19aller Anstrengungen sehnt, wird sich instinktiv mit einer
- 2:22dunklen, reizarmen Umgebung umgeben.
- 2:25Die Sehnsucht nach Dunkelheit ist ein Zeichen für die
- 2:28Sehnsucht nach innerer Ruhe. Unterkapitel 165 vom Glücke der
- 2:33Entsagenden dieses Kapitel beschreibt das besondere Glück,
- 2:39das aus Entsagung entstehen kann.
- 2:41Wer sich etwas lange und gründlich versagt hat und diesem
- 2:45Ding dann zufällig wieder begegnet, wird es fast so
- 2:48empfinden, als hätte er es neu entdeckt, und jeder Entdecker
- 2:51empfindet dabei großes Glück. Nietzsche rät uns, klüger zu
- 2:57sein als die Schlangen, die zu lange in derselben Sonne liegen.
- 3:02Damit meint er, dass ständiger Genuss abstumpft.
- 3:06Erst durch den bewussten Verzicht wird die spätere
- 3:08Erfahrung intensiv und Glückhaft die Entsagung schärft die Sinne
- 3:12und macht den späteren, vielleicht zufälligen Genuss
- 3:16umso wertvoller. Es ist die Freude des
- 3:18Wiederfindens, nach langem Verlust Unterkapitel 166.
- 3:25Immer in unserer Gesellschaft, in diesem sehr persönlichen
- 3:30Aphorismus stellt Nietzsche fest, dass alles, was seiner
- 3:33eigenen Art entspricht, sei es in der Natur oder in der
- 3:36Geschichte, zu ihm spricht. Es lobt ihn, treibt ihn vorwärts
- 3:41und tröstet ihn, alles andere, was ihm fremd ist, hört er
- 3:45entweder gar nicht oder vergisst es sofort.
- 3:49Die Schlussfolgerung lautet, Wir sind stets nur in unserer
- 3:52Gesellschaft. Das bedeutet, dass wir die Welt
- 3:55immer nur durch den Filter unserer eigenen Persönlichkeit
- 3:58wahrnehmen. Wir können nur das wirklich
- 4:01aufnehmen und verstehen, was bereits in uns angelegt ist oder
- 4:05eine Resonanz in uns findet. Wir sind in unserer eigenen
- 4:08Wahrnehmung gefangen und begegnen letztlich immer nur uns
- 4:12selbst. Unterkapitel, 167, Misanthropie
- 4:16und Liebe. Nietzsche bietet eine
- 4:22psychologische Erklärung für Misanthropie, also den
- 4:25Menschenhass. Er sagt, man spricht nur dann
- 4:27davon, dass man der Menschen satt ist, wenn man sie nicht
- 4:30mehr verdauen kann, aber trotzdem den Magen noch voll von
- 4:33ihnen hat. Misanthropie ist für ihn die
- 4:36Folge einer allzu begehrlichen Menschenliebe und
- 4:39Menschenfresserei wer die Menschen zu sehr liebt und sich
- 4:43quasi in sie hinein frisst, wird irgendwann von ihnen
- 4:46übersättigt. Der Menschenhass ist also keine
- 4:49ursprüngliche Haltung. Sondern eine Reaktion auf eine
- 4:52enttäuschte, übersteigerte Liebe.
- 4:55Am Ende fragt er Prinz Hamlet ironisch, wer ihn denn gezwungen
- 4:58habe, Menschen wie Austern zu verschlucken, man solle die
- 5:02Menschen also nicht mit einer so gierigen Liebe auffressen, dann
- 5:05werde man auch nicht an ihnen erkranken.
- 5:09Unterkapitel 168 von einem Kranken.
- 5:15In diesem Kapitel beschreibt Nietzsche in einem kurzen Dialog
- 5:18einen kranken Menschen und die komplexe Psychologie der
- 5:21Eitelkeit. Jemand sagt, es steht schlecht,
- 5:24um ihn. Auf die Frage, was ihm fehle,
- 5:27lautet die Antwort, er leidet an der Begierde, gelobt zu werden
- 5:30und findet keine Nahrung für sie.
- 5:33Das erscheint zunächst unbegreiflich, denn alle Welt
- 5:37feiert ihn, doch dann wird die Krankheit genauer erklärt, der
- 5:42Mann hat ein schlechtes Gehör für das Lob.
- 5:45Wenn ein Freund ihn lobt, hört es sich für ihn so an, als würde
- 5:49der Freund sich selbst loben, wenn ein Feind ihn lobt, hört es
- 5:53sich an, als wolle der Feind dafür gelobt werden und wenn ihn
- 5:57jemand anderes lobt, von denen es kaum noch welche gibt, weil
- 6:01er so berühmt ist, beleidigt es ihn, weil diese Person weder
- 6:05sein Freund noch sein Feind ist und er sich fragt, was diese
- 6:09Person sich anmaßt über ihn zu urteilen.
- 6:12Dieser Mensch ist so sehr auf sich selbst.
- 6:14Und die Motive der anderen fixiert, dass er kein Lob mehr
- 6:17annehmen kann. Seine Krankheit ist eine extreme
- 6:21Form der Eitelkeit und des Misstrauens, die ihn von jeder
- 6:24positiven Bestätigung abschneidet und ihn innerlich
- 6:27verhungern lässt. Unterkapitel 169 offene Feinde
- 6:31Nietzsche behauptet, dass Tapferkeit vor dem Feind eine
- 6:37Sache für sich ist. Man kann im Kampf mutig sein.
- 6:42Aber im Inneren trotzdem ein Feigling und ein
- 6:44unentschlossener Wirrkopf bleiben.
- 6:46Als Beispiel zitiert er Napoleon, der genau dies über
- 6:50Murat, den er als den tapfersten Menschen kannte, gesagt haben
- 6:53soll. Daraus schließt Nietzsche, dass
- 6:56offene Feinde für manche Menschen unentbehrlich sind,
- 7:00erst im Konflikt mit einem klaren Gegner können sie zu
- 7:03ihrer eigenen Tugend, ihrer Männlichkeit und ihrer inneren
- 7:06Heiterkeit finden. Der Feind gibt ihnen die nötige
- 7:10Herausforderung und den Widerstand, an dem sie wachsen
- 7:13und ihre Stärken entfalten können.
- 7:15Ohne diesen äußeren Druck würden sie vielleicht in ihrer
- 7:18Unentschlossenheit und inneren Feigheit verharren.
- 7:22Unterkapitel 170 mit der Menge hier wird ein Mensch
- 7:28beschrieben, der bisher immer mit der Menge mitgelaufen ist
- 7:30und sie sogar gelobt hat, aber eines Tages, so prophezeit
- 7:35Nietzsche, wird er ihr Gegner werden.
- 7:39Der Grund für seine bisherige Konformität war der Glaube, dass
- 7:42seine Faulheit dabei auf ihre Rechnung käme.
- 7:45Er dachte, es sei der einfachste Weg, er hat aber noch nicht
- 7:49erkannt, dass die Menge nicht faul genug für ihn ist.
- 7:52Die Menge drängt immer vorwärts und erlaubt niemandem, einfach
- 7:55stehen zu bleiben, er aber möchte am liebsten einfach nur
- 7:59stehen bleiben, der Konflikt ist also vorprogrammiert.
- 8:04Seine Bequemlichkeit wird ihn irgendwann dazu zwingen, sich
- 8:07gegen die rastlose Dynamik der Masse zu stellen, weil er mit
- 8:10ihrem Tempo nicht mithalten will und kann.
- 8:14Unterkapitel 171 Ruhm dieses Kapitel bietet eine knappe und
- 8:19prägnante Definition von Ruhm. Nietzsche sagt, Wenn die
- 8:23Dankbarkeit vieler Menschen gegenüber einer einzigen Person
- 8:26so groß wird, dass sie jede Scham wegwirft, dann entsteht
- 8:29Ruhm. Ruhm ist also nicht einfach nur
- 8:33Anerkennung, sondern ein Zustand, in dem die öffentliche
- 8:36Verehrung eine fast schamlose, hemmungslose Form annimmt.
- 8:41Die Masse vergisst ihre übliche Zurückhaltung und gibt sich
- 8:44einer kollektiven Dankbarkeit und Bewunderung hin, es ist ein
- 8:48emotionaler Ausbruch der Menge, der sich auf eine Person
- 8:51konzentriert, Unterkapitel 172 der Geschmacksverderber.
- 9:00Dieses Kapitel ist ein kurzer Dialog zwischen 2 Personen A und
- 9:04B. Person A wirft Person B vor.
- 9:08Du bist ein Geschmacksverderber, das sagt man überall, Person B
- 9:13antwortet darauf sicherlich, ich verderbe jedermann den Geschmack
- 9:18an seiner Partei, das verzeiht mir keine Partei, der
- 9:22Geschmacksverderber ist hier der unabhängige Denker.
- 9:26Er kritisiert die festgefahrenen Meinungen und Vorlieben jeder
- 9:29politischen oder ideologischen Gruppe Partei, indem er die
- 9:34Widersprüche und Schwächen der jeweiligen Partei aufzeigt,
- 9:37verdirbt er ihren Anhängern den Geschmack an ihrer eigenen
- 9:40unkritischen Überzeugung, da er dies bei allen Parteien tut,
- 9:45macht er sich bei allen unbeliebt, keine Partei verzeiht
- 9:49ihm, dass er ihre Selbstzufriedenheit stört unter
- 9:53Kapitel. 173 tief sein und tief scheinen Nietzsche unterscheidet
- 10:01hier zwischen wahrer und vorgetäuschter Tiefe.
- 10:04Wer wirklich tief ist, bemüht sich um Klarheit in seinen
- 10:07Gedanken und seiner Sprache, er will verstanden werden, wer der
- 10:11Menge aber nur tief scheinen möchte, bemüht sich um
- 10:14Dunkelheit und Unverständlichkeit.
- 10:17Der Grund dafür ist, dass die Menge alles für tief hält,
- 10:21dessen Grund sie nicht sehen kann.
- 10:24Sie ist von Natur aus Furchtsam und geht ungern ins Wasser.
- 10:27Also scheut sie sich davor, unklare Dinge selbst zu
- 10:30ergründen. Der Scharlatan nutzt diese Angst
- 10:33aus und hüllt sich in einen Mantel der Komplexität, um
- 10:36Bewunderung zu ernten, der wahrhaft tiefe Denker hingegen
- 10:40kämpft um Klarheit, weil er weiß, dass die Wahrheit einfach
- 10:43ausgedrückt werden kann.