Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 4
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- 0:01Kapitel 4 die Formel Sie kündigten es an einem Dienstag
- 0:05an, in der alten Börse, dort, wo die Stadt ihre guten Nachrichten
- 0:09verkaufte, weil der Saal hohe Fenster hatte und gutes Licht
- 0:13und weil gutes Licht aus jedem Versprechen eine Wahrheit
- 0:15machte, jedenfalls für die Dauer der Kameras.
- 0:18Lena saß in der 3. Reihe dort, wo die Lokalpresse
- 0:21saß, weit hinter dem Fernsehen, und sie hörte zu.
- 0:24Sie sah nicht zu zusehen, war für die anderen, die mit den
- 0:27Kameras, die das Bild brauchten. Lena brauchte den Ton, auf dem
- 0:31Podium stand kein Minister, das fiel ihr zuerst auf, das war das
- 0:34erste leise Signal. Man hatte nicht den Mann
- 0:36hingestellt, den man kannte, den grauen, ruhigen, dessen Stimme
- 0:40seit dem Dezember über der Stadt hing.
- 0:43Man hatte eine Frau hingestellt, eine Staatssekretärin, Jung für
- 0:47das Amt, freundlich in einem Blazer von der Farbe, die nichts
- 0:51behauptet und neben sie ein Schaubild, sauber, hell in Blau
- 0:55und grün, kein Rot darin, nirgends ein rot,
- 0:58Landesinitiative Vorrang und Verlässlichkeit, so hieß es, und
- 1:03darunter kleiner, damit gerecht zugeht, was knapp ist.
- 1:06Lena schrieb den Satz mit, damit gerecht zugeht, was knapp ist
- 1:10Sie schrieb ihn so, wie sie alles mitschrieb, was zu glatt
- 1:13war, um wahr zu sein, in Anführungszeichen mit einem
- 1:16kleinen Strich daneben, ihrem Zeichen.
- 1:19Das hieß hier später noch einmal hinhören.
- 1:21Die Staatssekretärin sprach gut, sie sprach, wie man heute
- 1:25sprach, ohne Pathos, ohne die alten Worte, die niemand mehr
- 1:29glaubte, sie sprach in Beispielen, in Geschichten, und
- 1:33die Geschichten waren klug gewählt.
- 1:35Sie erzählte von einer Frau, die 8 Monate auf einen Termin
- 1:38gewartet hatte und nicht gewusst hatte, warum.
- 1:41Während neben ihr jemand nach 3 Wochen dran kam und ebenfalls
- 1:44nicht wusste, warum. Sie erzählte von der Willkür,
- 1:47von dem dumpfen Gefühl, dass alles Glückssache sei, Vitamin
- 1:51B, Wer wen kenne, wer am lautesten dränge und sie sagte,
- 1:55damit ist jetzt Schluss, kein Mensch in diesem Land soll mehr
- 1:59das Gefühl haben, vergessen zu werden, es wird eine Regel
- 2:02geben, eine Regel für alle. Transparent, nachvollziehbar,
- 2:06gerecht im Saal nickten die Leute, Lena hörte es, das
- 2:10nicken, sie hörte, wie ein Saal nickt, ein leises Rücken auf
- 2:13Stühlen, ein Ausatmen, ein Murmeln, das zustimmte, und das
- 2:18schlimme war, sie verstand es, sie hatte selbst 8 Monate auf
- 2:22einen Termin gewartet, vor 2 Jahren mit ihrem Vater.
- 2:26Sie hatte am Telefon gehangen und gebettelt und war
- 2:28abgewimmelt worden. Und sie hatte damals genau
- 2:30dieses dumpfe Gefühl gehabt, vergessen zu sein, abgehängt,
- 2:33eine Nummer, die niemand zog wer das nicht kannte, hatte Glück
- 2:37gehabt, alle anderen kannten es, und die Frau auf dem Podium
- 2:41sprach genau zu ihnen, zu den 8 Monaten, zu dem Betteln am
- 2:44Telefon, und sie sagte, ich nehme euch das ab, ich mache es
- 2:48gerecht, es war ein gutes Versprechen.
- 2:50Das war es, was Lena auf ihrem Blog notierte, wörtlich und dann
- 2:55darunter, kleiner für sich, zu gut am selben Abend, 30
- 3:00Kilometer weiter, in einer Stadthalle ohne hohe Fenster,
- 3:03sprach Kabler über dieselbe Initiative, Lena sah es später
- 3:08auf einem Mitschnitt, den ihr jemand geschickt hatte, wackelig
- 3:11von einem Telefon aus der 4. Reihe aufgenommen, und sie sah
- 3:14es sich dreimal an. Kabler nannte die Initiative
- 3:18nicht, Vorrang und Verlässlichkeit.
- 3:20Er nannte sie kürzer. Er sagte, jetzt werde endlich
- 3:23gezählt, wer hier etwas beitrage und wer nur nehme.
- 3:28Er sagte, es sei doch keine Bosheit, sondern die einfachste
- 3:31Sache der Welt, wer sein Leben lang eingezahlt habe, komme
- 3:34zuerst. Und wer erst seit 3 Jahren hier
- 3:37sei, komme eben danach, und wem das nicht passe, dem stehe der
- 3:40Weg zurück ja offen. Es kam Beifall an dieser Stelle,
- 3:43langer Beifall und Lena hielt den Mitschnitt an und ließ ihn
- 3:47zurücklaufen und hörte den Satz noch einmal.
- 3:49Und dann schrieb sie in ihrem Block 2 Zeilen untereinander,
- 3:53Staatssekretärin, eine Regel für alle Kabler wer erst seit 3
- 3:57Jahren hier ist, kommt danach. Es war dieselbe Initiative, es
- 4:01waren 2 Übersetzungen für 2 verschiedene Säle und beide
- 4:04waren wahr, und genau darin lag die Konstruktion.
- 4:08Wer die eine hörte, konnte guten Gewissens dafür sein und wer die
- 4:11andere hörte, wusste, was er bekam.
- 4:14Und würde man kabler morgen mit seinem Satz konfrontieren, würde
- 4:17er sagen, er habe von Wartezeiten gesprochen, von
- 4:20nichts anderem, und man lege ihm etwas in den Mund und würde man
- 4:24die Staatssekretärin mit kablers Satz konfrontieren, würde sie
- 4:27sagen, sie könne nur für ihre eigene Formulierung einstehen,
- 4:31beide hätten formal recht. Man kann eine Doppeldeutigkeit
- 4:34nicht widerlegen, dachte Lena. Man kann nur zeigen, dass sie
- 4:37eine ist. Und noch etwas fiel ihr an
- 4:39diesem Abend auf und es fiel ihr erst auf, weil sie beide reden
- 4:43hintereinander gehört hatte. Kabler versprach Dinge, die das
- 4:46Land gar nicht entscheiden durfte, er sprach von
- 4:49Rückführungen und von Vorrang bei der Einstellung, als läge
- 4:52das auf seinem Tisch, dabei lag nichts davon auf seinem Tisch,
- 4:56das Stand in Bundesgesetzen und in europäischen Verträgen, und
- 5:00ein Landesvorsitzender konnte daran so viel ändern wie ein
- 5:03Ortsvorsteher am Wetter. Lena wusste das, Kabler wusste
- 5:07es vermutlich auch. Der Saal wusste es nicht und der
- 5:10Saal klatschte. Sie schrieb es in ihren Block
- 5:12und es wurde die dritte Zeile unter den anderen beiden und es
- 5:15sollte die wichtigste werden. Er verspricht, was er nicht
- 5:18kann, was macht er dann stattdessen, denn dann kam die
- 5:21Formel, sie zeigten sie, das war der Moment, der Lena hellhörig
- 5:25machte, der Moment, in dem sich das Jucken meldete, ganz fein,
- 5:29ganz weit hinten, wie das erste Tropfen hinter einer Wand, dass
- 5:32man eher spürt als hört. Sie zeigten die Formel offen auf
- 5:35der großen Leinwand, und es sah aus wie Mut und wie nichts zu
- 5:39verbergen. Seht her, wir legen es offen,
- 5:41hier ist die Rechnung, prüft sie selbst eine Gewichtung aus ein
- 5:45paar Faktoren, jeder benannt, jeder mit einer Zahl, einer
- 5:48Prozentangabe, und alle Faktoren klangen vernünftig, was Lena an
- 5:52dieser Folie zuerst auffiel, war etwas so Kleines, dass sie es
- 5:56beinahe übersehen hätte, sie passte nicht, die Schrift war
- 5:59eine andere als auf allen Folien davor.
- 6:02Die Balken hatten ein anderes blau, unten rechts saß ein
- 6:05weißer Fleck von der Größe eines Daumennagels, an dem jemand
- 6:08etwas weggeschnitten hatte und über der Tabelle stand eine
- 6:11Überschrift, die von einer anderen Veranstaltung übrig
- 6:14geblieben war. Beispielhafte Anwendung.
- 6:17Es war keine Folie, die für diesen Abend gemacht worden war.
- 6:20Es war eine Folie aus einer fremden Mappe, Hineingeschoben
- 6:24in eine Präsentation, die sonst aus Fotos von Familien und
- 6:26Bussen bestand und niemand im Saal sah es, weil niemand im
- 6:30Saal Folien ansah, sondern versprechen hörte.
- 6:33Lena notierte fremde Folie, woher und darunter, weil ihr
- 6:38Beruf darin bestand, aus kleinen Unstimmigkeiten große Fragen zu
- 6:41machen, wer zeigt hier, wessen Produkt, Dringlichkeit,
- 6:46Erfolgsaussicht? Wartezeit schon verstrichen
- 6:49lauter Dinge, gegen die niemand etwas sagen konnte, lauter
- 6:52Dinge, die man ohnehin bedachte. Es sah aus wie das Gegenteil von
- 6:56Willkür, es sah aus wie Fairness in Zahlen gegossen, Lena saß da
- 7:01und sah auf die saubere, helle Formel und hörte den Saal
- 7:04zustimmend Murmeln, und sie spürte das Juckenstärker werden,
- 7:07und sie konnte nicht sagen, woher es kam.
- 7:10Das war ihr Beruf seit 20 Jahren, zu wissen, dass etwas
- 7:13nicht stimmte, lange bevor sie wusste, was.
- 7:16Es war nie das Laute, das sie alarmierte.
- 7:18Es war das glatte, eine Formel, die so offen daliegt, dachte
- 7:22sie, eine Rechnung, die man so bereitwillig zeigt, die zeigt
- 7:25man nur, wenn die eigentliche Rechnung woanders steht.
- 7:28Man legt nicht das offen, was man verbirgt, man legt etwas
- 7:31anderes offen, das ihm ähnlich sieht, und lädt alle ein, das
- 7:34Falsche zu prüfen, sie hatte keinen Beweis, sie hatte nichts
- 7:37als das Jucken, das alte, zuverlässige Jucken, das Signal
- 7:41unter dem Rauschen, das nicht durchkam, aber da war.
- 7:44Sie schrieb auf ihren Blog. Wer zeigt die Formel, wer hat
- 7:47sie gebaut? Und dann, weil ihr die Frau am
- 7:49Telefon eingefallen war, vor 2 Jahren die Abwimmelnde müde
- 7:53Frau, die ihr nicht hatte helfen können.
- 7:55Wo ist der Teil, der nicht auf der Leinwand steht, als die
- 7:58Staatssekretärin geendet hatte, klatschte man nicht, der
- 8:01korrekte kühle Applaus aus dem Landtag im Dezember, an den Lena
- 8:04sich erinnerte wie an einen Geschmack, der nicht weichen
- 8:06wollte, diesmal war es warm. Diesmal klatschten die Leute,
- 8:11weil sie es wollten, weil ihnen jemand etwas versprochen hatte,
- 8:14das sie brauchten. Und Lena saß in der 3.
- 8:16Reihe und klatschte nicht und sie sah, dass eine Kollegin vom
- 8:20Fernsehen sie ansah, kurz mit Hochgezogener braue und in dem
- 8:24Blick lag die Frage, die man Lena in diesem Jahr immer öfter
- 8:27stellte, mit den Augen, nie mit dem Mund, warum musst
- 8:31ausgerechnet du immer das Haar in der Suppe suchen?
- 8:34Sie hatte darauf keine Antwort, die in einen Blick passte, die
- 8:37Antwort war. Weil das Haar in der Suppe war,
- 8:40weil es immer in der Suppe war, gerade dann, wenn die Suppe so
- 8:44gut roch, dass alle die Löffel hoben.
- 8:46Sie steckte den Block ein, Stand auf und ging gegen den Strom der
- 8:50Zufriedenen hinaus, aus dem guten Licht und im Hinausgehen
- 8:53nahm sie noch einen letzten Ton mit, einen, der ihr nicht mehr
- 8:56aus dem Ohr ging, wie leicht es gewesen war, wie mühelos, wie
- 9:01wenig Widerstand. Ein Land, das 8 Monate gewartet
- 9:04hatte, bekam eine Regel versprochen und es klatschte und
- 9:07niemand fragte, wer rechnete. Niemand außer ihr, und sie war
- 9:11die letzte bei einer Zeitung, die starb.
- 9:14Die Redaktion des Anzeigers lag im 2.
- 9:17Stock eines Hauses, dass der Verlag vor Jahren zur Hälfte
- 9:20vermietet hatte an eine Versicherung, und man merkte es
- 9:23im Treppenhaus, wo die Türschilder von 2 Welten
- 9:26erzählten. Unten die Versicherung mit einem
- 9:29frischen geprägten Schild aus gebürstetem Metall und oben am
- 9:32Ende der Treppe der Anzeiger, dessen Schild noch das alte war
- 9:36Messingblind geworden mit dem Schriftzug, den seit 30 Jahren
- 9:39niemand mehr poliert hatte, weil polieren ein Aufwand war, den
- 9:42man nur für etwas treibt, von dem man glaubt, dass es bleibt.
- 9:46Drinnen war es zu still. Eine Redaktion sollte nicht
- 9:49still sein. Eine Redaktion war früher ein
- 9:51Organismus aus Geräuschen gewesen.
- 9:53Telefone stimmen das rufen quer durch den Raum, das Lachen, das
- 9:57Fluchen, jetzt saßen sie zu dritt in einem Raum, der für 20
- 10:01gebaut war, an Schreibtischen, von denen die meisten leer
- 10:04standen, abgeräumt, die Stühle darunter geschoben und in der
- 10:08Stille hörte man die Lüftung und das Klicken der wenigen
- 10:11Tastaturen und manchmal von unten gedämpft, das Lachen der
- 10:15Versicherung, die wuchs, während sie schrumpften.
- 10:18Lena hatte sich daran gewöhnt, an die leeren Tische, man
- 10:21gewöhnte sich an alles. Das war das Schlimmste am
- 10:24sterben, dass es so langsam ging, dass man Zeit hatte, sich
- 10:27daran zu gewöhnen. Sie schrieb den Termin herunter,
- 10:30sauber, korrekt, in der Form, die der Anzeiger verlangte und
- 10:33die sie im Schlaf beherrschte, was angekündigt worden war, von
- 10:37wem, mit welchen Worten. Sie schrieb es als das, was es
- 10:41war. Eine Meldung, keine Geschichte,
- 10:43und sie hielt das Jucken aus dem Text heraus, weil das Jucken
- 10:46kein Beleg war und ein Beleg das einzige war, was zählte, aber
- 10:50unter den Text in eine zweite Datei, die niemand sah, schrieb
- 10:54sie die anderen Sätze, die Fragen, das, was nicht in die
- 10:56Meldung durfte, wer rechnet, wo ist die zweite Formel, warum
- 11:01keine Zahlen, die man hinterher prüfen kann.
- 11:03Sie legte die Datei an, wie man eine Falle legt, geduldig, ohne
- 11:06zu wissen, ob je etwas hineingeht.
- 11:09Brettschneider kam erst am Nachmittag wie immer der
- 11:12Chefredakteur des Anzeigers war ein Mann Ende 50, der einmal ein
- 11:16guter Journalist gewesen war. Das wusste Lena, das hatte sie
- 11:20in alten Ausgaben gelesen, in vergilbten Bänden im Archiv,
- 11:24Texte mit seinem Namen, Scharf, mutig, aus einer Zeit, in der es
- 11:28noch etwas gekostet hatte, mutig zu sein und in der man es sich
- 11:31noch hatte leisten können, davon war nicht viel geblieben.
- 11:35Was geblieben war, war ein müder Mann, der jeden morgen rechnete,
- 11:38ob die Zeitung den Monat noch überstand und der die Antwort
- 11:41kannte und sie trotzdem jeden Morgen neu rechnete, weil das
- 11:45Rechnen die letzte Form von Hoffnung war, die ihm geblieben
- 11:47war. Er war kein schlechter Mensch,
- 11:50er war ein erschöpfter, und Lena hatte gelernt, dass die
- 11:53Erschöpften gefährlicher sein konnten als die schlechten, weil
- 11:56die Erschöpften keine Kraft mehr hatten, Nein zu sagen zu dem,
- 11:59was leichter war. Er las ihre Meldung am
- 12:02Bildschirm über ihre Schulter gebeugt und sie roch den Kaffee
- 12:05an ihm und die alte Wolle seines Pullovers.
- 12:08Und er nickte einmal, zweimal gut, sagte er sachlich genau
- 12:14richtig und dann, nach einer Pause, in der sie schon wusste,
- 12:17was kam, weil sie es immer schon wusste, an einer Veränderung des
- 12:20Atems hinter ihr. Du hast das mit der Formel sehr
- 12:23neutral gehalten, das ist gut, das ist klug, ich hab es
- 12:26gehalten, wie es war, sagte Lena, mehr hab ich nicht.
- 12:31Eben. Er richtete sich auf und sie
- 12:34drehte den Stuhl, um ihn anzusehen, weil man manche
- 12:37Gespräche nicht mit dem Rücken führen sollte.
- 12:39Lena, ich kenne dich, ich sehe, dass dich da was juckt, ich sehe
- 12:43das, er tippte sich an die Schläfe, eine Geste die
- 12:47freundlich gemeint war und sie trotzdem ärgerte, weil sie etwas
- 12:50gönnerhaftes hatte und ich sage dir das als einer der das auch
- 12:53mal hatte dieses Jucken sei vorsichtig damit gerade jetzt
- 12:57vorsichtig ausgewogen. Er sagte das Wort, als lege er
- 13:02es behutsam auf den Tisch. Ein Wort wie ein rohes Ei.
- 13:05Die Leute mögen das, was da angekündigt wurde.
- 13:07Verstehst du, die Leute wollen das, du gehst raus auf die
- 13:11Straße und fragst 10 Leute, und 9 sagen dir, endlich wird auch
- 13:15Zeit, endlich macht mal jemand was und wenn wir dann kommen als
- 13:19einzige Zeitung weit und breit und schreiben Vorsicht, da
- 13:23stimmt was nicht, da ist was faul, dann sind wir nicht die
- 13:26Mutigen. Dann sind wir die Miesmacher,
- 13:28die ewigen Neinsager und Miesmacher.
- 13:31Kauft niemand, Miesmacher schaltet keine Anzeige, da war
- 13:35es das Wort, um das sich alles drehte, das eigentliche unter
- 13:38dem Wort ausgewogen. Anzeige Lena sah ihn an, und sie
- 13:43sah keinen Zyniker, das wäre einfacher gewesen.
- 13:46Sie sah einen Mann, der eine Zeitung mit 11 Mitarbeitern
- 13:50hatte sterben sehen, auf 11 auf 9, auf 3 der jeden gehen hatte
- 13:54lassen müssen, der jedem die Hand gegeben und gesagt hatte,
- 13:57es tut mir leid, und der jetzt diese 3 halten wollte, diese
- 14:01letzten 3, koste es was es wolle und der dafür bereit war das
- 14:05Jucken zu verbieten, weil das Jucken Geld kostete das er nicht
- 14:08hatte. Wer schaltet denn noch anzeigen
- 14:11sagte sie leiser als sie wollte bei uns sag mir einen.
- 14:16Er sagte keinen Namen, aber sein Schweigen sagte einen, und Lena
- 14:20kannte den Namen ohnehin. Jeder in der Redaktion kannte
- 14:24ihn, die halbseitigen Anzeigen, die seit dem Winter regelmäßig
- 14:27kamen, gut bezahlt, pünktlich von einer Stelle, die sich
- 14:30Landesgesellschaft für Standortentwicklung nannte und
- 14:33die mit der neuen Regierung verbunden war, wie alles jetzt
- 14:36mit der neuen Regierung verbunden war, durch Fäden, die
- 14:39man nicht sah, aber spürte, sauberes, freundliches Geld.
- 14:44Es hielt die 3 letzten Tische besetzt, es zahlte Lenas Gehalt
- 14:48zu einem guten Teil. Sie schrieb über eine Initiative
- 14:51und die Initiative, durch 3 Ecken bezahlte sie dafür, dass
- 14:55sie schrieb, niemand sprach es aus, es musste niemand
- 14:58aussprechen, es lag in der Luft wie der Geruch von unten, von
- 15:02der Versicherung, die wuchs, ich verbiete dir nichts, sagte
- 15:06Brettschneider, und das war wahr und gelogen zugleich.
- 15:10Denn das Schönste am weichen Druck war, dass er nie etwas
- 15:13verbot, dass er einem nur die Tür zeigte, durch die man
- 15:17freiwillig nicht ging. Ich bitte dich nur an die zu
- 15:21denken, die noch hier sind, an die 3 Tische, mehr nicht, er
- 15:25ging in sein Büro und Lena saß und sah auf den Bildschirm, auf
- 15:28ihre saubere, neutrale Meldung und auf die zweite Datei
- 15:31darunter, die niemand sah mit den Fragen, die niemand drucken
- 15:34würde. Und sie verstand mit der kalten
- 15:37Klarheit, mit der sie Räume las, dass etwas Neues angefangen
- 15:40hatte, etwas, das sie noch nicht benennen konnte.
- 15:43Dass die Geschichte ihres Lebens, wenn sie sie denn je
- 15:46fand, nicht an der Wahrheit scheitern würde, sie würde an
- 15:49dem Geld scheitern, das die Wahrheit nicht mochte, und das
- 15:53Geld war freundlich, das Geld war sauber, das Geld lächelte
- 15:56und sagte ausgewogen, sie speicherte die zweite Datei, sie
- 16:00nannte sie nicht Recherche. Sie nannte sie nach einem alten
- 16:04Witz zwischen ihr und ihrem Vater einen Namen, der nichts
- 16:07verriet, falls jemand hinsah. Storchenpaare, die Dinge, die
- 16:11zurückkommen, wenn niemand mehr damit rechnet sie ging in den
- 16:15nächsten Tagen hinaus, weil Brettschneider Recht hatte und
- 16:18weil das Rechthaben des anderen das erste war, was man prüfen
- 16:21musste, bevor man ihm widersprach.
- 16:23Sie fragte die 10 Leute und 9 sagten, was er gesagt hatte,
- 16:27dass sie es sagen würden, endlich wird auch Zeit.
- 16:31Die Stadt trug die Initiative gut, das musste Lena zugeben und
- 16:35das zugeben tat weh, weil es ihr Misstrauen nicht entkräftete,
- 16:38sondern härter machte vor dem alten Sportplatz, an dem im
- 16:42Winter nichts gewesen war, als Rost und kaputtes Spielgerät,
- 16:45drehte sich seit ein paar Tagen ein frisch gestrichenes
- 16:47Karussell, und Kinder saßen darauf, und eine Mutter sah Lena
- 16:51an und sagte, ohne dass Lena gefragt hatte, als müsse es
- 16:54heraus. 2 Jahre haben wir geschrieben, an die Stadt, an
- 16:57alle nichts, und jetzt auf einmal geht es.
- 17:01Sie sagte es nicht triumphierend, sie sagte es
- 17:03beinahe entschuldigend, als wisse sie, dass an dem auf
- 17:06einmal etwas faul sein könnte, und als sei ihr das gleich, weil
- 17:09ihr Kind sich endlich drehte. In der Bäckerei an der Ecke, wo
- 17:12Lena ihre 10 Leute fand, ohne sie suchen zu müssen, erzählte
- 17:16ein Mann in Arbeitskleidung unaufgefordert, laut genug für
- 17:19die halbe Schlange von seinem Knie. 14 Monate habe er auf der
- 17:23Liste gestanden, unter den alten 14 Monate, in denen das Knie
- 17:27schlechter geworden sei und die Briefe immer gleich geblieben
- 17:31und dann vor ein paar Wochen auf einmal der Termin 3 Wochen
- 17:35später operiert. Und wissen Sie, was das Beste
- 17:38war, er hielt die Brötchentüte hoch wie ein Beweisstück, ich
- 17:42hab nicht mal angerufen, es kam einfach zum ersten Mal in meinem
- 17:46Leben kam einfach was. Die Schlange nickte und einer
- 17:50sagte, bei seiner Schwester sei es genauso gewesen.
- 17:52Mit dem Facharzt. Und für einen Moment war die
- 17:55Bäckerei ein warmer Ort, an dem eine Stadt sich selbst erzählte,
- 17:58dass es endlich lief. Lena schrieb es mit wörtlich,
- 18:02und dann schrieb sie darunter das, was keiner in der Schlange
- 18:04sah, weil es nirgends zu sehen war, dass die Betten nicht mehr
- 18:08geworden waren in diesem Winter, die Säle nicht, die Ärzte nicht,
- 18:11die Wohnungen nicht. Die Knappheit war dieselbe
- 18:13geblieben, nur die Reihenfolge war eine andere.
- 18:16Ein Termin, der zu dem Mann mit dem Knie kam, ohne dass er
- 18:19anrief, war ein Termin, der von einem anderen wegging, ohne dass
- 18:22der es merkte. Die Rechnung hatte 2 Seiten und
- 18:25die Stadt bekam nur eine zu hören, denn wer vorrückte,
- 18:28erzählte es beim Bäcker mit der Tüte in der Hand, und wer
- 18:32zurückfiel, bekam einen höflichen Brief mit einem zum
- 18:35gegebenen Zeitpunkt darin und schämte sich und schwieg, weil
- 18:38ein noch nicht keine Geschichte ist, die man erzählt.
- 18:41Das Aufrücken hatte eine Stimme, das Zurückfallen hatte ein
- 18:44Kuvert und eine Stadt, die nur die eine Hälfte hört, hält die
- 18:48halbe Wahrheit für die ganze und nennt sie Fortschritt.
- 18:51Lena notierte auf ihren Blog unter ihre Fragen von der Alten
- 18:55Börse eine neue, die kleinste und schwerste von allen, wer
- 18:58rückt auf und an wem vorbei? Sie versuchte es an diesem Abend
- 19:02zu Hause noch auszurechnen mit dem, was öffentlich zugänglich
- 19:05war, und sie kam nicht weit, aber weit genug, um zu wissen,
- 19:09dass sie an der richtigen Stelle grub.
- 19:11Die Zahl der Operationssäle im Klinikum unverändert, die Zahl
- 19:15der Betten um 11 gesunken. Wie in jedem Jahr die Zahl der
- 19:19Hüftoperationen im ersten Quartal im Rahmen der Vorjahre
- 19:23ein Prozent, darüber ein Prozent, das im Rundungsfehler
- 19:26verschwand. Es waren nicht mehr Menschen
- 19:28behandelt worden, es waren dieselben in einer anderen
- 19:31Ordnung, und dann suchte sie nach der anderen Zahl, nach der
- 19:34einzigen, auf die es ankam. Wie viele warteten und wie
- 19:37lange, und fand sie nicht. Nicht, weil man sie versteckte,
- 19:41weil es sie nicht gab. Die Statistik kannte, behandelte
- 19:44und abgelehnte und ein Mensch, den man zum gegebenen Zeitpunkt
- 19:47geschrieben hatte, war weder das eine noch das andere, er war
- 19:51noch im Verfahren, er stand in keiner Spalte, weil er in keiner
- 19:54Spalte vorgesehen war, und deshalb konnte man ihn auch
- 19:57nicht zählen, und was man nicht zählt, ist in einem Bericht
- 20:01nicht vorhanden. Lena legte den Stift hin, das
- 20:04war es. Es war kein Betrug, es war
- 20:07schlimmer. Die Verkürzung der Schlange und
- 20:09das wachsen der Menge, die nicht mehr in der Schlange stand,
- 20:11waren dasselbe Ereignis. Von 2 Seiten betrachtet und nur
- 20:15eine der beiden Seiten hatte eine Zahl, man hatte nicht mehr
- 20:18geschafft, man hatte umgeschichtet und die
- 20:20Umschichtung Erfolg genannt, weil das verschobene aus dem
- 20:23Bericht fiel wie Wasser aus einem Sieb, und niemand rechnete
- 20:25nach, weil das Ergebnis so angenehm war.
- 20:28Am Bürgeramt war die Schlange kürzer als früher.
- 20:31Das fiel Lena auf, weil sie die Schlangen dieser Stadt kannte
- 20:34wie ein Arzt die Wunden seiner Patienten.
- 20:37Und diese Schlange war kürzer, sie bewegte sich, die Leute
- 20:40kamen heraus mit dem Gesicht von Leuten, die etwas erledigt
- 20:43hatten, statt mit dem Gesicht, von Leuten, die wiederkommen
- 20:46mussten. Es funktionierte, das war es,
- 20:49was sie nicht laut sagen durfte, nicht einmal sich selbst, ohne
- 20:52dass es ihr im Hals stecken blieb, es funktionierte
- 20:55wirklich, drinnen kannte sie eine Frau, sauer, eine
- 20:59Sachbearbeiterin. Die seit 20 Jahren am selben
- 21:02Schalter saß und mit der Lena über die Jahre die kleine
- 21:05Vertrautheit entwickelt hatte, die zwischen Menschen entsteht,
- 21:08die einander beim Älterwerden zusehen.
- 21:10Lena stellte sich an, wartete, und als sie an die Reihe kam,
- 21:14fragte sie nicht nach einem Antrag, sie fragte leise über
- 21:17den Tresen gebeugt, wie es laufe, jetzt mit dem neuen, ob
- 21:20es wirklich schneller gehe, Frau sauer strahlte fast viel
- 21:24schneller, ich muss nicht mehr selber entscheiden, verstehen
- 21:27sie. Früher hab ich gesessen und
- 21:29überlegt, wer kriegt die Wohnung, wer kommt auf die Liste
- 21:32und egal wie ich es gemacht hab, einer war immer sauer auf mich.
- 21:36Jetzt geb ich die Daten ein und das System sagt mir die
- 21:38Reihenfolge ich kann nichts mehr falsch machen und das System
- 21:42sagte Lena ganz beiläufig mit der Stimme, die sie für die
- 21:45wichtigen Fragen Aufsparte der Beiläufigsten, die sie hatte,
- 21:49das rechnet hier im Amt bei euch nein, nein.
- 21:54Frau sauer schüttelte den Kopf fast stolz auf die eigene
- 21:57Unwissenheit. Sie entlastete das, läuft
- 21:59irgendwo extern eine Firma, wir geben nur ein, die rechnen, ich
- 22:03seh die Reihenfolge, aber wie sie zustande kommt, keine
- 22:06Ahnung, geht mich auch nichts an, ehrlich gesagt, Hauptsache
- 22:09ich bin nicht mehr schuld, ich bin nicht mehr Schuld Lena hörte
- 22:13den Satz und sie hörte was darunter lag und es war derselbe
- 22:16Boden wie überall in diesem Winter.
- 22:18Die Erleichterung, dass jemand anderes entschied, dass man die
- 22:21Verantwortung in eine Maschine legen konnte wie in eine Urne,
- 22:23in der man sie nicht wiederfand. Sie zog ganz langsam ihren Block
- 22:27heraus, nicht auffällig, nur ein kleines Heft, und sie fragte,
- 22:32Wissen sie, wie die Firma heißt, und da geschah es, das, was in
- 22:37diesem Winter immer geschah, an der Stelle, an der jemand etwas
- 22:40zu sagen begann, das mehr war als Erleichterung.
- 22:43Frau Sauers Gesicht veränderte sich nicht viel, nur
- 22:47einschließen. Ein leises Zurückweichen, der
- 22:50Blick ging auf den Block, auf den Stift und in dem Blick lag
- 22:53die Frage, die niemand mehr aussprach, und alle stellten was
- 22:56schreiben sie da wofür? Sie schreiben doch nichts
- 23:00Schlechtes, sagte Frau sauer, und es war keine Frage und keine
- 23:03Bitte. Es war beides leise mit einem
- 23:06neuen dünnen Ton darunter, einem Ton, den Lena kannte, den sie in
- 23:10diesem Jahr überall hörte, in der Klinik, bei den Lehrern, an
- 23:13den Tresen, der Ton eines Menschen, der etwas zu verlieren
- 23:16hat und gerade gemerkt hat, dass er sich vergessen hat.
- 23:19Es ist doch gut, jetzt, endlich ist es mal gut.
- 23:23Ich schreibe nichts Schlechtes, sagte Lena, und es war die
- 23:26Wahrheit und eine Lüge, beides wie brettschneiders ich verbiete
- 23:29dir nichts und sie steckte den Block weg, weil sie wusste, dass
- 23:32jeder weitere strich Frau sauer endgültig verschließen würde.
- 23:35Und manche Türen ging man nur einmal durch, sie bekam keinen
- 23:39Namen, sie bekam etwas anderes, etwas, das wichtiger war als ein
- 23:43Name, weil ein Name nur ein Ende ist und das hier ein Anfang.
- 23:47Sie hatte die Form des Lecks gefunden, ohne das Wasser zu
- 23:50sehen. Die Entscheidung fiel nicht im
- 23:52Amt, sie fiel nicht auf der Leinwand in der Alten Börse, sie
- 23:56fiel woanders in einem Rechner in einer Firma ohne Gesicht und
- 24:00nicht einmal die Menschen, die die Daten hineinfütterten,
- 24:03sahen, was daraus wurde, die öffentliche Formel, die saubere,
- 24:06Helle, die man so bereitwillig zeigte, sie war nicht die
- 24:09Rechnung, sie war das Bild der Rechnung, hingehängt vor die
- 24:13Stelle, an der die wirkliche Rechnung lief, lautlos,
- 24:16unsichtbar, geschützt davor, dass jemand zählen konnte, wo
- 24:19sie herkam. Sie ging hinaus in den nassen
- 24:22Nachmittag und über der Stadt hing dasselbe niedrige Licht wie
- 24:25immer und in den Schaufenstern liefen die Bildschirme mit den
- 24:29freundlichen Farben Blau und Grün, kein rot, Lena blieb
- 24:33stehen und holte den Block heraus und schrieb in die Datei
- 24:36in ihrem Kopf, die sie später in die andere übertragen würde, in
- 24:39Storchenpaare einen einzigen Satz, der nichts bewies und
- 24:43alles enthielt, den ersten Satz einer Geschichte, von der sie
- 24:46noch nicht wusste, dass sie ihr Leben werden würde.
- 24:49Eine Firma rechnet die Stadt aus, und niemand kennt ihren
- 24:52Namen. Dann steckte sie den Block ein
- 24:55und ging nach Hause durch die zufriedene Stadt, und sie war
- 24:59die einzige weit und breit, die nicht zufrieden war, und sie
- 25:02wusste, dass das von außen aussah wie Sturheit, wie das
- 25:05Haar in der Suppe, wie eine Frau, die nicht gönnen konnte,
- 25:08dass es endlich besser wurde, vielleicht war es das auch.
- 25:13Aber unter der Sturheit tief lief das Tropfen weiter
- 25:16gleichmäßig geduldig und sie hatte ein Ohr dafür.
- 25:19Seit 20 Jahren und Ihr Ohr log nicht.