Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Achtes Hauptstück - 478-482
Transcript
- 0:00Unterkapitel 478 Fleiß im Süden und Norden in diesem Abschnitt
- 0:07vergleicht Nietzsche die Arbeitsmoral und den Fleiß der
- 0:10Menschen in südlichen Ländern mit denen in nördlichen Ländern.
- 0:14Er stellt fest, dass es 2 völlig verschiedene Arten gibt, fleißig
- 0:17zu sein. Nietzsche beschreibt zunächst
- 0:19den Handwerker im Süden, dieser arbeitet nicht aus einem inneren
- 0:23Drang nach Gewinn oder Besitz, sondern nur aus der direkten
- 0:26Notwendigkeit heraus, dass andere Menschen seine Hilfe
- 0:29brauchen. Nietzsche nennt das die
- 0:32Bedürftigkeit der anderen. Ein Beispiel dafür ist ein
- 0:36Hufschmied, dieser ist nur dann fleißig, wenn jemand kommt, der
- 0:40sein Pferd beschlagen lassen will oder dessen Wagen repariert
- 0:43werden muss, wenn niemand kommt und keine Arbeit da ist.
- 0:46Dann steht der Handwerker einfach auf dem Marktplatz
- 0:48herum, in einem fruchtbaren Land, im Süden ist es zudem oft
- 0:52leicht, sich zu ernähren, sodass man nur sehr wenig arbeiten
- 0:55muss, um zu überleben. Wenn es nicht unbedingt nötig
- 0:58ist, arbeitet man dort also nicht, sondern ist zufrieden
- 1:01oder bettelt sogar lieber, als unnötig zu arbeiten.
- 1:05Im Gegensatz dazu steht der Fleiß der Arbeiter im Norden,
- 1:08wobei Nietzsche hier speziell die Engländer als Beispiel
- 1:11nennt, hinter ihrem Fleiß steht ein ganz anderer Antrieb,
- 1:15nämlich der Erwerbssinn das bedeutet der Wunsch, Gewinn zu
- 1:20machen und Besitz anzuhäufen, der Mensch im Norden ist sich
- 1:23seiner selbst und seiner Ziele sehr bewusst.
- 1:27Er will durch seinen Besitz macht Erlangen.
- 1:29Er strebt mit dieser Macht wiederum nach der größtmöglichen
- 1:32Freiheit und einer individuellen Vornehmheit, das heißt, er
- 1:36arbeitet nicht nur, um satt zu werden, sondern um durch
- 1:39Reichtum unabhängig und angesehen zu sein.
- 1:43Nietzsche zeigt hier also den Unterschied zwischen Arbeit zur
- 1:46reinen Lebenserhaltung im Süden und Arbeit als Mittel zu macht
- 1:49und Freiheit im Norden Unterkapitel. 497 Reichtum als
- 1:56Ursprung eines Geblütsadels in diesem Unterkapitel beschäftigt
- 2:01sich Nietzsche mit der Entstehung von Adel und
- 2:03vornehmen Eigenschaften. Er stellt die These auf, dass
- 2:07Reichtum die notwendige Voraussetzung ist, um eine
- 2:10Eristokratie der Rasse zu schaffen, also eine Gruppe von
- 2:13Menschen, die als besonders edel und vornehm gilt.
- 2:17Nietzsche nennt das einen Geblütsadel.
- 2:20Nietzsche erklärt dies damit, dass Reichtum bestimmte
- 2:23Lebensbedingungen ermöglicht, die den Menschen veredeln.
- 2:26Wer reich ist, kann sich die schönsten Partnerinnen wählen,
- 2:29die besten Lehrer bezahlen und auf Sauberkeit und Hygiene
- 2:32achten. Reichtum schenkt dem Menschen
- 2:35Zeit für körperliche Übungen und bewahrt ihn vor schwerer
- 2:38stumpfsinniger körperlicher Arbeit, die den Geist träge
- 2:41machen kann. Dadurch schafft Reichtum über
- 2:44mehrere Generationen hinweg Menschen, die sich vornehm
- 2:47bewegen und sogar schön handeln. Reichtum ermöglicht eine
- 2:52Freiheit des Gemütes. Das bedeutet, dass man sich
- 2:55nicht ständig sorgen um das Überleben machen muss.
- 2:58Außerdem fehlen dem Reichen die negativen Eigenschaften, die oft
- 3:02durch Armut entstehen, wie das erbärmlich kleine oder die
- 3:05Notwendigkeit, sich vor Arbeitgebern zu erniedrigen, um
- 3:08Geld zu bekommen. Nietzsche nennt das die
- 3:10Pfennigsparsamkeit, diese Abwesenheit von negativen
- 3:14Zwängen betrachtet Nietzsche als das größte Geschenk des
- 3:17Reichtums. Nietzsche merkt an, dass es
- 3:20dabei eine Grenze gibt, ob jemand 300 Taler oder 30000
- 3:24Taler im Jahr zur Verfügung hat, macht für die Charakterbildung
- 3:27keinen großen Unterschied mehr, solange die Grundbedürfnisse und
- 3:30die Freiheit gesichert sind. Gleichzeitig warnt er vor den
- 3:34Folgen großer Armut, wenn jemand als Kind betteln und sich
- 3:38erniedrigen muss, ist das furchtbar für die Entwicklung
- 3:41des Charakters. Solche Menschen suchen ihr Glück
- 3:43dann oft im Glanz von Fürstenhöfen oder in der
- 3:46Unterwerfung unter Mächtige und Kirchenführer.
- 3:49Armut lehrt die Menschen, sich zu bücken und sich
- 3:51Einzuschmeicheln, um Gunst zu erhalten, was das Gegenteil
- 3:55einer vornehmen Haltung ist. Unterkapitel, 480, Neid und
- 4:01Trägheit in verschiedener Richtung.
- 4:05Hier analysiert Nietzsche 2 große gegnerische Gruppen seiner
- 4:08Zeit, die sozialistischen Parteien und die nationalen
- 4:11Parteien. Er kommt zu dem überraschenden
- 4:14Schluss, dass diese beiden Gegner einander sehr ähnlich und
- 4:17einander würdig sind. Beide Gruppen werden nämlich von
- 4:21denselben niederen Beweggründen angetrieben, Neid und Faulheit
- 4:26Nietzsche beschreibt das so in beiden Lagern, sowohl bei den
- 4:29Sozialisten als auch bei den Nationalisten wollen die
- 4:32Menschen so wenig wie möglich arbeiten, im Heerlager der
- 4:36Nationalisten will man so wenig wie möglich mit den Händen
- 4:38arbeiten und verachtet oft die körperliche Arbeit.
- 4:42Im Lager der Sozialisten will man so wenig wie möglich mit dem
- 4:45Kopf arbeiten, also geistige Anstrengung vermeiden.
- 4:49Der Neid zeigt sich ebenfalls in beiden Gruppen, aber in
- 4:52unterschiedliche Richtungen, die Nationalisten hassen und
- 4:56beneiden den außergewöhnlichen Einzelnen, das Genie, das sich
- 4:59nicht in Reih und Glied stellen lässt und aus der Masse
- 5:02heraussticht, sie wollen, dass alle gleichgeschaltet sind, um
- 5:05eine Massenwirkung zu erzielen, die Sozialisten hingegen richten
- 5:09ihren Neid gegen die Oberschicht.
- 5:12Also gegen die Menschen, die materiell besser gestellt sind.
- 5:15Diese Oberschicht hat jedoch die Aufgabe, die höchsten
- 5:18Kulturgüter zu erzeugen, was das Leben innerlich oft schwerer und
- 5:21schmerzvoller macht, als es von außen aussieht.
- 5:25Nietzsche sagt ironisch, dass die Sozialisten eigentlich Recht
- 5:28haben, wenn sie versuchen, alle Menschen äußerlich gleich zu
- 5:31machen, zu nivellieren, weil diese Menschen innerlich in
- 5:35ihrem Kopf und ihrem Herzen durch ihre niederen Motive.
- 5:39Wie Neid und Faulheit ohnehin schon alle gleich sind.
- 5:43Am Ende des Kapitels gibt Nietzsche einen Rat an die
- 5:46höheren Menschen, also an diejenigen, die wirklich Kultur
- 5:50schaffen. Sie sollen sich von diesen
- 5:52politischen Kämpfen nicht beirren lassen, wenn sie einfach
- 5:55als vornehme Menschen leben und weiterhin große Taten der Kultur
- 5:59vollbringen, wird ihnen alles lebendige ihr Recht auf Existenz
- 6:02zugestehen. Eine Gesellschaftsordnung, an
- 6:05deren Spitze solche wahrhaft edlen Menschen stehen, ist
- 6:08sicher gegen jeden bösen Angriff.
- 6:11Unterkapitel, 481, große Politik und ihre Einbußen in diesem
- 6:18Abschnitt kritisiert Nietzsche die sogenannte große Politik,
- 6:23damit meint er das Streben von Staaten nach Macht, Krieg,
- 6:26Expansion und nationaler Größe, er untersucht, was dieses
- 6:31Streben, das Volk und die Kultur wirklich kostet.
- 6:34Nietzsche argumentiert, dass der größte Verlust, den ein Volk
- 6:37durch Kriege und ständige Kriegsbereitschaft erleidet,
- 6:39nicht das Geld ist. Zwar Kosten kriege und stehende
- 6:42Heere Unsummen und stören den Handel, aber der wahre Verlust
- 6:46ist ein anderer. Der wahre Preis ist der Verlust
- 6:49an menschlichem Talent und Energie.
- 6:52Nietzsche nennt das Kopf und herzkapital Jahr für Jahr werden
- 6:57die Tüchtigsten, stärksten und fleißigsten Männer ihren
- 7:00eigentlichen Berufen entzogen, um Soldaten zu sein.
- 7:03Wenn ein Volk sich anschickt, große Politik zu betreiben und
- 7:07unter den mächtigsten Staaten eine entscheidende Stimme haben
- 7:09will, muss es dafür seine besten Köpfe opfern.
- 7:12Nietzsche nennt das einen Altar des Vaterlandes oder der
- 7:16nationalen Ehrsucht früher hätten diese Talente andere
- 7:20Wirkungskreise gehabt und hätten vielleicht große Kunst oder
- 7:23Wissenschaft geschaffen. Jetzt verschlingt die Politik
- 7:26diese Talente. Nietzsche beschreibt dies als
- 7:28ein grauenhaftes Schauspiel, das sich ständig wiederholt.
- 7:32Jeder fähige, geistvolle Mensch in einem solchen politisch
- 7:35ehrgeizigen Volk wird von dieser Gier nach politischer Bedeutung
- 7:39erfasst. Er gehört nicht mehr sich selbst
- 7:41und seiner eigentlichen Berufung an.
- 7:44Die täglichen politischen Fragen und Sorgen fressen seine Energie
- 7:47auf. Das Ergebnis ist eine geistige
- 7:49Verarmung und Ermattung des Volkes, es fehlt dann die Kraft,
- 7:53um Werke zu schaffen, die große Konzentration und Hingabe
- 7:56erfordern, wie zum Beispiel große Kunstwerke oder
- 7:59philosophische Gedanken. Am Ende fragt Nietzsche, ob sich
- 8:03das alles lohnt. Ist die Blüte und Pracht eines
- 8:06mächtigen Staates diesen Preis wert?
- 8:08Er vergleicht den Staat mit einer groben bunten Blume, lohnt
- 8:12es sich für diese grobe Blume, alle edleren, Zarteren und
- 8:15geistigeren Pflanzen zu opfern, die auf dem Boden dieses Volkes
- 8:19hätten wachsen können. Nietzsche deutet an, dass der
- 8:22kulturelle Verlust viel schwerer wiegt als der politische Gewinn,
- 8:26Unterkapitel, 482 und nochmals gesagt.
- 8:32Dieses Unterkapitel ist sehr kurz und besteht nur aus einem
- 8:35einzigen Satz, der wie ein Merksatz wirkt.
- 8:39Nietzsche sagt hier öffentliche Meinungen, private Faulheiten
- 8:44damit meint er, dass das, was wir als öffentliche Meinung
- 8:47bezeichnen, also das, was alle sagen und denken, oft gar nicht
- 8:51auf eigenem Nachdenken beruht. Die meisten Menschen sind im
- 8:55privaten Bereich zu faul, sich eine eigene fundierte Meinung zu
- 8:58bilden. Stattdessen übernehmen sie
- 9:00einfach das, was in der Öffentlichkeit als wahr gilt.
- 9:03Die öffentliche Meinung ist also oft nur das Ergebnis der
- 9:06Denkfaulheit des Einzelnen.