Latest / Gin And Talk / Franziska Böhler über Leidenschaft, Verantwortung und Verzweiflung
Transcript
- 0:00Speaker 0: Zu viele Patienten auf zu wenig Pflegekräfte, das funktioniert nicht.
- 0:04Speaker 0: und das Resultat was dabei rauskommt ist das Befriedigen von Grundbedürfnissen.
- 0:10Speaker 0: Feuer austrehen, das Nötigste machen, satt und sauber Das ist dann das was dabei heraus kommt.
- 0:17Speaker 0: Wenn wir uns mal überlegen Was mir mit denen machen die jetzt drei Wellen durchgearbeitet haben?
- 0:22Speaker 0: Drei Wellen Covid Die wirklich in menschliche Abgründe geblickt haben Trauma generiert haben.
- 0:31Speaker 0: Es ist ja gestorben worden im Akkord, unter wütrigen Bedingungen immer nur eine Fehlende zu nehmen.
- 0:37Speaker 0: Kein Hahn kräht nach diesen Menschen.
- 0:40Speaker 0: Keine tut irgendwas um ihnen mental aus diesem Ding rauszuhelfen und es geht weiter wie vorher.
- 0:48Speaker 0: Allein dass ich in einem Solidarsystem etablieren konnte, dass ich Aktionäre bereichern und Dividenden ausgeschuldigt bekommen, da grüßelt's mich aber dieser Sache will sich keiner annehmen.
- 0:57Speaker 0: also das macht auch niemand.
- 0:59Speaker 1: Herzlich willkommen.
- 1:00Speaker 1: Mein Name ist Daniel Fürg und bevor wir gleich an unseren heute coronabedingt wieder virtuellen Badresen gehen, möchte ich kurz unseren heutigen Gast vorstellen.
- 1:09Speaker 1: Franziska Böhler ist Krankenschwester hat über zehn Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet und kennt das Ausmaß des Pflegenotstandes in unserem Land wie kaum eine andere.
- 1:19Speaker 1: In ihrem Buch dem Spiegelbestseiler I'm a Nurse hat sie den Alltag ihres Berufsstandes sehr umfassend und in aller Dramatik der Realität beschrieben Gleichzeitig aber auch erklärt, warum sie ihren Job dennoch so gerne macht.
- 1:32Speaker 1: Ich freue mich auf ein intensives Gespräch über die erschreckende Situation in unseren Krankenhäusern und die Suche nach Antworten darauf, warum diese untragbaren Zustände immer noch kaum jemand auf politischer Ebene ernst nimmt.
- 1:45Speaker 1: Viel Spaß beim Zuhören – und schön dass ihr alle wieder mit dabei seid!
- 1:58Speaker 0: Herzlich
- 1:58Speaker 1: willkommen an unseren Bartresen.
- 2:01Speaker 1: Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge Gin and Talk!
- 2:06Speaker 1: Mach es dir gemütlich,
- 2:08Speaker 0: lehne dich zurück und tauche
- 2:10Speaker 1: ein in die verrucht düstere
- 2:13Speaker 0: Atmosphäre unserer
- 2:14Speaker 1: Studio-Bar.
- 2:23Speaker 1: Franziska Böhler ich freue mich sehr dass es heute klappt und wir uns hier virtuell treffen können um so ein bisschen über dein Buch zu sprechen über deinen Beruf zu sprechen Pflege im Allgemeinen zu sprechen.
- 2:35Speaker 1: Und ja, schön dass du heute bei uns bist!
- 2:38Speaker 0: Ich freue mich auch, dass es spontan geklappt hat.
- 2:41Speaker 1: Du hast das Buch einem Annuris geschrieben.
- 2:44Speaker 1: Inzwischen ist es ein echter Bestseller geworden war auf der Spiegelbestseller-Liste.
- 2:49Speaker 1: Hast du mit dem Erfolg eigentlich gerechnet als du das Buch geschrieben hast?
- 2:53Speaker 0: Also ich hatte von Anfang an wirklich primär Angst, dass niemand lesen möchte oder Kollegen und Kolleginnen lesen, die mit der Pflege auch wirklich beruflich Kontakt haben.
- 3:07Speaker 0: Und da habe ich echt gebibbert letztes Jahr am zehnten August aber und das hat mich ja besonders gefreut es hat wirklich die breite Masse erreicht.
- 3:15Speaker 0: also ihr habt mir dann Rezension durchgelesen und da waren wirklich so viele Menschen dabei die in ihrer Rolle als Angehörige, als Interessierte, als Patient einfach gelesen haben Das war eigentlich auch der primäre Plan.
- 3:29Speaker 0: Also das habe ich wahnsinnig gefreut und dass es dann wirklich so viele Wochen in der Spiegelbestelle Liste war, damit er dich nie gerechnet.
- 3:38Speaker 0: Niemals!
- 3:39Speaker 0: Aber umso erfreulicher war das dann.
- 3:41Speaker 1: Was ich beeindruckend fand ist, dass du ja nicht nur deine eigene Geschichte beschreibst sondern auch ganz viele Erfahrungsberichte von Patienten und Patientinnen mit aufnimmst und deren Geschichten quasi diesen Geschichten quasi auch den Raum gibt.
- 3:58Speaker 1: Dort eine gewisse Sichtbarkeit zu bekommen und was man dort mitbekommt.
- 4:03Speaker 1: also ich hatte muss dazu sagen, ich habe vor ja inzwischen sind es dann bald schon irgendwie fast zehn Jahre hab ich tatsächlich auch mal im Gesundheitswesen gearbeitet, allerdings eher auf der Kommunikationsseite im Klinikkonzern.
- 4:20Speaker 1: Dann irgendwann hatte ich den Moment wo ich gesagt habe Ich kann es mit mir irgendwie ethisch nicht mehr so ganz vereinbaren als wir PowerPoint Präsentationen gemacht haben in denen irgendwie bewertet wurde welcher Arzt oder welche Abteilung denn die profitabelste ist und wie wir diese Ärzte quasi kommunikativ pämpern können damit die dann auch bei uns bleiben, weil die quasi die böse gesagt die cash cause dieser abteilungen oder diese kliniken sind.
- 4:49Speaker 1: Und das ist ja auch ein thema was bei dir immer wieder hoch kam in dem buch also dass bestimmte fälle bestimmte dinge besser abzurechnen sind und dann teilweise auch bevorzugt werden und dass wir generell in diesem system einfach einen enormen kostendruck haben.
- 5:05Speaker 1: Wie kannst du das mit dir vereinbaren, dass du unter diesen Bedingungen dann auch deine Arbeit mit dieser Leidenschaft die Du ja nach wie vor hast.
- 5:14Speaker 1: Auch wenn Du jetzt kommen wir gleich nochmal darauf zu sprechen nicht mehr auf der Intensivstation bist?
- 5:19Speaker 1: Wie bekommst Du das für Dich hin diesen Spagat zwischen diesem Kostendruck und der Leidenschafft und Notwendigkeit ja auch deines?
- 5:28Speaker 1: Deine Aufgaben
- 5:30Speaker 0: Also in meiner Funktion als Pflegekraft muss ich ja sagen, hat es den großen Benefit, dass sich nicht an irgendwelche Fallpauschalen oder Vorgaben gebunden bin.
- 5:39Speaker 0: Sondern wir behandeln unsere Patienten wirklich alle gleich auch egal was derjenige für ein Sicherungsstatus ist.
- 5:45Speaker 0: Es spielt für uns keine Rolle aber die Auswirkungen des Ganzen kriegen wir natürlich zu spüren.
- 5:52Speaker 0: und da hat sich das Wort unsichtbares Preisschild eigentlich ganz gut etabliert und beschreibt es eigentlich auch treffend, wenn man sich überlegt dass in unserem System gewisse Therapien und Erkrankungen einfach weniger wert sind als andere.
- 6:07Speaker 0: Also nehmen wir mal eine Geburt ganz normale natürliches spontanen Geburt dafür kriegt man hundertzwanzig Euro oder sowas.
- 6:16Speaker 0: also was kann sich ja auch durchaus mal länger aus hierhin zwanzig Stunden ziehen.
- 6:19Speaker 0: also das hat natürlich auch findet Ressourcen personeller Natur.
- 6:25Speaker 0: Ja, der Kaiserschnitt, der in zwanzig Minuten erledigt ist.
- 6:28Speaker 0: Der rentiert sich für den Krankenhaus natürlich viel mehr monetär und das heißt natürlich nicht dass die ärztlichen Kollegen deswegen mehr Sexus anstreben.
- 6:38Speaker 0: Das auf gar keinen Fall.
- 6:39Speaker 0: Das habe ich auch im Buch so beschrieben.
- 6:41Speaker 0: Es ist nicht so aber es hat natürlich alles ein Geschmäckchen einfach ja?
- 6:47Speaker 0: Und das überträgt sich auf ganz viele andere Krankheiten, Therapien, Diagnosen.
- 6:55Speaker 0: Ja, also ich möchte einfach aus meiner ethischen und moralischen Überzeugung kein Teil mehr sein dieses Kunstdruck des Krankenhauses als Wirtschaftsunternehmen.
- 7:07Speaker 0: Eine gewisse Wirtschaftlichkeit ist natürlich sinnvoll – ganz klar!
- 7:10Speaker 0: Das steht außer Frage.
- 7:12Speaker 0: aber dass man einfach seinen kompletten Konzept auf Wirtschaftlichkeit auslegt, auf Gewinnorientiertes denken... Da möchte ich nicht mitmischen und deswegen habe ich die Indian Station dann auch, aber auch aus privaten Gründen verlassen letztes Jahr im April.
- 7:31Speaker 1: Was bei dir im Buch ja immer wieder fällt ist dieser Begriff der Fließbandarbeit.
- 7:36Speaker 1: in vielen Erzählungen von anderen Kolleginnen und Kollegen von dir... Jetzt ist ja so eine Fließbandarbeit klassischerweise eigentlich dadurch gekennzeichnet, dass es die ganze Zeit das gleiche ist.
- 7:50Speaker 1: Also dass man sehr schnell aber immer wieder die gleichen Abläufe hat.
- 7:53Speaker 1: wenn ich mir aber deine Geschichten durchlesen... Fließbandarbeit in hyperkomplex, weil jeder Fall ist anders.
- 8:02Speaker 1: Jeder Patient ist anders in jedem Zimmer liegt quasi ein anderes Schicksal eine andere Diagnose einen anderer Bedarf an Pflege und Behandlung.
- 8:13Speaker 1: ich stelle mir es wahnsinnig schwierig vor da den den Überblick zu behalten und in diesem Zeitdruck, den man ja auch hat Da überhaupt ja damit zurechtzukommen, weil es passieren zwischendurch immer wieder unvorhergehende Dinge die vielleicht so am Morgen noch nicht im Plan waren.
- 8:32Speaker 1: Wie bekommst du das hin dass man da nicht den Überblick verliert?
- 8:36Speaker 0: Man verliert einen Überblick und bekommt das nicht hin.
- 8:39Speaker 0: also zu viele Patienten auf zu wenig Pflegekräfte das funktioniert nicht.
- 8:44Speaker 0: und das Resultat was dabei rauskommt ist das Befriedigen von Grundbedürfnissen vorher austreten das Nötigste machen, satt und sauber.
- 8:54Speaker 0: Das ist dann das was dabei rauskommt dass man den Tag überall darauf geachtet hat, dass jeder seine Medikamente bekommen hat Dass er in einem sauberen Bett liegt Und das am Leben ist.
- 9:08Speaker 0: Aber mehr hat man nicht gemacht und geschafft obwohl so viel mehr dazu gehört.
- 9:12Speaker 0: Also man kann es nicht tackten.
- 9:14Speaker 0: Man kann sich sagen so Patient A hat eine halbe Stunde Patient B eine zwanzig Minuten jede Krankheit.
- 9:22Speaker 0: Jede Therapie ist individuell, jeder Mensch ist individuel.
- 9:26Speaker 0: der eine hat Gesprächsbedarf den andere eben nicht.
- 9:30Speaker 0: Der ein hat komplexe Wundversorgung die man machen muss die sich zieht dann hat wieder jemand anderes Kreislaufproblem was er gibt sich in Notfall.
- 9:41Speaker 0: also man steckt nicht drin.
- 9:42Speaker 0: Medizin ist nicht planbar Pflege auch nicht planen und das wird nicht berücksichtigt.
- 9:49Speaker 0: einfach Wir haben zu wenig Zeit für unsere Patienten.
- 9:52Speaker 0: und wenn man das auch so macht, dass man quasi den Patienten als, ich will nicht sagen wahre aber als Kunden abhandelt damit da einfach am Ende des Tages dann in seinem Grundgedürfnis zufrieden gestellt wurde.
- 10:09Speaker 0: Dann mach das mit mir was, dann mache es auch mit meinen Kollegen was?
- 10:13Speaker 0: Weil?
- 10:13Speaker 0: das ist nicht unsere ethische und moralische Vorstellung von guter individueller Patientenversorgung, sondern dass es einfach das Mötigste gemacht zu haben.
- 10:20Speaker 0: Und dann geht man unzufrieden nach Hause – und man nimmt das auch mit nach Hause!
- 10:25Speaker 0: Das würde jedem so gehen, der seine Arbeit halbfertig hat liegen lassen.
- 10:30Speaker 1: Lässt sich das eigentlich quantifizieren, also dass du sagst normalerweise sollte jede Pflegekraft pro Schicht nur so und so viele Patienten zu versorgen haben.
- 10:39Speaker 1: Aber in der Realität sind es dann tatsächlich so und viel zu viel.
- 10:43Speaker 1: oder kann man das so pauschal nicht sagen?
- 10:46Speaker 0: Also ich habe nie auf der Allgemeinenstation, auf der Referenzstation gearbeitet.
- 10:50Speaker 0: deswegen kann Schlecht zu sagen, ich kann nur für die Intensivmedizin sprechen.
- 10:55Speaker 0: Als ich da im Jahr zwei Tausend Sieben angefangen habe war ganz klar keiner betreut mehr als zwei Patienten und das ist auch die Obergrenze.
- 11:04Speaker 0: Natürlich es ist immer mal passiert dass da jemand krank wurde Und dann hatte man drei Patienten die man zu betreuen hatte.
- 11:12Speaker 0: Das gab's und das konnten wir aber kompensieren weil das einfach ein Ausnahmefall war.
- 11:16Speaker 0: Aber das ist mittlerweile einfach zur Regel geworden.
- 11:19Speaker 0: Und zum Schluss war es völlig normal, dass wir drei Patienten übertreut haben.
- 11:24Speaker 0: Das war einer zu viel!
- 11:26Speaker 0: Das kann man auf die Dauer nicht stemmen und das wird auch den Leuten nicht gerecht.
- 11:32Speaker 0: Das ist auch das Problem mit den Personaluntergrenzen.
- 11:37Speaker 0: Da hat man sich wirklich gelobt, dass man das eingeführt hat.
- 11:42Speaker 0: Der Ansatz ist richtig gut gedacht aber eben nicht bis zum Ende.
- 11:46Speaker 0: Der Arbeitgeber hat super viele Schlupflöcher, die sich dadurch ergeben haben und es war dann zum Schluss auch so dass man geschaut hat.
- 11:54Speaker 0: Wenn du Kollegen quasi zu viel hattest, dann bedeutet das für das ganze Team ja eine Entlastung.
- 12:02Speaker 0: Dann betreut einer halt mal einen schweren Fall alleine eins zu eins.
- 12:06Speaker 0: Das ist super!
- 12:07Speaker 0: Das ist für alle Parteien perfekt.
- 12:09Speaker 0: aber dann hat man uns den Kollegen abgezogen und irgendwo anders Osternbrannte eingesetzt.
- 12:14Speaker 0: Also diese Personalverschiebung einfach.
- 12:17Speaker 1: Du sagst ja auch, dass du diesen Beruf trotz allem irgendwie liebst und magst und auch mit geänderten Rahmenbedingungen jetzt anders machst aber immer noch weiter machst.
- 12:31Speaker 1: Wie ist denn diese Faszination entstanden?
- 12:34Speaker 1: Du hast schon ganz früh ... Kind, bist du damit schon in Berührung gekommen?
- 12:40Speaker 1: Mit deinen Großeltern die im Krankenhaus lagen.
- 12:44Speaker 1: Was hat dich da so fasziniert an diesem Beruf?
- 12:48Speaker 0: Also es war auch ein bisschen der unerfüllte Berufswunsch meiner Mutter muss ich echt sagen.
- 12:52Speaker 0: Mir hatte mich auch so ein bisschen in die Richtung getriggert zwar nicht so einfach in den frühen Südzigeren als ich als junges Mädchen da irgendwie durchzusetzen.
- 13:01Speaker 0: In der dörferlichen Struktur dann das gelernt was da eine Mutter dir vorgegeben hat und Sie sagte immer, das ist dein Ding.
- 13:09Speaker 0: Das hat sich wahrscheinlich auch schon gemerkt als ich klein war und ich hatte einen Arztkoffer den Obligatorischen.
- 13:14Speaker 0: zu Weihnachten und sobald sich jemand verletzt hat habe ich Verbände angelegt und bin auch immer wirklich total gerne mit zur Arzttermin gekommen weil ich sehen wollte wenn da immer eine Spritze gekriegt hat.
- 13:26Speaker 0: also das hat mich einfach fasziniert.
- 13:28Speaker 0: der ausschlaggebende Tag war wirklich als ich mein Großvater besucht habe in der Klinik und da wurde der Nachbarpatienten versorgt.
- 13:38Speaker 0: Und die Krankenschleißer, die da am Bett stand, die handierte mit gefühlt für mich als Kind hunderten Kabeln hat Infusionen angehängt und wusste einfach was ich mache.
- 13:46Speaker 0: das hat mich total gecatcht.
- 13:49Speaker 0: Ich dachte Wahnsinn dass sie alles kann und drauf hat und so souverän.
- 13:53Speaker 0: und dann dachte ich so dass wir es auch machen soll zu können vor
- 13:56Speaker 1: allem Jetzt sind wir ja in dieser verrückten Pandemie-Situation.
- 14:01Speaker 1: Und ich denke mir immer die ganze Zeit, wir reden irgendwie nur noch von Corona.
- 14:05Speaker 1: also gefühlt gibt es gar keine anderen Krankheiten mehr und wir haben da völlig auch die Gesprächsgrundlage für andere Diagnosen verloren.
- 14:17Speaker 1: Ich wohne hier in München neben dem deutschen Herzzentrum Blick direkt auf den Hubschrauber-Landeplatz, quasi.
- 14:28Speaker 1: Und wenn ich dann so zwei-, dreimal die Woche gefühlt landet dort ein Hubsschrauber zum zehn Uhr abends oder so und ich denke mir immer irgendwie ... Corona hin und her, ja es ist ein wichtiges Thema absolut.
- 14:43Speaker 1: Wir müssen das in den Griff bekommen.
- 14:45Speaker 1: aber wir dürfen irgendwie bei all diesen Sachen auch nicht den Blick auf andere Krankheiten, andere Diagnosen verlieren.
- 14:53Speaker 1: Und der, der da gerade wahrscheinlich in diesem Hubschrauber liegt hat mit Corona erstmal gar nichts am Hut sondern ist wirklich akut in allergrößter Lebensgefahr.
- 15:02Speaker 1: Ist das was dir begegnet dass wir so'n bisschen verlieren?
- 15:07Speaker 1: Also den Blick dafür... dass es ja auch noch ganz andere medizinische Probleme gibt und das wir auch über die reden sollten?
- 15:14Speaker 0: Also während der Pandemie war's tatsächlich so, dass viele Menschen zu spät ins Krankenhaus gekommen sind.
- 15:21Speaker 0: Also viele Herzinfarkte wo man vielleicht noch was hätte machen können dasselbe mit Schlaganfällen.
- 15:28Speaker 0: also die Leute hatten einfach Angst und haben sich nicht in die Klinik getraut.
- 15:32Speaker 0: Das war eindeutig so.
- 15:34Speaker 0: aber Wir haben natürlich auch im Betten frei zu halten, Elektivprogramm verschoben.
- 15:39Speaker 0: Das bedeutet geplante OPs aber nichts Lebensbedrohliches.
- 15:44Speaker 0: Was jetzt aber gerade passiert ist ja das ist meine Wahrnehmung dass klar und da gehöre ich auch dazu wir wollen erst mal von diesem Corona-Ding nix mehr hören also Urlaub machen wieder heraus sich mit Freunden treffen einfach das Leben wie es vorher war genießen.
- 16:00Speaker 0: Wie gesagt das sehe nicht mich auch danach aber dass wir diesen Pflegenotstand, den wir vor Corona hatten und der während der Pandemie aufflammte in seinem Kern.
- 16:14Speaker 0: Den haben wir immer noch.
- 16:17Speaker 0: Das ist das Ding darüber redet niemand mehr.
- 16:19Speaker 0: Darüber möchte auch niemand sprechen weil ich glaube, dass jeder mittlerweile dermaßen die Schnauze voll hat von Patientenbildern auf dem Bauch liegend beatmet.
- 16:29Speaker 0: Das will niemand sehen und es emotionalisiert auch niemanden mehr.
- 16:33Speaker 0: aber Dieses Patientengut gibt es eben weiterhin.
- 16:37Speaker 0: Die Herzinfarkte, Schlaganfälle, Autounfälle – diese ganzen akuten Sachen werden nicht weniger.
- 16:44Speaker 0: Aber dafür werden die Kollegen, die diese Patienten versorgen müssen immer weniger und das ist die große Gefahr, dass das ihnen wirklich aus dem Fokus
- 16:53Speaker 0: gerät.".
- 16:54Speaker 1: Einer der Gründe, warum es diesen Pflegenotstand gibt ist ja auch das Berufsbild für viele einfach nicht mehr attraktiv erscheint.
- 17:02Speaker 1: Also dass es auch gar keinen Nachwuchs mehr gibt.
- 17:06Speaker 1: was sind denn die Hauptgründe?
- 17:08Speaker 1: Meinst du, dass das nachwuchskräfte nicht mehr kommen wollen?
- 17:12Speaker 1: also ist es die Bezahlung sind es die Schichten, es ist die Überlastung oder ein Mix aus allem oder noch ganz andere Themen.
- 17:22Speaker 0: Also ich glaube gar nicht, dass wir Nachwuchsproblemen haben in dem Sinne das sich keiner bewirbt.
- 17:28Speaker 0: Das ist glaube ich gar nicht das Problem sondern die Abbruchquote ist das
- 17:33Speaker 1: große Ding,
- 17:34Speaker 0: dass man die Ausbildung nicht bis zum Ende durchhält oder eben nach dem Examen gleich erkennt.
- 17:41Speaker 0: wie das schaffe ich das mache ich somit weiter.
- 17:45Speaker 0: natürlich Die Auszubildenden werden verheizt.
- 17:49Speaker 0: es ist kein Geheimnisse.
- 17:52Speaker 0: Klar, es fehlen Examinierte.
- 17:53Speaker 0: Dann müssen die Auszubildenden herhalten für auch für Tätigkeiten, die sie eigentlich überhaupt nicht in der Ausbildung gehören, dann findet keine Anleitung statt weil man einfach keine Zeit dafür hat und das ist natürlich auch für so ein Schüler total frustran.
- 18:08Speaker 0: Und das Zweite ist, wir haben nicht nur ein Ausbildungs- oder Nachwuchsproblem.
- 18:13Speaker 0: Wir können die Leute auch nicht halten also durchschnittlich bleiben.
- 18:16Speaker 0: Pflegekräfte sieben Jahre im Job.
- 18:18Speaker 0: Das ist eine ganz gruselige Zeitspanne wenn man sich das mal so überlegt.
- 18:22Speaker 0: Also man müsste natürlich nicht nur nachwuchsförderung betreiben sondern auch zusehen dass man die Leute hält.
- 18:29Speaker 0: Vor allem auch die die schon einige jahre Berufserfahrungen haben und es ist ja wirklich so eine Fachkraft müsste man wie flüssiges gold behandeln jemand der sieben Jahre Intensivmedizin gemacht hat.
- 18:41Speaker 0: Nur als Beispiel, das gilt natürlich für alle anderen Stationen und Fachrichtungen auch.
- 18:45Speaker 1: Du beschreibst in dem Buch ganz am Anfang eine Szene wie du auf dieser Stationstoilette sitzt mit Schuhen die mit Blutkot Urin- und Desinfektionsmittel verschmiert sind und du völlig fertig bist quasi.
- 19:02Speaker 1: Ich kann mir vorstellen, dass es gerade für junge Nachwuchskräfte die diesen Beruf anfangen.
- 19:08Speaker 1: Einfach eine wahnsinnige Herausforderung ist mit so einer Situation zurechtzukommen erst recht dann wenn vielleicht auch die Kollegen die erfahrenen Kollegen gar keine Zeit haben um sich dann auch mit dem nachwuchs zu beschäftigen.
- 19:23Speaker 1: also indem man vielleicht mit der Person dann einfach mal ins Gespräch geht und sagt ja aber es gehört dazu und das man so eine Art Ja, vielleicht auch so eine Art Mentoring würde man wahrscheinlich in anderen Berufen sagen.
- 19:35Speaker 1: Auch wirklich leisten kann.
- 19:37Speaker 1: das fehlt wahrscheinlich komplett.
- 19:40Speaker 1: wie siehst du?
- 19:40Speaker 1: Das müsste man vielleicht den nach also diese um dieser Abbruchquote zu begegnen.
- 19:44Speaker 1: Müsste man vielleicht versuchen da einfach ja die diese also Ressourcen zu schaffen, die dann auch den Nachwuchs ein bisschen an die Hand nehmen können.
- 19:53Speaker 0: Natürlich müsste man das machen aber es ist ein Teufelskreis.
- 19:56Speaker 0: ich kann mich jetzt nicht hinsetzen und sagen dass und das der Hauptgrund für den Pflegenotstand, sondern das ist so vielfältig.
- 20:05Speaker 0: Das könnte man jetzt aus erörtern und aus Klamustern.
- 20:08Speaker 0: Da säßen wir morgen früh noch hierhin aber es gibt halt – und das ist das Problem auch keine Perspektive – keinen vernünftigen Ansatz um diese Problematik anzugehen oder zu reformieren.
- 20:21Speaker 0: Und das ärgert mich maßlos!
- 20:24Speaker 0: Unsere Auszubildenden sind die Kollegen von Morgen um sie zu fördern und zu halten, wobei das Wort Prävention fällt mir da gerade auch ein oder Supervision.
- 20:38Speaker 0: Das gibt es für uns auch nicht beziehungsweise in einem ganz kleinen Rahmen.
- 20:43Speaker 0: nur wenn wir uns mal überlegen was mit denen machen die jetzt drei Wellen durchgearbeitet haben?
- 20:48Speaker 0: Drei Wellen Covid, die wirklich im menschliche Abgründung geblickt haben Trauma generiert haben.
- 20:57Speaker 0: Es ist ja gestorben worden im Akkord unter widrigen Bedingungen, um mal nur einen der vielen Gründe zu nennen.
- 21:04Speaker 0: Kein Hahn kräht nach diesen Menschen.
- 21:07Speaker 0: Keine tut irgendwas, um ihm mental aus diesem Ding rauszuhelfen.
- 21:12Speaker 0: Es geht weiter wie vorher und die Krankenhäuser haben in dieser Zeit Minusgeschäfte gemacht.
- 21:21Speaker 0: Jeder Clinic Manager wird versuchen, jetzt die Kohle wieder reinzukriegen.
- 21:25Speaker 0: Das bedeutet es wird operiert der Laden muss laufen Es wird mit Vollgas einfach weiter getreten und wir müssen das stützen und mittragen.
- 21:33Speaker 0: Und das geht in die Hose
- 21:36Speaker 1: weiß ich jetzt schon.
- 21:37Speaker 1: Denkst du denn dass?
- 21:39Speaker 1: Das vor allem auch ein deutsches Problem ist also in Deutschland wenn Du wenn Du in die Nachbarländer schaust Wenn Du ins Ausland Schaust werden diese Themen dort besser gehändelt oder ist es überall das gleiche Problem?
- 21:54Speaker 0: Ich bin nicht ganz firm mit den einzelnen Systemen in anderen Ländern, aber was mir auffällt ist dass die Streik und Streitkultur einfach eine andere ist.
- 22:07Speaker 0: Wir gehen nicht auf die Straße so richtig wir werden uns nicht!
- 22:10Speaker 0: Das ist mein Gefühl meine Intention irgendwie.
- 22:14Speaker 0: Das sieht in Frankreich und Großbritannien anders aus.
- 22:18Speaker 1: Du beschreibst in deinem Buch ja auch, dass es durchaus ein gutes Gefühl war als dann letztes Jahr die Leute geklatscht haben.
- 22:25Speaker 1: Als es diese Anerkennung gab.
- 22:27Speaker 1: ich mache mir inzwischen zunehmend so ein bisschen Sorgen das diese Aktionen die ist da letztes jahr gab dieses gut gemeinte reden und und dann auch die Sichtbarkeit für dieses Thema dass das vielleicht Fast schon wieder in der heutigen Zeit, also ein Jahr später fast schon wieder ja so'n bisschen kontraproduktiv sein könnte.
- 22:48Speaker 1: Also im Sinne von naja die haben ja da letztes Jahr diese Aufmerksamkeit bekommen.
- 22:52Speaker 1: Da wurde ja sicherlich was verbessert.
- 22:55Speaker 1: Da wurden ja sicher etwas getan dann auch politisch aber die Wahrheit sieht wahrscheinlich ganz anders aus und damit ist dieses ganze Thema wieder so'nn bisschen weggerutscht aus dem Fokus der Öffentlichkeit.
- 23:06Speaker 1: wie siehst du das?
- 23:08Speaker 0: Ja, natürlich ist es verschwindet wie ich eben schon sagte.
- 23:11Speaker 0: Keiner möchte mehr über Covid oder über Pflege- oder Pflegenurstand sprechen.
- 23:14Speaker 0: das ist unangenehm.
- 23:16Speaker 0: und also um die Frage nach Verbesserung zu beantworten nichts!
- 23:21Speaker 0: Es hat sich nichts getan gar nicht.
- 23:23Speaker 0: im Gegenteil da spielt ganz viel Psychologie mit rein muss ich mal vorstellen.
- 23:28Speaker 0: als wir am Anfang der Pandemie standen und geklatscht wurde meine da waren auch Leute dabei die einfach irgendwie ihre Wertschätzung austritten.
- 23:35Speaker 0: das war jetzt nicht insgesamt kollektiv verwerflich, aber in der Symbolik natürlich zum Schluss.
- 23:42Speaker 0: Aber wir hatten das Gefühl, wir werden wahrgenommen.
- 23:46Speaker 0: Wir werden jetzt wahrgenommen nachdem wir jahrelang gekämpft und gewarnt haben – ich glaube in jedem ist so ein kleines Fünkenhoffnung aufgekreinigt – dass sich was tut!
- 23:59Speaker 0: Und das ist ja dann wirklich mehr, als nur im Keim erstickt worden.
- 24:03Speaker 0: Dann hat man Symbolpolitik betrieben und hat blaue Cremedosen verschickt und labendig gepflanzt und geklatscht.
- 24:10Speaker 0: Und dann eine Gesundheitsminister sagte dann irgendwie ach so ein Vergeltsgott ist doch auch viel wert.
- 24:21Speaker 0: Ich dachte Faltungsstuhl!
- 24:24Speaker 0: Das ist dann irgendwie so.
- 24:25Speaker 0: das Gefühl dass du erstmal wahrgenommen wirst würde feiern gelassen wie eine heiße Kartoffel, so ein Kampf gegen Windmühlen einfach.
- 24:34Speaker 0: Und das demoralisiert und desillusioniert dich natürlich.
- 24:38Speaker 0: Das zieht sich ja jetzt schon eineinhalb Jahre an.
- 24:40Speaker 0: Natürlich will ich gar nicht wissen, wie viele denn auch schon innerlich gekündigt haben?
- 24:45Speaker 0: Nicht nur auf den Papier sondern eben auch mental und das fällt uns auf die Füße.
- 24:53Speaker 0: Also ich habe im Sommer, im Herbst das Wort Personalflucht in den Mund genommen und bin dafür fast gesteinigt worden.
- 25:02Speaker 0: Aber da sieht man jetzt gerade wirklich ganz krass wie sich die... Wie sich das Stammpersonal auf dem Station ausdünnt.
- 25:10Speaker 0: Ganz viele Stationen können sich nur noch mit Arbeitnehmerüberlassung über Wasser halten.
- 25:16Speaker 0: Es ist total viel Dynamik drin und es ist nicht zum Guten.
- 25:20Speaker 1: Jetzt warst du ja Gerade seit deinem Buch auch noch viel mehr in der Presse als davor.
- 25:26Speaker 1: Man hat viele Interviews gegeben, war es da auch in der einen oder anderen Interviewrunde quasi... Vielleicht ein Blick stärker noch dafür bekommen, wie Politiker in dieser ganzen Situation agieren.
- 25:41Speaker 1: Kannst du einschätzen woran es liegt das von politischer Seite da nichts getan wird?
- 25:47Speaker 1: Also ist das einfach Verdrängung von irgendwie zusätzlichen Problemen für die man keine Zeit, keinen Nerv hat?
- 25:54Speaker 1: oder ist das eher so ein systematisches Thema dass man sagt naja die Pflege das wird schon irgendwie gut gehen solange da irgendwie die Krankenhäuser offen bleiben müssen ja da nicht wirklich was tun.
- 26:06Speaker 0: Ja, ich meine solange es niemandem wehtut reagiert auch niemand.
- 26:11Speaker 0: der Laden läuft ja.
- 26:12Speaker 0: Der Laden läuft seit Jahren mehr schlecht als recht.
- 26:15Speaker 0: und warum tut er das?
- 26:16Speaker 0: Weil wir aus eigeninitiative und Mehrarbeit das ganze Ding am Laufen halten weil immer dieses Ding natürlich auch mitschwingt.
- 26:23Speaker 0: die sollen wir den streiten.
- 26:24Speaker 0: also wie soll das funktionieren?
- 26:26Speaker 0: wenn jetzt jeder zu Hause bleibt dann sterben ganz ganz viele Menschen Kinder alte kranke.
- 26:35Speaker 0: Also wir sind in unserem Streikverhalten limitiert.
- 26:40Speaker 0: Wenn am Flughafen die Ufer streikt, dann gehen keine Flugzeuge in die Luft und dann wird einem Unternehmen ganz schmerzlich bewusst dass es gerade sehr viel Geld verliert.
- 26:51Speaker 0: Das ist bei uns eben eine andere Sache.
- 26:54Speaker 0: Ich bin ja wirklich ein großer Verfechter davon, dass man sich der Wurzel allen Übels annimmt und das sind unsere Fallpauschalen.
- 27:01Speaker 0: Das ist allgemein diese obsessive Wirtschaftlichkeit die im Gesundheitssystem steckt, die Privatisierung ganz viele Dinge, die da mit rein spielen.
- 27:11Speaker 0: Allein, dass ich in einem Solidarsystem etablieren konnte.
- 27:14Speaker 0: Dass ich Aktionäre bereichern und Dividende ausgeschuldigt bekommen.
- 27:18Speaker 0: Da gruselts mich!
- 27:19Speaker 0: Aber dieser Sache will sich keiner annehmen.
- 27:21Speaker 0: Also das macht auch niemand weil da wahrscheinlich ja zu viel dran hängt.
- 27:25Speaker 0: Da geht es natürlich halt auch wieder um Geld.
- 27:27Speaker 0: Ich bin kein Wirtschaftsweise gar nicht.
- 27:30Speaker 0: Bin doch kein WWLer.
- 27:31Speaker 0: aber das ist glaube ich wirklich... ganz offenkundig der Grund dafür, dass man da keinen Fuß in die Tür kriegt.
- 27:40Speaker 0: Und dann haben wir natürlich auch keine Lobby!
- 27:42Speaker 0: Wir sind politisch sehr schlecht vertreten, wir sind eine sehr inhomogene Berufsgruppe teilweise auch wirklich sehr gespalten und das wirkt sich natürlich auf den Organisationsgrad aus.
- 27:53Speaker 0: also was Gewerkschaft und Kammer betrifft Das ist ne heiße Kiste.
- 27:57Speaker 0: aber wir haben zum Beispiel auch ein Pflegebevollmächtigen.
- 28:01Speaker 0: Kennst du den Andreas Westerfellhaus?
- 28:04Speaker 0: Ah, siehst du?
- 28:05Speaker 0: Man hört nämlich nichts von ihm.
- 28:07Speaker 0: Das ist auch beschämt irgendwie.
- 28:08Speaker 0: Also wir haben so viele Bauspielerenden zu bespielen.
- 28:12Speaker 0: Sieht sich die Schuhe aus!
- 28:14Speaker 1: Hast Du irgendeine Idee wo man da anfangen könnte oder wo auch gerade Du und Deine Kollegen und Kolleginnen anfangen könnten wirklich auch was zu tun was einen echten Impact hat nachhaltig
- 28:28Speaker 0: Ja.
- 28:29Speaker 0: Und zwar ist es so eine Sache mit der Einspringerei zum Beispiel oder mit mehr Arbeit.
- 28:33Speaker 0: Es ist ganz, ganz klar und das habe ich in meinem Berufsethos auch verankert dass wir keinen Job haben wo um sechzehn Uhr der Hammer fällt.
- 28:41Speaker 0: Wenn du länger bleiben musst ne Viertelstunde weil du gerade reanimierst oder weil da irgendwas ist dann ist das so und dann bleibt man länger und das ist überhaupt kein Problem.
- 28:50Speaker 0: aber an meinem einzigen freien Wochenende im Monat spreche ich nicht ein.
- 28:57Speaker 0: Warum mache ich das nicht?
- 28:58Speaker 0: Weil ich auch noch ein Leben habe, weil ich Freunde hab' Familie und dann kommt gerne mal so einen Anruf.
- 29:04Speaker 0: Auch von der Pflegedienstleitung die dann sagt ach wir denken sie doch an ihre Patienten oder an ihre Kollegen und da müssen wir uns alle glaube ich ganz klar machen nein!
- 29:14Speaker 0: Nein!
- 29:15Speaker 0: Weil meine Kinder sagen ihnen zehn Jahre nicht zu mir Ohr.
- 29:18Speaker 0: Danke Mutter dass du jedes Wochenende eingesprungen bist.
- 29:21Speaker 0: Es war immer total nett mit der Oma Zuhause.
- 29:24Speaker 0: Das ist einfach Das bringt niemandem was.
- 29:27Speaker 0: Das muss von innen rauskommen, sicher!
- 29:30Speaker 0: Die Patienten müssen versorgt werden.
- 29:32Speaker 0: Wenn ich da bin dann gebe ich alles und wenn ich länger bleiben muss bleibe ich nicht.
- 29:35Speaker 0: Ja das ist ganz...das bringt der Job mit sich, das muss man wissen.
- 29:39Speaker 0: aber Alles andere als darüber hinaus geht, dass würde ich einfach unterlassen.
- 29:46Speaker 0: Ich will es nicht dienst nach Vorschrift nennen Aber es geht in die Richtung.
- 29:51Speaker 1: Diese Einspringerei ist ja auch sehr kurzfristig gedacht.
- 29:54Speaker 1: Also wir alle haben ja irgendwie auch im letzten Jahr, egal fast egal in welchem Job gemerkt dass wenn wir irgendwie nur noch Arbeit haben in unserem Leben und überhaupt keinen Ausgleich mehr haben weil ja auch durch die Pandemie ganz vieles weggefallen ist was wir sonst so lieb gewonnen haben an ausgleich sei es Urlaub seils abends mal mit Freunden essen gehen oder was auch immer Das ist ja alles weggefallen, das heißt wir haben alle so ein bisschen gefühlt dafür bekommen was eigentlich bedeutet wenn die.
- 30:22Speaker 1: Das Leben eigentlich nur noch aus Arbeit besteht.
- 30:25Speaker 1: jetzt ist es ja in eurem Fall nochmal viel extremer weil ihr auch.
- 30:31Speaker 1: eben mit dieser Einspringerei, dann habt ihr Schichten die teilweise auch sehr schwierig sind oder sehr langen sind.
- 30:38Speaker 1: Ist das auch was da die Pandemie vielleicht noch mal so ein bisschen verstärkt hat?
- 30:42Speaker 1: Also dass der Ausgleich einfach jetzt auf vollkommen fehlt und durch diese Einspringerrei, die du beschrieben hast, dann auch noch weniger da ist weil man hier und da nochmal irgendwie mehr arbeitet als man eigentlich sollte.
- 30:54Speaker 1: also dass man eigentlich konstant auch so ein bischen Burnout gefährdet ist wenn man es so sagen möchte
- 31:01Speaker 0: Ja, aber das war vorher schon so.
- 31:03Speaker 0: Also das ist ja ein Dauerzustand gewesen dass wir quasi aus den eigenen Reihen dieses systemische Versagen kompensieren müssen und es auch tun weil wir einfach irgendwo unsere Verpflichtung sehen.
- 31:17Speaker 0: Aber das kann's nicht sein und es kann auch auf Dauer nicht die Lösung sein.
- 31:22Speaker 0: wie ich schon sagte wenn es nicht wehtut reagiert niemand und wenn man sich mal überlegt Das generiert natürlich auch Ein Burnout, das generiert Überlastung.
- 31:31Speaker 0: Wenn man einfach nur noch für die Arbeit lebt und eigentlich sein freies Wochenende den Opfer hat.
- 31:36Speaker 0: Obwohl man vielleicht mit der Freundin im Biergarten verabredet war.
- 31:42Speaker 0: Sicher!
- 31:42Speaker 0: Das ist ungesund.
- 31:43Speaker 1: Was ja auch wichtig in deinem Beruf ist, dass du irgendwie Abstand zu den Schicksalen deiner Patienten hast wenn du nach Hause gehst.
- 31:52Speaker 1: Also irgendwie im Feierabend abschalten zu können.
- 31:56Speaker 1: Wie bekommst du das hin?
- 31:58Speaker 1: ohnehin schon dieser Ohrenlast, die du da über zehn Jahre lang mitgemacht hast.
- 32:04Speaker 1: Aber dann auch noch diese gerade auf einer Intensivstation, die teilweise ja auch fatalen Schicksale, die dort zum Alltag irgendwie gehören.
- 32:13Speaker 1: Also wie bekommst du das hin mit diesen Geschichten so umzugehen, dass du irgendwann doch sowas wie einen Feierabend hast und die Arbeit nicht komplett mit nach Hause nimmst?
- 32:25Speaker 0: Ich glaube, das ist immer ein bisschen das Ding, was ein Geist des Kindes ist.
- 32:31Speaker 0: immer gut hingekriegt, muss ich echt sagen.
- 32:33Speaker 0: Also ich habe nie was mit heimgenommen.
- 32:35Speaker 0: Ich hab nie schlecht geschlafen, eben einer Sache im Krankenhaus.
- 32:39Speaker 0: Ich kann das trennen beruflich und privat weil auch nach einem Vorfall mal gemerkt habe dass das belastet die Familie ja nun auch.
- 32:48Speaker 0: Ich bin emotionaler geworden als ich Kinder gekriegt habe.
- 32:53Speaker 0: Wenn wir im Sommer zum Beispiel Ertrinkungsunfälle hatten dann haben wir öfter mal Kinder.
- 32:59Speaker 0: Ich habe dann mit den Kollegen schon auch abgesprochen, dass ich dieses Zimmer nicht betreuen möchte.
- 33:03Speaker 0: Weil das wäre eine Sache gewesen, die hätte ich wahrscheinlich mit heimgenommen.
- 33:06Speaker 0: Man muss man für sich selber so ein bisschen abgrenzen oder sich abgrenzten und einordnen was kann man leisten und was nicht?
- 33:14Speaker 0: Und das lernt man aber mit den Jahren auch.
- 33:17Speaker 0: Das ist meine Erfahrung nur!
- 33:19Speaker 0: Ist es so ein kleiner Balanceakt, dass man da wirklich jonglieren muss zwischen... Zwischen in der Klinik lassen und nicht mit nach Hause nehmen und abstumpfen.
- 33:29Speaker 0: Also da muss man wirklich aufpassen, dass dann irgendwann nicht so eine Maschine zu einem Roboter wird, den nur noch aushält.
- 33:37Speaker 0: Das ist auch nicht Sinn und Zweck der Sache.
- 33:39Speaker 1: Jetzt bist du ja auch mit einem Arzt verheiratet?
- 33:42Speaker 1: Hilft es da an dem Punkt so ein Stück weit also das ihr beide sozusagen den gleichen beruflichen Background habt?
- 33:49Speaker 0: Ja!
- 33:50Speaker 0: Also ich habe da Kommunikation finde, ist eh total wichtig.
- 33:55Speaker 0: Wenn mir was auf der Seele liegt also ich muss aussprechen und darüber reden und das haben wir auch immer gemacht.
- 34:00Speaker 0: Also wenn irgendwas war kam ich heim und hab es erzählt dann haben wir gequatscht.
- 34:04Speaker 0: und ja wenn dein Partner natürlich in derselben Branche arbeitet stößt man da natürlich auch auf mehr Verständnis.
- 34:12Speaker 0: Das hat mir immer geholfen.
- 34:15Speaker 1: Kommunikation ist ein gutes Stichwort.
- 34:17Speaker 1: Du hast ja schon lange vor deinem Buch auch angefangen mit deinem Instagram-Channel und hast dort immer wieder aus dem Pflegealltag berichtet, offen über die Probleme gesprochen, die dort immer dir begegnen.
- 34:31Speaker 1: Was hat da den Ausschlag damals gegeben?
- 34:33Speaker 1: Dass du gesagt hast ich gehe damit mit diesen Geschichten raus an eine Öffentlichkeit.
- 34:39Speaker 1: Pflege
- 34:39Speaker 0: war, damals als ich angefangen habe noch nicht etabliert so richtig auf Instagram.
- 34:43Speaker 0: Also da gab es eine Handvoll Accounts und ich hab dann einfach gemerkt, da gibt es Gesprächsbedarf und Interesse.
- 34:51Speaker 0: und dann habe ich auch irgendwann gemerkt das geht ja nicht nur mir so, sondern es geht ja vielen anderen auch so und das hat mich ein Stück weit dann auch wirklich... geholfen, mich da auszutauschen und auch eine Plattform zu schaffen für andere um sich zu informieren.
- 35:11Speaker 0: Aber natürlich auch um diese Sache nach außen zu tragen und publik zu machen.
- 35:15Speaker 0: das ist mir Gott sei Dank gelungen.
- 35:17Speaker 0: aber ich bin mittlerweile jetzt an einem Punkt und es gebe ich ganz offen und ehrlich zu dass ich nicht weiß was ich noch machen soll.
- 35:26Speaker 0: Also ich habe für meine Verhältnisse wirklich alles ausgereizt und gemacht und gespielt.
- 35:31Speaker 0: Und es ist unheimlich frustran, dass es nahezu verkuft wie zum Beispiel auch die Sternpetition.
- 35:40Speaker 0: Das macht mich wahnsinnig und ich hab das Buch geschrieben!
- 35:46Speaker 0: Ich habe so viel Resonanz gekriegt aber systemisch hat sich nichts verändert... ...und ich weiß nicht wo wir noch hinwollen oder was passieren muss.
- 35:56Speaker 0: Das ist eine ganz zentrale Frage, die ich mir immer stelle.
- 36:00Speaker 0: Welche Eskalationsstufe müssen wir erreichen, dass irgendjemand tätig wird?
- 36:06Speaker 0: Sind es Leichenberge?
- 36:07Speaker 0: Sind das tote Kinder?
- 36:09Speaker 0: Was genau muss es sein?
- 36:11Speaker 0: Weil diese kleinen unentdeckten Schicksale jeden Tag, die im Kleinen passieren, die vor zehn Jahren schon passiert sind bedingt durch Personalmangel und unser systemisches Vollversagen, die scheinen niemanden mehr zu interessieren!
- 36:25Speaker 0: Und da bin ich ratlos, gebe ich zu.
- 36:29Speaker 0: Zur Zeit sitze ich vor meinem Handy und frage mich was soll ich noch machen?
- 36:34Speaker 1: Ja es ist so ein bisschen wie zum Kampf gegen Windmühlen wahrscheinlich.
- 36:38Speaker 1: also man versucht immer wieder etwas zu tun und dann merkt man irgendwie bringt's nicht wirklich was weil keiner... Keiner nachhaltig darauf reagiert.
- 36:50Speaker 1: In vielen Themen habe ich das Gefühl in unserer Gesellschaft, wir haben immer so eine kurzfristige Betroffenheit wenn wir eine schlimme Geschichte hören.
- 36:59Speaker 1: aber wirklich was tun damit sich sowas nicht wiederholt oder dass sich die Zustände nachhaltigt verändern da sind wir irgendwie immer nicht so bereit dafür.
- 37:08Speaker 1: also es ist glaube ich, vielleicht auch so ein gesellschaftliches Problem.
- 37:13Speaker 1: Also wenn wir selbst nicht in der Masse betroffen sind dann tun wir wirklich erst dann was, wenn es wirklich weh tut oder?
- 37:21Speaker 1: Ja
- 37:21Speaker 0: und ich verstehe ja auch nicht dass sich nicht langsam mal irgendwie ziviler Umdruck breiten und wenn man zwanzigtausend Leute für eine Demo gegen Corona-Maßnahmen auf die Straße kriegt warum denn da nicht für unsere aller Gesundheitsvorsorge und Versorgung?
- 37:38Speaker 0: Das liegt wahrscheinlich daran, dass man das wegschiebt und unmittelbar nicht getroffen ist.
- 37:43Speaker 0: Was ja blödsinn ist!
- 37:44Speaker 0: Weil wir alle, egal in welcher Lebenslage die irgendwann mal Kontakt mit Medizin und Pflege haben werden zwangsläufig aber solange das kein aguter Zustand ist wird man nicht tätig.
- 37:55Speaker 0: Und das war bei Covid während der Pandemie natürlich anders.
- 37:59Speaker 0: Da saßen wir alle zu Hause mussten masketralen, Homeschooling durften uns mit niemandem treffen.
- 38:05Speaker 0: Du kriegst natürlich schon mal eher irgendwie dicken Hals und denkst dir so, jetzt demonstriere ich.
- 38:12Speaker 0: Ja mein Gott!
- 38:14Speaker 0: Es ist halt immer wirklich nur ein akutes Geschehen.
- 38:17Speaker 0: So lässt sich das wahrscheinlich erklären aber das wäre zum Beispiel eine Maßnahme.
- 38:23Speaker 0: Ich werde immer gefragt, es ist auch eine Frage was kann ich tun?
- 38:27Speaker 0: Wie kann ich mich einbringen?
- 38:29Speaker 0: Ich würde so gerne helfen und ich habe keine Antwort drauf.
- 38:34Speaker 0: Alle zusammen.
- 38:35Speaker 0: Irgendeiner muss die Masse eilen, Demos, Flashmops... Ich weiß es nicht!
- 38:42Speaker 0: Irgendwas.
- 38:43Speaker 0: aber es muss einfach langsam anfangen weh zu tun sonst wird sich hier nichts verändern und es sieht wirklich grau aus schwarz.
- 38:53Speaker 0: ich blicke mit Sorge in die Zukunft ganz ehrlich hinsichtlich dessen dass ich noch eine Mutter habe die in zwanzig Jahren auch Achtzig ist dass ich auch nicht jünger werde, dass sich meine Kinder gut versorgt haben möchte.
- 39:06Speaker 0: Und es ist einfache Mathematik diese Diskrepanz zwischen pflegenden und klegebedürftigen Beziffern in ein paar Jahren.
- 39:13Speaker 0: Da wird's mich beiübeln!
- 39:15Speaker 1: Vor allem, weil man einen gewissen Vorlauf braucht.
- 39:18Speaker 1: Die Fachkräfte müssen erst mal ausgebildet werden und brauchen eine gewisse Erfahrung.
- 39:27Speaker 1: Wenn die erfahrenen Leute nicht mehr da sind um die Nachkommenden anzulernen und ihnen auch ihr Wissen mitzugeben dann wird es natürlich noch schwieriger.
- 39:37Speaker 1: Das
- 39:38Speaker 0: ist ein ganz gravierendes Problem.
- 39:39Speaker 0: als ich vorhin sagte dass die Kollegen sieben Jahre durchschnittlich im Job bleiben Wer bildet denn unser Nachwuchs aus?
- 39:46Speaker 0: Wer bleibt denn da übrig?
- 39:48Speaker 0: und es geht enormes Fachwissen flöten.
- 39:50Speaker 0: Und das Katastrophe, das ist eine fachliche Katastrufe.
- 39:56Speaker 1: Ja danke dir für diese... ganzen Einblicke, auch wenn wir so ein bisschen pessimistisch schließen quasi.
- 40:03Speaker 1: Aber ich hoffe trotzdem sehr dass sich irgendwann bald hoffentlich doch mal irgendjemand dazu berufen fühlt auf politischer Ebene danach haltig was zu ändern weil sonst sehe ich das tatsächlich auch genauso wie du werden wir da in große Probleme reinlaufen.
- 40:22Speaker 1: Aber deshalb umso mehr vielen Dank an dich auch, dass du dir da diese Zeit nimmst und dieses Engagement auch hast zumindest eine Sichtbarkeit für diese Themen zu schaffen.
- 40:36Speaker 1: Vielen
- 40:36Speaker 0: Dank!
- 40:37Speaker 0: Und ich möchte es gar nicht so pessimistisch abschließen lassen weil aufgeben ist eigentlich keine Option und ich brüte über Alternativen Und die Kollegen auch, also wir sind echt... Wir schweißen nicht hin.
- 40:53Speaker 0: Auch wenn wir gerade glaube ich alle einen Dämpfer nach dem anderen kriegen, aber wir bleiben am Ball.
- 40:58Speaker 1: Das heißt sobald ihr eine coole Idee habt sprechen wir einfach noch mal und wenn ihr mir eine einfällt dann gebe ich ja auch Bescheid und dann hoffe ich dass sich diese Situation doch irgendwann einmal verbessert.
- 41:12Speaker 1: Danke dir für die Einblicke!
- 41:15Speaker 1: Sehr gerne!
- 41:17Speaker 1: Die letzte Runde ist ausgetrunken, das Gespräch zu Ende.
- 41:21Speaker 1: Vielen Dank fürs Zuhören!