Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 16
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- 0:01Kapitel 16 das Heft das Muster hatte aufgehört, ein Verdacht zu
- 0:06sein. Das war die Veränderung, die
- 0:08sich in diesen Wochen in Jasmin vollzog, leise, unwiderruflich,
- 0:12wie ein Befund, der erst wahrscheinlich ist und dann
- 0:15gesichert. Sie sah es nicht mehr nur, wenn
- 0:17sie danach suchte, sie sah es überall, ungefragt, in jeder
- 0:21Schicht, an jedem Bett, dass ausgerechnet sie es sah, hatte
- 0:25einen Grund, und der Grund war das Elend ihres Hauses.
- 0:29Jasmin gehörte zur Inneren, das war ihre Station, ihr
- 0:32Stützpunkt, ihre Kaffeetasse im Schrank über der Spüle.
- 0:35Aber sie war zugleich im Ausfallmanagement, so hieß es im
- 0:38Dienstplan, ein Wort, das die Klinikleitung vor 3 Jahren
- 0:41eingeführt hatte, um nicht Springerpool sagen zu müssen,
- 0:44und schon gar nicht, was es wirklich war, die Vorrichtung,
- 0:47mit der ein Haus, das zu wenige einstellt, seine Löcher stopft,
- 0:51sie wurde geholt, wo es brannte, Chirurgie, wenn dort 2 krank
- 0:55waren, die Überwachung, wenn eine kündigte.
- 0:58Die Aufnahme in den Nächten, in denen unten niemand mehr war.
- 1:02Sie hatte Monate, in denen sie ihre eigene Station kaum sah,
- 1:05und sie hatte aufgehört, sich darüber zu ärgern, weil der
- 1:08Ärger nichts änderte und Kraft kostete, die sie für die Betten
- 1:11brauchte. Aber es hatte eine Folge, an die
- 1:14niemand gedacht hatte, als man das Wort erfand.
- 1:17Jede andere Pflegefachkraft in diesem Haus kannte ihre Station,
- 1:21sie kannte ihre Patienten, ihre Ärzte, ihre Fälle.
- 1:25Und wenn bei ihr etwas schief lief, dann war es eben bei ihr
- 1:28schief gelaufen. Ein Ärgernis auf einem Flur, ein
- 1:31Pech, über das man beim Übergabekaffee schimpfte und das
- 1:34damit erledigt war. Jasmin sah 4 Flure, sie sah Frau
- 1:38Lehmann auf der einen Station und Herrn Adler auf der anderen,
- 1:41und in der Aufnahme, die, die zu spät kamen, und sie sah sie mit
- 1:44denselben Augen in derselben Woche, und deshalb sah sie, was
- 1:48keiner sah, der blieb, dass es dasselbe war.
- 1:51Dass es nicht 4 Pechsträhnen auf 4 Fluren gab, sondern eine
- 1:55Regel, die überall dieselbe war und nur an 4 verschiedenen
- 1:58Stellen zuschlug. Das Haus hatte sie
- 2:01herumgeschoben, um Personal zu sparen, und hatte damit den
- 2:04einzigen Menschen geschaffen, der das Ganze überblicken
- 2:07konnte. Es war der einzige Witz in
- 2:09dieser ganzen Geschichte und Jasmin fand ihn nicht komisch,
- 2:13es war nicht ein Fall. Ein Fall war ein Zufall.
- 2:16Ein Fall ließ sich erklären, Weger klären.
- 2:19Ein Fall war, Herr Adler war Herr Barths, war ein einzelner
- 2:22alter Mann, dem es schlecht ging und der einen Platz nicht bekam
- 2:26und über einen einzelnen Fall konnte man sagen, Pech,
- 2:29Knappheit, so ist das eben, aber es war kein Fall mehr, es waren
- 2:3310, es waren 20 und in den 20 lag eine Ordnung und die Ordnung
- 2:37war das Erschreckende, weil eine Ordnung keinen Zufall kennt.
- 2:40Die Armen warteten länger, die Alten ohne Angehörige warteten
- 2:44länger, die mit den fremden Namen, die mit den falschen
- 2:47Postleitzahlen, die ohne Zusatzversicherung, sie alle
- 2:50rutschten gleichmäßig beständig nach unten und die anderen, die
- 2:54stabilen, die verankerten, die brauchbaren, rutschten nach oben
- 2:58und zwischen den bei den Bewegungen lief eine Linie,
- 3:00sauber, unsichtbar, mörderisch, und Jasmin sah sie jetzt, wenn
- 3:05sie über die Station ging, wie man eine Wasserlinie an einer
- 3:08Wand sieht, nach dem das Wasser längst abgelaufen ist.
- 3:11Den Strich, bis zu dem es gestanden hatte.
- 3:14Also fing sie an, es aufzuschreiben.
- 3:16Richtig diesmal. Das schwarze Heft hatte sie
- 3:19schon eine Weile, sie hatte hineingeschrieben, sporadisch,
- 3:22wenn ein Fall sie nicht losließ, wenn sie nachts nicht schlafen
- 3:26konnte. Aber das war ein anderes
- 3:28Schreiben gewesen, ein Schreiben, um es loszuwerden,
- 3:31ein Schreiben gegen die Schlaflosigkeit, was sie jetzt
- 3:34tat, war etwas anderes, und sie wusste, dass es etwas anderes
- 3:38war, und sie wusste, dass sie damit eine Linie überschritt,
- 3:41eine schärfere als die mit Herrn Adler, weil es diesmal kein
- 3:44Affekt war, keine Nacht, kein einzelner Mensch, den sie nicht
- 3:47hatte zerfallen sehen können. Es war Methode, sie führte jetzt
- 3:51ein Register, Datum, alter, Diagnose.
- 3:54Notwendige Leistung planbar knapp Datum der Anmeldung Datum
- 4:00der Zuteilung wenn sie kam oder die Reihe der Verschiebungen,
- 4:03wenn sie nicht kam und am Rand in einer eigenen Spalte das, was
- 4:08nicht in der Akte stand und was sie trotzdem festhielt, weil es
- 4:11der Schlüssel war, die Merkmale, die nichts mit der Krankheit zu
- 4:14tun hatten und alles mit dem Score Arm allein geflüchtet,
- 4:19Alt, ohne Aussicht. Nicht nur die Alten, das war die
- 4:23Entdeckung, die sie am meisten erschütterte, weil sie das
- 4:25letzte Argument zerstörte, mit dem man sich das Muster
- 4:28schöngeredet hatte, dass es eben die Alten treffe, die
- 4:31Sterbenden, bei denen die Ressource sich nicht mehr lohne,
- 4:34was schlimm genug war und sich trotzdem fast erklären ließ.
- 4:38In der vorletzten Woche hatte sie einen Mann von 46 gehabt.
- 4:42Einen, der von der Grundsicherung lebte, mit einer
- 4:44chronischen Sache, die einen planbaren Eingriff brauchte.
- 4:48Einen, der ihn wieder arbeitsfähig gemacht hätte und
- 4:51gerade ihn schob die Maschine gerade den, bei dem die Reha
- 4:54sich nach jeder Logik gelohnt hätte, weil sie ihn von der Last
- 4:57zur Stütze gemacht hätte. Jasmin verstand es nicht, bis
- 5:01sie es verstand, die Maschine rechnete nicht, ob sich ein
- 5:03Mensch lohnte, wenn man in ihn investierte.
- 5:06Sie rechnete, was er jetzt war, in diesem Augenblick, auf dem
- 5:09Papier und 146 Jähriger auf Grundsicherung war jetzt auf dem
- 5:13Papier ein schlechter Posten, gleichgültig was aus ihm werden
- 5:16könnte, wenn man ihn behandelte. Das war die Bosheit unter der
- 5:20Sachlichkeit, das System fragte nie, wen es retten könnte, es
- 5:24fragte nur, wer sich im Moment rechnete und wer sich im Moment
- 5:27nicht rechnete, den schob es, bis er sich erst recht nicht
- 5:30mehr rechnete. Sie schrieb ihn ins Heft, den
- 5:33Mann von 46, und unter seinen Fall schrieb sie zum ersten Mal
- 5:38einen eigenen Satz, der nicht nüchtern war, den einzigen, den
- 5:40sie sich erlaubte. Es ist kein Versehen, es ist die
- 5:43Rechnung, sie schrieb es in der Sprache, die sie beherrschte,
- 5:47der medizinischen, der nüchternen, der überprüfbaren,
- 5:50ohne ein einziges Wort der Empörung, weil sie ahnte, dass
- 5:53die Nüchternheit die eigentliche Waffe war, dass ein Register,
- 5:56das nicht klagt, sondern nur verzeichnet, schwerer wog als
- 5:59jeder Aufschrei. Sie beherrschte diese Sprache
- 6:02besser als ihre Stellenbeschreibung es vorsah,
- 6:05und das hatte eine Geschichte, die sie selten erzählte.
- 6:08Sie hatte Medizin studieren wollen, nicht als Kindertraum,
- 6:11nicht als Sehnsucht, als Plan mit einem Abiturschnitt, der
- 6:15reichte mit einem Studienplatz, den man ihr Angeboten hatte, in
- 6:19einer Stadt 400 Kilometer entfernt, die Gebühren waren
- 6:22nicht das Problem gewesen, das war das Sonderbare daran, dass
- 6:26ihr bis heute niemand glaubte, das Studium selbst hätte sie
- 6:29sich leisten können. Es war das andere, ein Zimmer in
- 6:33einer Universitätsstadt, in der Studenten um Zimmer kämpften wie
- 6:36um Wasser. Die Bücher, von denen eines so
- 6:39viel kostete wie die Winterschuhe ihrer Schwester,
- 6:41das Präparierbesteck, die Kittel, die Fahrten.
- 6:45Die 6 Jahre, in denen sie nichts verdienen würde in einer
- 6:48Familie, in der jeder verdiente, sobald er konnte, weil der Vater
- 6:52Busse fuhr und nicht 3 Kinder durch 6 Jahre trägt, in denen
- 6:55keines etwas heimbringt es hatte ihr niemand abgesagt, das war
- 6:59der Punkt, an den sie in schlaflosen Nächten immer wieder
- 7:02kam. Und er wurde nicht kleiner mit
- 7:04den Jahren, es gab keinen Ablehnungsbescheid, es gab kein
- 7:07Amt, keinen Bogen, keine Unterschrift, keinen Menschen,
- 7:10dem sie hätte sagen können, sie haben mir das genommen.
- 7:13Es hatte nur nicht gereicht. Sie hatte sich mit 17 an einem
- 7:18Küchentisch in 3 Sommern nacheinander selbst vertagt.
- 7:21Nächstes Jahr, wenn wir weiter sind und irgendwann war die
- 7:24Vertagung eine Entscheidung gewesen, ohne dass sie den Tag
- 7:27hätte nennen können, an dem sie fiel.
- 7:30Deshalb erkannte sie es so schnell, das Begriff sie erst in
- 7:33diesen Wochen über dem Heft, und es war ein bitteres begreifen,
- 7:37sie musste den Mechanismus nicht durchschauen, sie musste sich
- 7:39nur erinnern, man wird nicht abgelehnt.
- 7:42Man wird verschoben mit freundlichen Gründen, bis das
- 7:45verschieben genug Jahre alt ist, um endgültig zu heißen.
- 7:47Und am Ende steht kein Täter, sondern eine Summe kleiner
- 7:50Vernünftigkeiten, was die Maschine jetzt tat, hatte dieses
- 7:54Land vorher von Hand getan an Küchentischen ohne Software,
- 7:58ohne Spalten und der einzige Unterschied war, dass es
- 8:01schneller ging und mehr Menschen traf und dass man es diesmal
- 8:05aufschreiben konnte. Sie tat es heimlich im
- 8:08Umkleideraum in den toten Minuten mit dem Heft, das sie
- 8:11unter Ihren Sachen im Spind versteckte.
- 8:13Und jedes Mal, wenn sie es aufschlug, spürte sie die Kälte
- 8:16aufsteigen, nicht in den Händen, die Hände blieben ruhig, die
- 8:19Hände durften nicht zittern, sondern höher im Brustkorb, das
- 8:23Wissen, dass sie hier etwas in der Hand hielt, das ihr Leben
- 8:26kosten konnte, nicht ihr Leben, ihre Stelle, ihre Weiterbildung,
- 8:32ihren Namen. Die Verwarnung lag schon in
- 8:35ihrer Akte und über der Verwarnung lag der Satz, der
- 8:38nicht Demir gesagt und doch Demir gemeint hatte.
- 8:41Seien Sie vorsichtig, gerade sie, sie war nicht vorsichtig,
- 8:45das war das Neue an ihr, und sie erkannte es mit einer Mischung
- 8:49aus Schrecken und etwas, das fast wie Befreiung war, dass sie
- 8:52aufgehört hatte, vorsichtig zu sein, dass das Heft eine
- 8:55Entscheidung war, getroffen und dass eine getroffene
- 8:58Entscheidung die Angst nicht beendet, aber sie verwandelt.
- 9:01In etwas, mit dem man arbeiten kann, wie man mit einem hohen
- 9:04Puls arbeitet, nicht, in dem man ihn wegmacht, sondern in dem man
- 9:08trotzdem die Hände ruhig hält. Theo Brandt hatte ihr beim
- 9:11Abschied einen Zettel in die Hand gedrückt, im Krankenhaus am
- 9:14Tag seiner Entlassung gefaltet, heimlich, fast mit einer Adresse
- 9:18und einer Nummer und einem Satz darunter, in einer alten, festen
- 9:22Schrift, falls sie einmal mit jemandem reden wollen, der es
- 9:24auch sieht, sie hatte den Zettel wochenlang nicht benutzt.
- 9:28Sie hatte ihn in ihre Tasche getan und behalten, ohne zu
- 9:31wissen warum. Denn es war unvernünftig, einen
- 9:33solchen Zettel zu behalten, einen, der sie mit einem
- 9:36Patienten verband, mit einem Mann, der die Sortierung gesehen
- 9:39hatte, dem sie das Heft anvertraut hatte, in einem
- 9:42Moment der Schwäche, den sie hinterher bereut hatte, aber sie
- 9:45warf ihn nicht weg. Und an einem freien Nachmittag,
- 9:49als die Station sie nicht hielt und die Wohnung sie nicht hielt.
- 9:52Und das, was sie sah, ihr zu schwer geworden war, um es
- 9:55allein zu tragen, nahm sie den Zettel und fuhr zu der Adresse.
- 9:59Theos Wohnung war die Wohnung eines Mannes, der allein lebte
- 10:02und es nicht verbarg, Bücher überall in Regalen und auf dem
- 10:06Boden. Papier, das nach Staub roch und
- 10:09nach altem Leim und in der Küche, in die er sie führte.
- 10:12Ein Tisch mit 3 Stühlen, von denen einer leer war, auf eine
- 10:15Art, die Jasmin sofort verstand, ohne dass es gesagt werden
- 10:19musste. Die Art, in der ein Stuhl leer
- 10:21ist, der zu einem Menschen gehört hat, den es nicht mehr
- 10:23gibt. Theo sah besser aus als im
- 10:25Krankenhaus und schlechter als ein gesunder Mann, er bewegte
- 10:29sich vorsichtig mit der Behutsamkeit eines Menschen, der
- 10:32sein Herz belauscht. Und Jasmin, die das Auge dafür
- 10:35hatte, sah, dass es ihm nicht gut ging, dass das reparierte
- 10:39Herz ein Repariertes blieb, eine tickende Sache, die jederzeit
- 10:42wieder aufhören konnte. Er machte Tee langsam, und sie
- 10:46ließ ihn, weil sie spürte, dass das Teemachen für ihn wichtig
- 10:49war, ein Beweis, dass er noch konnte, sie führen es weiter,
- 10:53sagte er, als sie saßen, keine Frage, er hatte es ihr
- 10:56angesehen, so wie er ihr im Krankenhaus alles angesehen
- 11:00hatte, ja methodisch jetzt. Sie sah ihn an, überrascht, fast
- 11:04erschrocken, dass er es so genau traf, woher, weil ich es an
- 11:09ihrem Gesicht sehe. Sie haben das Gesicht eines
- 11:11Menschen, der aufgehört hat, sich etwas vorzumachen und
- 11:15angefangen hat zu arbeiten. Er rührte in seinem Tee langsam.
- 11:20Ich kenne dieses Gesicht, ich habe es jeden Morgen im Spiegel,
- 11:24seit ich auf ihrer Station gelegen habe.
- 11:26Er erzählte ihr von seiner Liste, von der dunklen Spalte
- 11:29von Herrn Barths, dessen Namen er sich eingeprägt hatte, von
- 11:33dem vertauschten Wort im Lehrplan und der reparierten
- 11:36Laterne. Er erzählte es trocken, ohne
- 11:38Pathos, ein alter Lehrer, der eine Beweiskette ordnet und
- 11:42Jasmin hörte zu und verstand, dass sie nicht allein war, dass
- 11:46dieser alte Mann mit dem reparierten Herzen dasselbe sah
- 11:49wie sie. Von einer anderen Seite und dass
- 11:51es ihr etwas tat, dass sie nicht erwartet hatte, dass das nicht
- 11:54Alleinsein die Last nicht halbierte, wie man es immer
- 11:57sagt, sondern sie veränderte sie tragbarer machte, weil eine
- 12:00Last, die 2 tragen, eine andere Form hat als eine, die einer
- 12:04trägt, einmal, während er erzählte, setzte sein Herz aus
- 12:08oder schien auszusetzen, er hielt mitten im Satz inne, legte
- 12:12die Hand flach auf die Brust mit der Geste, die Jasmin von 100
- 12:15Patienten kannte, und sein Gesicht wurde für einen Moment
- 12:17grau. Sie war sofort bei ihm mit der
- 12:20Ruhe, die ihr Beruf ihr gegeben hatte.
- 12:22Die Finger an seinem Handgelenk, den Puls suchend, und sie fand
- 12:26ihn unregelmäßig, aber da. Und sie hielt das Handgelenk,
- 12:29bis das Grau aus seinem Gesicht wich und die Farbe zurückkam.
- 12:33In den Sekunden, in denen sie seinen Puls unter den Fingern
- 12:36hielt, war es ihr, als hielte sie nicht das Handgelenk eines
- 12:39alten Mannes, sondern die ganze fragile Sache, an der sie alle
- 12:42hingen, die tickende Uhr, die jeden Moment stehen bleiben
- 12:45konnte, sie sollten sich schonen.
- 12:48Sagte sie in dem fachlichen Ton, der ihr Halt gab.
- 12:51Theo lächelte schwach, wofür sagte er, damit ich länger
- 12:55Zusehe und Jasmin die Hand noch an seinem Puls verstand, dass
- 13:00dieser alte Mann beschlossen hatte, das wenige an Zeit, das
- 13:03ihm blieb, zu verbrauchen, statt zu schonen, und dass das eine
- 13:06Art von Mut war, die sie selten gesehen hatte, der Mut eines
- 13:09Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat außer der Zeit und
- 13:13der die Zeit lieber ausgibt als spart.
- 13:15Ich habe eine Tochter, sagte Theo dann, und seine Stimme
- 13:18wurde vorsichtiger, weil er an die heikle Stelle kam.
- 13:21Das spürte Jasmin. Sie ist Journalistin, die letzte
- 13:25bei dem Blatt, das hier stirbt, sie hat etwas gefunden, zahlen,
- 13:28die nicht zusammenpassen, eine Formel, die anders rechnet, als
- 13:31sie vorgibt. Sie hat den Verdacht, den Beweis
- 13:34fast, aber ihr fehlt etwas, ihr fehlen die Gesichter, die
- 13:38Menschen, an denen es sichtbar wird, die Fälle.
- 13:41Er sah Jasmin an, ruhig, ohne Druck, mit demselben Blick, mit
- 13:45dem ein anderer Mann, ohne dass Jasmin es wissen konnte, in
- 13:49einem hellen Büro eine andere Frau angesehen hatte.
- 13:51Nur dass dieser Blick das Gegenteil wollte.
- 13:54Sie haben die Fälle in ihrem Heft, Jasmin sagte nicht gleich,
- 13:59ja, sie sagte lange gar nichts, und in dem Schweigen rechnete
- 14:02sie, wie sie alles rechnete in dem, was zu gewinnen und dem,
- 14:06was zu verlieren war, was zu verlieren war, alles.
- 14:09Wenn ihr Heft in einer Zeitung auftauchte, und sei es anonym,
- 14:13wenn jemand zurückrechnete, wer Zugang zu diesen Fällen hatte,
- 14:16wer auf diesen Stationen arbeitete, dann führte die Spur
- 14:20zu ihr und am Ende der Spur stand eine Frau mit einer
- 14:23Verwarnung in der Akte und einem fremden Namen und einem Satz,
- 14:26der ihr gesagt hatte, gerade sie, sie würde ihre Stelle
- 14:30verlieren, ihre Weiterbildung, vielleicht die Möglichkeit, je
- 14:34wieder in diesem Beruf zu arbeiten.
- 14:36Sie würde das Zusammenbrechende, das sie nicht hatte, im Stich
- 14:39lassen können, am Ende doch im Stich lassen, weil man sie
- 14:42hinausgeworfen hätte. Was zu gewinnen war, nichts, das
- 14:45ihr gehörte, kein Bett für Herrn Adler, der schon weg war, keine
- 14:50Heilung für Herrn Barths, die Toten blieben tot, die
- 14:53verschobenen verschoben, sie würde nicht einen einzigen
- 14:57Menschen retten, indem sie ihr Heft hergab.
- 15:00Sie würde nur etwas sichtbar machen, das jetzt unsichtbar
- 15:02war. Und Sichtbarkeit war keine
- 15:04Behandlung. Sichtbarkeit heilte niemanden,
- 15:07aber, und das war das aber, an dem die ganze Rechnung kippte,
- 15:10das aber das keine Zahl hatte, sie hatte an Herrn Adlers Bett
- 15:14etwas verstanden, dass sie nicht mehr losließ, dass das Schweigen
- 15:17in ihrem Beruf eine Behandlungsentscheidung war,
- 15:19dass die ruhige Hand, die nicht eingriff, eine Hand war, die
- 15:22losließ, und ein Heft, das in einem Spind lag und niemand las,
- 15:26war ein Schweigen. Es war das Nüchternste,
- 15:28sauberste, Methodischste schweigen, das sie je geführt
- 15:32hatte. Aber es war ein Schweigen, und
- 15:34wenn sie es behielt, aus Vorsicht, aus Angst, gerade sie,
- 15:38dann traf sie damit eine Behandlungsentscheidung dieselbe
- 15:41wie die, die sie an der Maschine hasste, dass die, die sie hätte
- 15:45schützen können, nicht geschützt wurden, weil es zu teuer war,
- 15:48sie zu schützen. Ich treffe sie, sagte Jasmin,
- 15:52ihre Tochter. Ich verspreche nichts, ich gebe
- 15:55nichts her, noch nicht, aber ich treffe sie.
- 15:58Theo nickte, und in seinem Gesicht war keine Erleichterung,
- 16:01kein Triumph, nur die ruhige Anerkennung eines Menschen, der
- 16:04weiß, was er gerade von einem anderen verlangt hat, mehr will
- 16:08ich nicht, sagte er. Reden Sie mit ihr, sehen Sie Sie
- 16:11sich, und wenn Sie danach nein sagen, dann ist es nein, und
- 16:15niemand wird sie je danach fragen, das verspreche ich
- 16:18Ihnen. Sie behalten die Hand am Heft
- 16:21immer. Sie kam an einem
- 16:24Donnerstagabend, die Tochter und Jasmin saß schon in der Küche,
- 16:28mit der dritten Tasse Tee, und als die Tür ging und Lena Brandt
- 16:31hereinkam, mit der Kälte im Mantel und dem müden, wachen
- 16:34Gesicht einer Frau, die zu lange nicht geschlafen hatte, da
- 16:37setzten sich die beiden Frauen einander gegenüber an den Tisch
- 16:40mit dem leeren dritten Stuhl, der jetzt nicht mehr leer war,
- 16:43und sahen sich an, vorsichtig, prüfend, jede die Risiken der
- 16:47anderen Abwägend. Sie waren sich ähnlich, das
- 16:50spürten beide sofort und die Ähnlichkeit machte das
- 16:53Misstrauen nicht kleiner, sondern größer, weil jede in der
- 16:57anderen sah, wieviel die andere zu verlieren hatte und also wie
- 17:00tief die Angst saß. Lena sah eine Pflegekraft, die
- 17:04ihre Existenz riskierte, Jasmin sah eine Journalistin, die ihre
- 17:08letzte Geschichte an ein sterbendes Blatt gekettet hatte
- 17:11und die, wenn die Geschichte schief ging, Jasmin mit in den
- 17:14Abgrund zog. Eine Weile sagte keine von
- 17:17beiden viel und das Schweigen war kein Verlegenes, sondern ein
- 17:20Prüfendes das Schweigen zweier Menschen, die einander abtasten.
- 17:23Ob der andere hält, was er verspricht.
- 17:26Jasmin sah die Abgekauten Nägel der Journalistin, die Schatten
- 17:29unter den Augen, die Art, wie sie die Teetasse hielt, zu fest,
- 17:33wie man etwas hält, an dem man sich festhält.
- 17:36Und sie erkannte einen Menschen am Rand, einen, der zu lange
- 17:39allein gegen etwas Großes angerannt war.
- 17:41Und sie fragte sich, ob sie ihr Heft, ihre Patienten, ihren
- 17:45Namen einem Menschen anvertrauen konnte, der selbst schon so dünn
- 17:48war wie das Eis, auf dem er ging und Lena, das spürte.
- 17:51Jasmin machte dieselbe Rechnung über sie, ob diese Pflegekraft,
- 17:55die so ruhig saß und so kontrolliert sprach, im
- 17:58entscheidenden Moment standhalten würde, oder ob die
- 18:00Angst, die unter der Kontrolle lag, sie am Ende doch
- 18:03zurückziehen würde ins Schweigen.
- 18:05In die Sicherheit. Sie misstrauten einander, weil
- 18:09sie einander verstanden, und das war Paradox, der Anfang von
- 18:12Vertrauen, dass jede in der anderen den Preis erkannte, den
- 18:16die andere zahlte und wusste, dass nur ein Mensch, der den
- 18:19Preis kennt, ihn auch wirklich zahlen kann.
- 18:22Sie redeten lange vorsichtig, ohne dass das Heft je auf den
- 18:25Tisch kam. Lena erzählte von den 2 Karten,
- 18:29die nicht zusammenpassten, von der öffentlichen Formel und dem
- 18:32verborgenen Ergebnis. Von dem Spalt dazwischen und
- 18:35Jasmin hörte zu und erkannte in den Zahlen ihre Patienten
- 18:38wieder. Die abstrakten Karten füllten
- 18:40sich mit Gesichtern mit Herrn Adler und Herrn Barths und den
- 18:4420 anderen, und sie verstand, dass die Journalistin von oben
- 18:47sah, was sie von unten sah, dass die Statistik und das Bett
- 18:50dasselbe waren, nur von verschiedenen Enden, ich höre
- 18:53es, sagte Lena an einer Stelle fast zu sich selbst, seit
- 18:57Monaten wie ein Leck in der Decke das Wasser läuft, ob man
- 19:01hinhört oder nicht. Und Jasmin, die das Wort Leck
- 19:05hörte und das Wort hinhören, sagte den Satz, den sie an Herrn
- 19:09Adlers Bett gefunden hatte, ohne zu wissen, dass die Frau ihr
- 19:12gegenüber denselben Gedanken in einer anderen Sprache dachte.
- 19:16In meinem Beruf ist wegsehen eine Behandlung, wenn ich zusehe
- 19:20und schweige, behandle ich nicht weniger, ich behandle gegen sie.
- 19:25Die beiden Frauen sahen sich an über den Tisch und in dem Moment
- 19:29erkannten sie etwas ineinander, das tiefer ging als das
- 19:31Misstrauen, dass sie denselben Satz gefunden hatten, jede für
- 19:35sich in ihrer eigenen Sprache, an ihrem eigenen Ort, dass das
- 19:38Hören eine Entscheidung war und das Schweigen eine Tat und dass
- 19:42beide nicht mehr zurück konnten, weil man, wenn man das einmal
- 19:44verstanden hat, nicht mehr zurück kann.
- 19:47Theo saß am Kopfende still und sah den beiden zu.
- 19:51Und in ihm war etwas, das er lange nicht gespürt hatte,
- 19:53etwas, das er sich kaum zu nennen traute, weil es ihn als
- 19:56den entlarvte, der er insgeheim immer gewesen war.
- 19:59Hinter dem Zynismus Hoffnung. 2 Frauen an seinem Küchentisch, an
- 20:04dem so lange nur er und der leere Stuhl gesessen hatten, 2
- 20:08Frauen, die etwas riskierten, weil sie nicht anders konnten
- 20:11und zwischen ihnen ungesehen, noch aber schon im Raum, der
- 20:14Anfang von etwas, das die Maschine würde stoppen können,
- 20:17wenn es nur lange genug hielt. Ich gebe Ihnen noch nichts,
- 20:21sagte Jasmin zu Lena beim Gehen an der Tür verstehen Sie das,
- 20:25ich habe zu viel zu verlieren und sie können mich nicht
- 20:28schützen. Niemand kann das aber.
- 20:31Sie hielt inne und ihre Hand lag auf der Klinke.
- 20:34Ruhig die Hand, die nicht zittern durfte.
- 20:37Aber rufen Sie mich an, in ein paar Tagen, wir reden weiter, es
- 20:41war wenig. Es war kein ja, es war kaum mehr
- 20:45als ein noch nicht, und doch war es alles, denn es war eine Tür,
- 20:49die einen Spalt offen blieb und Lena, die wusste, dass durch
- 20:52einen Spalt offene Türen am Ende fast immer ganz aufgehen, nickte
- 20:56und ging hinaus in die Kälte und in ihr Stand zum ersten Mal seit
- 20:59Wochen nicht die Müdigkeit am Rand des Bruchs, sondern etwas
- 21:02anderes, etwas kleines, hartes, Helles, das zweite Bein, es war
- 21:07noch nicht in ihrer Hand. Aber es existierte, und es hatte
- 21:10ein Gesicht und das Gesicht hatte ja gesagt, noch nicht, was
- 21:13in der Sprache der Vorsichtigen, der zu viel zu verlierenden, das
- 21:16Näheste an einem Jahr war, das man bekam.
- 21:19Jasmin fuhr nach Hause durch die Frühlingsnacht und in ihrer
- 21:23Tasche lag das Heft, das sie nicht hergegeben hatte und auf
- 21:26ihrer Haut lag die Kälte der Entscheidung, die sie getroffen
- 21:29hatte, ohne sie ganz zu treffen, und sie wusste, dass sie eine
- 21:32Linie überschritten hatte, die sich nicht zurücküberschreiten
- 21:35ließ, sie hatte die Hand noch am Heft.
- 21:38Aber sie hatte es einem anderen Menschen gezeigt, hatte es aus
- 21:41dem Spind geholt, ins Licht und Dinge, die man einmal ins Licht
- 21:44geholt hat, gehen nicht zurück in den Spind, so wenig wie ein
- 21:48Leck zurück in die Decke geht, aus der es einmal getropft hat.