Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Drittes Hauptstück - 126-131
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- 0:00Unterkapitel 126 Kunst und Kraft der falschen Interpretation
- 0:03Nietzsche untersucht in diesem Kapitel, wie sogenannte Heilige
- 0:09und Propheten ihre eigenen Erlebnisse missverstehen.
- 0:11Er spricht von Visionen, also Erscheinungen, von großen
- 0:15Schrecken, von Erschöpfungszuständen oder
- 0:17Momenten höchster Verzückung, die Heilige oft erleben, aus der
- 0:22Sicht der Wissenschaft oder eines nüchternen Beobachters
- 0:24sind das oft krankheitszustände. Es sind Probleme mit den Nerven
- 0:30oder dem Körper. Der Heilige aber deutet diese
- 0:33Zustände völlig anders, weil er fest an religiöse und
- 0:36psychologische Irrtümer glaubt, interpretiert er diese
- 0:39Krankheitszeichen nicht als Krankheit, sondern als etwas
- 0:42Göttliches oder Dämonisches. Nietzsche gibt ein berühmtes
- 0:46Beispiel, das Dämonion des Sokrates, Sokrates, der berühmte
- 0:51griechische Philosoph, glaubte eine innere Stimme zu hören, die
- 0:55ihn warnte. Nietzsche vermutet ganz
- 0:58nüchtern, dass dies vielleicht einfach eine Ohrenkrankheit war.
- 1:01Aber weil Sokrates in seiner Zeit und mit seiner moralischen
- 1:04Denkweise lebte, legte er dieses Ohrensausen als Stimme eines
- 1:08Geistes aus. Ähnlich verhält es sich mit dem
- 1:11Wahnsinn und den Wirren Reden von Propheten oder
- 1:14Orakelpriestern an sich sind diese reden oft sinnlos, aber es
- 1:18kommt auf den Grad an wissen, Fantasie und Moral, an den die
- 1:22Zuhörer und Ausleger die Interpreten im Kopf und im
- 1:25Herzen haben. Erst die Interpretation, also
- 1:29die Deutung dessen, was der Wahnsinnige sagt, Macht daraus
- 1:32etwas Bedeutendes. Nietzsche kommt zu dem Schluss,
- 1:36die große Wirkung, die solche Menschen, seien es Genies oder
- 1:39Heilige, auf die Menschheit hatten, liegt gar nicht in ihnen
- 1:42selbst. Sie liegt darin, dass sie
- 1:45Menschen um sich herum zwangen, ihre Zustände falsch zu
- 1:47verstehen, diese Interpreten haben die Krankheitssymptome zum
- 1:51Wohle der Menschheit umgedeutet und ihnen einen tiefen Sinn
- 1:54gegeben. Der eigentlich gar nicht da war.
- 1:58Unterkapitel 127 Verehrung des Wahnsinns in diesem Abschnitt
- 2:02erklärt Nietzsche, warum Menschen in früheren Zeiten
- 2:06Wahnsinnige verehrt haben. Man hatte beobachtet, dass eine
- 2:10gewisse Erregung den Kopf klarer machen kann und dazu führt, dass
- 2:14man gute plötzliche Ideen, sogenannte Einfälle, hat.
- 2:16Daraus zogen die Menschen einen falschen Schluss.
- 2:21Sie glaubten, wenn schon eine kleine Erregung gute Ideen
- 2:24bringt, dann müsse die höchste Erregung auch die allerbesten
- 2:27und glücklichsten Eingebungen bringen und die höchste Form der
- 2:31geistigen Erregung sahen sie im Wahnsinn.
- 2:33Deshalb dachten sie, dass Wahnsinnige den Göttern
- 2:36besonders nahe seien und an einer göttlichen Weisheit
- 2:39teilhaben würden. So wurden Verrückte zu weisen
- 2:42und orakeln erklärt, die man um Rat fragte.
- 2:46Nietzsche stellt klar, das ist ein logischer Fehler.
- 2:50Nur weil ein bisschen von etwas gut ist?
- 2:52Erregung heißt das nicht, dass das extreme Wahnsinn noch besser
- 2:56ist. Unterkapitel, 128 Verheißungen
- 2:59der Wissenschaft hier vergleicht Nietzsche die Ziele der modernen
- 3:05Wissenschaft mit den Versprechen der Religion.
- 3:07Die Religion verspricht den Menschen oft das ganz große,
- 3:10nämlich die ewige Seligkeit, also ein vollkommenes Glück, das
- 3:15niemals endet. Meistens in einem Leben nach dem
- 3:19Tod. Die Wissenschaft ist dagegen
- 3:22viel bescheidener, ihr Ziel ist es, den Schmerz im Leben so weit
- 3:26wie möglich zu verringern und das Leben so lange wie möglich
- 3:29zu erhalten. Das ist zwar viel weniger als
- 3:32die ewige Seligkeit, aber dafür ist es real und greifbar, es ist
- 3:37eine bescheidene, aber ehrliche Zielsetzung im Vergleich zu den
- 3:41riesigen, aber vielleicht leeren Versprechungen der Religionen
- 3:46Unterkapitel. 129 verbotene Freigebigkeit in diesem sehr
- 3:53kurzen Gedanken macht Nietzsche eine Aussage über Liebe und
- 3:56Güte. Er sagt, dass es auf der Welt
- 3:58gar nicht genug Liebe und Güte gibt, diese Dinge sind knapp und
- 4:02kostbar, deshalb sollten wir sie nicht verschwenden, wenn
- 4:06Menschen ihre Liebe und Güte an eingebildete Wesen verschenken,
- 4:10also an Götter oder Geister, die es gar nicht gibt, dann fehlt
- 4:13diese Liebe den echten Menschen. Nietzsche meint also, wir
- 4:18sollten unsere Zuneigung lieber den realen Menschen schenken,
- 4:21anstatt sie an Fantasiegestalten zu verschwenden.
- 4:23Da wir davon ohnehin nicht genug haben.
- 4:27Unterkapitel 130 Fortleben des religiösen Kultus im Gemüt
- 4:32Nietzsche spricht hier darüber, was von der Religion in uns
- 4:37zurückbleibt, auch wenn wir nicht mehr an ihre Lehren
- 4:40glauben. Die katholische Kirche und auch
- 4:43die Antikenkulte hatten eine große Macht über die Gefühle der
- 4:46Menschen. Sie nutzten viele Mittel, um den
- 4:49Menschen in ganz bestimmte, ungewöhnliche Stimmungen zu
- 4:52versetzen. Nietzsche beschreibt diese
- 4:55Atmosphäre, eine Kirche, die durch tiefe, dunkle Töne
- 4:58erzittert, der dumpfe, regelmäßige Gesang der Priester,
- 5:02die Architektur, die dunkel und geheimnisvoll wirkt und in der
- 5:05man fast Angst bekommt, dass sich dort Götter verstecken
- 5:08könnten. All das brachte den Menschen weg
- 5:10von seinem kühlen, Berechnenden verstand.
- 5:13Er wurde ergriffen, er lauschte Angstvoll, als obgleich ein
- 5:17Wunder geschehen würde. Nietzsche fragt nun, wer wollte
- 5:21diese Dinge zurückhaben, wenn man die Voraussetzungen dafür,
- 5:24also den Glauben an Gott und Wunder, nicht mehr glaubt, es
- 5:28wäre unehrlich, die Rituale durchzuführen, wenn der Glaube
- 5:31fehlt, aber, und das ist der wichtige Punkt, die Ergebnisse
- 5:35dieser jahrtausendelangen religiösen Erziehung sind nicht
- 5:38verloren. Die Religion hat die menschliche
- 5:41Seele geformt, sie hat eine innere Welt erschaffen, in der
- 5:44Gefühle wie Erhabenheit, Rührung, tiefe Reue und
- 5:48hoffnungsvolle Seligkeit möglich sind.
- 5:51Diese tiefen Empfindungen wurden durch den religiösen Kult, also
- 5:54durch die Ausübung der Religion in den Menschen, groß gezüchtet,
- 5:59auch wenn die Ursache der Glaube an Götter wegfällt, existiert
- 6:03diese verfeinerte und vertiefte Gefühlswelt in unserer Seele
- 6:06weiter. Sie ist wie ein Same, der damals
- 6:09gepflanzt wurde, gewachsen ist. Und nun blüht.
- 6:12Auch wenn wir den ursprünglichen Gärtner, die Religion, nicht
- 6:16mehr anerkennen. Unterkapitel, 131, religiöse
- 6:20Nachwehen zum Abschluss dieses Teils beschäftigt sich Nietzsche
- 6:25damit, wie schwer es ist, sich wirklich ganz von der Religion
- 6:29zu lösen, selbst wenn man glaubt, man habe sich die
- 6:32Religion abgewöhnt, ist das oft nicht vollständig der Fall.
- 6:37Es passiert immer noch, dass wir Freude an religiösen
- 6:39Empfindungen haben, auch ohne an die religiösen Begriffe zu
- 6:42glauben. Ein gutes Beispiel dafür ist die
- 6:45Musik, in der Musik können wir Gefühle erleben, die eigentlich
- 6:50religiös sind, ohne dass wir dabei an Gott denken müssen.
- 6:53Nietzsche kritisiert hier auch die Philosophie seiner Zeit, er
- 6:57sagt, Wenn eine Philosophie versucht, uns metaphysische
- 7:00Hoffnungen zu geben, also Hoffnungen auf eine höhere Welt
- 7:04oder einen tiefen Seelenfrieden. Dann hören wir das sehr gerne.
- 7:07Wir sind bereit, solche Gedanken anzunehmen, weil sie unserem
- 7:10Herzen gut tun. Das zeigt, dass selbst
- 7:13sogenannte Freigeister, also Menschen, die frei und ohne
- 7:17Dogmen denken wollen, immer noch empfänglich für den Zauber der
- 7:19Religion sind. Es tut ihnen weh, diesen Trost
- 7:22loszulassen. Nietzsche warnt jedoch davor,
- 7:26die wissenschaftliche Philosophie muss sehr vorsichtig
- 7:28sein, sie darf nicht Fehler einschmuggeln, nur weil wir ein
- 7:32Bedürfnis nach Trost haben. Er kritisiert Logiker, die von
- 7:36Ahnungen der Wahrheit sprechen, zum Beispiel die Ahnung, dass im
- 7:40Grunde alles 1 ist. Nietzsche sagt, Das ist
- 7:44verboten. Es gibt eine riesige Kluft
- 7:47zwischen dem, was wir durch unseren Verstand, unseren
- 7:50Intellekt als wahr beweisen können, und dem, was wir nur
- 7:53ahnen, weil wir ein Bedürfnis danach haben.
- 7:57Er benutzt ein starkes Bild, der Hunger beweist nicht, dass es
- 8:00eine Speise gibt, die diesen Hunger stillt.
- 8:03Der Hunger beweist nur, dass wir uns diese Speise wünschen, nur
- 8:07weil wir uns eine höhere Welt oder einen Sinn wünschen.
- 8:10Ahnen heißt das nicht, dass es diese auch gibt, Ahnen bedeutet
- 8:15hier nur, dass wir etwas für möglich halten, weil wir es uns
- 8:18wünschen oder weil wir es fürchten, aber eine solche
- 8:22Ahnung bringt uns keinen einzigen Schritt weiter in das
- 8:25Land der Gewissheit, also der Wahrheit.
- 8:28Am Ende erklärt Nietzsche, warum wir uns trotzdem oft zu
- 8:31philosophischen Lehren hingezogen fühlen, die religiös
- 8:34gefärbt sind. Wir glauben unwillkürlich, dass
- 8:37diese Lehren besser bewiesen sind als die kalten
- 8:39wissenschaftlichen Fakten, aber in Wahrheit ist es umgekehrt,
- 8:43wir wünschen uns innerlich, dass diese schönen Lehren wahr sind,
- 8:47weil sie uns glücklich machen. Beseligen dieser Wunsch verführt
- 8:51uns dazu, schlechte Argumente für gute Argumente zu halten,
- 8:55nur weil sie uns ein gutes Gefühl geben.