Latest / Hinreichend verdächtig / Lügen, Stalking und ein Kopfschuss
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- Er hat gesagt, dass ihm die Waffe auch gefährlich erschienen sei, deswegen hätte er sie gar nicht mehr ausprobiert und er hätte sie eigentlich auch nur mitgenommen, um Özkan damit zu drohen und eben seine Drohung so ein bisschen Nachdruck zu verleihen. Und letztlich hat er sich dann weiter dahingehend eingelassen, dass als er dann an Özkan herangetreten ist von hinten und ihm die Waffe vorhalten hätte wollen, dass sich dann aus Zufall ein Schuss gelöst hat. Und ich glaube, dieses Thema hatten wir schon mal ganz oft, wenn Waffen eingesetzt werden und Schüsse abgesetzt werden oder abgegeben werden, ist es so, dass die Beschuldigten am Schluss behaupten, dass sich dieser Schuss von alleine gelöst hätte. Und das ist ganz klar als Schutz behauptet, um abzutun und konnte hier auch eindeutig widerlegt werden. Hinreichend verdächtig. Der True Crime Podcast der Rheinischen Post und der Staatsanwaltschaft Duisburg. Und damit Hallo zurück bei Hinreichend verdächtig. Mein Name ist Lilly Stegner und in diesem Podcast gehen wir nicht nur echten Kriminalfällen auf den Grund, sondern wir tauchen richtig tief ein. Wir beleuchten die Ermittlungen, die zur Anklage geführt haben und wir untersuchen, was die Gesetzestexte dazu sagen. Dafür habe ich wie immer zwei Gäste hier, einmal aus der Staatsanwaltschaft in Duisburg und einmal aus unserer Lokalredaktion. Die Fälle, die wir hier betrachten, die sind immer bereits abgeschlossen und damit rechtskräftig entschieden. Wir analysieren, wie der Fall öffentlich wahrgenommen wurde und wie die Staatsanwaltschaft ermittelt hat, um so am Ende eine Anklage zu formulieren. Und ganz nebenbei werden wir auch die juristischen Fachbegriffe diskutieren, die oft anzutreffen sind, aber möglicherweise nicht immer vollkommen verstanden werden. Wie zum Beispiel auch den Begriff hinreichend verdächtig. Heute hier bei mir sind Jill McCuller, Staatsanwältin hier in Duisburg und Alexander Trisch, Redakteur in unserer Lokalredaktion. In dem Fall, über den wir heute sprechen, geht es um einen versuchten Mord, um eine als einseitig empfundene Beziehung, aber auch um Vergewaltigungsvorwürfe. Falls euch das belastet, hört die Folge lieber nicht alleine an. Starten wir wie immer aber erstmal mit der Beschreibung. Was ist passiert? Es ist ein Fall, der erst einmal recht gewöhnlich beginnt. Eine Ehe zerbricht, es wird neu gedatet, doch es passt nicht ganz. Am Ende der Geschichte steht aber ein Mann, der einen Kopfschuss erleidet. Die Eskalation ist alles andere als alltäglich. Doch von Beginn an. Elif lebt mit ihrem Mann in einer glücklosen Ehe. Mann entschließt sich Anfang 2023 schließlich zur Trennung. Mit zwei Kindern ist die Situation für alle nicht einfach. Elifs Ex-Mann zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, ist trotzdem noch recht häufig dort. Wegen der Kinder. In dieser Phase lernt Elif, wir haben wie immer alle Namen geändert, so Ende April, Anfang Mai 2023 über Instagram einen Mann kennen. Özkan. Auch das ist sein Alias-Name. Was als lockerer Austausch über berufliche Themen beginnt, entwickelt sich. Treffen, Telefonate, auch körperliche Nähe. Dann, irgendwann im Laufe des Sommers, wird der Kontakt für Elif immer mehr zur Last. Sie will ihn nicht mehr. Özkan will aber nicht loslassen. Er schreibt, ruft an, taucht vor ihrem Laden auf, hinterlässt Geschenke. Sie blockiert ihn irgendwann auf allen Kanälen und doch findet er neue Wege. Sie fühlt sich bedrängt, will vor allem nicht, dass jemand aus ihrer Familie etwas von dieser Bekanntschaft erfährt. Im November 2023 dann eine Szene an einer Bushaltestelle in Duisburg-Walsum. Özkan hat sie dort abgepasst. Sie wird laut, ein anderer Wartender greift ein. Was an diesem Abend danach passiert, wird später zum Kern eines eigenen Strafvorwurfs. Elif wird gegenüber der Polizei behaupten, Özkan sei nach Hause gefolgt und habe sie im Hausflur ihres Wohnhauses vergewaltigt. Im Prozess bleibt der Abend umstritten. Das Gericht konnte jedenfalls nicht feststellen, dass es in dieser Nacht zu einer Vergewaltigung durch Özkan gekommen ist. Wenige Tage später steht Özkan plötzlich vor Elifs Wohnungstür und trifft dort auf ihren Noch-Ehemann. Er erzählt ihm von der Bekanntschaft, zeigt sogar Chats. Elif wird zur Rede gestellt, bezeichnet Özkan als Stalker, erwähnt aber keine Vergewaltigung mehr. Über ihre Mutter, die in der Türkei lebt, erfährt schließlich auch ihr älterer Bruder von dem Mann. Nennen wir ihn hier Cem. Und ab da bekommt der Fall eine neue Dynamik. Obwohl die Geschwister länger wenig Kontakt taten, ist Cem wütend. Er will seiner Schwester helfen. Sie beschließen ein gemeinsames Vorgehen. Elif soll Özkan zu einem letzten Treffen einladen. Cem soll im Hintergrund sein, um ihr den Rücken zu stärken und Özkan ein bisschen Angst zu machen, damit er sie endlich in Ruhe lässt. Am 28. November 2023, kurz nach halb fünf am Nachmittag, treffen sich Elif und Özkan an einer kleinen Brücke in einem Park in Duisburg. Es ist noch hell, in der Nähe ist eine Hundetrainerin unterwegs, ein Jogger läuft seine Runden. Der Bruder steht etwa 15 bis 20 Meter entfernt im Hintergrund. Özkan will sich mit Elif auf eine Bank setzen, sie hält aber Abstand, sagt mehrfach, sie wolle das nicht. Als er auf sie zugeht, um sie am Arm zu fassen, wird sie laut. In diesem Moment kommt Cem schnellen Schrittes aus dem Hintergrund. Was dann passiert, dauert nur Sekunden. Er packt Özkan an der Schulter, hält ihm eine Waffe, eine umgebaute Schreckschusspistole, geladen mit einer scharfen Patrone im Kaliber 6,35 mm, an die Schläfe und drückt ab. Cem glaubt, Özkan getötet zu haben und flieht. Die Hundetrainerin hört den Schuss, schickt den Jogger zur Brücke. Der findet Özkan schwer verletzt, der Rettungsdienst wird gerufen. Özkan wird noch vor Ort intubiert und ins Krankenhaus gefahren. Was die Ärzte dann vorfinden, ist gravierend. Durchschuss durch den Kopf, die Kugel trifft im oberen rechten Kopfbereich wieder aus. Hirnblutung, Knochensplitter, ein lebensbedrohliches Schädel-Hirntrauma. Özkan liegt wochenlang auf der Intensivstation, wird operiert, kämpft gegen eine Sepsis. Er liegt zeitweise auch im künstlichen Koma. muss am Ende das Laufen und Treppensteigen neu erlernen. Und doch, er überlebt. Über sein Handy kommen die Ermittler schnell auf Elif. Sie wird noch am Abend des 29. Dezember festgenommen, kurz nachdem sie bereits Flüge in die Türkei gebucht und Daten von ihrem Handy gelöscht hat, darunter auch den Chatverlauf mit ihrem Bruder. Kurz steht auch ihr Ehemann im Verdacht. Auch er wird festgenommen. Erst als Elif am 3. Januar ihren Bruder als den Schützen benennt und dabei zugleich die Vergewaltigung zu Protokoll gibt, wird der Ehemann entlassen. Der Bruder Cem hat sich da längst in die Türkei abgesetzt. Am 24. Februar 2024 kehrt er nach Deutschland zurück, um sich zu stellen und wird am Flughafen direkt festgenommen. Und jetzt eine kurze Pause, vielleicht mit etwas Werbung. Ab wann war der Angeklagte hinreichend verdächtig? Jay, fangen wir vielleicht mit dem Moment an, in dem die Ermittler das erste Mal wirklich wissen, was hier passiert. Der Geschädigte, es kann, liegt im Krankenhaus. Die Lage ist unübersichtlich. Wie läuft das dann ab so in den ersten Stunden nach so einem Angriff? Also ich wurde von der Polizei kontaktiert und man hat mir eben gesagt, dass der Geschädigte einen Kopfschuss erlitten hat. Und aufgrund dieser Schilderung und der Schwere der Verletzung habe ich das dann als versuchtes Tötungsdelikt eingestuft, Weshalb dann die Polizei auch eine Mordkommission eingeleitet hat. Ja, es ist halt so gewesen, dass es ein bisschen unterschiedlich war zu den anderen Fällen, die wir sonst haben. Denn wir hatten wirklich gar keinen Hinweis auf den Täter. Und deswegen war es für uns ganz wichtig, dass wir die Zeugen vor Ort erstmal befragen, was sie eventuell gesehen haben. Und natürlich auch wie immer dann die Spuren am Tatort zu sichern. Und gerade schon gesagt, der Verdacht fiel dann nach der Auswertung von Özgans Handy schnell auf Elif. Was genau habt ihr denn auf diesem Handy gefunden? In der Jackentasche von Özkan haben wir sein Handy gefunden und auf diesem Handy eine Audio-Datei, die er eben selbst aufgenommen hat. Wir gehen eben davon aus, dass er sich zu dem Treffen begeben hat und dann diese Audio-Datei gestartet hat. Und letztlich wurde dann das ganze Treffen mit Elif aufgezeichnet, also das Gespräch zwischen den beiden und auch die Tat selbst, beziehungsweise insbesondere der Schuss. Wobei man eben einschränkend sagen muss, dass die Qualität dieser Audiodatei wirklich sehr schlecht war. Wir haben in dem Verfahren auch immer wieder versucht, das aufbereiten zu lassen, um da eben den größtmöglichen Erkenntnisgewinn zu erlangen. Für uns war es aber am Anfang trotzdem ganz wichtig, weil man konnte zumindest den Namen Elif eben auf dieser Audiodatei vernehmen und dann durch weitere Indizien kamen wir dann eben auf Elif selbst. Verstehe. Es gab ja auch dann, nachdem Elif auf jeden Fall mal im Bild dieser Tat war, diesen interessanten Moment, als ihr noch Ehemann ins Visier der Ermittler geraten ist. Er ist festgenommen worden, später dann auch wieder freigelassen. Was ist darum denn passiert? Also wir hatten zuerst Zeugen, die eben uns geschildert haben, wir haben zwei Personen vom Tatort wegrennen sehen, einen Mann und eine Frau. Und eine Zeugin konnte auch eine ganz gute Personenbeschreibung abgeben. Und in der Gesamtschau war es dann für uns eigentlich naheliegend, dass Elifs Mann die zweite männliche Person war. Und deswegen haben wir gegen ihn auch einen Haftbefehl erwirkt. Wie du eben schon eingangs gesagt hast, hat Elif sich ja dann geäußert zu der zweiten Person. Und dann war eben ihr Ehemann entlastet und wurde dann auch umgehend aus der Haft entlassen. Letztlich wurde das Verfahren gegen ihn dann eingestellt und in der Einstellungsnachricht, die er dann als Beschuldigte erhalten hat, wurde er eben auch entsprechend belehrt, dass er dann nach. Dem Streck, so heißt das Gesetz, ja Entschädigungen für die erlittene Untersuchungshaft beantragen kann. Diese entscheidende Wende war ja diese Vernehmung von Elif am 3. Januar, wo sie ihren noch Ehemann entlastet und ihren Bruder belastet. Wie seid ihr denn mit dieser Aussage umgegangen? Was hat das verändert? Also letztlich ist es so, dass auch eine Einlassung eines Beschuldigten immer so zu bewerten ist wie auch eine Zeugenaussage. Also es gibt ja gewisse Glaubhaftigkeitskriterien, anhand derer man eben beurteilt, ob die Angaben als glaubhaft einzustufen sind oder eben nicht. Für mich war es so, dass ihre Angaben erstmal in weiten Teilen als glaubhaft einzustufen waren, wobei ich von Anfang an das Gefühl hatte, dass sie sehr bestrebt ist, sich so ein bisschen in die Opferrolle zu drängen und ihren eigenen Anteil an dem ganzen Geschehen ja sehr zu schmälern. Was aber auf jeden Fall glaubhaft war, dass sie ihren Bruder, also Cem, belastet hat. Das war für uns überhaupt nicht ersichtlich, warum sie ihn zu Unrecht belasten soll. Dafür gab es gar keine Anhaltspunkte, dass sie das gemacht hätte und insofern war das für uns dann schon sehr aussagekräftig. In der Aussage hat Elif ja auch die Vergewaltigung geschildert, die sie erlitten haben soll. Wie hat das für euch so ins Bild gepasst und was hat das dann weiter ausgelöst? Für mich war es so, dass ich ihr das zu keinem Zeitpunkt abgenommen habe, diese Vergewaltigung. Das ist darin begründet, dass sie von Anfang an das Ganze sehr undetailliert geschildert hat, teilweise in sich nicht schlüssig und auch widersprüchlich. Also sie hat in einer Vernehmung das gleiche Geschehen unterschiedlich geschildert. Für mich war also von Anfang an eigentlich klar, dass sich das so auf jeden Fall nicht ereignet haben kann. Und es passte eben auch so ein bisschen ins Bild, dass sie das Verhalten des Geschädigten als wesentlich schlimmer darstellen möchte und ihr eigenes Verhalten eben schmälern möchte. Und ja, das war eben der Eindruck, den ich davon gewonnen habe, von dieser Schilderung. Ihr habt ja nicht nur das Handy von Özkan ausgewertet, sondern wahrscheinlich auch das von Elif und darin ja zum Teil monatelange Chats gefunden. Wie geht ihr da mit so einer riesigen Datenmenge um? Das dauert ja auch alles, bis das ausgewertet ist. Ja, da hast du vollkommen recht. Das dauert enorm lang. Es nimmt viel Zeit in Anspruch und man braucht auch viele Personen, die sich damit auseinandersetzen und die dann eben nur diese Aufgabe haben, die ganzen Chats und die Kommunikation eben auszuwerten. Wenn aber wie in diesem Fall man eben schnell feststellt, dass das für uns ein ganz, ganz wesentliches Beweismittel ist, dann muss man eben diesen Aufwand betreiben. Und ja, das zeigt eben nochmal, wie arbeitsintensiv das dann auch letztlich für uns ist. Es gab ja auch Zeuginnen und Zeugen direkt am Tatort. Ich habe es schon gesagt, die Hundetrainerin, der Jogger. Ihr habt sie vernommen. Was kam bei diesen Aussagen raus? Ja, die Aussagen waren für uns ganz wesentlich. Ich habe das ja eben schon mal angedeutet, dass wir erst mal gar keinen Hinweis auf den Täter oder die Täterin hatten. Und deswegen war das für uns sehr wichtig, dass wir diese Personen, die so nah dran waren, als erstes vernehmen. Und alle konnten uns eben schildern, dass sie vernommen haben, wie eben zwei Personen vom Tatort geflüchtet sind, dass es ein Mann und eine Frau waren. Es konnte auch beschrieben werden, in welche Richtung sie geflüchtet sind, was für uns wichtig war, weil eben in dieser Richtung letztlich auch die Wohnung von Elif zu verorten war. Und was auch ganz wesentlich war, dass sie uns eben gute Angaben dazu machen konnten, wie der Geschädigte, in welcher Situation er sich befunden hat. Also dass er zum Beispiel gar nicht ansprechbar war, also dass er in einem sehr, sehr, sehr desolaten gesundheitlichen Zustand war, das war für uns natürlich auch ganz wichtig. Cem, also der Bruder von Elif, ist direkt nach der Tat in die Türkei geflüchtet und hat sich erst fast zwei Monate später gestellt. Wie bewertet man sowas juristisch, wenn jemand abhaut, flüchtet, in ein anderes Land geht? Ja, also erstmal muss man sagen, dass das für uns erstmal alles erschwert, weil wir haben nicht nur die Ermittlungen, um die wir uns kümmern müssen, sondern wir haben auch einen flüchtigen Täter, nach dem müssen wir fahnden. Wir haben einen nationalen Haftbefehl und auch einen europäischen Haftbefehl gegen Cem erwirkt und dann haben wir eben versucht, ihm dadurch habhaft zu werden. Es war am Ende so, dass er sich entschlossen hat, freiwillig einzureisen und das auch in Kenntnis dessen, dass er dann da festgenommen wird bei seiner Einreise. Das ist sehr positiv zu bewerten, weil er dadurch eben gezeigt hat, dass auch wenn er sich zunächst für eine Flucht entschieden hat, dass er sich dann doch dem Verfahren stellt. Er ist dann weiterhin untersuchungshaft geblieben, weil eben sein Verhalten vorher ganz klar zeigt, dass er bereit ist, auch das Land zu verlassen im Hinblick auf das, was ihm eventuell droht. Die Waffe, die er benutzt hat, das war eine umgebaute Schreckschusspistole mit einer scharfen Patrone drin. Welche Rolle spielt das denn für die Frage, wie die Tat am Ende eingestuft wird? Also dieser Umbau muss ja erstmal irgendwann passiert sein. Also für die Einstufung der Tat war es im konkreten Fall gar nicht so relevant. Es war für uns ja klar, er hat eine Waffe verwendet, die dazu geeignet ist, ganz erhebliche, schwere Verletzungen herbeizuführen. Und es war letztlich nur relevant im Hinblick auf die Einlassung von Cem. Weil er hat gesagt, dass er sich dazu entschlossen hätte, eine Waffe mitzunehmen und dass es eben diese umgebaute Schreckschusswaffe gewesen sei. Die hat er aber selbst nicht umgebaut, das konnten wir ihm auch nicht nachweisen. Er hat gesagt, dass ihm die Waffe auch gefährlich erschienen sei, deswegen hätte er sie gar nicht mehr ausprobiert und er hätte sie eigentlich auch nur mitgenommen, um Özkan damit zu drohen und eben seine Drohung so ein bisschen Nachdruck zu verleihen. Und letztlich hat er sich dann weiter dahingehend eingelassen, dass als er dann an Özkan herangetreten ist von hinten und ihm die Waffe vorhalten hätte wollen, dass sich dann aus Zufall ein Schuss gelöst hat. Und ich glaube, dieses Thema hatten wir schon mal ganz oft, wenn Waffen eingesetzt werden und Schüsse abgesetzt werden oder abgegeben werden, ist es so, dass die Beschuldigten am Schluss behaupten, dass sich dieser Schuss von alleine gelöst hätte. Und das ist ganz klar als Schutz behauptet, um abzutun und konnte hier auch eindeutig widerlegt werden. Es wäre auch ein großer Zufall, wenn sich ausgerechnet in diesem Moment zufällig ein Schuss löst. Ja, erst mal das und zum anderen war es so. Wie er sich an ihn angenähert hat, also auch von dem Winkel her, war es klar, dass es nicht so sein kann, sondern er musste ihm die Waffe an den Kopf gehalten haben. Also es war auch nicht unbedingt die beste Einlassung. Alles ein wenig unglaubwürdig. Wie lautete denn am Ende eure Anklage? Was stand da drin? Ging es um versuchten Mord oder was war der Inhalt? Genau, es ging um einen versuchten Mord in Tateinheit mit einer gefährlichen Körperverletzung. Wir hatten hier das Mordmerkmal der Heimtücke. Es war so, dass Elif mit Özkan dieses Treffen vereinbart hatte Und er kam da ja unter völlig anderen Vorzeichen hin. Er dachte, er spricht nochmal mit Elif, es findet eine Aussprache statt. Und insbesondere hatte er keine Kenntnis von der Anwesenheit von Cem, der sich ja bewusst im Hinterhalt gehalten hatte und dann von hinten an ihn herangetreten ist. Und in dem Moment hat sich Özkan keines Angriffs auf sein Leben versehen und genau deswegen war er letztlich auch nicht mehr in der Lage, sich dem Angriff irgendwie zur Wehr zu setzen. Und das ist ja genau das, was das Mordmerkmal der Heimtücke eben beinhaltet. Diese Arg- und Wehrlosigkeit, von der wir schon so oft gesprochen haben. Özkan ist im Verfahren später auch als Nebenkläger aufgetreten. Wir haben gerade schon gehört, er hatte eine sehr, sehr lange Rekonvaleszenzzeit, um sich von diesem Tatpunkt zu erholen gesundheitlich. Konnte er sich überhaupt so richtig äußern? Ich muss sagen, dass für mich persönlich der Zustand von Özkan ein schieres Wunder war. Im Rahmen des Ermittlungsverfahrens war es so, dass er zu einem Zeitpunkt auch irgendwann angedeutet hat, dass er bereit wäre, sich vernehmen zu lassen von uns, dass es ihm gesundheitlich wieder so gut geht. Wir sind dann ins Krankenhaus gefahren und haben ihn in Anwesenheit seines Anwalts vernommen. Nun natürlich war es so, dass er teilweise Schwierigkeiten hatte, sich zu artikulieren und dass er immer länger über Dinge nachdenken musste. Aber es war dennoch eine Vernehmung, die wir durchführen konnten und ein gewisser Erkenntnisgewinn, den wir daraus gewinnen konnten. Und in der Verhandlung selbst war es noch besser. Also er war wieder weiter genesen und er hat da eine Aussage gemacht. Und ich muss sagen, ich finde das sehr bewundernswert, wie er sich da durch diese ganzen Operationen, die er durchlaufen hat, wieder zurück ins Leben gekämpft hat. Und er hat mit seiner Aussage definitiv auch zu dem Verfahren beitragen können. Eine Frage habe ich noch zu Elif. Wir haben gerade schon darüber gesprochen, weswegen Cem angeklagt wurde, der versuchte Mord. Wie sieht das bei Elif aus? Da war das Ganze ja ein bisschen schwieriger. Ja, ursprünglich bin ich in meiner Anklage davon ausgegangen, dass auch Elif an dem versuchten Tötungsdelikt beteiligt war, sodass sie quasi mit Cem das vorher ausgemacht hatte, dass er sich im Hinterhalt hält und dann, eben den Schuss auf Özkan abgibt. Das hat sich letztlich dann in der Hauptverhandlung nicht nachweisen lassen. Insbesondere hat auch Cem die ganze Schuld auf sich genommen und seine Schwester dann da entlastet. Weshalb zumindest dieser Vorwurf des versuchten Mordes dann nicht mehr nachweisbar war. Und sie dann wegen des anderen Vorwurfs, der noch im Raum stand, wegen der vermeintlichen Vergewaltigung, dass sie dann nur noch deswegen verurteilt wurde, wegen einer falschen Verdächtigung. Verstehe. Zum Urteil kommen wir gleich noch. Aber erstmal die Frage an dich, Alex. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Fall doch einiges an Aufmerksamkeit erregt hat. Ich meine, da hat jemand am helllichten Nachmittag in einem Park einen Schuss in den Kopf bekommen, mitten in der Stadt. Wie habt ihr denn an diesem Tag in der Redaktion davon erfahren? Ja, vielleicht ganz kurz zur Einordnung. So richtig mitten in der Stadt war das gar nicht. Das hat ja im Duisburger Norden recht weit im Norden stattgefunden, schon an der Grenze zu Oberhausen in der Nähe vom Revierpark Mattlerbusch. Da gibt es auch relativ... Viele Grünflächen und für uns war das alles ein bisschen schwierig, weil das war ja auch die Zeit Ende Dezember zwischen Weihnachten und Neujahr, und da wurde die erste Pressemitteilung zu dem Fall noch am gleichen Tag verschickt, allerdings relativ spät, so ich glaube gegen 21.15 Uhr war das. Da war dann nur noch der Spätdienst wirklich da und da war das auch relativ knapp formuliert. Also da war erst mal die Rede von einem verletzten Mann, der gefunden wurde. Da wurde noch gar kein Schuss erwähnt und deswegen hat das jetzt auch erst mal bei uns in der Redaktion gar nicht für so viel Aufsehen gesorgt. Und die weiteren Details gab es dann erst im Laufe des nächsten Tages und dann wurde auch die Festnahme von Elif und ihrem Mann kommuniziert. Und dann hat es nochmal ein paar Wochen gedauert, bis er dann ein Cem festgenommen wurde. Und das wurde dann auch uns nochmal mitgeteilt. Also es hat sich halt sehr lange so ein bisschen hingezogen, bis wir dann auch wirklich alles wussten. Und gerade wenn man noch nicht alle Informationen beisammen hat, kursieren bei solchen Fällen ja auch schnell Gerüchte. Da geht es um Familienfäden, um sogenannte Ehrenmorde, um organisierte Kriminalität. Was weiß ich, was alles irgendwie da in die Diskussion einbezogen wird. Wie geht ihr denn damit um, wenn das Interesse vielleicht groß ist, aber die belastbaren Informationen am Anfang so dünn? Also hier war das halt so, dass dadurch, dass es direkt am Anfang so wenige Informationen gab, sich auch jetzt gar nicht so viele Gerüchte bilden konnten. Also zum Beispiel auch die Nationalitäten wurden gar nicht genannt. Es war auch unklar, dass es ein Kopfschuss war. Also es war dann erst mal von einem Schuss die Rede, der den Mann dann schwer verletzt hat. Aber wo der jetzt genau den Körper getroffen hat, das war gar nicht klar. Also der Öffentlichkeit nicht. Und jetzt hier für einen Ehrenmord hätte ja auch das Opfer wahrscheinlich eher weiblich sein müssen. Also wir stellen das schon fest seit so ein paar Jahren, dass es. Dass schon natürlich in den sozialen Medien über solche Fälle dann viel mehr spekuliert wird. Und das wird auch ehrlich gesagt zu einem Problem, weil sich dann auch manchmal bei uns Leute melden oder wir irgendwo hinfahren, wo was passiert ist und dann, ja Leute da irgendwelche Dinge erzählen, die dann zum Teil gar nicht stimmen. Also die sagen dann, dass sie was gesehen oder gehört haben und dann kann man das gar nicht richtig einordnen. Und wir gehen den Sachen natürlich nach und ganz oft muss man sagen, stellt sich dann raus, dass das entweder nur die Hälfte der Geschichte war oder so gar nicht stimmt. Das kostet natürlich total viel Zeit und wird dann immer mal zu einem Problem, das mit den ganzen Gerüchten. Verstehe. Was macht das auf, Jill? Dieser ganze Fall beginnt ja eigentlich mit einem Stalking-ähnlichen Verhalten, sag ich mal. Ständige Anrufe von Özkan an Elif, Geschenke auftauchen vor dem Geschäft. Welche rechtlichen Möglichkeiten hätte Elif denn da vielleicht gehabt, sich frühzeitig zu wehren? Wie ist denn da die Rechtslage? In strafrechtlicher Hinsicht könnte das Verhalten des Geschädigten den Tatbestand der Nachstellung nach § 238 des Strafgesetzbuches erfüllen. Das ist eben das, was man so landläufig als Stalking bezeichnet, wobei eben nicht jegliche Belästigung auch zugleich eine Nachstellung bedeutet. Das braucht schon eine gewisse Intensität. In dem Tatbestand ist es damit abgebildet, dass diese Verhaltensweisen geeignet sein müssen, die Lebensgestaltung des Opfers nicht nur unerheblich zu beeinträchtigen. So heißt es eben in Paragrafen 238. Und das wäre der Fall, wenn das Opfer durch die Belästigungen, sich sozial isoliert, wenn es zum Beispiel gar nicht mehr rausgeht, wenn die Arbeitsstelle wechselt oder gar den Wohnsitz wechselt aufgrund dieser ganzen Belästigungen. Dann wäre zum Beispiel der Tatbestand erfüllt. Also deswegen ist es eigentlich auch ganz wichtig, dass etwaige Opfer dann von Anfang an alle Verhaltensweisen auch zur Anzeige bringen, damit für uns sich auch ein gewisses Bild abzeichnet, dass wir dann die Intensität eben auch ausmachen können. Zum anderen ist es so, dass immer die Möglichkeit besteht, eine einstweilige Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz zu erwirken. Und da würde dann beispielsweise drinstehen, dass derjenige, der die Belästigung durchführt, sich nicht mehr nähern darf, gewisse Örtlichkeiten nicht mehr aussuchen darf und so weiter. Und wenn er dagegen verstößt, dann kann das auch wiederum eine Straftat nach dem Gewaltschutzgesetz darstellen. Also das sind so die Möglichkeiten, die da bestehen. Verstehe, aber auch alles wahrscheinlich sehr individuell und muss in jedem Einzelfall entschieden werden, wie aussichtsreich das ist. Absolut, zumal, wie gesagt, diese Intensität eben ganz wichtig ist. Im Park später kam es dann zu dem Schuss, den der Özkan in den Kopf getroffen hat. Cem sagte ja, er hatte das Gefühl gehabt, seine Schwester schützen zu müssen und sich deshalb zu dieser Tat entschieden. Gibt es denn sowas? Gibt es denn eine Linie, wie das Recht dieses Motiv bewertet? Ich möchte Familienangehörige beschützen? Also ich würde sagen, zunächst ist es ja mal ein Motiv, was in Anführungszeichen nachvollziehbar erscheint. Allerdings ist der Grad zur Selbstjustiz wirklich sehr schmal, weil der Täter sich ja dann doch schon über den Staat und den staatlichen Anspruch eben solche Verhaltensweisen des Geschädigten eben zu sanktionieren stellt. Und das ist auf jeden Fall ein Motiv, was die Rechtsordnung nicht billigt, was eher als negativ zu bewerten wäre. Zumal man sagen muss, dass in unserem Fall es auch immer so ein bisschen anmutete, als würde man wieder die Ehre herstellen wollen von Elif, was ja dann auch wieder eher negativ zu bewerten ist. Also da muss man auch im Einzelfall schauen, ob das dann letztlich ein nachvollziehbares Motiv ist oder ob wir dann das eher als negativ bewerten. Das ist ja dann auch immer im Rahmen der Strafzumessung relevant. Verstehe. Du hast es gerade schon angedeutet, Elif hat in ihrer Einlassung auch gesagt, sie hätte nicht gewusst, dass ihr Bruder eine Waffe dabei hat, dass er sich zu so einer Tat in der Lage sieht. Wie kann man das denn in der Praxis überhaupt beurteilen, was jemand gewusst hat und was nicht? Also das kann man ja keinen Leuten nicht vor den Kopf schauen, wie man so schön sagt. Genau, das ist immer ein großes Problem, wenn ich jemandem eine gewisse Vorstellung oder eine Kenntnis, die er hatte, eben nachweisen möchte. Und so war es eben hier auch. Letztlich ist es auch nicht gelungen und wir konnten Elif eben nicht nachweisen, dass sie davon Kenntnis hatte. Es hätte geholfen, wenn wir zum Beispiel die Kommunikation, die wir ausgewertet haben, wenn wir da Chats zwischen Cem und Elif gefunden hätten, die eben klar belegen, dass er ihr beispielsweise gesagt hat, ich nehme die Waffe dann mit und dass da Absprachen stattgefunden haben. Also das wäre zum Beispiel ein denkbares Beweismittel oder aber dritte Person. Denen sie das dann erzählt hat, was ihr Plan ist und sie da irgendwie mit eingebunden hat. Das wären eben denkbare Beweismittel, die lagen uns leider so eindeutig nicht vor, weshalb es dann auch nicht gelungen ist, das nachzuweisen. Ich möchte nochmal auf diesen Teil mit der angeblichen Vergewaltigung zurückkommen, die Elif Özkan unterstellt hat. Ohne jetzt dem Urteil vorgreifen zu wollen, aber das Gericht konnte die Tat nicht bestätigen, das haben wir eben schon gesagt. Und Elif wurde wegen falscher Verdächtigung verurteilt. Was heißt das denn, falsche Verdächtigung? Also was schließt das ein? Ab wann fängt das an? Das ist in Paragraphen 164 des Strafgesetzbuchs geregelt, und ich sag mal kurz zusammengefasst ist es so, wenn jemand zur Polizei geht und eine andere Person einer rechtswidrigen Tat bezichtigt, obwohl er eben weiß, dass diese rechtswidrige Tat durch die Person nicht begangen wurde, und auch bezweckt, dass eben gegen die Person Verfahren eingeleitet wird, dann macht er sich eben der falschen Verdächtigung strafbar. Und im vorliegenden Fall war es ja so, dass Elif zwar nicht zur Polizei gegangen ist und das zur Anzeige gebracht hat, aber sie hat es in ihrer Vernehmung geschildert. Und da waren ja anwesend zwei Polizeibeamte und auch ich. Und sie musste davon ausgehen, dass wenn sie das jetzt schildert und wir das glauben, dass wir natürlich gegen öskan ein Ermittlungsverfahren einleiten und er sich dann wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung verantworten muss. Und genau das ist eben auch das, was letztlich der Straftatbestand unter Strafe stellt. Vielen Dank. Und gerade wenn es um Themen wie Vergewaltigung oder sexualisierte Gewalt geht, ist ja auch immer ein bisschen die Sorge da, dass solche Fälle dann das Vertrauen zerstören, wirkliche Fälle von Vergewaltigung oder sexualisierter Gewalt anzuzeigen. Wie geht ihr damit um, mit diesem Zwiespalt? Also ich glaube, dass diese Sorge absolut berechtigt ist. Man muss aber sehen, dass wir als, ja ich sag jetzt mal professionell damit befasste Personen, jede Anzeige wissenhaft prüfen. Wir prüfen jede Anzeige und Angabe von einer Geschädigten oder eines Geschädigten darauf, ob die Angaben glaubhaft sind. Wir schauen, ob wir objektive Beweise haben, die das vielleicht untermauern können oder auch widerlegen können. Also wir als beruflich damit befasste Personen gehen dann natürlich mit jeder Anzeige sorgsam um. Es ist aber trotzdem, das ist so, dass es natürlich auch eine andere Dimension noch hat. Nämlich, dass eine Person zu Unrecht einer Vergewaltigung bezichtigt wird. Und das ist ja ein sehr schwerer Vorwurf. Und selbst wenn dann das nachweislich nicht so war und er jetzt freigesprochen wird oder das Verfahren eingestellt wird, ist es ja leider so, dass oft irgendwie doch was hängen bleibt. Und das schon für die Person, die da zu Unrecht verdächtigt wurde, erhebliche Konsequenzen hat. Und dann kommt, finde ich, noch hinzu, dass ich mir gut vorstellen kann, dass Personen, die tatsächlich sexuelle Gewalt erlitten haben, das auch so ein bisschen als Schlag ins Gesicht empfinden, wenn dann irgendjemand, so etwas Schlimmes schildert und so tut, als wäre ihm das auch widerfahren, wo es tatsächlich nicht so ist und er ganz andere Motive damit verfolgt. Und letztlich muss man ja auch sagen, gerade bei dieser falschen Verdächtigung ist es ja so, dass wir uns mit Dingen befassen, die eigentlich gar nie passiert sind. Das ist auch eine Ressource, die dann nochmal gebunden wird. Und die Arbeitszeit, die letztlich da investiert wird für ein Verbrechen, was sich so nie ereignet hat. Und dann fehlt diese Arbeitskraft vielleicht für andere Dinge, bei denen es wichtig wäre, sie einzusetzen. Verstehe. Cem hat später im Prozess auch eine Entschuldigung geäußert, die Özkan aber nicht angenommen hat. Wie bewertest du das denn als Teil dieses Verfahrens? Also, dass der Angeklagte sich entschuldigt hat, ist erstmal als positiv zu bewerten. Natürlich immer nur dann, wenn man auch davon ausgeht, dass es von einer echten Reue getragen wird und er das nicht nur tut, um sich irgendwie einen Bonuspunkt zu ergattern. Ob das Opfer dann die Entschuldigung annimmt oder nicht, ist, finde ich, aus unserer Sicht gar nicht so wichtig. Denn das kann ja dem Angeklagten auch nicht zur Last gelegt werden, weil das Opfer oder der Geschädigte eben für sich sagt, ich kann das nicht annehmen, was ja völlig legitim ist. Und hier war es eben auch so, dass Özkan das nicht angenommen hat, aber dass die Entschuldigung von Cem dann doch auch im Rahmen der Strafzumessung zu seinen Gunsten bewertet wurde. Wir haben es eben schon mal angeschnitten. Elif hat vor der Tat Chatverläufe mit ihrem Bruder von ihrem Handy runtergelöscht und anschließend Flüge in die Türkei gebucht. Wie werden denn solche Handlungen nach einer Tat, also Verdunklungsversuche oder Fluchtvorbereitung, wie wird das denn juristisch bewertet? Zunächst muss man mal sagen, dass solche Punkte ja erstmal ein Indiz dafür sind, dass da jemand versucht, seinen Beitrag zu einer Tat zu verschleiern und auch, sich abzusetzen und sich nicht mit dem Verfahren auseinanderzusetzen. Das sind aber Indizien und in der Gesamtschau ist natürlich der Beweiswert eher als gering einzustufen. Wo es aber relevant wird, ist definitiv, wenn wir uns die Frage stellen, ob Haftgründe eben im Sinne einer Fluchtgefahr vorliegen. Da ist es natürlich so, dass das ein enormer Hinweis darauf ist, dass eine Person sich absetzen wird. Weil sie hat ja eben schon den Versuch unternommen, da eben Fluge zu buchen und wäre dann wahrscheinlich auch ausgereist. Also insofern ist das dann eher für die Frage im Rahmen eines Haftbefehls liegen Haftgründe vor von Relevanz. Also geht weniger um den Prozess als die Zeit bis zum Prozess. Genau, richtig, ja. Alex, dieser Fall berührt ja einige Felder, die ja ziemlich emotional diskutiert werden. Also es geht um Stalking, es geht um eine falsche Anzeige, um Selbstjustiz auch. Wie kriegt man in der Berichterstattung denn diesen Spagat hin, das fair und sachlich zu erzählen, ohne irgendwie vorschnell zu urteilen, sich vielleicht sogar irgendwie auf eine Seite zu schlagen? Ja, also generell konzentrieren wir uns dann in der Berichterstattung natürlich in erster Linie erstmal auf das, was dann im Prozess auch angeklagt wird und fangen da jetzt nicht an. Selber noch großartige Spekulationen anzustellen, was da vielleicht sonst noch passiert sein könnte, außer wir hätten jetzt belastbare Hinweise darauf, dass da die Ermittlungsbehörden auf dem völlig falschen Weg sind. Ja, also natürlich ist der Cem hier der Bruder, aber wir fangen jetzt nicht an zu sagen, der hat ja nur aus irgendwie einem Schutzinteresse gehandelt und fangen dann jetzt an, die Selbstjustiz da von ihm dann zu romantisieren. Also wir versuchen dann schon irgendwie diese Sachen alle zu erwähnen und das jetzt nicht zu unterschlagen, aber jetzt auch nicht dem ganz großen Raum einzuräumen. Kann man das denn sagen, wie oft sowas vorkommt, dass Menschen das Recht in ihre eigene Hand nehmen? Also gibt es da belastbare Zahlen? Also es kommt Gott sei Dank relativ selten vor. Der wahrscheinlich bekannteste Fall, den habe ich mal rausgesucht, der ist von Marianne Bachmeier. Die hat Anfang der 80er Jahre wurde ihre Tochter von einem Sexualstraftäter getötet und sie hat dann im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter erschossen. Also es gibt dazu nicht so wirklich belastbare Zahlen, weil Selbstjustiz jetzt kein eigener Straftatbestand ist und dann fällt das natürlich immer unter andere Sachen, also Mordtotschlag, Körperverletzung. Das heißt, man kann die so statistisch gar nicht wirklich finden. Da steckt aber, wie Jill gesagt hat, schon immer irgendwie so ein bisschen so eine Ablehnung vom Staat selbst dahinter. Also die Leute haben dann das Gefühl so, okay, es ist hier Unrecht passiert, aber der Staat macht nichts und dann nehmen wir das halt selbst in die Hand. Und tatsächlich muss man ja sagen, gibt es manchmal Fälle, wo dann Hinterbliebene, irgendwie das Gefühl haben, so ja, okay, hier wird jetzt nicht genug Energie in meinen Fall gesteckt und die Polizei macht ja nichts. Aber letztendlich ist es ja rechtfertigt, das ja überhaupt nicht, das dann selbst in die Hand zu nehmen und zu sagen, ich versuche jetzt den Täter zu finden und bin jetzt überzeugt, der ist das und vielleicht stimmt das aber gar nicht. Und da irgendwie dann selber irgendwas zu versuchen, also das ist schon fatal. Absolut. Und auch das Verhalten von Özkan gegenüber Elif, was man als Stalking bezeichnen könnte, ist auch etwas, was, glaube ich, viele Menschen wahrnehmen, dass es sowas gibt und dass es vielleicht auch mehr wird in den letzten Jahren. Gibt es da denn Zahlen zu? Wie oft kommt das vor? Wie häufig ist das Phänomen Stalking? Also das ist so ein bisschen das Problem wieder, was wir häufig haben, dass die tatsächlich angezeigte Zahl der Fälle nicht die wirkliche Zahl widerspiegelt und man geht davon aus, mit der Dunkelziffer eingerechnet, dass so 600.000 bis 800.000 Menschen in Deutschland, schon Opfer von Stalking geworden sind. Ein großer Teil dieser Fälle beginnt dann auch über das Internet, über soziale Medien. Und ja, auch oft ist leider die Anzeigenbereitschaft der Betroffenen relativ niedrig, weil sie das Gefühl haben, okay, vielleicht ist gar nicht genug passiert. Da macht ja jetzt eh keiner was. Und vielleicht haben sie auch Angst, dass wenn jetzt der Stalker damit konfrontiert wird mit den Behörden, dass er dann erst recht was macht. Ja, aber in der Regel gibt es eigentlich ganz gute Methoden der Behörden, um doch dagegen vorzugehen. Also zum Beispiel durch eine Gefährderansprache, und ja, also ich glaube, es ist falsch, das nicht zur Anzeige zu bringen. Aber eben auch wieder ein Bereich mit einer sehr hohen Dunkelziffer. Wie geht es aus? Jill, wie lautete denn am Ende das Urteil? Cem wurde wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Freistrafe von zehn Jahren verurteilt. Und Elif wurde wegen falscher Verdächtigung zu einer Freistrafe von neun Monaten verurteilt. Und im Übrigen wurde sie freigesprochen, also soweit es eben den Vorwurf des versuchten Tötungsdelikts betraf. Wie würdest du das bewerten? Stimmt das überein mit dem, was du so gesehen hättest? Also soweit es Cem betrifft, hatte ich eine etwas höhere Freiheitsstrafe beantragt. Finde dann aber, dass das sich schon noch im Rahmen des Tat- und Schuldangemessenen bewegt. Bezüglich Elif hatte ich tatsächlich eine Verurteilung wegen versuchten Mordes beantragt, neben der falschen Verdächtigung. Ich hatte dann auch Revision eingelegt gegen das Urteil und nachdem ich die schriftlichen Urteilsgründe bekommen habe und ausgewertet habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man die Revision zurücknehmen muss, weil das war doch in sich schlüssig. Und letztlich muss man sagen, dass man da vieles vertreten kann und es ist durchaus vertretbar, dass man findet, dass die Beweislage nicht ausreicht, um Elif zu verurteilen. Und auch wenn ich das zunächst anders gesehen habe, habe ich dann mich dazu entschlossen, das Rechtsmittel auch zurückzunehmen. Das heißt, am Ende kannst du diesem Urteil durchaus folgen. Ja, auf jeden Fall. Jamie und Özkan haben sich außerdem noch auf eine Schadensersatzsumme geeinigt. Kannst du das ein bisschen erläutern? Ja, das nennt man das sogenannte Adhäsionsverfahren. Also bei einem Verletzten einer Straftat hat er immer die Möglichkeit im Strafprozess die etwaigen zivilrechtlichen Ansprüche, die aus der Straftat erwachsen, also zum Beispiel einen Schadensersatzanspruch, den bereit in der Hauptverhandlung, gelten zu machen, also vor den Strafgerichten. Das soll eben dem Verletzten das Ganze ein bisschen erleichtern, dass er nicht nochmal den Zivilrechtsweg bestreiten muss. Und ja, wenn er das eben darlegt und beantragt und das Gericht es für richtig empfindet, dann kann ihm eben in dem Urteil dann letztlich auch eine gewisse Geldsumme zugesprochen werden. Und das ist hier auch passiert. Ja, das ist auch passiert. Bei Elifs Urteil ist ja auch die Anrechnung der Zeit in der Untersuchungshaft interessant. Wie wird das denn aufgerechnet am Ende? Elif wurde ja wie gesagt zu neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt und sie hat am Ende des Prozesses aber fast schon ein Jahr in Untersuchungshaft gesessen. Also ist quasi die neun Monate, die sind schon abgegolten. Also sie musste dann natürlich nicht noch mal in der Haft, sondern sie hat die ja schon verbüßt. Und da sie eben schon mehr Zeit verbüßt hat in Untersuchungshaft, als sie letztlich dann verurteilt wurde, bekommt sie für den Rest der Zeit auch eine Entschädigung. Verstehe. Cem ist während er in Untersuchungshaft saß auch Vater geworden. Sein Sohn wurde Februar 2024 geboren. Spielen denn solche persönlichen Umstände auch eine Rolle bei der Strafzumessung? Also bei der Strafzumessung spielt es keine Rolle. Allerdings kann sowas auch wieder eine Rolle spielen im Rahmen von Haftgründen, etwaiger Fluchtgefahr. Weil natürlich man sagt, wenn jemand hier verwurzelt ist, Familie hat und gerade ein Neugeborenes, dass dann der Anreiz irgendwie zu fliehen ins Ausland und diese Familie zurückzulassen äußerst gering ist. Und ich kann mich noch daran erinnern, dass letztlich auch die Geburt seines Sohnes der Punkt war, warum er zurückgekommen ist. Also er wusste zwar, dass ihm dann hier die Haft droht, aber angesichts der Geburt seines Sohnes hat er sich dann dazu entschlossen. Doch nach Deutschland einzureisen und da es ihm eben nicht möglich gewesen ist, seinen Sohn zu sehen, also wirklich ins Krankenhaus zu gehen, da, war die Gefahr eben zu groß, so haben wir das eingeschätzt, haben wir es ihm aber ermöglicht, zumindest über FaceTime Kontakt aufzunehmen mit seiner Frau und seinem Neugeborenen, damit er ihn zumindest mal auf die. Weise eben zu Gesicht bekommt. Also vielleicht nicht in der Strafzumessung, aber in den Umständen spielt sowas durchaus eine Rolle. Ja, definitiv. Du hast gerade schon gesagt, du hattest erst eine Revision eingereicht, dann aber wieder zurückgezogen. Gab es denn von der Seite der Verurteilten solche Anträge? Ja, da gab es auch Revisionen, die eingelegt wurden und auch von Öskan, also der Nebenklage wurde auch Revision eingelegt. Der BGA hat aber letztlich alle Revisionen verworfen und das Urteil ist dann so auch rechtskräftig geworden. Ich verstehe. Alex, gab es denn, wir haben gerade schon gehört, die Tat selber war lange so ein bisschen im Unklaren, was das Öffentliche angeht. Gab es auf das Urteil dann Reaktion? Ja, leider nicht so viele. Es gibt leider oft diese Reaktion, dass man sagt, naja, also wenn das Opfer selber irgendwie vorher schon selbst in Straftaten verwickelt war oder in mögliche Straftaten, ja okay, dann hat es ja irgendwie jetzt hier den richtigen getroffen. Ja, das ist irgendwie ein bisschen verstörend, finde ich. Es gab dann noch vor dem Gerichtsprozess selber eine, Reaktion, das ist ganz interessant, der AfD, die im Landtag, tatsächlich über eine Anfrage an die Landesregierung alles Mögliche zu diesem Fall abgefragt haben, also Familienverhältnisse der Beteiligten, Vornamen, Staatsangehörigkeiten, Vorstrafen. Sich dann danach aber nie wieder für diesen Fall interessiert. Also noch viel dazu. Ja, dass manche Fälle instrumentalisiert werden von manchen Seiten, ist auch nichts Neues leider. Wie immer auch nochmal die Frage am Ende, wenn sich Menschen in einer Situation befinden, bei der sie das Gefühl haben, aus einer Stalking-Situation nicht rauszukommen oder ja, eine Beziehung, die sie gerne beenden wollen, das aber von der anderen Seite nicht so gesehen wird, wo gibt es Hilfe? Also das ist oft unbekannt, das wusste ich auch nicht, aber tatsächlich können Stalking-Opfer auch beim Familiengericht und nicht bei der Polizei eine sogenannte Schutzanordnung beantragen. Das Gericht kann dann dem Täter verbieten, Kontakt aufzunehmen oder sich der Person überhaupt zu nähern oder auch bestimmte Orte aufzusuchen. Dafür braucht es dann gar keine Strafanzeige und das kann wohl auch relativ schnell gehen, also in akuten Fällen. Und wenn dann gegen diese Anordnung verstoßen wird, dann ist es eine Straftat und dann kann die Polizei auch schneller eingreifen. Ansonsten gibt es auch Hilfe über die deutsche Stalking-Opferhilfe. Die haben eine kostenlose Beratungs-Hotline und das hatten wir auch schon öfter genannt, das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen. Und ja, generell wird den Stalking-Betroffenen auch empfohlen, ein sogenanntes Stalking-Tagebuch zu führen, das dann später auch für die Ermittlungen ganz wichtig sein kann. Und dann wird dort aufgeschrieben, an welchen Tagen ist was genau passiert, zu welchen Uhrzeiten, wo war das, hat das vielleicht jemand mitbekommen. Was war der genaue Vorfall und das kann dann auch helfen, die Tat viel besser aufzuklären. Jill, wir haben es gerade schon gesagt, Skan hat sich wirklich nach dieser schrecklichen Verletzung wieder ins Leben zurückgekämpft. Weißt du, wie es ihm heute geht? Wie immer weiß ich es leider nicht. Aber ich hoffe sehr, dass er diesen Weg weitergehen konnte. Und das war, wie gesagt, sehr beeindruckend. Und ich kann ihm nur wünschen, dass er jetzt wieder ins Leben gefunden hat. Dem kann ich mich nur anschließen. Und ich danke euch beiden wieder mal für die Einblicke in diesen spannenden Fall. Und an dieser Stelle auch wieder ein Dankeschön an euch, an unsere Zuhörer für eure Aufmerksamkeit. Eure Gedanken zu dem Podcast könnt ihr gerne mit uns teilen, und zwar unter podcasts.rheinisch-post.de oder in den Kommentaren hier bei der Podcast-App. Ich bin Lilly Stegner und ich freue mich, wenn ihr auch beim nächsten Mal wieder dabei seid, wenn wir neue Fälle aufklären. Bis dahin, tschüss. Hinreichend verdächtig.