Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 31
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- 0:01Kapitel 31 das Leck es erschien an einem Dienstag früh und die
- 0:06Welt ging nicht unter. Das war das Erste, was Lena
- 0:10lernte an dem Morgen, an dem die Geschichte ihres Lebens endlich
- 0:13erschien, dass die großen Dinge nicht mit einem Knall kommen.
- 0:17Sie hatte sich gegen jede Erfahrung, gegen alles, was sie
- 0:20wusste, insgeheim einen Knall vorgestellt, eine Erschütterung,
- 0:24ein Beben, das durch die Stadt ging, in dem Moment, in dem der
- 0:27Text online stand. Es gab kein Beben.
- 0:30Es gab einen Dienstagmorgen wie jeden anderen, Grau mit dem
- 0:34ersten echten Herbst in der Luft, und sie saß in ihrer Küche
- 0:37vor dem Laptop und sah die Seite des Recherchebüros, auf der ihr
- 0:41Text stand, ihr Name darunter und über der Stadt vor dem
- 0:44Fenster geschah nichts, gar nichts, die Busse fuhren, die
- 0:48Leute gingen zur Arbeit, und niemand wusste, dass sich gerade
- 0:51etwas verschoben hatte. So fing es an, nicht als Flut,
- 0:55als Tropfen. Sie hatte ihren Namen lange
- 0:58angesehen an diesem Morgen, bevor die Stunden ihn weiter
- 1:01trugen. Lena Brandt unter einem Text auf
- 1:04einer Seite, die kein Papier hatte, keine Auflage, kein
- 1:08Impressum, das jemand kannte, und doch war es das erste Mal
- 1:12seit Jahren, dass ihr Name unter etwas stand, das sie nicht im
- 1:15Schlaf hätte schreiben können, nicht das Vereinsjubiläum, nicht
- 1:19die Ratssitzung, nicht die gestrichene Buslinie, sondern
- 1:22das, wofür ein Mensch 20 Jahre lang die kleinen Dinge erträgt.
- 1:26Das eine, das zählt. Sie hatte erwartet, stolz zu
- 1:30fühlen. Sie fühlte etwas Nüchterneres,
- 1:32fast ängstliches, das Gefühl eines Menschen, der einen Stein
- 1:36in einen Brunnen wirft und auf das Geräusch wartet, das ihm
- 1:39sagt, wie tief der Brunnen ist. Und das nicht kommt und nicht
- 1:42kommt, sodass man sich fragt, ob da überhaupt ein Boden ist.
- 1:46Sie hatte den Text 3 Wochen lang mit dem Büro durchgearbeitet,
- 1:49Satz für Satz, Beleg für Beleg, mit einer Gründlichkeit, die
- 1:53selbst Lena, die sich für gründlich hielt, in Erschöpfung
- 1:56trieb. Die Juristin des Büros hatte
- 1:58jeden Halbsatz geprüft, jede Behauptung an ihre Quelle
- 2:01gebunden, alles entfernt, was Vermutung war, alles gelassen,
- 2:05was Beweis war, sie hatten Carla Veits Aussage protokolliert,
- 2:09beglaubigt, abgesichert. Sie hatten Jasmins Heft
- 2:12anonymisiert, wo es Patienten schützte und benannt, wo es
- 2:16Beweis war. Und für Petra Roth, die einen
- 2:18Sohn hatte, der zustimmte, hatten sie den vollen Namen
- 2:21gelassen, weil ein Toter mit Namen eine Wucht hat, die ein
- 2:24Toter ohne Namen nie erreicht. Sie hatten die Spezifikation auf
- 2:28Niklas Foto von einem unabhängigen Fachmann lesen
- 2:31lassen, der bestätigte, was sie zeigte, 3 Wochen.
- 2:36Und am Ende stand ein Text, an dem Nichts wackelte, ein Text,
- 2:39der so ruhig war, so genau so frei von Empörung, dass die
- 2:43Genauigkeit selbst zur Anklage wurde.
- 2:45Und jetzt stand er da, und nichts geschah, und Lena saß
- 2:49davor und spürte, wie die alte Angst zurückkam.
- 2:52Die Angst, die sie seit Brettschneider in sich trug,
- 2:55dass es umsonst gewesen war, dass eine Wahrheit, die niemand
- 2:58liest, keine Wahrheit ist, sondern nur ein Geräusch in
- 3:01einem leeren Raum. Aber sie irrte sich, und sie
- 3:04lernte an diesem Tag langsam im Lauf der Stunden, wie sie sich
- 3:08irrte. Denn das Leck breitete sich aus.
- 3:10Nicht laut, aber stetig. Am Vormittag teilten es ein paar
- 3:14Leute dann mehr. Am Mittag rief das erste
- 3:17überregionale Haus an. Eine Redakteurin, deren Namen
- 3:21Lena aus dem Impressum einer Zeitung kannte, die noch
- 3:24erschien, richtig erschien auf Papier in der ganzen Republik,
- 3:28und die Redakteurin stellte Fragen, präzise, misstrauische
- 3:31Fragen, die Fragen eines Menschen, der gelernt hat, dass
- 3:34die meisten großen Geschichten bei Licht zerfallen.
- 3:37Lena beantwortete sie eine nach der anderen mit den Belegen und
- 3:41sie hörte, wie sich am anderen Ende der Leitung das Misstrauen
- 3:43in etwas anderes verwandelte. In die angespannte
- 3:46Aufmerksamkeit eines Menschen, der begreift, dass er gerade auf
- 3:49etwas echtes gestoßen ist. Am Abend stand es auf der Seite
- 3:53dieser Zeitung und am nächsten Morgen auf 2 weiteren.
- 3:57Übernommen, weitergetragen, mit Verweis auf das Recherchebüro,
- 4:01auf Lenas Arbeit. Und plötzlich war die
- 4:03Geschichte, die in einer sterbenden Lokalzeitung nicht
- 4:06hatte erscheinen dürfen, überall nicht als Schlagzeile, die
- 4:09brüllt, sondern als ein sickern, das nicht aufhört, ein Tropfen,
- 4:13der durch eine Decke kommt, dann 2 dann eine Stelle, an der der
- 4:17Putz sich dunkel färbt und an der jeder, der hinsieht, weiß,
- 4:20dass darüber Wasser steht. Was keine der großen Redaktionen
- 4:24hätte leisten können, das Begriff Lena in diesen Tagen am
- 4:27Telefon, wenn die überregionalen Kollegen sie fragten, woher sie
- 4:31das alles habe, dass sie es nur deshalb hatte, weil sie hier
- 4:34war, weil sie seit 20 Jahren hier war, weil sie die
- 4:37Pflegefachkraft kannte, die das Heft führte, und den Mann, der
- 4:40die Kisten gefahren hatte, und die Unternehmerin, deren Tür sie
- 4:43ein zweites Mal hatte aufgehen sehen.
- 4:45Eine Redaktion in der Hauptstadt hätte die Statistik vielleicht
- 4:48gefunden, den Schatten in den Zahlen von außen mit genug
- 4:51Personal. Aber sie hätte nie die Menschen
- 4:54gehabt. Die Hände, die das Abstrakte
- 4:56trugen, weil man diese Menschen nicht findet, indem man von oben
- 4:59hereinschneit, sondern nur, indem man Jahre in einer Stadt
- 5:03sitzt, bis die Stadt einem vertraut, das Lokale, das alle
- 5:07für tot erklärt hatten, hatte das eine, was das Große nie
- 5:09hatte, Nähe und Nähe war in dieser Geschichte alles, es war
- 5:14genauso, wie Lena es ihr Leben lang gewusst hatte, ohne es je
- 5:17erlebt zu haben, die Wahrheit kam nicht als Flut, sie kam als
- 5:21Leck. Und ein Leck war in mancher
- 5:23Hinsicht schlimmer als eine Flut, weil man eine Flut
- 5:26abwehren kann mit Sandsäcken, mit einer Gegenerzählung, mit
- 5:30Lärm. Aber ein Leck findet man nicht,
- 5:32ein Leck sucht sich seinen Weg durch das feinste Material, und
- 5:36je mehr man es zu stopfen versucht, desto mehr stellen
- 5:38findet es, an denen es durchkommt.
- 5:41Die erste Reaktion der Regierung kam am dritten Tag und sie kam
- 5:44genauso wie Theo es vorausgesagt hatte, höflich, ruhig, ohne eine
- 5:49erhobene Stimme. Es war eine Erklärung, knapp,
- 5:52sachlich verlesen von einem Sprecher, dessen Gesicht Lena
- 5:55auf dem Bildschirm sah und dessen Ton sie kannte, weil es
- 5:58derselbe Ton war, in dem in diesem Land seit einem Jahr
- 6:01alles gesagt wurde, was das unanständige anständig klingen
- 6:04ließ. Man nehme die Berichterstattung
- 6:06zur Kenntnis, man weise die Unterstellungen mit
- 6:09Entschiedenheit zurück. Der Verlässlichkeitsindex
- 6:13arbeite nach einer transparenten, veröffentlichten
- 6:15Formel, die jeder einsehen könne, und die Behauptung einer
- 6:19verborgenen Gewichtung entbehre jeder Grundlage.
- 6:22Bei den genannten Einzelfällen handle es sich um tragische,
- 6:25aber medizinisch erklärbare Krankheitsverläufe, die in
- 6:28keinem kausalen Zusammenhang mit der Initiative stünden, man
- 6:33behalte sich rechtliche Schritte gegen die Verbreitung unwahrer
- 6:35Tatsachenbehauptungen vor. Lena sah es sich zweimal an und
- 6:40beim zweiten Mal hörte sie, was unter den Worten lag, mit dem
- 6:43Ohr, dass sie für die Zwischentöne hatte, dass sie
- 6:45nervös waren, nicht panisch, noch nicht aber nervös, und die
- 6:49Nervosität verriet sich gerade an der Sorgfalt, an der Glätte,
- 6:53daran, wie genau jedes Wort gesetzt war.
- 6:56Man dementierte nicht so präzise, was einen nicht traf,
- 6:59man drohte nicht mit rechtlichen Schritten gegen etwas, das von
- 7:02selbst zerfiel. Die Erklärung sollte beruhigen
- 7:05und gerade darin, dass sie beruhigen sollte, lag das
- 7:07Eingeständnis, dass es etwas zu beruhigen gab.
- 7:10Und es funktionierte nicht, weil es nicht funktionieren konnte.
- 7:13Sie sagten, die Formel sei transparent und veröffentlicht,
- 7:16und genau das war wahr und genau das war die Falle, denn der Text
- 7:20zeigte ja nicht, dass die öffentliche Formel falsch war,
- 7:23er zeigte, dass es eine zweite gab, darunter eine, die nicht
- 7:26veröffentlicht war, und er zeigte sie abfotografiert mit
- 7:30dem Namen des Dienstleisters, mit den Gewichten.
- 7:33Man konnte nicht die öffentliche Formel verteidigen gegen einen
- 7:36Vorwurf, der gar nicht die öffentliche Formel betraf.
- 7:39Jede Wiederholung des Wortes transparent lenkte den Blick nur
- 7:43schärfer auf das, was nicht transparent war, sie
- 7:46verteidigten eine Tür, während das Leck durch die Wand kam.
- 7:50Später, als alles vorbei war, würde man sagen, die
- 7:53Konstruktion sei an einer Stelle gebrochen und Lena würde jedes
- 7:56Mal widersprechen, wenn sie die Kraft dazu hatte, weil das Wort
- 7:59Konstruktion eine Behauptung enthielt, die nicht stimmte.
- 8:02Es war nie etwas konstruiert worden, man hatte etwas gekauft,
- 8:06an eine Verordnung angeschlossen und laufen lassen und in den
- 8:10Tagen des Dementis stellte sich heraus, wie wenig die
- 8:13Verteidiger von dem wussten, was sie verteidigten.
- 8:16Ein Sprecher nannte die zweite Gewichtung eine technische
- 8:18Voreinstellung, was näher an der Wahrheit lag, als ihm bewusst
- 8:22war. Ein Staatssekretär erklärte, die
- 8:24Kriterien seien fachlich hergeleitet und musste 2 Tage
- 8:28später einräumen, dass die Herleitung beim Anbieter liege
- 8:31und dem Land nicht vorliege. Sie Logen nicht einmal
- 8:33durchgehend, sie redeten über eine Maschine, die niemand von
- 8:37ihnen je geöffnet hatte, und je genauer sie redeten, desto
- 8:40sichtbarer wurde, dass sie nichts wussten.
- 8:43Man kann kein Geheimnis wahren, Dachte Lena, das man selbst
- 8:46nicht kennt. Am vierten Tag stellte die erste
- 8:48überregionale Zeitung die Frage, die alles veränderte nicht durch
- 8:52eine Behauptung, sondern durch eine simple Bitte.
- 8:55Wenn es keine verborgene Gewichtung gebe, dann möge die
- 8:58Landesregierung doch einfach die vollständige
- 9:00Durchführungsverordnung veröffentlichen, mit allen
- 9:03Anlagen, mit der technischen Spezifikation, die der
- 9:06Dienstleister umgesetzt habe, es sei ja nichts zu verbergen, also
- 9:10möge man es zeigen, und die Regierung zeigte es nicht.
- 9:13Sie konnte es nicht zeigen, denn das, was Niklas fotografiert
- 9:17hatte, war echt und das zeigen hätte es bestätigt und so tat
- 9:21sie das Einzige, was ihr blieb und es war zugleich das
- 9:24verräterischste sie schwieg zu der bitte, wich aus, sprach von
- 9:28laufenden Verfahren und Betriebs und Geschäftsgeheimnissen des
- 9:31Dienstleisters, und jeder Tag, an dem sie die Verordnung nicht
- 9:34zeigte, obwohl, das zeigen sie mit einem Schlag entlastet
- 9:37hätte, wenn sie nichts zu verbergen gehabt hätte, war ein
- 9:40Tag, an dem mehr Menschen begriffen, dass sie etwas zu
- 9:43verbergen. Hatte das Schweigen, das ein
- 9:45Jahr lang ihre stärkste Waffe gewesen war, das höfliche,
- 9:48glatte Nichtssagen, mit dem sie alles weichgespült hatte, wurde
- 9:52jetzt zu ihrem Verräter? Man kann eine Frage
- 9:54totschweigen, man kann nicht ein Dokument totschweigen, nachdem
- 9:58die halbe Republik fragt, Lena saß in diesen Tagen viel am
- 10:01Telefon, beantwortete Fragen, lieferte Belege nach, Verband
- 10:06die überregionalen Redaktionen mit den Quellen, die reden
- 10:08wollten. Carla Veit gab ein Interview,
- 10:11knapp, nüchtern, ohne ein einziges großes Wort, und gerade
- 10:15die Nüchternheit einer Unternehmerin, die gegen ihr
- 10:17eigenes Interesse aussagte, die ihren rettenden Auftrag
- 10:20gekündigt hatte, um die Wahrheit zu sagen, traf härter als jede
- 10:24Empörung es gekonnt hätte. Eine Frau, die nichts gewann und
- 10:28alles riskierte, log nicht das Verstand jeder, der es las,
- 10:32sofort im Bauch, noch bevor er es im Kopf verstand.
- 10:36Und langsam Tropfen für Tropfen begann die Maschine zu wackeln,
- 10:40nicht zu fallen, noch lange nicht zu fallen, aber zu wackeln
- 10:44auf eine Art, die man, wenn man das Ohr dafür hatte, hören
- 10:47konnte, in den Pausen, die länger wurden, bevor ein
- 10:50Regierungssprecher antwortete, in den ersten Stimmen aus den
- 10:53eigenen Reihen die Aufklärung forderten, vorsichtig mit dem
- 10:57feuchten Finger im Wind, in dem Ton der Berichterstattung, der
- 11:00von Tag zu Tag eine Spur sicherer wurde, weil kein
- 11:03Dementi kam, das hielt. Lena beobachtete es mit der
- 11:07kalten Faszination eines Menschen, der jahrelang
- 11:09zugesehen hatte, wie diese Macht funktionierte und der nun zusah,
- 11:13wie sie an demselben Mechanismus scheiterte, der sie groß gemacht
- 11:16hatte. Sie hatte ein Jahr lang über die
- 11:19Stadt geherrscht, ohne je laut zu werden, mit der Geduld, mit
- 11:23der Glätte, mit dem Verzicht auf jede Eskalation, die sie
- 11:26unangreifbar gemacht hatte, man kann nicht gegen jemanden
- 11:29kämpfen, der nie zuschlägt. Aber dieselbe Eigenschaft, die
- 11:33sie in der Verführung so stark gemacht hatte, machte sie jetzt
- 11:36in der Verteidigung schwach. Eine macht, die nur leise kann,
- 11:40hat keine Antwort auf einen Lärm, den sie nicht selbst
- 11:43erzeugt. Sie konnte nicht poltern, ohne
- 11:45ihr ganzes Image zu verraten, das des ruhigen, vernünftigen
- 11:49Verwaltens und so blieb sie höflich, während ihr der Boden
- 11:52wegsackte, dementierte sorgfältig, während die Belege
- 11:55sich stapelten und jede ihrer maßvollen, sauberen Erklärungen
- 11:59wirkte vor dem Bild einer toten Arbeiterin wie das, was sie war,
- 12:02Papier vor einem Grab, was die Geschichte trug am Ende waren
- 12:06nicht die Zahlen und nicht die Verordnung, es waren die Toten.
- 12:10Lena hatte es gewusst, als sie schrieb, hatte es als Handwerk
- 12:13gewusst. Kühl, dass eine Statistik
- 12:15niemanden bewegt, dass ein Mensch eine Statistik nicht
- 12:18fühlen kann, dass erst ein Name, ein Gesicht, ein Leben das
- 12:21Abstrakte in etwas verwandelt, das einem in die Brust fährt.
- 12:25Aber sie hatte nicht gewusst, wie es sein würde, es geschehen
- 12:28zu sehen in einer ganzen Stadt zugleich.
- 12:32Petra Roth wurde ein Name, den die Leute kannten.
- 12:35Eine Frau 52 3 Jobs ihr Leben lang eine Arbeiterin.
- 12:39Eine von denen, die die Bewegung zu schützen vorgab, die unseren
- 12:43und die an einem Eingriff gestorben war, der ihr Zustand
- 12:46und den man ihr verschob, weil eine verborgene Spalte sie als
- 12:49nicht mehr brauchbar geführt hatte.
- 12:51Es war eine Geschichte, die jeder Verstand, weil jeder eine
- 12:54Petra Roth kannte, eine Mutter, eine Nachbarin, eine Kollegin,
- 12:58jemanden, der gearbeitet hatte, bis es nichts mehr zu arbeiten
- 13:01gab, und dann hatte warten müssen.
- 13:04Und das Furchtbarste an ihrer Geschichte?
- 13:06Das, was sie unwiderstehlich machte, war die Ironie, die
- 13:09niemand mehr übersehen konnte. Dass ausgerechnet das System,
- 13:13das die unseren zuerst versprochen hatte, eine der
- 13:16ihren entsorgt hatte, leise, höflich, durch Aufschub, und
- 13:19dass ihr eigener Sohn die Kisten gefahren hatte, in denen die
- 13:22Maschine steckte, die sie tötete.
- 13:25Niklas hatte zugestimmt, dass sein Name genannt wurde.
- 13:28Lena hatte ihn gefragt, mehrmals hatte ihm jede Tür offen
- 13:31gelassen, anonym zu bleiben, und er hatte jedes Mal abgelehnt,
- 13:34mit derselben knappen Festigkeit.
- 13:37Wenn ich mich verstecke, hatte er gesagt, dann sieht es aus,
- 13:40als hätte ich was zu verstecken, ich hab nichts zu verstecken,
- 13:43ich hab nur was gut zu machen und so stand er da in der
- 13:47Geschichte, der Sohn, der bei der Bewegung gewesen war und
- 13:50ausgestiegen war, als seine Mutter starb, und seine Aussage
- 13:54war die Unwahrscheinlichste und deshalb die Glaubwürdigste von
- 13:57allen. Weil niemand, der lügt, sich
- 13:59selbst eine so beschämende Rolle gibt.
- 14:02Lena hörte, wie sich die Stadt verschob, nicht alle, nicht auf
- 14:05einmal. Nichts kippte über Nacht, aber
- 14:08sie hörte es mit dem Ohr, das sie für die Zwischentöne hatte,
- 14:11an den Tischen, in den cafés, an den Haltestellen, in den
- 14:14Schlangen vor den Kassen, sie hörte die, die Festgeglaubt
- 14:17hatten und jetzt schwiegen mit dem unbehaglichen Schweigen
- 14:21eines Menschen, dem man ein Foto unter etwas gehalten hat, das er
- 14:24für Sauber gehalten hatte. Sie hörte die, die immer
- 14:27gezweifelt hatten und jetzt lauter wurden.
- 14:30Und sie hörte die Dritten, die meisten, die nie laut gewesen
- 14:33waren, in keine Richtung und in denen sich jetzt etwas regte,
- 14:36eine Frage, ein Unbehagen, das sich an einem Namen Festmachte,
- 14:40an einem Gesicht, an einer Frau, die hätte ihre Mutter sein
- 14:43können, so bewegt sich eine Stimmung, hatte Theo einmal
- 14:47gesagt, nicht durch Argumente, sondern durch ein Gesicht, dass
- 14:50man nicht mehr los wird. Petra Roths Gesicht war so eines
- 14:54geworden. Es hing jetzt über der Stadt,
- 14:56nicht auf den Bildschirmen der Macht, sondern darunter in den
- 14:59Köpfen, und es ließ sich nicht mehr abschalten.
- 15:02Lena saß am Ende der ersten Woche an ihrem Küchentisch, müde
- 15:06auf eine Art, die anders war als die Müdigkeit davor, eine
- 15:10Müdigkeit, die nicht aushöhlte, sondern in der etwas ruhte, und
- 15:13sie dachte an Brettschneider, an den Mann, der ihr beigebracht
- 15:16hatte, dass eine Zeitung das Gewissen einer Stadt sei und der
- 15:19das Gewissen verkauft hatte für 6 Monate überleben, sie war
- 15:23nicht mehr zornig auf ihn. Das überraschte sie.
- 15:26Der Zorn war weg und an seiner Stelle war etwas klareres, fast
- 15:29Mitleid, dass er Recht gehabt hatte mit der Rechnung und
- 15:32Unrecht mit dem Schluss, dass die Geschichte sein Blatt
- 15:35tatsächlich umgebracht hätte und dass sie trotzdem hätte gedruckt
- 15:38werden müssen, dass es Dinge gibt, für die ein Gewissen
- 15:40sterben darf und dass das der Unterschied ist zwischen einem
- 15:43Gewissen und einer Bilanz. Sie hatte Recht gehabt, das war
- 15:47das Seltsame, dass sie sich kaum zu denken traute. 20 Jahre lang
- 15:52hatte sie an einer Sache festgehalten, die starb, hatte
- 15:55sich gefragt, ob ihre treue Dummheit war und am Ende, in dem
- 15:59Moment, in dem die Sache, an die sie geglaubt hatte, sie verraten
- 16:02hatte, das Blatt, der Verleger, der Beruf, wie er war, hatte
- 16:07sich gezeigt, dass der Glaube, darunter der eigentliche, nicht
- 16:10dem Blatt gegolten hatte und nicht dem Beruf, sondern etwas,
- 16:13das größer war als beide und das keine Anzeigenkunden brauchte.
- 16:17Dem schlichten, unbequemen Satz, dass die Wahrheit einen Weg
- 16:21findet, wenn jemand bereit ist, ihn zu graben.
- 16:24Sie hatte ihn gegraben, es hatte 20 Jahre gedauert und sie fast
- 16:28zerbrochen, und es war nicht das Blatt gewesen, das sie gerettet
- 16:31hatte, sondern ein Recherchebüro, das keine
- 16:34Anzeigen hatte, und ein Vater, der die Hoffnung wiedergefunden
- 16:37hatte und 4 fremde Menschen an einem Küchentisch, aber sie
- 16:41hatte ihn gegraben, und das Wasser kam jetzt Tropfen für
- 16:44Tropfen, und niemand würde es mehr stopfen können.
- 16:48Sie rief ihren Vater an, am Abend, und er nahm beim zweiten
- 16:51Klingeln ab, wie immer, als hielte er das Telefon in der
- 16:54Hand. Es läuft, sagte sie, es breitet
- 16:57sich aus, sie kriegen es nicht mehr eingefangen, sie hörte ihn
- 17:01atmen, das mühsame Atmen und dann ein Geräusch, das sie
- 17:04selten von ihm hörte, ein kurzes, trockenes Lachen, in dem
- 17:07kein Spott war, zum ersten Mal seit langem kein Spott, weißt du
- 17:12was das Beste daran ist, sagte Theo.
- 17:15Nicht, dass es läuft, dass du es geschrieben hast in dieser
- 17:18Stadt. Nicht irgendeine große Redaktion
- 17:21in der Hauptstadt, die Hereingeschneit kommt und die
- 17:23Geschichte abräumt und wieder verschwindet du, die Lokale,
- 17:28die, von der alle dachten, sie sei längst tot, eine Pause, das
- 17:32Lokale stirbt nicht Lena, es wird nur vergessen, bis es
- 17:35einmal recht behält. Lena legte auf und blieb Sitzen,
- 17:39im Dunkeln und draußen über der Stadt ging der Herbstabend
- 17:43nieder und in den Fenstern brannte das blaue Licht der
- 17:46Bildschirme, wie immer auf jedem dieselbe Zahl, dasselbe glatte
- 17:49Gesicht, aber heute, zum ersten Mal seit der Wahlnacht, stand
- 17:53auf den Bildschirmen auch etwas anderes, ein anderer Name, ein
- 17:57anderes Gesicht, das Gesicht einer toten Arbeiterin, deren
- 18:00Sohn nicht mehr schwieg. Und das blaue Licht, das die
- 18:03Stadt ein Jahr lang eingelullt hatte, trug jetzt in ihm selbst
- 18:06das erste Wort, das es nicht hatte verhindern können.
- 18:09Es war nicht der Sieg, Lena wusste das mit der Nüchternheit,
- 18:12die ihr geblieben war, es war nicht einmal die halbe Strecke,
- 18:16vor ihnen lag, das Gericht, lag der Versuch, der Sitzen musste,
- 18:20lag alles, was noch schief gehen konnte, die Frist, die Anwälte
- 18:24das Tausendfache begraben. Aber das Leck war offen und ein
- 18:27offenes Leck schließt sich nicht von selbst.
- 18:29Und zum ersten Mal seit langem ging Lena Brandt in dieser Nacht
- 18:32nicht schlafen mit der Frage, ob es umsonst gewesen war, sondern
- 18:36mit einer anderen, härteren, Besseren.
- 18:38Was als nächstes kam.