Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 15 - Von der Wissenschaft
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:04Unterkapitel 15 von der Wissenschaft in diesem Kapitel
- 0:10befinden wir uns in zarathustras Höhle.
- 0:13Zuvor hatte ein Charakter namens der Zauberer ein langes,
- 0:16schwermütiges Lied gesungen. Dieser Zauberer steht
- 0:19sinnbildlich für Künstler, Dichter und Musiker.
- 0:22Nietzsche dachte hierbei wahrscheinlich besonders an den
- 0:25Komponisten Richard Wagner, die mit ihren Werken die Gefühle der
- 0:28Menschen manipulieren. Sie erzeugen absichtlich eine
- 0:31tiefe Traurigkeit und eine falsche Sehnsucht, um die
- 0:34Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Nachdem der Zauberer sein Lied
- 0:38beendet hat, sind fast alle Gäste in der Höhle wie betäubt,
- 0:41sie sind unbemerkt in das Netz seiner traurigen und betörenden
- 0:44Kunst gegangen, es gibt jedoch eine Ausnahme, nur ein einziger
- 0:49Mann lässt sich nicht verzaubern, dieser Mann wird der
- 0:52Gewissenhafte des Geistes genannt, er steht sinnbildlich
- 0:56für den strengen Wissenschaftler, den
- 0:58Vernunftmenschen. Der nur an Fakten und an die
- 1:01ungeschminkte Wahrheit glaubt. Er verabscheut Illusionen und
- 1:04emotionale Täuschungen, dieser gewissenhafte des Geistes
- 1:08springt auf, nimmt dem Zauberer sofort die Harfe weg und ruft
- 1:12nach frischer Luft. Er verlangt, dass Zarathustra
- 1:15zurück in die Höhle kommt, er wirft dem alten Zauberer vor,
- 1:19dass er die Luft in der Höhle drückend und giftig gemacht
- 1:22habe. Der Wissenschaftler warnt die
- 1:24Anwesenden, er nennt sie freie Geister.
- 1:28Ein freier Geist ist bei Nietzsche jemand, der sich von
- 1:31alten Religionen und festgefahrenen Traditionen
- 1:33befreit hat und selbstständig denkt.
- 1:36Der Wissenschaftler warnt diese freien Geister davor, sich von
- 1:39solchen Zauberern verführen zu lassen, die Gefahr bestehe
- 1:43darin, dass der Zauberer sie mit seiner Kunst wieder zurück in
- 1:46geistige Gefängnisse lockt, also zurück in alte Ängste, fromme
- 1:50Gefühle oder in eine ungesunde Schwermut.
- 1:54Der alte Zauberer reagiert daraufhin nicht ärgerlich.
- 1:56Sondern er genießt insgeheim seinen Sieg, da er ja fast alle
- 2:00anderen erfolgreich verzaubert hat.
- 2:02Mit gespielter Bescheidenheit weist er den Wissenschaftler
- 2:05zurecht, er sagt, dass gute Lieder lange Nachklingen sollen
- 2:09und man danach schweigen müsse, er behauptet einfach, der
- 2:12gewissenhafte des Geistes habe sein Lied gar nicht verstanden,
- 2:16weil in ihm eben kein Zaubergeist stecke, also kein
- 2:19Sinn für das geheimnisvolle und künstlerische, der gewissenhafte
- 2:23des Geistes fühlt sich durch diese Worte jedoch nur
- 2:25bestätigt. Er lobt den Zauberer sogar
- 2:28ironisch dafür, dass er ihn von den anderen trennt.
- 2:31Er betont, dass er und die anderen Gäste in der Höhle
- 2:33völlig verschieden seien, während die anderen nach
- 2:37Abenteuern Schauder, Erdbeben und Gefahr suchen, also nach
- 2:41einem Zustand der Unsicherheit, sucht der Wissenschaftler genau
- 2:44das Gegenteil, er sucht die absolute Sicherheit, das ist
- 2:49sein oberstes Ziel und auch der Grund, warum er zu Zarathustra
- 2:52gekommen ist. Er sucht feste Wahrheiten und
- 2:56unerschütterliche Beweise. Nun entwickelt der gewissenhafte
- 2:59des Geistes seine eigene Theorie über den Ursprung der
- 3:02menschlichen Natur. Er behauptet, dass die Furcht,
- 3:06also die Angst, das älteste und grundlegendste Gefühl der
- 3:09Menschheit sei, alles, was der Mensch tut, sei es die Erfindung
- 3:14von Sünden oder die Erschaffung von Tugenden, lasse sich aus der
- 3:18Angst erklären. Ursprünglich war es die nackte
- 3:21Angst vor wilden Tieren, die den Menschen antrieb.
- 3:24Diese Angst vor dem wilden Tier schlummert immer noch in jedem
- 3:27Menschen. Im Laufe der Jahrhunderte habe
- 3:30sich diese Angst verfeinert und weiterentwickelt, aus der
- 3:33primitiven Angst vor wilden Tieren sei eine geistige Angst
- 3:36vor dem Unbekannten geworden und diese geistig gewordene feine
- 3:40Angst ist für ihn nichts anderes als die Wissenschaft.
- 3:44Nach seiner Theorie ist die Wissenschaft also nur ein
- 3:47Werkzeug, das aus der Angst heraus entstanden ist, um sich
- 3:50in einer bedrohlichen Welt sicher zu fühlen und das
- 3:52Unbekannte erklärbar zu machen. Genau in diesem Moment, als der
- 3:56Wissenschaftler seine Theorie beendet, betritt Zarathustra
- 4:00wieder seine Höhle, er hat die letzten Worte mit angehört,
- 4:04Zarathustra lacht über die Wahrheit des Wissenschaftlers,
- 4:07wirft ihm eine Handvoll Rosen zu und stellt dessen Theorie
- 4:09komplett auf den Kopf, Zarathustra widerspricht
- 4:13vehement. Er erklärt, dass die Furcht
- 4:15nicht die Regel, sondern die Ausnahme beim Menschen sei.
- 4:19Die wahre Vorgeschichte der Menschheit bestehe aus Mut,
- 4:22Abenteuerlust und der Freude am Ungewissen, der Mensch sei nicht
- 4:26durch Angst, sondern durch Mut zum Menschen geworden.
- 4:30Mit seinem Mut habe der Mensch die wildesten Tiere besiegt und
- 4:33ihnen ihre Fähigkeiten abgerungen.
- 4:35Dieser Mut ist laut Zarathustra das Beste im Menschen, so wie
- 4:40sich die Angst angeblich verfeinert habe.
- 4:42So habe sich in Wahrheit der Mut verfeinert, aus dem körperlichen
- 4:46Mut der Vorzeit ist heute ein geistiger Mut geworden.
- 4:50Es ist ein Mut, der Flügel wie ein Adler hat, um sich über die
- 4:53Dinge zu erheben und weit zu blicken und die Klugheit einer
- 4:56Schlange besitzt, um klug, Weise und der Erde verbunden zu sein.
- 5:01Dieser geistige Mut und nicht die Angst ist für Zarathustra
- 5:05der wahre Antrieb der Menschheit.
- 5:07Heute als Zarathustra das sagt, Schreien alle Anwesenden seinen
- 5:11Namen. Und brechen in ein großes,
- 5:13befreiendes Gelächter aus. Die bedrückende, Schwermütige
- 5:17Wolke, die der Zauberer erschaffen hatte, löst sich auf,
- 5:21auch der Zauberer lacht mit und gibt zu, dass sein böser Geist
- 5:25nun verschwunden sei, er warnt die anderen spielerisch davor,
- 5:29dass Zarathustra selbst ein Betrüger sein könnte, fügt sich
- 5:32aber der guten und fröhlichen Stimmung, er lobt Zarathustra
- 5:36ironisch dafür, dass dieser seine Feinde liebt, sich dafür
- 5:40aber an seinen Freunden rächt. Die sogenannten höheren Menschen
- 5:44spenden dem Zauberer Beifall. Zarathustra geht lächelnd und
- 5:48voller Liebe und etwas Bosheit umher und schüttelt seinen
- 5:51Freunden die Hände, als wolle er sich für seine lange Abwesenheit
- 5:54entschuldigen. Doch als er in die Nähe des
- 5:57Höhlenausgangs kommt, spürt er wieder das Verlangen nach der
- 6:00frischen Luft draußen und nach der Gesellschaft seiner Tiere,
- 6:03dem Adler und der Schlange, die Luft der Menschen ist ihm immer
- 6:07noch zu stickig und so hat er den Drang, wieder nach draußen
- 6:10zu schlüpfen.