Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 2 - Der Nothschrei
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter und
- 0:04letzter Teil Unterkapitel 2 der Notschrei am nächsten Tag sitzt
- 0:10Zarathustra wieder auf einem Stein vor seiner Höhle, er
- 0:13blickt still auf das weite Meer und die zerklüfteten Abgründe
- 0:16hinaus, seine Tiere, der Adler und die Schlange sind in der
- 0:20Welt unterwegs, um neue Nahrung zu suchen, sie suchen vor allem
- 0:24nach neuem Honig. Zarathustra hatte nämlich seinen
- 0:27ganzen Honig verbraucht, um ihn wie einen Köder auszuwerfen, um
- 0:31damit Menschen zu sich Heraufzuziehen, während
- 0:34Zarathustra so da sitzt, hält er einen Stock in der Hand und
- 0:37zeichnet nachdenklich die Umrisse seines eigenen Schattens
- 0:40auf den Erdboden. Plötzlich erschrickt er heftig
- 0:43und fährt zusammen, er sieht nämlich neben seinem eigenen
- 0:46Schatten auf einmal noch einen zweiten Schatten, als
- 0:50Zarathustra rasch aufblickt und aufsteht, sieht er, dass der
- 0:53Wahrsager neben ihm steht. Es ist derselbe Wahrsager, den
- 0:57Zarathustra schon einmal an seinem Tisch bewirtet hatte.
- 1:00Dieser Wahrsager ist in dem Buch die Figur, welche die große
- 1:04Müdigkeit am Leben verkündet, er ist ein Symbol für den
- 1:07Nihilismus, Nihilismus ist die dunkle und traurige Überzeugung,
- 1:11dass alles im Leben sinnlos ist, dass alles gleichgültig ist und
- 1:15dass das Wissen die Menschen nur erstickt und innerlich tötet,
- 1:19das Gesicht des Wahrsagers sieht, verändert und
- 1:22furchterregend aus. Zarathustra erschrickt noch
- 1:24einmal, denn das Gesicht des Mannes wirkt so, als würden
- 1:27schlimme Vorhersagen und aschgraue Blitze darüber zucken.
- 1:31Beide Männer streichen sich mit der Hand über das Gesicht, als
- 1:34wollten sie diese dunklen Bilder wegwischen, als sie sich wieder
- 1:38gefasst haben, geben sie sich die Hand, um zu zeigen, dass sie
- 1:42einander wiedererkennen. Zarathustra heißt den Wahrsager
- 1:45der großen Müdigkeit willkommen, er erinnert ihn daran, dass er
- 1:49schon einmal sein Gast war. Und lädt ihn ein, auch heute
- 1:53wieder mit ihm zu essen und zu trinken.
- 1:56Zarathustra bittet ihn, es ihm nachzusehen, dass er Zarathustra
- 2:00heute wie ein vergnügter alter Mann auftritt, der Wahrsager
- 2:04schüttelt jedoch traurig den Kopf, er sagt zu Zarathustra,
- 2:08dass es ganz egal sei, wer er ist oder sein möchte, er
- 2:12prophezeit ihm, dass er nicht mehr lange hier oben in
- 2:15Sicherheit verbringen wird. Bildlich gesprochen sagt der
- 2:19Wahrsager, dass Zarathustras Boot bald nicht mehr auf dem
- 2:22trockenen Sitzen wird. Zarathustra lacht und fragt, ob
- 2:26er denn im Moment auf dem trockenen Sitze.
- 2:28Daraufhin warnt der Wahrsager eindringlich, er sagt, dass die
- 2:32Wellen einer großen Not und einer großen Trübsal steigen und
- 2:35steigen werden, diese dunklen Wellen werden bald auch
- 2:39zarathustras Boot anheben und ihn mit sich fortreißen
- 2:42Zarathustra schweigt dazu und wundert sich.
- 2:45Der Wahrsager hakt nach und fragt, Ob Zarathustra denn noch
- 2:48gar nichts höre. Er fragt, ob es nicht schon aus
- 2:51der tiefe Heraufrausche und Brause Zarathustra lauscht in
- 2:55die Stille, und tatsächlich, da hört er einen langen, lang
- 3:00gezogenen Schrei, dieser Schrei wird von den Felsen und
- 3:04Abgründen wie ein Echo weitergegeben, weil er so
- 3:07schrecklich und böse klingt, dass niemand ihn bei sich
- 3:09behalten möchte. Zarathustra nennt den Wahrsager
- 3:12einen schlimmen Verkünder. Ergibt zu, dass dies ein
- 3:15Notschrei ist, also der Schrei eines Menschen in höchster
- 3:18Verzweiflung. Es ist der Schrei von jemandem,
- 3:21der sich fühlt, als würde er in einem schwarzen Meer ertrinken,
- 3:25doch Zarathustra versucht sich abzugrenzen, er sagt, was gehe
- 3:29ihn die Not der Menschen an, dann fragt er den Wahrsager, ob
- 3:33dieser wisse, wie Zarathustras letzte Sünde heißt.
- 3:37Zarathustra meint damit die allerletzte große Versuchung,
- 3:39die ihm in seiner Entwicklung noch im Weg steht.
- 3:42Der Wahrsager hebt mit einem überströmenden Herzen beide
- 3:45Hände in die Höhe und antwortet Mitleiden.
- 3:50Er ruft aus, dass er genau deshalb gekommen sei, er will
- 3:53Zarathustra zu dieser letzten Sünde verführen, das Mitleid ist
- 3:57für Friedrich Nietzsche ein zentraler und sehr negativer
- 4:00Begriff, Nietzsche lehnt das Mitleiden ab, weil er glaubt,
- 4:04dass es den Menschen, der Mitleid empfindet, nur schwächt
- 4:07und hinabzieht. Es hilft dem Leidenden nicht
- 4:10wirklich, sich selbst zu überwinden, sondern vermehrt nur
- 4:13das Leiden in der Welt. Für Zarathustra ist das
- 4:16Mitleiden die letzte, gefährlichste Falle, die ihn
- 4:19davon abhalten könnte, seine eigene Aufgabe zu erfüllen.
- 4:23Kaum hat der Wahrsager dieses Wort ausgesprochen, ertönt der
- 4:26Schrei abermals, diesmal ist er noch länger, klingt noch
- 4:30ängstlicher und ist bereits viel näher, der Wahrsager ruft
- 4:34Zarathustra zu, dass der Schrei ihm gelte.
- 4:37Es sei nun höchste Zeit, ihm zu helfen.
- 4:40Zarathustra ist verwirrt und innerlich tief erschüttert,
- 4:43zögerlich fragt er sich selbst und den Wahrsager, wer das
- 4:47überhaupt sei, der da ruft. Der Wahrsager antwortet Heftig,
- 4:51dass Zarathustra das ganz genau wisse, auch wenn er es verbergen
- 4:54wolle, er sagt, es ist der höhere Mensch, der nach dir
- 4:58schreit, der höhere Mensch ist in diesem Buch eine wichtige
- 5:01Gruppe von Personen, es sind Menschen, die sich geistig
- 5:05bereits vom einfachen Volk. Dem Pöbel abgesetzt haben.
- 5:09Sie suchen nach einer tieferen Wahrheit und leiden an der
- 5:12Oberflächlichkeit der Welt, aber sie sind noch nicht am Ziel, sie
- 5:17leiden tief an sich selbst und verzweifeln oft, weil sie die
- 5:20alte Welt verloren haben. Aber die neue starke Welt noch
- 5:24nicht erschaffen können. Sie sind ein Übergang, und genau
- 5:27dieser Zustand bereitet Ihnen immense Schmerzen als
- 5:31Zarathustra hört, dass es der höhere Mensch ist.
- 5:34Packt ihn das Grauen und ihm bricht der Schweiß aus.
- 5:38Er fragt verzweifelt, was dieser höhere Mensch ausgerechnet hier
- 5:41bei ihm suche. Der Wahrsager geht auf
- 5:43zarathustras Angst gar nicht ein, er lauscht weiter in die
- 5:47Tiefe und sagt dann mit trauriger Stimme, dass
- 5:50Zarathustra aufpassen müsse, Zarathustra wirke wie jemand,
- 5:53den sein eigenes Glück ganz taumelig und schwindelig macht.
- 5:57Der Wahrsager meint, Zarathustra müsse wohl tanzen, damit er
- 6:00nicht vor lauter Glück umfällt. Doch selbst wenn er tanze und
- 6:04wilde Sprünge mache, würde ihm niemand glauben, dass er
- 6:07wirklich der letzte fröhliche Mensch auf Erden sei.
- 6:11Der Wahrsager setzt seine dunklen Reden fort, er sagt, es
- 6:15sei völlig umsonst, auf diese Höhe zu kommen, um nach Glück zu
- 6:18suchen, man würde hier oben nur versteckte Höhlen für Menschen
- 6:22finden, die vor der Welt fliehen, aber keine wahren
- 6:26Schätze oder Goldadern des Glücks.
- 6:28Der Wahrsager behauptet, dass man nirgendwo mehr Glück finden
- 6:31könne. Alles sei gleich sinnlos, das
- 6:35Suchen helfe nicht und es gäbe auch keine glückseligen Inseln
- 6:39mehr. Die glückseligen Inseln stehen
- 6:42bei Nietzsche für Orte der Freude, der inneren Ruhe und der
- 6:45vollkommenen schöpferischen Freiheit, nachdem der Wahrsager
- 6:49so tief geseufzt hat, passiert etwas mit Zarathustra, er wird
- 6:53plötzlich wieder hell und sicher sowie ein Mensch, der aus einem
- 6:56tiefen, dunklen Abgrund wieder ans Tageslicht steigt, er
- 7:00widerspricht dem Wahrsager mit starker Stimme.
- 7:03Nein, nein, dreimal nein. Er streicht sich den Bart und
- 7:09erklärt, dass er das besser wisse.
- 7:11Es gibt sehr wohl noch glückselige Inseln, er befiehlt
- 7:14dem Wahrsager aufzuhören wie eine Regenwolke am Vormittag,
- 7:18alles düster zu machen und wie ein Trauersack zu seufzen.
- 7:22Zarathustra schüttelt seine eigene Traurigkeit ab, so wie
- 7:25ein nasser Hund das Wasser abschüttelt, er will nicht
- 7:28unhöflich erscheinen, erinnert den Wahrsager aber daran.
- 7:31Dass sie sich hier in Zarathustras Reich befinden.
- 7:34Zarathustra beschließt, sich sofort auf die Suche nach dem
- 7:37höheren Menschen zu machen, dessen Schrei aus den Wäldern
- 7:40kam. Vielleicht, so denkt er, wird
- 7:43dieser Mensch dort von einem wilden, bösen Tier bedroht, da
- 7:47sich dieser Mensch aber in zarathustras Herrschaftsgebiet
- 7:49befindet, wird Zarathustra nicht zulassen, dass ihm Schaden
- 7:53zugefügt wird. Zarathustra scherzt, dass es bei
- 7:56ihm selbst schließlich auch genug böse Tiere gebe.
- 7:59Womit er bildlich seine eigenen starken und wehrhaften Gedanken
- 8:02meint. Zarathustra wendet sich zum
- 8:05Gehen, der Wahrsager nennt ihn daraufhin einen Schelm, also
- 8:09einen durchtriebenen Spaßvogel, er glaubt, Zarathustra wolle ihn
- 8:14nur loswerden und fliehe deshalb lieber in die Wälder, um wilde
- 8:17Tiere zu jagen. Der Wahrsager warnt ihn jedoch,
- 8:20dass das nichts nützen werde, am Abend werde Zarathustra ihn doch
- 8:24wieder ertragen müssen, er, der Wahrsager.
- 8:27Werde geduldig und schwer wie ein Holzklotz in Zarathustras
- 8:30eigener Höhle sitzen und auf ihn warten.
- 8:33Zarathustra ist damit einverstanden und ruft ihm im
- 8:36Weggehen zu, so sei es alles, was sich in seiner Höhle
- 8:40befindet, gehört auch seinem Gastfreund er sagt dem
- 8:44Wahrsager, dass er den frischen, Eisgekühlten goldenen Honig
- 8:47essen soll, falls er welchen findet.
- 8:50Das soll die traurige Seele des Wahrsagers ein wenig aufheitern.
- 8:54Zarathustra verspricht, dass sie am Abend beide guter Dinge sein
- 8:57werden, um zu feiern. Dass dieser Tag zu Ende geht.
- 9:01Er kündigt an, dass der Wahrsager dann wie ein Tanzbär
- 9:05zu zarathustras fröhlichen Liedern tanzen müsse, der
- 9:09Wahrsager glaubt nicht an diese Fröhlichkeit, er schüttelt den
- 9:12Kopf und sagt, dass er eben ein Wahrsager sei und als solcher
- 9:16bei seiner düsteren Sicht der Dinge bleibe.
- 9:19Nach diesem Gespräch macht sich Zarathustra endgültig auf den
- 9:22Weg.