Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 239-243
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- 0:00Unter Kapitel 239 die Früchte nach der Jahreszeit.
- 0:06Nietzsche verwendet hier wieder ein Bild aus der Natur.
- 0:09Er sagt, dass jede Zeit ihre eigenen Früchte hat, die nur zu
- 0:12dieser bestimmten Zeit wachsen können, wenn wir uns für die
- 0:15Zukunft eine bessere Menschheit wünschen, müssen wir
- 0:18akzeptieren, dass wir nicht alles haben können, wir können
- 0:22nicht die Vorteile früherer Zeiten mit den Vorteilen der
- 0:24Zukunft mischen. Früher gab es zum Beispiel durch
- 0:28die Religion sehr starke Gefühle, Trost und eine
- 0:31bestimmte Art von Kunst, die draus entstand.
- 0:34Diese Dinge sind wie Pflanzen, die in einem bestimmten Boden
- 0:37und Klima gewachsen sind, wenn wir aber in eine neue Stufe der
- 0:41Menschheit eintreten, in der Vernunft und Wissenschaft
- 0:43herrschen, dann ändert sich das Klima, die alten Pflanzen, die
- 0:48Religion und ihre tröstenden Wirkungen können nicht mehr
- 0:51wachsen. Wenn man die Religion und ihre
- 0:53Irrtümer zerstört, was durch die Wissenschaft passiert, dann
- 0:57verliert man auch die positiven Gefühle, die damit verbunden
- 0:59waren. Nietzsche warnt davor, zu
- 1:02glauben, dass man alle Vorzüge aller Zeiten vereinen kann.
- 1:05Das ist Schwärmerei. Wer versucht, die alte Kunst
- 1:09oder religiöse Gefühle in der modernen Zeit künstlich
- 1:12wiederzubeleben, täuscht sich. Das wäre so, als würde man
- 1:16versuchen, Früchte zu ernten, für die gar nicht die richtige
- 1:19Jahreszeit ist. Ein solcher Zustand wäre kein
- 1:22Beweis für Stärke, sondern nur ein Überbleibsel oder ein
- 1:25Verlust. Unterkapitel 240 zunehmende
- 1:31Severität der Welt das Wort Severität bedeutet Strenge oder
- 1:37Ernsthaftigkeit. Nietzsche beobachtet, dass die
- 1:39Welt immer ernster wird, je höher die Kultur steigt, er
- 1:43erinnert an den französischen Philosophen Voltaire, Voltaire
- 1:46konnte noch über die Kirche und ihre Erfindungen scherzen.
- 1:50Und dankbar sein, dass sie Stoff für seine Witze lieferte.
- 1:53Er nahm die Sache leicht, aber heute, sagt Nietzsche, ist diese
- 1:58Zeit vorbei, wenn heute noch jemand Witze über religiöse
- 2:01Themen oder alte Weltbilder macht, wirkt das verspätet und
- 2:04billig, warum ist das so? Wir leben im Zeitalter des
- 2:09Ernstes den Menschen ist es wichtig geworden, die Wahrheit
- 2:12genau zu kennen. Der Unterschied zwischen dem,
- 2:15was wirklich ist, und dem, was nur Schein ist.
- 2:19Wird nicht mehr spielerisch genommen.
- 2:21Früher konnte man über die Widersprüche des Lebens lachen,
- 2:24heute wollen wir die Gründe verstehen.
- 2:27Je gründlicher wir das Leben und die Welt verstehen, desto
- 2:29weniger können wir darüber spotten, der schert hat, der
- 2:33scherzhafte Schein verschwindet, wir erkennen die Notwendigkeit
- 2:37der Dinge an, wenn wir begreifen, warum etwas so ist,
- 2:40wie es ist, verlieren wir die Lust, uns darüber lustig zu
- 2:43machen, das Lachen weicht einer tiefen Gründlichkeit des
- 2:46Verstehens. Nietzsche meint damit, dass
- 2:49Wissen und Einsicht uns ernst machen, aber dieser ernst ist
- 2:52auch ein Zeichen von höherer Entwicklung.
- 2:55Unterkapitel 241 Genius der Kultur in diesem Abschnitt lädt
- 3:03uns Nietzsche zu einem Gedankenexperiment ein.
- 3:06Er stellt sich vor, es gäbe ein Wesen, dass er den Genius der
- 3:09Kultur nennt. Ein Genius ist in diesem Sinne
- 3:13ein übergeordneter Geist oder eine treibende Kraft, die hinter
- 3:16der Entwicklung der menschlichen Kultur steht.
- 3:19Nietzsche fragt, Wie würde dieser Geist wohl aussehen und
- 3:22handeln? Nietzsche kommt zu einem
- 3:24überraschenden und eher dunklen Schluss, dieser Genius der
- 3:28Kultur ist kein rein gutmütiges Wesen, um seine Ziele zu
- 3:32erreichen, benutzt er Werkzeuge, die wir normalerweise als
- 3:35unmoralisch bezeichnen würden. Er handhabt die Lüge, die Gewalt
- 3:39und den rücksichtslosesten Eigennutz so sicher, als wären
- 3:42es ganz normale Handwerkszeuge. Nietzsche beschreibt diesen
- 3:46Geist sogar als ein böses, dämonisches Wesen, wenn man ihn
- 3:50nur nach seinen Handlungen beurteilen würde, aber, und das
- 3:54ist der entscheidende Punkt, seine Ziele sind groß und gut,
- 3:58er will die Menschheit voranbringen, um dieses
- 4:01zwiespältige Wesen zu beschreiben, greift Nietzsche
- 4:03auf ein Bild aus der griechischen Mythologie zurück.
- 4:06Er nennt diesen Genius einen Zentauren.
- 4:09Ein Zentauer ist ein Fabelwesen, das zur Hälfte Mensch und zur
- 4:13Hälfte Pferd ist. Das bedeutet, er hat eine
- 4:16tierische wilde Seite, aber auch eine menschliche Seite.
- 4:20Doch Nietzsche fügt diesem Bild noch etwas hinzu, er sagt,
- 4:24dieser Zentauer habe Engelsflügel am Haupte, das
- 4:27bedeutet, die Kulturkraft ist halb Tier, halb Mensch, hat aber
- 4:31gleichzeitig etwas göttliches oder Geistiges, das nach oben
- 4:34strebt. Die Kultur wächst also aus dem
- 4:36tierischen und gewalttätigen empor zu etwas Höherem und
- 4:39schönem Unterkapitel. 242 Wundererziehung Nietzsche
- 4:48beschäftigt sich hier mit der Frage, wie großartige und
- 4:51außergewöhnliche Menschen entstehen.
- 4:53Oft neigen wir dazu, solche Menschen als Wunder zu
- 4:56betrachten, deren Fähigkeiten plötzlich und unerklärlich vom
- 4:59Himmel gefallen sind. Nietzsche widerspricht dieser
- 5:02Ansicht vehement. Er möchte das Phänomen ganz
- 5:04nüchtern und wissenschaftlich erklären.
- 5:06Er sagt, dass das Interesse an der Erziehung erst dann wirklich
- 5:10stark wird, wenn wir aufhören, an einen Gott zu glauben, der
- 5:13sich um alles kümmert. Früher dachte man, Gott würde
- 5:17schon alles richten heute, so Nietzsche, wissen wir, dass wir
- 5:21selbst für die Bildung der Menschen verantwortlich sind.
- 5:24Nietzsche vergleicht die Entstehung eines genialen
- 5:26Menschen mit der Heilkunst. Früher glaubte man an
- 5:30Wunderheilungen. Heute wissen wir, dass
- 5:32Gesundheit das Ergebnis vieler kleiner, verständlicher Prozesse
- 5:36ist. Genauso ist es mit der Erziehung
- 5:38und Bildung. Wenn wir heute staunen, wie aus
- 5:41dem Chaos des Lebens ein fruchtbarer, mächtiger Mensch
- 5:44entstehen konnte, dann liegt das nur daran, dass wir nicht genau
- 5:47genug hingesehen haben. Es ist kein Wunder, sondern das
- 5:50Ergebnis von 3 Dingen, auf die eine gute Erziehung achten muss,
- 5:54erstens die Energie, die ein Mensch von seinen Vorfahren
- 5:58geerbt hat. Wieviel Kraft wurde ihm in die
- 6:01Wiege gelegt? Zweitens, Wie kann man diese
- 6:04Energie neu entzünden und verstärken, drittens, wie kann
- 6:09man den Einzelnen an die vielfältigen Anforderungen der
- 6:12Kultur anpassen, ohne dass er daran zerbricht?
- 6:15Nietzsche verwendet hier ein Bild aus der Musik, er spricht
- 6:18vom Kontrapunkt in der Musik, bedeutet das, dass mehrere
- 6:22Stimmen gleichzeitig und selbstständig erklingen, aber
- 6:25zusammenpassen. Nietzsche sagt, das Individuum
- 6:29muss lernen, sich in den Kontrapunkt der Kultur
- 6:32einzureihen. Das heißt, der Mensch muss
- 6:34lernen, in der Gemeinschaft und der Öffentlichkeit zu
- 6:37funktionieren, ohne seine eigene Persönlichkeit aufzugeben.
- 6:41Er soll die Melodie der Kultur mitspielen, aber gleichzeitig
- 6:44seine eigene Melodie führen. Die Schlussfolgerung ist, ein
- 6:48großer Mensch ist kein zufälliges Wunder, sondern das
- 6:51Ergebnis von Geerbter Kraft harter Übung.
- 6:54Und der Fähigkeit, auch unter schwierigen Umständen zu
- 6:57wachsen. Unterkapitel 243 die Zukunft des
- 7:03Arztes in diesem sehr ausführlichen Abschnitt entwirft
- 7:07Nietzsche eine Vision für den Beruf des Arztes.
- 7:10Er glaubt, dass der Arzt in der Zukunft eine viel bedeutendere
- 7:14Rolle spielen wird als bisher. Nietzsche sieht den Arzt als den
- 7:18Nachfolger des Priesters oder Seelsorgers, früher gingen die
- 7:22Menschen mit ihren Sorgen zum Priester.
- 7:24Doch da immer mehr gebildete Menschen die Religion und ihre
- 7:26Rituale, Nietzsche nennt sie Beschwörungskünste, ablehnen,
- 7:31entsteht eine Lücke. Diese Lücke soll der Arzt
- 7:34füllen, aber Nietzsche stellt extrem hohe Anforderungen an
- 7:38diesen Arzt der Zukunft, es reicht nicht, nur medizinisch
- 7:42gebildet zu sein, dieser Arzt muss die höchste geistige
- 7:46Ausbildung haben, er muss die neuesten Methoden kennen und die
- 7:49Kunst beherrschen, von kleinen Anzeichen auf verborgene
- 7:51Ursachen zu schließen. So wie ein Detektiv.
- 7:55Zusätzlich muss dieser Arzt ein Meister der Sprache sein, er
- 7:59braucht Beredsamkeit, also die Fähigkeit, gut und überzeugend
- 8:03zu reden, er muss sich jedem einzelnen Patienten anpassen
- 8:06können, um ihm quasi das Herz aus dem Leib zu ziehen, also
- 8:10seine tiefsten Geheimnisse zu erfahren.
- 8:13Er muss eine solche männliche Ausstrahlung haben, dass er die
- 8:16Angst und den Kleinmut des Kranken vertreibt.
- 8:19Nietzsche nennt das den Wurmfraß aller Kranken, also die Nagenden
- 8:23sorgen, die Kranke oft haben. Der Arzt muss auch diplomatisch
- 8:27sein, um zwischen Menschen zu vermitteln, zum Beispiel, wenn
- 8:30jemand Freude an seiner Genesung braucht oder wenn jemand
- 8:33gesundheitliche Gründe braucht, um Freude zu empfinden, er muss
- 8:37die Feinheit eines Polizeimitarbeiters oder Anwalts
- 8:39haben, um die Geheimnisse einer Seele zu verstehen, ohne sie zu
- 8:42verraten, kurz gesagt. Ein guter Arzt braucht fast alle
- 8:47Tricks und Fähigkeiten, die sonst andere Berufe haben.
- 8:50Wenn er so ausgerüstet ist, kann er zum Wohltäter der ganzen
- 8:54Gesellschaft werden, er kann helfen, gute Werke, geistige
- 8:58Freude und Produktivität zu fördern, er kann verhindern,
- 9:02dass böse Gedanken und Schurkereien entstehen, deren
- 9:04Ursache oft körperliches Unwohlsein.
- 9:07Nietzsche erwähnt hier zum Beispiel Verdauungsprobleme ist
- 9:11der Arzt könnte sogar eine Art geistig leibliche Aristokratie
- 9:14schaffen. Indem er zum Beispiel Ehen
- 9:16stiftet oder verhindert, je nach Gesundheit der Partner.
- 9:20Er könnte helfen, sogenannte Seelenqualen und Gewissensbisse
- 9:23abzuschaffen, indem er sie als körperliche oder psychische
- 9:26Zustände erklärt und nicht als religiöse Sünden.
- 9:30Erst dann wird der Arzt zu einem Heiland oder Retter, ohne dass
- 9:34er Wunder tun muss oder wie Jesus im Christentum sich
- 9:38kreuzigen lassen muss.