Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Zweites Hauptstück - 101-105
Transcript
- 0:00Unterkapitel 101 richtet nicht in diesem Abschnitt, warnt
- 0:06Nietzsche davor, Menschen aus früheren Zeiten mit unseren
- 0:08heutigen moralischen Maßstäben zu verurteilen.
- 0:11Wir neigen dazu, über die Grausamkeiten der Geschichte wie
- 0:14Sklaverei oder Hexenverbrennungen zu schimpfen,
- 0:18aber wir vergessen dabei, dass die Menschen damals anders
- 0:21dachten und fühlten. Nietzsche nennt das Beispiel des
- 0:24Reformators Calvin, der einen Arzt verbrennen ließ.
- 0:28Für uns ist das ein Verbrechen. Für Calvin war es eine logische
- 0:31Konsequenz seiner Überzeugungen. Damals glaubte man, dass falsche
- 0:35Lehren die Seele ewig verdammen könnten, was viel schlimmer
- 0:38erschien als der Feuertod, wenn man an die Notwendigkeit des
- 0:42Staates glaubt, akzeptiert man auch Härte, Menschen, die
- 0:46Befehle ausführen, fühlen sich oft nicht verantwortlich, auch
- 0:50Fürsten sind oft nicht grausam aus Bosheit, sondern weil sie
- 0:53ihre Macht sichern müssen und es als Notwendigkeit ansehen,
- 0:57Nietzsche sagt. Der Egoismus ist nicht böse, er
- 1:01ist einfach da. Dass wir heute Mitleid mit dem
- 1:04Leiden anderer haben, ist etwas, das wir erst lernen mussten.
- 1:08Früher war das Gefühl für das Leiden anderer viel schwächer
- 1:11ausgeprägt, wenn wir heute historische Figuren verurteilen,
- 1:15tun wir ihnen unrecht, weil wir ihre Umstände und ihr Wissen
- 1:18ignorieren, das Verständnis dafür, dass der andere leidet,
- 1:23ist eine kulturelle Errungenschaft und nicht
- 1:25selbstverständlich. Unterkapitel 102 der Mensch
- 1:31handelt immer gut Nietzsche greift hier den Gedanken wieder
- 1:36auf, dass es in der Natur keine Moral gibt.
- 1:39Wir klagen den Blitz oder den Regen nicht an, wenn sie uns
- 1:42schaden, warum klagen wir dann den Menschen an?
- 1:46Der Grund ist, dass wir beim Menschen einen freien Willen
- 1:49annehmen, bei der Natur aber nicht.
- 1:52Nietzsche hält diese Unterscheidung für einen Irrtum,
- 1:55er sagt. Selbst wenn wir jemanden
- 1:58absichtlich verletzen, ist das nicht unbedingt unmoralisch.
- 2:01Wir töten zum Beispiel eine Mücke, nur weil sie uns nervt,
- 2:05wir sperren Verbrecher ein, um die Gesellschaft zu schützen, in
- 2:09beiden Fällen geht es um unser eigenes Wohlbefinden oder unsere
- 2:12Erhaltung. Nietzsche stellt fest, alle
- 2:15Handlungen, auch die sogenannten Bösen, Geschehen aus dem Wunsch
- 2:18nach Lust oder dem Vermeiden von Unlust, es geht immer um
- 2:23Selbsterhaltung in irgendeinem Sinne.
- 2:25Er bezieht sich auf die Philosophen Sokrates und Plato.
- 2:29Diese hatten Recht mit der Behauptung, was auch immer der
- 2:32Mensch tut, er tut immer das, was er in diesem Moment für das
- 2:35Beste oder Nützlichste hält, ob eine Handlung gut oder schlecht
- 2:39ausfällt, hängt also nicht von einem bösen Willen ab, sondern
- 2:43von der Klugheit und dem Verstand des Handelnden, wenn
- 2:47wir Böses tun, dann oft, weil wir uns irren oder weil unser
- 2:51Verstand nicht ausreicht, eine bessere Lösung zu finden.
- 2:55Unterkapitel 103 das harmlose an der Bosheit Nietzsche versucht
- 3:02hier, der Bosheit ihren Schrecken zu nehmen.
- 3:04Er sagt, dass Bosheit nicht primär das Ziel hat, andere
- 3:07leiden zu lassen, das Leiden des anderen ist meistens nur eine
- 3:11Nebenwirkung, das eigentliche Ziel der Bosheit ist der eigene
- 3:15Genuss. Ein Beispiel ist die Rache wer
- 3:18sich rächt, will ein Gefühl der Macht zurückgewinnen oder eine
- 3:22starke emotionale Aufregung spüren.
- 3:24Selbst wenn wir jemanden necken, tun wir das, um unsere
- 3:27Überlegenheit zu spüren und uns daran zu erfreuen.
- 3:31Nietzsche fragt, ist es unmoralisch, Lust zu empfinden,
- 3:34wenn ein anderer dabei Unlust empfindet?
- 3:37Er vergleicht es mit einem Spaziergang, bei dem wir Zweige
- 3:40Abknicken oder Steine wegkicken, um unsere Kraft zu spüren.
- 3:44Auch hier leiden wir mit dem Objekt, nicht mit das Wissen,
- 3:47dass ein anderer Mensch leidet, macht die Sache für uns
- 3:50moralisch problematisch. Aber ohne dieses Wissen hätten
- 3:54wir keine Freude an unserer Überlegenheit.
- 3:56Bosheit ist also oft kindisch oder gedankenlos, ähnlich wie
- 4:00ein Kind, das sein Spielzeug kaputt macht.
- 4:03Wir schließen oft fälschlicherweise von uns auf
- 4:05andere, wir denken, die Handlung muss dem anderen genauso wehtun,
- 4:09wie sie uns wehtun würde, aber oft kennt der Täter das Ausmaß
- 4:13des Schmerzes gar nicht, die Lust an der eigenen Macht ist
- 4:16der stärkste Antrieb, nicht der Wunsch, Schmerz zu erzeugen,
- 4:20Unterkapitel. 104 Notwehr Nietzsche vergleicht hier
- 4:26moralisches Handeln mit Notwehr. Wenn wir Notwehr akzeptieren,
- 4:30also dass man jemanden verletzen oder töten darf, um sich selbst
- 4:33zu schützen, dann müssen wir eigentlich fast alle sogenannten
- 4:36bösen Handlungen akzeptieren, denn wie schon zuvor erwähnt,
- 4:40geschehen die meisten Taten aus dem Trieb der Selbsterhaltung
- 4:43oder um das eigene Wohlbefinden zu sichern, auch Lügen und
- 4:47Verstellung sind Werkzeuge der Selbsterhaltung, wenn der Staat
- 4:50Verbrecher bestraft. Ist das auch eine Form von
- 4:52Notwehr, um die Sicherheit der Gesellschaft zu gewährleisten?
- 4:56Nietzsche fragt, gibt es überhaupt Handlungen aus reiner
- 5:00Bosheit? Er zweifelt daran, selbst bei
- 5:03Grausamkeit geht es oft darum, Langeweile zu vertreiben oder
- 5:07Nervenkitzel zu spüren, also um das eigene Wohlbefinden.
- 5:11Wir verurteilen Handlungen oft, weil wir empfindlich sind und
- 5:14uns an unseren eigenen Schmerz erinnern, aber der Täter
- 5:18empfindet bei der Tat vor allem seine eigene Macht und Erregung,
- 5:21die. Nicht unseren Schmerz, ob jemand
- 5:24als gut oder böse gilt, hängt oft nur davon ab, wie klug er
- 5:28seinen Kampf um Selbsterhaltung führt.
- 5:31Unterkapitel 105 die Belohnende Gerechtigkeit in diesem letzten
- 5:38Unterkapitel zieht Nietzsche die Konsequenz aus seiner Lehre der
- 5:41Unverantwortlichkeit. Wenn der Mensch keinen freien
- 5:44Willen hat und alle Handlungen notwendig aus seinem Wesen und
- 5:48den Umständen folgen, dann verliert das Konzept von Strafe
- 5:50und Belohnung seinen alten Sinn. Nietzsche sagt, Niemand verdient
- 5:56Strafe, weil er böse ist und niemand verdient Belohnung, weil
- 6:00er gut ist, denn niemand kann anders handeln als er es tut.
- 6:05Strafe hat nur noch den Zweck jemanden abzuschrecken, damit er
- 6:08eine Handlung in Zukunft unterlässt.
- 6:11Sie ist ein Mittel zum Zweck. Keine Rache genauso ist
- 6:15Belohnung, kein Geschenk für Verdienst, sondern ein Mittel,
- 6:17um jemanden zu ermutigen, so weiterzumachen.
- 6:20Wenn wir jemanden loben, der im Wettlauf gewinnt, rufen wir das
- 6:24Lob dem Läufer zu, nicht dem Menschen, der das Ziel erreicht
- 6:28hat. Das Lob soll ihn anspornen.
- 6:31Nietzsche stellt fest, weder Strafe noch Lohn sind etwas, das
- 6:35einem Menschen von rechts wegen zusteht, sie werden ihm aus
- 6:38Gründen der Nützlichkeit gegeben.
- 6:41Ohne Strafe und Lohn würden wichtige Motive für unser
- 6:43Handeln fehlen. Da die Menschen aber eitel sind
- 6:47und auf Lob und Tadel reagieren, sind diese Mechanismen notwendig
- 6:50für das Funktionieren der Gesellschaft.
- 6:52Gerechtigkeit im alten Sinne, die jedem gibt, was er verdient,
- 6:56gibt es nicht, weil es kein Verdienst im moralischen Sinne
- 6:59gibt.