Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Anhang - Der geheimnisvolle Nachen - Liebeserklärung - Lied eines theokritischen Ziegenhirten - "Diesen ungewissen Seelen"
Transcript
- 0:00Der geheimnisvolle Nachen dieses Gedicht erzählt eine rätselhafte
- 0:05Geschichte, die in einer Nacht beginnt.
- 0:07Der Erzähler liegt wach, aber nicht, weil er ein schlechtes
- 0:10Gewissen hat, etwas anderes lässt ihn nicht zur Ruhe kommen,
- 0:15deshalb steht er auf und geht hinunter zum Strand, die Szene
- 0:18ist friedlich und von einer milden, Mondhellen Nacht
- 0:21erleuchtet, am Ufer entdeckt er einen Hirten mit seinen Schafen
- 0:25und daneben ein kleines, flaches Boot, einen sogenannten.
- 0:29Lachen mit einem Mann darin, alle scheinen in einer tiefen,
- 0:34schläfrigen Ruhe zu sein, langsam und wie von selbst stößt
- 0:38sich das Boot vom Land ab und gleitet aufs Meer hinaus.
- 0:42Für den Erzähler, der dem Boot Nachblickt, verschwimmt die
- 0:45Zeit, er verliert jedes Gefühl dafür, wie lange er dort steht,
- 0:49er fragt sich, ob nur eine oder 2 Stunden vergangen sind oder
- 0:52vielleicht sogar ein ganzes Jahr.
- 0:55In diesem Zustand löst sich seine Wahrnehmung auf.
- 0:58Sein Denken und fühlen versinken in einem grenzenlosen Abgrund,
- 1:02einem Zustand, in dem alles 1 und gleichförmig wird.
- 1:06Es ist ein tiefes Eintauchen in etwas, das Jenseits der normalen
- 1:10Erfahrung liegt, ein Verlust des eigenen Ichs am nächsten Morgen,
- 1:15als der Tag anbricht, liegt der Nachen wieder am Ufer, ruhig auf
- 1:19dem dunklen Wasser, andere Leute, die das Boot sehen,
- 1:22werden neugierig und aufgeregt. Sie fragen, was in der Nacht
- 1:25geschehen sei und vermuten sogar, dass es vielleicht
- 1:28Blutvergießen gegeben habe. Doch die Antwort auf all die
- 1:31aufgeregten Fragen ist verblüffend einfach, nichts ist
- 1:35geschehen, alle haben nur geschlafen, aber so tief und gut
- 1:39wie noch nie zuvor, was Nietzsche damit sagen will, das
- 1:43Gedicht beschreibt eine Reise in das Unbewusste oder in einen
- 1:47Zustand tiefster Entspannung und des Vergessens, der Nachen ist
- 1:51hier ein Symbol für diese Reise. Es ist ein Erlebnis, das sich
- 1:55nicht mit normalen Worten beschreiben lässt und das von
- 1:58Außenstehenden nicht verstanden werden kann.
- 2:01Sie suchen nach einer dramatischen, sichtbaren
- 2:03Handlung, Blut, aber das eigentliche Ereignis war ein
- 2:08inneres, stilles Geschehen. Nietzsche deutet hier an, dass
- 2:12die tiefsten und vielleicht wichtigsten Erfahrungen
- 2:14diejenigen sind, die ohne Lärm und ohne äußere Spuren
- 2:18stattfinden, es ist eine Feier des Schlafes, des Vergessens.
- 2:23Und des Loslassens der bewussten Kontrolle, was zu einer tiefen,
- 2:26unerklärlichen Erholung führt. Liebeserklärung dieses Gedicht
- 2:33trägt eine sehr wichtige Anmerkung in Klammern, die schon
- 2:35vor der ersten Zeile steht, bei der aber der Dichter in eine
- 2:39Grube fiel. Diese Bemerkung ist der
- 2:42Schlüssel zum Verständnis des ganzen Gedichts, denn sie stellt
- 2:45alles, was folgt, in ein ironisches Licht, das Gedicht
- 2:49selbst ist ein Lobgesang auf ein wunderbares, erhabenes Wesen.
- 2:53Dass wie ein großer Vogel ein Albatros am Himmel schwebt.
- 2:57Dieser Vogel fliegt in unglaublichen Höhen, weit
- 3:00entfernt vom normalen Leben auf der Erde.
- 3:03Er ist so hoch, dass selbst der Neid der Menschen ihn nicht mehr
- 3:06erreichen kann, er ist ein Symbol für das Ideale, das
- 3:10Reine, das große und Erhabene, der Dichter, der dieses Wesen
- 3:15beobachtet, ist tief berührt, er spürt in sich einen unendlichen
- 3:19Drang, selbst diese Höhen zu erreichen.
- 3:22Er sehnt sich danach, dem Alltäglichen zu entfliehen und
- 3:25sich diesem reinen Ideal anzuschließen.
- 3:28Diese Sehnsucht ist so stark, dass sie ihm Tränen in die Augen
- 3:31treibt, und er spricht eine leidenschaftliche
- 3:33Liebeserklärung aus, ja, ich liebe dich.
- 3:37Was Nietzsche damit sagen will. Nietzsche spielt hier mit dem
- 3:40romantischen Bild des Künstlers als einem gottgleichen Genie,
- 3:44das über den gewöhnlichen Menschen schwebt.
- 3:47Die Liebeserklärung gilt diesem hohen Ideal der Kunst und der
- 3:50Philosophie. Doch durch die kleine Anmerkung
- 3:53am Anfang macht er sich gleichzeitig darüber lustig.
- 3:56Während der Dichter mit Tränen in den Augen zum Himmel blickt
- 3:59und von seiner Liebe zum Erhabenen schwärmt, ist er so
- 4:02abgelenkt, dass er die reale Welt unter seinen Füßen vergisst
- 4:06und in eine simple Grube fällt. Dieser komische Sturz ist
- 4:10Nietzsches Art zu sagen, so sehr man auch nach den höchsten
- 4:13Zielen streben mag, man darf niemals die Bodenhaftung
- 4:16verlieren, der Mensch ist nicht nur Geist, er ist auch Körper.
- 4:22Der Drang nach dem Idealen ist wichtig, aber wer darüber die
- 4:25Realität vergisst, wird lächerlich.
- 4:28Das Gedicht ist also eine liebevolle, aber auch spöttische
- 4:31Warnung an alle Künstler, Denker und Idealisten, sich selbst
- 4:36nicht zu ernst zu nehmen. Lied eines Theokritischen
- 4:40Ziegenhirten dieses Gedicht versetzt uns in die Welt der
- 4:45antiken griechischen Hirtendichtung, wie sie der
- 4:47Dichter Theokrit geschrieben hat.
- 4:49Doch Nietzsche füllt diese klassische Form mit sehr rohen
- 4:53und modernen Gefühlen der Verzweiflung.
- 4:55Ein Ziegenhirte liegt krank in seiner Hütte, er beschreibt sein
- 4:59Leiden sehr körperlich, er hat Bauchschmerzen und wird von
- 5:02Wanzen geplagt, während er leidet, hört er von draußen Lärm
- 5:06und Musik, die anderen feiern und tanzen, das verstärkt sein
- 5:10Elend, nur noch der Grund für sein Leiden ist Liebeskummer,
- 5:15seine Geliebte hat ihm versprochen, sich in dieser
- 5:17Nacht zu ihm zu schleichen. Doch sie ist nicht gekommen,
- 5:21erwartet auf sie wie ein Hund voller Sehnsucht und zugleich
- 5:25voller Demütigung. Seine Gedanken beginnen sich zu
- 5:28drehen, er zweifelt an ihrer Treue und ihren Versprechen.
- 5:33Wie konnte sie lügen, fragt er sich, seine Eifersucht wird
- 5:37immer stärker, er stellt sich vor, dass sie ihn mit anderen
- 5:40Männern betrügt und sucht nach Beweisen dafür, woher hat sie
- 5:45ihr neues, seidenes Kleid? Er malt sich aus, dass in der
- 5:48Gegend noch viele andere Böcke, also andere Männer sind, mit
- 5:52denen sie sich treffen könnte. Dieses Warten und die Eifersucht
- 5:56machen ihn krank und giftig, er vergleicht seine Gefühle mit
- 6:00einem Giftpilz, der in der schwülen Nacht wächst.
- 6:03Seine Liebe fühlt sich an wie 7 schreckliche Krankheiten, er hat
- 6:07jeden Appetit verloren, selbst auf die einfachste Nahrung wie
- 6:10Zwiebeln, das Gedicht endet in vollkommener Hoffnungslosigkeit.
- 6:14Der Hirte sieht, wie der Mond im Meer versinkt und der graue,
- 6:18trostlose Morgen anbricht. Er ist so erschöpft und
- 6:21verzweifelt, dass er sich nur noch den Tod wünscht.
- 6:24Was Nietzsche damit sagen will, Nietzsche demontiert hier die
- 6:28romantische Vorstellung von Liebe, anstatt sie als etwas
- 6:31Schönes und erhebendes darzustellen, zeigt er ihre
- 6:34dunkle, zerstörerische Seite. Liebe ist hier eine körperliche
- 6:38Krankheit, eine Quelle von Paranoia, Eifersucht und
- 6:42Selbstzerstörung. Er nutzt die alte, idyllische
- 6:45Form der Hirtendichtung, um zu zeigen, dass selbst in der
- 6:48einfachsten Umgebung die menschlichen Leidenschaften
- 6:50brutal und ungeschminkt sind. Es ist eine sehr ehrliche und
- 6:54düstere Darstellung davon, wie die Liebe einen Menschen
- 6:57vergiften und an den Rand des Todes treiben kann, diesen
- 7:02ungewissen Seelen. In diesem kurzen, aber sehr
- 7:07eindringlichen Gedicht drückt der Sprecher seine tiefe
- 7:10Verachtung für eine bestimmte Art von Menschen aus, die er als
- 7:13ungewisse Seelen bezeichnet. Er sagt, er sei grimmig gram,
- 7:18also zornig und verbittert, wenn er an sie denkt, er beschreibt
- 7:23sie als Menschen, die innerlich zerrissen und unehrlich sind,
- 7:27selbst wenn sie jemanden ehren oder loben, ist dies für sie
- 7:30eine Qual. Ihr Lob kommt nicht von Herzen.
- 7:33Sondern entspringt einem Gefühl von Selbstverachtung und Scham.
- 7:37Der Sprecher ist froh, dass er anders ist und sich von diesen
- 7:40Menschen distanziert hat. Er will nicht mit ihnen an einem
- 7:43Strang ziehen, er spürt jedoch ihren Blick auf sich, den er als
- 7:48giftig, süß und voller hoffnungslosem Neid beschreibt,
- 7:51das bedeutet, sie beneiden ihn aber, weil sie wissen, dass sie
- 7:55niemals so sein können, wie er ist ihr Neid vergiftet und ohne
- 7:59Hoffnung auf Erfüllung. Anstatt ihres unehrlichen Lobes
- 8:03oder ihres versteckten Neides wünscht sich der Sprecher ihre
- 8:06offene Feindseligkeit. Sie sollen ihn verfluchen und
- 8:10die Nase über ihn rümpfen. Ihre hilflose Suche und ihr
- 8:13unsicherer Blick sollen ihn für immer in Ruhe lassen, was
- 8:17Nietzsche damit sagen will, dieses Gedicht ist ein Ausdruck
- 8:20von Nietzsches Philosophie der Herrenmoral gegenüber der
- 8:23Sklavenmoral die ungewissen Seelen repräsentieren für ihn
- 8:27die Menschen des Ressentiments. Die Schwachen, die nicht aus
- 8:30eigener Kraft handeln können und deshalb die starken heimlich
- 8:33beneiden und hassen. Ihr Lob ist vergiftet, weil es
- 8:37nicht aufrichtig ist. Nietzsche, der sich mit dem
- 8:40starken, selbstbestimmten Individuum identifiziert,
- 8:43verachtet diese Haltung zutiefst.
- 8:45Er zieht einen ehrlichen Feind einem falschen, Neidischen
- 8:48Bewunderer vor. Offener Hass ist für ihn eine
- 8:51Reinere und ehrlichere Emotion als der versteckte, nagende Neid
- 8:56der ungewissen Seelen. Er fordert eine klare Trennung
- 8:59zwischen sich und dieser Art von Menschen.