Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Wie Sachsen-Anhalts Chemieindustrie für ihre Zukunft kämpft
Transcript
- 0:00SKW, die Stickstoffwerke, die sind seit über 100 Jahren hier am Standort.
- 0:05Wir sind eine Chemiearbeiterstadt, schon immer gewesen. Und bis heute ist das
- 0:12auch einer der größten Arbeitgeber, die wir hier vor Ort haben. Das
- 0:18sagt Thorsten Zugehör, der Oberbürgermeister der Lutherstadt Wittenberg. Und das, was er
- 0:23da beschreibt, verdeutlicht, wie wichtig die chemische Industrie im Falle Wittenbergs und das
- 0:27Unternehmen SKW Pisteritz für Sachsen-Anhalt ist. Die Chemieindustrie zählt zu den
- 0:32wichtigsten Branchen Sachsen-Anhalts und hat eine lange Tradition. Etwa 13.000
- 0:37Menschen haben hier direkt einen Job. Doch angesichts der Klimaziele, geopolitischer Veränderungen
- 0:43und gestiegener Energiepreise steht sie vor enormen Herausforderungen. Wie geht es der
- 0:48Chemie in Sachsen-Anhalt? Welche Bedeutung hat ein Unternehmen wie SKW Pisteritz
- 0:52für eine Stadtgesellschaft wie die von Wittenberg? Und wie kann die Branche
- 0:57zukunftsfähig bleiben? Das ist unser Thema heute bei Dazwischen. Ja, wer aufgepasst
- 1:14hat, der hat es gemerkt. Eigentlich wollten wir nämlich heute über das
- 1:17Bildungssystem sprechen. Diese Folge haben wir aber um eine Woche verschoben, weil
- 1:21wir einen ganz besonderen Interviewgast dafür gewinnen konnten. Wen, das verraten wir
- 1:27aber erst mal noch nicht. Ich musste in der letzten Woche viel
- 1:33nochmal über unsere Migrationsfolge nachdenken, auch weil ich tatsächlich Nachrichten zugeschickt bekommen
- 1:38habe. Das passiert bei mir persönlich jetzt gar nicht so oft, dass
- 1:41ich so direkt eine bekomme von jemandem. Und zwar genau zu dem
- 1:45was bei mir auch hängen geblieben ist. Und das waren so die
- 1:48Impulse von Undra Dressler, der Geschäftsführerin. Und das hat mir auch eine
- 1:53Kollegin geschrieben, dass sie, was Frau Dressler da beschreibt, sehr nachdenkenswerte Impulse
- 2:00waren. Sie hätte sich tatsächlich noch ein bisschen mehr gewünscht, reinzuschauen, was
- 2:04die Forderung nach Mehrsprachigkeit bei Lamsa bedeutet, weil sie findet, das Thema
- 2:09Integration und Deutsch lernen ist sehr wichtig. Das stimmt, das haben wir
- 2:12in der Form nicht besprochen. Aber wie war es bei dir so?
- 2:16Also ich bin tatsächlich hängen geblieben bei unserer Reflexion zum Thema Objektivität
- 2:20und AfD, auch weil ja am Wochenende der Parteitag war in Erfurt
- 2:24und es da nochmal viele Bilder und Interviews gab. Und ja, ich
- 2:28habe für mich festgestellt und auch im Gespräch mit anderen, dass es
- 2:31irgendwie gut war, auch nochmal so ein bisschen befreiend, nochmal klarzumachen, naja,
- 2:35wir sind ja nicht nur Journalistinnen, wir sind auch Menschen und wir
- 2:38haben da irgendwie auch Meinungen und auch Gefühle zu diesen Themen. Und
- 2:42uns hat auch Michael geschrieben und er hat gesagt, dass er das
- 2:45nicht nur notwendig fand, sondern vor allem auch klarstellen. Und das hat
- 2:48mich irgendwie auch gefreut, dass das auch gut angekommen ist, dass wir
- 2:51da nochmal so ein bisschen auch erzählt haben, wie es uns damit
- 2:53geht. Stimmt, das hat mich auch sehr beschäftigt. Und das wird uns
- 2:56beide ja auch weiter beschäftigen in den kommenden Folgen. Und deshalb bin
- 3:00ich gespannt, was da noch so für Feedback kommt. Und Anne, du
- 3:04hast auch noch was mitgebracht. Ja, und zwar fragt Friedrich auf Mastodon,
- 3:08wann im Podcast die 40 Prozent der Menschen zu Wort kommen, die
- 3:11es richtig finden, wenn 80 Prozent der nicht deutsch Verwurzelten das Land
- 3:15verlassen. Und er fragt weiter, wann wir Menschen damit konfrontieren, dass dann
- 3:21ihr Leben zusammenbricht, weil die Zukunft ohne Integrationsfähigkeit nicht funktioniert. Also ich
- 3:26finde das total interessant, weil diese Frage, wie sehr lässt man Menschen
- 3:31zu Wort kommen, die zu diesen 40 Prozent gehören, die stellen wir
- 3:34uns natürlich auch immer mal wieder. Ich glaube, den zweiten Teil, den
- 3:37Leuten zu sagen, dass ohne Integration, naja, ihr Leben zusammenbricht, aber zumindest
- 3:42eben auch die Gesellschaft vielleicht in Sachsen-Anhalt, das haben wir, glaube
- 3:45ich, gemacht in der Migrationsfolge. Wir haben ja sehr deutlich gemacht, dass
- 3:47es eigentlich keine Frage ist, ob wir Migration haben wollen, sondern eher
- 3:51wie wir miteinander leben wollen. Einfach, weil der demografische Wandel eben in
- 3:55Sachsen-Anhalt so ist, wie er ist. Aber vielen Dank natürlich für
- 3:58dieses spannende Feedback. Das könnt ihr auch jederzeit tun. Wir freuen uns
- 4:02und lesen das auch alles. Einfach eine Mail an dazwischen at detektor
- 4:06fm. Ihr findet uns aber auch in sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook
- 4:12und Mastodon. Einfach mal nach detektor fm suchen. So, Katja, was glaubst du,
- 4:24sind die drei wichtigsten Industriezweige in Deutschland? Also sicher bin ich mir
- 4:30bei der Automobilbranche. Da wir heute über Chemie sprechen, nehme ich an,
- 4:35sie ist auch dabei. Und das dritte vielleicht so was wie die
- 4:42Metallindustrie. Das hätte ich gar nicht so schlecht. Also Fahrzeugbau, Maschinenbau und
- 4:49dann der drittgrößte Industriezweig ist die chemisch-pharmazeutische Industrie. Etwas mehr als
- 4:57450.000 Menschen arbeiteten zuletzt, laut Bundeswirtschaftsministerium, in dieser Branche, bei der
- 5:04man meist irgendwie an so große Player denkt wie Bayer und BASF. Interessanterweise
- 5:09ist diese Branche insgesamt aber vor allem von Unternehmen mit weniger als
- 5:13500 Beschäftigten geprägt. Und davon gibt es eine ganze Menge in Sachsen
- 5:18Anhalt. Denn die Chemiebranche ist einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. Wenn
- 5:24man sich die Zahlen anschaut, haben wir auch schon mal kurz am
- 5:26Anfang gehört, sind etwa 13.000 Menschen direkt in der Chemie beschäftigt.
- 5:31Etwa 50.000 sind es, wenn man sich die gesamte Wertschöpfungskette anschaut,
- 5:37die daran hängt. Also eben nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch
- 5:41verschiedene Zulieferer von beispielsweise Rohstoffen, die dann eben weiterverarbeitet werden oder vielleicht
- 5:45auch konkreter Produkte. Ganz genau. Und ich bin ehrlich, wenn ich bislang
- 5:49an Chemieunternehmen gedacht habe, ja, dann waren das vor allem irgendwie Unternehmen,
- 5:54die vielleicht Lösungsmittel, irgendwelche Säuren für die Industrie erstellen, vielleicht Reinigungsmittel, Raffinerien,
- 6:01sowas eben. Aber das habe ich bei der Vorbereitung auf diese Folge
- 6:05gelernt. Chemie ist eigentlich sehr viel weiter gefasst und betrifft viel mehr.
- 6:12Alles um uns herum ist quasi irgendwie entstanden in irgendeiner Form aus
- 6:17Basischemikalien. Es gibt zehn Basischemikalien, mal über den Daumen, zehn Basischemikalien, aus
- 6:24denen 70.000 Folgechemikalien hergestellt werden. Ich gebe Ihnen mal ein paar
- 6:31plastische Beispiele. Nur mal ein Beispiel: Wenn Sie morgens aufstehen und Sie
- 6:39wollen auf Arbeit fahren, verspüren Hunger. Was machen Sie? Sie essen was.
- 6:43Das Brötchen, das Brot, was Sie früh zu sich nehmen, das ist
- 6:48nur deshalb auf dem Teller, weil es irgendwann über Dünger auf dem
- 6:54Feld gewachsen ist und dann zu Brot verarbeitet werden konnte. Das sagt
- 7:00Karsten Franzke. Er ist Geschäftsführer der Stickstoffwerke Pisteritz. In dieser Funktion steht
- 7:06er natürlich sehr hinter seiner Branche. Aber das ist ja auch sein
- 7:09Job, die Bedeutung hervorzuheben. Was ich mit diesem Ton verdeutlichen wollte: Die
- 7:14Chemiebranche ist in dem, was sie herstellt, wahnsinnig vielseitig und eben auch
- 7:18wahnsinnig wichtig, gerade für Sachsen-Anhalt. Das bekannteste chemische Zentrum ist hier
- 7:23wahrscheinlich Leuna. Ich glaube, es gibt keine Person in Sachsen-Anhalt, die
- 7:28nicht schon mal von den Leuna-Werken gehört hat. Auf jeden Fall.
- 7:31Also ich glaube, am bekanntesten ist wahrscheinlich, dass es dort eine Raffinerie
- 7:34von Total Energies gibt und von dort aus alle Tankstellen in Sachsen
- 7:39Anhalt, Thüringen und Sachsen versorgt werden. Das finde ich total verrückt. Vor
- 7:43allem, wenn man abends daran vorbeifährt, kann man die Raffinerie eigentlich nicht
- 7:46übersehen, denn die leuchtet richtig schön. Ja, ich habe mal gelesen, Fun
- 7:49Fact, dass etwa 30.000 Lampen das Gelände beleuchten. Ich hoffe, es
- 7:53ist LED. Sonst kostet das wahrscheinlich ganz schön. Ja, ich würde auch
- 7:59sagen, das ist so wirklich mit das erste Unternehmen, was mir mit
- 8:02einfällt. In Leuna produzieren heute noch etwa 100 verschiedene Unternehmen. Davon sind
- 8:08etwas mehr als 30 wirklich Chemieunternehmen. Der Rest sind mittlerweile Dienstleister wie
- 8:13TÜV Nord oder auch Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme. Und
- 8:18na ja, wenn wir über Leuna reden, dann fällt oft auch das
- 8:21Wort Chemiedreieck: Leuna, Bitterfeld, Merseburg. Diese Region bildet das Chemiedreieck
- 8:27und prägt Sachsen-Anhalt schon ziemlich lange. Deshalb gibt es jetzt auch
- 8:31einen kleinen historischen Exkurs, weil ich glaube, das ist wichtig, um die
- 8:35Bedeutung und vor allem die Verwurzelung dieser Branche in Sachsen-Anhalt zu
- 8:38verstehen. Unterstützung gibt es dafür von Winfried Bettecken. Er ist ehemaliger Hörfunkchef
- 8:44von MDR Sachsen-Anhalt, um das transparent zu machen, und hat in
- 8:48diesem Jahr ein Buch geschrieben: „Von Sachsen-Anhalt in die Welt“. Das
- 8:52Chemiedreieck, das wir so nennen und so, wie wir es kennen,
- 8:57ist schon 200 Jahre alt. Die Ursprünge, also die Wiege, liegt so
- 9:01um das Jahr 1800 herum. Wir müssen uns mal vorstellen, in ganz
- 9:05Europa, so auch hierzulande, herrscht Energieknappheit. Alles Holz, das man für Energie
- 9:10braucht, ist verbraucht. Man braucht einen neuen Energieträger. Gefunden wird aus der
- 9:16Not ausgerechnet hier in Mitteldeutschland die Braunkohle. Die Braunkohle kann man verfeuern
- 9:21für alles, was man in der Chemie braucht. Und vor allen Dingen
- 9:25eine Entdeckung trägt dazu bei, die hat der Bergarbeitersohn Carl Adolf Riebeck
- 9:29entdeckt. Diese Braunkohle hier in Mitteldeutschland enthält Teer, sehr viel Teer. Und
- 9:36diesen Teer hat er rausgeschwelt aus der Braunkohle mit einem neuen Verfahren
- 9:41und ist damit zum Schwellkönig in Europa aufgestiegen. Naja, und das hat
- 9:46dann eben den Grundstein gelegt für die Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt, so
- 9:50wie wir sie heute kennen. In Leuna wurde das erste, ich sag
- 9:54mal, richtige Werk dann 1916 gebaut von Carl Bosch im Auftrag für
- 9:58BASF. Kaiserzeit, Weimarer Republik, NS-Zeit. Leuna entwickelt sich durch all diese
- 10:04historisch prägenden Zeiten. Wichtige Erfindungen wurden dort gemacht. Zum Beispiel wurde 1923
- 10:10erstmals dort synthetisches Methanol entwickelt. Daraus werden beispielsweise heute Kraftstoffe wie E
- 10:16Fuels gemacht. Und der Farbfilm von Aqua kommt ja dann etwas später,
- 10:20so Mitte der 30er Jahre. Aber ja, auch eine Erfindung aus dem
- 10:23Chemiedreieck. Auf jeden Fall. Was hier aber wirklich auch nicht unter den
- 10:28Tisch fallen darf: In dieser chemischen Industrie und gerade auch in den
- 10:32Leuna-Werken haben zur NS-Zeit bis zu 10.000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene
- 10:37und KZ-Häftlinge unter unmenschlichsten Bedingungen gearbeitet und wurden ausgebeutet. Das ist
- 10:43natürlich eigentlich der Tiefpunkt dieses Chemiedreiecks. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg gab
- 10:47es dann auch einen ziemlichen Einschnitt. Zum einen, weil die Amerikaner Fachkräfte
- 10:51und auch Know-how abgeworben haben. Zum anderen aber auch durch die
- 10:55Reparationen, die man ja an Russland leisten musste. Da wurden also auch
- 10:58viele Anlagen zum Beispiel abgebaut. Ja, und danach begann eine Zeit, die
- 11:03bis heute ja die Identität Sachsen-Anhalts prägt. Zu DDR-Zeiten wird
- 11:07Leuna wieder aufgebaut. Die Chemiebranche und das Chemiedreieck werden extrem wichtig für
- 11:12die Wirtschaft der DDR. Ja, und den Preis dafür zahlt vor allem
- 11:16die Natur. Also meine Familie erzählt wirklich heute noch, wie in manchen
- 11:19Tagen Schaum auf der Mulde schwamm. Hier fließt ja auch durch Dessau,
- 11:24wenn ja im Bitterfeld-Wolfen mal wieder irgendwelche ungereinigten Abwässer eingeleitet wurden. Ja,
- 11:29die Folgen sieht man ja auch heute noch. Ich sage nur Giftmüllgrube
- 11:31Brüche. Auch. Also wir haben ja jetzt schon darüber gesprochen, dass die
- 11:35Branche heute wieder sehr wichtig für Sachsen-Anhalt ist. Ich weiß aber,
- 11:39dass während der Wiedervereinigung eigentlich gar nicht wirklich geplant war, dieses Chemiedreieck
- 11:43und Leuna zu erhalten. Das stimmt. Geendet hat das wohl in diesem
- 11:47Fall tatsächlich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl von der CDU. Nach der
- 11:52friedlichen Revolution von 1989 und Helmut Kohl, der Bundeskanzler der Einheit, besucht
- 12:00im Mai oder Juni, glaube ich, 1990 das Chemiedreieck und lässt einen
- 12:07überlebensgroßen und sehr lebenswichtigen Rettungsring auf dem Chemiedreieck nieder. Denn mit seinem
- 12:14Machtwort, das er spricht, wird das Chemiedreieck erhalten. Dieses Chemiedreieck darf nicht
- 12:19verloren gehen, sagt Helmut Kohl, weil er sieht, dass das das Industrieherz
- 12:25des Ostens ist. Ein Kahlschlag wäre noch verheerender gewesen als sowieso schon
- 12:29die gesamte Privatisierung. Er garantiert diesen Chemiestandort. Ganz konkret verspricht Kohl am
- 12:3610. Mai 1991 den Erhalt des mitteldeutschen Chemiedreiecks. Da waren längst viele
- 12:42Betriebe abgewickelt und geschlossen. Tausende hatten schon ihre Jobs verloren. Meinen Zahlen
- 12:46Anfang 1989 arbeiteten in Sachsen-Anhalt etwas mehr als 150.000 Menschen
- 12:52in der Chemie. Mitte 91 arbeiten hier nur noch etwa 58.000
- 12:58Menschen. Okay, krass. Also da hat sich die Zahl quasi, bevor Kohl
- 13:02kam, schon halbiert. Ja, und bis sich die Branche dann von solchen
- 13:06Einschnitten erholt hat, das dauerte natürlich Jahrzehnte. Was glaubst du? Und die
- 13:10Frage geht auch an alle, die diese Folge hören. Ihr könnt jetzt
- 13:13mal gerne mit überlegen, wie viele Chemieparks gibt es heute noch in
- 13:18Sachsen-Anhalt? Ehrlich gesagt fallen mir nur die drei an, über die
- 13:21wir heute schon gesprochen haben. Also Leuna, Bitterfeld-Wolfen und Pisteritz. Genau.
- 13:27Die drei sind es auf jeden Fall. Also der Agrochemiepark in Pisteritz,
- 13:31nicht nur das SKB-Werk Bitterfeld-Wolfen, der Infraleuner, also der gesamte
- 13:36Standort in der Chemieindustrie in Leuna. Und dann gibt es noch den
- 13:39Chemie- und Industriepark ZEIT und den Dow Value Park in Schkopau.
- 13:44Böhlen. Das war mir tatsächlich vor der Folge gar nicht so bewusst,
- 13:48dass es fünf Standorte gibt, weil ja auch immer von dem Dreieck
- 13:51gesprochen wird. Und Pisteritz hätte ich auch aufzählen können, beziehungsweise eben eigentlich
- 13:57nur das Unternehmen SKW, weil wenn ich als Kind mit meiner Familie
- 14:00mal nach Wittenberg gefahren bin, dann oder auch heute noch, dann kommt
- 14:04man da zwangsläufig von Dessau aus gesehen ja gerade vorbei. Pisteritz ist
- 14:08ein Ortsteil von Wittenberg. Und ich habe mich damals immer gefragt, wenn
- 14:11wir da so vorbeigefahren sind an den Hohenzäunen: Was ist denn da
- 14:14eigentlich? Was machen die denn? Was machen die denn da? Ja, na
- 14:17ja, als Kind sieht ja auch alles noch mal viel größer aus.
- 14:19Heute weiß ich, SKW steht für Stickstoffwerke. Und anhand von diesem Unternehmen
- 14:24kann man ziemlich gut zeigen, welche Bedeutung Chemiestandorte wie dieser eben nicht
- 14:29nur für die Wirtschaft, sondern auch ganz konkret für einzelne Regionen haben.
- 14:34Und deshalb bin ich für diese Podcast-Folge dorthin gefahren. Das Betriebsgelände
- 14:49hört sich so an und sieht auch genauso aus, wie man sich
- 14:53das vorstellt. Überall gehen Rohre lang. Es sind an mehreren Stellen Schienen
- 14:57verlegt. Darüber fahren Güterwaggons. Und was dort hergestellt wird, lässt sich eigentlich
- 15:02ziemlich einfach erklären. SKW stellt Düngemittel her auf Basis von Stickstoff oder
- 15:08auch AdBlue, das Dieselfahrzeuge benötigen, um die schädlichen Stoffe in ihren Abgasen
- 15:13zu Stickstoff und Wasserdampf umzuwandeln. Und tatsächlich gehört SKW mit zu den
- 15:19größten AdBlue-Herstellern Europas. Quasi zeitgleich zu den Leunerwerken 1915 wurde auch
- 15:26in Pisteritz der Grundstein für die Chemie gelegt. Die meisten kennen das
- 15:29Unternehmen vielleicht auch noch als VEB Agrochemie Pisteritz. 1993 wurde dann daraus
- 15:36SKW. Und seit 2006 ist alleiniger Eigentümer das tschechische Unternehmen Agrofert. Kleine
- 15:43Seitennotiz dazu: Agrofert ist nicht irgendein Konzern. Er gehört dem Milliardär André
- 15:48Babisch, Parteivorsitzender der populistischen ANO und seit 2025 erneuter Regierungschef in Tschechien.
- 15:57Eine kleine nachträgliche Ergänzung an dieser Stelle: Mit seinem Wahlsieg im Herbst
- 16:022025 wurde André Babisch vor seinem Amtsantritt dazu aufgefordert, Interessenkonflikte zu lösen.
- 16:08In diesem Zuge erklärte er seinen Rückzug von Agrofert. Auf der Webseite
- 16:12des Unternehmens steht heute: Alleiniger Gesellschafter von Agrofert ist Herr Wilfried Reinhard
- 16:17Elbs als Treuhänder des RSVP Trust, eines privaten Treuhandfonds. Der Fonds und
- 16:23sein Verwalter sind völlig unabhängig von Agrofert und unabhängig vom vorherigen Aktionär,
- 16:26Herrn André Babisch. Nur muss man auch wissen, als Babisch schon einmal
- 16:31Regierungschef war, wurde Agrofert auch in Treuhandfonds überführt. Diese wurden dann wieder
- 16:36aufgelöst, sodass er wieder alleiniger Eigentümer werden konnte. Okay, warte mal. Also
- 16:47einem tschechischen Rechtspopulisten gehört ein riesiges Unternehmen, das total wichtig ist für
- 16:52Arbeitsplätze und Steuern in Sachsen-Anhalt. Also das macht mir schon ein
- 16:57bisschen Bauchschmerzen. Das kann ich nachvollziehen. Das ist jetzt tatsächlich keine unbekannte
- 17:01Information. Aber ich verstehe deinen Bauchschmerzenpunkt, denn naja, wir haben ja auf
- 17:06der einen Seite einen riesigen Konzern, der vor allem im Agrarsektor und
- 17:11in der Lebensmittelproduktion tätig ist. Und dahinter steht ein Mann aus einer
- 17:16Partei wie der ANO, ja, die sehr wirtschaftsliberal ist. Anfang diesen Jahres
- 17:21hat Babisch zum Beispiel einen Brief an die EU geschrieben, in dem
- 17:24er die hohen Preise für die CO2-Zertifikate im Emissionshandel kritisiert. Die
- 17:29werden in dieser Folge noch wichtig. Also da gibt es eine sehr
- 17:33enge Verbindung von Wirtschaft und Politik, die Fragen aufwirft. Ja, ich fürchte,
- 17:39leider, die werden wir an dieser Stelle auch nicht beantworten können und
- 17:42mein Bauchschmerzgefühl damit leider auch nicht so richtig beruhigen. Aber lass uns
- 17:46vielleicht noch mal auf SKW Pisteritz direkt zurückkommen. Die wollen wir ja
- 17:50heute als Beispiel für die Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt angucken. Wie viele
- 17:54Menschen arbeiten denn dort? Also bei SKW arbeiten etwa 1.000 Menschen. Wir
- 18:00haben ganz am Anfang ja aber schon so über Wertschöpfungskettenzulieferer gesprochen. Und
- 18:04das gilt auch hier. Wittenbergs parteiloser Oberbürgermeister Thorsten Zugehör sagt, an dem
- 18:10Standort hängen insgesamt 10.000 Arbeitsplätze. Und nicht nur das. Das Unternehmen
- 18:16ist für Wittenberg nicht nur Arbeitgeber, sondern auch sehr verwoben. Wir haben
- 18:20ja auch ein Gesundheitszentrum und ein Ärztehaus bei uns. Der Sportbereich der
- 18:25Mitarbeiter zum Motivieren und Gesundbleiben, aber auch die Kinderbetreuung. Diese Art und
- 18:30Weise der Aktivitäten für die Belegschaft, für die Mitarbeiter, das ist ja
- 18:37heute ein wichtiger Teil im wichtigen Kampf, im wichtigen Wettbewerb um Fachkräfte.
- 18:42Also es gibt mittlerweile drei Kitas, die auch Familien zur Verfügung stehen,
- 18:47wenn Plätze frei sind, die eben nicht bei SKW arbeiten. Es gibt
- 18:50ein Hort, es gibt ein Aus- und Weiterbildungszentrum. Das klingt so,
- 18:54als hätte man sich bei SKW gut überlegt, wie man mit dem
- 18:57Fachkräftemangel umgeht. Ja, Fachkräftemangel ist natürlich auch für Sie ein Thema. Haben
- 19:01wir ja schon viel besprochen im Podcast. Und Sie sagen, dass Sie
- 19:05natürlich einen Rückgang an Bewerbungen merken, aber bislang noch jede Stelle wohl
- 19:09besetzen konnten. Das soll jetzt hier kein Werbeblock für SKW Pisteritz sein,
- 19:13sondern es soll einfach mal zeigen, wie dicht verwoben das Unternehmen mit
- 19:17der Stadt Wittenberg ist. Und das hat mir auch Wittenbergs Oberbürgermeister Zugehör
- 19:21eben noch mal erklärt. Also SKW hat seit vielen Jahren mit einem
- 19:27klugen Blick über den eigenen Werkzaun hinaus in den Standort, in die
- 19:31Stadt investiert, weil sie wissen, sie brauchen natürlich auch die klugen Menschen,
- 19:36die dort arbeiten, weil sie sagen, wir werden hier nur Erfolg haben
- 19:40und uns wird es gut gehen, wenn es auch der Stadt und
- 19:43den Bürgern und Bürgerinnen gut geht. Ich glaube, das ist erst mal
- 19:47ganz wichtig. Und das Zweite ist, dass die natürlich auch sehr als
- 19:52wirtschaftlich starkes Unternehmen in die Stadt, sagen wir mal, nicht nur in
- 19:58die Hardware, sondern auch in die Software investiert haben, mit Spenden für
- 20:02Kulturveranstaltungen, für den Kultursommer, für einzelne Vereine und Initiativen. Die waren dabei
- 20:10bei der Initiative, die haben die dort damals ausgelöst: Groß hilft Klein,
- 20:15als es während der Corona-Zeit den kleinen Händlern sehr, sehr schlecht
- 20:19ging. Dann haben die Geld gegeben, halt nicht rückzahlbar, und haben gesagt:
- 20:26Da habt ihr Geld zum Überleben, damit ihr euer Business halten könnt.
- 20:29Ja, das klingt natürlich erst mal gut, aber schafft das nicht auch
- 20:33so eine Form von Abhängigkeit von so einem Unternehmen? Ja, also SKW
- 20:37wird für Wittenberg so natürlich zu mehr als einem Arbeitgeber. Und das,
- 20:41was Thorsten Zugehör hier beschreibt, ist für viele Städte mit ganz großen
- 20:45Unternehmen ja kein so unbekanntes Szenario. Gucken wir mal nach Stuttgart zur
- 20:49Automobilbranche, wo das gerade ganz krass ist. Denn wo eine Stadt profitiert,
- 20:53entsteht im Umkehrschluss auch eine Abhängigkeit. Und genau das tritt gerade in
- 20:58vielen Regionen, nicht nur in Sachsen-Anhalt, ein. Denn große Teile der
- 21:03Chemieindustrie stehen vor Herausforderungen. Diese Herausforderungen der Chemiebranche hängen mit mehreren Faktoren
- 21:16zusammen. Dazu gehören zum Beispiel hohe Preise für Energie und Rohstoffe, der
- 21:21Umstieg auf umweltfreundlichere Verfahren und die Auswirkungen der gesamten Wirtschaftslage. Darüber haben
- 21:27wir ja schon in unserer Folge über die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt
- 21:30gesprochen. Aber was ja, glaube ich, auch mit rein spielt: Deutschland hat
- 21:34sich ja zu Klimazielen verpflichtet. Also man will bis zum Jahr 2045
- 21:38treibhausneutral werden, hat einen Ausstieg aus den fossilen Energien beschlossen. Erdgas sogar
- 21:43schon bis 2035. Das ist für die Chemieindustrie wahrscheinlich besonders schwierig. Ja,
- 21:49schauen wir uns deshalb das Ganze nochmal am Beispiel von Pisteritz an.
- 21:53SKW Pisteritz, die stellen vor allem Harnstoffe und Ammoniak her, was wiederum
- 21:57weiterverarbeitet wird zu zum Beispiel Düngemitteln. Und dafür brauchen sie vor allem
- 22:02Erdgas. Und das ist hier kein Energieträger, sondern Rohstoff für weitere Produkte,
- 22:08wie mir Carsten Franz erklärt hat. Wir verwenden den Wasserstoff und den
- 22:12Kohlenstoff aus dem Erdgas für die Erzeugung von Produkten. Das ist das Haber-
- 22:17Bosch-Verfahren und es gibt zurzeit kein anderes Verfahren, was über diesen
- 22:21Weg Ihnen diese Produkte stofflich, jetzt chemisch, ermöglicht. Also es wird durchaus
- 22:27an anderen Verfahren geforscht, die sind aber noch nicht marktreif. Und deshalb
- 22:32braucht SKW so viel Erdgas und ist auch laut eigenen Angaben der
- 22:36größte Erdgasverbraucher Deutschlands. Und das ist angesichts der geopolitischen Veränderungen ein Problem.
- 22:43Vor dem Ukraine-Krieg haben sie, wie viele, günstiges russisches Gas bezogen.
- 22:48Wir wissen, das ist aktuell nicht mehr möglich. Wir haben darüber sehr
- 22:51ausführlich in der Wirtschaftsfolge besprochen. Die hohen Kosten für Energie und Rohstoffe,
- 22:55die jetzt damit aber auch auf SKW zukommen, haben nicht nur auf
- 22:59sie Auswirkungen, sondern die gesamte Branche. Zum Beispiel hat da uns Infraleuner
- 23:05auf Nachfrage geschrieben: Wir haben massive Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit und die
- 23:10gesamte energieintensive Industrie befindet sich in einer Notlage, insbesondere aufgrund der anhaltend
- 23:16hohen Energiepreise. Sie sagen zum Beispiel, ihre Kosten für Erdgas haben sich
- 23:21verdoppelt. Wichtig: Der Wegfall vom russischen Erdgas ist nicht allein dafür verantwortlich.
- 23:28Infraleuner spricht auch von verschiedenen Ursachen. Dazu zähle für sie auch der
- 23:31Ausstieg aus der Kernenergie in Kombination mit einer reduzierten Kohleverstromung. Hinzu käme
- 23:37der europäische Emissionshandel. Um hier alle nochmal abzuholen: Seit 2005 wird dieser
- 23:42Handel das zentrale Klimaschutzinstrument der EU. Es gibt eine Obergrenze für das
- 23:48Treibhausgas CO2 und pro Tonne wird ein Preis festgelegt. Unternehmen müssen für
- 23:53jede ausgestoßene Tonne CO2 ein Emissionszertifikat erwerben. Die Idee: Wer viel davon
- 23:59ausstößt, soll so animiert werden, in moderne, klimafreundliche Technologie zu investieren. Eine
- 24:05ganze Weile wurden zur Überbrückung jetzt kostenfreie Zertifikate herausgegeben. Das ändert sich
- 24:10aber. Du hast jetzt relativ viele Punkte angesprochen. Du hast gesprochen über
- 24:14hohe Energiepreise, über Erdgas als Rohstoff und über den CO2-Ausstoß und
- 24:20CO2-Zertifikate. Das wirkt sich ja wahrscheinlich jetzt schon auf diese Branche
- 24:25aus. Ja, Infraleuner schreibt: Seit 2022 ist die Zahl der Beschäftigten in
- 24:30der Chemieindustrie in ganz Deutschland um drei Prozent geschrumpft. Und dass die
- 24:35chemische Industrie unterhalb der wirtschaftlich notwendigen Auslastung arbeite. Okay, das klingt auf
- 24:41jeden Fall ziemlich dramatisch. Wie war es denn bei SKW? Gab es
- 24:44da auch schon Entlassungen? Tatsächlich bislang nicht, sagen sie, weil sie haben
- 24:49ja Fachkräftemangel auch und sie stecken sehr viel Geld in ihre Fachkräfte,
- 24:54eben auch in Aus- und Weiterbildung. Und die sagen, na ja,
- 24:57wenn wir die jetzt einfach gehen lassen, weil es gerade vielleicht ein
- 25:00bisschen schlechter läuft, dann sind die aber weg. Und das wollen die
- 25:02nicht. Aber du erinnerst dich vielleicht auch an die Berichte darüber, als
- 25:06SKW Anfang 2022 die Produktion drosseln musste. Da kam es tatsächlich zu
- 25:12einem Versorgungsengpass mit AdBlue, was dann wiederum direkte Auswirkungen auf die Logistikbranche
- 25:18hatte. Wurde wahnsinnig viel darüber berichtet. Ich erinnere mich. Jetzt hat ja
- 25:22alles, was du beschrieben hast, mit dem Thema Energiewende, Klimawandel zu tun.
- 25:26Und das sind ja Dinge, mit denen wir uns jetzt nicht erst... 00:25:29.000 --> 00:25:33.000 seit fünf Jahren beschäftigen. Also könnte man ja auch denken, da hätte
- 25:33man sich in der Chemieindustrie vielleicht ja auch darauf vorbereiten können. Das
- 25:37stimmt. Und es ist jetzt nicht so, als wäre da gar nichts
- 25:40passiert. Also seit 1990 hat die Chemieindustrie trotz wachsender Produktion insgesamt in
- 25:46ganz Deutschland ihren CO2-Ausstoß bereits um etwa 60 Prozent reduziert. Aber
- 25:51die Energiewende zu vollziehen, beziehungsweise in diesem Fall geht es ja vor
- 25:55allem darum, den hohen Energiebedarf, den sie haben, zu decken mit erneuerbaren
- 26:00Energien. Das ist für die Branche sehr schwer umsetzbar, wie Wolfgang Hübinger
- 26:05erklärt. Der Experte hat lange für BASF gearbeitet und ist heute Vorstandsmitglied
- 26:10der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Energiewende wird gemeinhin die Umstellung von fossilen Energieträgern
- 26:16zu erneuerbaren Energien, also Strom aus Sonne, Wind und Wasser, definiert und damit
- 26:22auch die einhergehende Elektrifizierung von Haushalten, zum Beispiel mit der Wärmepumpe oder
- 26:25von Fahrzeugen. Bei uns in der Grundstoffindustrie, also Eisen und Stahl, Zement
- 26:29und chemische Industrie, betreiben wir Stoffumwandlungen für die materiellen Bedürfnisse der Menschen.
- 26:35Das hatte ich Ihnen gerade erklärt. Ob Eisenerz zu Eisen, Kalkstein zu
- 26:39Zement oder Öl und Gas zu Grundprodukten der Chemie werden, in allen
- 26:42Fällen brauchen wir sehr viel Energie dafür, bei sehr hohen Temperaturen. Das
- 26:47liegt in der Natur der Sache und ist als solches nicht abkürzbar.
- 26:51Naja gut, aber ich meine, wir kommen ja nicht drumherum. Die Klimaziele
- 26:53sind gesetzt, also müssen sich ja auch die Unternehmen irgendwie damit auseinandersetzen.
- 26:59Du warst bei SKW Pisteritz. Welche Gedanken machen Sie sich denn ganz
- 27:03konkret dazu? Also laut Carsten Franzke machen sie sich Gedanken dazu und
- 27:07investieren auch bereits viele Millionen Euro. Sie setzen da vor allem
- 27:11auch auf Kreislaufwirtschaft, also dass so wenig Rohstoffabfall wie möglich entsteht und
- 27:17möglichst viel weiter verwertet werden kann. Also das CO2, was anfällt, verkaufen
- 27:21sie beispielsweise auch weiter an Brauereien für Kohlensäure. Die entstehende Wärme leiten
- 27:26sie wiederum weiter zu Wittenbergs Gemüse GmbH. Die ist direkt nebenan und
- 27:30die beheizen damit ihre Gewächshäuser, in denen zum Beispiel Tomaten angebaut werden.
- 27:35Und auch CO2 geht dorthin, weil das die Photosynthese anregt. Dann
- 27:39kriegen wir ganz große Tomaten. Also CO2-Reduktion ist offensichtlich schon ganz
- 27:44gut abgedeckt bei SKW Pisteritz. Aber auf lange Sicht geht es ja
- 27:48auch um den Rohstoff, den sie nutzen, nämlich Erdgas. Das ist ja
- 27:51ein Problem, weil Erdgas ist ja endlich. Inwiefern gibt es da Überlegungen
- 27:56umzusteigen? Also technisch gesehen ist da schon einiges möglich. Eine Möglichkeit wäre
- 28:01grüner Wasserstoff. Heißt, sie gewinnen den Wasserstoff nicht mehr aus dem Rohstoff
- 28:07Erdgas, den sie brauchen, sondern sie nehmen grünen Wasserstoff. Und der entsteht
- 28:11wenn Wasser mithilfe regenerativer, also grüner Energien wie Wind oder Solar aufgespalten
- 28:16wird. Dieser Wasserstoff könnte auch eigentlich ziemlich direkt in den Anlagen von
- 28:21Pisteritz genutzt werden. Ja, da will Sachsen-Anhalt ja auch Vorreiter sein.
- 28:25Hat, soweit ich weiß, da auch schon viel in Forschung und auch
- 28:27in Projekte investiert. Das Problem ist ja aber, dass man einfach gar
- 28:32nicht so viele Mengen herstellen kann, wie man eben an grünem Wasserstoff
- 28:35braucht. Ganz genau. Dazu nochmal der Chemie-Experte Wolfgang Hübinger. Wenn sie
- 28:40jetzt grünen Wasserstoff einsetzen wollten, dann hat sie erst einmal das Thema,
- 28:45dass die grünen Wasserstoff, also sprich Elektrolyseanlagen, heute zwar am Markt verfügbar
- 28:52sind, kann man bei mehreren Firmen kaufen. Allerdings noch nicht in dem
- 28:56großen Maßstab in Betrieb sind, wie der Bedarf an Wasserstoff ist. Das
- 29:02ist ein Zeitphänomen, das wird man hinbekommen. Von der Technik, von der
- 29:06Struktur der Technik ist das so, dass es immer sehr viel Geld
- 29:09also mehr Investitionsmittel abfordern wird und zwar auf faktorenhöhere Investitionsmittel als es
- 29:15die bisherige Technologie braucht. Das ist Technologie, man nennt sie, und sie brauchen
- 29:22mehr und teurer Energie. Heute haben wir die Stromversorgung mit Gaskraftwerken als
- 29:31mindestens Backup-Lösung. Das heißt, das Gaskraftwerk definiert den Strompreis. Ein richtig
- 29:37gutes Gaskraftwerk macht aus einer Kilowattstunde Gas eine knappe halbe Kilowattstunde Strom.
- 29:42Das heißt, damit definiert sich der Gas- und der Strompreis. Der
- 29:46Strompreis wird mindestens doppelt so teuer sein wie der Gaspreis. In der
- 29:51Praxis ist es in Deutschland fast das Vierfache. Also müssen wir Ecken
- 29:55der Welt finden, wo Strom sehr billig ist. Das wird nun in
- 29:58aller Regel leider nicht Deutschland sein. Photovoltaikanlagen wären eine Möglichkeit, günstig viel
- 30:03Strom zu produzieren. Aber Hübinger sagt, in der benötigten Menge könne Deutschland
- 30:08das gar nicht allein leisten. Ja, da wird ja immer wieder von
- 30:11so großen Offshore-Parks oder auch Solaranlagen irgendwo in der Wüste gesprochen,
- 30:16wo dann Elektrolyseanlagen direkt angeschlossen sind und man da eben diesen grünen
- 30:20Wasserstoff produziert. Aber da macht man sich natürlich auch wieder abhängig von
- 30:24anderen Ländern. Ja, und ein anderer Rohstoff wäre laut Carsten Franzke für
- 30:29sie tatsächlich auch noch Biomethan. Aber auch davon gäbe es derzeit einfach
- 30:32viel zu wenig. Okay, also es gibt Alternativen, aber die Umstellung ist
- 30:37eben auch nicht ganz so einfach. Jetzt hast du vorhin schon Emissionshandel
- 30:41angesprochen. Der soll ja auch zum Erfüllen der Klimaziele beitragen. Aber ich
- 30:46habe schon rausgehört, die Chemieindustrie hat ein Problem mit. Warum? Genau, auch
- 30:50SKW beklagt sich darüber, weil sie sagen, sie stoßen ja gar nicht
- 30:53so viel CO2 aus. Es sei bei ihnen ein Rohstoff, den sie
- 30:57wiederverwenden in einem ihrer Hauptprodukte, nämlich Ammoniak. Und das ist so eine
- 31:04Form, wenn man CO2 in ein neues Produkt einbringt. Das nennt man CCU
- 31:09Verfahren. Das steht für Carbon Capture Utilization. Und damit ist gemeint, dass
- 31:14man halt so eben CO2 für weitere Produkte nutzt. Und das wird
- 31:19als eine Technik angesehen, die die Klimaziele erreichen soll. Und das Problem,
- 31:28also die Idee dahinter ist, dass dieses CO2 nicht in die Atmosphäre
- 31:31gelangt. Eine andere Variante wäre CCS. Da wird das CO2 dann quasi
- 31:37nicht in ein Produkt verbracht, sondern dauerhaft unterirdisch in der Erde gespeichert.
- 31:42Und Pistoritz sagt eben so, ja, bei uns entsteht sehr viel CO2,
- 31:45aber wir stecken das doch in ein Produkt rein. Nur leider ist
- 31:50von der Regulatorik der Harnstoff derzeit ausgeschlossen, dass dieses CO2 in dem
- 31:57Harnstoff anerkannt wird als CO2-Bindung. Wir zahlen auf die gesamte Produktion
- 32:03CO2-Zertifikate und haben eigentlich das CO2. Wir geben es nicht in
- 32:08die Luft, sondern wir geben es in den Harnstoff. Naja, das Problem
- 32:11bei CCU ist aber, dass aus wissenschaftlicher Perspektive diese Verfahren eigentlich gar
- 32:17nicht so viel beitragen, die Klimaziele zu erreichen. Also einfach nicht so
- 32:21gut sind, wie die Industrie es glaubt. Im Fall von SKW wird
- 32:24das CO2 ja im Harnstoff und dem daraus resultierenden Düngemittel zwar gebunden,
- 32:29aber wenn es auf die Felder ausgebracht wird, dann wird der Stoff
- 32:32ja auch wieder freigesetzt. Und dieses Verfahren wird beim Emissionshandel einfach von
- 32:37der EU nicht anerkannt. Deshalb müssen die so viele CO2-Zertifikate kaufen,
- 32:42und das ärgert sie. Gut, ich fasse noch mal zusammen, was ich
- 32:45bisher mitgenommen habe. Die Chemieindustrie ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor in Sachsen
- 32:50Anhalt. Da hängen viele, viele Arbeitskräfte dran, und es ist natürlich schon
- 32:54auch so, dass die investieren in die Orte, die da drum herum
- 32:57liegen. Aber sie stehen eben vielerorts auch vor großen Problemen wegen hoher
- 33:01Energiepreise, wegen CO2-Steuern, wegen hohen Rohstoffpreisen und weil eben die Einhaltung
- 33:07der Klimaziele für diese Branche gar nicht so einfach ist. Gut, das
- 33:18klingt alles nach einer ziemlich verzwickten Lage, aber wir müssen das ja
- 33:22irgendwie schaffen. Also wenn wir in die Zukunft schauen, wie kann es
- 33:25da weitergehen? Naja, also was diesen Emissionshandel betrifft, scheinen sich da zumindest
- 33:30aus Perspektive der Chemieindustrie positiv die Weichen zu stellen. Umweltverbände werden das
- 33:35anders sehen, denn die EU scheint nach massivem Druck da einzulenken und
- 33:40doch erst einmal weiterhin mehr kostenfreie CO2-Zertifikate herauszugeben, um die europäische
- 33:46Industrie im derzeit stark angespannten Wettbewerb nicht weiter zu belasten. Denn tatsächlich
- 33:51haben auch andere Länder einen Emissionshandel, aber der ist doch einiges anders
- 33:55ausgestattet als bei uns. Ja, und auf Bundesebene ist, weil ja die
- 33:59verschiedensten Branchen über zu hohe Energiepreise klagen, ja auch schon gegengesteuert worden.
- 34:03Zum Beispiel ist ein Industriestrompreis eingeführt worden. Das habe ich mitbekommen, aber
- 34:08wie genau funktioniert der überhaupt? Also der Industriestrom gilt erst einmal für
- 34:12die Jahre 2026 bis 2028. Ganz einfach gesagt erhält die Industrie einen
- 34:17Nachlass auf bis zu 50 Prozent bei Einkauf und Verbrauch von Strom.
- 34:21Okay, aber ich meine, das ist ja schon ordentlich. Also wir haben
- 34:24Industriestrom, der kostet nur die Hälfte. Wir haben kostenfreie CO2-Zertifikate. Da
- 34:29könnte man sich ja jetzt auch bei der Chemieindustrie ein bisschen beruhigen.
- 34:32Oder? Ja, ganz so tut sie das nicht. Bei den Emissionszertifikaten fordert
- 34:38der Verband der Chemischen Industrie (VCI), SKW Pisteritz und Carsten Franzke sind
- 34:43Teil davon, dass die Herausgabe der Zertifikate auf dem Stand von 2025
- 34:47bleiben soll. Der Verband sagt, es fehlen Transformationsvoraussetzungen wie ausreichend Netzanschlüsse oder
- 34:54dauerhaft wettbewerbsfähige Stromkosten. Und Infraleuner schreibt uns da zum Beispiel auch: Zwar
- 35:00wurden erste Maßnahmen auf den Weg gebracht, etwa die Abschaffung der Gasspeicherumlage,
- 35:05die Einführung eines Industriestrompreises sowie die Ausweitung der Strompreiskompensation. Diese Schritte zeigen,
- 35:11dass die Problemlage erkannt wurde. Angesichts der Dimension und Dringlichkeit der Herausforderungen
- 35:16sind sie jedoch bislang nicht ausreichend und greifen vielfach zu spät. Diese
- 35:19Notlage erfordert jetzt ein entschlossenes und zügiges politisches Handeln. Okay, na gut,
- 35:25man kann natürlich erst mal Forderungen in den Raum stellen. Aber die
- 35:27Frage wäre ja schon, was konkret stellen Sie sich denn dann vor?
- 35:30Naja, zum Beispiel den Strompreis für die Industrie vom Mehr- oder Prinzip
- 35:34zu entkoppeln. Wir haben davon vorhin schon von Wolfgang Hübinger gehört. Aktuell
- 35:39bestimmt das teuerste Kraftwerk den Preis, und das sind momentan Gaskraftwerke. Der
- 35:45Gas ist teuer geworden. Ein Teufelskreis. Okay, jetzt haben wir ja eine
- 35:49Landtagswahl vor uns. Kann denn Landespolitik oder auch Kommunalpolitik die Chemiebranche da
- 35:55irgendwie bei der Transformation unterstützen? Also erst mal muss man sagen, dass
- 35:59diese Branche schon sehr gut in die Politik vernetzt ist. Die haben
- 36:02auf jeden Fall eine Lobby. Allein Carsten Franzke von SKW Pisteritz ist
- 36:06da sehr aktiv unterwegs, auch mit diversen Verbänden, zu denen sie gehören.
- 36:10Und Sven Schulze war, bevor er Ministerpräsident wurde, ja Wirtschaftsminister. Also der
- 36:14hat das schon auf dem Schirm. Und von allem, was ich so
- 36:17gehört habe, findet die Branche Gehör. Und das hat mir auch Wittenbergs
- 36:21Oberbürgermeister Thorsten Zugehör so erzählt. Ich glaube, das Land, ich kann jetzt
- 36:26nur mal für Sachsen-Anhalt reden, die haben das klar im Blick
- 36:29und sind klar auch an der Seite von SKW, nicht nur von
- 36:32SKW. Wir sehen das natürlich auch, was in Leuna dort passiert. Ich
- 36:36glaube, der Bund darf nicht voreilig sein. Es darf nicht hin und
- 36:40her gehen. Wir haben über die Energiespeicherumlage geredet. Es braucht dringend noch
- 36:45mal eine Neusortierung für das ganze Verfahren um CO2-Abgaben. Die drohen
- 36:54bestimmte Unternehmen auch zu ersticken. Die sind auch bereit, ihren Beitrag zu
- 36:59leisten. Aber das muss in geordneten Bahnen sein. Und das muss so
- 37:03sein, dass das die Unternehmen nicht erdrückt. Die müssen überleben können. Ich
- 37:08glaube, Vertrauen und Verlässlichkeit in der Wirtschaft ist das eine hohe Währung.
- 37:12Das ist ein wichtiges Gut. Und das wünschen die sich. Das steht
- 37:16glaube ich sogar an erster Stelle. Auf kommunaler Ebene wiederum könnten sie
- 37:20nur wenig tun, was möglich ist, Zeit verschaffen, Genehmigungen beschleunigen oder eben
- 37:24das Gespräch in die Landespolitik suchen. Grundsätzlich Sorge, dass SKW Pisteritz die
- 37:30nächsten Jahrzehnte aber nicht weiter bestehen wird, macht sich Zugehör übrigens nicht,
- 37:34weil er findet, dass das Unternehmen viel in die Zukunft investiert. Carsten
- 37:38Franzke ist auch optimistisch. Er selbst möchte, dass SKW Pisteritz natürlich irgendwann
- 37:44einer neuen Generation übergeben wird und das Unternehmen so weiterhin Bestand hat.
- 37:48Na gut, aber ich meine, das geht natürlich auch nur, wenn wir
- 37:52den Spagat von Industrie und auch dem Erreichen der Klimaziele dann auch
- 37:56wirklich gut hinbekommen. Marie, das war wieder ganz schön viel Input. Danke
- 38:03fürs Vorbereiten dieser Folge. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und was
- 38:07die Chemieindustrie und die Politik für Lösungen finden, um eben einerseits Umwelt
- 38:11und Klimafragen zu begegnen und andererseits eben diese Wirtschaft auch zu schützen.
- 38:16Ich finde, die Folge zeigt einmal mehr, dass es eben für diese
- 38:18großen Probleme keine einfachen Lösungen gibt, es auch keine einfachen Antworten geben
- 38:23kann, weil eben sehr viel miteinander verwoben ist und es eben auch
- 38:26immer verschiedene Perspektiven auf die Probleme unserer Zeit gibt. Ja, vielen Dank
- 38:31dass ihr uns zugehört habt bei diesem komplexen Thema. Ähnlich komplex wird
- 38:36es in der nächsten Folge, denn da sprechen wir, wie schon beim
- 38:39letzten Mal versprochen, über das Bildungssystem in Sachsen-Anhalt. Wir sprechen über
- 38:43Probleme, die gerade im Bildungssystem bestehen. Wir schauen natürlich auch auf Vorschläge
- 38:47von Parteien, insbesondere auch der AfD, und suchen nach Lösungen, wie das
- 38:52Bildungssystem gerettet werden kann. Das wird spannend. Ich bin gespannt auf die
- 38:56Antworten, die du auch mitbringst, wenn du welche gefunden hast. Ich freue
- 38:59mich drauf. Bis nächste Woche. Dieser Podcast ist eine Kooperation von detektor.fm
- 39:10und dem Media Forward Fund. Podcast Hosts Marilandes und Katja Schmidt.
- 39:16Community-Redakteurin Anne Kosloff via Kneig. Podcast-Redaktion Leonard Schubert. Cover Design
- 39:22Claudia Dölling und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik Florian Sievers.
- 39:29Audioproduktion Benjamin Serdani, Stenley Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung Christian Dollert. Copyright
- 39:45WDR 2021.