Latest / BZ am Ohr / Arm aufwachsen in Bad Säckingen - wie fühlt sich das an?
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- Wir wissen ja auch, ne, Armut macht krank, psychisch und physisch, auch wenn man zum Beispiel irgendwann vermeintlich sozial aufsteigt, das was Armut mit einem gemacht hat über ein Leben lang, wie sich das einprägt, das verschwindet nicht aus dem Kopf und Armut ist für mich auch ein Gefühl. Teilzeit sei kein gutes Modell mehr, wir sollen uns weniger krank schreiben lassen. Und ich glaube, wenn Menschen in Deutschland, egal welcher Klasse, eine Sache machen, dann ist es viel Arbeiten. Aber die Lehrerin hat nochmal explizit gesagt, sie würde uns empfehlen, mich auf die Hauptschule zu schicken, weil da Leute wären, die so sind wie ich. Und ich war die Klassenbeste in der Grundschule. Bad Säckingen, eine hübsche, idyllische Kleinstadt, direkt an der Grenze zur Schweiz, wo es den Menschen gut geht. Aber es gibt auch eine andere Seite dieser Stadt. Die, in der Miriam Davut-Wandi aufgewachsen ist. Die mit Hochhäusern, Sozialwohnungen, wo sich nicht jeder ein Auto leisten kann. Heute lebt die 33-jährige Journalistin in Berlin und sie hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. Es heißt, das können wir uns nicht leisten, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Bei BZ am Ohr spricht Miriam darüber, warum arme Menschen so oft psychisch krank werden. Sie erzählt von ihrer späten ADHS-Diagnose und was sie tun würde, wenn sie Bundeskanzlerin wäre. Sie erklärt, warum in ihrer Jugend ausgerechnet der Rapper Haftbefehl für sie so wichtig war. Miriam war nämlich auch die erste weibliche Chefredakteurin in der männlich dominierten Hip-Hop-Szene. Sie war Chefin des inzwischen eingestellten Magazins Splash. Heute ist sie vor allem auch bekannt als Host des Podcasts Danke Gut. Mein Name ist Dora Schölz, ich bin Redakteurin bei der Badischen Zeitung und ihr hört BZ am Ohr. Viel Spaß beim Zuhören. Miriam, herzlich Willkommen bei BZ am Ohr. Hallo. Miriam, wie geht's dir? Ganz gut. Bisschen müde. Bisschen müde, ja. Und dir? Ja, ich bin auch ein bisschen müde. Gerade ein bisschen gestresst, weil die Technik nicht wollte. Der Klassiker. Genau. Ja, normalerweise startest du deine Interviews mit dieser Frage. Wie geht's dir? In deinem Podcast Danke gut, den du seit 2020 für WDR Cosmo machst. Da sprichst du mit Menschen aus dem öffentlichen Leben über psychische Probleme. Warum ist das wichtig? oder anders gefragt, wie erlebst du den Umgang in der Gesellschaft mit mentaler Gesundheit? Mittlerweile erlebe ich ihn als ein bisschen besser, aber vor Jahren, als ich den Podcast angefangen habe oder selbst aufwachsend mit diesen Themen, fand ich ihn immer sehr stigmatisiert. Also es gab immer sehr unrealistische Darstellungen davon, entweder total romantisierend oder dramatisierend oder dass man es gar nicht erst ernst nimmt. Und ganz oft wurde immer über Betroffene gesprochen anstatt mit ihnen. Und dementsprechend hat sich das Bild natürlich auch verzerrt. Und genau, deswegen habe ich diesen Podcast damals gestartet, um quasi aus Betroffenen-Perspektive mal über mentale Gesundheit zu sprechen. Weil ja, auch wenn es, wie gesagt, heute schon ein bisschen besser ist, so ganz ist es dann doch nicht. Also man merkt schon, sobald dann jemand zum Beispiel doch nicht funktioniert, doch nicht arbeiten kann, doch nicht in der Mutterrolle aufgehen kann. Also einfach wirklich nicht funktioniert, dann ist das Verständnis gesellschaftlich, Doch nicht so gegeben, wie wir denken, dass es mittlerweile gegeben wäre. Also doch noch irgendwie Leistungsgesellschaft. Man muss funktionieren. Du sprichst ja auch viel über dich auch selber. Gehst da ganz transparent mit um, deine Depressionen, deine ADHS. Ich habe gelesen, in einem Interview hast du mal gesagt, du kapitalisierst damit auch ein Stück weit dein Leid und bist dadurch auch abhängig von deinem Schmerz. Wie ist das für dich? Wie geht es dir damit, dass du da so öffentlich über so intime Dinge sprichst? Ja, es ist ein zweischneidiges Schwert, weil zum einen finde ich es ja selber total wichtig und mir selber hilft es auch, wenn ich anderen dabei zuhöre, dass sie ähnliche Erfahrungen machen, egal mit welchem Thema. Aber klar, auf der anderen Seite ist es natürlich schwierig, wenn man sein Geld, und ich verdiene es zum Glück nicht ausschließlich damit, aber wenn man sein Geld unter anderem damit verdient, dass man von beispielsweise seiner eigenen psychischen Erkrankung erzählt oder welches Thema auch immer. Ich glaube, das ist immer schwierig. Ich glaube, das kennen auch Menschen, die ihre Hobbys zum Beruf machen, dass man ja dann sein Hobby kapitalisiert. Das kennen Menschen, die irgendwie künstlerisch arbeiten, die dann ihre Kunst verkaufen. Also ich glaube, die Verwertbarkeit vom eigenen Ich und von dem eigenen Schaffen ist immer seltsam. Ich meine, so funktioniert Kapitalismus, das machen wir tagtäglich. Wir verkaufen ja unsere Zeit, unsere Körper, unsere Kraft. Aber ich glaube, Wenn man dann wirklich diese Themen, die so tief in einen reingehen, auch noch verkauft, in Anführungszeichen, ja, kann man sich schon abhängig von machen. Also ich hatte bestimmt auch schon mal Momente, wo ich beispielsweise dachte. Mir geht es jetzt gerade eigentlich total gut, bin ich jetzt noch authentisch in dem, was ich mache? Und ich weiß ja, dass gerade Depressionen mal kommen, mal wieder gehen, mal sind die Episoden stärker, mal schwächer. Aber ja, dann stellt man sich selber auf einmal Authentizitätsfragen, obwohl man seit Jahrzehnten damit lebt. Weil man zum Beispiel sieht, ach ja, die HörerInnen, denen geht es vielleicht noch schlechter gerade oder mir darf es gerade gar nicht gut gehen. Genau, das spielt da schon manchmal eine Rolle. Ja, was ich ganz spannend fand, ich habe jetzt mal ein paar Folgen auch so an der Anfangszeit gehört. Du fragst deine GästInnen eigentlich immer, wie sie aufgewachsen sind und wo sie herkommen. Warum spielt Herkunft so eine große Rolle beim Thema Psyche? Ich glaube, dass sich da ganz viel in der Kindheit schon zusammenbraut. Ich glaube, das wissen wir. spätestens Zeit freut, aber ich glaube, dass es uns allen bewusst ist, dass das auch ein Thema ist. Also ich will da natürlich ein bisschen auch an die klassische Therapie anspielen, wo man ja am Anfang auch in diesen Anamnese-Gesprächen ja auch erst mal so erzählt, wie man eigentlich aufgewachsen ist, wie die letzten Jahre so waren. Und ja, ich glaube, das spielt eine Riesenrolle, weil es schon sehr prägende Jahre sind, in denen zumindest der Umgang mit Dingen sich auch schon langsam prägt. Also auch, wenn manche Erkrankungen beispielsweise sich erst später zeigen, kann die Art und Weise, wie man damit umgeht, sehr stark geprägt sein, vom Elternhaus beispielsweise. Also ob die Eltern einem beigebracht haben, darüber zu sprechen, wenn es einem nicht gut geht. Genau, genau. Erst mal das, aber auch generell, wie man das dann auch handelt. Ich beschäftige mich auch viel mit Klassenthemen und mit Armut. Und das spielt zum Beispiel auch eine Rolle. Hast du das Handwerkzeug an die Hand bekommen, auch zum Beispiel finanziell, um zu sagen, okay, Wenn du ein bestimmtes Problem hast, dann weißt du, du hast die materiellen Ressourcen, dich zu kümmern. Und diese materiellen Ressourcen geben dir zum Beispiel so einen Seelenfrieden oder so eine Ruhe, die vielleicht jemand nicht hat, der das Geld gar nicht zur Verfügung hat. Aber natürlich auch so. Hast du den Wortschatz, dich überhaupt dazu zu äußern, wie es dir gerade geht? Bist du es gewohnt, über deine Gefühle zu sprechen? Also das sind alles Dinge, die wir schon sehr, sehr früh mitbekommen. Deshalb finde ich das ganz wichtig und eigentlich unmöglich nicht über seine, sei es soziale, kulturelle, generell einfach da, wo man herkommt, zu sprechen. Ja, du hast ja jetzt auch ein Buch darüber geschrieben, wie du aufgewachsen bist, wo du herkommst quasi. Und du sagst, du hast verschiedene Erfahrungen von Ausgrenzung gemacht als Frau, als Migrantin oder Frau mit migrantischem Hintergrund. Dein Vater ist Iraner, deine Mutter ist Rumänin, du bist in Bukarest geboren. Aber du sagst eben, das, was dich am meisten geprägt hat, ist, dass du in Armut aufgewachsen bist. Denn Buch heißt, das können wir uns nicht leisten, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Das erscheint im März jetzt bei BTB. Und du schreibst, dass Armut so ziemlich alles im Leben beeinflusst. Kannst du das mal ein bisschen erklären, vielleicht auch an einem Beispiel? Ja, also Armut zieht sich wirklich von Geburt bis Tod. Das habe ich auch versucht, im Buch so ein bisschen zu skizzieren. Also man denkt ja mal an so die offensichtlichen Schauplätze von Armut. Und wenn man jetzt so an Armut denkt, dann denken Leute erstmal zum Beispiel an hungernde Kinder oder generell ein bestimmtes Aussehen. Aber Armut zieht sich durch so, so, so viele Sachen. Beispielsweise die Art und Weise, wie man überhaupt auf die Welt kommt, in was für einem Krankenhaus, unter welchen Bedingungen. Das hat schon damit zu tun. Bis hin zu, wenn wir sterben, dann wissen wir beispielsweise Menschen, die in Armut aufwachsen oder in Armut leben. Die Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben, z.B. wegen fehlender medizinischer Behandlung, ist eher gegeben. Wie werden wir begraben? Selbst da werden Unterschiede gemacht. Wer kann sich welche Art leisten, überhaupt abzugehen von dieser Erde? Und dazwischen natürlich im Leben von die Partnerwahl. Wie wird die beeinflusst? Wenn ich z.B. arm aufwachse, will ich dann eher sozial aufsteigen durch meine Ehe? Was für Abhängigkeiten entstehen damit? Traue ich mich, bestimmte soziale Kreise gar nicht kennenzulernen? Lerne ich sie vielleicht gar nicht kennen? zu, was konsumiere ich für Medien, was esse ich für Essen, wie gesund bin ich, wie gut funktioniert meine Psyche. Das hat alles damit zu tun, ob ich es mir leisten kann oder nicht. Und wie gesagt, bei Armut zählt für mich auch immer diese immaterielle Komponente mit, weil bei Armut sehr viel Scham mit einhergeht, sehr viel Zugang zu einem kollektiven Wissen, was man vielleicht nicht bekommt. Beispielsweise, bei uns war das so, wir konnten uns die Tageszeitung nicht lesen. Das war, by the way, die badische Zeitung, die alle meine Mitschüler, Mitschülerinnen und ihre Eltern immer da hatten. Und das war uns damals zu teuer, so ein Abo. Und da hatte ich auch das Gefühl, uns fehlt so ein Wissen, weil wir haben immer die alten Zeitungen von, meine Mutter hat geputzt und die hat auch ganz viel privat in Haushalten geputzt. Und dann hat sie halt die Zeitung zwei, drei Tage später mit nach Hause gebracht und dann habe ich die mal durchwühlt. Aber da waren die Nachrichten schon alt. Also so der Zugang zu so einem Wissen, was alle anderen haben, das hat auch mit Armut zu tun. Oder zu wissen, wie man sich mit juristischen Themen auseinandersetzt. Das sind alles solche Sachen, die sehr viel damit zu tun haben, weil man den Zugang nicht hat, aber eben vielleicht auch die Zeit einfach nicht, weil arme Menschen sind ja nicht auch gleichzeitig arbeitslose Menschen, was man ganz oft denkt, sondern einfach sehr hart arbeitende Leute, die oft in zwei, drei Jobs arbeiten, wo es aber trotzdem nicht reicht. Und dann hat man halt nicht mehr abends noch die Zeit, sich um, keine Ahnung, Politik zu kümmern oder wie, keine Ahnung, wie funktioniert eigentlich das Rechtssystem so richtig, falls mir mal was passiert? Es gibt ja verschiedene wissenschaftliche Definitionen von Armut. Wie definierst denn du Armut? Ja, genau, das versuche ich im Buch irgendwie auch eben nicht zu machen, das wissenschaftlich zu definieren, weil ich mir denke, ja klar, gibt's. Es gibt Zahlen dafür, es gibt Armutsgrenzen. Ich finde aber, die beschreiben nicht... Wie Armut sich anfühlt. Deswegen, Armut ist für mich ein dauerhafter Lebenszustand. Auch das beschreibe ich, dass auch wenn man zum Beispiel irgendwann vermeintlich sozial aufsteigt, das, was Armut mit einem gemacht hat über ein Leben lang, wie sich das einprägt, das verschwindet nicht aus dem Kopf. Und Armut ist für mich auch ein Gefühl. Also genau, ich versuche zu beschreiben, wie Armut sich anfühlt und was es mit einem macht. Und weniger das in Zahlen auszudrücken, weil ich das Gefühl habe, dass gerade in Debatten, wenn es zum Beispiel um Kürzungen usw. Geht um soziale Kürzungen, da werden immer diese Zahlen so angeführt. Aber ich finde, das dehumanisiert ja diese Menschen, die es betrifft. Und das sind ja mehrere Millionen Menschen in Deutschland. Und einmal von Zahlen zu sprechen und Grenzen und Obergrenzen, das klingt ja immer so, als wäre das was ganz Abstraktes. Aber es sind ja ganz, ganz real Menschen, die jetzt in dieser Sekunde, in der wir sprechen, nicht wissen, wie sie über die Runden kommen. Ich finde, das machst du auch sehr eindrücklich im Buch. Also es hat mich sehr bewegt, das zu lesen. Ich würde trotzdem einmal die Zahlen nennen, einfach damit man sich auch selber vielleicht irgendwie einordnen kann. Laut Wirtschaftsstatistik ist armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens hat. Das ist ein aktueller Statistischen Bundesamt für Menschen, die allein leben, 1.446 Euro netto, also nach Steuern und Abgaben. Und beschrafen sind dann demnach 13,3 Millionen Menschen, also 16 Prozent der Bevölkerung. Ich finde 16 Prozent ist schon echt eine Menge. Ja. Dann schauen wir doch mal konkret, sozusagen, wie du aufgewachsen bist. Du bist, als du sechs warst, aus Bukarest dann nach Bad Säckingen gezogen am Hochrhein. Sollte eigentlich ein Aufstieg sein, so, ins reiche Deutschland. Und dann habt ihr aber im Sozialbau gelebt. Wie würdest du Bad Säckingen beschreiben? Als eigentlich idyllisches Kleinstädtchen an der Schweizer Grenze. Es ist sehr grün. Es ist ja mitten im Schwarzwald, direkt am Rhein. Also es ist eigentlich eine total schöne, typisch süddeutsche, ältere Kurstadt, genau, in der eigentlich auch jeder jeden kennt. Es ist sehr überschaubar. Es hat so um den Dreh 17.000 Einwohner. Genau, eigentlich ein nettes Städtchen, dem die meisten Leute sind gut gelaunt, wenn man durch die Innenstadt läuft. Genau, und ich glaube, Armut ist in einer Stadt wie Bad Säckigen vordergründig zum Beispiel nicht so sichtbar. Und deswegen wirkt das auch alles so freundlich und nett auf den ersten Blick. Und dann gibt es eben noch so diese zweite Seite, in der du irgendwie aufgewachsen bist. Ich würde mal aus deinem Buch zitieren, wenn ich darf. In einer Kleinstadt aufzuwachsen, direkt an der Grenze zur wohlhabenden Schweiz und umgeben von Menschen, die scheinbar alles haben, ließ mich jedoch erst spüren, wie arm wir tatsächlich waren. In der scheißidyllischen Kleinstadt gab es keine Hilfe. Hier war die Welt ja in Ordnung. Es gab keine Obdachlosigkeit, keine Bettler, keine offenen Drogenabhängigen Menschen auf der Straße und wo keine Nachfrage, da kein Angebot. Selbstverständlich gab es zwar auch in Bad Säckingen Gewalt, Kriminalität, Sucht, Drogen, Familiendramen und jegliches Elend, es wurde nur besser vertuscht, von statt hinter verschlossenen Türen, in riesengroßen Villen. Also würdest du sagen, die Stadt hat diese zwei Seiten und die eine sieht man halt nur einfach nicht? Genau, und ich glaube, dass es bei Armut ja viel um Vergleich geht. Deswegen, vorher ist mir gar nicht aufgefallen. Ich meine, meine Mutter war alleinerziehend die ersten Jahre meines Lebens. Da haben wir sogar noch im Block gewohnt in Bukarest. Aber da ist es mir nicht aufgefallen. Also klar, weil ich natürlich auch kleiner war und man checkt Dinge auch erst später. Aber so oder so, auch danach, wenn ich immer wieder dort war, auch im Erwachsenenalter, Da sind halt alle ähnlich. Und natürlich gibt es auch mittlerweile in Rumänien riesige Unterschiede zwischen den Menschen. Aber da haben halt alle im Block gewohnt. Da haben alle ungefähr dieselben Sachen angehabt. Da haben alle dieselbe Freizeitgestaltung gehabt. Alle hatten denselben alten Datscher vor der Haustür stehen. Und dann komme ich nach Wadzegging und da merke ich auf einmal so, oh, okay, wir sind hier jetzt erst mal nicht mehr im postkommunistischen Rumänien, wo ja eh alles gerade noch dabei war, sich jetzt überhaupt erst mal Richtung Westen und Kapitalismus zu öffnen. Sondern, oh, hier gibt es ja wirklich sehr sichtbare Unterschiede. Also da fährt einer gar kein Auto und dann haben andere zwei riesen Familiencaddies in der Garage stehen. Da wohne ich in einer Mini-Wohnung und die Person, die neben mir eigentlich gerade am Tisch in der Schule sitzt, die wohnt in einem riesigen Haus und das sind schon extreme Unterschiede, die sich nicht nur auf der Mikroebene, sondern wirklich auf der riesen, riesengroßen unterscheiden. Und da habe ich dann erst gemerkt... Hier wohnen sehr, sehr viele reiche Leute und hier wohnen auch sehr viele Arme, die habe ich nämlich auch kennengelernt, aber die sind da weniger sichtbar, weil ich glaube, umgeben in so einer Gegend, wo, wie gesagt, auch jeder jeden kennt und wo es an sich so schön aussieht und viel Wohlstand auch da ist, da zuzugeben oder sich sichtbar zu machen als arme Person, ist noch schwieriger als umgeben von anderen Armen. Also ich habe das Gefühl, die, die es da gab, die haben so wie wir auch. Und das beschreibe ich, glaube ich, das ganze Buch über, wie wir die ganze Zeit so ein Schauspiel aufgelegt haben, so ein Cosplay gemacht haben, damit wir ja nicht auffallen als arm. Weil wir wollen ja auch dazugehören. Ich glaube, das ist ein ganz menschliches Bedürfnis. Es kommt darauf an, wo willst du dazugehören? Wenn du eben in einer deutschen Großstadt, in einem Problemviertel aufwächst, dann sind da wahrscheinlich sehr viele Menschen ähnlich und dann ist das okay. Aber in Bad Säcking dachten wir immer, okay, wir müssen hier das perfekte Deutsch auspacken. Wir müssen die perfekten Outfits auspacken. Das darf keiner wissen. Wir sind dann immer erst aufgeflogen bei Sachen wie, naja, jemand wollte zu Besuch kommen. Und dann haben die halt gesehen, wie ich lebe. Mittlerweile lebst du in Berlin. Deswegen sprechen wir jetzt ja auch leider nicht persönlich im Studio. Wie geht es dir heute, wenn du nach Bad Sacking kommst? Also, es ist schwierig, weil ich bin zum einen ein total nostalgischer Mensch. Deswegen gehe ich immer gerne an Orte, an denen ich mehr Zeit verbracht habe. Da bin ich aufgewachsen. Meine ganze Jugend und Kindheit hat da stattgefunden. Ich verbinde da sehr viel Schmerz auch mit. Also viele, beispielsweise auch eine Mobbing-Erfahrung oder eben die ersten Erfahrungen mit wahrnehmen, diese Armut. Viele Erfahrungen, wo ich das Gefühl hatte, ich werde unrecht behandelt in der Schule. Das ist jetzt auch alles nichts Neues. Da geht es ja ganz vielen Menschen so. Also ich glaube, das haben ganz viele, wenn sie in ihre Heimatstätte zurückgehen. Ja, gleichzeitig natürlich auch irgendwo eine schöne Nostalgie, weil ich da einfach, wie gesagt, so viele erste Male meines Lebens hatte. Das erste Mal in die Schule gegangen, meinen ersten Kuss, meine ersten besten Freunde und so weiter. Ja, es ist so mal so, mal so. Aber so oder so, wenn ich hingehe, es wühlt mich immer emotional auf. Sowohl gut als auch schlecht, aber es macht auf jeden Fall sehr viel mit mir, dort zu sein. Das kann ich mir vorstellen, ja. Du hast ja gerade schon so ein bisschen beschrieben, dass du deine eigenen psychischen Probleme, wir haben schon gesagt, Stichwort Depressionen, Stichwort ADHS, viel eben auch mit deinem Aufwachsen in Armut zusammenführst oder da einen Zusammenhang siehst. Ich habe mich so ein bisschen gefragt, wie stark dieser Einfluss wirklich ist. Also ich bin der gleiche Jahrgang wie du, 92, ich bin auch in einer kleinen Stadt aufgewachsen, aber ganz anders, also im Bildungsbürgertum. Und in meinem Umfeld gibt es trotzdem echt auch einen Haufen an psychischen Problemen. Also ich will es überhaupt gar nicht kleinreden, ich habe mich nur gefragt. Ja, gibt es da nicht auch andere Faktoren oder wie stark ist dieser Einfluss? Nee, klar, so eine Depression kann jeden treffen. Da musst du nicht arm sein, da kannst du reich sein. Das ist erstmal egal. Also zum Beispiel in meinem Podcast rede ich auch mit Menschen, die an sich in der Öffentlichkeit stehen, ganz viel Geld haben, sich Hilfe suchen können und trotzdem ist es wichtig, dass man denen auch zuhört. Also ich glaube, ich finde es einfach wichtig, in einer umfassenden Diskussion über mentale Gesundheit mit allen zu sprechen und sich erstmal einzugestehen, dass alle Menschen eine Psyche haben und der Unterschied ist, glaube ich, eher im. Ja, in der Behandlung und im Umgang, wenn du Geld hast, kannst du dir halt schneller eine Behandlung holen. Wenn du im ländlichen Raum wohnst, ist es schwieriger, Hilfe zu bekommen. Wenn du kein Geld hast, ist es schwieriger, Hilfe zu bekommen. Wenn du nur ein Kassenpatient bist, dann musst du teilweise zum Beispiel in Berlin im Schnitt schon ein paar Monate bis ein Jahr warten, um was zu bekommen. Du kannst das umgehen, wenn du Geld hast und dich privat versichern lässt oder halt das privat bezahlst. Es gibt ganz viele andere Dinge, die zum Beispiel, na klar, Überarbeitung, auch da, das kann alle treffen. Das kann den Manager, der im Burnout landet, treffen. Es trifft aber eben auch die Putzfrau, die aber halt wahrscheinlich nicht darüber sprechen kann, weil sie entweder keine Bühne hat, die ihr gegeben wird, um darüber zu sprechen, weil sie nicht tausende Mitarbeitende oder vielleicht sogar eine Online-Plattform oder was auch immer hat. Also diese Sachen können alle gleichermaßen treffen. Das ist die Frage, wie spricht man darüber, mit wem spricht man darüber und wie bekommt man Hilfe. Und zum Beispiel, wenn ich jetzt auf meine Eltern blicke, die beide sehr, sehr hart in hart anstrengenden körperlichen Jobs gearbeitet haben, die haben viel weniger die Möglichkeit, auch jetzt im Vergleich zu mir, die im Vergleich dazu ja auch jetzt einen bequemeren Job macht. Ich sitze zu Hause und schreibe Texte, das ist sehr angenehm im Vergleich dazu. Ich habe auch ganz anders Zeit, über mich nachzudenken. Ich denke die ganze Zeit über mich und meine Psyche nach, die konnten das nicht mal. Also da fängt es allein schon an, sich die Zeit rauszunehmen, sich mit sich selber zu beschäftigen und was eigentlich nicht stimmt und ich glaube, deshalb gibt es eine Generation an Menschen oder nicht nur eine Generation, ich glaube, das hat auch was mit Generationen zu tun, aber auch einfach eine Masse an Menschen, die einfach sehr, sehr doll arbeiten und sehr, sehr doll unter Existenzängsten leiden. Die ihre Gefühle so massiv unterdrücken, dass die alle hundertprozentig depressiv sind, aber es so nicht verbalisieren können, weil das einmal sich zuzugeben heißt, noch mehr Existenzängste, wenn ich auswahle, was dann? Und deshalb glaube ich schon, dass Armut da nochmal ganz, ganz, ganz doll reinspielt, ob wir psychisch erkranken oder nicht und vor allem, wie wir damit umgehen, wenn wir psychisch erkranken. Im Deutschen Ärzteblatt ist vor kurzem eine Übersichtsstudie erschienen, die zeigt, dass eigentlich alle Studien einen signifikanten Zusammenhang zeigen zwischen relativer Armut, also wenn man sich arm fühlt im Vergleich zu den Menschen um einen herum, und psychischen Erkrankungen, insbesondere Depressionen. Aber so richtig klar wird in den Studien nicht, ist man jetzt krank, weil man arm ist, oder ist man arm, weil man krank ist. Und also die Studienautoren sagen, es ist durchaus plausibel, dass beides stimmt und dass es sich auch gegenseitig beeinflusst. Wie hast du das, oder wie erlebst du das? Wie hast du das erlebt? Genau so, also beides. Wir wissen ja auch, Armut macht krank, psychisch und physisch. Aber andersrum genauso. Also, nee, kann ich eigentlich nur bestätigen. Ja, genau. Umgang mit Symptomen, die man hat, Umgang mit Erkrankungen. Du erzählst, dass du deine ADHS erst mit 30 diagnostiziert bekommen hast. So spät eben auch, weil in deiner Kindheit und Jugend da kein Raum und keine Zeit für war. Wie geht es dir, seitdem du die Diagnose hast? Puh, ganz gut im Sinne von, es fühlt sich erst mal gut an, was für sich getan zu haben. Auch wie gesagt, das ist eine Sache, mit der ich nicht aufgewachsen bin. Da war Verzicht und Selbstaufgabe, Selbstaufopferung immer ein ganz großes Thema. Deswegen auch sowas wie sich eine Diagnose einholen. Das geht über das Individuelle hinaus. Das findet ja immer so im Rahmen zum Beispiel von einer Kleinstfamilie statt. Und zu sagen, ich habe jetzt was und deshalb falle ich aus, so wie meine Eltern sich nicht eingestehen wollten, die sind jetzt eigentlich total erkältet, die können gerade gar nicht arbeiten, war es für mich auch immer so ein bisschen dieses, ja, ich muss ja auch funktionieren. Ich kann mir nicht eingestehen, dass vielleicht bei mir psychisch was nicht stimmt. Und ich habe ja Erfahrungen mit Depressionen schon seit, man kann es nicht genau sagen, aber so 11, 12, 13 bestimmt. Und die ADHS, jetzt, wenn ich zurückblicke, denke ich, ach, das war so offensichtlich. Das war so offensichtlich, dass ich das schon damals natürlich auch hatte. Die Symptome sich auch schon gezeigt haben. Und deshalb fühlt sich das total gut an, das für sich gemacht zu haben, auch die Möglichkeiten jetzt zu haben, das selbst zu tun als Erwachsene. Also das ist schon so heilend so ein bisschen. Aber gleichzeitig hilft mir das auch total. Also ich habe jetzt nicht das Gefühl, weil alle sagen immer so, ja Leute mit ADHS, die sagen das ja als Ausrede und die können ja gar nichts. Nee, es hilft mir nur selber, ein bisschen sanfter mit mir selber zu sein im Alltag. Ich verstehe jetzt besser, wie mein Gehirn funktioniert. Ich verstehe jetzt besser, warum ich mich in manchen Situationen komisch gefühlt habe in meinem Leben, warum die vielleicht auch so nicht funktioniert haben, wie andere es gemacht hätten. Aber insgesamt hilft mir das einfach, glaube ich, ein bisschen netter mit mir selber umzugehen, um mich nicht selber fertig zu machen, wenn ich jetzt ein bisschen... Auf der Couch dann doch drei Stunden länger als andere, die jetzt mal ein Päuschen machen wollten, abhänge, bevor ich an die Arbeit gehe. Dass das einfach auch okay ist. Ja, genau. Neben deinem Podcast bist du ja vor allem Musikjournalistin. Musik spielt für dich immer schon auch eine große Rolle. Inwiefern hat denn Musik, in deinem Fall insbesondere Rap, Hip-Hop, dir in deiner Kindheit und Jugend geholfen? Total viel. Also wie gesagt, in Bad Sacking gab es natürlich auch arme Menschen. Es gab auch in diesem Sozialbau in dieser Ecke, die blauen Häuser hieß das, da gab es auch Leute, die natürlich ähnlich aufgewachsen sind. Aber das war doch eher die Minderheit und mir hat es immer nach Menschen gefehlt, die so aussehen wie ich, vielleicht ein bisschen sprechen wie ich, ähnliche Erfahrungen machen. Und da war halt Rap so das Nummer eins Ding. Also da waren, das waren zwar teilweise irgendwelche Männer, die irgendwo in den USA aufgewachsen sind, deswegen jetzt im Nachhinein denke ich mir auch so, okay, lustig, weil klar habe ich mit denen nicht so viel gemeinsam, aber in diesen Armutserfahrungen und deswegen sage ich ja auch immer, dass diese Armutserfahrung auch einfach ein Gefühl ist, was Menschen weltweit ähnlich machen, unabhängig davon, wie viel sie haben, was es mit einem macht, diese Scham und so weiter, das ist sehr ähnlich. Und ja, da habe ich mich sehr gesehen gefühlt, weil das. Rap ist ja unter anderem aus Armut heraus entstanden und da habe ich mich total gesehen gefühlt mit diesen Themen und deswegen habe ich das sehr, sehr, sehr doll gebraucht, gerade als Teenager, um mich mit irgendwas identifizieren zu können. Eine wichtige Identifikationsfigur für dich war Haftbefehl. Der ist ja jetzt zuletzt sehr in den Schlagzeilen gewesen mit seiner Doku und eben auch nicht ganz unumstritten. Kannst du mal ein bisschen beschreiben, warum ausgerechnet Haftbefehl für dich so wichtig war? Ja, ich glaube, war Herbstbefehl einer der ersten war, die diese Sachen, die da beschrieben wurden, auf Deutsch genauso umgesetzt haben. Das macht natürlich noch mal mit ein, wenn man weiß, dass jemand ein paar Kilometer weiter, also naja, Offenbach war schon ein paar Kilometer weiter von Bad Säcke, du weißt, was ich meine. In den USA. Über den Teich, genau. Ja, also einmal natürlich die Migrationserfahrung, die er beschreibt, die Art und Weise, wie er spricht, dass man so in diesem kleinen Sozialbau bei uns, da waren das ja auch Nationen aus aller Welt und man nimmt das sprachlich auf. Die Art und Weise, wie er gesprochen hat, war genau so ein Mischmasch aus allem, aus seinem gesamten Umfeld in Frankfurt und Offenbach. Ja, auch der Umgang mit mentaler Gesundheit war bei ihm schon ziemlich früh da. Also er hat ja sehr, sehr früh seinen Vater verloren und hat das oft thematisiert, was es auch mit ihm macht und hat auch vor allem von transgenerationalen Traumata erzählt, also wie sich wirklich so ein Trauma durchgibt durch die Familie. Und wie sein Vater depressiv war, wie die Großeltern depressiv waren, wie er es jetzt ist. Und das fand ich sehr besonders. Diese Themen hatte ich bis dahin so nicht gehört, schon gar nicht im Deutschrap, bei dem es ja immer heißt, dass der so hart ist. Und diese weiche Seite mit der Härte des Lebens, die so aufeinandertreffen, das hat mich schon sehr beeindruckt damals und war für mich sehr, sehr, sehr einzigartig und hat ja genau das, was ich gefühlt habe, also dieses, ich muss zwar nach außen mich hart geben, um zu funktionieren, aber eigentlich innen drin trage ich diese ganzen Traumata auch meiner Familie mit und den Schmerz einer ganzen Familie, da habe ich mich sehr doll gesehen gefühlt. In der Doku geht es ja auch viel um seine Depressionen, um seine Psyche. Aber es geht auch um seinen kaputten Körper, um Drogen. Und du schreibst in deinem Buch auch, dass du mit 13 angefangen hast zu trinken, zu kiffen. Warum spielen Drogen und Alkohol irgendwie immer wieder so eine wichtige Rolle? Eine Rolle bei wem? Ja, bei Menschen, die irgendwie aufwachsen und sich nicht gut fühlen. Ja, ähm... Es ist halt ein Coping-Mechanismus, es ist ein Umgang. Also jeder hat ja seine Copings. Also manche sind gesünder, manche sind ungesünder. Bei einem ist es nur Snacken von Schokolade, beim anderen ist es Ausrasten, bei dem anderen sind es halt Drogen. Also gerade in einem Leben von einem Menschen wie einem Haftbefehl, das ist ja ein jugendlicher Migrationshintergrund gewesen, in einer Stadt wie Offenbach, wo gerade Jugendlichen oft auch kein Gegenangebot gemacht wird. Und selbst in der Stadt wie Bad Säcking habe ich das erlebt, dass es einfach so wenig Angebot gibt, generell für Jugendliche, aber vor allem für Menschen, die gerade was durchmachen, wo man sich Hilfe holen kann, wo jemand ein offenes Ohr hat, wo man sich nicht schämen muss. Das gibt es einfach so, so, so wenig. Und dass man dann eher an Drogen gerät durch Freunde, durch irgendwelche Leute auf der Straße, das ist leider keine Seltenheit. Und ich selber hatte zwar zum Glück nie wirklich große Berührungspunkte mit Drogen, aber ich verstehe das, beziehungsweise auch das ist ja immer die große Frage, was versteht man als Droge? Ich habe extrem viel Alkohol konsumiert und das ist eine Sache, die auch, finde ich, auch gerade bei uns in so einer ländlichen Region oder auch gerade bei uns am Hochrhein, wo er auch fast nach einer Riesenrolle spielt und so weiter und so fort. Ich finde auch, dass da sehr viel mit Alkohol gekauft wird. Und das ist ja immer in so einer gesellschaftlichen Debatte, redet man immer über die asozialen Leute, die Drogen nehmen. Aber die Art und Weise, wie ständig Alkohol bei uns getrunken wird, ist auch nicht gesund. Und es bestimmt auch ein Verdrängungsmechanismus von ganz, ganz vielen Dingen, die sich in uns abspielen. Und bei mir ist es auf jeden Fall so gewesen. Ich habe ganz, ganz viel getrunken, um eben auch meinen Schmerz zu betäuben, um mich auch abzulenken, aber auch aus Langeweile, weil ich sonst nicht wusste, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Deswegen, ja, also einmal so eine Beschäftigung, aber auch einmal ein emotionales Auffangnetz ist gerade für Jugendliche so, so, so wichtig. Und ich verstehe, warum man, wenn man die Möglichkeit hat, über den Alkohol hinaus zu konsumieren, warum man das dann auch tut. Ich würde gerne noch ein bisschen über die politische Seite von Armut sprechen. Ich würde nochmal aus deinem Buch zitieren. Ein Staat, der sich demokratisch nennt, muss Leben und Gesundheit der Menschen schützen, steht so im Grundgesetz. Die Würde des Menschen sei angeblich unantastbar. Wie würde es uns gehen, wenn der Staat dafür sorgen könnte, dass wir uns nicht über die Grundlagen des Lebens wie Essen und Wohnen Gedanken machen müssten? Eine gute Psyche für alle schaffen wir nicht mit Achtsamkeitskursen, sondern mit Klassenkampf. Das hat mich sehr beeindruckt, diese Stelle. Politisch wird ja gerade viel über Sparen diskutiert, hast du auch gerade schon gesagt, das Bürgergeld ist angeblich zu hoch, die Sozialleistungen kürzen, weil es fehlt überall an Geld und so. Wie geht es dir mit dieser Debatte? Mir geht es gar nicht gut damit, weil auch da habe ich das Gefühl, wir führen gerade so viele Scheindebatten um das eigentliche Problem drumherum. Also vor allem geht es gerade auch ganz viel darum, wir sollen mehr arbeiten. Teilzeit sei kein gutes Modell mehr, wir sollen uns weniger krank schreiben lassen. Und ich glaube, wenn Menschen in Deutschland, egal welcher Klasse. Eine Sache machen, dann ist es viel Arbeiten. Also der Arbeitsethos in Deutschland ist eh riesig und wir arbeiten alle super, super viel. Deswegen weiß ich nicht, ob das all unsere Probleme löst. Ich finde es sind Scheindebatten. Ich finde, das wurde aber auch schon immer historisch gemacht, dass man sich Sündenböcke sucht und das oft auf dem Rücken armer Menschen austrägt. Und ich finde, damit verhindern wir Debatten wie zum Beispiel über Vermögensteuern. Was ist mit Menschen, die super viel Geld erben? Was ist mit Menschen, die wirklich in Millionenhöhen so viel Geld haben, dass die eigentlich gar nicht brauchen in diesem Leben? Das können die niemals aufbrauchen. Was ist eigentlich mit diesen Leuten? Stattdessen wird rumgewerkelt an so einzelnen Euros bei Menschen, die nicht mal wissen, wie sie über den nächsten Monat kommen sollen. Also ich finde, das sind ganz, ganz, ganz, ganz fürchterliche Debatten. Mir geht es nicht gut damit. Ich bin froh, dass es dennoch immer wieder Gegenentwürfe dazu gibt und Gegenkonzepte, also dass es zum Beispiel schon seit Jahren eine Diskussion gibt um das bedingungslose Grundeinkommen beispielsweise. Da geht es ja auch darum zu sagen, Menschen können von Basics leben und das ist erstmal gut. Und ich glaube, das sollte in einem Land wie Deutschland, was so reich ist, doch gegeben sein, dass man sich wenigstens die Basics leisten kann. Ich persönlich lebe ja in einer Utopie, in der jeder so viel Geld zur Verfügung haben sollte, dass er sich auch Luxus des Spaßes erlauben können sollte. Also zu einem gesunden und schönen Leben gehört nicht nur überleben, sondern auch leben. Aber dass wenigstens die Basics nicht gegeben sind. Und wir an komplett falscher Stelle kürzen oder wirklich rumfalschen, weil wir zum Beispiel über Kultur sprechen, dass wir jetzt die Kulturpässe für Jugendliche doch wieder einstampfen, oder dass es dann doch bestimmte Sonderpreise doch nicht geben soll, weil Leute das ja eh nicht in Anspruch nehmen, weil der Pöbel ja sowieso nicht ins Theater geht. Genau diese Menschen, die sonst da nicht hingehen würden, die brauchen diese Vergünstigung. Die, die da eh jeden Tag antanzen können, die sich 30 Euro locker leisten können für eine Abendveranstaltung, denen wird das nicht wehtun. Also wir kürzen gerade wirklich oder versuchen rumzukürzen bei den Ärmsten der Ärmsten in diesem Land. Ich finde das sind ganz, ganz furchtbare Debatten. Als Kind wolltest du Bundeskanzlerin werden. Im Buch schreibst du in der vierten Klasse, hatte ich deine Lehrerin dafür ausgelacht. Was würdest du denn machen, wenn du heute Bundeskanzlerin wärst? Also das habe ich mir schon längst wieder abgeschminkt mit der Bundeskanzlerin. Warum? Zu stressig. Zu viel Arbeit. Und ich hatte keinen Bock, mich mit einigen Leuten im aktuellen Parlament rumschlagen zu müssen, glaube ich. Das verstehe ich, ja. Was ich aneinander würde, ja, wie gesagt, das klingt so, so, so, so basic und grundlegend, aber ja, ich würde mir wirklich wünschen, dass wir es hinbekämen. So etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Menschen einzuführen und dass zumindest, also ich bin keine Politikerin, ich bin auch nicht für politische Lösungen verantwortlich, aber dass Lösungen gefunden werden, dass zumindest Kinder nicht in Armut leben müssen und auch Menschen nicht, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Die Altersarmutsquote ist gerade bei Frauen extrem hoch. Und ich finde, das kann nicht sein, dass gerade alte Leute, die eh schon ihr Leben lang für dieses Land, in dem angeblich zu wenig gearbeitet wird, geackert haben, dass sie sich Sorgen machen müssen, ob sie überhaupt dann auch ihre Medikamente bezahlen müssen. Also das wären, glaube ich, die ersten beiden Dinge, die ich angehen würde. Wie ich sie angehen würde, I don't know, ist auch nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist nur, es zu kritisieren. Ja, Stichwort Frauen. Im Buch schreibst du, Frauen, die finanziell und sozial stark abgesichert sind, dominieren den öffentlichen Diskurs darüber, was Feminismus ist und was nicht. Wann hast du denn gemerkt, dass du selbst auch eine Stimme hast und vor allem auch, dass du sie auch nutzen willst? Ähm... Gute Frage. Also ich glaube, ja, viele Menschen, die in Armut aufwachsen, die sind es eben gewohnt, eben vor allem nicht zu sprechen, weil es fragt sich ja keiner. Also sehen wir ja auch an unserer Debattenkultur, sehen wir an unseren Fernsehsendungen, da wird selten eine arme Person mal reingesetzt, egal in welchem Thema. Und wenn, dann geht es um arme Leute oder es gibt eben Sendungen, in denen sich über arme Leute lustig gemacht wird. Aber ich sehe ganz, ganz, ganz selten zum Beispiel in unseren politischen Talkshows mal jemanden sitzen. Dementsprechend wird uns eigentlich schon immer mitgegeben, dass wir nicht sprechen sollten. Deswegen kann ich dir nicht richtig sagen, wann ich damit angefangen habe, zu merken so, oh, mir hören ja ein paar Leute zu, weil sich das bis heute nicht selbstverständlich anfühlt. Also auch in so einem Podcast-Wert zu sitzen, fühlt sich gar nicht selbstverständlich an, weil ich es, wie gesagt, einfach nicht gewohnt bin. Auch wenn ich das natürlich seit ein paar Jahren mache. Aber dieser Knacks, den ich halt mitnehme, seit ich klein bin, der verschwindet nicht so einfach. Dass es eh nicht so wichtig ist, wie wir auf die Welt blicken. Und dass eh keiner zuhört. Ich glaube, das war aber auch unter anderem ein Grund, warum ich Journalistin sein wollte. Weil ich weiß, klar, wenn du einmal in die Medien platziert wirst, dann werden es ein paar mehr Leute hören als die üblichen drei Nasen, die du sonst mit deinen Themen vollquatscht. und unter anderem jetzt auch wieder zurückzugeben. Also mir geht es nicht darum, dass ich gehört werde, sondern um im Endeffekt die Stimmen anderer auch laut zu machen. Und ich glaube, dafür ist Journalismus heutzutage immer noch ein wichtiges oder eines der wichtigsten Tools, das wir haben. Und genau, ein Anliegen war es schon immer. Seitdem ich selber gemerkt habe, ich habe eine Stimme, keine Ahnung, wie gesagt, so richtig ist das noch nicht oben angekommen. Und wenn man über Armut spricht, dann spricht man ja irgendwie auch immer über Aufstieg oder das Versprechen von Aufstieg. Du solltest aber eigentlich auf die Hauptschule. Ja, das ist eine Geschichte, die glaube ich sehr, sehr viele Menschen, die sowohl Armutserfahrung machen als auch Migrationserfahrung, die das erlebt haben, so wie ich. Also einfach der Klassiker nach der weiterführenden Schule, dass in Baden-Württemberg ja nach vier Jahren entscheidet eine Person mehr oder weniger über deine Zukunft. Eine Unterschrift entscheidet den restlichen Verlauf deines Lebens. Und ich finde das total verrückt, wie eine einzige Person so viel Macht haben kann. Und ich sage ja auch, dass ein guter Lehrer dein Leben extrem krass ins Positive beeinflussen kann. Und ein schlechter Lehrer kann echt viel ruinieren in deiner Kindheit. Und ich glaube, wir alle haben diese Erfahrung gemacht. Ich glaube, auch da ist wieder der Unterschied, dass vor allem arme Menschen, dass die einfach nicht wissen, wie man sich wehrt und vielleicht auch nicht wissen, wie es besser läuft und wie das System überhaupt funktioniert und vielleicht auch gar keine Zeit haben, sich darum zu kümmern. Und drehen entsprechend war das bei mir auch so. Also ich habe zwar alle Empfehlungen bekommen, sowohl Gymnasium, Realschule und Hauptschule, aber die Lehrerin hat nochmal explizit gesagt, sie würde uns empfehlen, mich auf die Hauptschule zu schicken, weil da Leute wären, die so sind wie ich und ich war die Klassenbeste in der Grundschule. Und meine Eltern waren erst mal total überfordert davon, weil zum einen ist Bildung, auch das ist natürlich ein großes Vorurteil, dass Bildung keine Rolle spielt in armen Familien ganz und gar nicht, weil Bildung ist oft der einzige Weg raus und das wird uns auch von klein auf so verkauft. Dementsprechend waren die total schockiert und wollten natürlich mich aufs Gymnasium schicken. Gleichzeitig sind Lehrer für sie totale Autoritätspersonen, auf die sie erst mal hören. Also gerade in ihren Heimatländern, vor allem in Rumänien, sind Lehrer wirklich totale Helden. Also da widersprichst du auch nicht. Und das war wie durch ein Zufall. Deswegen sage ich auch immer, ich mag diese Aufstiegsgeschichten nicht, weil die immer so krass von Zufällen geprägt sind. Durch einen Zufall hatten wir eine Bekannte, denen sie das erzählt haben. Und die meinte, auf gar keinen Fall. Ich gehe da am nächsten Tag hin und diskutiere mit denen. Das macht ihr nicht. Dieses Kind muss aufs Gymnasium. Weil wir haben anhand meiner Brüder schon gesehen, was passiert ist. Die sind auf die Hauptschulen und auch zu Unrecht, wie ich finde, die mussten alles aufholen. Also mein Bruder hat jetzt mit Anfang 40 erst sein Studium quasi nachgeholt, was er wahrscheinlich schon mit 20 hätte machen können. Und hat einen ganz anderen Lebens- und Berufsweg eingeschlagen, als er vielleicht sich gewünscht hätte. Und ihm wurden sehr viele Steine dadurch den Weg gelegt. Und natürlich auch Unterforderungen auf der Hauptschule hat eine Rolle gespielt und so weiter. Und ja, durch diesen Zufall, durch diese Bekannte haben wir gesagt, nee, machen wir nicht. und da bin ich auf dem Gymnasium gelandet und das war auf jeden Fall für mich auch die richtige Entscheidung. Und ja, also eine Person kann da sehr, sehr, sehr viel Schaden anrichten, wenn sie möchte. Ja, du sagst, du magst diese Aufstiegsgeschichten nicht. Ich würde dich trotzdem fragen, gab es irgendwie einen Moment, wo du so das Gefühl hattest, irgendwie ich habe es geschafft oder vielleicht auch anders gefragt. Was heißt denn überhaupt, es geschafft zu haben? Irgendwie genug Geld auf dem Konto? Ja, also für mich heißt es geschafft zu haben, also für mich persönlich, dass ich nicht mehr auf jedes Preisschritt gucken muss, wenn ich in den Supermarkt gehe. zum Beispiel. Also wenn ich einfach mal einkaufen kann oder mir eine Bestellung aufgeben kann fürs Essen und dann nicht eine Sekunde darüber nachdenke, das ist für mich es geschafft zu haben. Oder zu wissen, ich kann mir selber an Notfällen helfen, sei es es ist Nacht, es fängt an zu regnen und früher, also gerade auch Kleinstadt ist natürlich auch nochmal ein Problem, da fahren nicht so viele Busse, aber früher sind wir es gewohnt gewesen, jeden Weg zu Fuß zu gehen. Meine Eltern hatten kein Auto, Busse fahren nicht in Bad Säckigen. Wir sind sehr, sehr viel gelaufen. Ich habe sehr viel stramme Waden bis heute davon. Und zu wissen, dass man in so einer Notsituation mal ein Taxi rufen kann, das ist für mich mental so eine Befreiung. Also einfach zu wissen, in Situationen wie, okay, es ist spätabends, ich bin total müde, ich bestelle mir jetzt eine Pizza und das wird mich nicht finanziell in den Ruinen treiben. Ich bestelle mir jetzt ein Uber oder ein Taxi abends, um nach Hause zu kommen. Das sind so die Erleichterungen des Lebens. Oder ich weiß, ich habe medizinischen Notfall und ich könnte das notfalls aus eigener Tasche bezahlen und müsste nicht auf Gesundheit verzichten dafür. Das sind so die Sachen, wo ich gemerkt habe, okay, das ist schon ein Riesenunterschied zu meiner Familie und wie es bei uns lief. Da wurden sich all diese Dinge nämlich nicht gestattet. Da hat man wirklich ausgeharrt, bis es wirklich nicht mehr ging. Und das ist für mich das, wo ich gemerkt habe, ich habe es für unsere Verhältnisse rausgeschafft. Und vielleicht abschließend, Gibt es was, was du so deinem 14-jährigen Ich gern sagen würdest oder raten würdest? Ja, geh mal raus. Hänge nicht so viel im Internet. Und alles wird besser. Halt durch. Halt durch. Das ist doch ein schönes Schlusswort. Miriam, ganz lieben Dank, dass du da warst. Danke dir. Danke für das Gespräch. Hoffentlich bald in Freiburg. Ja, das wäre schön. Würden uns freuen. Das war BZ am Ohr, ein Podcast der Badischen Zeitung. Wenn euch die Folge mit Miriam Davut-Wandi gefallen hat, dann abonniert doch gern unseren Kanal oder folgt der Badischen Zeitung bei Instagram, dann verpasst ihr keine neue Folge mehr. Bis zum nächsten Mal bei BZ am Ohr.