Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 289-293
Transcript
- 0:00Unterkapitel 289 auf die Schiffe in diesem Kapitel ruft Nietzsche
- 0:07zu einer radikalen Neubewertung aller Werte auf.
- 0:11Er beginnt mit der Idee, dass jede Art zu leben eine eigene
- 0:14philosophische Rechtfertigung braucht, die wie eine wärmende
- 0:18Sonne wirkt. Er fordert dazu auf, viele
- 0:21solcher neuen Sonnen zu schaffen, er sagt auch der Böse,
- 0:25der Unglückliche. Und der außergewöhnliche Mensch
- 0:28sollen ihre eigene Philosophie, ihr eigenes Recht und ihren
- 0:32eigenen Sonnenschein haben. Was diese Menschen brauchen, sei
- 0:37kein Mitleid, er fordert uns auf, diesen Impuls des
- 0:40überheblichen Mitleids zu verlernen.
- 0:42Stattdessen sei eine neue Gerechtigkeit notwendig.
- 0:46Was ist diese neue Gerechtigkeit?
- 0:48Es ist die Einsicht, dass es kein Allgemeingültiges richtig
- 0:51oder falsch gibt, die moralische Erde, so erklärt er, ist rund.
- 0:56Das bedeutet, sie hat auch Antipoden, also Gegenspieler
- 1:00oder Gegenpole. Und diese Gegenpole haben
- 1:03ebenfalls ein Recht zu existieren, genauso wie es auf
- 1:06der Erdkugel kein oben und unten gibt, gibt es in der Moral kein
- 1:10absolut gutes oder Böses. Nietzsche ruft dazu auf, andere,
- 1:15bisher unentdeckte Welten der Moral zu erkunden, er beendet
- 1:19das Kapitel mit dem berühmten Appell an seine Mitphilosophen,
- 1:22auf die Schiffe wichtige Begriffe erklärt.
- 1:26Antipoden, wörtlich Gegenfüßler also die Menschen, die auf der
- 1:31gegenüberliegenden Seite der Erdkugel leben.
- 1:34Nietzsche nutzt dies als Metapher, um zu sagen, dass es
- 1:37zu jeder Moral eine Gegenmoral gibt, die genauso ihre
- 1:40Berechtigung hat. Dieser Aufruf auf die Schiffe
- 1:44ist also eine Metapher für den Aufbruch in unbekannte geistige
- 1:48und moralische Welten. Es ist die Aufforderung, die
- 1:51sicheren Häfen der traditionellen Moral zu
- 1:53verlassen und mutig neue Wertvorstellungen zu entdecken
- 1:57und zu schaffen. Unterkapitel 2901 ist Not der
- 2:05Titel 1 ist Not bedeutet so viel wie eines ist notwendig in
- 2:10diesem wichtigen Kapitel beschreibt Nietzsche, was er für
- 2:13die höchste Kunst hält, seinem Charakter Stil zu geben, das sei
- 2:18eine große und seltene Kunst Jemand, der diese Kunst
- 2:21beherrscht, betrachtet zuerst seine eigene Natur mit all ihren
- 2:25Stärken und schwächen. Dann formt er dieses Material
- 2:29wie ein Künstler nach einem Plan, sodass am Ende alles
- 2:32selbst die Schwächen einen Sinn ergibt und ästhetisch
- 2:35ansprechend wirkt. Hässliche Züge, die man nicht
- 2:39ändern kann, werden verborgen oder so umgedeutet, dass sie
- 2:42interessant wirken, unklare Eigenschaften werden so
- 2:45eingesetzt, dass sie auf etwas weites und Unergründliches
- 2:48hindeuten. Am Ende, so Nietzsche, ist es
- 2:51entscheidend, dass alles von einem einzigen Geschmack, einem
- 2:55einzigen Willen durchdrungen ist.
- 2:58Ob dieser Geschmack gut oder schlecht war, ist zweitrangig.
- 3:02Wichtig ist, dass es ein Geschmack war.
- 3:05Starke herrschende Naturen genießen diesen Zwang, sich
- 3:08selbst nach einem eigenen Gesetz zu formen, schwache Charaktere
- 3:12hingegen hassen diesen Zwang des Stils.
- 3:16Sie haben das Gefühl, dass eine solche Disziplin sie gewöhnlich
- 3:19und unfrei machen würde. Sie preisen stattdessen die
- 3:23freie Natur, das Wilde, das willkürliche und ungeordnete,
- 3:28sie tun das, weil sie es nicht ertragen, sich selbst eine Form
- 3:31zu geben. Das wichtigste aber, so schließt
- 3:34Nietzsche, ist, dass ein Mensch Zufriedenheit mit sich selbst
- 3:37erlangt, denn nur dann ist er überhaupt für andere erträglich.
- 3:42Wer mit sich selbst unzufrieden ist, ist immer auf Rache aus.
- 3:46Und seine Mitmenschen werden zu seinen Opfern.
- 3:49Zusammengefasst geht es hier um die Idee der Selbsterschaffung
- 3:52als Kunstwerk. Es geht nicht darum, ein guter
- 3:55Mensch im traditionellen Sinne zu sein, sondern ein
- 3:58authentischer, ganzer und in sich stimmiger Mensch, der sein
- 4:02Leben nach seinem eigenen Willen gestaltet.
- 4:06Unterkapitel 291 Genua Nietzsche beschreibt seine Eindrücke von
- 4:14der italienischen Stadt Genua und nutzt die Stadt als Symbol
- 4:17für einen bestimmten Menschentyp, den er bewundert.
- 4:20Er sieht in der Architektur und der ganzen Landschaft den Geist
- 4:24vergangener Generationen, den Geist von kühnen,
- 4:27selbstherrlichen und machtvollen Menschen.
- 4:30Diese Menschen bauten ihre Häuser nicht für den flüchtigen
- 4:33Moment, sondern für die Ewigkeit, sie bejahten das Leben
- 4:37in seiner ganzen Fülle. Nietzsche stellt sich den
- 4:40Baumeister vor, wie sein Blick über die Stadt, das Meer und die
- 4:44Berge schweift und alles mit einem Akt der Gewalt und
- 4:47Eroberung in seinen Plan einfügt.
- 4:50Er will alles zu seinem Eigentum machen, diese ganze Gegend, so
- 4:54Nietzsche, ist durchdrungen von einem prachtvollen und
- 4:57unersättlichen Egoismus, einer Lust am besitzen und erobern.
- 5:02So wie diese Menschen in der Ferne keine Grenzen kannten und
- 5:06zu neuen Welten aufbrachen, so rebellierten sie auch zu Hause
- 5:09gegeneinander. Jeder wollte seine Überlegenheit
- 5:12beweisen und seine Einzigartigkeit zur Schau
- 5:15stellen. Nietzsche stellt diesen Geist
- 5:18dem des Nordens gegenüber, während im Norden das Gesetz die
- 5:22Ordnung und der Gehorsam vorherrschen, findet man hier in
- 5:25Genua den einzelnen Menschen, der für sich selbst steht, der
- 5:29Genuese, so Nietzsche. Ist der etablierten Ordnung
- 5:32überdrüssig und möchte mit einer wundervollen Verschmitztheit der
- 5:36Phantasie alles neu gründen, allem seinen eigenen Stempel
- 5:40aufdrücken. Die Stadt Genua wird für
- 5:42Nietzsche also zum Bild für den starken individualistischen
- 5:45Herrenmenschen, dies sind Schöpfer und Eroberer, die der
- 5:49Welt ihren Willen aufzwingen und sie nach ihrem Bild formen, dies
- 5:54steht im scharfen Kontrast zum Herdengeist des Nordens, der
- 5:58Konformität und Unterordnung schätzt.
- 6:01Unterkapitel 292 an die Moralprediger in diesem Kapitel
- 6:09wendet sich Nietzsche direkt an diejenigen, die Moral predigen.
- 6:13Ergibt ihnen einen provokanten Ratschlag.
- 6:15Er sagt, Wenn ihr die besten und wertvollsten Dinge des Lebens
- 6:19wie Tugend, Glück und Gerechtigkeit entwerten und
- 6:23ihrer Ehre berauben wollt, dann macht weiter so wie bisher.
- 6:27Predigt weiterhin vom Glück der Tugend oder von der Ruhe der
- 6:31Seele, indem ihr diese Dinge zu etwas allgemeinem und Populärem
- 6:35macht, das auf der Gasse ausgerufen wird, reibt ihr das
- 6:38Gold von ihnen ab, bis nur noch wertloses Blei übrig bleibt.
- 6:43Nietzsche wirft den Moralpredigern vor, eine
- 6:45umgekehrte Alchemie zu betreiben, sie verwandeln das
- 6:48Wertvollste in etwas wertloses, er schlägt ihnen ein anderes
- 6:53Rezept vor, um das zu erreichen, was sie eigentlich wollen
- 6:56sollten. Sie sollen aufhören, diese guten
- 6:59Dinge anzupreisen. Sie sollen sie stattdessen
- 7:02wieder zu etwas Verborgenem machen, zu einer schamhaftigkeit
- 7:06einsamer Seelen. Errät ihnen, sagt, Moral sei
- 7:11etwas Verbotenes. Warum dieser seltsame Ratschlag?
- 7:16Nietzsche glaubt, dass sie auf diese Weise die Art von Menschen
- 7:19für die Moral gewinnen könnten, auf die es wirklich ankommt, die
- 7:24heroischen. Damit Moral für diese starken
- 7:27Menschen attraktiv ist, muss sie etwas furchteinflößendes und
- 7:30Schwieriges an sich haben, nicht etwas, das Ekel erregt, weil es
- 7:34so einfach und alltäglich geworden ist.
- 7:37Er beendet das Kapitel mit einem Zitat des Mystikers Meister
- 7:40Eckhart. Ich bitte Gott, dass er mich
- 7:42quittmache Gottes. Damit drückt Nietzsche den
- 7:46Wunsch aus, von dem alltäglichen, Entwerteten Gottes
- 7:49und Moralbegriff befreit zu werden.
- 7:51Es ist der Wunsch, Moral wieder zu etwas Besonderem und
- 7:54anspruchsvollem zu machen. Unter Kapitel 293 unsere Luft.
- 8:03Nietzsche beschreibt hier die Atmosphäre oder das geistige
- 8:06Klima, das er Wissenschaft nennt.
- 8:08Er meint damit aber nicht nur die Naturwissenschaften, sondern
- 8:11einen allgemeinen Geist der intellektuellen Redlichkeit, der
- 8:15strenge, Klarheit und Disziplin. Dies ist die Luft, die der freie
- 8:20Geist zum Atmen braucht. Für Außenstehende, so Nietzsche,
- 8:24wirkt diese Welt der Wissenschaft oft abschreckend,
- 8:28ihre Strenge und unerbittlichkeit können Furcht
- 8:30einflößen, aber für denjenigen, der an sie gewöhnt ist, ist sie
- 8:35die einzig reine und klare Luft, in der man leben kann.
- 8:39Er nennt sie eine männliche Luft, jedes andere geistige
- 8:43Klima erscheint ihm im Vergleich dazu unrein und stickig.
- 8:47In dieser klaren und strengen Atmosphäre, so erklärt er, kann
- 8:51er seine volle Kraft entfalten. Hier kann er fliegen, er fragt
- 8:56rhetorisch, warum er in die trüben Gewässer der alltäglichen
- 8:59Meinungen und Kompromisse zurückkehren sollte, wo man nur
- 9:02schwimmen und warten kann und seine Flügel schmutzig macht, er
- 9:06und seine geistigen Verwandten wollen das Licht der Erkenntnis
- 9:09auf die Erde bringen, sie wollen das Licht der Erde sein dafür,
- 9:14so sagt er, haben sie ihre Flügel.
- 9:16Ihre Schnelligkeit und ihre strenge, sie sind männlich und
- 9:21selbst schrecklich gleich dem Feuer.
- 9:24Das Kapitel endet mit einer Warnung, diejenigen, die sich an
- 9:28diesem Feuer der Erkenntnis nicht wärmen und erhellen
- 9:31können, sollen sich vor ihm fürchten.
- 9:34Zusammengefasst ist dieses Kapitel eine Hymne auf die
- 9:36intellektuelle Redlichkeit, Nietzsche beschreibt die
- 9:40Wissenschaft als einen heroischen und anspruchsvollen
- 9:42Weg, der nur für die stärksten gangbar ist Es ist kein Ort des
- 9:46Trostes, sondern ein Ort der klaren, manchmal schmerzhaften
- 9:50Erkenntnis.