Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 1 - Das Honig-Opfer
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:04Unterkapitel 1. Das Honigopfer in diesem Kapitel
- 0:10spürt man, dass viel Zeit vergangen ist.
- 0:12Viele Monate und Jahre sind über zarathustras Seele
- 0:14hinweggezogen, ohne dass er genau darauf geachtet hat.
- 0:18Er ist älter geworden und sein Haar ist weiß.
- 0:22Eines Tages sitzt Zarathustra auf einem Stein vor seiner
- 0:24Höhle, er blickt still in die Ferne über das Meer.
- 0:29Und über tiefe, gewundene Abgründe.
- 0:31Da kommen seine beiden Tiere, der Adler und die Schlange,
- 0:35nachdenklich zu ihm und stellen sich vor ihn hin.
- 0:38Der Adler steht bei Nietzsche für den Stolz, die Schlange für
- 0:42die Klugheit, die Tiere fragen ihn, ob er nach seinem eigenen
- 0:45Glück Ausschau hält, Zarathustra antwortet ihnen, dass ihm sein
- 0:49persönliches Glück nicht mehr wichtig ist.
- 0:52Er sagt, was liegt am glücke, ich trachte lange nicht mehr
- 0:56nach Glücke. Ich trachte nach meinem Werke
- 1:00mit seinem Werk meint er seine philosophische Lebensaufgabe,
- 1:03nämlich die Menschen auf eine höhere Stufe zum sogenannten
- 1:07Übermenschen zu führen. Die Tiere entgegnen ihm, dass er
- 1:11das nur sage, weil er ohnehin schon mehr als genug vom Guten
- 1:14habe, sie verwenden ein poetisches Bild und sagen, er
- 1:19liege doch in einem himmelblauen See voller Glück.
- 1:22Zarathustra lacht über diesen Vergleich, er lobt die Tiere für
- 1:26ihr schönes Bild. Erklärt aber, dass sein Glück
- 1:28ganz anders ist. Sein Glück ist schwer und drängt
- 1:32aus ihm heraus, nicht wie flüssiges Wasser, sondern wie
- 1:35geschmolzenes Pech. Pech ist eine schwarze, zähe und
- 1:39klebrige Masse, daraufhin laufen die Tiere nachdenklich um ihn
- 1:42herum und sagen, dass das wohl der Grund sei, warum er immer
- 1:45gelber und dunkler aussehe, obwohl sein Haar doch weiß ist.
- 1:50Sie nehmen das Bild vom Pech wörtlich und sagen, er sitze
- 1:53tatsächlich in seinem eigenen Pech.
- 1:56Zarathustra lacht wieder und erklärt ihnen, dass er vorhin
- 1:58mit dem Pech nur einen Scherz gemacht hat.
- 2:01Er vergleicht sich nun mit einer reifen Frucht, es ist kein Pech,
- 2:05sondern Honig in seinen Adern, dieser Honig macht sein Blut
- 2:10dicker und seine Seele Stiller, der Honig ist hier ein Symbol
- 2:14für Zarathustras reife Weisheit, seinen inneren Reichtum und
- 2:18seine tiefe süße Lebenserfahrung, die Tiere
- 2:21schlagen ihm vor, heute auf einen hohen Berg zu steigen.
- 2:25Da die Luft rein ist und man weit über die Welt blicken kann.
- 2:28Zarathustra findet die Idee sehr gut.
- 2:31Er bittet die Tiere jedoch dafür zu sorgen, dass er dort oben
- 2:34Honig zur Verfügung hat, und zwar den allerbesten, hellen und
- 2:38eisfrischen Wabenhonig. Er behauptet nämlich gegenüber
- 2:42seinen Tieren, dass er oben auf dem Berg ein Honigopfer bringen
- 2:45will. Als Zarathustra dann aber allein
- 2:48oben auf der Höhe des Berges angekommen ist, schickt er seine
- 2:52Tiere wieder nach Hause. Sobald sie weg sind und er
- 2:55völlig allein ist, lacht er aus vollem Herzen.
- 2:59Er schaut sich um und gibt zu, dass die Geschichte mit dem
- 3:01Opfer nur eine List und eine kleine Notlüge für seine Tiere
- 3:05war. Er sagt, er dürfe hier oben viel
- 3:09freier reden als unten vor den Höhlen und vor Haustieren.
- 3:14Zarathustra erklärt, warum er in Wahrheit kein Opfer bringen kann
- 3:19ein Opfer bringt man normalerweise einem Gott dar, um
- 3:21ihn milde zustimmen. Aber Zarathustra glaubt an keine
- 3:25Götter mehr. Er nennt sich selbst einen
- 3:27Verschwender mit 1000 Händen. Er hat so viel Reichtum und
- 3:31Weisheit in sich, dass er sie einfach verschenken muss, er
- 3:35nimmt nichts weg, um es zu opfern, sondern ergibt aus
- 3:38reiner Fülle den Honig, den er verlangt hat, will er in
- 3:42Wahrheit als Köder benutzen. Ein Köder ist etwas lockendes
- 3:47wie ein Stück Nahrung, dass man an einer Angel hängt, um Fische
- 3:50zu fangen. Zarathustra sagt, die Welt sei
- 3:53für ihn wie ein dunkler Tierwald, aber noch viel mehr
- 3:56wie ein tiefes, Reiches Meer voller wunderlicher Fische und
- 3:59Krebse. Er möchte nun seine goldene
- 4:02Angelrute, also seine glänzende, verlockende Weisheit, in dieses
- 4:06Menschenmeer auswerfen. Zarathustra ruft dem Abgrund der
- 4:10Menschen zu, sich zu öffnen, er wirft sein eigenes Glück als
- 4:14Köder in alle Himmelsrichtungen aus, er möchte sehen, ob nicht
- 4:18die Wunderbarsten und besten Menschen.
- 4:21Anbeißen und zappeln lernen er nennt diese Menschen Abgrund
- 4:25gründlinge, das sind Fische, die ganz tief unten im Verborgenen
- 4:29leben, diese verborgenen, besonderen Menschen will er zu
- 4:33sich hinauf in seine Höhe ziehen, er nennt sich selbst den
- 4:36Boshaftigsten aller Fischfänger diese Bosheit ist bei Nietzsche
- 4:40aber nicht als echtes Böses gemeint, es ist eher eine
- 4:44spielerische, überlegene List. Zarathustra will die Menschen
- 4:47aus ihrer Bequemlichkeit herausreißen.
- 4:50Er erklärt weiter, dass er von Anfang an ein Zier, Züchter und
- 4:53Zuchtmeister war. Er hat die Menschen immer dazu
- 4:56angetrieben, mehr aus sich zu machen und zu dem zu werden, was
- 5:00sie wirklich sein können. Nun wartet er darauf, dass die
- 5:04Menschen zu ihm heraufkommen, erwartet auf die Zeichen, dass
- 5:07die Zeit für seinen Niedergang gekommen ist.
- 5:10Der Niedergang bedeutet bei Zarathustra immer, dass er
- 5:13seinen Berg verlässt und wieder hinab zu den normalen Menschen
- 5:16geht, um seine Lehre zu verbreiten.
- 5:19Aber Zarathustra hat es nicht eilig.
- 5:22Er steht auf seinem hohen Berg und wartet, erwartet nicht
- 5:26ungeduldig, sondern mit einer spöttischen Gelassenheit.
- 5:29Er sagt, sein Schicksal lasse ihm viel Zeit, er freut sich
- 5:34sogar darüber, dass er heute die Zeit hatte, einfach auf den Berg
- 5:37zu steigen, um symbolisch Fische zu fangen, er spottet über
- 5:40diejenigen Menschen, die wütend und ungeduldig werden, wenn sie
- 5:44warten müssen. Er vergleicht diese Menschen mit
- 5:47Leuten, die vor lauter warten, schnauben und heulen.
- 5:51Er findet das lächerlich und sagt, dass er und sein Schicksal
- 5:54nicht auf das Flüchtigen heute oder niemals angewiesen sind.
- 5:58Sie haben Zeit für die Überzeit, also für eine sehr lange, fast
- 6:02ewige Dauer. Er weiß, dass eines Tages etwas
- 6:06Großes kommen muss, erwartet auf das große Menschenreich, dass er
- 6:10sein Hazar nennt. Ein Hazar ist ein Begriff aus
- 6:13dem Orient und bedeutet so viel wie ein Tausendjähriges Reich.
- 6:17Es steht hier für eine Ferne, großartige Zukunft der
- 6:20Menschheit, die Zarathustra vorbereitet.
- 6:23Es ist Zarathustra, egal wie weit dieses Reich noch in der
- 6:26Zukunft liegt, er steht fest und sicher auf seinem Berg, er nennt
- 6:30diesen Berg das härteste Urgebirge und die Wetterscheide,
- 6:34also den Punkt, an dem sich entscheidet, woher der Wind
- 6:37kommt und wohin er geht. Zarathustra beendet seine Rede
- 6:41lachend. Er bittet seine eigene reine
- 6:44Bosheit, seinen klugen Übermut lachend auf die Welt
- 6:48hinabzuschauen er wirft seinen glitzernden Spott und sein
- 6:52Lächeln hinab, um die allerschönsten Menschenfische zu
- 6:55ködern. Er will all das, was von der
- 6:58Menschenwelt tief unten eigentlich zu ihm, dem höheren,
- 7:02gehört, zu sich heraufziehen. Zuletzt ruft er seine Angel an,
- 7:07sie soll den süßen Tau seines Herzens, seinen Honig.
- 7:11Hinab in die schwarze Traurigkeit der Welt tröpfeln
- 7:14lassen. Er blickt auf die vielen Meere
- 7:16der menschlichen Zukunft. Um ihn herum, sieht die Stille,
- 7:19rosarote Himmelsruhe über sich und genießt dieses vollkommene,
- 7:23reine Warten ohne Wolken.