Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 614-625
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- 0:00Unterkapitel, 614, zurückgebliebene und
- 0:04vorwegnehmende Menschen Nietzsche unterscheidet in
- 0:08diesem Abschnitt 2 gegensätzliche menschliche
- 0:11Charaktere und ordnet sie verschiedenen Stufen der
- 0:13kulturellen Entwicklung zu. Der erste Typ ist der
- 0:17unangenehme Charakter, er ist voller Misstrauen, wenn andere
- 0:20Glück haben, fühlt er Neid, er duldet keine abweichenden
- 0:24Meinungen und wird schnell gewalttätig oder zornig.
- 0:28Nietzsche sagt, dieser Mensch ist ein Überbleibsel aus einer
- 0:31früheren Stufe der Kultur. Er gehört in die Zeit des Sohn
- 0:34Faustrechts, wo jeder gegen jeden kämpfte und nur das Recht
- 0:38des Stärkeren galt. Damals war dieses Verhalten
- 0:41notwendig, um zu überleben, heute ist so ein Mensch ein
- 0:44Zurückgebliebener, der zweite Typ ist ein ganz anderer
- 0:48Charakter, er freut sich mit anderen, er gewinnt überall
- 0:51Freunde, er liebt alles, was wächst und sich entwickelt, er
- 0:55genießt die Erfolge anderer mit ihnen.
- 0:57Er beansprucht nicht, die alleinige Wahrheit zu besitzen,
- 1:00sondern ist bescheiden und vorsichtig in seinem Urteil.
- 1:04Dieser Mensch ist ein vorwegnehmender Mensch, er
- 1:07strebt einer höheren Kultur entgegen, die noch kommen wird.
- 1:11Nietzsche verwendet ein Bild aus der Architektur, um diese beiden
- 1:14Typen zu verorten, der unangenehme, zurückgebliebene
- 1:18Charakter stammt aus den Zeiten, als die rohen Fundamente des
- 1:21menschlichen Zusammenlebens erst gebaut wurden, er lebt quasi
- 1:25noch im Keller der Kultur. Wo das wilde Tier eingesperrt
- 1:28ist und wütet der andere vorwegnehmende Mensch lebt
- 1:32dagegen auf den höchsten Stockwerken des Gebäudes, weit
- 1:35entfernt von diesem wilden Tier, in einer helleren und freieren
- 1:38Atmosphäre. Unterkapitel 615 Trost für
- 1:44Hypochonder Nietzsche spricht hier über Menschen, die sich
- 1:48übermäßig große Sorgen um ihre Gesundheit machen, sogenannte
- 1:52Hypochonder. Ergibt einen ungewöhnlichen
- 1:55Trost für einen großen Denker, der unter solchen Ängsten
- 1:58leidet. Ein solcher Mensch sollte sich
- 2:00sagen, diese ständige Sorge und Selbstquälerei ist wie ein
- 2:04Schmarotzer, der sich von meiner eigenen großen Kraft ernährt,
- 2:08wäre meine geistige Kraft geringer, hätte auch diese Angst
- 2:10weniger Nahrung und ich müsste weniger leiden, das bedeutet,
- 2:15dass die Größe der Sorgen eigentlich ein Beweis für die
- 2:17eigene geistige Stärke ist. Auch Politiker oder Künstler
- 2:20könnten sich so trösten. Wenn sie unter Eifersucht oder
- 2:24Rachegefühlen leiden, zeigt das nur, dass sie eine starke
- 2:27Begabung haben, die leider auch diese negativen Gefühle nährt
- 2:30und das Leben schwer macht. Unter Kapitel 616 der Gegenwart
- 2:36entfremdet es bringt große Vorteile, sich für eine Weile
- 2:41von seiner eigenen Zeit und der Gegenwart zu entfernen.
- 2:45Nietzsche vergleicht dies damit, vom Ufer in den Ozean der
- 2:48Vergangenheit hinaus zu treiben, wenn man von dort draußen auf
- 2:51die Küste zurückblickt. Also auf die heutige Zeit sieht
- 2:54man sie zum ersten Mal als Ganzes.
- 2:57Man erkennt ihre Formen und ihre Gestalt viel besser als
- 3:00diejenigen, die nie das Ufer verlassen haben.
- 3:03Wenn man sich der Gegenwart dann wieder nähert, hat man den
- 3:06Vorteil, sie viel besser und umfassender zu verstehen als die
- 3:09Menschen, die immer nur im hier und jetzt geblieben sind,
- 3:15Unterkapitel 617 auf persönlichen Mängeln säen und
- 3:19ernten. Es gibt Menschen, die verstehen
- 3:23es meisterhaft, ihre eigenen Schwächen und Fehler zu nutzen,
- 3:26um ihr Talent zu fördern. Nietzsche nennt hier den
- 3:30Philosophen Rousseau als Beispiel, Rousseau nutzte seine
- 3:33eigenen Laster fast wie Dünger für seine geistige Arbeit, wenn
- 3:37er sich über die Verdorbenheit der Gesellschaft beklagte, lag
- 3:40dem eigentlich eine persönliche bittere Erfahrung zugrunde.
- 3:44Diese eigene Bitterkeit verlieh seiner Kritik Schärfe und machte
- 3:47sie wirkungsvoll wie Giftpfeile, er versuchte, die Gesellschaft
- 3:51zu heilen. Aber im Grunde suchte er ein
- 3:53Heilmittel für sich selbst, das ihm über den Umweg der
- 3:56Gesellschaft helfen sollte. Unterkapitel, 600 Einzehn
- 4:02philosophisch gesinnt sein normalerweise verstehen wir
- 4:06unter philosophisch gesinnt sein, dass jemand für alle
- 4:10Lebenslagen eine feste Haltung und eine einheitliche Meinung
- 4:13hat, Nietzsche glaubt jedoch, dass dies für das Wahre Erkennen
- 4:16der Welt hinderlich sein kann. Er meint, es sei wertvoller,
- 4:21sich nicht starr festzulegen, sondern auf die leisen
- 4:23Unterschiede der verschiedenen Lebenssituationen zu hören.
- 4:27Jede Situation bringt ihre eigene Sichtweise mit sich wer
- 4:31so handelt, nimmt wissend am Leben vieler Menschen teil,
- 4:34anstatt sich selbst nur als ein einziges starres Wesen zu
- 4:37betrachten. Man sollte flexibel bleiben, um
- 4:40mehr zu lernen, Unterkapitel 619 im Feuer der Verachtung.
- 4:49Wenn ein Mensch selbstständig werden will, muss er einen
- 4:52schweren Schritt wagen. Er muss den Mut haben, Ansichten
- 4:55auszusprechen, die anderen als schändlich oder peinlich gelten.
- 5:00Sobald man das tut, werden Freunde und Bekannte oft
- 5:02ängstlich und wenden sich ab, Nietzsche nennt dies das
- 5:06Foreigner, Feuer der Verachtung er sagt, dass eine begabte Natur
- 5:10durch dieses Feuer hindurchgehen muss, erst wenn man diese
- 5:14soziale Ablehnung ausgehalten hat.
- 5:16Gehört man hinterher wirklich sich selbst und ist frei?
- 5:20Unterkapitel 621 Aufopferung wenn Menschen die Wahl haben
- 5:28zwischen einer kleinen Aufopferung und einer sehr
- 5:30großen Aufopferung, ziehen sie oft die Große vor.
- 5:34Das klingt zunächst unlogisch, hat aber einen psychologischen
- 5:37Grund bei einer großen Aufopferung entschädigen wir uns
- 5:40selbst, indem wir uns für unsere Großartigkeit bewundern, wir
- 5:44fühlen uns wie Helden. Bei einer kleinen Aufopferung
- 5:47ist das nicht möglich. Sie ist oft einfach nur lästig
- 5:51und bietet keinen Anlass zur Selbstbewunderung.
- 5:54Unterkapitel 621 Liebe als Kunstgriff wenn wir etwas Neues
- 6:02wirklich kennenlernen wollen, sei es ein Mensch, ein Ereignis
- 6:05oder ein Buch, sollten wir einen Trick anwenden.
- 6:08Wir sollten es zunächst mit so viel Liebe wie möglich
- 6:11aufnehmen, alles, was daran falsch, feindlich oder störend
- 6:14wirkt. Sollten wir absichtlich
- 6:16übersehen oder schnell vergessen?
- 6:19Wir sollten dem Neuen quasi einen Vorsprung geben und uns
- 6:22von Herzen wünschen, dass es sein Ziel erreicht, durch dieses
- 6:26liebevolle Verhalten dringen wir bis zum Kern der Sache vor, bis
- 6:29zu dem Punkt, der sie antreibt, das ist das eigentliche
- 6:33Kennenlernen. Erst wenn wir diesen Kern
- 6:36verstanden haben, darf unser Verstand wieder kritisch werden,
- 6:39die anfängliche Übertreibung und das Ausblenden von Kritik waren
- 6:43nur ein notwendiger Kunstgriff. Um das Wesen der Sache zu
- 6:45erfassen, Unterkapitel 622 zu gut und zu schlecht von der Welt
- 6:52denken, egal ob man optimistisch ist und zu gut von der Welt
- 6:57denkt oder pessimistisch und zu schlecht von ihr denkt, man
- 7:01zieht aus beiden Haltungen einen Vorteil, nämlich eine gewisse
- 7:04Art von Lust. Wenn wir eine zu gute Meinung
- 7:07haben, legen wir selbst eine Süße in unsere Erlebnisse
- 7:10hinein, die wir dann genießen. Haben wir eine zu schlechte
- 7:14Meinung, werden wir angenehm enttäuscht, wenn die Dinge doch
- 7:17nicht so schlimm sind. Das Angenehme, das sowieso
- 7:20passiert wäre, wird durch die Überraschung noch schöner.
- 7:24Nietzsche merkt jedoch an, dass Menschen mit einem sehr düsteren
- 7:27Charakter die umgekehrte Erfahrung machen, sie ärgern
- 7:31sich, wenn ihre schlechten Erwartungen nicht eintreffen.
- 7:34Unterkapitel 623 tiefe Menschen. Es gibt Menschen, die man als
- 7:42tief bezeichnet. Ihre Stärke liegt darin,
- 7:45Eindrücke sehr intensiv und gründlich zu verarbeiten, wenn
- 7:49etwas plötzliches passiert, bleiben diese Menschen oft
- 7:51verhältnismäßig ruhig und gefasst.
- 7:54Das liegt daran, dass der Eindruck im ersten Moment bei
- 7:56ihnen noch flach ist. Er wird erst mit der Zeit tief,
- 8:00anders ist es, wenn sie Dinge lange vorhersehen oder erwarten,
- 8:04das regt solche tiefen Naturen am meisten auf, wenn das
- 8:08erwartete Ereignis dann endlich eintritt.
- 8:10Sind sie oft so aufgewühlt, dass sie gar nicht mehr
- 8:12geistesgegenwärtig reagieren können?
- 8:16Unter Kapitel 624 Verkehr mit dem höheren selbst?
- 8:23Jeder Mensch hat bestimmte gute Tage oder Momente, in denen er
- 8:26sein Höheres selbst findet, also die beste Version seiner selbst
- 8:30ist. Wahre Menschlichkeit verlangt,
- 8:33dass wir jemanden nur nach diesem besten Zustand beurteilen
- 8:36und nicht nach seinen alltäglichen Momenten, in denen
- 8:38er unfrei oder schlecht gelaunt ist.
- 8:41Man sollte zum Beispiel einen Maler nach seinen besten
- 8:43Visionen und Bildern beurteilen, die er sehen und malen konnte.
- 8:48Aber die Menschen gehen selbst sehr unterschiedlich mit diesem
- 8:51höheren selbst um, manche spielen es später nur nach, wie
- 8:55Schauspieler ihrer selbst, andere sind schüchtern und
- 8:58demütig vor ihrem eigenen Ideal. Und möchten es fast verleugnen,
- 9:02weil sie Angst vor den hohen Ansprüchen haben, die dieses
- 9:05höhere selbst stellt. Es kommt und geht wie es will,
- 9:09fast wie ein Geist. Deswegen dachte man früher oft,
- 9:13dieses Beste im Menschen sei ein Geschenk der Götter, obwohl es
- 9:16eigentlich der Mensch selbst ist.
- 9:20Unterkapitel, 625, einsame Menschen es gibt Menschen, die
- 9:26sehr daran gewöhnt sind, allein zu sein.
- 9:29Sie kommen gut mit sich selbst, ausführen in Ruhe gute
- 9:32Selbstgespräche und sind dabei heiter.
- 9:35Wenn man diese Menschen aber zwingt, sich mit anderen zu
- 9:37vergleichen, werden sie unsicher, sie neigen dann dazu,
- 9:41sich selbst zu unterschätzen und grübeln darüber nach, sie müssen
- 9:45Ihre gute Meinung über sich selbst erst mühsam wieder von
- 9:48anderen lernen und selbst wenn andere sie loben, wollen sie
- 9:52dieses Lob oft wieder abschwächen.
- 9:54Nietzsche rät dazu, solchen Menschen ihr Alleinsein zu
- 9:57gönnen. Es ist albern, sie aus Mitleid
- 9:59bedauern zu wollen, denn sie sind in ihrer Einsamkeit
- 10:02eigentlich zufrieden.