Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 25
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- 0:01Kapitel 25 was er fuhr seine Mutter wurde kleiner, das war
- 0:06das Wort, das Niklas dafür hatte, weil er kein besseres
- 0:09fand. Sie wurde kleiner, von Woche zu
- 0:12Woche, als zöge etwas sie von innen zusammen, als nähme der
- 0:16Körper, der jahrzehntelang zu viel getragen hatte, jetzt Stück
- 0:19für Stück zurück, was er an Raum eingenommen hatte.
- 0:22Er besuchte sie öfter, jetzt, weil etwas in ihm es verlangte.
- 0:26Ein Druck, den er sich nicht erklären konnte, und jedes Mal,
- 0:29wenn er die 3 Stockwerke hochstieg, hörte er sie schwerer
- 0:32atmen als beim letzten Mal. Die Suppe wurde dünner.
- 0:36Sie kochte noch, weil es das Gesetz war, aber sie kochte
- 0:39weniger, und manchmal stand der Topf auf dem Herd und sie hatte
- 0:42vergessen, ihn anzustellen und saß am Tisch mit den grauen
- 0:46Händen im Schoß und sah aus dem Fenster.
- 0:48Und Niklas tat dann, als bemerke er es nicht, stellte den Herd an
- 0:52und sie redeten über belanglose Dinge, während das andere im
- 0:55Raum stand, das Pfeifen in ihrem Atem, das jetzt immer da war,
- 0:59auch wenn sie schwieg. Er kannte das Pfeifen nicht,
- 1:02hatte es nie gehört, bei niemandem.
- 1:04Und doch wusste sein Körper, was es bedeutete, so wie ein Körper
- 1:07Dinge weiß, die der Kopf nicht weiß, dass da etwas zuging,
- 1:10langsam eine Leitung, die sich verengte, ein Schlauch, der
- 1:14dicht machte und dass es nicht von selbst wieder aufging, sie
- 1:17hatte einen Eingriff gebraucht, das hatte ein Arzt gesagt, vor
- 1:21Monaten, etwas planbares, nichts Großes, eine Sache von einem
- 1:25Tag, wenn man dran kam. Wenn man dran kam.
- 1:29Das war der Haken, an dem alles hing.
- 1:30Das kleine Wort, das Niklas damals überhört hatte, weil er
- 1:34es nicht hatte hören wollen. Man kam nicht dran, man stand
- 1:37auf einer Liste, und die Liste bewegte sich nicht, jedenfalls
- 1:40nicht für seine Mutter, und während sie sich nicht bewegte,
- 1:44machte der Schlauch in ihrer Brust langsam dicht, Woche um
- 1:47Woche, und niemand tat etwas, weil ja kein Notfall war, weil
- 1:51ja alles seine Ordnung hatte, weil ja zum gegebenen Zeitpunkt,
- 1:55Niklas hatte gedacht, er könne das ändern.
- 1:58Er war jetzt wer, er hatte Ruten unter sich und eine Mannschaft
- 2:02und einen Namen in der Bewegung. Und er hatte geglaubt, das
- 2:05zähle, das müsse zählen. Ein Sohn, der Wer war, müsse
- 2:10seine Mutter doch nach vorn bringen können.
- 2:12Er hatte sich geirrt, das war das erste, was anfing, ihm den
- 2:16Boden wegzuziehen, schon bevor er die Liste sah, dass alles,
- 2:20was er geworden war, seiner Mutter nicht half, dass es keine
- 2:23Tür gab, an die er klopfen konnte.
- 2:25Dass sein Aufstieg, sein ganzer Stolz an dieser einen Sache
- 2:29abglitt wie ein Fremdwort. Der Termin war wieder verschoben
- 2:33worden, zum dritten Mal. Es kam ein Brief, derselbe
- 2:36Brief, wie immer, höflich, glatt, mit den Wörtern, die an
- 2:40Niklas Abglitten zum gegebenen Zeitpunkt bedarfsgerechte
- 2:43Steuerung und ganz unten der Satz, der jedes Mal stand und
- 2:46jedes Mal nichts bedeutete, dass man sich melden werde, sobald
- 2:50eine Kapazität verfügbar sei. Niklas hatte aufgehört, den
- 2:53Briefen zu glauben, er hatte angefangen, etwas.
- 2:55Was anderes zu tun, etwas, das er für richtig gehalten hatte,
- 2:59weil er jetzt wer war, weil er Leute kannte.
- 3:02Er hatte versucht, es zu regeln, er hatte Sandra gefragt,
- 3:05vorsichtig, ob man da nicht etwas machen könne, seine Mutter
- 3:09sei krank, eine Arbeiterin, eine von den ihren, und ob es nicht
- 3:12jetzt, wo die Bewegung regierte, eine Möglichkeit gebe, einen
- 3:16Weg, einen Anruf, irgendetwas. Sandra hatte ihn angesehen mit
- 3:21der Wärme, die echt war und gesagt, sie verstehe das, sie
- 3:25werde sehen, was sich machen lasse und Niklas hatte ihr
- 3:27geglaubt, weil man Sandra glaubte und dann war nichts
- 3:31geschehen. Der Termin war wieder gerutscht
- 3:34und als er noch einmal fragte, war in Sandras Gesicht etwas
- 3:37gewesen, das er nicht hatte deuten können, ein Ausweichen,
- 3:40ein Schatten und sie hatte gesagt, das laufe alles über das
- 3:43System. Da habe niemand Einfluss, das
- 3:45sei ja gerade das Gerechte daran, dass niemand sich
- 3:48vordrängeln könne. Und Niklas hatte genickt und
- 3:51nicht verstanden, dass in diesem Satz schon alles lag, die ganze
- 3:54Wahrheit, die ihm erst Tage später den Boden wegziehen
- 3:57würde. Er hatte Sandra nicht aufgehört
- 3:59zu mögen, das machte es schwerer, nicht leichter, Sandra
- 4:03war warm, Sandra war echt, Sandra hatte ihn gesehen damals,
- 4:07als ihn niemand sah, hatte sein Display angehen lassen und
- 4:11nichts an dem, was jetzt geschah, nahm das Weg.
- 4:14Aber er Begriff langsam in den Tagen nach diesem Gespräch, dass
- 4:18Sandras Wärme und das, was seiner Mutter geschah, sich
- 4:21nicht widersprachen, dass sie nebeneinander bestehen konnten,
- 4:24in derselben Bewegung, in denselben Menschen, dass man
- 4:27warm sein konnte zu dem einen und kalt zu dem anderen, ohne es
- 4:31selbst zu merken, weil die Kälte nicht in den Menschen saß,
- 4:34sondern in der Liste, die durch sie hindurchlief Sandra rechnete
- 4:38niemanden nach hinten, Sandra hätte das nie getan.
- 4:43Sandra reichte nur die Wärme weiter und die Liste weiter,
- 4:46beides ohne zu sehen, dass das eine das andere fütterte.
- 4:49Und das war vielleicht das Schlimmste an der ganzen Sache.
- 4:52Schlimmer als Mikes Kälte, dass die Wärme und das Sortieren von
- 4:56denselben Händen kamen von guten Händen, die nicht wussten, was
- 5:00die andere Hand tat, es geschah im Lager.
- 5:03Im Materiallager der Bewegung draußen am Stadtrand, wo Niklas
- 5:07jetzt arbeitete, wo er eine Mannschaft hatte und Routen
- 5:10plante und versiegelte Kisten verlud, die ein Etikett trugen.
- 5:14Aus 2 Silben, an das er sich gewöhnt hatte, ohne es zu lesen.
- 5:17Es war eine gute Sache gewesen, dieses Lager, so hatte man es
- 5:21ihm erklärt, und so hatte er es geglaubt.
- 5:24Der Dienstleister brauchte jemanden, der die Geräte in der
- 5:26Fläche verteilte, in jedes Amt, jede Klinik, jedes Jobcenter.
- 5:31Und die Bewegung hatte die Halle und die Leute und die Fahrzeuge.
- 5:34Und warum sollte das Geld an eine Spedition gehen, wenn es
- 5:37genauso gut bei den eigenen Leuten bleiben konnte?
- 5:40Sandra hatte es damals so gesagt mit dieser
- 5:43Selbstverständlichkeit, die alles einfach machte, dass man
- 5:46Arbeit für die schaffe, die keine bekämen, und dass man
- 5:49nebenbei die Organisation trage. Niklas hatte darin nichts
- 5:53schiefes gesehen. Er hatte darin gesehen, dass er
- 5:56zum ersten Mal seit dem Lager wieder eine Mannschaft hatte.
- 5:59Was er verteilte, waren keine großen Dinge, Terminals, flach,
- 6:03grau ins Styropor gebettet, Kartenleser mit einem Kabel, die
- 6:08kleinen Scanner für die Aufnahmetresen, sein Trupp trug
- 6:11sie in die Ämter und stellte sie auf die Theken und schraubte die
- 6:14Halterungen fest. Und danach kam jemand anderes
- 6:17und schaltete sie frei, und Niklas hakte die Zeile ab und
- 6:20fuhr zur nächsten Adresse. 60 Stück in einer Woche 80 in der
- 6:24nächsten eine ganze Stadt, Tresen für Tresen, bis in jedem
- 6:28Wartezimmer eines Stand und niemandem mehr auffiel, dass es
- 6:31dort erst seit einem halben Jahr stand.
- 6:34Mike war da an diesem Abend, Mike mit der kalten Kante, der
- 6:37nie warm geworden war, zu Niklas, der ihn ansah, als
- 6:40rechne er ihn aus jedes Mal, und ihn jedes Mal zu leicht befand.
- 6:44Sie luden eine Lieferung Niklas und seine Leute und es gab ein
- 6:48Problem mit den Papieren. Eine Kiste, deren Lieferschein
- 6:51nicht stimmte und Mike kam dazu, fluchte, riss die Papiere an
- 6:56sich und in dem Durcheinander lag plötzlich ein Blatt offen da
- 6:59auf der Laderampe unter dem kalten Licht ein Blatt, das
- 7:02Niklas nicht hätte sehen sollen. Er sah es trotzdem, er konnte
- 7:06das meiste nicht lesen, die langen Wörter glitten ab wie
- 7:09immer, aber er sah genug. Er sah eine Liste Kriterien in
- 7:14Spalten mit Zahlen, Danebengewichten und über der
- 7:16Liste ein Name aus 2 Silben derselbe, der auf den Kisten
- 7:20stand, und Niklas, der die Kisten ein Jahr lang gefahren
- 7:22hatte, ohne zu wissen, was darin war, sah zum ersten Mal was,
- 7:26erfuhr die grauen Kästen auf den Theken waren nicht Zubehör, sie
- 7:30waren die Enten an jedem von ihnen wurde ein Mensch in die
- 7:34Maschine eingegeben, jeden Tag 100, mal an 60 Tresen, die er
- 7:38selbst aufgestellt hatte. Und was dann mit ihm geschah,
- 7:41entschied diese Liste. Er hatte die Maschine nicht
- 7:44gebaut, er hatte ihr die Hände hingetragen, eine nach der
- 7:48anderen, und festgeschraubt, er hatte die Kisten gefahren, ohne
- 7:52zu fragen, das war die Regel gewesen, von Anfang an, im Lager
- 7:57lernt man nicht zu fragen, was in den Kisten ist, man fährt
- 8:00sie, man stapelt sie, man hakt sie ab und das Nichtfragen war
- 8:04bequem gewesen, war warm gewesen, weil das Fragen Arbeit
- 8:07war und Ärger und manchmal Schlimmeres.
- 8:11Er hatte ein Etikett gesehen, 2 Silben und nie gedacht, was es
- 8:15bedeutete, weil ein Etikett nur ein Etikett war, ein Aufkleber
- 8:19auf einem Karton, und niemand denkt über einen Aufkleber nach.
- 8:23Jetzt mit dem Blatt vor sich auf der Rampe, dachte er zum ersten
- 8:26Mal nach, und das Denken tat weh, körperlich, wie wenn man
- 8:30einen Muskel benutzt, den man nie benutzt hat, die 2 Silben
- 8:34auf den Kisten und die 2 Silben über der Liste waren dieselben,
- 8:37das war keine schwere Rechnung. Das war eine Rechnung, die sogar
- 8:40Niklas machen konnte, der die langen Wörter nicht lesen
- 8:43konnte. Was erfuhr und was die Liste
- 8:45war, war dasselbe, er hatte ein Jahr lang die Maschine durch die
- 8:49Stadt gefahren, Stück für Stück, in versiegelten Kisten, und die
- 8:53Maschine rechnete Menschen in Felder und in einem der Felder,
- 8:57ganz unten stand seine Mutter, und er las mühsam Wort für Wort,
- 9:02was in den Spalten stand, er verstand nicht jedes Wort, aber
- 9:05er verstand die, auf die es ankam.
- 9:08Wiedereingliederung. Das verstand er nicht.
- 9:10Beitrag, Das verstand er, Verankerung das nicht und dann
- 9:14eine Spalte, die einfacher war als die anderen, fast wie für
- 9:18ihn gemacht, mit Werten hoch und niedrig und daneben was die
- 9:22Werte bedeuteten. Und Niklas las langsam, dass ein
- 9:26Mensch, der arbeitete, der Jung war, der gesund war, der dem
- 9:29System nützte, einen hohen Wert bekam und dass ein Mensch, der
- 9:33Alt war, der krank war, der nicht mehr arbeitete, der dem
- 9:36System zur Last fiel, einen niedrigen bekam.
- 9:39Und dass der niedrige Wert bedeutete, was Niklas an seiner
- 9:42Mutter sah. Jeden Donnerstag 3 Stockwerke
- 9:45hoch, dass man wartete, dass man nachrangig war, dass der Termin
- 9:50rutschte und rutschte zum gegebenen Zeitpunkt, bis kein
- 9:53Zeitpunkt mehr kam. Was guckst du, sagte Mike Niklas
- 9:57sah auf. Mike stand vor ihm, das Blatt
- 10:01schon wieder in der Hand und in seinem Gesicht war die kalte
- 10:04Kante und etwas anderes eine Art Vergnügen, fast das Vergnügen
- 10:08eines Menschen, der einem anderen etwas erklären darf, das
- 10:11er längst weiß. Das ist die Zuteilung, sagte
- 10:14Niklas, Es war keine Frage, das, was wir fahren, das rechnet aus,
- 10:18wer drankommt. Klar, sagte Mike, Was dachtest
- 10:21du denn, was wir fahren? Suppe, es sortiert die Leute.
- 10:25Es sortiert die richtigen nach vorn, sagte Mike, und in seiner
- 10:28Stimme war der Stolz, mit dem er das Wort richtigen sagte, das
- 10:31Wort, das Niklas ein Jahr lang gewärmt hatte, die, die was
- 10:34leisten, die, die das Land tragen, nicht die, die bloß
- 10:37dranhängen. So muss das sein, sonst zahlst
- 10:41du ewig für Leute, die nichts mehr bringen, Leute, die nichts
- 10:44mehr bringen, wiederholte Niklas die alten, die Kranken, die, die
- 10:49nur noch kosten. Mike zuckte mit den Schultern,
- 10:52als spreche er über Lagerbestände, über Wahre, die
- 10:55sich nicht mehr drehte. Irgendwann ist halt Schluss, das
- 10:58ist nicht böse, das ist rechnen, eine Gesellschaft muss rechnen,
- 11:02sonst geht sie unter die Schwachen zuerst.
- 11:04Das hatten wir schon, das hat uns fast ruiniert, jetzt rechnen
- 11:08wir richtig, die brauchbaren zuerst, die brauchbaren zuerst.
- 11:12Aes traf ihn nicht im Kopf, im Kopf war es zu groß, zu langsam,
- 11:17im Kopf glitt es noch ab, wie die langen Wörter.
- 11:20Es traf ihn im Körper, da, wo Niklas alles Begriff, was er
- 11:24Begriff, und es traf ihn mit einer Wucht, die ihn nach der
- 11:27Rampe greifen ließ, weil die Knie ihn nicht mehr hielten.
- 11:31Seine Mutter war eine von denen, die nichts mehr brachten, das
- 11:34war es, das war der Faden, der vor Wochen zerrissen war, der
- 11:38sich ihm weggeglitten war, weil sein Kopf nicht dafür gemacht
- 11:41war, jetzt riss er nicht, jetzt zog er sich zusammen mit einem
- 11:44Ruck, und alles hing daran, alles, was Niklas ein Jahr lang
- 11:47nicht hatte sehen können. Weil er zu nah dran gewesen war,
- 11:50in der Wärme geblendet. Die Liste, die er fuhr, der
- 11:54Wert, den sie seiner Mutter gegeben hatten, niedrig, der
- 11:57Termin, der rutschte Sandras ausweichen, da hat niemand
- 12:01Einfluss, weil es ja gerade so gebaut war, dass niemand
- 12:04Einfluss hatte, dass kein Name half, keine Mutter, kein
- 12:07Verdienst, nur der Wert und der Wert seiner Mutter war niedrig,
- 12:11weil sie alt war und krank und nicht mehr arbeitete, weil sie
- 12:14nach der Liste, die Niklas fuhr, nichts mehr brachte.
- 12:17Das System, an das er geglaubt hatte, das ihn gewärmt hatte,
- 12:20dass die unseren zuerst gesagt hatte, es hatte nie die unseren
- 12:23gemeint, es hatte die brauchbaren gemeint und seine
- 12:27Mutter, die ihr Leben lang 3 Jobs gehabt hatte, die
- 12:30Treppenhäuser geputzt und Kantinen ausgegeben und ihn
- 12:33großgezogen hatte, allein mit Suppe und einer Härte.
- 12:36Die Liebe war. Seine Mutter war jetzt nicht
- 12:38mehr brauchbar, war ein schlechter Posten, war Wahre,
- 12:41die sich nicht mehr drehte und das System, das erfuhr, das er
- 12:44mit aufgebaut hatte, Kiste um Kiste, sortierte sie nach.
- 12:47Hinten, bis sie starb. Er hatte gedacht, er sei
- 12:50aufgestiegen. Das war der Witz, der bitterste,
- 12:52den Niklas in diesem Moment auf der Rampe verstand.
- 12:55Er hatte gedacht, er habe es geschafft, er sei drin, er
- 12:57gehöre dazu, einer von den richtigen von denen, die nach
- 13:00vorn sortiert wurden, und vielleicht stimmte das sogar,
- 13:04vielleicht hatte er einen hohen Wert, jung, gesund, brauchbar,
- 13:08vielleicht würde die Maschine ihn nach vorn rechnen, wenn er
- 13:10sie brauchte, aber das war es ja gerade.
- 13:14Das war die Falle, in die er gegangen war.
- 13:16Mit offenen Augen, ein Jahr lang, dass er nach vorn sortiert
- 13:20wurde und seine Mutter nach hinten vom selben System, in
- 13:23derselben Bewegung, und dass das kein Versehen war, kein Fehler,
- 13:27den man melden und beheben konnte, sondern der Sinn der
- 13:30Sache. Es sortierte ihn nach vorn, weil
- 13:33es sie nach hinten sortierte, die Wärme, die er bekommen
- 13:36hatte, war dieselbe Kälte, die sie traf, von der anderen Seite
- 13:39gesehen. Er hatte sich wärmen lassen an
- 13:42einem Feuer, das seine Mutter verbrannte.
- 13:44Und er hatte nicht gefragt, woher die Wärme kam.
- 13:46Weil das Fragen wehgetan hätte, weil es leichter war, warm zu
- 13:50sein und nicht zu fragen. Und er hatte es ihr versprochen,
- 13:54das war das Schlimmste, das, was ihm, den Mageninhalt, in die
- 13:57Kehle trieb. Er hatte an ihrem Küchentisch
- 13:59gesessen, ihre graue Hand gehalten und ihr versprochen,
- 14:03dass die neuen sich um Leute wie sie kümmerten.
- 14:06Er hatte ihr das Wort gesagt, Verlässlichkeit, das Wort, das
- 14:09auf den Briefen stand, die sie nach hinten schoben.
- 14:13Er hatte ihr die Wärme weitergegeben, an der er sich
- 14:15gewärmt hatte, und die Wärme war das Feuer gewesen, das sie
- 14:18verbrannte und er, Niklas, hatte das Holz nachgelegt, ein Jahr
- 14:23lang, mit jeder Kiste, die er fuhr.
- 14:25Er beugte sich über den Rand der Rampe und übergab sich kurz
- 14:29hart, während Mike etwas sagte, das er nicht hörte.
- 14:32Irgendetwas verächtliches, zu viel gesoffen oder was ist mit
- 14:36dem und Niklas richtete sich auf, wischte sich den Mund und
- 14:40in ihm war es kalt geworden, ganz kalt der Ladestand auf 0,
- 14:44das Display schwarz und in der Schwärze ganz klein, ein
- 14:48einziger heller Punkt, eine Entscheidung, die noch keinen
- 14:51Namen hatte. Er wartete, bis Mike Weg war,
- 14:54bis die anderen Weg waren, bis das Lager leer war und nur noch
- 14:58das kalte Licht über der Rampe brannte und die versiegelten
- 15:01Kisten in den Regalen standen. Mit dem Etikett aus 2 Silben.
- 15:04Das Blatt lag nicht mehr da, Mike hatte es mitgenommen, aber
- 15:09Niklas wusste jetzt, wonach er suchte, und er wusste, wo solche
- 15:12Blätter lagen, weil er die Ruten plante, weil er die
- 15:15Lieferscheine kannte, weil er, ohne es zu wollen, ein Jahr lang
- 15:19gelernt hatte, wie das Lager atmete.
- 15:22Er ging in das kleine Büro hinten, in dem die Papiere
- 15:24lagen, die Begleitscheine, die Spezifikationen, die zu den
- 15:28Lieferungen gehörten, und er suchte mit zitternden Händen,
- 15:32und er fand, was er suchte, ein Blatt wie das auf der Rampe
- 15:36vielleicht dasselbe, vielleicht ein anderes, es war egal.
- 15:39Es stand dasselbe darauf, die Liste, die Kriterien, die
- 15:43Spalten, der Name aus 2 Silben, er hätte es nicht lesen können,
- 15:47das meiste, aber er musste es nicht lesen.
- 15:51Er musste nur wissen, dass es das war.
- 15:52Das Ding, das seine Mutter nach hinten rechnete, das Ding, das
- 15:56er gefahren hatte, ohne es zu kennen.
- 15:58Er nahm sein Telefon heraus, die Hände noch zitternd und
- 16:01fotografierte es Seite um Seite im kalten Licht, und er wusste
- 16:05nicht genau warum, wusste nicht, was er damit tun würde, wusste
- 16:08nur mit dem Teil von ihm, der tiefer saß als der Kopf, dass
- 16:12dieses Blatt wichtig war, dass es das einzige war, was er gegen
- 16:15das hatte, was sie seiner Mutter antaten, dass ein Mensch, der
- 16:17nichts hat, wenigstens einen Beweis nehmen kann, ein Bild.
- 16:21Bild ein Stück Wahrheit, dass er festhält, wenn er sonst nichts
- 16:24festhalten kann. Er hatte nie etwas festgehalten,
- 16:27das war es vielleicht, was seine Hände so sicher machte in diesem
- 16:30Moment, so ruhig, während alles andere zitterte, dass Niklas
- 16:35sein Leben lang nichts in der Hand gehabt hatte, kein
- 16:38Druckmittel, keine Macht, nichts, womit er sich hätte
- 16:41wehren können gegen die, die über ihm standen und ihn fahren
- 16:44ließen und abhakten und vergaßen, er hatte immer nur
- 16:47fahren können, was man ihm sagte.
- 16:49Jetzt zum ersten Mal, hatte er etwas, das die anderen nicht
- 16:53haben wollten, dass er hatte etwas, das sie versteckt hielten
- 16:56in versiegelten Kisten hinter 2 harmlosen Silben, und das machte
- 17:00es kostbar, kostbarer als alles, was Niklas je besessen hatte.
- 17:04Es war nur ein Bild auf einem Telefon, aber es war das Bild
- 17:08von dem, was sie taten, im Verborgenen, mit Listen und
- 17:11Spalten und werten, und solange er das Bild hatte, konnten sie
- 17:15nicht sagen, dass es das nicht gab.
- 17:17Sein Körper wusste das, bevor sein Kopf es wusste.
- 17:20Sein Körper hatte das Telefon herausgeholt und fotografiert,
- 17:24ganz von allein, weil ein Körper, der ein Jahr lang Kisten
- 17:27geschleppt hat, weiß, was ein Beweisstück ist.
- 17:30Auch wenn er das Wort nicht kennt, dann legte er das Blatt
- 17:33zurück, genauso wie es gelegen hatte, weil etwas in ihm ein
- 17:37alter Lagerinstinkt wusste, dass man keine Spur hinterlässt.
- 17:41Er steckte das Telefon ein und in dem Telefon lag jetzt das
- 17:44Bild, klein leuchtend, ein Beweis in der Dunkelheit, und
- 17:48Niklas Stand allein in dem leeren Lager zwischen den
- 17:51Kisten, die er nicht mehr fahren würde, und spürte, dass etwas in
- 17:54ihm zu Ende gegangen war, etwas, das ein Jahr lang gewärmt hatte
- 17:58und das jetzt nur noch Kälte war, eine reine, klare Kälte, in
- 18:02der ein einziger Gedanke stand, fest, unverrückbar, der erste
- 18:05feste Gedanke seit langem, dass er das hier nicht mehr fahren
- 18:08würde. Dass er aussteigen würde, dass
- 18:12die Wärme, die ihn gerettet hatte, seine Mutter umbrachte
- 18:15und dass er sich entscheiden musste, jetzt zwischen der Wärme
- 18:18und ihr und dass er sich schon entschieden hatte, in dem
- 18:21Moment, in dem er das Telefon herausgenommen hatte, auch wenn
- 18:25er noch nicht wusste, wohin er gehen würde mit dem Bild, das in
- 18:28seiner Tasche brannte. Er ging hinaus in die
- 18:30Sommernacht durch das Tor, das er hundertmal durchfahren hatte,
- 18:34und über ihm hing der Himmel, und in den Fenstern der fernen
- 18:37Wohnblocks brannte das blaue Licht der Bildschirme, in dem
- 18:40dieselbe Zahl stand, die seine Mutter nach hinten schob, 3
- 18:43Stockwerke hoch, hinter einem Fenster, in dem jetzt kein Licht
- 18:46mehr brannte, weil sie schlief oder weil sie wach lag und auf
- 18:49einen Termin wartete, der nie kam.
- 18:52Niklas blieb stehen in der warmen Nacht, die ihm kalt war,
- 18:56und holte das Telefon heraus und sah das Bild an, das er nicht
- 18:59lesen konnte, und dachte an seine Mutter.
- 19:01Und dann dachte er, zum ersten Mal seit der Schule an einen
- 19:05anderen Menschen, an ein Gesicht aus einer anderen Zeit, an eine,
- 19:08die geschrieben hatte, die immer geschrieben hatte, schon damals
- 19:12in der Klasse, wie hieß sie noch Brandt, Lena Brandt, die war
- 19:17doch bei der Zeitung, die schrieb doch so was.
- 19:20Er steckte das Telefon ein und ging nach Hause und in seiner
- 19:23Tasche brannte das Bild und zum ersten Mal seit einem Jahr war
- 19:26ihm nicht warm und nicht kalt, sondern wach, hellwach, auf eine
- 19:30Art, die Wehtat und die er nicht mehr loswerden wollte.