Latest / Die Abschweifung / Die Abschweifung 49 Perfektion - Veröffentlichen statt verzweifeln
Transcript
- 0:00Hallo und willkommen zu einer Ausgabe der Abschweifung, da wo ich gelegentlich, eigentlich
- 0:22immer vom Thema abschweife. Bitte entschuldigt meine Stimme, ich bin immer noch ein bisschen
- 0:31angeschlagen oder mal wieder. Eigentlich seit kurz nach Weihnachten bis jetzt irgendwie durchgehend.
- 0:39Etwas, was mich wirklich sehr hart nervt. Aber naja, sei es drum. Das heutige Thema ist Perfektionismus.
- 0:55Ja, ich leide selber unter Perfektionismus, aber ich habe mir beigebracht, irgendwann mal zu sagen,
- 1:07jetzt ist es fertig. Das musste ich schmerzlich mir selbst beibringen nach meinem Schlaganfall.
- 1:18Ich musste alles neu lernen. Ich musste schlucken, sitzen, laufen, reden. Ich hatte eine Wortfindungsstörung
- 1:34Und ich weiß jetzt, wenn die Leute sagen, ja, aber ohne diesen Ansporn, es besser zu machen,
- 1:41wärst du nicht da, wo du heute bist. Doch, weil ich mir auch gesagt habe,
- 1:48du hast jetzt einen Erfolg und das ist gut. Also ich weiß, dass man immer noch etwas
- 1:55verbessern kann und hier und da
- 2:04optimieren kann. Selbst jetzt, ja, ich habe
- 2:06immer wieder noch Wortfindungsstörungen zu
- 2:11tun und seit meinem
- 2:14Schlaganfall habe ich einfach für mich
- 2:18erkannt, dass ich egal wie viel
- 2:20Arbeit und Energie ich in etwas rein
- 2:20stecke. Irgendwann muss ich mal sagen, das ist gut so, weil es sich nicht verändert. Und genauso war
- 2:27es halt auch mit dem Blog, dem Podcast, den Videos, die ich gemacht habe, der Musik, die ich mache.
- 2:36Ich habe vor dem Schlaganfall immer so lange an etwas herumgetüftelt, so lange mir versucht,
- 2:47einzureden, ja, das muss ich besser machen,
- 2:53hier muss noch etwas optimieren, da
- 2:56noch etwas, dass ich nie fertig
- 3:00geworden bin. Und
- 3:00jetzt denke ich mir, ja, das ist okay,
- 3:09das ist gut, kann raus. Ich habe
- 3:13früher Ewigkeiten an einem Blogtext
- 3:13gesessen. Es kommt noch hinzu, ich bin
- 3:18Legastheniker, da sind viele
- 3:21Rechtschreibfehler drin. Ich musste es zur
- 3:24Korretur geben. Die haben da manchmal
- 3:27auch noch was grammatikalisch geändert.
- 3:30Dann habe ich wieder was geändert, dann
- 3:33ging das wieder zurück. Ich meine, ich bin
- 3:38dankbar für die Hilfe, keine Frage.
- 3:39Der MTC hat damals sehr viel gemacht, bis er irgendwann mal gesagt habe,
- 3:44ich kann das nicht mehr, also das ist zu viel.
- 3:48Und dafür habe ich auch Verständnis, dass es dann irgendwann mal zu viel ist.
- 3:53Aber ich war nie zufrieden mit den Texten oder mit den Videos.
- 4:01Also habe ich da etwas versucht und hier und so was zu verändern, da was zu optimieren.
- 4:0799,999999 Periode den perfekten Mix, das perfekte Bild im Video, die perfekte Grafik, den perfekten
- 4:23Text abliefern können, ich wäre nie zufrieden gewesen. Und wenn ich überlege, wie viel Energie
- 4:29ich da reingesteckt habe in diese Sachen, wie viel Zeit, nur um es noch ein bisschen besser
- 4:37zu machen. Das hat im Endeffekt nur dazu geführt, dass ich nie etwas wirklich fertig gemacht habe,
- 4:44weil ich der Meinung war, es ist nicht gut. Es ist nicht gut genug. Und das sehe ich auch
- 4:52in meinem Umfeld. Ich habe Kollegen, mit denen ich einen Podcast mache. Zumindest bei einem ist das
- 5:01so, der ist super brillant was Musik angeht. Er hat so viel mehr Musikalität in den kleinen
- 5:10Finger, wie ich in meinem ganzen Körper. Aber weil er immer irgendwie der Meinung ist,
- 5:15das ist nicht gut genug, das ist nicht perfekt, kommt da nichts. Ich zu meinem Teil weiß auch,
- 5:24ich könnte bei meiner Musik noch einiges rausholen. Ich könnte ja meinen Klang noch
- 5:29was optimieren, die Instrumente, die Mischung. Aber ich habe mir gesagt, wenn ich da jetzt
- 5:37monatelang an einem Ding rum experimentiere, werde ich nie etwas veröffentlichen. Und jetzt
- 5:43gehe ich hin und sage, das ist fertig, das geht raus. Und so veröffentliche ich seit einiger Zeit
- 5:54regelmäßig Musik. Die ist zwar ohne Erfolg, aber ich veröffentliche. Und wir hatten jetzt im
- 6:07Probe-Podcast einen Gast, der sagte, dass er so Schwierigkeiten hat, sein aktuelles Album zu beenden.
- 6:13Dass er dann noch so zwei, drei Lieder hat, wo er schon eine genaue Vorstellung von hat,
- 6:20aber das einfach nicht hinkriegt, diese halt so seinen Vorstellungen so entsprechend halt
- 6:25auszuproduzieren. Ja, und das Problem löse ich für mich so, ich mache kein Album mehr.
- 6:33Ich habe mich daran früher versucht, so 10, 12 Lieder, die alle so in einem Themenbereich sind,
- 6:41eine vielleicht sogar eine Geschichte erzählen. Das mache ich nicht mehr, weil ich das auch nicht
- 6:48hinbekomme. Also veröffentliche ich halt maximal eine EP mit 5, 6, manchmal 7 im Titel, weil wenn
- 6:58ich dann die Geschichte auserzählt habe oder dieses Konzept ausproduziert habe, dann ist es fertig,
- 7:07dann geht es raus. Das meiste, was ich veröffentliche, sind Singles oder halt EPs mit
- 7:152 L-Titel. Ja, was soll ich dazu sagen? Ich könnte mich da Monate aufhalten, wenn nicht sogar Jahre.
- 7:24Ich habe es ja früher nicht hingekriegt gehabt, weder bei der Malerei noch bei Texte schreiben,
- 7:33noch bei meinen Videos da großartig mehr zu machen als Labervideos, weil für alles andere
- 7:43hatte ich zu wenig Fähigkeiten, zu wenig Skills, um das, was ich halt für eine Idee im Kopf habe,
- 7:52es umzusetzen. Und da könnte man ja wieder sagen, ja dann üb und üb und üb und üb.
- 7:58Nee, dann habe ich halt lieber etwas gemacht, was ich halt kann, wo halt das Ergebnis okay ist oder
- 8:07gut, nicht perfekt, aber gut und habe es halt rausgehauen. Und so ist es auch bei den Blocktexten.
- 8:16Das habe ich früher in der Energie reingesteckt und jetzt schreibe ich sie oder diktiere sie,
- 8:24heißt Legasthenica, ist das ja immer so ein Ding, und gebe das dann halt Chat-GBT und dann sage ich
- 8:32korrigiere mir das bitte und wo Grammatikfehler sind, korrigiere diese. Ja, dann kriege ich den Text
- 8:40zurück, dann gehe ich noch mal durch, nehme hier und da noch eine Veränderung vor, lasse sie auch
- 8:45wieder korrigieren und dann habe ich den fertigen Text. Das ist dann zu 99 Prozent mein Text, den
- 8:54ich geschrieben habe, halt nur ohne Fehler. Und genau so mache ich das bei allen anderen Sachen
- 9:03auch. Ich habe nicht mehr diesen Anspruch, um etwas zu veröffentlichen, dass es super perfekt sein muss.
- 9:12Ich sehe das auch bei meiner Partnerin. Sie ist so ein kreativer Mensch. Wenn sie Texte schreibt,
- 9:20dann kann sie da so lange rumdoktern, bis der Text perfekt ist.
- 9:26Aber manchmal hat sie dann mitten in der Reimstruktur so einen Stilbruch,
- 9:32den ich ja gerade interessant finde, den gerade den fertigen Song interessant machen würde,
- 9:39weil ich da musikalisch etwas drumherum bauen kann,
- 9:43als wenn das super glatt ist.
- 9:46Ich glaube, ihr wisst, was ich meine.
- 9:49Und genauso ist es halt bei den Bildern, die sie machen.
- 9:55Ich sage das, wow, das ist toll, das ist richtig geil.
- 9:58Und sie, ja, es ist aber nicht perfekt.
- 10:01Ja, aber wenn sie etwas nicht richtig Perfektes abliefert
- 10:07und das dann perfekt machen muss,
- 10:10wird sie nie etwas abliefern,
- 10:12weil man sich dann halt in Kleinigkeiten, in Details verliert.
- 10:17Und ich sehe das bei vielen Leuten in meinem Bekanntenkreis, dass sie immer der Meinung sind, das ist nicht gut genug.
- 10:25Wenn meine Partnerin, die Sarah, einen Bekannten von sich fragt, der selber Musik macht, der Rap-Texte schreibt und auch rappt,
- 10:35"Du, wie findest du das?" Da sagt er immer, "Das musst du hier machen, das musst du da ändern."
- 10:41und sie geht dann hin und versucht das dann immer umzusetzen. Klar, so positives Feedback oder
- 10:50kritisches Feedback, was positiv ist, ist super wichtig und wertvoll, nur da kommt immer wieder
- 10:58"Nee, hier, das kannst du besser machen und das würde ich anders machen und das hier und das dort"
- 11:02und sie wird dann im Endeffekt nicht fertig. Dann habe ich doch lieber etwas, was gut ist,
- 11:08aber funktioniert, als wie etwas, was perfekt ist, aber nie fertig wird. Ich hoffe, ihr könnt meinen
- 11:19Gedanken, was das angeht, folgen. Es ist ja so, dass ich bis 2016, bis zum Schlaganfall,
- 11:26ja genauso gehandelt habe. Ich habe mir kritisches Feedback von Freunden, Bekannten geholt,
- 11:32die mir jetzt nicht so "ja, das ist alles toll, was du machst", sondern die auch mir eine ehrliche Meinung zurückgegeben haben und dieses Feedback berücksichtigt und dann eigentlich immer sehr verunsichert gewesen, dass das, was ich mache, nicht gut genug ist, nicht perfekt.
- 11:52Und so habe ich vieles, einfach Ewigkeiten. Ich habe manchmal wochenlang für einen Text,
- 11:57ich habe dann mehrere Texte, damit ich halt regelmäßig veröffentlichen kann,
- 12:02parallel gehabt, die gerade in Bearbeitung waren, weil das ja hin und her geschickt wurde,
- 12:07oder wo ich noch Korrekturen oder Verbesserungen vorgenommen habe,
- 12:12dass ich da so viel Arbeit, so viel Zeit und es war nie gut genug gemacht habe.
- 12:20Und das ist nämlich ein ganz großer, wirklich super großer Fehler.
- 12:23Wenn ich heute mir das anschaue, denke ich mir einfach nur.
- 12:30Tja, jetzt machst du es besser, weil jetzt haust du regelmäßig Content raus.
- 12:37Die Podcasts kommen regelmäßig aus, aber hier ist wirklich Flachliege.
- 12:41Die Texte kommen.
- 12:44Der Blog wird befeuert.
- 12:47Ich mache zwar keine Videos mehr auf YouTube, darüber haben wir ja schon gesprochen warum,
- 12:54aber wenn ich das machen würde, würde ich auch. Im Rahmen meiner Fähigkeiten so weit produzieren,
- 13:04dass es gut ist, dass man es veröffentlichen kann. Und das führt dazu, dass ich seit Wochen
- 13:14regelmäßig Musik veröffentliche, schon seit längerer Zeit halt die verschiedenen Podcast-Projekte,
- 13:22den Blog, und ich sehe einfach die Ergebnisse und ich bekomme neben halt kritischen Rückmeldungen,
- 13:32ja, der Zaun könnte hier ein bisschen besser sein, die Einstellungen, den und den Effekt müsste noch
- 13:40ein bisschen anders gemacht werden,
- 13:46bekomme ich aber so viel Positives zurück, dass
- 13:48den Leuten das gefällt, dass sie das
- 13:51toll finden, dass ich mir sage, ja die
- 13:53Entscheidung war richtig gewesen. Lass
- 13:56diesen Perfektionismus, Sascha, einfach
- 13:58mal ein bisschen zur Seite treten und
- 14:01freue dich daran, dass du etwas fertig
- 14:03gemacht hast. Weil das habe ich früher
- 14:03nicht. Ich habe nie etwas fertig gemacht, weil es nie perfekt war. Und ich finde es traurig,
- 14:11dass ich erst einen Schlaganfall kriegen musste, um das zu ändern. Und das ist für mich der Punkt,
- 14:17nämlich ich habe durch dieses krasse Erlebnis so viel in meinem Leben anders gemacht und habe
- 14:25dadurch so viel Neues gelernt, dass ich heute an dem Punkt bin, dass ich sagen kann,
- 14:33du hast davon profitiert, auch wenn du so viel verloren hast. Hast du davon auf der anderen
- 14:39Seite profitiert? Ja, das sage ich mit 48. Ich bedanke mich dafür, dass ihr halt in dieser
- 14:49Ausgabe wieder dabei wart und bis zu Ende gehört habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr auch eine
- 14:54der anderen Produktionen aus dem Hause Lautfunk Publikationskartell hören oder lesen würdet.
- 15:02Es gibt einen Blog, wo psychologische Themen, aber auch Themen, die mich interessieren,
- 15:09behandelt werden. Es gibt verschiedene Podcast-Formate. Es gibt den Probe-Podcast,
- 15:16wenn du dich für die Musikproduktion aus Sicht eines Hobby-Musikers dafür begeistern kannst.
- 15:23Ja, das war's. Mehr gibt's zur Zeit nicht. Ja, dann sage ich danke schön, dass du da warst
- 15:33und bis zum nächsten Mal. Tschüss, dein Sascha.
- 15:36[Musik]