Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 631-634
Transcript
- 0:00Unterkapitel 631 aus den Zeiten her hier blickt Nietzsche in die
- 0:06Geschichte zurück, um zu erklären, warum wir uns mit
- 0:08Zweifeln so schwer tun. Früher, in alten Zeiten, waren
- 0:13die Menschen daran gewöhnt, an den Besitz der absoluten
- 0:15Wahrheit zu glauben, man glaubte, was Autoritäten sagten,
- 0:20Autoritäten sind zum Beispiel Väter, Freunde, Lehrer oder
- 0:24Fürsten, wenn diese Personen etwas sagten, nahm man es als
- 0:28wahr an. Man ergab sich ihnen auf Gnade
- 0:31oder Ungnade, das heißt, man vertraute ihnen blind.
- 0:35Deshalb empfinden viele Menschen heute noch ein tiefes Unbehagen,
- 0:39wenn sie skeptisch sein sollen. Skepsis bedeutet, Dinge in
- 0:43Zweifel zu ziehen und nicht sofort zu glauben, Relativismus
- 0:47bedeutet zu erkennen, dass Wahrheiten oft vom Blickwinkel
- 0:50abhängen, das fühlt sich für viele Menschen unangenehm an,
- 0:54wenn sie nicht blind vertrauen können, bekommen sie fast ein
- 0:56schlechtes Gewissen. Nietzsche hat Verständnis dafür.
- 1:00Dieser Hang zum festen Glauben ist menschlich und verständlich,
- 1:04aber er sagt auch, das gibt uns kein Recht, die Entwicklung der
- 1:08menschlichen Vernunft zu kritisieren.
- 1:11Der menschliche Geist entwickelt sich weiter, der moderne
- 1:14wissenschaftliche Geist bringt eine neue Tugend hervor, die
- 1:18Vorsidige Gusu, die vorsichtige Enthaltung, das bedeutet, dass
- 1:23man sich mit einem Urteil zurückhält, wenn man es nicht
- 1:25sicher weiß. Man ist mäßig und vorsichtig,
- 1:28anstatt sofort eine feste Meinung hinaus zu posaunen.
- 1:32Nietzsche vergleicht hier 2 Typen von Menschen, die der
- 1:35Dichter Johann Wolfgang von Goethe in seinem Werk Torquato
- 1:38Tasso dargestellt hat, den theoretischen Antonio, er steht
- 1:43für den vorsichtigen, abwägenden Denker, den Tasso, er ist der
- 1:48Mann der Leidenschaft und der festen Überzeugung, er ist eher
- 1:52ein Künstler und handelt oft unüberlegt.
- 1:55Der et Mensch der Überzeugung, wie Tasso versteht, den
- 1:58vorsichtigen Denker wie Antonio nicht.
- 2:01Er hat auch ein Recht dazu, ihn nicht zu verstehen, weil er in
- 2:04seiner eigenen Welt der Gefühle lebt, aber der wissenschaftliche
- 2:08Mensch Antonio darf den Gefühlsmenschen nicht tadeln
- 2:11oder verurteilen, er muss verstehen, dass der Mensch der
- 2:15Überzeugung ihn braucht, der Gefühlsmensch wird sich immer
- 2:18wieder an den Denker klammern, so wie Tasso sich am Ende an
- 2:21Antonio festhält, das bedeutet? Die Leidenschaft braucht die
- 2:25Vernunft als halt, auch wenn sie sie oft nicht versteht.
- 2:29Unterkapitel 632 wer seine Meinung nicht ändert, bleibt
- 2:34zurück in diesem Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit
- 2:38Menschen, die ihr Leben lang an ein und derselben Überzeugung
- 2:41festhalten. Er sagt, dass jemand, der nie
- 2:44verschiedene Ansichten und Meinungen durchlaufen hat,
- 2:47sondern immer nur in dem Glauben stecken bleibt, der ihn zuerst
- 2:50eingefangen hat, ein Vertreter vergangener rückständiger
- 2:53Kulturen ist. Nietzsche erklärt, dass diese
- 2:56Unwandelbarkeit, also das sture festhalten an einer einzigen
- 2:59Sichtweise, oft auf einem Mangel an Bildung beruht.
- 3:03Bildung bedeutet hier für ihn die Fähigkeit, sich zu Formen
- 3:07und zu verändern. Wer diesen Mangel hat, ist oft
- 3:10hart, verständnislos und nicht bereit, etwas Neues zu lernen.
- 3:14Solche Menschen sind oft misstrauisch, handeln ohne
- 3:17langes Nachdenken und greifen zu allen Mitteln, um ihre Meinung
- 3:20gegen andere durchzusetzen. Nietzsche gibt zu, dass diese
- 3:24starre Haltung in früheren Zeiten vielleicht notwendig war
- 3:27und sogar eine gewisse Kraftquelle sein kann in
- 3:30Kulturen, die zu frei oder zu entspannt geworden sind, kann so
- 3:34eine Härte heilsam wirken, weil sie Widerstand erzeugt.
- 3:37Aber, so argumentiert Nietzsche weiter, die feinere und höher
- 3:41entwickelte Kultur entsteht nicht durch diese Starrheit, die
- 3:45wahre Bildung und Weiterentwicklung des Menschen
- 3:47zeigt sich in jenem Geist, der gezwungen ist, mit diesen sturen
- 3:50Menschen zu kämpfen. Und der dadurch lernt, flexibel
- 3:53und vielseitig zu sein. Unterkapitel 633 Wir sind klüger
- 3:59geworden als im Zeitalter der Reformation Nietzsche vergleicht
- 4:03in diesem Unterkapitel die Menschen seiner Zeit mit den
- 4:06Menschen aus der Zeit der Reformation.
- 4:08Die Reformation war eine religiöse Erneuerungsbewegung im
- 4:1116. Jahrhundert, die zur Spaltung
- 4:15der Kirche führte. Er stellt fest, dass wir im
- 4:17Grunde immer noch dieselben Menschen sind wie damals.
- 4:21Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied.
- 4:23Wir nutzen heute andere Mittel, um unserer Meinung zum Sieg zu
- 4:26verhelfen. Das beweist, dass wir einer
- 4:29höheren Kulturstufe angehören. Er schreibt, dass heute niemand
- 4:33mehr ernsthaft Meinungen mit Verdächtigungen oder
- 4:35Wutausbrüchen bekämpft und niederwirft, wie es die Menschen
- 4:39der Reformation taten. Damals hätte man seine Gegner am
- 4:42liebsten verbrannt, wenn wir heute in einer anderen Zeit
- 4:46leben würden, würden wir vielleicht immer noch zu den
- 4:48Mitteln der Inquisition greifen. Die Inquisition war eine
- 4:52Einrichtung der katholischen Kirche im Mittelalter und der
- 4:55frühen Neuzeit, die mit großer Härte und Grausamkeit gegen
- 4:58Andersdenkende, sogenannte Ketzer, vorging.
- 5:02Nietzsche erklärt, dass die Inquisition damals aus der Sicht
- 5:05der Menschen vernünftig erschien, sie glaubten, sie
- 5:08befänden sich in einem Belagerungszustand, das
- 5:11bedeutet, sie dachten, die Kirche und die absolute Wahrheit
- 5:14seien in Gefahr und müssten um jeden Preis sogar mit grausamen
- 5:17Opfern für das Heil der Menschheit verteidigt werden.
- 5:20Heute jedoch, so sagt Nietzsche, gibt uns niemand mehr so leicht
- 5:24recht, wenn wir behaupten, die absolute Wahrheit zu besitzen.
- 5:28Die strengen Methoden der Wissenschaft und Forschung haben
- 5:31Misstrauen und Vorsicht verbreitet.
- 5:33Wer heute noch gewalttätig mit Worten und taten seine Meinung
- 5:36als die einzig wahre vertritt, wird als Feind der jetzigen
- 5:39Kultur oder als ein zurückgebliebener Mensch
- 5:41empfunden. Das große emotionale Theater,
- 5:45das Pathos, dass man die Wahrheit gepachtet habe.
- 5:49Gilt heute nicht mehr viel. Viel wertvoller ist heute das
- 5:53bescheidene, leisere Pathos des Wahrheitssuchens.
- 5:57Das bedeutet, man wird nicht müde, immer wieder neu zu
- 6:00lernen, um zu lernen und Dinge neu zu prüfen, anstatt stur auf
- 6:04einem Standpunkt zu beharren. Unterkapitel 634 wie der Streit
- 6:10zur Wahrheit führt. In diesem Abschnitt erklärt
- 6:13Nietzsche, wie wir überhaupt dazu gekommen sind, die Wahrheit
- 6:16methodisch, also planvoll unstrukturiert zu suchen.
- 6:20Er sagt, dass diese Art der Suche das Ergebnis jener Zeiten
- 6:23ist, in denen die Überzeugungen der Menschen miteinander im
- 6:25Krieg lagen, wenn es dem einzelnen Menschen nicht so
- 6:28wichtig gewesen wäre, mit seiner eigenen Wahrheit recht zu
- 6:32behalten, dann hätten wir heute keine wissenschaftlichen
- 6:35Methoden. Nietzsche beschreibt einen
- 6:37historischen Prozess. Zuerst kämpften verschiedene
- 6:40Einzelpersonen mit ihren Ansprüchen auf die absolute
- 6:43Wahrheit gegeneinander. Um diesen Streit zu schlichten,
- 6:46ging man Schritt für Schritt weiter und suchte nach
- 6:49unumstößlichen Prinzipien, nach denen man die Ansprüche prüfen
- 6:52könnte. Zuerst entschied man einfach
- 6:55nach Autoritäten, also danach, was mächtige oder angesehene
- 6:58Personen sagten, später fing man an, sich gegenseitig zu
- 7:02kritisieren, man untersuchte die Wege und Mittel, mit denen die
- 7:05Gegenseite ihre angebliche Wahrheit gefunden hatte.
- 7:08Dazwischen gab es eine Zeit, in der man einfach schaute, welche
- 7:11Folgen eine Meinung hatte, wenn eine Meinung schädlich war oder
- 7:14unglücklich machte, hielt man sie für falsch, schließlich
- 7:18führte dieser persönliche Kampf der Denker dazu, dass die
- 7:21Methoden immer weiter verschärft wurden, man wollte wirklich
- 7:25echte Wahrheiten entdecken, so wurden die Irrtümer und falschen
- 7:28Wege früherer Methoden für jeden sichtbar aufgedeckt.
- 7:32Nietzsche meint also, dass unser heutiges wissenschaftliches
- 7:35Denken aus dem egoistischen Bedürfnis entstanden ist, im
- 7:37Streit der Meinungen recht zu behalten.