Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 353-355
Transcript
- 0:00Unterkapitel 353 vom Ursprung der Religionen in diesem
- 0:06Abschnitt erklärt Friedrich Nietzsche, wie Religionen seiner
- 0:09Meinung nach wirklich entstehen. Er widerspricht der Ansicht,
- 0:12dass Religionen aus einem tiefen metaphysischen Bedürfnis der
- 0:15Menschen entspringen, also aus dem Wunsch, den tieferen Sinn
- 0:18des Lebens oder eine höhere Wahrheit zu ergründen.
- 0:22Stattdessen sieht er die Entstehung von Religionen als
- 0:25einen zweistufigen Prozess, der von den Religionsstiftern in
- 0:28Gang gesetzt wird. Der erste Schritt eines
- 0:31Religionsstifters ist es, eine ganz bestimmte Lebensweise und
- 0:34einen festen Alltagsrhythmus zu etablieren.
- 0:37Diese Regeln und Gewohnheiten, die er disciplina Voluntatis
- 0:41nennt, was so viel wie Schulung des Willens bedeutet, dienen vor
- 0:45allem dazu, die Langeweile zu vertreiben.
- 0:48Die Menschen erhalten eine klare Struktur für ihr Leben, feste
- 0:51Rituale und Aufgaben, die ihrem Alltag einen Rahmen geben diese
- 0:56Lebensweise existiert oft schon vorher in der Gesellschaft.
- 0:59Aber ohne dass ihr eine besondere Bedeutung beigemessen
- 1:01wird. Der zweite und entscheidende
- 1:04Schritt ist die Interpretation der Religionsstifter.
- 1:07Nimmt diese bereits existierende einfache Lebensweise und
- 1:11verleiht ihr eine tiefere, höhere Bedeutung, er deutet sie
- 1:15so um, dass sie plötzlich als etwas Besonderes und Wertvolles
- 1:18erscheint, als ein Weg zu einem höheren Ziel.
- 1:21Durch diese neue Deutung wird das einfache Leben zu einem
- 1:24ideal. Für das die Menschen bereit sind
- 1:26zu kämpfen und im Extremfall sogar ihr Leben zu opfern.
- 1:30Nietzsche nennt als Beispiel Jesus oder Paulus, sie nahmen
- 1:33das bescheidene, Tugendhafte und oft unterdrückte Leben der
- 1:37einfachen Leute in der römischen Provinz.
- 1:40Dieses Leben war bereits da, aber sie gaben ihm einen neuen
- 1:44Sinn, sie erklärten, dass gerade dieses demütige Leben vor Gott
- 1:48das Wertvollste sei, dadurch gaben sie diesen Menschen einen
- 1:52unglaublichen Inneren stolz. Und das Selbstvertrauen, dass
- 1:55sie am Ende die Welt überwinden würden, also über die mächtigen
- 1:59Römer und die Oberschicht triumphieren könnten.
- 2:02Ein ähnliches Beispiel sieht er in Buddha.
- 2:05Buddha fand in Indien Menschen aus allen
- 2:06Gesellschaftsschichten, die aus einer gewissen Trägheit heraus
- 2:10ein gutes, friedliches und bescheidenes Leben führten, sie
- 2:14waren anspruchslos und taten niemandem etwas zuleide.
- 2:18Buddha erkannte, dass diese Menschen anfällig für einen
- 2:20Glauben wären, der ihnen verspricht, dem Kreislauf der
- 2:23irdischen Mühen, also der Arbeit, dem Handel und dem Leid
- 2:27zu entkommen. Dieses Verstehen der Bedürfnisse
- 2:30dieser Menschen war, so Nietzsche, das Genie des Buddha,
- 2:34ein Religionsstifter ist für Nietzsche also ein Meister der
- 2:37Psychologie, er hat ein feines Gespür für die unbewussten
- 2:40Bedürfnisse und Sehnsüchte bestimmter Gruppen, von
- 2:42Menschen, die sich selbst noch nicht als Gemeinschaft
- 2:45verstehen. Indem er ihre Lebensweise
- 2:48aufgreift, ihr einen Sinn gibt und sie dadurch zusammenführt,
- 2:52erschafft er eine Religion. Die Gründung einer Religion ist
- 2:55für ihn deshalb immer auch ein großes Fest der Erkenntnis, die
- 2:59Erkenntnis darüber, was eine Gruppe von Menschen im Innersten
- 3:02bewegt. Unterkapitel 354 vom Genius der
- 3:09Gattung. In diesem Kapitel beschäftigt
- 3:12sich Nietzsche mit dem Bewusstsein und stellt die
- 3:15provokante Frage, ob wir es überhaupt brauchen.
- 3:18Er argumentiert, dass das Bewusstsein keine grundlegende
- 3:21Eigenschaft des Lebens ist, sondern eine späte und
- 3:24vielleicht sogar überflüssige Entwicklung.
- 3:26Zunächst erklärt er, dass der größte Teil unseres Lebens
- 3:29völlig unbewusst abläuft. Wir können denken, fühlen,
- 3:34wollen und uns an Dinge erinnern, ohne dass uns diese
- 3:37Prozesse bewusst werden müssen. Das Leben könnte also im Grunde
- 3:41auch ohne einen Spiegel funktionieren, indem es sich
- 3:44selbst betrachtet die meiste Zeit, selbst wenn wir denken
- 3:48oder fühlen, geschieht dies automatisch und ohne bewusste
- 3:51Steuerung. Wenn das Bewusstsein also
- 3:54größtenteils überflüssig ist, warum hat es sich dann überhaupt
- 3:57entwickelt? Nietzsches zentrale These hierzu
- 4:00ist, dass das Bewusstsein eng mit der Notwendigkeit zur
- 4:03Kommunikation zusammenhängt. Er glaubt, dass die Stärke und
- 4:07Feinheit des Bewusstseins eines Lebewesens davon abhängt, wie
- 4:10sehr es auf die Mitteilung mit anderen angewiesen ist.
- 4:13Dabei meint er nicht unbedingt das einzelne Individuum, es geht
- 4:17ihm vielmehr um die Entwicklung über lange Zeiträume innerhalb
- 4:20von ganzen Rassen und Geschlechterketten, wo Menschen
- 4:25über Generationen hinweg gezwungen waren, sich
- 4:27untereinander schnell und präzise zu verständigen, um zu
- 4:30überleben, hat sich die Fähigkeit zur Kommunikation.
- 4:33Und damit auch das Bewusstsein besonders stark entwickelt.
- 4:37Diejenigen, die diese Fähigkeit besaßen, hatten einen Vorteil,
- 4:41das Bewusstsein ist für ihn also im Kern ein Verbindungsnetz
- 4:44zwischen Mensch und Mensch, ein einsam lebender Mensch oder ein
- 4:48Raubtier, so Nietzsche, hätte kein Bewusstsein gebraucht, der
- 4:52Mensch aber als das gefährdetste Tier war auf die Hilfe und den
- 4:56Schutz seiner Mitmenschen angewiesen, um Hilfe zu
- 4:59bekommen, musste er seine Bedürfnisse klar ausdrücken
- 5:02können. Er musste anderen verständlich
- 5:04machen, was ihm fehlt, wie er sich fühlt und was er denkt.
- 5:08Dafür brauchte er zuerst selbst ein Bewusstsein über diese
- 5:11inneren Zustände, er musste sich selbst wissen, Nietzsche geht
- 5:15sogar noch weiter und sagt, dass unser bewusstes Denken
- 5:18untrennbar mit der Sprache und anderen Mitteilungszeichen
- 5:21verbunden ist. Die Entwicklung der Sprache und
- 5:24die Entwicklung des Bewusstseins sind für ihn ein und derselbe
- 5:27Prozess, alles, was uns bewusst wird, wird gleichzeitig
- 5:31vereinfacht. Verallgemeinert und in eine Form
- 5:34gebracht, die für andere verständlich ist.
- 5:36Darin liegt für Nietzsche aber auch eine große Gefahr.
- 5:40Das Bewusstsein gehört nicht dem Einzelnen, sondern der
- 5:43Gemeinschaft der Herde. Wenn wir versuchen, uns selbst
- 5:47zu erkennen, erfassen wir nicht unser einzigartiges
- 5:49individuelles Wesen, sondern nur das, was an uns durchschnittlich
- 5:53und für die Gemeinschaft relevant ist.
- 5:56Jede unserer Handlungen ist im Grunde einzigartig und
- 5:58persönlich. Sobald wir sie aber ins
- 6:00Bewusstsein heben und darüber nachdenken oder sprechen, wird
- 6:04sie zu etwas allgemeinem, Oberflächlichem und fast schon
- 6:07falschem. Er nennt diesen Prozess
- 6:10Phänomenalismus und Perspektivismus die Welt, die
- 6:14uns bewusst wird, ist nur eine Oberflächen und zeichenwelt das
- 6:19wachsende Bewusstsein ist für ihn daher eine große, gründliche
- 6:22verderbnis, Fälschung, veroberflächlichung es ist eine
- 6:26Gefahr. Und wer zu den bewusstesten
- 6:29Europäern gehört, weiß sogar, dass es eine Krankheit ist.
- 6:34Unterkapitel 355 der Ursprung unseres Begriffs Erkenntnis hier
- 6:41untersucht Nietzsche, was wir eigentlich meinen, wenn wir
- 6:44sagen, wir erkennen etwas. Er beginnt mit einer Beobachtung
- 6:47aus dem Alltag, wenn jemand aus dem Volk sagt, er hat mich
- 6:51erkannt. Meint er damit, dass eine Fremde
- 6:54oder unklare Situation auf etwas bereits Bekanntes zurückgeführt
- 6:57wurde? Das Bedürfnis nach Erkenntnis
- 7:00ist für Nietzsche im Grunde nichts anderes als das Bedürfnis
- 7:03nach dem Bekannten wir Menschen fühlen uns unwohl und unsicher,
- 7:07wenn wir mit etwas fremdem, ungewöhnlichem oder fragwürdigem
- 7:11konfrontiert sind. Dieses Unbehagen treibt uns an,
- 7:14nach einer Erklärung zu suchen. Eine Erklärung ist für uns dann
- 7:17gefunden, wenn wir das neue in unser bestehendes System aus
- 7:20Regeln, Gewohnheiten und alltäglichen Erfahrungen
- 7:23einordnen können. Das, woran wir gewöhnt sind,
- 7:27unser Alltag, die Regeln, nach denen wir leben, all das ist für
- 7:31uns das Bekannte, das Bedürfnis zu erkennen ist also im Grunde
- 7:35der Instinkt der Furcht, das Glücksgefühl, das wir bei einer
- 7:39neuen Erkenntnis empfinden, ist nichts anderes als das
- 7:42wiedererlangte Gefühl von Sicherheit.
- 7:44Nietzsche kritisiert, dass selbst Philosophen diesem
- 7:47einfachen Muster folgen. Er nimmt als Beispiel die Idee,
- 7:51die Welt auf eine Idee zurückzuführen, wie es Plato
- 7:55tat. Warum fühlte sich der Philosoph
- 7:57dabei, sowohl weil die Idee ihm bereits bekannt und vertraut
- 8:01war, er fürchtete sich nicht mehr davor, die Genügsamkeit
- 8:06vieler Denker besteht darin, in den Dingen etwas wiederzufinden,
- 8:09das ihnen bereits vertraut ist, wie zum Beispiel die Logik, das
- 8:13Einmaleins. Oder die eigenen Wünsche und
- 8:15Triebe. Alles, was bekannt ist, gilt als
- 8:18erkannt. Er kritisiert auch den
- 8:20methodischen Grundsatz vieler Denker von der Inneren Welt oder
- 8:24den Tatsachen des Bewusstseins auszugehen, weil diese uns
- 8:27angeblich am bekanntesten sei. Für Nietzsche ist das ein Irrtum
- 8:32der Irrtümer, das Bekannte ist für ihn nur das gewohnte und das
- 8:36Gewohnte ist am Allerschwersten wirklich zu erkennen, es ist am
- 8:40schwersten, es als ein Problem zu sehen.
- 8:42Also als etwas Fremdes und fernes.
- 8:45Die Naturwissenschaften haben für ihn deshalb einen Vorteil
- 8:48gegenüber der Psychologie, sie nehmen das Fremde als
- 8:51Untersuchungsobjekt, die Psychologie hingegen versucht
- 8:55das nicht Fremde, also uns selbst, zum Objekt zu machen,
- 8:58was Nietzsche für widersprüchlich hält.