Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 19
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- 0:01Kapitel 19 der Riss im Gesetz Halmstedt wohnte am Rand der
- 0:06Altstadt in einer Wohnung, die so aussah, wie Theo sich das
- 0:10Innere eines Aktenschranks vorstellte.
- 0:12Alles geordnet, alles beschriftet, alles an seinem
- 0:15Platz und über allem der Geruch von Papier, das älter war als
- 0:18die meisten Menschen, die es noch lesen konnten.
- 0:21Sie kannten sich seit 30 Jahren. Der Historiker und der Richter,
- 0:242 Männer, die ihr Leben damit verbracht hatten, in die
- 0:27Vergangenheit zu sehen, der eine in die der Völker, der andere in
- 0:30die der Akten und die sich einig gewesen waren, lange bevor sie
- 0:34sich mochten, in der einen Überzeugung, die beide Berufe
- 0:36teilten, dass nichts so neu war, wie es sich gab, dass alles eine
- 0:40Vorgeschichte hatte, wenn man nur tief genug grub.
- 0:44Theo war die Treppe langsam hochgegangen, mit Pausen, die
- 0:47Hand am Geländer und Halmstedt hatte es gesehen, als er öffnete
- 0:51und nichts gesagt, weil es zu ihrer Freundschaft gehörte.
- 0:54Das Versagen des anderen nicht zu benennen.
- 0:56Sie waren beide alt geworden, auf die Art, in der man es
- 0:59einander ansieht und sich selbst nicht halmstedt, bewegte sich
- 1:02noch gut, aber seine Hände zitterten.
- 1:04Ein feines, beständiges Zittern, dass er beim Eingießen des Tees
- 1:07kaschierte, indem er die Kanne mit beiden Händen hielt und Theo
- 1:11Tat, als bemerke er es nicht so, wie Halmstedt tat, als bemerke
- 1:15er Theos Pausen auf der Treppe nicht. 2 Männer, die einander
- 1:18ihre Gebrechen schenkten, indem sie sie übersahen.
- 1:22Sie hatten sich kennengelernt in einem Ausschuss vor 30 Jahren,
- 1:26einem dieser Gremien, die eine Stadt einsetzt, um etwas zu
- 1:29erinnern, das sie lieber vergessen würde.
- 1:31Eine Gedenktafel, ein Straßenname, irgendein kleiner
- 1:34Streit darüber, wieviel Vergangenheit ein Pflaster
- 1:37tragen darf. Theo hatte die historische
- 1:40Wahrheit vertreten, kompromisslos, jung und
- 1:42Halmstedt das rechtlich mögliche Kühl, und sie hatten einander
- 1:46zuerst nicht ausstehen können. Der Schwärmer und der
- 1:48Paragraphenmensch, bis sie begriffen, dass sie dasselbe
- 1:51Taten, von 2 Seiten dem Vergessen widerstehen seitdem
- 1:55hatten sie sich getroffen, alle paar Wochen zum Schach, zum
- 1:59Streit, zum Schweigen und über die Jahre war aus der Abneigung
- 2:02das geworden, was 2 Männer ihrer Art für Freundschaft hielten,
- 2:05ohne das Wort je zu benutzen. Marlene hatte Halmstedt gemocht,
- 2:10halmstedts Frau, deren Namen Theo nicht mehr laut sagte, Weil
- 2:14auch sie nicht mehr war, hatte Theo gemocht.
- 2:17Jetzt saßen die beiden Witwer einander gegenüber in einer
- 2:20Wohnung, in der eine Frau gefehlt hätte, wenn noch jemand
- 2:23da gewesen wäre, der das fehlen bemerkte, und tranken Tee aus
- 2:26Tassen, die andere Hände gewählt hatten, und es war Theo, während
- 2:30Halmstedt Eingoss, als säßen sie auf der untersten Schicht ihres
- 2:33eigenen Lebens, dort, wo unter allem, was man getan und gewollt
- 2:36und verloren hatte, nur. Noch das nackte Faktum lag, dass
- 2:39man alt war, dass man bald nicht mehr sein würde und dass man,
- 2:43solange man noch war, vielleicht noch dies eine tun konnte.
- 2:46Du siehst aus, als hättest du etwas ausgegraben, sagte
- 2:49Halmstedt, als sie saßen. Du hast diesen Blick, den
- 2:52hattest du schon als junger Mann, wenn du in einem Archiv
- 2:55etwas gefunden hattest, von dem du wusstest, dass es jemandem
- 2:58weh tun würde, ich habe nichts ausgegraben, sagte Theo, Ich
- 3:03habe etwas gesehen im Krankenhaus, von einem Bett aus.
- 3:07Und ich komme nicht mehr los davon und er erzählte.
- 3:11Er erzählte von der Station, von dem Mann im Nachbarbett, dem
- 3:14Maurer, dessen Eingriff immer wieder rutschte, während sein
- 3:17eigener Theos glatt durchging. Schnell bevorzugt er, erzählte
- 3:22von dem Verdacht, der sich daraus in ihm festgesetzt hatte,
- 3:24wie eine Schicht, die sich über eine Ältere legte und von dem,
- 3:28was seine Tochter unabhängig davon gefunden hatte.
- 3:30Die 2 Karten, die nicht zusammenpassten, die öffentliche
- 3:34Formel und das verborgene Ergebnis.
- 3:36Er erzählte es der Reihe nach ordentlich, wie ein Lehrer eine
- 3:40Quellenlage ordnet und Halmstedt hörte zu, wie ein Richter
- 3:43zuhört, ohne ein Wort, ohne eine Miene, mit der vollkommenen
- 3:48Aufmerksamkeit eines Mannes, der gelernt hat, dass das Wichtigste
- 3:51oft in dem liegt, was der Erzähler für nebensächlich hält.
- 3:55Du willst wissen, sagte Halmstedt schließlich, ob man
- 3:58das angreifen kann, ich will wissen, ob es Unrecht ist, und
- 4:02wenn ja, ob es ein Unrecht ist, das einen Hebel hat.
- 4:05Halmstedt stand auf, langsam ging zu seinem Regal, in dem die
- 4:09Gesetzestexte standen, Reihe um Reihe in der gleichmütigen
- 4:12Ordnung, in der das Recht sich gibt, als wäre es das
- 4:15Selbstverständlichste der Welt und nicht das Künstlichste er
- 4:18zog keines heraus. Er stand nur davor, mit dem
- 4:22Rücken zu Theo und sprach, und Theo erkannte den Ton, den
- 4:25Vorlesungston denselben, den er selbst hatte, wenn er etwas
- 4:28erklärte, das ihm wichtig war, den Ton zweier alter Lehrer, die
- 4:32nie aufgehört hatten, vor jemandem zu stehen, auch wenn
- 4:35der Saal längst leer war. Pass auf ein solches System
- 4:39steht nie auf einem Bein, es steht auf dreien ganz oben, das
- 4:42Gesetz, das, was der Landtag beschlossen hat, die
- 4:45Ermächtigung. Das ist öffentlich, das liest
- 4:48jeder, und das ist du sagst es selbst, sauber.
- 4:52Da steht bedarfsgerechte Steuerung knapper planbarer
- 4:55Leistungen, Gleichbehandlung, Dringlichkeit.
- 4:58Schön dagegen ist nichts zu machen, das ist Verfassungsfest
- 5:02formuliert, das haben kluge Leute geschrieben, die wussten,
- 5:05dass man es lesen würde. Er machte eine Pause und Theo
- 5:09hörte das feine Zittern in der Stimme, das dem Zittern der
- 5:12Hände entsprach. Und doch war die Stimme fest,
- 5:14weil das, was sie sagte, aus einem Teil des Mannes kam, der
- 5:18nicht alterte. Darunter, fuhr Halmstedt fort,
- 5:22liegt die zweite Schicht, die Verordnung, die
- 5:25Durchführungsverordnung, in der steht, wie gesteuert wird, nach
- 5:28welchen Kriterien, mit welchen Gewichten.
- 5:31Das erlässt nicht der Landtag. Das erlässt die Regierung, die
- 5:34Verwaltung auf Grundlage der Ermächtigung von oben und hier.
- 5:38Mein Lieber, wird es interessant, denn eine
- 5:40Verordnung darf nur das, wozu das Gesetz sie ermächtigt, nicht
- 5:44mehr, sie ist ein Kind des Gesetzes und darf nicht größer
- 5:47sein als ihr Vater. Wenn in dieser Verordnung oder
- 5:50in ihrem technischen Anhang in der Spezifikation die an den
- 5:53Dienstleister geht, Kriterien stehen, die das Gesetz nicht
- 5:56hergibt, Nützlichkeit, Herkunft, Wiedereingliederungsfähigkeit,
- 6:00regionale Verankerung, was auch immer eure schöne Formel
- 6:04heimlich rechnet, dann überschreitet die Verordnung
- 6:06ihre Ermächtigung, dann ist sie in dem Maße rechtswidrig
- 6:10nichtig. Und dann kommt noch der
- 6:12Gleichheitssatz dazu, Artikel 3 denn wer Menschen nach ihrer
- 6:16ökonomischen Verwertbarkeit sortiert und das einen
- 6:18Gesundheitsdienst nennt, der behandelt Ungleiches gleich und
- 6:21gleiches ungleich ohne einen Sachgrund, der vor einem Gericht
- 6:24bestünde und der Datenschutz, die dritte Schicht.
- 6:28Denn um so zu rechnen, muss man Daten verarbeiten, Sensible über
- 6:32Vermögen, Herkunft, Lebensumstände, automatisiert
- 6:36profilierend. Und das braucht eine
- 6:38Rechtsgrundlage, die diese Verordnung nicht sauber hat,
- 6:41weil sie verbirgt, was sie tut. Theo saß sehr still, es war, als
- 6:46sähe er einem Mann beim Graben zu, einem, der die Schichten
- 6:49sauber abtrug eine nach der anderen.
- 6:51Und unter der obersten sauberen, die schmutzige Freilegte.
- 6:55Und Theo, der sein Leben lang Schichten freigelegt hatte,
- 6:58erkannte die Schönheit der Arbeit und den Schrecken dessen,
- 7:01was sie zutage förderte, denn er kannte diese Bauweise nicht aus
- 7:05dem Recht, aus der Geschichte, er hatte sie sein Leben lang
- 7:09unterrichtet, die Mechanik, mit der das Unrecht sich das Recht
- 7:13anzieht wie einen guten Mantel, man schrieb nie ins Gesetz, was
- 7:17man wirklich vorhatte. Man schrieb ins Gesetz, das
- 7:19Schöne, das Allgemeine, das, was niemand bestreiten konnte,
- 7:23Ordnung, Sicherheit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit
- 7:27und das Eigentliche, das Schmutzige, verbarg man eine
- 7:30Schicht tiefer in der Verordnung, im Erlass, im
- 7:33Anhang, in der Verwaltungsvorschrift, dort, wo
- 7:35kein Wähler hinsah und kein Journalist hinkam, in der
- 7:38Sprache der Fachleute, die so trocken war, dass sie das Grauen
- 7:41unsichtbar machte, so war es immer gewesen.
- 7:44Die großen Verbrechen des Jahrhunderts, das Theo
- 7:47unterrichtet hatte, waren nicht mit Gebrüllten Befehlen begonnen
- 7:50worden, sondern mit Durchführungsbestimmungen, mit
- 7:53Wunderlassen, mit der reibungslosen, höflichen Prosa
- 7:56der Verwaltung. Und das war die Lehre, die er
- 7:58nie hatte vermitteln können, weil seine Schüler ein Monster
- 8:01erwarteten und er ihnen nur einen Aktenvermerk zeigen
- 8:04konnte. Dass das Böse selten brüllt,
- 8:07dass es meistens unterschreibt, abzeichnet, weiterleitet.
- 8:10Und dass die schlimmste Zeile, die ein Mensch je geschrieben
- 8:13hat, oft wie eine Fußnote aussieht.
- 8:16Und hier saß er nun mit 64, mit einem reparierten Herzen und sah
- 8:20die Lehre seines Lebens nicht in einem Buch, sondern in der
- 8:23Gegenwart, in einer Verordnung seiner eigenen Stadt, und es war
- 8:27ihm kalt, dabei, kälter als je in einem Klassenzimmer, dann
- 8:30kann man es kippen, sagte er. Nein, Halmstedt drehte sich um.
- 8:35Das ist der Punkt Theo, und deshalb wollte ich, dass du
- 8:38herkommst, statt dass wir telefonieren.
- 8:40Man kann es theoretisch kippen, es gibt die Wege, eine
- 8:43Normenkontrolle gegen die Verordnung vor dem
- 8:45Oberverwaltungsgericht, Eilrechtsschutz für einen
- 8:48Betroffenen, der gegen seine Zuteilung klagt, eine
- 8:51datenschutzrechtliche Beanstandung, die Werkzeuge
- 8:54liegen alle im Schrank, aber ein Werkzeug nützt nichts, wenn du
- 8:58nicht zeigen kannst, woran du es ansetzt.
- 9:01Er kam zurück zum Tisch, setzte sich, und jetzt war er nicht
- 9:04mehr der Dozent, sondern der Richter, der ein Urteil
- 9:07vorbereitet und jede Schwäche der eigenen Sache zuerst sucht.
- 9:11Du hast einen Verdacht, deine Tochter hat 2 Karten, das ist
- 9:15nichts, verstehst du vor Gericht ist das nichts, ich habe 30
- 9:19Jahre lang Menschen erlebt, die mit einem Verdacht und einem
- 9:22Gefühl der Empörung in einen Saal kamen und glaubten, das
- 9:25Unrecht sei so offensichtlich, dass das Recht es schon sehen
- 9:28würde. Das Recht sieht nichts von
- 9:31selbst. Das Recht sieht nur, was man ihm
- 9:33beweist. Solange die wahre Gewichtung in
- 9:36einer nicht öffentlichen Verordnung steckt, in einer
- 9:38Spezifikation, die als Geschäftsgeheimnis eines
- 9:41privaten Dienstleisters geschützt ist, in einer
- 9:43Blackbox, in die niemand hineinsieht so lange behauptest
- 9:46du nur, und gegen eine Behauptung stellt die Regierung
- 9:49ihre saubere öffentliche Formel und ein Gericht, das zwischen
- 9:52einer belegten Formel und einer unbelegten Behauptung wählen
- 9:56muss, wählt die Formel. Es muss sie wählen, es darf gar
- 10:00nicht anders, also brauchen wir den Beweis.
- 10:04Ihr braucht die verborgene Schicht, schwarz auf weiß, die
- 10:07echte Spezifikation, die zeigt, dass die Verordnung etwas
- 10:10anderes rechnet, als das Gesetz erlaubt oder einen statistischen
- 10:14Nachweis, der so dicht ist, dass das Ergebnis sich nicht mehr mit
- 10:18Zufall oder Sachgründen erklären lässt, sondern nur noch mit
- 10:21einer verborgenen Gewichtung, am besten beides, und dazu die
- 10:25Menschen, an denen es sichtbar wird, die Fälle.
- 10:28Die Akten 3 Beine habt ihr eines, fällt es um, habt ihr 3,
- 10:32steht es er sah Theo an, du hältst den Schlüssel, Theo, ich
- 10:37gebe ihn dir hier heute den juristischen Schlüssel, aber ein
- 10:41Schlüssel ist nutzlos, solange niemand beweist, dass es die Tür
- 10:44gibt, die er aufschließt. Theo dachte an Lena, an die 2
- 10:48Karten, an Jasmins Heft, von dem er wusste, dass es existierte,
- 10:52an die Pflegekraft mit den ruhigen Händen, die in seiner
- 10:55Küche gesessen hatte, an die Fälle, die sie führte,
- 10:57methodisch, nüchtern, überprüfbar.
- 11:00Er dachte daran, dass das, was Halmstedt den Beweis nannte,
- 11:04schon existierte, verstreut in einem Spind in einer Glaskanzel,
- 11:08die Theo noch nicht kannte, in den Karten seiner Tochter.
- 11:11Dass die 3 Beine schon da waren, jedes für sich und nur noch
- 11:15zusammengetragen werden mussten. Er hielt den Schlüssel, andere
- 11:18hielten die Tür, es fehlte nur, dass sie zusammenkamen, es gibt
- 11:22noch etwas, sagte Halmstedt, und seine Stimme wurde vorsichtiger.
- 11:26Damit du es weißt, bevor du dich hineinstürzt mit deinem Herzen,
- 11:29von dem ich genau sehe, dass es nicht gut ist.
- 11:32Auch wenn du es mir nicht sagst. Das, was man angreifen kann, ist
- 11:35die Verordnung, das Maß, die Maschine, nicht die Regierung.
- 11:40Verstehst du den Unterschied, erklär ihn mir, die Regierung
- 11:44sitzt, weil ein Ministerpräsident gewählt wurde
- 11:47in geheimer Wahl und eine geheime Wahl, Theo ist geheim.
- 11:52Du kannst 10000 Indizien haben, dass die Stimmen aus der
- 11:55falschen Ecke kamen. Du kannst es wissen, jeder kann
- 11:58es wissen, beweisen kannst du es nie, weil das Gesetz selbst
- 12:01dafür gesorgt hat, dass niemand zählen kann, wer wie gestimmt
- 12:04hat. Das war einmal ein Schutz für
- 12:06die Abgeordneten, jetzt schützt es die, die die Mauer
- 12:09übersprungen haben. Diese Wahl ficht kein Gericht
- 12:12der Welt an, nicht auf einen Verdacht, die Regierung fällt,
- 12:15wenn sie fällt, nicht vor einem Richter, sie fällt im
- 12:18politischen oder sie fällt gar nicht.
- 12:21Erhob einen Finger, den zitternden, also verspricht ihr
- 12:24Nichts Großes, ihr stürzt niemanden, ihr könnt, wenn alles
- 12:28gut geht, wenn der Beweis hält, eine Verordnung kippen, ein Maß,
- 12:32ein einziges, mehr nicht, ein Maß, an dem Menschen sterben,
- 12:37sagte Theo. Ja, sagte Halmstedt, und das ist
- 12:41viel, das ist sehr viel, aber es ist nicht alles, und wer glaubt,
- 12:45es sei alles, der verliert, weil er das Falsche angreift.
- 12:49Sie schwiegen eine Weile. Die beiden alten Männer in der
- 12:52geordneten Wohnung über dem Tee, der kalt geworden war.
- 12:56Draußen ging der Frühlingsnachmittag in den Abend
- 12:58über, das Licht wurde länger und kühler, legte sich schräg durch
- 13:02das Fenster auf die Gesetzesrücken im Regal.
- 13:04Und Theo sah zu, wie es wanderte, langsam, und dachte
- 13:07den Gedanken, den er immer dachte, wenn er an einem
- 13:10Wendepunkt saß, dass es schon dunkler gewesen war in diesem
- 13:13Land, viel dunkler und dass es schon heller geworden war, immer
- 13:16wieder, dass die Geschichte eine Folge von Schichten.
- 13:19War dunkle über Hellen, über dunklen.
- 13:21Und dass die Frage nie war, ob die Dunkelheit kam.
- 13:24Sie kam immer, sondern ob sich jemand fand, der Grub, wenn sie
- 13:28da war. Er hatte oft daran gezweifelt,
- 13:30an diesem Satz, an seiner eigenen Liste, an dem trotz, mit
- 13:34dem er behauptete, dass es heller werde.
- 13:36Es war leicht, daran zu zweifeln, in einem Jahr wie
- 13:39diesem, in dem im Osten ein Krieg auf das falsche Ende
- 13:42zulief und im Westen eine Ordnung zerfiel, die er für
- 13:45unverrückbar gehalten hatte und in der eigenen Stadt eine
- 13:48Maschine, die Menschen nach Punkten sortierte und beliebt
- 13:51war dafür. Es gab Tage, an denen die Liste
- 13:54der leisen Verbesserungen ihm vorkam wie das Pfeifen eines
- 13:58Mannes im dunklen Keller, der sich Mut zupfeift, während das
- 14:01Wasser steigt. Aber dann gab es Stunden wie
- 14:04diese, in der ein alter Richter mit zitternden Händen ihm einen
- 14:07Schlüssel reichte und eine junge Pflegekraft in seiner Küche ein
- 14:10Heft führte und eine Tochter nachts gegen ein sterbendes
- 14:13Blatt anschrieb. Und in solchen Stunden verstand
- 14:16Theo, dass die Hoffnung nicht in den großen Zahlen lag, nicht im
- 14:19Lauf der Geschichte, der gleichgültig war, sondern in dem
- 14:22einen schmalen, unwahrscheinlichen Umstand, dass
- 14:25Menschen sich fanden, die nicht wegsahen, und dass dieser
- 14:28Umstand, so klein er war, der einzige war, der je etwas
- 14:32heller. Gemacht hatte in keinem
- 14:33Jahrhundert von selbst. Immer nur, weil ein paar
- 14:36Gegruben hatten, wenn es dunkel war.
- 14:38Es muss wasserdicht sein, sagte Halmstedt noch einmal leise mit
- 14:42dem Nachdruck eines Mannes, der ein Leben lang gesehen hatte,
- 14:45was geschah, wenn es das nicht war.
- 14:48Hör mir zu, Theo, das ist das Wichtigste, das ich dir heute
- 14:51sage. Wichtiger als die ganze schöne
- 14:53Konstruktion, wenn ihr damit vor Gericht geht, und es ist nicht
- 14:56dicht, wenn nur ein Beweis bröckelt, eine Quelle umfällt,
- 14:59eine Zahl sich erklären lässt, dann verliert ihr nicht nur,
- 15:03dann gewinnt die andere Seite, dann steht am Ende ein Urteil,
- 15:06das sagt, die Initiative ist rechtmäßig geprüft, für gut
- 15:09befunden und dann habt ihr der Maschine einen Panzer
- 15:12geschmiedet, den ihr nie wieder aufbekommt, weil man eine Sache,
- 15:15über die ein Gericht entschieden hat, nicht zweimal vor dasselbe
- 15:18Gericht. Trägt ein verlorener Prozess ist
- 15:20schlimmer als kein Prozess. Er ist ein Bumerang, er kommt
- 15:24zurück und trifft die, für die ihr ihn geworfen habt.
- 15:28Theo nickte, er spürte das Gewicht der Warnung, spürte es
- 15:31körperlich an der Stelle hinter dem Brustbein, an der jetzt
- 15:34alles saß, die Angst und die Hoffnung und das müde reparierte
- 15:38Herz, er hatte geglaubt, er bringe von hier einen Hebel mit,
- 15:41ein Werkzeug, mit dem man sofort etwas tun könne, und er ging mit
- 15:45etwas schwererem. Mit dem Wissen, dass der Hebel
- 15:47real war und dass er allein nichts bewirkte, dass alles
- 15:50davon abhing, dass andere ihre Teile beibrachten, sauber,
- 15:54vollständig unwiderlegbar und dass ein einziger Fehler nicht
- 15:57nur scheitern, sondern das Gegenteil bewirken würde.
- 16:00Und er hatte Zeit dafür, die er nicht hatte.
- 16:02Das war die zweite Last, die er von halmstedts Tisch mitnahm,
- 16:06Ungesagt, weil man sie nicht aussprach unter Männern, die
- 16:09einander die Gebrechen schenkten.
- 16:11Dass das, was Halmstedt verlangte, Geduld, Sorgfalt, das
- 16:15langsame, Wasserdichte Zusammentragen dreier Beine,
- 16:18genau das war, was theos Körper ihm am wenigsten zugestand.
- 16:21Ein wasserdichter Beweis brauchte Monate, Theos Herz gab
- 16:25ihm keine Garantie auf Monate, er spürte es jetzt fast immer,
- 16:29das müde pochen, das hier aussetzte, und dort stolperte
- 16:32eine Uhr, die nicht mehr richtig ging und von der niemand wusste,
- 16:35wann sie stehen blieb, er musste schnell sein und sorgfältig
- 16:39zugleich. Und die beiden Vertrugen sich
- 16:41nicht. Und in diesem Widerspruch
- 16:43zwischen der Eile seines Herzens und der Geduld des Rechts würde
- 16:46er das Ja verbringen, das ihm vielleicht blieb.
- 16:49Er stand auf langsam und Halmstedt half ihm nicht, weil
- 16:53das die würde verletzt hätte, sondern wartete nur, bis Theo
- 16:56Stand an der Tür im Mantel, sagte Theo, Du machst mit, wenn
- 17:02es so weit ist. Wenn der Beweis steht hast
- 17:05Halmstedt sah ihn an, lange mit den Augen eines Mannes, der
- 17:08wusste, dass er nicht mehr viele große Dinge tun würde und der
- 17:11sich das eine, das ihm noch angeboten wurde, genau ansah,
- 17:14bevor er es nahm. Ich bin ein alter Mann mit
- 17:16zitternden Händen, sagte er, ich tauge nicht mehr für viel, aber
- 17:21für das hier tauge ich noch, bring mir den Beweis, Theo bring
- 17:25mir die verborgene Schicht schwarz auf weiß und ich
- 17:28schreibe dir den Antrag, der sie vor ein Gericht bringt, das ist
- 17:31das letzte was ich kann und ich kann es gut.
- 17:34Erreichte Theo die Hand, die Zitternde und Theos Hand, die
- 17:37auch nicht mehr ruhig war, schloss sich darum und für einen
- 17:40Moment hielten 2 alte, unsichere Hände einander fest.
- 17:44Fester als 2 Junge es je nötig gehabt hätten.
- 17:47Theo ging die Treppe hinunter, langsam, mit Pausen, und trat
- 17:51hinaus in den kühlen Abend, und in ihm war der Schlüssel jetzt
- 17:55schwer und kalt und wirklich. Und er wusste, zu welcher Tür er
- 17:58gehörte. Und er wusste, dass seine
- 18:00Tochter dabei war, die Tür zu finden, ohne den Schlüssel zu
- 18:03haben und dass er sie zusammenbringen musste.
- 18:06Das Schloss und den Schlüssel, bevor sein Herz aufhörte oder
- 18:09die Maschine sich verschärfte oder beides.
- 18:12Er sah hinauf in den Himmel, der sich über der Altstadt aufklärte
- 18:15und dachte, es ist schon dunkler gewesen und er dachte, mit dem
- 18:19Trotz, der seine Liste seit Jahren am Leben hielt, es wird
- 18:23auch wieder heller, aber nicht von selbst, nie von selbst.