Latest / Über den Tod und über das Leben / Podcast Wozu brauche ich eine Trauerrede
Transcript
- 0:05Speaker 0: Für wen ist eine Trauerreder eigentlich da?
- 0:08Speaker 0: Wie soll ich um jemanden trauern, Temmich missbraucht hat.
- 0:12Speaker 0: Diese Frage hat mich vor einiger Zeit über Instagram erreicht und das ist nicht die einzige dieser Art.
- 0:17Speaker 0: Immer wieder schreiben wir Menschen von schwierigen Beziehungen, von Enttäuschungen manchmal auch von tiefen Verletzungen und sie fragen sich wie Sie mit ihren Gefühlen umgehen sollen wenn dieser Mensch gestorben ist.
- 0:29Speaker 0: Muss ich überhaupt trauern?
- 0:31Speaker 0: Muss sich einen Menschen vermissen, nur weil er tot ist.
- 0:34Speaker 0: Muss ich ihm vergeben?
- 0:36Speaker 0: Nein!
- 0:37Speaker 0: Ich muss nicht!
- 0:39Speaker 0: Vielleicht empfinde ich Trauer.
- 0:40Speaker 0: Vielleicht empfind' ich Wut.
- 0:41Speaker 0: Vielleicht bin ich sogar erleichtert und vielleicht ist auch alles gleichzeitig.
- 0:46Speaker 0: Und vielleicht weiß ich selbst noch gar nicht was ich eigentlich fühle.
- 0:50Speaker 0: Solche Fragen beschäftigen mich – auch deshalb, weil ich als Trauerrednerin immer wieder erlebe wie spielschichtig Beziehungen
- 0:56Speaker 0: sind.".
- 0:58Speaker 0: Und so möchte ich heute mal die Frage stellen, die zunächst ganz einfach klingt.
- 1:02Speaker 0: Nämlich wozu brauchen wir eigentlich eine Trauerrede?
- 1:05Speaker 0: Wir erzählen noch einmal das Leben eines Menschen.
- 1:09Speaker 0: Wir erinnern uns an das was ihn ausgemacht hat würdigen ihnen nehmen Abschied aber für wen machen wir das?
- 1:18Speaker 0: der Verstorbene können es nicht beantworten.
- 1:20Speaker 0: Wir können ihm nichts mehr erklären und wir können auch nichts mehr nachholen.
- 1:25Speaker 0: Ich glaube, eine Trauerrede ist vor allem für die Menschen da, die weiterleben.
- 1:28Speaker 0: Für Menschen deren Leben mit dem Verstorben dann verbunden war.
- 1:31Speaker 0: Die etwas von ihm mitgenommen haben.
- 1:33Speaker 0: schöne Erinnerungen gemeinsame Erfahrungen vielleicht bestimmte Werte oder Überzeugungen aber manchmal eben auch Enttäuschungen offene Fragen oder Verletzungen.
- 1:43Speaker 0: und genau darüber möchte ich heute sprechen über das was Menschen in uns hinterlassen und darüber warum eine Trauerei da manchmal viel mehr sein kann als ein Rückblick auf Ein vergangenes Leben.
- 1:56Speaker 0: Ich möchte euch dazu auch von einigen Begegnungen aus meiner Arbeit erzählen.
- 2:00Speaker 0: Persönliche Einzelheiten habe ich natürlich verändert, um die Privatsphäre der Angehörigen zu schützen.
- 2:07Speaker 0: Wenn Menschen anfangen zu erzählen!
- 2:11Speaker 0: Bevor ich eine Trauerrede schreibe treffe ich mich mit den Angehöhrigen und manchmal liegen schon Fotos auf dem Tisch, ein Lebenslauf, ein paar Notizen... Manchmal haben sich die Menschen auch viele Gedanken gemacht was sie mir erzählen möchten Und manchmal sitzen wir auch einfach zusammen und fangen an.
- 2:27Speaker 0: Mit der Kindheit ist Verstorben dann vielleicht, seinem Beruf, seinen Eigenheiten.
- 2:31Speaker 0: Dann fällt jemandem eine Geschichte ein, eine kleine Begebenheit die zunächst nebensächlich erscheint.
- 2:36Speaker 0: Und plötzlich sind wir mittendrin in der Erinnerung... Manchmal wird gelacht, manchmal auch geweint!
- 2:42Speaker 0: Wir schweifen ab, wir kommen wieder zurück.
- 2:44Speaker 0: Eine Erinnerungen führt zur nächsten.
- 2:46Speaker 0: Und manchmal sagt jemand ganz unvermittelt das habe ich eigentlich noch niemandem erzählt Und dann kann es still werden.
- 2:55Speaker 0: Ich erlebe das häufig, dass Angehörige solche Gespräche als Entlastung empfinden.
- 3:00Speaker 0: Sie dürfen erzählen so wie es ihnen gerade in den Sinn kommt.
- 3:04Speaker 0: Nichts muss schon geordnet sein und sie erzählen einem Menschen der nicht zur Familie gehört ich kenne die alten Konflikte nicht bin nicht in familiäre Rollen verstrickt.
- 3:14Speaker 0: ich habe keine gemeinsame Vergangenheit mit dem Verstorbenen.
- 3:17Speaker 0: Das kann es oft leichter machen offen zu sprechen.
- 3:21Speaker 0: Natürlich klingt es nicht immer, Vertrauen lässt sich nicht einfach herstellen indem man die richtigen Fragen stellt.
- 3:27Speaker 0: Aber wenn es entsteht das Vertrauen dann können solche Gespräche sehr persönlich werden und manchmal geschieht dabei etwas dass mich selbst überrascht.
- 3:36Speaker 0: ich erinnere mich da an ein Gespräch mit einem Mann dessen Vater gestorben war.
- 3:40Speaker 0: der Sohn wirkt auf mich zunächst sehr sachlich nüchtern ja beinahe abgeklärt.
- 3:45Speaker 0: Sein Vater war in einem kleinen Ort, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen.
- 3:49Speaker 0: Seine Eltern hatten nach dem Krieg ihre Heimat verloren und mussten sich eine neue Existenz aufbauen.
- 3:54Speaker 0: Geld war knapp, Sparsamkeit gehörte zum Alltag.
- 3:57Speaker 0: Man gab nichts unnötig außen.
- 3:58Speaker 0: was man hatte das wurde zusammengehalten.
- 4:01Speaker 0: später hatte sich dieser Mann durch Fleiß Pflichtbewusstsein und harte Arbeit einen gewissen Wohlstand geschaffen.
- 4:08Speaker 0: aber obwohl er es längst sich hätte leisten können, blieb er sparsam.
- 4:11Speaker 0: Er gönnte sich selbst kaum etwas.
- 4:13Speaker 0: Sein Sohn dagegen hatte studiert, war beruflich erfolgreich und genoss die Annehmlichkeiten, die er sich erarbeitet hatte.
- 4:21Speaker 0: Und genau darüber hat es zwischen Vater und Sohn immer wieder Konflikte gegeben.
- 4:26Speaker 0: Was dem Vater als unnötige Verschwendung erschien, war für den Sohn vielleicht auch Ausdruck seines beruflichen Erfolgs oder Freiheit, die sie erarbeitete.
- 4:35Speaker 0: zwei Generationen, zwei unterschiedliche Lebensgeschichten und damit auch zwei verschiedene Vorstellungen davon was Geld bedeutet und wofür man es ausgeben sollte oder darf.
- 4:47Speaker 0: Während unseres Gesprächs beschäftigen wir uns ausführlicher mit der Familiengeschichte des Vaters – mit der Erfahrung von Heimatverlust, mit Unsicherheit aber auch mit dem Zusammenhalt innerhalb der Familie.
- 5:01Speaker 0: Der Sohn erinnerte sich an gemeinsame Erlebnisse und an Begegnungen mit der Verwandtschaft.
- 5:06Speaker 0: Da bemerkte ich, wie er zunehmend nachdenklicher wurde – und schließlich hatte er sogar mit den Tränen zu kämpfen!
- 5:13Speaker 0: Was ihn in diesem Moment so berührt hat weiß ich nicht….
- 5:16Speaker 0: vielleicht fing an zu verstehen dass die Sparsamkeit seines Vaters nicht einfach nur eine unangenehme Eigenschaft war?
- 5:23Speaker 0: Dass dahinter eine ganz persönliche Lebensgeschichte stand, die ihn geprägt.
- 5:29Speaker 0: Der Sohn war inzwischen im Ruhestand, er hatte seinen beruflichen Weg hinter sich und konnte auf viele Jahrzehnte seines eigenen Lebens zurückblicken.
- 5:35Speaker 0: Vielleicht konnte er jetzt auch seinen Vater anders betrachten?
- 5:39Speaker 0: Vielleicht war da ja sogar ein wenig bedauern darüber dass dieses Verständnis nicht schon früher entstanden war – ich weiß es nicht aber dieser Moment ist mir in Erinnerung geblieben Denn während wir über das Leben des Vaters sprachen, wurde auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn auf eine andere Weise sichtbar.
- 5:55Speaker 0: Und ich habe mich später gefragt wie lange betrachten wir unsere Eltern eigentlich vor allem als Eltern?
- 6:01Speaker 0: Als Vater der uns etwas erlaubt oder verbietet, als Mutter die bestimmte Erwartungen an uns hat, als Menschen an denen wir uns orientieren gegen die wir vielleicht rebellieren von den wir uns abgrenzen?
- 6:13Speaker 0: Und wann beginnen wir sie auch als Menschen mit einer eigenen Geschichte zu sehen?
- 6:17Speaker 0: Mit einer Kindheit, die wir nicht erlebt haben.
- 6:19Speaker 0: Mit Erfahrungen, die Sie geprägt haben!
- 6:21Speaker 0: Mit Ängsten, Wünschen und Hoffnungen von denen wir vielleicht nur wenig wissen.
- 6:25Speaker 0: Manchmal erkennen wir erst spät das bestimmte Verhaltensweisen unserer Eltern möglicherweise gar nicht so viel mit uns zu tun hatten sondern mit ihrer eigener Geschichte.
- 6:34Speaker 0: Das entschuldigt nicht alles aber vielleicht verstehen wir manches besser.
- 6:39Speaker 0: Ich erinnere mich auch an ein ganz anderes Gespräch.
- 6:41Speaker 0: Eine Frau hatte nach vielen gemeinsamen Ehrjahren ihren Mann verloren und dennoch sagte sie mir, dass ich das Gefühl habe ihn nie wirklich gekannt zu haben.
- 6:49Speaker 0: Das hat mich beschäftigt!
- 6:50Speaker 0: Jahrzehnte miteinander leben, den Alltag teilen, gemeinsam Entscheidungen treffen, sich auseinander gewöhnen die Eigenheiten des anderen kennen manchmal vielleicht besser als die eigenen – und trotzdem das Gefühl haben, dass etwas Wesentliches immer verborgen geblieben ist.
- 7:07Speaker 0: Sie hatte gespürt, schweres mit sich herumtug.
- 7:10Speaker 0: Und sie hatte immer wieder versucht, ihm näherzukommen und ihn zu verstehen aber da war eine Grenze die er nicht überschreiten konnte oder wollte.
- 7:18Speaker 0: Sie hatte auch eine Vermutung warum das gewesen sein könnte.
- 7:21Speaker 0: Sie erzählte von seiner schwierigen Kindheit, von seiner Erziehung in der Stärke erwartet wurde, in der Gefühle wenig Raum hatten und Schwäche nicht gezeigt werden durfte.
- 7:32Speaker 0: Vielleicht hat er früh gelernt alles mit sich selbst auszumachen Aber das war ihre vermutung ob sie zutraff.
- 7:37Speaker 0: Das wussten wir nicht.
- 7:39Speaker 0: Nun war ihr Mann gestorben.
- 7:40Speaker 0: Und was mich an diesem Gespräch besonders beschäftigt hat, war ihre Enttäuschung – nicht darüber dass sie ihren Mann verloren hatte sondern auch darüber das sie ihn möglicherweise nie so kennengelernt hatte wie es sich gewünscht hätte.
- 7:55Speaker 0: Dass die Hoffnung auf ein anderes, ein offeneres Miteinander nun endgültig vorbei waren.
- 8:02Speaker 0: Wir haben gemeinsam entschieden diesen schwierigen Teil seiner Lebensgeschichte in der Trauerrede nur ganz behutsam anzudeuten, denn nicht alles was im angehörigen Gespräch ausgesprochen wird muss später öffentlich erzählt werden.
- 8:15Speaker 0: Aber ihre Enttäuschung durfte in unserem Gespräch Platz haben und vielleicht war genau das in diesem Moment für sie auch wichtig.
- 8:22Speaker 0: ich denke auch das gehört zur Trauer dazu dass wir manchmal nicht nur einen Menschen verlieren sondern auch die Hoffnung verlieren das zwischen uns noch etwas anders hätte werden können.
- 8:33Speaker 0: Das vielleicht doch ein Gespräch stattfindet, dass wir eines Tages eine Erklärung bekommen, das wir uns endlich verstehen.
- 8:42Speaker 0: Aber manche Fragen bleiben nun mal unbeantwortet und manchmal müssen wir lernen mit diesen offenen Fragen weiterzulegen.
- 8:51Speaker 0: Vielleicht fragt ihr euch inzwischen was von solchen Gesprächen eigentlich in einer Trauerrede landet?
- 8:57Speaker 0: Manchmal erstaunlich wenig!
- 8:58Speaker 0: zumindest nicht unmittelbar.
- 9:00Speaker 0: Denn für mich haben das Angehörigen-Gespräch und die Trauerrede zwei ganz unterschiedliche Aufgaben.
- 9:05Speaker 0: im Gespräch, darf zunächst alles nebeneinander stehen – die schönen Erinnerungen, die schwierigen, die lustigen Geschichten, die kleinen Ärgernisse oder die alten Konflikte.
- 9:15Speaker 0: Und manchmal widersprechen sich die Angehöhrerinnen sogar.
- 9:18Speaker 0: Die eine erinnert sich an einen großzügigen Menschen und ein anderer sagt großzüglich.
- 9:22Speaker 0: also das habe ich ganz anders erlebt.
- 9:24Speaker 0: Und beide sprechen über den selben Verstorbenen!
- 9:27Speaker 0: Das ist doch... Interessant.
- 9:29Speaker 0: Ein Mensch kann ein liebevoller Großvater gewesen sein und gleichzeitig ein schwieriger Vater, eine Frau kann eine wunderbare Freundin sein aber in ihrer Partnerschaft wenig näher zulassen.
- 9:41Speaker 0: Wir sind eben nicht in jeder Beziehung dieselben Und wir alle tragen Widersprüche in uns.
- 9:49Speaker 0: Wenn ich später aus den vielen Erzählungen eine Trauerrede entwickeln dann versuche ich Zusammenhänge zu erkennen.
- 9:54Speaker 0: Ich suche nach Ja, einem roten Faden.
- 9:57Speaker 0: Aber damit meine ich nicht dass sich aus einem Leben im Nachhinein eine schlüssige Geschichte basteln oder machen möchte denn welches Leben verläuft schon nach Plan?
- 10:07Speaker 0: Wir wünschen uns Nähe und halten andere manchmal auf Abstand.
- 10:10Speaker 0: wir möchten frei sein und suchen gleichzeitig nach Sicherheit Und wir treffen Entscheidungen die wir später bereuen.
- 10:17Speaker 0: Wir scheitern an Dingen die wir uns fest vorgenommen haben und manchmal verstehen wir selbst nicht warum wir etwas getan oder unterlassen haben.
- 10:25Speaker 0: Warum sollte das bei einem verstorbenen Menschen anders sein?
- 10:29Speaker 0: Ich versuche vielmehr herauszufinden, was diesen Menschen bewegt hat.
- 10:33Speaker 0: Was ihnen angetrieben hat, was ihm wichtig war mit welchen Herausforderungen er zu tun hatte und wie er damit umgegangen ist.
- 10:40Speaker 0: Manchmal entdecke ich dabei Zusammenhänge und manchmal bleiben Widersprüche stehen.
- 10:43Speaker 0: Ich musste ja nicht auflösen und schon gar nicht muss ich einem Leben nachträglich einen Sinn geben den es so vielleicht nie gegeben hatte.
- 10:51Speaker 0: Ich finde, ein Leben zu würdigen bedeutet auch anzuerkennen dass ein Mensch seinen eigenen Weg gegangen ist.
- 10:56Speaker 0: Mit all dem was ihm gelungen ist mit seinen Fehlern, seinen Irrtümern und dem auch etwas offen geblieben ist.
- 11:04Speaker 0: Damit kommen wir zu einer Frage die mich besonders beschäftigt.
- 11:06Speaker 0: Warum fällt es uns eigentlich so schwer einen Menschen mit all sein Widersprüchen stehen zulassen?
- 11:11Speaker 0: Besonders dann wenn er gestorben ist?
- 11:13Speaker 0: warum soll plötzlich alles zusammen passen?
- 11:16Speaker 0: Warum suchen wir nach Erklärung nach einem Sinn nach einem möglichst versöhnlichen Abschluss?
- 11:21Speaker 0: Vielleicht wünschen wir uns diese Eindeutigkeit, weil sie uns Sicherheit gibt.
- 11:27Speaker 0: Da war ein guter Vater einer liebevolle Mutter eine glückliche Ehe.
- 11:32Speaker 0: Aber was wenn es eben nicht so eindeutig war?
- 11:36Speaker 0: Was wenn die Mutter liebevoll war und ihr Kind trotzdem verletzt hat Wenn der Vater fürsorglich war Und gleichzeitig große Erwartungen stellte unter denen sein Sohn.
- 11:44Speaker 0: dritt Wenn wir einen Menschen geliebt haben und trotzdem froh sind bestimmte Konflikte Nicht mehr austragen zu müssen Es darf doch alles nebeneinander stehen.
- 11:54Speaker 0: Ich glaube, eine gute Trauerrede muss solche Widersprüche nicht beseitigen!
- 11:58Speaker 0: Sie muss einen Menschen nicht auf seine Fehler reduzieren aber auch nicht auf seinen guten Eigenschaften.
- 12:04Speaker 0: Sie sollte versuchen ihn als menschensichtbar zu machen und dabei nicht vergessen dass jeder der bei dieser Trauerfeier sitzt, seine eigene Beziehung zu ihm hatte.
- 12:12Speaker 0: Der Mensch an dem ich mich erinnere ist vielleicht nicht ganz derselbe den ein anderer erlebt hat – auch das darf sein.
- 12:20Speaker 0: Manchmal Erfahre ich erst nach einer Trauerfeier, was eine Rede bei Angehörigen ausgelöst hat.
- 12:26Speaker 0: Einmal schrieb meine Frau ungefähr zwei Wochen nach der Beerdigung ihrer Mutter – sie hatte sich ihr Leben lang gegenüber ihrer Schwester benachteiligt gefühlt.
- 12:33Speaker 0: Dieses Gefühl hatte ihre Beziehung zur Mutter geprägt und nach der TrauerFeier schrieb sie mir, dass sie die Situation nun anders betrachten können.
- 12:40Speaker 0: Sie verstand manches besser und empfand sich nicht mehr so als
- 12:43Speaker 0: Opfer.".
- 12:45Speaker 0: In einem anderen Fall hatte sich ein Erwachsenskind von seiner Mutter nie wirklich gesehen gefühlt.
- 12:49Speaker 0: Die Eltern hatten eine sehr enge Beziehung geführt, in der für das Kind Gefühlt nur wenig Platz gewesen war und darüber hat er sich über viele Jahre einen Kroll entwickelt.
- 12:59Speaker 0: Nach der Trauerfeier erfuhr ich dass die Geschichte über die Mutter dazu beigetragen hatte diesen Kroll loszulassen.
- 13:05Speaker 0: Solche Rückmeldungen berühren mich denn natürlich kann eine Trauerrede nicht ungeschehen machen was zwischen Menschen geschehen ist.
- 13:12Speaker 0: sie kann Keine versäumte Zuwendung nachholen.
- 13:15Speaker 0: Sie können auch nicht nachträglich die Eltern schaffen, die wir uns vielleicht gewünscht hätten aber manchmal eröffnet sie einen anderen Blick.
- 13:21Speaker 0: Vielleicht erkennen wir Zusammenhänge, die vorhin nicht gesehen haben.
- 13:24Speaker 0: Vielleicht verstehen wir das ein Mensch nicht nur unser Vater oder unsere Mutter war sondern selbst ein Leben mit wünschenden Ängsten und unerfüllten Hoffnungen geführt hat?
- 13:33Speaker 0: Und vielleicht verändert das auch etwas an unserer eigenen Geschichte.
- 13:37Speaker 0: Nicht an dem was geschehen ist, aber daran wie wir heute darauf schauen.
- 13:42Speaker 0: Mich beschäftigt dabei ein Gedanke besonders.
- 13:44Speaker 0: Wenn unsere Beziehung zu einem Menschen endet, dann endet sie nicht unbedingt mit seinem Tod.
- 13:49Speaker 0: Natürlich endet das gemeinsame Leben – wir können nichts Neues mehr miteinander erleben und uns nicht mehr aussprechen, einander nicht mehr antworten.
- 13:56Speaker 0: aber die innere Beziehungen bleibt häufig bestehen und kann sich verändern!
- 14:03Speaker 0: Manchmal verstehen wir etwas erst viele Jahre später, weil wir selbst älter geworden sind.
- 14:08Speaker 0: Weil wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder weil wir beginnen unser Leben aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten und manchmal erkennen wir dabei wie sehr wir von einem Menschen geprägt wurden vielleicht sogar von jemandem dem wir eigentlich nie ähnlich sein wollten.
- 14:22Speaker 0: Wir sprechen bei Trauerfeiern öfter darüber was uns ein Mensch mitgegeben hat welche Werte wir von ihm übernommen haben, was wir von ihn gelernt haben.
- 14:31Speaker 0: Aber müssen wir eigentlich alles bewahren, was uns ein Mensch mitgegeben hat?
- 14:35Speaker 0: Vielleicht habe ich von meinem Vater gelernt fleißig um zuverlässig zu sein und gleichzeitig hab' ich von ihm die Überzeugung übernomm', dass man sich niemals eine Schwäche erlauben darf.
- 14:45Speaker 0: Vielleicht hat meine Mutter mir viel Liebe gegeben aber auch das Gefühl, dass ich es immer allen recht machen muss!
- 14:51Speaker 0: Dann kann ich doch irgendwann fragen, was davon möchte ICH behalten?
- 14:55Speaker 0: Und was möchte Ich vielleicht anders
- 14:57Speaker 0: machen?!
- 14:58Speaker 0: Was möchte ich nicht mehr an andere Menschen weitergeben?
- 15:01Speaker 0: Ich finde, das sind spannende Fragen und sie führen uns wieder zu den schwierigen Beziehungen von denen ich am Anfang gesprochen habe.
- 15:06Speaker 0: Denn manchmal hinterlassen Menschen nicht nur schöne Erinnerungen sondern auch Wunden.
- 15:11Speaker 0: Und ich möchte eines ganz deutlich sagen niemand muss sich mit einem Menschen versöhnen der im Gewalt angetan oder ihn missbraucht hat.
- 15:19Speaker 0: Niemand muss vergeben!
- 15:21Speaker 0: Und niemand ist verpflichtet einem verstorbenen Verständnis entgegenzubringen nur weil dieser nun nicht mehr lebt.
- 15:28Speaker 0: Aber vielleicht entsteht irgendwann der Wunsch, sich mit dem auseinanderzusetzen was diese Beziehung im eigenen Leben hinterlassen hat.
- 15:37Speaker 0: Nicht unbedingt um den anderen besser zu verstehen sondern um sich selbst besser zu verstehen.
- 15:42Speaker 0: Vielleicht entdecke ich dass ich bestimmte Erwartungen schon seit meiner Kindheit mit mir haben trage.
- 15:47Speaker 0: Dass ich immer noch um Anerkennung kämpfe die ich niemals bekommen habe oder das ich an Überzeugungen festhalte die eigentlich gar nicht meine sind Eine Trauerrede kann solche Fragen nicht einfach beantworten, aber vielleicht ist sie oder das Gespräch dafür manchmal ein Anstoß sich damit zu beschäftigen und vielleicht stellen wir dabei fest dass wir unsere Vergangenheit nicht immer auf dieselbe Weise verbunden bleiben müssen.
- 16:12Speaker 0: Wozu also eine Trauerrede?
- 16:15Speaker 0: Natürlich braucht nicht jeder Mensch eine.
- 16:16Speaker 0: es gibt viele Möglichkeiten Abschied zu nehmen und jeder darf für sich entscheiden welcher Weg richtig ist.
- 16:22Speaker 0: Aber eine Trauerrede kann eben mehr sein als der Rückblick auf ein vergangenes Leben.
- 16:28Speaker 0: Sie können Erinnerungen zusammenführen, Verbindungen sichtbar machen und manchmal einen neuen Blick eröffnen.
- 16:34Speaker 0: Träufig beginnt das schon beim Gespräch davor Wenn Menschen erzählen dürfen ohne ihre Erinnerung sofort ordnen oder bewerten zu müssen wenn sie vielleicht zum ersten Mal Dinge aussprechen die sie lange beschäftigt haben Und wenn wir zusammen auf ein Leben schauen ohne es zu idealisieren oder nachträglich erklären zu wollen.
- 16:52Speaker 0: Ich denke dabei wieder an den Sohn, der beim Erzählen von seinem Vater plötzlich mit den Tränen kämpfte oder an die Frau, die auch nach vielen Ehrjahren Fragen hatte auf die sie keine Antwort mehr bekommen würde.
- 17:02Speaker 0: Und an die beiden Menschen, die nach der Trauerfeier ihrer Mütter etwas anders auf ihre Geschichte blicken konnten.
- 17:08Speaker 0: Wir alle sind nun mal durch unsere Beziehungen geprägt Durch Liebe und Zuwendung, durch Enttäuschungen, durch das was wir bekommen haben und manchmal auch durch das, was uns gefehlt hat.
- 17:18Speaker 0: Vielleicht erwarten wir von anderen Menschen häufig eine Eindeutigkeit die wir selbst gar nicht besitzen, denn wir alle haben unsere Widersprüche.
- 17:25Speaker 0: Wir machen Fehler!
- 17:26Speaker 0: Wir verletzen manchmal Menschen, die wir lieben – wir schaffen nicht immer das was wir uns vorgenommen haben und vielleicht fällt uns deshalb auch so schwer andere Menschen mit ihren Widersprüchen anzuerkennen weil wir dann irgendwann auch auf unsere eigenen schauen müssen.
- 17:41Speaker 0: Vielleicht denkt ihr jetzt gerade an jemanden?
- 17:45Speaker 0: An einen Menschen den ihr verloren habt, vielleicht auch an jemandem der noch lebt.
- 17:49Speaker 0: Was hat dieser Mensch in deinem Leben hinterlassen?
- 17:52Speaker 0: Was verstehst du heute vielleicht besser als früher?
- 17:54Speaker 0: Und gibt es etwas, das du nicht mehr mit dir mittragen möchtest.
- 18:01Speaker 0: Wir können nicht mehr verändern was zwischen uns und einem verstorbenen Menschen geschehen ist aber vielleicht können wir verändern wie wir heute darauf blicken und vielleicht gelingt es uns dann auch mit unserer eigenen Geschichte ein wenig nachsichtiger umzugehen.
- 18:15Speaker 0: Danke dass Du mir zugehört hast.