Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 9 - Der Schatten
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:04unter Kapitel 9 der Schatten dieses Kapitel knüpft direkt an
- 0:10die vorherige Begegnung von Zarathustra an.
- 0:13Kaum ist der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra
- 0:16ist wieder mit sich allein, hört er plötzlich eine Stimme hinter
- 0:19sich, die Stimme ruft ihm zu, er solle stehen bleiben, sie sagt,
- 0:23ich bin es Dein Schatten Zarathustra ist jedoch genervt.
- 0:28Es sind ihm an diesem Tag einfach zu viele Menschen in
- 0:31seinen Bergen unterwegs. Er will endlich wieder seine
- 0:34Einsamkeit haben. Er denkt sich, dass ihm sein
- 0:37Schatten egal sei und läuft einfach weiter, es entsteht eine
- 0:41fast komische Verfolgungsjagd, ganz vorne rennt der freiwillige
- 0:45Bettler, dahinter rennt Zarathustra, und ganz hinten
- 0:49rennt der Schatten, nach einer Weile kommt Zarathustra jedoch
- 0:53zur Besinnung, er schüttelt seinen Ärger ab und beginnt zu
- 0:56lachen. Er erkennt, wie albern es ist,
- 0:59dass er als alter, weiser Mann vor seinem eigenen Schatten
- 1:03davonläuft. Er bleibt abrupt stehen und
- 1:06dreht sich um, dabei wirft er seinen Schatten, der dicht
- 1:09hinter ihm war, beinahe zu Boden, als Zarathustra den
- 1:13Schatten genau ansieht, erschrickt er, der Schatten
- 1:17sieht aus wie ein Gespenst. Er ist extrem dünn, dunkel, hohl
- 1:22und wirkt völlig verbraucht und erschöpft.
- 1:25In der Philosophie von Friedrich Nietzsche steht dieser Schatten
- 1:28für den sogenannten freien Geist.
- 1:31Das ist der menschliche Verstand, der alle alten Werte,
- 1:34Religionen und moralischen Regeln zerstört hat.
- 1:38Dieser Verstand hat zwar alles hinterfragt, aber er hat noch
- 1:41nichts Neues erschaffen, deshalb ist er nur ein Schatten, er
- 1:45folgt dem Schöpfer, hat aber selbst keine echte Substanz,
- 1:48keine Lebenskraft und keinen eigenen Körper, Zarathustra
- 1:52fragt den Schatten unhöflich. Wer er sei und was er hier
- 1:56wolle. Der Schatten antwortet, dass er
- 1:58ein Wanderer ist, der Zarathustra schon sehr lange auf
- 2:01Schritt und tritt folgt, er ist ständig unterwegs, hat aber kein
- 2:05Ziel und kein zu Hause, er vergleicht sich mit der
- 2:08Sagengestalt des ewigen Juden, der ruhelos über die Erde
- 2:11wandern muss, nur dass der Schatten weder unsterblich noch
- 2:14ein Jude ist. Der Schatten klagt darüber, dass
- 2:17er vom Wind hin und her getrieben wird, er ist es leid,
- 2:20immer nur an der Oberfläche der Dinge zu bleiben, wie Staub auf
- 2:23einem Spiegel. Er nimmt nichts auf und gibt
- 2:26nichts ab. Deshalb ist er so dünn geworden.
- 2:30Dann beschreibt er Schatten, was er alles mit Zarathustra erlebt
- 2:33hat, er ist mit Zarathustra in die kältesten und gefährlichsten
- 2:36Gedankenwelten gegangen, er hat keine Angst vor verboten gehabt,
- 2:41er hat alles zerstört, was sein Herz früher verehrt hat, er hat
- 2:44den Glauben an große Worte und Werte verloren.
- 2:48Hier erklärt der Schatten seinen inneren Zustand mit einem
- 2:50berühmten Satz, der den puren Nihilismus beschreibt.
- 2:54Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.
- 2:58Der Nihilismus ist die philosophische Ansicht, das ist
- 3:01keine absolute Wahrheit, keinen Gott und keinen höheren Sinn im
- 3:04Leben gibt, wenn nichts wahr ist, dann verlieren auch alle
- 3:08moralischen Regeln ihre Gültigkeit, weshalb alles
- 3:11erlaubt ist. Der Schatten erzählt weiter,
- 3:14dass er sich in diese absolute Freiheit gestürzt hat, aber
- 3:17anstatt ihn glücklich zu machen, hat ihn diese Kälte und
- 3:20Sinnlosigkeit oft nackt und frierend zurückgelassen.
- 3:24Er hat den Glauben an das Gute und an die Unschuld verloren.
- 3:27Er hat erkannt, dass die sogenannten guten Menschen oft
- 3:30nur aus Feigheit gut sind und ihre Welt auf edlen Lügen
- 3:33aufbauen. Der Schatten ist der Wahrheit so
- 3:36dicht auf den Fersen gefolgt, dass er sich oft den Kopf daran
- 3:39gestoßen hat. Nun ist der Schatten an einem
- 3:41Punkt völliger Erschöpfung und Verzweiflung angekommen, er
- 3:45sagt, dass ihm nun alles egal ist.
- 3:47Nichts lebt mehr, das er liebt, er fragt sich, warum er sich
- 3:51überhaupt noch selbst lieben sollte.
- 3:54Er hat kein Ziel mehr vor Augen, er ist wie ein Schiff ohne Hafen
- 3:58und ohne den richtigen Wind. Er beschreibt sein Herz als müde
- 4:02und frech, seinen Willen als unruhig und sein Rückgrat als
- 4:06gebrochen. Er sucht verzweifelt nach einem
- 4:08zu Hause, findet aber keines alles, was ihm bleibt, ist ein
- 4:13ewiges, überall ein ewiges Nirgendwo und ein ewiges
- 4:17Umsonst. Dies ist die tiefe Krise des
- 4:20freien Geistes. Er hat zwar die absolute
- 4:22Freiheit erreicht, indem er alle Ketten gesprengt hat, aber er
- 4:26leidet nun an der totalen Sinnlosigkeit.
- 4:29Zarathustra schaut den Schatten an und sein Gesicht wird
- 4:32traurig, er erkennt die große Not seines Schattens, er warnt
- 4:37ihn und sagt, dass seine Gefahr sehr groß ist.
- 4:40Zarathustra erklärt ein wichtiges psychologisches
- 4:42Phänomen, wenn ein Mensch völlig heimatlos ist und keine festen
- 4:46Werte mehr hat, dann erscheint ihm irgendwann sogar ein
- 4:49Gefängnis als ein glücklicher Ort.
- 4:52Eingesperrte Verbrecher können nachts ruhig schlafen, weil sie
- 4:55in ihrem Gefängnis zumindest eine gewisse Sicherheit und
- 4:58feste Grenzen haben. Zarathustra warnt den Schatten
- 5:01ausdrücklich davor, dass er am Ende aus lauter Erschöpfung
- 5:05wieder auf einen engen, strengen Glauben hereinfallen könnte.
- 5:09Nietzsche meint damit, dass Menschen, die die absolute
- 5:12Freiheit und Sinnlosigkeit nicht ertragen können, sehr anfällig
- 5:15dafür werden, sich radikalen Ideologien, Sekten oder strengen
- 5:19Dogmen zu unterwerfen. Sie tun dies nur, um wieder
- 5:23einen festen Halt im Leben zu haben, selbst wenn dieser halt
- 5:26sie einsperrt. Zarathustra sagt dem Schatten,
- 5:29dass er durch den Verlust seines Ziels auch seinen Weg verloren
- 5:32hat, er hat Mitleid mit diesem armen, müden Schwärmer, Deshalb
- 5:37bietet Zarathustra ihm an, den Abend und die Nacht in seiner
- 5:40Höhle zu verbringen, um dort einen sicheren Ruheplatz zu
- 5:43finden, doch Zarathustra selbst will nicht bei dem Schatten
- 5:46bleiben, er sagt ihm, dass er nun schnell davonlaufen wird.
- 5:51Die Anwesenheit des Schattens hat sich wie eine schwere Last
- 5:54auf Zarathustra gelegt. Er muss nun alleine rennen, bis
- 5:57es wieder hell um ihn wird und er seine gute Laune
- 5:59zurückgewinnt. Er kündigt an, dass er am Abend
- 6:02wieder tanzen will, um die Schwermut endgültig zu
- 6:05vertreiben, daraufhin rennt Zarathustra davon.