Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 11 - Die Begrüssung
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter und
- 0:04letzter Teil Unterkapitel 11 die Begrüßung es ist mittlerweile
- 0:10später Nachmittag geworden, Zarathustra hat den ganzen Tag
- 0:13lang vergeblich in den Bergen und Wäldern nach dem Ursprung
- 0:16eines mysteriösen Notschreis gesucht, den er am Morgen gehört
- 0:19hatte. Nun kehrt er zu seiner eigenen
- 0:22Höhle zurück, als er nur noch etwa 20 Schritte von dem Eingang
- 0:26entfernt ist, geschieht etwas völlig unerwartetes.
- 0:29Er hört den großen Notschrei erneut, und dieses Mal kommt der
- 0:33Schrei direkt aus seiner eigenen Höhle.
- 0:36Es ist ein sehr seltsamer, Langgezogener Schrei,
- 0:39Zarathustra hört deutlich, dass dieser Schrei nicht von einer
- 0:42einzigen Person stammt, sondern dass sich viele verschiedene
- 0:45Stimmen zu einem einzigen lauten Ruf der Verzweiflung
- 0:49zusammengeschlossen haben. Der Begriff des Notschreis ist
- 0:52hier sehr wichtig. Dieser Notschrei steht bei
- 0:55Nietzsche für die tiefe Verzweiflung und das Leiden der
- 0:58gebildeten, nachdenklichen Menschen.
- 1:01Sie haben erkannt, dass die alten Werte und Religionen
- 1:03keinen Sinn mehr ergeben, Nietzsche nennt dies den Tod
- 1:06Gottes, aber sie sind nicht stark genug, um aus eigener
- 1:10Kraft neue Werte und Lebensfreude zu erschaffen,
- 1:13daran leiden sie furchtbar. Zarathustra rennt schnell zu
- 1:17seiner Höhle und traut seinen Augen kaum, als er hineinsieht.
- 1:21Alle Personen, die er im Laufe dieses Tages einzeln getroffen
- 1:24hat, sitzen dort nun gemeinsam versammelt.
- 1:28Es sind die 2 Könige, der alte Zauberer, der ehemalige Papst,
- 1:32der freiwillige Bettler, der Wanderer, der Zarathustras
- 1:35Schatten ist der alte Wahrsager, der gewissenhafte Geist und der
- 1:39hässlichste Mensch, der hässlichste Mensch hat sich
- 1:42sogar eine Krone aufgesetzt und sich in lila Stoffe gehüllt,
- 1:46weil er wie alle Menschen, die sich hässlich fühlen, gerne eine
- 1:49schöne Maske trägt. Zarathustras treue Begleiter der
- 1:53Adler und die Schlange stehen mitten in dieser traurigen
- 1:57Gesellschaft. Sie wirken sehr unruhig und
- 2:00wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen.
- 2:03Der Adler, der für den Stolz steht, hat auf die vielen Fragen
- 2:06dieser Menschen keine Antwort, die Schlange, die für die
- 2:09Weisheit steht, hat sich Schutzsuchend um den Hals des
- 2:12Adlers gewickelt, Zarathustra ist sehr erstaunt, er betrachtet
- 2:16jeden seiner Gäste genau und freundlich.
- 2:19Er liest in ihren Gesichtern und Seelen, als die Gäste bemerken,
- 2:23dass Zarathustra da ist, erheben sie sich respektvoll und warten
- 2:27darauf, dass er spricht. Zarathustra begrüßt sie, er
- 2:31nennt sie die Verzweifelnden und die wunderlichen, nun versteht
- 2:35er endlich, von wem der Notschrei stammte, er sagt, dass
- 2:39der höhere Mensch, den er den ganzen Tag gesucht hat, nun in
- 2:43seiner eigenen Höhle sitzt. Nietzsche verwendet den Begriff
- 2:46höhere Menschen für Personen, die sich aus der breiten,
- 2:50unreflektierten Masse der Gesellschaft, dem sogenannten
- 2:52Pöbel, herausheben. Diese höheren Menschen haben
- 2:56zwar einen wachen Verstand und erkennen die Fehler der Welt,
- 2:59aber sie sind innerlich krank, müde oder kaputt, sie
- 3:04repräsentieren das Beste, was die aktuelle Menschheit zu
- 3:06bieten hat, aber sie sind in Nietzsches Augen noch lange
- 3:09nicht das wahre Ziel, der sogenannte Übermensch.
- 3:13Zarathustra wundert sich nicht lange, dass sie alle zu ihm
- 3:16gekommen sind. Er weiß, dass er sie mit seinem
- 3:19eigenen Glück und seiner positiven Ausstrahlung angelockt
- 3:21hat, wie man Fische mit einem Köder fängt, dennoch kritisiert
- 3:25er sie sofort, er sagt ihnen, dass sie keine gute Gesellschaft
- 3:28füreinander sind, wenn lauter verzweifelte zusammensitzen,
- 3:32machen sie sich nur gegenseitig noch trauriger und mürrischer.
- 3:36Was sie jetzt eigentlich bräuchten, wäre ein fröhlicher
- 3:38Narr, ein wilder Tänzer oder ein lustiger Spaßmacher, um sie
- 3:42aufzuheitern. Aber dann entschuldigt sich
- 3:45Zarathustra dafür, dass er sie mit solchen herablassenden
- 3:48Worten begrüßt. Er erklärt Ihnen, dass Ihr
- 3:51Anblick ihn insgeheim mutig und stark macht, denn wenn man
- 3:54sieht, wie andere verzweifeln, fühlt man sich selbst oft stark
- 3:58genug, um ihnen Mut zuzusprechen, er bietet ihnen
- 4:01seine Höhle als sicheren Zufluchtsort für die Nacht an.
- 4:05Er verspricht ihnen, dass sie bei ihm vor wilden Tieren und
- 4:08vor jeder Gefahr sicher sind. Er bietet Ihnen seine
- 4:11Freundschaft an, er sagt sinngemäß, wenn ich euch meinen
- 4:15kleinen Finger reiche, dann könnt ihr auch meine ganze Hand
- 4:18und mein ganzes Herz haben, er heißt sie herzlich willkommen.
- 4:24Nach dieser freundlichen Begrüßung verneigen sich die
- 4:26Gäste erneut der König, der auf der rechten Seite steht,
- 4:30ergreift das Wort und spricht im Namen aller Anwesenden.
- 4:34Er lobt Zarathustra für seine Demut.
- 4:36Der König sagt, dass Zarathustra sich zwar vor ihnen verneigt und
- 4:40sie bedient hat, aber genau dadurch seine wahre Größe
- 4:43beweist. Diese Größe baut die
- 4:45verzweifelten Gäste auf und heilt ihre Herzen.
- 4:49Der König erklärt, warum sie überhaupt auf diesen Berg
- 4:51gestiegen sind, sie wollten einfach nur jemanden sehen, der
- 4:55einen starken, Unzerbrechlichen Willen hat.
- 4:58Ein solcher Mensch, sagt der König, ist wie ein
- 5:01wunderschöner, starker Baum. Der tief verwurzelt ist und hoch
- 5:04in den Himmel wächst. Wenn man einen solchen Menschen
- 5:07sieht, gibt das Trost und Hoffnung.
- 5:10Der König klagt darüber, dass die Welt heute von der einfachen
- 5:13Masse, dem Pöbel, beherrscht wird, alle behaupten, alle
- 5:18Menschen seien gleich, die höheren Menschen haben diesen
- 5:21Gleichheitsgedanken satt, sie haben die Hoffnung schon fast
- 5:25aufgegeben und sich gefragt, ob es überhaupt noch einen Sinn hat
- 5:28zu leben. Aber als Sie von Zarathustra
- 5:31hörten, kehrte ihre Hoffnung zurück.
- 5:34Sie kamen zu ihm, um sich an seiner Stärke aufzurichten.
- 5:37Der König beendet seine Rede und will vor Dankbarkeit und
- 5:40Verehrung zarathustras Hand küssen, doch Zarathustra wehrt
- 5:44diese Verehrung sofort ab, er tritt erschrocken zurück und
- 5:48flieht beinahe vor dieser Unterwürfigkeit, er schweigt
- 5:51einen Moment, sammelt sich und sieht seine Gäste dann mit einem
- 5:55harten, prüfenden Blick an. Nun wechselt zarathustras
- 5:59Tonfall komplett. Er wird sehr streng und sagt,
- 6:02dass er jetzt Deutsch und deutlich, also völlig ohne
- 6:05Umschweife und sehr direkt mit ihnen sprechen wird.
- 6:09Er stellt klar, ich habe hier in den Bergen nicht auf euch
- 6:12gewartet, er sagt ihnen ins Gesicht, dass sie zwar höhere
- 6:16Menschen sein mögen, aber für ihn persönlich sind sie weder
- 6:19hoch noch stark genug, Zarathustra ist gnadenlos, er
- 6:24sagt, dass sie alle auf kranken und zarten Beinen stehen.
- 6:27Was sie wirklich suchen, ist jemand, der sie schont und
- 6:30bemitleidet. Sie wollen Ruhe und Trost.
- 6:34Aber Zarathustra ist ein Krieger des Geistes, er will nicht
- 6:38schonen, weder sich selbst noch andere, er fragt sie, wie sie
- 6:42jemals in seinem Kampf bestehen könnten, wenn sie schon beim
- 6:45kleinsten Lärm umfallen würden, er nennt sie krumm und
- 6:49missgestaltet, sie seien keine schönen, glatten Spiegel, in
- 6:52denen er seine Lehre betrachten könnte, sie tragen zu viele alte
- 6:56Lasten. Erinnerungen und Verzweiflungen
- 6:59mit sich herum. Man kann sie nicht mehr gerade
- 7:01biegen oder heilen, dann verwendet Zarathustra eines
- 7:05seiner wichtigsten Bilder, die Brücke und die Stufen.
- 7:09Er sagt den höheren Menschen, dass sie nur Brücken und Stufen
- 7:12sind. In Nietzsches Philosophie ist
- 7:15der Mensch nicht das Ende der Entwicklung, der Mensch ist ein
- 7:18Übergang, eine Brücke, die von der tierischen Vergangenheit in
- 7:22eine große Zukunft führt. Stufen dienen dazu, dass jemand
- 7:26anderes auf ihnen nach oben steigt.
- 7:29Zarathustra sagt den Gästen, ihr seid diese Stufen, seid also
- 7:33nicht wütend auf denjenigen, der über euch hinweg in die Höhe
- 7:36steigt, sie selbst sind nicht die perfekten Erben seiner
- 7:39Philosophie, sie sind nur die Vorzeichen dafür, dass etwas
- 7:43Besseres auf dem Weg ist. Zarathustra verkündet, auf wen
- 7:47er wirklich wartet, erwartet nicht auf Menschen voller Ekel,
- 7:51Verzweiflung und Heimweh nach alten Religionen.
- 7:54Erwartet auf Menschen, die stark, fröhlich und vollkommen
- 7:58gesund an Körper und Seele sind. Er nennt diese zukünftigen
- 8:01Menschen lachende Löwen. Der Löwe steht für den Mut, alte
- 8:05Gesetze zu zerstören und sich Freiheit zu erkämpfen, das
- 8:09Lachen steht für die absolute, unbeschwerte Bejahung des
- 8:12Lebens, Zarathustra fleht seine Gäste an, er sagt, Wenn ihr mich
- 8:18wirklich liebt und mir ein Geschenk machen wollt, dann
- 8:21redet nicht von euren Sorgen oder von eurer Verzweiflung.
- 8:24Sprecht stattdessen mit mir über meine zukünftigen Kinder, diese
- 8:29zukünftigen starken, lebensbejahenden Menschen sind
- 8:33sein einziger Trost und seine größte Hoffnung für sie würde er
- 8:38alles aufgeben. Er möchte nur noch von dieser
- 8:41glanzvollen Zukunft hören, um den Anblick der kaputten höheren
- 8:44Menschen in der Gegenwart ertragen zu können.