Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 317-324
Transcript
- 0:00Unterkapitel 317 Rückblick in diesem letzten Abschnitt
- 0:06reflektiert Nietzsche über das Pathos jeder lebensperiode
- 0:10Pathos ist hier im griechischen Sinne gemeint und bedeutet so
- 0:13viel wie das grundlegende Gefühl, die Leidenschaft oder
- 0:17die Stimmung, die eine bestimmte Zeit prägt.
- 0:19Er sagt, dass wir uns dieses Pathos selten bewusst sind,
- 0:22solange wir uns in einer Lebensphase befinden.
- 0:25Wir halten unsere aktuelle Verfassung immer für den einzig
- 0:28vernünftigen und normalen Zustand für unser Ethos, also
- 0:32unsere gewohnte Lebensweise, nicht für eine vorübergehende
- 0:35Leidenschaft. Er erzählt, wie ein paar Töne
- 0:38von Musik ihn an einen Winter, ein Haus und ein
- 0:41einsiedlerisches Leben aus seiner Vergangenheit erinnert
- 0:44haben. Damals dachte er, er könnte ewig
- 0:47so weiterleben, aber jetzt, im Rückblick begreift er, dass
- 0:52dieses Leben ganz und gar Pathos und Leidenschaft war.
- 0:56Vergleichbar mit der schmerzhaft mutigen und trostsicheren Musik,
- 0:59die er gerade gehört hat. Ein solches Leben, so schließt
- 1:03er, darf man nicht auf Jahre oder gar auf Ewigkeiten haben,
- 1:07man würde für diesen Planeten damit zu überirdisch werden, es
- 1:11ist eine Anerkennung der Notwendigkeit von Veränderung
- 1:14und der Tatsache, dass jede Lebensphase ihre eigene
- 1:16intensive, aber auch vergängliche Stimmung hat,
- 1:21Unterkapitel 318. Weisheit im Schmerz in diesem
- 1:28Abschnitt vergleicht Nietzsche den Schmerz mit der Lust.
- 1:31Er sagt, dass beide Schmerz und Lust nicht einfach nur gute oder
- 1:35schlechte Gefühle sind. Stattdessen sind sie 2 der
- 1:38wichtigsten Kräfte, die das Überleben der Menschheit
- 1:40sichern. Nietzsche verwendet ein Bild, um
- 1:43die Funktion des Schmerzes zu erklären, stell dir ein Schiff
- 1:46auf dem Meer vor, wenn ein Sturm aufzieht, ruft der Kapitän
- 1:50seinen Matrosen zu, zieht die Segel ein.
- 1:54Dieser Befehl ist eine Vorsichtsmaßnahme, um das Schiff
- 1:57vor dem Kentern zu bewahren. Der Schmerz, so Nietzsche, ist
- 2:01genau wie dieser Ruf des Kapitäns, er ist ein Warnsignal
- 2:05unseres Körpers und Geistes, wenn wir Schmerz empfinden,
- 2:08zwingt uns das, vorsichtiger zu sein, unsere Energie zu sparen
- 2:12und uns zurückzuziehen, damit wir nicht noch mehr Schaden
- 2:16nehmen. Allerdings gibt es laut
- 2:18Nietzsche auch eine andere Art von Menschen, die er als
- 2:21heroisch bezeichnet. Wenn diese Menschen Schmerz
- 2:24spüren, hören Sie nicht den Befehl, sich zurückzuziehen.
- 2:27Im Gegenteil, der Schmerz spornt sie an, sie werden in Momenten
- 2:31des größten Leidens am Stolzesten, Kämpferischsten und
- 2:35sogar am glücklichsten. Für sie ist der Schmerz keine
- 2:38Bremse, sondern ein Beschleuniger in der
- 2:41Konfrontation mit großem Leid erleben sie ihre größten und
- 2:44bedeutendsten Augenblicke. Zusammenfassend sagt Nietzsche
- 2:48hier, dass Schmerz eine lebenswichtige Funktion hat.
- 2:51Er kann uns entweder zur Vorsicht mahnen oder uns zu
- 2:54außergewöhnlichen Leistungen anstacheln.
- 2:57Unter Kapitel 319 als Interpreten unserer Erlebnisse.
- 3:04Nietzsche kritisiert hier die Gründer von Religionen und
- 3:07ähnliche spirituelle Führer, er wirft ihnen eine Art
- 3:11intellektuelle Unredlichkeit vor, wenn diese Menschen
- 3:14tiefgreifende, wundersame Erlebnisse haben, wie Visionen
- 3:18oder angebliche Wiedergeburten. Dann hinterfragen Sie diese
- 3:21Erfahrungen nicht kritisch. Sie stellen sich nie die
- 3:24entscheidenden Fragen, wie zum Beispiel, was habe ich da
- 3:28wirklich erlebt, war mein Verstand in diesem Moment klar
- 3:31und wach oder habe ich mich vielleicht selbst getäuscht, war
- 3:35mein Wille stark genug, um sich nicht von meinen eigenen Sinnen
- 3:38betrügen zu lassen. Stattdessen, so Nietzsche,
- 3:41sehnen sich diese Menschen geradezu nach Dingen, die der
- 3:44Vernunft widersprechen, sie suchen nach Wundern und nehmen
- 3:48sie ohne Zweifel an. Diesem Verhalten stellt
- 3:51Nietzsche eine neue, moderne Haltung gegenüber.
- 3:54Er spricht von die uns, den anderen, den Vernunftdurstigen
- 3:59diese neuen Menschen wollen ihre eigenen Erlebnisse so streng und
- 4:03objektiv untersuchen wie ein Wissenschaftler ein Experiment
- 4:05im Labor. Der entscheidende Satz lautet,
- 4:09wir selber wollen unsere Experimente und Versuchstiere
- 4:12sein. Das bedeutet statt Erlebnisse
- 4:14einfach als göttliche Zeichen oder Wunder hinzunehmen, sollen
- 4:17wir uns selbst und unsere Wahrnehmung kritisch
- 4:20analysieren. Es ist ein Aufruf zur radikalen
- 4:23Selbstbefragung und Ehrlichkeit gegenüber den eigenen
- 4:26Erfahrungen, Unterkapitel 320 beim Wiedersehen dieses kurze
- 4:34Kapitel ist als ein Dialog zwischen 2 Personen geschrieben,
- 4:37Person A und Person B. Person A spricht Person B an und
- 4:42beschreibt sie als einen Suchenden.
- 4:45Er fragt B, Wo denn sein Platz in der Welt sei, sein Winkel und
- 4:49Stern, also der Ort, an dem er zur Ruhe kommen und einen Sinn
- 4:53für sein Leben finden kann. Person A vermutet, dass die
- 4:57Philosophie von B. Darauf hinausläuft, dass jeder
- 5:00nur für sich selbst sorgen und sich nicht um die Gesellschaft
- 5:03oder andere kümmern sollte Person B gibt darauf eine sehr
- 5:06kraftvolle Antwort, er sagt, ich will mehr er.
- 5:10Ich bin kein Suchender, ich will für mich eine eigene Sonne
- 5:14schaffen. Was Nietzsche damit meint, ist
- 5:17ein zentraler Gedanke seiner Philosophie, ein Suchender ist
- 5:20jemand, der nach einer bereits existierenden Wahrheit, einem
- 5:24vorgegebenen Sinn oder einem Gott sucht, er sucht nach einem
- 5:28Licht, das schon da ist. Person B aber will das nicht, er
- 5:32will nicht etwas finden, sondern etwas erschaffen, er will nicht
- 5:36von einer fremden Sonne beleuchtet werden.
- 5:39Sondern selbst zu einer Sonne werden.
- 5:41Die eigene Sonne ist hier ein starkes Bild für das Erschaffen
- 5:44eigener Werte, anstatt nach einem Sinn im Leben zu suchen,
- 5:48geht es darum, dem Leben selbst einen Sinn zu geben und aus
- 5:51eigener Kraft die Welt zu erleuchten.
- 5:54Unterkapitel 321 neue Vorsicht Nietzsche rät hier zu einer
- 6:02neuen Art von klugem Verhalten im Umgang mit anderen.
- 6:05Er sagt, wir sollten damit aufhören, ständig andere
- 6:08Menschen bestrafen, tadeln oder verbessern zu wollen.
- 6:12Erstens, so argumentiert er, ist es extrem schwierig, einen
- 6:15anderen Menschen wirklich zu verändern, zweitens laufen wir
- 6:19Gefahr, durch den ständigen Kampf selbst negativ beeinflusst
- 6:22zu werden, ohne es zu merken. Anstatt also in einen direkten
- 6:25Konflikt mit Dingen oder Menschen zu treten, die wir
- 6:28ablehnen, schlägt Nietzsche eine andere Strategie vor.
- 6:32Wir sollten uns darauf konzentrieren, uns selbst zu
- 6:34erhöhen und zu verbessern. Er schreibt, geben wir unserem
- 6:39Vorbilde immer leuchtendere Farben, verdunkeln wir den
- 6:42anderen durch unser Licht. Die Idee ist also nicht, die
- 6:45Dunkelheit zu bekämpfen, sondern selbst ein helleres Licht zu
- 6:49werden, anstatt andere für ihre Fehler zu kritisieren.
- 6:53Soll man durch das eigene Beispiel überzeugen, wenn man
- 6:56selbst leuchtet, erscheinen die anderen im Vergleich dazu
- 6:59dunkler, ohne dass man sie direkt angreifen muss.
- 7:02Es ist klüger, einfach beiseite zu treten und wegzusehen,
- 7:06anstatt seine Energie in sinnlosen Kämpfen zu
- 7:08verschwenden. Unterkapitel 322 Gleichnis in
- 7:15diesem Gleichnis nutzt Nietzsche das Bild des Sternenhimmels, um
- 7:18verschiedene Arten von Denkern zu beschreiben.
- 7:21Er sagt, dass Denker, deren Gedanken sich wie Planeten in
- 7:24festen, kreisförmigen und vorhersagbaren Bahnen bewegen,
- 7:28nicht die tiefsten sind. Ihr denken ist zu geordnet und
- 7:32zu systematisch, die wirklich tiefen Denker sind anders.
- 7:37Wer in sich selbst hineinblickt, so Nietzsche, sieht kein
- 7:40geordnetes Sonnensystem, sondern ein riesiges, unendliches
- 7:43Weltall mit unregelmäßigen Milchstraßen diese tiefen Denker
- 7:47wissen, dass das Leben und die Existenz chaotisch,
- 7:50unvorhersehbar und voller Widersprüche sind.
- 7:54Sie verstehen, dass das Dasein ein Chaos und Labyrinth ist.
- 7:57Die Botschaft dieses Gleichnisses ist eine
- 7:59Wertschätzung für Denker, die Komplexität und sogar Chaos
- 8:03anerkennen und aushalten können. Nietzsche kritisiert damit jene
- 8:07Philosophen, die versuchen, die Welt in ein starres, logisches
- 8:10System zu pressen und lobt diejenigen, die der Unordnung
- 8:13des Lebens ins Auge blicken. Unterkapitel 323 Glück im
- 8:19Schicksal dieses sehr kurze Kapitel enthält einen
- 8:23überraschenden Gedanken. Nietzsche schreibt, dass es die
- 8:26größte Auszeichnung des Schicksals ist, wenn es uns dazu
- 8:29zwingt, eine Zeit lang auf der Seite unserer Gegner zu kämpfen.
- 8:33Warum ist das ein Glück? Weil diese Erfahrung uns, so
- 8:37Nietzsche, für einen großen Sieg vorbestimmt, wenn man gezwungen
- 8:41ist, die Position des Gegners einzunehmen und seine Argumente
- 8:44zu verstehen, erlangt man ein viel tieferes Wissen über den
- 8:47Konflikt, man kämpft nicht mehr blind gegen etwas, das man nicht
- 8:51versteht. Man kennt die Stärken und
- 8:53Schwächen der anderen Seite aus eigener Erfahrung.
- 8:56Diese tiefere Einsicht macht einen späteren Sieg viel
- 8:59wertvoller und umfassender, ein echter großer Sieg entsteht also
- 9:03nicht aus blinder Feindschaft, sondern aus dem Verständnis des
- 9:07Gegners. Es ist ein Glück, weil es uns
- 9:10stärker und klüger macht. Unterkapitel 324 in Media Vita
- 9:19der Titel bedeutet mitten im Leben.
- 9:22Nietzsche beginnt mit dem enthusiastischen Ausruf.
- 9:25Nein, das Leben hat mich nicht enttäuscht.
- 9:28Er schreibt, dass er das Leben von Jahr zu Jahr als wahrer,
- 9:31Begehrenswerter und geheimnisvoller empfindet.
- 9:34Der Wendepunkt für diese positive Sichtweise war, wie er
- 9:37sagt, ein großer befreiender Gedanke.
- 9:40Dieser Gedanke ist die Idee, das Leben nicht als eine Pflicht,
- 9:43ein Schicksal oder eine Last zu betrachten, sondern als ein
- 9:47Experiment. Das Leben als ein Experiment für
- 9:49denjenigen, der nach Erkenntnis strebt.
- 9:53Mit diesem Gedanken verändert sich auch die Bedeutung von
- 9:55Wissen. Erkenntnis ist für Nietzsche
- 9:58kein gemütliches Ruhebett oder ein netter Zeitvertreib, sie ist
- 10:02eine Welt der Gefahren und Siege, das Streben nach Wissen
- 10:06ist ein aktives, mutiges und manchmal gefährliches Abenteuer.
- 10:10Die Idee vom Leben als Experiment bedeutet, aktiv zu
- 10:14leben, Risiken einzugehen. Neue Wege auszuprobieren und aus
- 10:18den Ergebnissen zu lernen, ohne sich von alten moralischen
- 10:20Regeln oder Pflichten einschränken zu lassen.
- 10:24Der Sinn des Lebens liegt darin, durch das Leben selbst zu lernen
- 10:27und zu wachsen.