Latest / STAR FM Rocktalk / Campino: Die beste Phase die wir je hatten
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- Der Star-FM-Rock-Talk. Heute mit Campino. Und 10 Songs für ein Halleluja. Schnell geht das. In zehn Folgen durch die Hosengeschichte. Zehn Songs als roter Faden, um zusammen mit Campino in die einzelnen Zeiten der Toten Hosengeschichte einzutauchen. Ich bin Wolfi. Schön, dass du mit dabei bist, diese Reise mitmachst. Die Folge jetzt mit einem bisschen anderen Schwerpunkt. Klar, es wird noch um das Album Auswärtsspiel gehen, sprich wir machen einen Sprung in die 2000er rein, als es die Band rund 20 Jahre gab. Aber es war eben auch die Zeit, in der sich die Musikindustrie anfing komplett zu verändern. Bands mussten sich mit etwas auseinandersetzen, dass man erst einmal nicht so richtig greifen konnte. Breitband-Internet kam auf und dadurch auch schnell Musik ins Netz. Thema File-Sharing-Dienste wie Napster. Auch Toten Hosen, Songs und Alben konnte man sich plötzlich gratis herunterladen. Am Ende der Start einer Veränderung, dass sich der klassische Weg, wie wir Musik konsumierten, für immer veränderte. Metallica wurden von ihren Fans gehasst, weil sie gegen Napster vorgingen als erste der großen Bands und das muss ja damals nicht auch bei euch Thema gewesen sein, wie man mit dieser Situation umgeht, vielleicht nur eins zuvor, ich meine, wenn ich ehrlich bin, ich habe es geliebt, das war für mich so der heilige Gral, du hattest plötzlich Zugriff auf alle Musik der Welt, das war, ich habe noch nie wieder in meinem Leben, glaube ich, so viel Musik gehört wie zu der Zeit damals, sich Gedanken gemacht, dass gewisse Leute. Davon nicht profitieren und dadurch Einnahmen flöten gehen und so weiter, hat man sich natürlich als Konsument in den jungen Jahren erstmal nicht. Tja, es war vielleicht der Anfang von einer riesigen Revolution, die jetzt noch im vollen Umbruch ist, im vollen Lauf. Also, dass endlos viel Musik zur Verfügung steht, ist ja erstmal was total Schönes. Aber es gibt natürlich ganz viele Folgen, von denen wir noch überhaupt nicht wissen, wo wir da landen werden. Also Stichwort KI. Ich glaube, damals ist uns allen klar gewesen, du kannst das Rad. Nicht zurückdrehen. Deshalb haben wir die Dinge auch nicht so, waren wir nicht auf dem Standpunkt von Metallica. Wir haben eher gedacht, man muss damit umgehen, aber man kann es nicht mit dieser Vollbremsung stoppen, die Metallica davor hatten. Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen und du kannst auch diese ganzen Plattformen nicht zurückverfolgen, weil sie sich einfach ständig immer wieder neu finden können. Wir haben das zur Kenntnis genommen. Ich glaube, die Wucht und die Krassheit der Entwicklung konnte man sich schon ausmalen, wie das werden würde. Aber die Anfänge waren noch im Verhältnis verhalten. Also zu dieser Zeit haben die Menschen noch CDs gekauft und man kam sich nicht blöd vor, nach einer Neuveröffentlichung seinen Freunden die aktuelle CD zu überreichen oder so. Wenn ich das heute tun würde mit einer Platte von uns, da würden die Leute so irgendwie ein bisschen verstört lächeln und sich fragen, was überreicht dieser Trottel mir hier gerade? Ich habe gar keinen CD-Player mehr. Das ist bei 90 Prozent der Leute so. Und insofern, ja, das hat sich alles sehr verschoben. Nicht immer mit positiven Effekten. Auch als Fan ist das natürlich immens, was man alles anklicken kann, was man entdecken kann. Da helfen sogar Algorithmen in dem Moment. Aber gleichzeitig ist die Rückseite der Medaille, dass Musik sehr beliebig geworden ist, dass die Menschen wirklich anders hören. Wer genießt heute schon die Dramaturgie eines kompletten Albums? Die meisten Menschen klicken ein Stück an, hören das zehn Sekunden und skippen weiter, wenn ihnen das irgendwie nicht gefällt. Sie lassen sich gar nicht mehr so tief in diese Welt hineinziehen, die ein Künstler oder eine Künstlerin vorliegt. Für sie vorbereitet hat. Und das finde ich ist kein so ein schöner Nebeneffekt der ganzen Angelegenheit. Aber auch hier kann man nicht ändern. Und deshalb sollten wir umgehen mit dem, was ist und versuchen das irgendwo in kontrollierte Bahnen zu lenken. Also Stichwort, wer verdient jetzt an diesen ganzen Dingen, die Streaming-Dienste, die großen Plattenfirmen. Aber jeder ist bemüht, das nicht unbedingt zum Künstler weiterzuleiten und ich finde, da müssen Wege gefunden werden, dass jeder irgendwo zu seinem Teil kommt. Aber das ist eine andere Diskussion. Neben dem neuen Konsumieren von Musik kamen ja auch gewisse sozialen Medien in den 2000er hoch. MySpace zuerst, das war ja noch, sagen wir mal, der Musik dienlich in Wegen zumindest. Dann allerdings diese ganze Facebook und Co. Bubble und ich vermute jetzt einfach mal ins Blaue. Du guckst da überhaupt nicht rein, oder? Ich habe kein Facebook. Ich bin tatsächlich sozusagen Blinderpassagier auf Instagram. Also ich poste nichts, kann das auch für mich behalten, was ich als Frühstück zu mir genommen habe. Aber ich schaue natürlich bei Bands und ich bin Nutznießer, als dass ich als Fan von Fortuna Düsseldorf oder dem Liverpool FC immer mal draufgehe. Und da gehe ich auch auf die Kommentare, um zu erfahren, was die Fans über ein Spiel denken oder so etwas. Ansonsten versuche ich mich da rauszuhalten und auch bloß nicht über die eigenen Meldungen zu gehen. Weil ich irgendwo unabhängig bleiben will bei dem, was ich denke und verkünde. Und ich habe die Sorge, dass mich diese Shitstorms, die da kursieren, dass die mich vielleicht in irgendeine Richtung drücken könnten, die ich nicht einnehmen will. Völlig nachvollziehbar. Ich meine, du gehörst ja auch dazu, zu denjenigen, über die gerne mal kritisiert wird. Eigentlich egal, was du sagst. Da kommt irgendein Satz von dir. und da gibt es eine gewisse laute Bubble, die da alles niederreißt. Kriegst du das am Rande irgendwie mit? Lässt sich das kalt oder wie geht man damit um? Man geht da gar nicht mit um. Da gibt es kein Rezept. Ich glaube, Menschen, die das nicht gewohnt sind, in der Öffentlichkeit zu stehen, denen sowas das erste Mal wieder fährt, die haben da schon ganz schön dran zu knacken. Ich versuche mich davon zu lösen. Das hat keinen Sinn. Also die Feindbilder sind so klar verteilt, da lässt sich kaum jemand mehr überzeugen, dass er vielleicht seine Meinung ändert oder so. Das sind mittlerweile ausgesprochene Mantras. Die Toten Hosen sind doof oder sie sind gut. Ich beteilige mich an der Diskussion einfach nicht. Ich finde es auf jeden Fall beachtlich, dass bei all der Scheiße, die gerne mal über dich und eure Band geschrieben wird, dass ihr über all die Jahre so den Humor nicht verloren habt, den Spaß nicht verloren habt, auch so die Selbstironie nicht verloren habt, dass man immer das Gefühl hat, sie nehmen sich nicht zu ernst. Das wäre schön, wenn wir uns das zu Herzen genommen hätten, was du da sagst. Ich finde das ganz richtig und tatsächlich sprechen wir auch so miteinander. Ich halte das für ganz wichtig, dass wir uns alle nicht zu ernst nehmen. Mein Lieblingsspruch ist da immer, wir nehmen die Sache wichtig, aber nicht ernst. Also irgendwo über sich selbst lachen können, und da spreche ich jetzt nicht über die toten Hosen, sondern über uns alle, die wir hier in Deutschland leben, über sich selber lachen können, vereinfacht unheimlich viel. Und mit einer gewissen Zuversicht so durch den Tag zu laufen, ob man jetzt eine Person grüßt, die in der Bäckerei neben einem steht oder wenigstens anlächelt, Das kann schon echt viel ausmachen, denn es kommt auch genauso auf dich zurück, wie du dich verhältst. Und ja, das ist irgendwas, was wir lernen können, glaube ich. Lass uns noch kurz zwei Sätze über das Album Auswärtsspiel sprechen, eingangs schon erwähnt, das damals rauskam. Woran denkst du zuerst, wenn der Name Auswärtsspiel fällt? An eine ganz, ganz schöne Zeit. Ich glaube, dass wir uns da wieder als Band wirklich gut gefunden haben. Um die Demos aufzunehmen, um neue Lieder zu finden, sind wir damals alle nach Ibiza geflogen in der Nebensaison, irgendwann zwischen Februar und Mai. Haben uns da so ein Ferienhaus gemietet für nicht viel Geld, weil da so in der Jahreszeit niemand dort ist. Haben das Wohnzimmer des Hauses abgehängt, zum Proberaum umfunktioniert. Wir haben alle unsere Zimmerchen da gehabt. Das Haus hatte einen schönen Garten. Da konnten wir in den Pausen immer Fußballspiel, drei gegen drei machen. Wir haben noch einen Koch mitgenommen, also fünf tote Hosen, einen Koch. Und der hat sich dann um alle Lebensmittel gekümmert, während wir nur für die Musik da waren und nur für uns. Und es war eine unglaublich schöne Zeit der Gemeinsamkeit. Vielleicht als Team die beste Phase, die wir je hatten. Die Platte drückt das, glaube ich, auch aus. Die gehört zu meinen Lieblingsplatten von den Toten Hosen. Es ist vielleicht nicht der typischste Song von der Platte, den wir als Überschrift gewählt haben, nur zu Besuch. Wird gerne mal als dein persönlichstes Lied beschrieben, aber am Ende sind... Sehr viele Lieder von dir, sehr persönlich, oder? Ich kann da gar nicht selbst was zu sagen. Ich denke, dass ich am stärksten bin, wenn ich selbst Erlebtes zu einer Geschichte verarbeite. Aber das darf immer nur Inspiration sein. Es geht nie darum, öffentliche Therapiestunden zu veranstalten. Oder das wäre irgendwie fatal, wenn die Leute sich immer fragen. Was ist dem Campino denn da passiert? Sondern die Lieder sollen ein Eigenleben entwickeln, die sollen für sich dastehen. Jeder soll seine Gedanken zu diesen Songs haben und selber etwas interpretieren können. Das Lied »Nur zu Besuch«, das um meine Mutter geht, soll einfach eine Gefühlswelt widerspiegeln, die hoffentlich auch viele andere Menschen erleben, wenn sie Abschied nehmen von jemandem. Ja, wenn man so will, sind die gelungensten Dinge dann die, die sich sehr persönlich anfühlen. Aber ich warne davor, dass man Musikstücke gleichsetzt mit dem, was ein Künstler oder eine Künstlerin dann wirklich ist oder was wirklich geschehen ist. Das ist immer nur der Auslöser und entwickelt Geschichten weiter. Und das ist wichtig so, weil ich grundsätzlich was in mir widerstrebt, sein Leben zu missbrauchen und das, was einem widerfahren ist, um da einfach nur ein paar gute intensive Geschichten daraus zu erzählen. Das ist unanständig. Also nehmen wir mal an, ein unglückliches Liebeslied, da geht es ja dann immer noch um eine andere Person, der das auch widerfahren ist. Das sollte man nie aus den Augen verlieren. Und man sollte ein Lied nicht veröffentlichen über eine Person, zum Beispiel, ohne diese Person eben auch zu fragen, ist das für dich okay oder nicht. Deshalb habe ich bei dem Lied nur zu Besuch über meine Mutter alle meine fünf Geschwister gefragt. Ich habe allen das vorgespielt und gefragt, findet ihr, dass ich unserer Familie und unserer Geschichte dazu nahe trete oder ist das für euch in Ordnung? Und erst als alle fünf gesagt haben, kannst du so rausbringen, habe ich es dann auch gemacht. Hör dir die Playlist an, hör dir die Songs an zur Podcast-Reihe mit Campino über die Geschichte der Toten Hosen, haben wir dir in der Caption verlinkt. In Folge 9 sprechen wir über ein jüngeres Kapitel der Totenhosengeschichte, das zwar mittlerweile auch schon 14 Jahre auf dem Buckel hat, aber dessen Auswirkungen bis heute massiv spürbar sind. Denn plötzlich wurde diese Band, die ja schon richtig groß war, noch einmal massiv größer. Und das wegen einem Lied. Tage wie diese. Ich saß zu Hause vorm Fernseher. An dem Tag war ein DFB-Pokalspiel. Dortmund hatte gewonnen und ich schaute das aktuelle Sportstudio und da geht dann plötzlich diese Tür auf und die Spieler kommen in die Sendung reingelaufen, und singen an Tagen wie diesen. Und das war der Moment, wo ich dachte, hallo, da passiert gerade was. Und so war es auch. Es wuchs über uns hinaus. Es ist dann irgendwann explodiert und ob wir wollten oder nicht, wir haben einfach nur zugeschaut. Mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja.