Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 18
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- 0:01Kapitel 18 die Warteliste seine Mutter wohnte noch immer in der
- 0:05Wohnung, in der er groß geworden war 3.
- 0:08Stock, kein Aufzug, und Niklas merkte jedes Mal, wenn er die
- 0:11Treppe hochging, dass die Stufen kürzer geworden waren oder er
- 0:15größer und dass die Wohnung kleiner geworden war, seit er
- 0:18nicht mehr in ihr schlief. Sie machte ihm auf, bevor er
- 0:20klingeln konnte. Sie hörte ihn auf der Treppe,
- 0:23sagte sie, sie kenne seinen Schritt, und das war
- 0:25wahrscheinlich gelogen, weil alle Schritte in diesem Haus
- 0:28gleich klangen. Das müde treten von Menschen,
- 0:30die nach Hause kamen und nicht recht wussten, wohin sonst.
- 0:33Aber er ließ es ihr, weil es ein gutes Gefühl war, einen Schritt
- 0:36zu haben, den jemand kannte, sie sah schlecht aus.
- 0:39Er sah es sofort mit dem Teil von ihm, der Dinge sah, ohne sie
- 0:43sehen zu wollen. Und er schob es weg, wie man
- 0:45eine warnleuchte Wegschiebt, von der man hofft, dass sie von
- 0:48selbst aufhört zu blinken. Ihre Haut hatte eine Farbe, die
- 0:52keine Farbe war, das Grau eines Akkus, der zu lange im Roten
- 0:55lief. Sie war außer Atem vom aufmachen
- 0:57der Tür von 2 Metern Flur, und sie versuchte es zu verbergen,
- 1:01indem sie redete, schnell über belanglose Dinge, das Wetter,
- 1:05die Nachbarin, der Preis für Butter und Niklas hörte zu und
- 1:08hörte das andere, darunter das Pfeifen, das in ihrem Atem saß,
- 1:12wie etwas, das nicht hineingehörte du isst nicht
- 1:15genug, sagte sie, statt Hallo, und das war ihre Art, Hallo zu
- 1:18sagen seit 30 Jahren, du bist zu dünn, setz dich, ich hab Suppe,
- 1:23sie hatte immer Suppe. Das war das Gesetz dieser
- 1:26Wohnung, egal wie wenig da war, es gab Suppe und die Suppe war
- 1:30der Beweis, dass es noch ging, dass eine Mutter noch eine
- 1:33Mutter war, auch wenn ihr sonst alles weggenommen worden war.
- 1:36Niklas setzte sich an den Küchentisch, den Kleinen mit der
- 1:39abgewetzten Platte, an dem er Hausaufgaben gemacht hatte, die
- 1:42niemand kontrollierte, und sah ihr zu, wie sie sich zum Herd
- 1:45bewegte, langsam, mit einer Hand an der Anrichte, und er sah,
- 1:49wieviel sie diese 2 Schritte kosteten und etwas in seinem
- 1:52Magen zog sich zusammen, ein Hunger, der kein Hunger war
- 1:56seine Mutter hatte ihr Leben lang gearbeitet, 3 Jobs, als er
- 1:59klein war, der Vater längst weg, ein Name, an den Niklas sich
- 2:02nicht erinnerte und nicht erinnern wollte.
- 2:05Sie hatte morgens Treppenhäuser geputzt, mittags in einer
- 2:08Kantine ausgegeben, abends Regale eingeräumt in einem
- 2:11Markt, der längst geschlossen war.
- 2:13Und dazwischen hatte sie ihn großgezogen, allein, mit Suppe
- 2:17und mit einer Härte. Die Liebe war, auch wenn sie nie
- 2:20so aussah, sie hatte nie etwas für sich gewollt.
- 2:23Sie hatte nur gewollt, dass er es einmal besser hätte.
- 2:26Und das war der Witz, den das Leben ihr erzählte, dass er es
- 2:29nicht besser hatte, dass er Pakete fuhr und in Hallen
- 2:32geschuftet hatte, bis ein Armband ihn aussortierte und
- 2:35dass das einzige, was sich in 30 Jahren wirklich verändert hatte,
- 2:38ihr Körper war, der jetzt die Rechnung präsentierte für alles,
- 2:41was sie ihm abverlangt hatte. Er kannte jeden Zentimeter
- 2:44dieser Wohnung, mit dem Körper, nicht mit den Augen.
- 2:47Den Fleck an der Decke über dem Herd, der größer geworden war,
- 2:50Jahr um Jahr, weil das Dach undicht war und der Vermieter es
- 2:54nicht richtete. Den Geruch, der immer derselbe
- 2:57war, Bohnerwachs und Zwiebeln und etwas drittes, das er nie
- 3:00hatte benennen können und das einfach nach Mutter roch, nach
- 3:03Kindheit, nach den Abenden, an denen er allein gewesen war und
- 3:07auf ihren Schritt gewartet hatte, 3 Stockwerke, müde, spät.
- 3:11Er hatte als Kind oft gehungert, nicht weil nichts da war,
- 3:14sondern weil sie nicht da war, weil der Hunger nach ihr ein
- 3:17anderer Hunger gewesen war als der nach Essen und sich anfühlte
- 3:20wie ein Akku, der leer war und auf das Aufladen wartete, das
- 3:24erst kam, wenn der Schlüssel im Schloss drehte.
- 3:27Und jetzt saß er an ihrem Tisch erwachsen und sah, dass der
- 3:30Akku, der ihn ein Leben lang geladen hatte, selbst leer war
- 3:34im Roten, das sie sich verbraucht hatte für ihn,
- 3:36Schicht um Schicht, Treppenhaus um Treppenhaus.
- 3:39Und dass niemand sie je wieder aufladen würde, weil es für
- 3:42Mütter wie sie keine Steckdose gab, nirgends, in keinem System.
- 3:47Mir geht's gut, log er, als sie ihm die Suppe hinstellte, bei
- 3:51mir läuft was gerade richtig was, und das war nicht gelogen,
- 3:55und davon wollte er erzählen, davon war er gekommen, er
- 3:58erzählte ihr von der Bewegung nicht mit dem Wort, das Wort
- 4:01mochte sie nicht, sie war von der alten Sorte, die mit Politik
- 4:04nichts am Hut hatte, die da oben alle gleich, alle Lügner und er
- 4:09erzählte ihr von den Leuten von Sandra, die seinen Namen kannte,
- 4:14davon, dass er jetzt was organisierte, dass man ihm
- 4:16vertraute, dass er eine Mannschaft hatte, Leute, die auf
- 4:19ihn hörten, er sah, wie sie zuhörte, und er sah, dass sie
- 4:23nicht alles verstand und dass sie etwas anderes hörte als das,
- 4:26was er sagte. Sie hörte, dass ihr Sohn stolz
- 4:29war, dass er aufrecht saß, dass in seiner Stimme etwas war, das
- 4:32lange nicht darin gewesen war, und das genügte ihr, das war ihr
- 4:36genug, weil eine Mutter den Ton hört und nicht die Worte.
- 4:39Pass auf, mit wem du dich einlässt, sagte sie trotzdem,
- 4:42weil sie eine Mutter war und Mütter das sagen müssen.
- 4:45Es gibt viel Gesindel, das sind keine Gesindel, Mama, das sind
- 4:48Leute wie wir, Leute wie wir. Er sagte es, und es fühlte sich
- 4:53richtig an, es fühlte sich warm an, denn das war es ja, was ihn
- 4:57gepackt hatte, von Anfang an, in der ersten Versammlung.
- 5:00Dass dort endlich von Leuten wie ihnen die Rede war, von denen,
- 5:04die immer hinten angestanden hatten, die geschuftet hatten
- 5:07und nichts bekommen hatten, die man aussortiert hatte mit einem
- 5:10Schreiben, das einen Duzte. Die Bewegung sagte ihr zuerst
- 5:14nicht mehr, die Fremden nicht mehr, die da oben nicht mehr
- 5:17die, die nie gearbeitet hatten, ihr die Arbeiter, die
- 5:20Anständigen, die Einheimischen, die diesem Land gehörten.
- 5:24Er dachte an das Lager, während er es ihr erzählte, an die 3
- 5:28Jahre in der Halle, in der ein Armband seinen Weg gezählt hatte
- 5:31und ein Bildschirm seine Sekunden, in der niemand seinen
- 5:34Namen gekannt hatte, nur seine Nummer, seine Quote, seine Zeit
- 5:38pro griff. Er war dort eine Zahl gewesen,
- 5:41eine schlechter werdende Zahl, bis die Zahl zu schlecht war und
- 5:44man ihn aussortierte mit einem Schreiben, das ihn duzte, als
- 5:48wäre das Duzen eine Freundlichkeit und nicht die
- 5:50letzte Erniedrigung. 3 Jahre lang hatte ihn niemand gesehen.
- 5:54Und dann, auf der Versammlung, hatte ihn jemand am Arm
- 5:57genommen, Sandra und seinen Namen gesagt, Niklas, einfach
- 6:01so, und ihm zugehört, wirklich zugehört mit dem ganzen Gesicht,
- 6:05und es war gewesen, als ginge nach 3 Jahren im Dunkeln ein
- 6:07Display an Hellwarm und auf dem Display stand sein Name, das
- 6:12vergaß man nicht, das konnte einem niemand ausreden, mit
- 6:15keinem Argument der Welt, weil es kein Gedanke war, sondern
- 6:18eine Temperatur, er hatte gefroren.
- 6:21Und jetzt war ihm warm und ein Mensch, dem warm geworden ist,
- 6:24geht nicht zurück in die Kälte, nur weil ihm jemand erklärt, das
- 6:28Feuer sei das falsche und seine Mutter, die ihr Leben lang
- 6:31Treppenhäuser geputzt hatte, war genau das war das Herz dessen,
- 6:35was sie meinten, wenn sie die unseren sagten, und Niklas saß
- 6:39an ihrem Küchentisch und war stolz, dass er jetzt zu denen
- 6:42gehörte, die für Menschen wie seine Mutter kämpften.
- 6:45Er sah nicht, was der Leser sieht.
- 6:47Er konnte es nicht sehen, er saß zu nah dran in der Wärme, mit
- 6:51der Suppe vor sich und der Mutter gegenüber, und die Wärme
- 6:53machte blind, so wie ein helles Display einen blind macht für
- 6:57alles, was im Dunkeln darum herum liegt.
- 6:59Dann erzählte sie ihm von dem Eingriff, sie tat es beiläufig
- 7:02zwischen der Suppe und dem Abräumen, wie man von etwas
- 7:05spricht, das man klein halten will, damit es klein bleibt.
- 7:08Der Arzt habe gesagt, es müsse gemacht werden.
- 7:11Etwas mit dem Herzen, mit den Gefäßen.
- 7:14Niklas verstand die Worte nicht genau, sie glitten an ihm ab,
- 7:17wie alle solche Worte, lange lateinische Dinger, die nichts
- 7:21mit dem Leben zu tun hatten, das er kannte, aber er verstand das
- 7:24Wesentliche, weil seine Mutter es ihm in ihre Sprache
- 7:26übersetzte, es sei nichts akutes, sagte sie, nichts, wo
- 7:30man mit dem Krankenwagen käme, aber es müsse gemacht werden,
- 7:33geplant in den nächsten Wochen, sonst werde es irgendwann das
- 7:36andere, das akute, das mit dem Krankenwagen.
- 7:39Planbar, sagte sie und benutzte das Wort des Arztes.
- 7:43Und in ihrem Mund klang es fast beruhigend planbar, als sei das
- 7:47planbare, das harmlose, das, worüber man sich keine Sorgen
- 7:50machte. Sie setzen mich auf eine Liste,
- 7:53eine Warteliste, und dann kriege ich einen Termin, wann Sie
- 7:58zuckte mit den Schultern, und in dem Zucken war etwas, das sie
- 8:01nicht sagte, steht noch nicht fest.
- 8:04Es geht jetzt nach so einem, nach Punkten oder so, wie
- 8:07dringend und so weiter. Sie haben mir einen Brief
- 8:10geschickt. Sie holte den Brief, er lag auf
- 8:13der Anrichte, schon geöffnet, schon mehrmals gelesen, das sah
- 8:16man am Papier, das weich geworden war an den Falzen,
- 8:19Niklas las ihn, und er verstand die Hälfte nicht, weil der Brief
- 8:23in der Sprache geschrieben war, in der solche Briefe geschrieben
- 8:26waren, höflich, glatt, mit Wörtern, die an ihm abglitten,
- 8:30aber ein paar Dinge verstand er, er verstand das Wort
- 8:33verlässlichkeitsindex, weil er es schon gehört hatte, irgendwo,
- 8:36er kam nicht drauf, wo? Er verstand, dass seiner Mutter
- 8:39eine Zahl zugeordnet worden war, ein Wert, der bestimmte, wann
- 8:43sie dran kam. Und er verstand ganz unten in
- 8:47einem Kasten, dass dieser Wert derzeit eine nachrangige
- 8:50Einstufung ergab und dass man mit einem Termin zum gegebenen
- 8:53Zeitpunkt rechnen könne und dass das alles der bedarfsgerechten
- 8:56Steuerung knapper Kapazitäten diene.
- 8:59Er verstand die Wörter einzeln nicht und das Ganze schon seine
- 9:02Mutter stand hinten an. Er las das Wort noch einmal
- 9:05verlässlichkeitsindex und etwas rührte sich in ihm weit weg.
- 9:09Eine Tür, hinter der ein Geräusch war, das er nicht
- 9:12zuordnen konnte. Er hatte das Wort schon gehört,
- 9:15nicht ganz dieses, aber Teile davon Index Verlässlichkeit in
- 9:19dem hellen Büro, in das er die Kisten getragen hatte, wo die
- 9:22Männer in den guten Hemden auf die Bildschirme gesehen hatten,
- 9:25auf die Stadt in Feldern blau und Grün, da war das Wort
- 9:29gewesen an einer Wand auf einem Schirm, er wusste es nicht mehr
- 9:32genau. Er versuchte die Tür
- 9:34aufzudrücken, den Faden zu fassen, der von dem Brief seiner
- 9:37Mutter zu dem hellen Büro lief, und der Faden zerriss, glitt ihm
- 9:41weg wie die langen Wörter ihm immer wegglitten, weil sein Kopf
- 9:45für solche Fäden nicht gemacht war, weil er müde war, weil er
- 9:48Ruten denken konnte und Gewichte und Ladestände, aber nicht das,
- 9:51was zwischen einem Brief und einem Büro und einer Kiste lag.
- 9:55Es war alles da. Es lag offen vor ihm auf dem
- 9:58weichgewordenen Papier. Der ganze Zusammenhang, und er
- 10:02konnte ihn nicht sehen, weil sehen mehr ist als hinschauen,
- 10:05weil man um zu sehen wissen muss, wonach man schaut, und
- 10:08niemand hatte es ihm je beigebracht.
- 10:10Er schob die Tür wieder zu, er kam nicht drauf, er ließ es, es
- 10:15zog ihm etwas zusammen, wieder der Hunger, der kein Hunger war,
- 10:18tiefer diesmal. Warum nachrangig, fragte er, du
- 10:21bist krank, du musst operiert werden, wie kann das nachrangig
- 10:25sein? Ach, sagte sie und winkte ab,
- 10:28mit der Hand, die das Abwinken gelernt hatte in einem Leben
- 10:31voller Dinge, die man abwinken musste, um sie zu ertragen, wird
- 10:35schon, die haben halt viel zu tun, irgendwann komm ich dran.
- 10:40Sie sagte es, wie sie alles sagte, was weh tat, leicht
- 10:44Abwinkend mit dieser Stimme, die gelernt hatte, das Schwere
- 10:47kleinzureden, damit es einen nicht erdrückte.
- 10:50Niklas kannte die Stimme. Es war die Stimme, mit der sie
- 10:54ihm als Kind gesagt hatte, es sei nicht schlimm, dass für den
- 10:56Ausflug kein Geld da war. Es sei nicht schlimm, dass der
- 10:59Vater nicht anrief, es sei nicht schlimm, dass sie zu Weihnachten
- 11:02arbeiten musste, wird schon, macht nichts irgendwann, es war
- 11:07die Sprache der Leute, die immer hinten gestanden hatten und die
- 11:10gelernt hatten, das Hintenstehen nicht mehr zu spüren, weil das
- 11:13spüren sie verrückt gemacht hätte.
- 11:15Sie beschwerte sich nicht, sie hatte sich nie beschwert.
- 11:18Sie nahm, was kam und machte das Beste daraus.
- 11:22Mit Suppe und mit Abwinken. Und gerade das dieses nicht
- 11:26beschweren war es, was Niklas in die Kehle stieg, weil er
- 11:29Begriff, dass seine Mutter sich auch jetzt nicht beschweren
- 11:32würde, dass sie warten würde, geduldig abwinkend irgendwann
- 11:36komm ich dran, während die Liste sie nach unten schob und dass
- 11:39sie eher sterben würde als laut zu werden.
- 11:42Sie war das vollkommene Opfer für eine Maschine, die durch
- 11:45Aufschieben tötete. Sie würde nie an eine Tür
- 11:48hämmern, sie würde warten, bis das warten Sie umbrachte und
- 11:51dabei sagen wird schon. Und Niklas, der nicht wusste,
- 11:55dass er selbst in seiner Halle an seinen Routen in der Maschine
- 11:58arbeitete, die diese Zahl ausspuckte.
- 12:01Niklas, der die versiegelten Kisten gefahren hatte mit dem
- 12:04Etikett aus 2 Silben, der in das helle Büro geschaut hatte, in
- 12:07dem die Stadt in Felder mit Werten zerlegt wurde, blau und
- 12:10Grün und kein Rot. Niklas legte den Brief hin und
- 12:14Tat das einzige, was er tun konnte, das Falscheste, was er
- 12:17tun konnte, er tröstete sie mit der Lüge, an die er glaubte, Hör
- 12:21zu, hör zu, Mama. Er nahm ihre Hand, die graue,
- 12:25müde Hand, über den Tisch. Das wird jetzt anders, das ist
- 12:28es ja, was ich dir erzähle, die neuen, die jetzt regieren, die
- 12:32machen das anders, die kümmern sich um Leute wie uns, um die
- 12:35Arbeiter, um die, die ihr Leben lang mal Ort haben, das hat der
- 12:39gesagt, der neue Ministerpräsident im Fernsehen,
- 12:42das Schluss ist damit, dass Leute wie Du hinten anstehen,
- 12:46Verlässlichkeit hat er gesagt, dass jetzt jemand kümmert, er
- 12:50glaubte es. Das war das Schlimmste an dem
- 12:52Moment. Schlimmer als alles, was er
- 12:54sagte. Er glaubte jedes Wort, er saß
- 12:57da, hielt die Hand seiner sterbenden Mutter und versprach
- 13:00ihr, dass genau die Leute, deren Maschine sie gerade nach hinten
- 13:03sortierte, sie retten würden, weil sie zu den unseren gehörte.
- 13:07Er hatte das Wort Verlässlichkeit im Mund,
- 13:09dasselbe Wort, das auf dem Brief stand, der sie hinten anstellte,
- 13:13und er hörte nicht, dass es dasselbe Wort war.
- 13:16Er hörte nur die Wärme darin, das Versprechen, das ihn selbst
- 13:19gewärmt hatte, und er gab die Wärme weiter an seine Mutter.
- 13:22Wie man ein Feuer weitergibt, ohne zu wissen, dass das Holz,
- 13:26das brennt, das eigene Haus ist. Seine Mutter sah ihn an und in
- 13:30ihrem Blick war etwas, das er für Trost hielt und das
- 13:33vielleicht etwas anderes war, das müde wissen einer Frau, die
- 13:36zu lange gelebt hatte, um an die Versprechen der da oben zu
- 13:39glauben, gleich welcher Farbe, aber sie sagte nichts dagegen.
- 13:43Sie ließ ihm seinen Glauben, weil sie den Ton hörte, indem er
- 13:46sprach, den stolzen, hoffenden Ton ihres Sohnes, der endlich an
- 13:50etwas glaubte, und weil sie diesen Ton seit Jahren nicht
- 13:52gehört hatte und ihn ihm nicht nehmen wollte, nicht einmal um
- 13:56den Preis der Wahrheit. Er machte sich, während er ihre
- 14:00Hand hielt, schon Pläne. Er würde mit Sandra reden.
- 14:04Sandra kannte Leute, Sandra kannte die, die jetzt was zu
- 14:07sagen hatten in der Stadt, und wenn er ihr erzählte, dass seine
- 14:10Mutter krank war, eine Arbeiterin, eine von den ihren,
- 14:13eine, die ihr Leben lang mal Ort hatte, dann würde sich das
- 14:16Regeln lassen, so lief das doch jetzt, er hatte die Beweise ja
- 14:20selbst gehört auf dem Fest an den Kaffeetischen aus Mündern,
- 14:23die aussahen wie die seiner Mutter, der Schwager mit der
- 14:26Schulter, 2 Jahre nichts, und dann der Brief, die Nichte mit
- 14:29der Wohnung mit Balkon. Bei denen war es schnell
- 14:32gegangen, kaum dass die Neuen dran waren.
- 14:34Man kümmerte sich um die seinen, er gehörte dazu, also gehörte
- 14:37seine Mutter dazu, also würde man sich um seine Mutter
- 14:40kümmern. Es war eine einfache Rechnung,
- 14:42so einfach, dass sie aufgehen musste, und Niklas, der mit
- 14:45Zahlen schlecht war, aber diese Rechnung verstand, fühlte sich
- 14:49besser, sobald er sie gemacht hatte, er würde es regeln, er
- 14:53war nicht mehr der von früher, der nichts regeln konnte, der
- 14:56nur dastand, wenn das Leben etwas wegnahm.
- 14:59Er war jemand geworden und jemand zu sein, das hieß doch,
- 15:02dass man eingreifen konnte, dass man nicht mehr zusah, wie den
- 15:05seinen wehgetan wurde. Er wusste nicht, dass die
- 15:08Bewegung, die ihn aufgenommen hatte, keinen einzigen Termin
- 15:11verschieben konnte zu seinen Gunsten, weil die Maschine
- 15:14niemanden kannte, keine Namen, keine Mütter, keine Verdienste,
- 15:18nur Werte, nur Felder, nur die kalte Frage, ob einer sich
- 15:22rechnete und seine Mutter rechnete sich nicht.
- 15:25Das ist schön, sagte sie nur und drückte seine Hand.
- 15:28Und es war nicht klar, ob sie das Versprechen meinte oder den
- 15:31Sohn, der es ihr machte. Sie wärmte ihm den Rest der
- 15:34Suppe auf, die er nicht wollte und aß, weil sie es wollte, und
- 15:37sie redeten von anderem, von leichteren Dingen und für eine
- 15:40Stunde war es warm in der kleinen Küche im 3.
- 15:43Stock, warm wie früher Mutter und Sohn an einem abgewetzten
- 15:46Tisch und draußen wurde es dunkel und in den Fenstern
- 15:49gegenüber ging das blaue Licht der Bildschirme an, in dem
- 15:52dieselbe Zahl stand, die irgendwo in einer Maschine.
- 15:55Der ihr Sohn arbeitete gerade auch, seine Mutter berechnete
- 15:58und zu leicht befand, als er ging.
- 16:01An der Tür hielt sie ihn noch einmal fest kurz und sagte Pass
- 16:05auf dich auf, Niklas und er sagte du auf dich Mama und mach
- 16:10dir keine Sorgen wegen dem Termin ich regel das ich kenn
- 16:14jetzt Leute ich kenn jetzt Leute.
- 16:17Er ging die Treppe hinunter, 3 Stockwerke und mit jedem
- 16:20Stockwerk fühlte er sich besser, größer, weil er glaubte, er
- 16:24könne etwas tun, weil er glaubte, seine neue
- 16:26Zugehörigkeit sei ein Schutz, ein Schirm, den er über seine
- 16:30Mutter halten könne. Er kannte jetzt Leute, er war
- 16:33wer, und wenn man wer war, dann passierte den seinen nichts, er
- 16:37kam unten an, trat hinaus in die Frühlingskälte und über ihm im
- 16:423. Stock ging das Licht in der
- 16:44Küche aus. Und Niklas wusste nicht, konnte
- 16:46nicht wissen, dass die Leute, die er kannte und die Maschine,
- 16:49in der er arbeitete und das Wort, das ihn gewärmt hatte,
- 16:52schon dabei waren, seiner Mutter den Termin wegzunehmen.
- 16:55Leise, höflich, papierförmig, nicht mit einem Nein, sondern
- 16:59mit einem noch nicht, und dass das noch nicht sich wiederholen
- 17:02würde, Woche um Woche, Verschiebung um Verschiebung,
- 17:05bis aus dem planbaren das akute geworden war, das mit dem
- 17:08Krankenwagen kam zu spät, aber das war noch nicht.
- 17:13An diesem Abend ging er nach Hause, satt von der Suppe seiner
- 17:16Mutter, warm von einem Glauben, der sie töten würde, und er war
- 17:20zum ersten Mal seit Jahren fast glücklich.