Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 21 - Von der Menschen-Klugheit
Transcript
- 0:00Unter Kapitel 21 von der Menschenklugheit in diesem
- 0:05Kapitel spricht Zarathustra sehr ehrlich darüber, wie er es
- 0:08überhaupt aushält, unter den gewöhnlichen Menschen zu leben.
- 0:11Der Begriff, der mit Menschenklugheit bedeutet in
- 0:13diesem Zusammenhang so viel wie Lebensklugheit, es geht um die
- 0:17persönlichen Taktiken, Ansichten und Überlebensstrategien, die
- 0:20Zarathustra anwendet, um im alltäglichen Umgang mit der
- 0:23Gesellschaft nicht den Mut oder die Hoffnung zu verlieren.
- 0:27Zarathustra beginnt mit einem eindrücklichen Bild seiner
- 0:30seelischen Verfassung. Er sagt, dass für ihn nicht die
- 0:33große Höhe furchtbar ist, sondern der Abhang, es ist der
- 0:37gefährliche Zustand, in dem sein Blick bereits nach oben
- 0:40gerichtet ist, seine Hand sich aber noch nach unten an der
- 0:43Tiefe festhalten möchte. Er nennt dies den doppelten
- 0:47Willen seines Herzens, damit meint der Philosoph Friedrich
- 0:51Nietzsche den inneren Konflikt seiner Hauptfigur.
- 0:54Zarathustras Blick und sein eigentliches Ziel sind fest auf
- 0:57den sogenannten Übermenschen gerichtet.
- 1:00Der Übermensch ist das zentrale Ziel bei Nietzsche, er
- 1:03beschreibt einen zukünftigen idealen Menschen, der seine
- 1:06Fehler und Schwächen hinter sich gelassen hat, der frei von alten
- 1:09moralischen Zwängen ist und das Leben aus eigener Kraft voll und
- 1:13ganz bejaht. Zarathustra will also dorthin
- 1:17nach oben, aber gleichzeitig klammert er sich an die ganz
- 1:20normalen Menschen der Gegenwart, also an die Tiefe.
- 1:24Er fesselt sich quasi an sie, um nicht den Halt zu verlieren,
- 1:27denn diese Menschen sind die Brücke zu seinem großen Ziel, um
- 1:31diesen schmerzhaften Zwiespalt in der Realität auszuhalten, hat
- 1:34sich Zarathustra 3 besondere Verhaltensweisen oder eben
- 1:38Menschenklugheiten angeeignet, seine erste Menschenklugheit
- 1:42besteht darin, dass er sich absichtlich blind stellt, er
- 1:46lässt sich lieber betrügen, anstatt ständig misstrauisch zu
- 1:48sein. Zarathustra erklärt, er wolle
- 1:51die Menschen absichtlich nicht zu genau kennen.
- 1:54Diese selbstgewählte Unwissenheit ist für ihn wie
- 1:57eine schützende Dunkelheit und eine Tröstung.
- 2:00Der Grund dafür ist einfach, wenn er immer auf der Hut vor
- 2:04Betrügern wäre und die Schlechtigkeit der Menschen
- 2:06ständig messerscharf beobachten würde, dann würde er verbittern
- 2:10und den Glauben an das Gute völlig verlieren.
- 2:13Wer unter Menschen überleben will, ohne innerlich zu
- 2:16verdursten, der muss lernen, aus allen Gläsern zu trinken.
- 2:20Und wer in dieser Welt wirken will, muss lernen, sich auch mit
- 2:23schmutzigem Wasser zu waschen. Das bedeutet, man darf sich vor
- 2:27der fehlerhaften und oft unangenehmen Realität der
- 2:29Gesellschaft nicht verschließen, man muss großzügig über die
- 2:33Fehler der anderen hinwegsehen, anstatt sich in ständiger
- 2:36Wachsamkeit und Abwehr zu verzehren.
- 2:39Die zweite Menschenklugheit von Zarathustra ist, dass er die
- 2:42eitlen Menschen sehr viel mehr schont als die stolzen.
- 2:46Eitelkeit bedeutet, dass ein Mensch immer die Bestätigung,
- 2:49das Lob und die Bewunderung von außen braucht.
- 2:52Stolz hingegen ist das innere Wissen um den eigenen Wert, ganz
- 2:56ohne den Applaus von anderen zu benötigen.
- 2:58Zarathustra betrachtet die eitlen Menschen als gute
- 3:01Schauspieler, er ist der Ansicht, dass das Leben ein
- 3:04gewisses Schauspiel braucht, um erträglich zu sein, eitle
- 3:08Menschen wollen spielen, sie erfinden sich selbst neu und sie
- 3:11wollen unbedingt, dass man ihnen wohlwollend zuschaut.
- 3:15Zarathustra schaut ihnen gerne zu, denn Ihr eifriges Spiel
- 3:18heilt ihn von seiner eigenen Schwermut.
- 3:20Er hat sogar ein tiefes Mitleid mit der eigentlichen
- 3:23Bescheidenheit, die sich hinter jeder Eitelkeit verbirgt, denn
- 3:26der eitle Mensch macht sich völlig abhängig vom Urteil der
- 3:29anderen, er bettelt um Lob und glaubt sogar an Lügen, wenn sie
- 3:33ihn nur in einem guten Licht dastehen lassen.
- 3:36Zarathustra findet diese eitlen Menschen auf eine tragische
- 3:38Weise unterhaltsam und schont sie, weil sie das Leben bunter
- 3:42machen. Die dritte Menschenklugheit ist,
- 3:44dass Zarathustra sich den Anblick der sogenannten Bösen
- 3:47nicht durch die Ängstlichkeit der normalen Gesellschaft
- 3:50verderben lässt. Mit den Bösen meint Nietzsche
- 3:53hier nicht etwa gemeine Kriminelle, sondern Menschen mit
- 3:56einer wilden, ungebändigten Lebenskraft und starken,
- 4:00gefährlichen Leidenschaften. Die normale, brave Gesellschaft
- 4:04fürchtet und verurteilt diese Menschen.
- 4:06Zarathustra aber freut sich an ihnen, er vergleicht sie mit
- 4:09Tigern, Palmen und Klapperschlangen.
- 4:12Also mit gefährlichen, aber wunderschönen und kraftvollen
- 4:16Geschöpfen, die in der extremen Hitze der Sonne gedeihen.
- 4:19Er erkennt, dass das, was die Gesellschaft als Bosheit
- 4:22Abstempelt, oft nur eine Ungeformte gewaltige Stärke ist.
- 4:26Er kritisiert die braven und moralisch angepassten Menschen,
- 4:29die alles Wilde fürchten, Zarathustra glaubt, dass die
- 4:33Welt noch sehr viel Raum für mächtige Entwicklungen bietet,
- 4:36er sagt Voraus, dass es für den Übermenschen auch einen großen,
- 4:39würdigen Feind geben muss. Er nennt diesen Feind den
- 4:43Überdrachen. Der Drache steht bei Nietzsche
- 4:46für riesige Hindernisse, alte gesellschaftliche Werte oder
- 4:49eben sehr mächtige Gegner. Ein großer Held kann nur wachsen
- 4:53und seine volle Stärke beweisen, wenn er auch gigantische
- 4:56Herausforderungen zu bewältigen hat.
- 4:59Zarathustra richtet in diesem Zug eine sehr scharfe Warnung an
- 5:02die sogenannten guten und gerechten, also an die moralisch
- 5:06vorbildlichen Bürger seiner Zeit.
- 5:09Er sagt ihnen offen ins Gesicht, dass sie vor wahrer wilder Größe
- 5:12völlig zurückschrecken würden. Sie sind so sehr an ihre kleine,
- 5:16bequeme und friedliche Welt gewöhnt, dass sie das Auftreten
- 5:19des Übermenschen als furchtbar empfinden würden, wenn sie dem
- 5:23Übermenschen tatsächlich begegnen würden, der absolut
- 5:26frei von ihren engen Moralvorstellungen ist.
- 5:28Würden Sie ihn aus lauter Angst und Unverständnis wahrscheinlich
- 5:31als den Teufel bezeichnen. Zarathustra ist es extrem müde,
- 5:36diese braven, selbsternannten besten Menschen zu betrachten.
- 5:39Es erfasst ihn ein regelrechtes Grausen vor ihrer Schwäche, er
- 5:43sehnt sich hinweg in eine ferne Zukunft, in der es wieder wahre
- 5:46Größe und ungebändigte Stärke gibt, die sich für nichts
- 5:50schämen muss, bis es aber soweit ist, besteht seine allerletzte
- 5:53Menschenklugheit darin, verkleidet und unerkannt unter
- 5:56den Menschen zu sitzen, er verbirgt sein wahres Wesen vor
- 6:00ihnen, weil das der einzige Weg für ihn ist.
- 6:02Ihre alltägliche Mittelmäßigkeit überhaupt zu ertragen.