Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Anhang - Sils Maria - An den Mistral
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- 0:00Sils Maria. Dieses Gedicht ist nach dem Ort
- 0:04Sils Maria im Engadin Schweiz benannt, einem Ort, der für
- 0:08Nietzsche von großer Bedeutung war.
- 0:10Hier verbrachte er viele Sommer und hatte einige seiner
- 0:13wichtigsten philosophischen Eingebungen, insbesondere die
- 0:16Idee der ewigen Wiederkunft. Das Gedicht fängt die besondere
- 0:20Atmosphäre dieses Ortes und einen Zustand tiefer
- 0:22Kontemplation ein, Inhalt und Erklärung.
- 0:27Das Gedicht beschreibt einen Zustand des reinen Seins, des
- 0:30Wartens, das aber keinem bestimmten Zweck dient.
- 0:34Der Sprecher sitzt da, wartend, wartend, doch auf nichts, er
- 0:39befindet sich in einem Zustand jenseits der alltäglichen Moral,
- 0:42jenseits von Gut und böse, dies ist eine direkte Anspielung auf
- 0:47einen zentralen Gedanken seiner Philosophie, die Notwendigkeit,
- 0:51die überkommenen moralischen Urteile zu überwinden, er
- 0:54genießt einfach den Moment mal das Licht.
- 0:57Mal den Schatten und empfindet sein Dasein als ganz nur Spiel.
- 1:02Er fühlt sich 1 mit der Natur um ihn herum, er isst ganz See,
- 1:06ganz Mittag ganz Zeit ohne Ziel hier beschreibt Nietzsche einen
- 1:11Zustand der vollkommenen Verschmelzung mit der Umgebung
- 1:14und der Auflösung des Ichs in einem zeitlosen, ziellosen
- 1:17Augenblick. Es ist ein Zustand der höchsten
- 1:20Gelassenheit und Annahme des Seins, so wie es ist.
- 1:23Dieser meditative Zustand wird plötzlich unterbrochen.
- 1:27Da plötzlich Freundin wurde, 1 zu 2 aus der Einheit des Seins
- 1:32entsteht eine Zweiheit. Wer diese Freundin ist, bleibt
- 1:36offen. Es könnte eine reale Person
- 1:38sein, eine Muse oder auch eine personifizierte Idee in diesem
- 1:43Moment der Spaltung tritt Zarathustra die zentrale Figur
- 1:46aus Nietzsches Hauptwerk Also sprach Zarathustra an ihm
- 1:49vorbei, das Erscheinen Zarathustras ist hier kein
- 1:53Zufall. Zarathustra ist der Prophet der
- 1:56ewigen Wiederkunft und des Übermenschen.
- 1:59Sein Vorbeigehen symbolisiert den Moment, in dem aus der
- 2:02reinen passiven Kontemplation eine aktive philosophische
- 2:05Vision entsteht. Es ist der Augenblick der
- 2:08Inspiration, in dem die Gedanken, die in der Stille von
- 2:11Sils Maria gereift sind, Gestalt annehmen und zu einer Lehre
- 2:14werden. Das Gedicht Sils Maria ist also
- 2:18mehr als nur eine Naturbeschreibung es ist die
- 2:20poetische Darstellung eines philosophischen
- 2:22Schlüsselmoments. Dem Übergang von einem Zustand
- 2:26des reinen Wertfreien Seins hin zur Geburt einer aktiven,
- 2:30weltverändernden Idee, verkörpert durch die Figur des
- 2:33Zarathustra an den Mistral. Dieses Gedicht ist ein Tanzlied,
- 2:40eine Hymne an den Mistral, einen starken kalten Wind, der in
- 2:44Südfrankreich weht. Nietzsche personifiziert diesen
- 2:47Wind und sieht in ihm einen geistigen Verwandten, das
- 2:51Gedicht ist voller Energie, Bewegung und dem Willen.
- 2:54Alles alte und trübe hinweg zu fegen.
- 2:56Inhalt und Erklärung Nietzsche spricht den Mistral direkt an
- 3:00und gibt ihm verschiedene Namen. Er ist ein Wolkenjäger, ein
- 3:04Trübsalmörder und ein Himmelsfeger der Wind steht hier
- 3:08für eine Kraft, die alles düstere, schwere und traurige
- 3:11vertreibt und für Klarheit sorgt.
- 3:14Der Dichter bekennt seine Liebe zu diesem brausenden Wind und
- 3:18fragt, ob sie nicht beide aus demselben Ursprung stammen.
- 3:21Kinder desselben Schicksals sind.
- 3:24Im zweiten Teil beschreibt er, wie er dem Wind tanzend auf den
- 3:27glatten Felsenwegen Entgegenläuft.
- 3:29Er tanzt so, wie der Wind pfeift und singt.
- 3:33Der Mistral wird als der Freiheit freister Bruder
- 3:35bezeichnet, der ohne Schiff und Ruder über die wilden Meere
- 3:38springt. Dieses Bild des Tanzes und der
- 3:41Freiheit ist zentral für Nietzsche, es symbolisiert einen
- 3:44leichten, souveränen und ungebundenen Geist, der sich
- 3:48nicht von Hindernissen aufhalten lässt.
- 3:50Die folgenden Strophen beschreiben die wilde, unbändige
- 3:53Kraft des Windes in weiteren Bildern.
- 3:56Nietzsche sieht ihn auf den Himmelstennen, den Wolken mit
- 4:00seinen Rossen und seinem Wagenrennen, er sieht, wie der
- 4:03Wind die Peitsche schwingt, aus dem Wagen springt und wie ein
- 4:07Pfeil senkrecht in die Tiefe stößt, gleich einem Goldstrahl,
- 4:11der durch die Rosen des Morgenrots stürzt.
- 4:14Diese Bilder drücken eine ungeheure Dynamik und eine fast
- 4:17göttliche Macht aus. Der Dichter ruft dann dazu auf,
- 4:21es dem Wind gleichzutun. Er fordert zu neuen Tänzen auf
- 4:25und erklärt diese fröhliche, freie Bewegung zur Wissenschaft.
- 4:28Es ist eine fröhliche Wissenschaft, die sich von jeder
- 4:31Blume, also von jedem Moment etwas Schönes für ihren Kranz
- 4:34nimmt, in einem Bild, das an antike Feste erinnert, tanzen
- 4:38sie wie Troubadure zwischen Heiligen und Huren, zwischen
- 4:41Gott und Welt den Tanz. Das bedeutet, dass diese neue
- 4:45Lebenskunst keine Gegensätze mehr kennt und das ganze Dasein
- 4:48mit all seinen Höhen und Tiefen bejaht.
- 4:52Wer bei diesem Tanz nicht mitmachen kann, wer sich binden
- 4:54lassen muss, wer wie ein Krüppelgreis oder ein
- 4:57Heuchelhensel ist, soll aus diesem Paradies der Freiheit
- 5:01verschwinden. Zum Schluss wird der reinigende
- 5:04Aspekt des Windes noch einmal betont, er wirbelt den Staub der
- 5:08Straßen den Kranken in die Nasen und scheucht die Krankenbrut
- 5:12davon. Er befreit die Küste vom Odem
- 5:14dürrer Brüste und von den Augen, ohne Mut.
- 5:18Gemeinsam jagen sie die Himmelstrüber und Welten
- 5:21schwärzer und hellen das Himmelreich auf.
- 5:23Das Gedicht endet mit einem kraftvollen Bild der Einheit,
- 5:27der freie Geist und das Glück des Dichters brausen gemeinsam
- 5:30mit dem Sturm das Gedächtnis an. Dieses Glück soll wie ein Kranz
- 5:34sein, der Hoch in den Himmel geschleudert und an den Sternen
- 5:37aufgehängt wird. An den Mistral ist somit ein
- 5:40Loblied auf die befreiende, reinigende und schöpferische
- 5:43Kraft eines Geistes, der sich über alle Schwere und Trübsal
- 5:46hinwegsetzt und das Leben als einen wilden, fröhlichen Tanz
- 5:50bejaht.