Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Zweites Hauptstück - 35-44
Transcript
- 0:00Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Geschichte der
- 0:02moralischen Empfindungen. Nietzsche versucht hier, die
- 0:06menschliche Moral nicht als etwas gottgegebenes oder
- 0:09Heiliges zu betrachten, sondern sie wissenschaftlich und
- 0:12psychologisch zu zerlegen, um ihren wahren Ursprung zu finden.
- 0:1635 Vorteile der psychologischen Beobachtung Nietzsche beginnt
- 0:23mit einem Loblied auf die psychologische Beobachtung.
- 0:26Er meint damit die Fähigkeit, das menschliche Verhalten genau
- 0:29zu analysieren und zu verstehen, warum Menschen so handeln, wie
- 0:33sie handeln. Früher glaubte man, dass diese
- 0:36Fähigkeit hilft, das Leben leichter zu ertragen, wenn man
- 0:39versteht, wie Menschen ticken, kann man in schwierigen
- 0:41Situationen ruhig bleiben und sich sogar amüsieren, selbst
- 0:45wenn es einem schlecht geht. Nietzsche kritisiert, dass diese
- 0:49Kunst in Deutschland seiner Zeit im 19.
- 0:51Jahrhundert verloren gegangen ist Er fragt, warum die Menschen
- 0:55keine psychologischen Bücher mehr lesen, wie die des
- 0:58französischen Autors La Roche Foucault.
- 1:00Diese Autoren haben menschliche Motive in kurzen, scharfen
- 1:03Sätzen entlarvt, Nietzsche glaubt, die meisten Menschen
- 1:06verstehen diese feine Kunst nicht mehr oder finden sie zu
- 1:09zynisch, er fordert uns auf, den Menschen wieder genau zu
- 1:12beobachten, auch wenn es manchmal unangenehm ist. 33.
- 1:18Einwand. Nietzsche stellt sich nun selbst
- 1:21eine kritische Frage, einen Einwand, den andere machen
- 1:24könnten. Ist es nicht vielleicht
- 1:26schädlich, die menschliche Seele so genau zu untersuchen, könnte
- 1:30diese psychologische Zerlegung nicht dazu führen, dass wir den
- 1:33Glauben an das Gute im Menschen verlieren, ergibt zu, dass ein
- 1:37blinder Glaube an die Güte der Menschen vielleicht glücklicher
- 1:40macht, wer nicht hinter die Fassade schaut, lebt vielleicht
- 1:44ruhiger, aber Nietzsche sagt, dass dieser Glaube auf Irrtümern
- 1:48beruht. Die Wahrheit ist oft weniger
- 1:51schön als die Täuschung. Dennoch ist die Wahrheit für die
- 1:54Wissenschaft und den Fortschritt notwendig.
- 1:56Er zitiert einen Satz, der sinngemäß sagt, was die Welt
- 2:00Tugend nennt, ist oft nur ein schöner Name für unsere
- 2:03Leidenschaften und Begierden. Nietzsche will, dass wir den Mut
- 2:07haben, der Wahrheit ins Auge zu sehen, auch wenn sie uns
- 2:10desillusioniert. Es ist besser, klug zu sein, als
- 2:13blind zu vertrauen. 30 und 7 trotzdem.
- 2:19Auch wenn die psychologische Analyse uns vielleicht traurig
- 2:22macht oder den Glauben an das Gute erschüttert, ist sie laut
- 2:25Nietzsche absolut notwendig. Die Wissenschaft kann sich nicht
- 2:29davor drücken, man muss den Menschen so untersuchen, wie man
- 2:32ein Tier oder eine Pflanze untersucht.
- 2:35Mit dem kalten Blick des Forschers quasi auf dem
- 2:38Seziertisch. Nietzsche kritisiert die alte
- 2:40Philosophie, weil sie sich vor dieser Untersuchung gedrückt
- 2:43hat. Die alten Philosophen haben oft
- 2:46falsche Erklärungen für menschliches Verhalten
- 2:48geliefert, um die Moral zu retten.
- 2:50Wenn man aber genau hinschaut, erkennt man, es gibt keine
- 2:53Handlungen, die völlig selbstlos unegoistisch sind, das zu
- 2:58erkennen ist hart, aber Nietzsche sagt, Wir müssen diese
- 3:02harten Wahrheiten aushalten, Stein auf Stein setzen und
- 3:05dürfen uns nicht schämen, das Menschliche im Menschen zu
- 3:08sehen. Er erwähnt einen Satz, der
- 3:10besagt, dass der moralische Mensch dem physischen,
- 3:12natürlichen Menschen viel näher steht als einer erfundenen
- 3:16Geisterwelt. Diese Erkenntnis könnte in
- 3:18Zukunft wie eine Axt wirken, die das Bedürfnis nach Metaphysik,
- 3:22glaube an Übersinnliches, an der Wurzel fällt 38 inwiefern
- 3:28nützlich Nietzsche fragt weiter, bringt diese genaue Beobachtung
- 3:34dem Menschen überhaupt einen Nutzen?
- 3:36Seine Antwort ist ja. Denn sie ist notwendig für die
- 3:40Wissenschaft. Die Wissenschaft fragt nicht
- 3:42primär, ob etwas glücklich macht, sondern ob es wahr ist.
- 3:46Aber letztendlich kann die Wahrheit auch nützlich sein.
- 3:50Er vergleicht die Wissenschaft mit der Natur, auch die Natur
- 3:53kümmert sich nicht um Moral, schafft aber trotzdem Dinge, die
- 3:57zweckmäßig sind, wenn wir den Menschen wirklich verstehen,
- 4:00also die Natur des Menschen in Begriffe fassen, können wir das
- 4:04Wohlergehen der Menschen viel besser fördern als mit frommen
- 4:07Lügen. Wer diese kühle Betrachtungsart
- 4:09nicht aushält, hat vielleicht zu wenig geistiges Feuer in sich.
- 4:14Nietzsche meint, dass gerade in Zeiten, in denen die Menschen zu
- 4:16emotional und hitzig sind, diese kühle, nüchterne Betrachtung wie
- 4:20ein heilendes, kühlendes Mittel wirken kann, 30 und 19 die Fabel
- 4:26von der Intelligiblen Freiheit dies ist ein sehr wichtiges und
- 4:32ausführliches Kapitel, Nietzsche erklärt hier, wie die Idee von
- 4:35Gut und böse. Und von der Verantwortung
- 4:38entstanden ist. Er beschreibt eine Entwicklung
- 4:41in mehreren Phasen. Zuerst nannte man Handlungen gut
- 4:45oder böse, nur weil sie nützliche oder schädliche Folgen
- 4:48hatten. Man dachte dabei nicht an die
- 4:51Absicht des Täters, sondern nur an das Ergebnis, später vergaß
- 4:56man diesen Ursprung, man dachte, die Handlung selbst sei gut oder
- 4:59böse, unabhängig von den Folgen, das ist so, als würde man sagen,
- 5:04ein Stein ist verharrt. Als wäre das eine innere
- 5:07Eigenschaft und nicht unser Gefühl beim Anfassen.
- 5:11Dann übertrug man das gut oder böse auf die Motive, die
- 5:14Beweggründe des Menschen, schließlich machte man den
- 5:18ganzen Menschen dafür verantwortlich.
- 5:20Nietzsche kommt zu dem radikalen Schluss, niemand ist für seine
- 5:23Taten verantwortlich, niemand ist für sein Wesen
- 5:26verantwortlich, alles ist eine notwendige Folge aus
- 5:30Vergangenheit, Erziehung und Umgebung, der freie Wille ist
- 5:34ein Irrtum. Er kritisiert den Philosophen
- 5:36Schopenhauer. Schopenhauer glaubte, weil wir
- 5:39uns schuldig fühlen, Gewissensbisse haben, müsse es
- 5:42auch Freiheit geben. Nietzsche sagt Nein, das Gefühl
- 5:47der Schuld beweist gar nichts, es ist nur eine anerzogene
- 5:50Reaktion, wenn wir begreifen, dass alles notwendig geschieht,
- 5:54hören wir auf zu richten und zu verurteilen, wir erkennen, dass
- 5:58der Mensch unschuldig ist, egal, was er tut. 40 das übertier.
- 6:06Nietzsche verwendet hier ein starkes Bild.
- 6:08Er sagt das Tier in uns, unsere Triebnatur will belogen werden.
- 6:13Die Moral ist eine Notlüge ohne die Illusionen der Moral, ohne
- 6:17den Glauben, dass wir besser sind als Tiere, wären wir Tiere
- 6:20geblieben, indem der Mensch sich aber als etwas Höheres
- 6:24betrachtet und sich strenge Gesetze auferlegt hat, hat er
- 6:27sich weiterentwickelt, deshalb hasst der Mensch oft die
- 6:30Zustände, die noch nah am Tier sind.
- 6:33Wie Barbarei oder Grausamkeit dieser Hass auf das Tierische in
- 6:37uns war der Grund, warum man früher Sklaven verachtete.
- 6:40Man sah sie nicht als vollwertige Menschen an, 41 der
- 6:44unveränderliche Charakter es gibt den Spruch, dass der
- 6:50Charakter eines Menschen unveränderlich sei.
- 6:51Nietzsche sagt, Das stimmt so nicht ganz, es wirkt nur so,
- 6:57weil ein Menschenleben sehr kurz ist.
- 6:58Die Einflüsse, die auf uns wirken.
- 7:02Können uns in der kurzen Zeit eines Lebens nicht komplett
- 7:05umformen, weil die Schriftzüge die Prägungen aus Jahrtausenden
- 7:09unserer Vorfahren sehr tief sitzen.
- 7:12Aber wenn man sich einen Menschen vorstellt, der 80000
- 7:15Jahre lebt, dann würde man sehen, dass sich sein Charakter
- 7:18absolut wandelt. Aus ihm würden nach und nach
- 7:21viele verschiedene Individuen entstehen, der Glaube an den
- 7:25festen Charakter ist also ein Irrtum, der durch die Kürze
- 7:28unseres Lebens entsteht. 42. Die Ordnung der Güter und die
- 7:33Moral. Nietzsche erklärt, was moralisch
- 7:38sein eigentlich bedeutet. Es hängt davon ab, was eine
- 7:41Gesellschaft als wertvoll, als gut erachtet, es gibt eine
- 7:45Rangordnung der Dinge, zum Beispiel Gesundheit ist
- 7:49wichtiger als kurzes Vergnügen, Freiheit ist wichtiger als
- 7:52Wohlleben. Wenn jemand nun ein Niederes
- 7:54gut, zum Beispiel Rache oder Genuss, einem höheren Gut zum
- 7:59Beispiel Gerechtigkeit oder Gesundheit vorzieht.
- 8:02Nennt man das unmoralisch? Aber diese Rangordnung ist nicht
- 8:06fest. Sie ändert sich im Laufe der
- 8:08Geschichte, was früher moralisch war zum B Blutrache, gilt heute
- 8:13als unmoralisch, das bedeutet, Moral ist nichts ewiges, sie ist
- 8:18nur der Gradmesser dafür, wie sehr sich jemand an die jetzt
- 8:21geltenden Werte der Gesellschaft hält.
- 8:23Wer noch nach alten Werten handelt, gilt als
- 8:25zurückgeblieben und damit als unmoralisch, 30 und Vierter.
- 8:31Grausame Menschen als zurückgeblieben hier führt
- 8:36Nietzsche den Gedanken der Evolution in der Moral weiter.
- 8:39Menschen, die heute grausam sind, sind für ihn keine
- 8:42batebösen Dämonen, sie sind einfach zurückgeblieben, sie
- 8:47sind wie lebende Fossilien aus früheren Zeiten der Menschheit.
- 8:50Früher war Grausamkeit normal und notwendig zum Überleben,
- 8:54diese Menschen haben noch das Gehirn und die Instinkte dieser
- 8:58früheren Stufen. Sie sind Spätlinge vergangener
- 9:01Kulturen. Man sollte sie daher weniger als
- 9:04Schuldige sehen, sondern eher wie Menschen, die geistig noch
- 9:07nicht in der Gegenwart angekommen sind.
- 9:10Ihr Gehirn hat andere Windungen, die für uns heute erschreckend
- 9:13sind, aber früher völlig normal waren, 44 Dankbarkeit und Rache
- 9:22Nietzsche stellt eine überraschende Verbindung her,
- 9:25Dankbarkeit und Rache sind verwandt.
- 9:28Warum ist ein mächtiger Mensch dankbar?
- 9:31Weil jemand ihm etwas Gutes getan hat und damit in seine
- 9:34Sphäre eingedrungen ist. Der Wohltäter hat macht gezeigt,
- 9:38um das Gleichgewicht wiederherzustellen, muss der
- 9:40Mächtige etwas zurückgeben, Dankbarkeit zeigen.
- 9:44Das ist eine milde Form der Rache im Sinne von
- 9:47Wiedervergeltung ohne Dankbarkeit würde er sich
- 9:51gedemütigt fühlen, deshalb ist in Gesellschaften von mächtigen
- 9:54Dankbarkeit Pflicht. Nietzsche zitiert den
- 9:58Schriftsteller Swift, der sagte, Menschen sind in dem gleichen
- 10:01Maße dankbar, wie sie rachsüchtig sind.
- 10:04Beides beruht auf dem Prinzip, wie du mir, so ich dir