Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 15
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- 0:02Kapitel 15 der Aufkleber die Verbindung nach Hause war immer
- 0:06schlecht und in diesem Frühling wurde sie schlechter und Olena
- 0:09hatte gelernt, in dem Knistern und aussetzen zu hören, was die
- 0:13Worte selbst nicht sagten. Sie rief Halina an, Sonntags
- 0:17meistens ihre Cousine, die geblieben war, nicht in der
- 0:20Stadt. Die Stadt gab es nicht mehr,
- 0:22sondern weiter westlich, in einer anderen, kleineren, die
- 0:25noch Stand, in der Halina mit ihren Kindern in 2 Zimmern
- 0:28wohnte und auf etwas wartete, das keinen Namen hatte.
- 0:31Die beiden Frauen sprachen die weiche Sprache, die Sprache, in
- 0:35der sie als Kinder im selben Hof gespielt hatten, und Olena
- 0:38merkte jedes Mal, wie sie sich in dieser Sprache anders
- 0:41bewegte. Freier, runder, wie ein Mensch,
- 0:44der einen zu engen Mantel ablegt und merkte, jedes Mal, wenn das
- 0:48Gespräch endete, wie der enge Mantel sich wieder um sie
- 0:51schloss, das Deutsche die zweite Haut an diesem Sonntag knisterte
- 0:55es mehr als sonst. Halunas Stimme kam in Wellen,
- 0:59brach Weg, kam wieder und zwischen den Wellen sagte sie,
- 1:02was alle jetzt sagten, was im Radio kam und in den Gesprächen
- 1:06und in dem Knistern selbst, dass es zu Ende gehe, dass der andere
- 1:10Zerfalle von innen, dass die Front in Bewegung sei, nicht wie
- 1:14früher Meter um Meter, sondern in großen, unübersichtlichen
- 1:18Sprüngen, dass etwas reiße dort drüben, in dem Land, das einmal
- 1:22so Festgewirkt hatte, so unverrückbar.
- 1:25Es gehe zu Ende, sagte Halüna, und in ihrer Stimme war nicht
- 1:28die Freude, die in diesem Satz hätte sein sollen, nach 5
- 1:31Jahren, sondern etwas vorsichtiges, fast ängstliches,
- 1:34die Stimme eines Menschen, der gelernt hat, dass jedes Ende ein
- 1:37neuer Anfang von etwas unbekanntem ist und dass das
- 1:40Unbekannte selten besser war als das Bekannte, nur anders.
- 1:44Und wenn es zu Ende ist, fragte Olina, kommst du dann zurück?
- 1:49Es entstand eine Pause oder die Verbindung brach, man konnte es
- 1:52nicht unterscheiden und als halinas Stimme wiederkam, sagte
- 1:56sie nur, wohin olina, wohin denn zurück, und das war es, das war
- 2:01die ganze Wahrheit in 4 Worten in einer brechenden Leitung über
- 2:041000 Kilometer. Wohin denn zurück?
- 2:08Es gab kein Zurück, weil das, wohin man zurückgekehrt wäre,
- 2:11nicht mehr existierte, weil ein Ende des Krieges die Häuser
- 2:14nicht wieder aufbaute, die der Krieg eingerissen hatte, die
- 2:17Menschen nicht zurückbrachte, die er weggenommen hatte, die
- 2:20Jahre nicht zurückgab, die er gefressen hatte.
- 2:23Ein Ende des Krieges würde eine Fahne ändern über einem
- 2:26Trümmerfeld, und das Trümmerfeld bliebe ein Trümmerfeld.
- 2:29Die Heimat war keine Frage des Krieges mehr.
- 2:32Die Heimat war eine Koordinate, ein Punkt auf einer Karte und
- 2:35über dem Punkt lag Schutt, und Olena wusste mit dem Auge der
- 2:38Ingenieurin, das nicht aufhörte zu rechnen, dass man Schutt
- 2:42nicht bewohnt, dass man auf Schutt höchstens neu baut und
- 2:45das Neubauen etwas anderes ist als zurückkehren, etwas, das
- 2:48nach vorn geht, nicht zurück. Sie fragte nicht nach Taras, sie
- 2:53fragte nie nach Taras. Und Halina sprach nie von ihm.
- 2:57Und in diesem beidseitigen Schweigen lag eine Übereinkunft,
- 3:00eine Gnade, dass man manche Namen nicht in eine brechende
- 3:03Leitung legt, weil eine brechende Leitung sie
- 3:06verschlucken könnte, endgültig, und dass es besser ist, einen
- 3:09Namen ungefragt zu lassen, lebendig in seinem ungefragt
- 3:12sein als die Antwort zu bekommen, an der die Verbindung
- 3:15dann wirklich für immer abreißt. Sie legte auf und der enge
- 3:20Mantel schloss sich und sie saß in der kleinen Küche und sah aus
- 3:23dem Fenster auf die fremde Stadt, in der es jetzt Frühling
- 3:26wurde. Die Bäume schlugen aus, ein
- 3:28zartes, fremdes Grün, das nach nichts roch, und sie wartete auf
- 3:32das Gefühl, dass ein Ende des Krieges in ihr hätte auslösen
- 3:36sollen, die Erleichterung, die Hoffnung, irgendetwas, und es
- 3:39kam nicht wieder nicht, es kam nur die Koordinate, der Punkt
- 3:42hinter Glas und die Stille einer Leitung, in der gerade noch
- 3:45jemand gewesen war. Sie versuchte, sich das Ende
- 3:48vorzustellen, dass alle erwarteten und merkte, dass sie
- 3:51es nicht konnte, weil ein Ende eine Form braucht und dieses
- 3:54keine hatte. Ein Krieg, der mit einem Sieg
- 3:56endet, hat ein Bild, eine Fahne, ein Platz, Menschen, die sich
- 4:00umarmen, dieser Krieg endete, wenn er endete, ohne Bild in
- 4:05einem Zerfall, ohne Mittelpunkt und was danach käme, war kein
- 4:08Frieden, sondern ein Fragezeichen, so groß wie ein
- 4:11halber Kontinent. Olena hatte als Studentin
- 4:14gelernt, dass ein Tragwerk auf 2 Arten versagt.
- 4:17Es kann brechen, plötzlich an einer Stelle sichtbar oder es
- 4:21kann seine Form verlieren, langsam, überall zugleich, bis
- 4:25nichts mehr trägt und doch nichts gebrochen ist, nur alles
- 4:28schief, der andere, der Riese im Osten, brach nicht.
- 4:32Er verlor seine Form und ein Land, das seine Form verliert,
- 4:36ist gefährlicher als eines, das bricht, weil man bei einem Bruch
- 4:40weiß, wo die Gefahr liegt und bei einem Formverlust nirgends
- 4:43und überall. Sie dachte an die Straße, in der
- 4:47sie aufgewachsen war, an den Geruch von Kohle und nassem Laub
- 4:50im Herbst, an das Treppenhaus, in dem es nach Bonawax gerochen
- 4:54hatte, an die Stelle am Fluss, wo sie als Mädchen gesessen
- 4:58hatte. Und sie merkte, dass sie sich an
- 5:00die Gerüche besser erinnerte als an die Bilder und dass das das
- 5:03Grausamste war. Denn ein Bild kann man
- 5:06wiederfinden, einen Geruch nicht, einen Geruch trägt man im
- 5:09Inneren mit sich, bis man stirbt, und dann ist auch er
- 5:12fort, und niemand sonst hat ihn je gekannt.
- 5:15Mit Danielo war etwas geschehen und Olena hatte es zu spät
- 5:19bemerkt, weil sie zu viel gearbeitet hatte, weil sie früh
- 5:22putzte und tagsüber jetzt bei Carla lernte und abends müde war
- 5:26und weil ein Sechzehnjähriger, der sich verändert, das nicht
- 5:29vor den Augen seiner Mutter tut, sondern hinter ihrem Rücken.
- 5:32In den Stunden, in denen sie nicht da ist.
- 5:35Er war selbstbewusster geworden. Das war das Erste, was ihr
- 5:38auffiel, und es hätte sie freuen sollen, denn ein Junge, der 5
- 5:42Jahre lang den Kopf eingezogen hatte, der sich klein gemacht
- 5:45hatte, der gebeten hatte, draußen nicht ukrainisch zu
- 5:48sprechen, damit niemand guckte, ein solcher Junge, der plötzlich
- 5:51aufrecht ging, der lauter sprach, der die Schultern
- 5:54zurücknahm, das hätte das Beste sein müssen, was einer Mutter
- 5:57passieren konnte. Aber es war ein anderes
- 5:59Selbstbewusstsein als das, dass sie sich für ihn gewünscht
- 6:02hatte. Es kam nicht von innen.
- 6:05Es kam von außen, von irgendwoher, von einer
- 6:07Zugehörigkeit, die sie nicht kannte, und es hatte eine Härte,
- 6:10die ihr fremd war an ihrem Sohn. Eine kannte, die er vorher nicht
- 6:14gehabt hatte. Er war öfter weg, er hatte neue
- 6:17Freunde, von denen er nicht erzählte oder nur in
- 6:20Bruchstücken Namen, die sie nicht zuordnen konnte.
- 6:23Deutsche Namen, jungennamen und er sagte, sie träfen sich, sie
- 6:27machten Sport, sie hingen ab, und wenn sie nachfragte, womit
- 6:30wem, wurde er einsilbig, abweisend, mit der Ungeduld
- 6:34eines Halbwüchsigen, dem die Mutter zu nah kommt.
- 6:38Einmal kam er heim mit einer Sporttasche, die ihm nicht
- 6:40gehörte, mit einem Vereinssemblem, das sie nicht
- 6:43kannte. Und als sie fragte, sagte er
- 6:45nur, das sei von den Jungs, die machten was zusammen, das sei
- 6:48gut für ihn, endlich gehöre er mal irgendwo dazu, und in dem
- 6:52Wort dazugehören lag ein Vorwurf, der sie traf, als habe
- 6:55sie ihm das nicht geben können, das dazugehören, als sei es ihre
- 6:59Schuld, dass er es woanders suchen musste.
- 7:02Und das Schlimmste war, dass es stimmte.
- 7:04Sie hatte es ihm nicht geben können, sie hatte ihm eine
- 7:06Mutter gegeben, die putzte und lernte und müde war, eine
- 7:09Wohnung in einem fremden Land, eine Sprache, die sie selbst nur
- 7:13wie eine zweite Haut trug, eine Herkunft, die draußen Blicke auf
- 7:16sich zog, sie hatte ihm das Überleben gegeben, das nackte,
- 7:21dünne Überleben auf dem Eis, das gerade trug, aber das
- 7:24dazugehören, die Wärme, das Gefühl, teil von etwas zu sein,
- 7:28das größer war als 2 Menschen in 2 Zimmern.
- 7:31Das hatte sie ihm nicht geben können, weil sie es selbst nicht
- 7:34hatte. Und nun hatte ein anderer es ihm
- 7:36gegeben, irgendwer irgendwo und danielo wärmte sich daran, und
- 7:40Olena spürte mit dem Instinkt, der älter war als jedes Wissen,
- 7:43dass die Wärme, an der ihr Sohn sich wärmte, aus dem falschen
- 7:46Haus kam. Sie hatte solche Häuser gesehen
- 7:49im Krieg, Häuser, die von außen warm aussahen, in deren Fenstern
- 7:53Licht brannte und die Einstürzten, sobald man
- 7:55hineinging, weil das Tragwerk längst gefressen war von etwas,
- 7:59das man von außen nicht sah. Man konnte ein Haus nicht an
- 8:02seinem Licht beurteilen, man musste die Stützen sehen, die
- 8:06Lasten, die Stelle, an der das Gewicht in den Boden lief und an
- 8:10dieser Bewegung, das spürte Olena, ohne es beweisen zu
- 8:13können, lief das Gewicht falsch, lief es weg von den Schwachen,
- 8:17hinzu denen, die schon stark waren und ein Junge wie Danielo,
- 8:20der sich für stark hielt, weil man ihn aufgenommen hatte, stand
- 8:23in Wahrheit ganz unten, dort, wohin die Last am Ende fiel, sie
- 8:27sah es an kleinen Dingen, an der Art, wie er jetzt über andere
- 8:30sprach, über die, die. Die nicht Dazugehörten mit einer
- 8:32Geringschätzung, die nicht seine war, die er sich angezogen hatte
- 8:36wie die fremde Sporttasche an einem Wort, das er einmal
- 8:39benutzte, beiläufig über einen Mitschüler, ein hartes,
- 8:43abwertendes Wort, das Olena Erschauern ließ, weil es das
- 8:46Wort derer war, die auch ihn meinten, wenn sie es über andere
- 8:49sagten. Nur dass Dan Yulo das nicht
- 8:51hörte, weil er glaubte, auf der Seite zu stehen, die das Wort
- 8:54sprach und nicht auf der, die es traf.
- 8:57Sie sah den Aufkleber an einem Donnerstagabend, als er die
- 9:00Jacke über den Stuhl warf, wie immer achtlos und die Jacke so
- 9:04fiel, dass die Innenseite des Kragens nach oben lag und dort
- 9:08auf dem Stoff klebte. Er.
- 9:10Sie kannte ihn nicht im einzelnen, sie hatte ihn nie
- 9:13zuvor gesehen, aber sie erkannte ihn trotzdem sofort mit der
- 9:17Sicherheit, mit der man Gefahr erkennt, bevor man sie benennen
- 9:20kann, so wie sie einen Riss im Beton erkannte, bevor sie ihn
- 9:23vermessen hatte. Es war ein kleines, schlichtes
- 9:26Emblem, modern gestaltet in den freundlichen Farben Blau und ein
- 9:30helles Grün. Kein Wort darauf, das gefährlich
- 9:32klang, kein Hakenkreuz, keine Rune, nichts, was ein Plakat
- 9:36verboten hätte, nur ein Zeichen, glatt, zeitgemäß, fast
- 9:39sympathisch, das Zeichen der Bewegung, deren Feste die ganze
- 9:43Stadt besuchte, deren warme Suppe alle aßen, deren Farben
- 9:46überall hingen. Und Olena stand in der kleinen
- 9:49Küche mit der Jacke ihres Sohnes in Sichtweite und in ihr stieg
- 9:53die Kälte auf die Alte, von den Fingern hinter das Brustbein, an
- 9:57die Stelle, an der die Verbindung abriss, denn sie
- 10:00wusste, was die freundlichen Farben bedeuteten, sie hatte
- 10:03gesehen, was sie bedeuteten am Amt, wo man Irina den Kitaplatz
- 10:07verweigerte. Regionale Verankerung, höflich,
- 10:10gleich und fair, sie hatte die Blicke auf der Straße gespürt,
- 10:13die seit der Wahl kälter geworden waren.
- 10:16Sie wusste, dass dieselbe Bewegung, deren Aufkleber im
- 10:19Kragen der Jacke ihres Sohnes klebte, eine Bewegung war, die
- 10:22Menschen, wie sie nach unten rechnete, die Geflüchtete in die
- 10:25falsche Spalte sortierte, die die unseren zuerst sagte und
- 10:29damit Menschen wie Danielo meinte, Wenn sie sagte, wer
- 10:31nicht zuerst kam. Ihr Sohn, der Geflüchtete, trug
- 10:34das Zeichen der Bewegung, die ihn entsorgen würde.
- 10:38Es war das Unbegreiflichste, und es war zugleich, sie sah es
- 10:42sofort mit dem Auge. Das Lastfade las vollkommen
- 10:45logisch eine Lastumlagerung, die genauso laufen musste, ein
- 10:49Junge, der dazugehören will, der den Kopf nicht mehr einziehen
- 10:52will, der nicht mehr der sein will, auf den man zeigt, ein
- 10:55solcher Junge geht dorthin, wo man ihn aufnimmt, wo es warm
- 10:58ist, wo man stark ist, wo man auf der richtigen Seite steht.
- 11:02Und die stärkste, wärmste, sichtbarste Zugehörigkeit, die
- 11:05diese Stadt einem Sechzehnjährigen gerade bot, war
- 11:08die der Bewegung. Dass diese Zugehörigkeit ihn am
- 11:11Ende ausstoßen würde, sobald sie genau hinsah, woher er kam, das
- 11:16sah Danielo nicht, weil ein Sechzehnjähriger das heute sieht
- 11:19und nicht das Morgen, die Wärme jetzt und nicht die Kälte
- 11:22später. Er war zu der einen Tür
- 11:24gegangen, die offen stand, und hatte nicht gefragt, ob das Haus
- 11:27dahinter ihn behalten würde. Daniolo sagte, sie und ihre
- 11:30Stimme war ruhig, weil sie gelernt hatte, ruhig zu sein,
- 11:33weil ein Bauwerk, dass man zu hastig stützt, schneller
- 11:35einstürzt. Was ist das in deiner Jacke?
- 11:39Er kam, sah und in seinem Gesicht war zuerst ein
- 11:41Erschrecken, das Erschrecken eines ertappten Kindes und dann
- 11:45schnell ein trotz, der das Erschrecken überdeckte, die neue
- 11:48Härte, die Kante, ein Aufkleber von den Jungs, die sind in
- 11:52Ordnung, Mama, die kümmern sich, die haben mir geholfen.
- 11:56Weißt du, wer das ist, fragte sie auf Ukrainisch, weil sie ihn
- 12:00in der weichen Sprache erreichen wollte, in der Sprache, in der
- 12:03sie ihn geboren hatte. Weißt du, was die über Leute wie
- 12:07uns sagen, Hör auf, sagte er auf Deutsch, und das Deutsch
- 12:12zwischen ihnen war wie eine Wand, das ist nicht so, wie du
- 12:15denkst. Das ist nicht das, was im
- 12:16Fernsehen kommt, das sind normale Leute, die sagen nichts
- 12:19gegen mich, die mögen mich, ich bin einer von ihnen, ich bin
- 12:24einer von ihnen. Olina sah ihren Sohn an, der das
- 12:27sagte, mit leuchtenden Augen, mit der Inbrunst eines Menschen,
- 12:31der zum ersten Mal irgendwo dazu gehört.
- 12:34Und sie wusste, dass sie ihm nichts entgegensetzen konnte,
- 12:36was gegen dieses Leuchten ankam. Sie konnte ihm sagen, dass die
- 12:40Leute, die ihn mochten, ihn nur mochten, solange sie nicht genau
- 12:43hinsahen. Sie konnte ihm sagen, dass einer
- 12:46von ihnen eine Lüge war, dass die Bewegung ihn benutzte, einen
- 12:50blonden, deutsch sprechenden Jungen, der fast durchging als
- 12:53Beweis ihrer eigenen Offenheit, und dass dieser Beweis fallen
- 12:56gelassen würde in dem Moment, in dem er unbequem wurde.
- 13:00Sie konnte es ihm sagen, und er würde es nicht hören, weil die
- 13:03Wärme lauter war als jedes Argument, weil ein Mensch, der
- 13:06friert, nicht hören will, dass das Feuer, an dem er sich wärmt,
- 13:09aus seinem eigenen Haus gemacht ist.
- 13:12Sie sagte Nichts von all dem. Sie konnte es ihm nicht
- 13:15verbieten, das hatte sie schon im Winter gewusst.
- 13:18Am Küchentisch, als er sie bat, draußen nicht ukrainisch zu
- 13:22sprechen, dass sie kein Recht hatte, zu verbieten, was ihm
- 13:25Schutz gab, auch wenn der Schutz ein Gift war, und sie konnte es
- 13:29ihm nicht verzeihen, dass er das Zeichen derer trug, die seinen
- 13:32Vater nicht einmal als Mensch gezählt hätten, weil er aus dem
- 13:35falschen Land kam. 2 Wahrheiten, die beide trugen und einander
- 13:39widersprachen. 2 Stützen, die gegeneinander drückten und
- 13:43zwischen ihnen stand sie, die Ingenieurin, und wusste, dass
- 13:45ein Bauwerk, in dem 2 Stützen gegeneinander drücken, unter
- 13:48Spannung steht und irgendwann reißt an der Stelle, die niemand
- 13:52prüft, nimm ihn ab, sagte sie schließlich leise, und es war
- 13:57keine Forderung mehr, es war eine Bitte, getarnt als
- 14:00Forderung. Und sie wusste, während sie es
- 14:02sagte, dass es nicht reichen würde, dass man einen Aufkleber
- 14:05abnehmen kann und das, was er bedeutet, bleibt.
- 14:08Nimm ihn wenigstens ab, bitte. Danilo sah sie an, lange und für
- 14:13einen Moment war in seinem Gesicht etwas von dem Kind, das
- 14:16er gewesen war, das ihre Erlaubnis gebraucht hatte, das
- 14:19Bitte und danke in der weichen Sprache gesagt hatte.
- 14:22Dann nahm er die Jacke ohne ein Wort und ging in sein Zimmer.
- 14:26Und sie hörte nicht, ob er den Aufkleber abnahm oder nicht, sie
- 14:29hörte nur die Tür, die sich schloss, leise endgültig eine
- 14:32Tür zwischen ihnen, die sich in diesem Frühling Stück für Stück
- 14:35geschlossen hatte und die sie nicht mehr aufbekam.
- 14:39Sie blieb in der Küche allein und das fremde Grün der Bäume
- 14:42vor dem Fenster wurde dunkel, und Olena dachte an die
- 14:45Koordinate, an den Punkt hinter Glas, an das zu Hause das Schutt
- 14:49war, und sie dachte, dass sie ihren Sohn über 1000 Kilometer
- 14:52und 5 Jahre hierher getragen hatte, aus dem Feuer durch 2
- 14:56Grenzen mit 2 Taschen und dass sie ihnen in Sicherheit geglaubt
- 14:59hatte, hier, an diesem Geruchlosen, kalten Ort, und
- 15:02dass sie sich getäuscht hatte, das Feuer war ihnen
- 15:05nachgekommen. Nicht dasselbe Feuer, ein
- 15:07anderes, ein Kälteres, eines, das nicht mit Bomben kam,
- 15:11sondern mit freundlichen Farben und warmer Suppe und Aufklebern
- 15:15in den Kragen von Jacken. Ein Feuer, das man nicht
- 15:18löschte, weil niemand es als Feuer erkannte, weil es sich als
- 15:21Wärme verkleidete, als Zugehörigkeit, als das, wonach
- 15:25ein einsamer Junge sich am meisten sehnte.
- 15:27Und das Grausamste war, dass die Wärme, die ihren Sohn jetzt
- 15:31hielt, dieselbe war, an der sich irgendwo in derselben Stadt, in
- 15:35derselben Bewegung ein anderer wärmte, den Olena nicht kannte
- 15:39und nie treffen würde. Ein Mann, älter als Danilo, der
- 15:43genauso nach Zugehörigkeit hungerte und genauso wenig
- 15:46fragte, woher die Wärme kam. 2 Menschen, der eine geflüchtet,
- 15:49der andere geboren, die beide in dasselbe faule Haus gegangen
- 15:53waren, weil es das einzige war, dessen Tür offen stand und die
- 15:56beide nicht wussten, dass. Dass das Haus, das sie wärmte,
- 15:59gebaut war, um Menschen wie sie am Ende hinauszuwerfen.
- 16:02Olena wusste es, sie hatte das Auge dafür, die Lastpfade zu
- 16:06lesen, zu sehen, wohin ein Gewicht läuft und an welcher
- 16:09Stelle ein Bauwerk reist. Und sie sah, dass dieses Bauwerk
- 16:12reißen würde, irgendwann an der Stelle, an der ihr Sohn stand,
- 16:16und sie konnte ihn nicht wegziehen, weil er nicht
- 16:19weggezogen werden wollte, weil er zum ersten Mal seit 5 Jahren
- 16:22das Gefühl hatte, Sicherzustehen.
- 16:25Auf genau der Stelle, die als erste nachgeben würde.
- 16:28Es war eine bittere Ironie und Olena, die für Ironie wenig Sinn
- 16:32hatte, weil das Leben ihr die Lust daran ausgetrieben hatte,
- 16:35spürte sie trotzdem das in genau diesem Frühling, in dem ihr Sohn
- 16:39in ein faules Haus zog, sie selbst zum ersten Mal seit 5
- 16:42Jahren an etwas baute, das trug. Bei Carla in der Halle lernte
- 16:47sie wieder, was sie konnte, rechnete wieder Lasten, las
- 16:50wieder Pläne, war wieder die, die wusste, wie ein Boden trägt
- 16:53und nicht die mit dem Eimer. Es war wenig, es war fragil,
- 16:57dünn wie der Mörtel, der einen ausgespülten Boden wieder füllt,
- 17:01aber es trug, sie baute an einem neuen Zuhause langsam Korn um
- 17:06Korn, und während sie baute, zog ihr Sohn aus dem Alten, dass sie
- 17:10ihm zu geben versucht hatte, in ein anderes, das ihn vernichten
- 17:13würde. Sie baute und er riss ein, und
- 17:16beides geschah in demselben Frühling an demselben
- 17:19Küchentisch, und sie konnte das eine nicht schneller bauen als
- 17:22er das andere Einriss. Sie saß lange in der dunklen
- 17:26Küche und draußen ging die Stadt schlafen und in der Stille hörte
- 17:30sie durch die geschlossene Tür ihren Sohn telefonieren, leise,
- 17:34mit einem von den Jungs, und er lachte ein junges, warmes,
- 17:37unbeschwertes Lachen, ein Lachen, das sie seit 5 Jahren
- 17:41nicht von ihm gehört hatte, und es war das schönste und das
- 17:44schrecklichste Geräusch, das sie kannte, ihr Kind glücklich in
- 17:48den Armen derer, die es vernichten würden.