Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 5
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- 0:01Kapitel 5 die Koordinate es gab eine Stunde am Morgen vor 6, in
- 0:06der die Stadt Olena Kovalenko gehörte, weil sonst niemand sie
- 0:10haben wollte. In dieser Stunde putzte sie die
- 0:12Praxis im 2. Stock eines Hauses am Ring, eine
- 0:15Zahnarztpraxis, 4 Behandlungsräume, ein
- 0:18Wartezimmer mit Stühlen aus hellem Holz und Zeitschriften,
- 0:21die niemand las. Und sie putzte sie allein mit
- 0:24dem Schlüssel, den man ihr anvertraut hatte, in der
- 0:26Dunkelheit, die vor dem Tag kommt und anders ist als die
- 0:29Dunkelheit, die nach ihm kommt, leerer, sauberer, ohne das
- 0:33Gewicht dessen, was am Tag geschehen würde.
- 0:36Sie kannte den Geruch dieser Praxis besser als den ihrer
- 0:39eigenen Wohnung. Desinfektion kalt und blau, ein
- 0:42Geruch, der die Nase oben zusammenzog, darunter der
- 0:45süßliche Abdruck der Materialien, mit denen man Zähne
- 0:48füllte und ganz unten, kaum noch da, der Geruch von Angst, den
- 0:52die Menschen hier hinterließen und den kein Putzmittel ganz
- 0:55herausholte, der in den Polstern saß, in den Vorhängen.
- 0:59Sie wischte über die Flächen und ihre Hände kannten jeden
- 1:02Übergang, jede Kante, jeden Punkt, an dem das Linoleum sich
- 1:05vom Boden löste. Und manchmal, wenn sie über eine
- 1:08Wand fuhr, ertappte sie ihre Hand dabei, wie sie nicht
- 1:11wischte, sondern prüfte mit den Fingerkuppen, wie man eine
- 1:14Schweißnaht prüft, ob die Wand trug, ob hier eine Last lag und
- 1:18dort nicht ein Wissen, das ihr geblieben war, wie ein Akzent,
- 1:21den man nicht ablegt, dass sie einmal Häuser gerechnet hatte,
- 1:24ganze Häuser, dass sie gewusst hatte, wieviel ein Beton hält,
- 1:27bevor er reist und an. Per Stelle.
- 1:29Jetzt wischte sie den Beton, es war kein Abstieg, sagte sie
- 1:33sich, es war eine Verschiebung, eine Koordinate, an die man
- 1:36geraten war und von der aus man weiterrechnete sie war gut in
- 1:40diesem Weiterrechnen, sie war immer gut darin gewesen, aus
- 1:43dem, was übrig war, etwas zu bauen, das Stand.
- 1:46Im hintersten Raum, dem Sterilisationsraum, lief ein
- 1:49kleines Radio, das die Helferinnen tagsüber laufen
- 1:52ließen und abends nie ausschalteten.
- 1:54Und morgens, wenn Olina kam, lief es noch leise, eine Stimme
- 1:58im Dunkeln, und an diesem Morgen sagte die Stimme das, was sie
- 2:01seit Wochen sagte, in immer 9 Worten, die alle dasselbe
- 2:04meinten, dass es im Osten schlecht stehe für die Russen,
- 2:07rückzüge, ein Hafen, der nicht mehr fördere.
- 2:11Eine Brücke, die zum dritten Mal getroffen sei.
- 2:13Die Stimme war ruhig, dabei fast routiniert, so wie man über das
- 2:16Wetter spricht, das sich endlich dreht.
- 2:20Olena hielt im Wischen inne und Horchte mit dem ganzen Körper,
- 2:23wie sie immer horchte, wenn es um das Land ging, das hinter dem
- 2:26Land lag, in dem sie Stand, Russland verlor.
- 2:30Das war es, worauf sie gewartet hatte. 4 Jahre lang.
- 2:33In jeder dieser Morgenstunden, auf diesen Satz, auf das Wort,
- 2:37das alles wenden würde, dass die Welt zurückdrehen würde an die
- 2:40Stelle, an der sie gestanden hatte, bevor sie zerbrach,
- 2:44Russland verlor, und sie wartete auf das Gefühl, das jetzt kommen
- 2:48musste, die Erleichterung, die Freude, das warme Aufsteigen,
- 2:51von dem sie geglaubt hatte, es würde sie überschwemmen, wenn
- 2:54dieser Tag käme. Es kam nicht.
- 2:58Sie stand in dem blauen Geruch der Desinfektion, den Lappen in
- 3:02der Hand, und in ihr war nichts, wo das Gefühl hätte sein sollen,
- 3:05eine seltsame, höfliche Leere, wie ein Raum, in dem die Möbel
- 3:09abgeholt worden sind und nur die helleren Stellen an den Wänden
- 3:12geblieben, dort, wo etwas gestanden hat.
- 3:15Sie verstand auch warum, sie hatte es schon lange verstanden,
- 3:19ohne es sich zu sagen, weil das Sichsagen es endgültig gemacht
- 3:23hätte. Dass es nichts nützte, wenn
- 3:24Russland verlor, dass das Verlieren der Russen die Welt
- 3:27nicht zurückdrehte, weil es das, wohin sie zurückgekehrt wäre,
- 3:31nicht mehr gab. Die Stadt, in der sie Häuser
- 3:33gerechnet hatte, war keine Stadt mehr, sie war eine Koordinate,
- 3:38ein Punkt auf einer Karte hinter Glas, ein Name, den man noch
- 3:42aussprechen konnte und unter dem nichts mehr war als Schutt und
- 3:45die Erinnerung an Schutt. Ob die Fahne über dem Schutt
- 3:48sich änderte, ob sie blau gelb wurde oder etwas anderes, der
- 3:52Schutt blieb Schutt. Man kehrt nicht in eine
- 3:54Koordinate zurück, man kehrt in ein Zuhause zurück und ein
- 3:57Zuhause ist kein Punkt, ein Zuhause ist ein Geruch und ein
- 4:01Klang und ein Mensch, der die Tür aufmacht und von diesen 3
- 4:04Dingen war keines mehr an der Koordinate, sie dachte an Taras.
- 4:08Sie dachte an ihn, wie sie immer an ihn dachte, nicht in einem
- 4:11Satz, der ein Ende hatte, sondern in einer Bewegung, die
- 4:14abbrach wie eine Verbindung abbricht, mitten im Wort, und
- 4:17man hält das Telefon noch ans Ohr und sagt, Hallo, Hallo, in
- 4:21eine Leitung, in der schon niemand mehr ist.
- 4:23So dachte Sie an ihn. Bis zu der Stelle, an der die
- 4:26Verbindung abriss. Und dann hielt sie inne, immer
- 4:29an derselben Stelle, und ging nicht weiter, weil hinter dieser
- 4:32Stelle eine Frage lag, die sie sich nicht stellte, weil das
- 4:35Stellen der Frage, sie würde beantworten müssen und manche
- 4:38antworten lässt man besser in der Leitung Ungesprochen
- 4:41lebendig in ihrem Ungesprochen sein Russland verlor.
- 4:45Sie wischte die letzte Fläche, hängte den Lappen über den
- 4:48Eimerrand, schaltete das Radio nicht aus, weil es ihr nicht
- 4:51Zustand, und ging hinaus in den Morgen, der jetzt grau wurde
- 4:54über den Dächern und der Schnee, der in der Nacht gefallen war,
- 4:57lag dünn auf den Autos und roch nach nichts nach kaltem Metall
- 5:01und nach nichts, und das war das Schlimmste an dem Schnee dieser
- 5:04Stadt, dass er nach nichts roch, während der Schnee zu Hause an
- 5:08der Koordinate nach Rauch gerochen hatte und nach Tannen
- 5:11und nach dem Atem der Kühe im Stall ihrer Großmutter ein
- 5:14Geruch, der nicht wiederkam. Haben, weil man Gerüche nicht
- 5:16mitnehmen kann über eine Grenze. Sie bleiben, wo sie entstanden
- 5:20sind, sie sind das treueste und das Verräterischste an einer
- 5:23Heimat. Am Nachmittag ging sie mit Irina
- 5:26aufs Amt, weil Irinas deutsch nicht reichte, und Olenas
- 5:30reichte gerade so, und weil man in dieser Stadt nichts allein
- 5:33erledigte, was mit einem Amt zu tun hatte, man ging zu zweit,
- 5:37wie man zu zweit über dünnes Eis geht, damit einer den anderen
- 5:40ziehen kann, wenn es bricht. Irina war jünger als Olena 28
- 5:45mit einem Sohn von 3 Jahren, einem ernsten kleinen Jungen
- 5:48namens Mark, der seine Mutter an der Hand hielt und mit großen
- 5:51Augen den Flur entlang sah, den langen, hellen, Übermöblierten
- 5:55Flur des Amtes, an dessen Wänden Plakate hingen in den
- 5:58freundlichen Farben Blau und Grün, auf denen Familien
- 6:01lachten, die es so nicht gab. Sie brauchten einen Kitaplatz.
- 6:05Irina hatte eine Stelle in Aussicht, in einer Wäscherei,
- 6:08halbtags, aber ohne einen Platz für Mark konnte sie die Stelle
- 6:12nicht nehmen und ohne die Stelle bekam sie keinen Platz.
- 6:15Das war die alte Schlinge, die Olena kannte, in der sich alles
- 6:18Zusammenzog, je mehr man sich bewegte, die Frau hinter dem
- 6:22Schalter war nicht unfreundlich. Das war Olina schon aufgefallen
- 6:26in diesem Land, dass die Unfreundlichkeit selten geworden
- 6:28war, dass man einen mit ruhiger Stimme abwies und mit guten
- 6:31Worten, und dass das auf eine Weise schlimmer war als das
- 6:34anschreien, das sie von den Ämtern zu Hause gekannt hatte,
- 6:37weil man gegen ein anschreien etwas in sich aufrichten konnte,
- 6:40einen Zorn und gegen die ruhige Stimme nichts.
- 6:43Die ruhige Stimme nahm einem den Zorn-Weg, bevor er entstand, die
- 6:47Frau tippte. Sie gab irinas Daten ein, Marx
- 6:50Daten und Olena, die daneben stand und übersetzte, sah, wie
- 6:54die Frau auf den Bildschirm sah, auf etwas, das nur sie sehen
- 6:57konnte und wie ihr Gesicht sich nicht veränderte und gerade
- 7:00dadurch alles sagte. Es tut mir leid, sagte die Frau
- 7:04für das kommende Jahr ist kein Platz frei, ich kann sie auf die
- 7:07Liste setzen, aber ich muss ehrlich sein, die Aussichten
- 7:09sind nicht gut. Olena übersetzte.
- 7:12Irina sagte etwas schnell Bittend und Olena formte es um
- 7:16ins deutsche Glättete. Es nahm die Verzweiflung heraus,
- 7:19weil die Verzweiflung auf den Ämtern dieses Landes nichts
- 7:22half, im Gegenteil, sie machte einen verdächtig, dass die
- 7:25Mutter arbeiten wolle, dass sie eine Stelle habe, dass es nur an
- 7:28dem Platz hänge, an diesem einen Platz.
- 7:31Das verstehe ich, sagte die Frau, und sie verstand es
- 7:34wahrscheinlich wirklich. Das war das quälende.
- 7:37Aber das System vergibt die Plätze nach festen Kriterien, es
- 7:41ist nicht mehr so, dass ich da etwas machen kann.
- 7:43Früher konnte ich manchmal, heute rechnet das die Stelle,
- 7:47die Stelle Olina kannte den Ausdruck inzwischen, sie hatte
- 7:50ihn in diesem Winter oft gehört, die Stelle, ein Wort, das
- 7:54niemand und alle bedeutete. Ein Ort ohne Ort, an dem
- 7:58entschieden wurde und an dem niemand saß, den man hätte
- 8:01ansehen können. Sie fragte höflich mit der
- 8:03Höflichkeit, die sie sich für die Ämter zugelegt hatte, wie
- 8:06einen zweiten Mantel, nach welchen Kriterien die Frau
- 8:09zögerte, dann drehte sie den Bildschirm nicht um, das tat sie
- 8:13nicht, das durfte sie nicht, aber sie las vor Halblaut eine
- 8:17Zeile, die dort stand, dass bei knappen Plätzen die regionale
- 8:21Verankerung der Familie berücksichtigt werde.
- 8:23Ortsansässigkeit, wie lange man schon hier sei, hier gemeldet,
- 8:27hier verwurzelt, das soll fair sein, sagte die Frau, und sie
- 8:31sagte es, wie man etwas sagt, das man selbst zum ersten Mal
- 8:34hört und prüft, während man es spricht, damit die, die schon
- 8:37lange hier sind, nicht hinten anstehen.
- 8:39Aber für sie heißt das eben, sie sprach den Satz nicht zu Ende,
- 8:44sie musste ihn nicht zu Ende sprechen.
- 8:46Olena verstand ihn auch unvollendet, sie verstand ihn
- 8:49vielleicht besser unvollendet, weil das Unvollendete die ganze
- 8:52Sache enthielt. Dass eine Familie, die vor 4
- 8:55Jahren über eine Grenze gekommen war, mit 2 Taschen in einem
- 8:58Land, dessen Sprache sie nicht sprach, niemals genug regionale
- 9:02Verankerung haben würde, niemals lange genug hier sein, niemals
- 9:05verwurzelt genug. Und dass dieses Kriterium, das
- 9:08so vernünftig klang, so fair, so sehr nach Schutz der Schwachen
- 9:12in Wahrheit eine Tür war, die sich genau vor den schwächsten
- 9:15Schloss, lautlos, höflich, in den freundlichen Farben blau und
- 9:18Grün. Olena sah das.
- 9:21Sie sah es mit dem Auge, das ihr geblieben war, dem Auge der
- 9:24Ingenieurin, das nicht auf das Ornament sah, sondern auf die
- 9:27Last. Sie sah, wie das Gewicht in
- 9:29diesem Satz lief, wo es hinfloß und wo es wegging.
- 9:33Sie sah, dass das Kriterium regionale Verankerung nicht
- 9:35trug, was es zu tragen vorgab, dass es eine Stütze war, die in
- 9:40Wahrheit eine Last verlagerte, hinzu denen, die ohnehin schon
- 9:43trugen, Weg von denen, die ohnehin schon fielen.
- 9:46Sie hatte genug Häuser gerechnet, um eine versteckte
- 9:49Lastumlagerung zu erkennen, auch wenn sie in Worten gebaut war
- 9:52statt in Beton. Aber sie sagte es nicht, sie
- 9:56übersetzte es nur für Irina so schonend sie konnte, und Irina
- 10:00nickte und nahm Mark Fester an die Hand, und Mark sah zu seiner
- 10:04Mutter auf, mit den ernsten Augen und Verstand nichts und
- 10:07alles, sie gingen wieder hinaus, die beiden Frauen und das Kind
- 10:11in den frühen Abend, der schon dunkel wurde, und Irina weinte
- 10:15nicht. Sie war über das Weinen hinaus.
- 10:17Sie sagte nur auf Ukrainisch leise einen Satz, den Olena
- 10:21nicht übersetzen musste, weil er für niemanden bestimmt war, als
- 10:24für die kalte Luft, dass sie sich gefragt habe, wofür sie
- 10:27geflohen seien hierher und dass sie keine Antwort mehr wisse.
- 10:31Olena legte ihr die Hand auf den Rücken zwischen die
- 10:34Schulterblätter. Ein Gewicht, eine Wärme, mehr
- 10:37hatte sie nicht, und sie dachte, während sie die fremde Wärme
- 10:40durch den fremden Stoff spürte, dass dies das einzige war, was
- 10:44man noch bauen konnte in diesem Winter.
- 10:46Das letzte, was trug eine Hand zwischen den Schulterblättern
- 10:49einer anderen, eine Konstruktion aus 2 Menschen, die einander
- 10:52hielten, weil die größeren Konstruktionen alle nicht mehr
- 10:55trugen. Danilo war zu Hause, als sie
- 10:57kam, und das überraschte sie, weil er in letzter Zeit selten
- 11:01zu Hause war, wenn sie kam, weil er ein Alter erreicht hatte, in
- 11:04dem das zu Hause eng wird und der Mensch hinausdrängt an
- 11:07andere Orte, zu anderen Menschen, von denen sie immer
- 11:10weniger wusste. Er saß am Tisch über einem Heft,
- 11:13und sie sah von der Tür aus, dass es ein Deutschheft war und
- 11:16etwas in ihr, freute sich der alte Reflex der Mutter, die
- 11:19ihren Sohn lernen sieht. Er war groß geworden in diesen 4
- 11:22Jahren, größer als sie mit den breiten, eckigen Schultern
- 11:26seines Vaters. Und manchmal, wenn er sich so
- 11:28über etwas beugte wie jetzt im Profil im Lampenlicht, durchfuhr
- 11:32sie der Anblick wie ein Schlag, weil er Taras war für einen
- 11:36Atemzug war er ganz und gar Taras an der Stelle in der
- 11:39Leitung, an der die Verbindung noch stand.
- 11:42Du bist schon da, sagte sie auf Ukrainisch, weil das die Sprache
- 11:47war, in der sie ihn geboren hatte, in der sie ihn
- 11:49großgezogen hatte, in der die Worte für ihn in ihr Lagen,
- 11:53weich und selbstverständlich die Sprache, die kein Übersetzen
- 11:56brauchte, die einfach aus ihr herauskam wie Atem.
- 12:00Er antwortete auf Deutsch, Es war nicht das erste Mal.
- 12:03Aber es war das erste Mal, dass es ihr so auffiel, so weh tat,
- 12:07so deutlich war, dass sie ihn auf Ukrainisch ansprach und er
- 12:10auf deutsch antwortete, Glatt, akzentfrei in dieser Sprache,
- 12:14die er sich in 4 Jahren erobert hatte, wie nur Kinder eine
- 12:17Sprache erobern, vollständig ohne Naht, so dass niemand ihm
- 12:21anhörte, woher er kam. Ich hab keinen Bock mehr,
- 12:24ständig zu wechseln, sagte er. Und sie zuckte unter dem Wort
- 12:28Bock zusammen, diesem saloppen fremden Wort, das ihr im Mund
- 12:31eines Kindes, das einmal Mama in der weichen Sprache gesagt
- 12:35hatte, vorkam wie ein Stein in einem Brot.
- 12:38Es ist einfacher, wenn wir Deutsch reden, wir sind hier,
- 12:41wir bleiben hier oder sie setzte sich ihm gegenüber langsam und.
- 12:46Und legte die Hände auf den Tisch.
- 12:48Die Hände, die heute Beton geprüft und einen fremden Rücken
- 12:51gehalten hatten. Und sie sah ihn an, ihren Sohn,
- 12:54der Deutsch redete und recht hatte und ihr trotzdem etwas
- 12:57wegnahm, das sie nicht benennen konnte, ohne dass es kleiner
- 13:00wurde. Wir reden, wie wir reden, sagte
- 13:03sie auf Ukrainisch, und es war kein Befehl, es war eine Bitte,
- 13:07getarnt als Feststellung, und er hörte die Bitte und mochte sie
- 13:10nicht, Mama. Jetzt sah er auf und in seinem
- 13:14Gesicht war nicht trotz. Das hätte sie ertragen.
- 13:17Trotz war jung und ging vorbei, in seinem Gesicht war etwas
- 13:20älteres, etwas, das sie erschreckte, weil es vernünftig
- 13:23war, abgewogen, fast erwachsen. Ich will hier dazugehören, ich
- 13:27will nicht der sein, auf den sie zeigen, du weißt doch wie das
- 13:30ist. Du siehst doch, wie sie gucken.
- 13:33Er machte eine Pause und dann sagte er den Satz, auf den alles
- 13:36zugelaufen war, den ganzen Winter lang, ohne dass sie es
- 13:39hatte sehen wollen, und er sagte ihn leise, fast behutsam, was
- 13:42ihn schlimmer machte, nicht besser, wenn wir draußen sind,
- 13:45auf der Straße, im Bus, können wir da nicht deutsch reden, nur
- 13:50draußen, es ist nur, die Leute hören das, das ukrainische, und
- 13:54dann gucken sie und ich will nicht, dass sie gucken, bitte,
- 13:57bitte. Das Wort, mit dem er den Satz
- 13:59Schloss, war Ukrainisch nicht gesprochen, aber es war das
- 14:02Wort, dass sie ihn als Kind gelehrt hatte, höflich zu sein,
- 14:05Bitte und danke in der weichen Sprache.
- 14:08Und nun benutzte er es, um sie zu bitten, die weiche Sprache zu
- 14:11verstecken, und Olena saß da und spürte, wie die Kälte, die sie
- 14:15den ganzen Tag in den Fingern gehabt hatte, nach innen
- 14:17wanderte, hinter das Brustbein, an die Stelle, an der die
- 14:20Verbindung abriss, sie konnte es ihm nicht verbieten, das war das
- 14:24Erste, was sie Begriff, mit der schrecklichen Klarheit dieses
- 14:27Winters. Dass sie kein Recht hatte, es
- 14:30ihm zu verbieten, weil er recht hatte, weil die Leute wirklich
- 14:33guckten, weil sie selbst draußen neuerdings die Stimme senkte,
- 14:37wenn sie ukrainisch sprach, ohne es sich einzugestehen, weil das
- 14:41gucken real war und gefährlich werden konnte und ein Junge in
- 14:44seinem Alter nicht zur Zielscheibe werden durfte für
- 14:46etwas, das nur ein Klang war, ein Klang, der nach Heimat roch,
- 14:51und sie konnte es ihm nicht verzeihen.
- 14:53Das war das zweite und es lag neben dem ersten, ohne sich mit
- 14:57ihm zu vertragen, 2 Wahrheiten, die beide trugen und einander
- 15:00widersprachen. Wie 2 Stützen, die in
- 15:02entgegengesetzte Richtungen drückten, dass sie ihm nicht
- 15:05verzeihen konnte, dass er die Sprache draußen ablegen wollte
- 15:08wie einen Mantel, der auffiel, die Sprache, in der sein Vater
- 15:11ihn gerufen hatte, in der seine Großmutter ihm Lieder gesungen
- 15:14hatte, die einzige Koordinate, die man mitnehmen konnte über
- 15:17eine Grenze, weil sie kein Ort war, sondern ein Klang und einen
- 15:20Klang trägt man im Mund überall hin, solange man ihn nicht.
- 15:23Aufgibt. Er gab ihn auf, draußen sagte er
- 15:27nur draußen, aber sie wusste, wie das ging, sie hatte es bei
- 15:31anderen gesehen, in anderen Familien, dass das draußen
- 15:34wuchs, Monat um Monat, dass es erst die Straße war und dann die
- 15:39Wohnung und dann der Tisch, und dass am Ende auch das drinnen
- 15:42ein draußen wurde und das Kind eines Tages in der weichen
- 15:45Sprache nicht einmal mehr träumte.
- 15:48Gut, sagte sie schließlich auf Deutsch, und es kostete sie
- 15:51mehr, dieses eine deutsche Wort zu sagen, als ihr ganzer Tag sie
- 15:54gekostet hatte. Das putzen, das Amt, der
- 15:57gehaltene Rücken draußen, wie du willst Er sah sie an,
- 16:02erleichtert, dankbar und für einen Moment war er wieder
- 16:05klein, war wieder der Junge, der ihre Erlaubnis brauchte, und er
- 16:08sagte Danke Mama, und er sagte es dieses eine Mal auf
- 16:12Ukrainisch, vielleicht weil sie nachgegeben hatte, vielleicht,
- 16:16weil etwas in ihm wusste, was er ihr genommen hatte und es ihr
- 16:19für einen Atemzug zurückgeben wollte.
- 16:22Sie nickte und stand auf und ging in die Küche, damit er ihr
- 16:25Gesicht nicht sah. Und sie stellte Wasser auf und
- 16:28während das Wasser sich erwärmte, sah sie aus dem
- 16:31Fenster hinaus auf die Stadt, die nicht ihre war, in der der
- 16:35Schnee nach nichts roch und irgendwo unter diesem Schnee
- 16:38dachte sie, lief das, was sie heute gesehen hatte, am Amt, im
- 16:42Beton, in den freundlichen Farben, eine Lastumlagerung,
- 16:45leise und gewaltig weg von denen, die fielen, hinzu denen,
- 16:50die standen. Und sie, die ihr Leben lang
- 16:52gerechnet hatte, wo eine Last hinläuft und wo ein Bau reißt.
- 16:56Sie spürte, ohne es beweisen zu können, dass dieser Bau reißen
- 16:59würde, irgendwo, irgendwann an der Stelle, die niemand prüfte,
- 17:03weil sie unter den freundlichen Farben lag.
- 17:06Aber das war nicht das, was ihr die Kälte hinter das Brustbein
- 17:09trieb, während das Wasser zu singen begann.
- 17:12Das war der Klang aus dem Nebenzimmer, die Stille, in der
- 17:15ihr Sohn jetzt arbeitete, in einer Sprache, in der sie ihn
- 17:18nicht geboren hatte, und die Gewissheit, dass diese Stille
- 17:21wachsen würde, draußen erst, dann drinnen ein Schweigen, das
- 17:25sich ausbreitete wie das Wasser in einem Keller, von dem niemand
- 17:28die Pumpe fand, bis es eines Tages die unterste Stufe
- 17:31erreicht hätte, die letzte, auf der die weiche Sprache noch
- 17:34stand.