Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 1 - Das Kind mit dem Spiegel
Transcript
- 0:00Unterkapitel 1 das Kind mit dem Spiegel nach seinen ersten Reden
- 0:06im Tal ist Zarathustra wieder tief in das Gebirge
- 0:08zurückgekehrt. Er zieht sich in die Einsamkeit
- 0:11seiner Höhle zurück und meidet die Menschen, er vergleicht sich
- 0:14in dieser Zeit mit einem Seemann, ein Seemann ist ein
- 0:18Bauer, der Samen auf das Feld gestreut hat und nun warten
- 0:21muss. Für Zarathustra bedeutet dieses
- 0:24Bild, er hat seine Gedanken und Ideen unter den Menschen
- 0:27verteilt. Nun muss er geduldig abwarten,
- 0:30ob diese Ideen in den Köpfen der Menschen wachsen und Früchte
- 0:32tragen. Das Warten fällt ihm schwer am
- 0:36Allerschwersten ist es für ihn seine offene Hand, wieder zu
- 0:40schließen, er ist voller Liebe und möchte den Menschen
- 0:43eigentlich noch viel mehr geben, aber er zwingt sich, seine
- 0:46Weisheit aus Scham und Zurückhaltung vorerst für sich
- 0:49zu behalten. So vergehen für den einsamen
- 0:52Zarathustra viele Monate und Jahre.
- 0:55Währenddessen wächst seine Weisheit immer weiter an.
- 0:59Sie wird bald so groß und schwer, dass sie ihm innerlich
- 1:02fast schon weh tut. Er platzt förmlich vor neuen
- 1:05Gedanken und Einsichten. Eines Morgens wacht Zarathustra
- 1:09sehr erschrocken auf, er denkt lange über seinen Traum nach und
- 1:13fragt sich, was ihn so in Panik versetzt hat.
- 1:16In seinem Traum trat ein Kind zu ihm, das einen Spiegel in den
- 1:19Händen hielt, das Kind forderte ihn auf, Oh Zarathustra, schaue
- 1:24dich an im Spiegel. Ein Spiegel ist ein Sinnbild für
- 1:27die Wahrheit und für das Erkennen der Wirklichkeit.
- 1:31Als Zarathustra in den Spiegel schaute, sah er jedoch nicht
- 1:34sein eigenes Gesicht, stattdessen blickte ihm die
- 1:38schreckliche Fratze eines Teufels entgegen, der ihn
- 1:40bösartig auslachte Zarathustra versteht sofort, was dieser
- 1:45Traum als Warnung bedeuten soll, er ruft aus, dass seine Lehre in
- 1:49großer Gefahr ist. Er sagt, dass Unkraut sich nun
- 1:52Weizen nennen will. Damit meint er, dass falsche
- 1:56Ideen sich als seine wahren Gedanken ausgeben.
- 1:59Seine Feinde sind in der Zwischenzeit mächtig geworden,
- 2:02sie haben das Bild von seiner Lehre völlig verdreht und
- 2:05entstellt, deshalb hat er im Spiegel auch einen Teufel
- 2:08gesehen, seine Feinde stellen ihn als etwas Böses dar, sie
- 2:12haben seine Ideen so stark verfälscht, dass sich selbst
- 2:15seine liebsten Freunde für die geistigen Geschenke schämen, die
- 2:18er ihnen früher gegeben hat. Zarathustra erkennt schmerzlich.
- 2:23Er hat seine Freunde verloren und genau jetzt ist die Zeit
- 2:26gekommen, um nach diesen verlorenen Freunden zu suchen.
- 2:30Mit dieser Erkenntnis springt Zarathustra auf, er verhält sich
- 2:33dabei nicht wie ein verängstigter Mensch, der nach
- 2:36Luft ringt, sondern eher wie ein Prophet oder ein Sänger, der von
- 2:40einer mächtigen Eingebung gepackt wird, seine treuen
- 2:44Begleiter der Adler und die Schlange schauen ihn ganz
- 2:47verwundert an. Auf zarathustras Gesicht liegt
- 2:50ein Leuchten, als würde ein glücklicher neuer Morgen
- 2:52anbrechen. Er fragt seine Tiere, ob er sich
- 2:55nicht verwandelt habe, denn ein Gefühl der unglaublichen
- 2:58Seligkeit ist wie ein Sturmwind über ihn gekommen, sein neu
- 3:02gefundenes Glück ist noch sehr ungestüm, er scherzt, dass sein
- 3:06Glück töricht sei und dummes Zeug reden werde, weshalb man
- 3:09Geduld mit ihm haben müsse. Er spürt einen so großen Drang
- 3:13zu helfen, dass er sagt, er sei von seinem eigenen Glück
- 3:16verwundet worden. Nur die leidenden Menschen
- 3:19können jetzt seine Ärzte sein. Das bedeutet, er kann seine
- 3:23eigene übervolle Energie nur heilen, indem er zu den Menschen
- 3:26hinabgeht und ihnen von seiner Weisheit abgibt.
- 3:29Zarathustra ist fest entschlossen, wieder hinab in
- 3:32die Täler zu gehen, er darf nun wieder zu seinen Freunden und
- 3:36auch zu seinen Feinden sprechen, seine ungeduldige Liebe
- 3:39vergleicht er mit einem gewaltigen Fluss.
- 3:42Aus den Stillen Bergen und aus der Zeit des Schmerzes stürzt
- 3:45dieser Fluss nun unaufhaltsam in die Tiefe.
- 3:49Er hat sich zu lange nach den Menschen gesehnt und verlernt
- 3:52nun das Schweigen, er ist ganz und gar zu einem Mund geworden,
- 3:56der reden muss, selbst wenn sein Liebesfluss über unwegsame
- 4:00Felsen stürzen muss, wird er am Ende seinen Weg in das weite
- 4:03Meer der Menschen finden. Zarathustra kündigt an, dass er
- 4:07neue Wege gehen wird und eine ganz neue Sprache für sich
- 4:11gefunden hat. Er hat die alten Worte satt, er
- 4:14fordert den Sturm auf, ihn mitzureißen und will sogar seine
- 4:17Feinde mit Worten angreifen. Er spricht davon, dass er seinen
- 4:21Speer gegen seine Feinde schleudern wird, und er dankt
- 4:24ihnen dafür, dass er diesen Speer nun endlich werfen darf.
- 4:28Die innere Spannung war in ihm so groß geworden wie bei einer
- 4:31dunklen Gewitterwolke, nun will er seine Gedanken wie
- 4:34Hagelschauer und lachende Blitze in die Tiefe werfen, um sich
- 4:38Erleichterung zu verschaffen. Er warnt seine Freunde davor,
- 4:41dass sie vielleicht vor seiner wilden Weisheit erschrecken und
- 4:45mit seinen Feinden davonlaufen könnten.
- 4:47Mit der wilden Weisheit meint er seine tiefsten, Ungezähmten und
- 4:51oft unbequemen Gedanken. Diese wilde Weisheit ist in der
- 4:55Einsamkeit der rauen Berge herangewachsen und gewissermaßen
- 4:58schwanger geworden, sie sucht nun nach einem Ort, um ihre
- 5:02neuen Erkenntnisse auf die Welt zu bringen.
- 5:05Zarathustra wünscht sich sehnlichst, diese neuen Gedanken
- 5:07auf dem weichen Rasen der Herzen seiner Freunde abzulegen.
- 5:11Er möchte sein liebstes in ihrer liebe Betten.