Latest / Politischer Pausen Podcast / Unsere Sprache - das unsichtbare Fundament der Demokratie? | mit Prof. Dr. Henning Lobin
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- speaker-0: Folge des politischen Pausen Podcasts. Herzlich willkommen liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Heute zu Gast Professor Dr. Henning Lobin. Er ist seit August 2018 der Direktor des Leibniz Instituts für Deutsche Sprache und Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim. Er hat ein Buch geschrieben, was jetzt nächstes Jahr erscheinen wird im Campus Verlag, worüber wir aber jetzt schon Gelegenheit haben zu sprechen. und es somit in gewisser Hinsicht ankündigen. Es geht Staat und Sprache, wie Sprache Staatlichkeit im deutschsprachigen Raum prägt. Herzlich willkommen, Herr Prof. Lobin. speaker-1: Ganz herzlichen Dank für die Einladung. Guten Tag Frau Schwanholz. speaker-0: Ja, als ich reingelesen habe, ich durfte das Manuskript schon sichten, da ist mir aufgefallen, dass sie sagen, Sprache ist das unsichtbare Fundament der Demokratie und dass sie eigentlich in der Demokratie Debatte kaum oder zu wenig vorkommt, ein sogenannter blinder Fleck ist. Und da habe ich mir dann gedacht, das passt ja wirklich hervorragend, denn im Podcast in der fünften Staffel, die jetzt gerade läuft, haben wir uns das zum Thema gesetzt. Wir wollen die Sprache der Demokratie oder auch die Sprache in der Demokratie näher beleuchten. Naja, und bisher habe ich immer gedacht, wenn es Staatlichkeit geht, dann fällt mir als Politikwissenschaftlerin vor allem Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt ein. Und sie sagen aber jetzt im postnationalen Staat ist es möglicherweise etwas, was Bedeutung verliert und Sprache wird dadurch bedeutsamer. Habe ich das richtig verstanden? Können Sie uns da immer mit in das Argument nehmen? speaker-1: Ja, das ist ein scheinbar vielleicht etwas paradoxes Argument, denn wenn man in die Geschichte schaut, in die Geschichte vieler Länder, auch solcher im deutschsprachigen Raum, auch unserer Nachbarländer, dann stellt man ja fest, dass sich die Formierung dieser Staaten als Nationen im 19. Jahrhundert oder auch im 20. Jahrhundert in der ersten Hälfte oftmals über Sprache vollzogen haben. Es gab eine Bewegung hin zu einer Sprachlichkeit, die durch einen Nationalsprache geprägt war. Und dieses hat oftmals bestimmt, wer dazugehört, wer Staatsvolk ist, wer dazugehört in einem ethnischen Sinne womöglich, weil man das identifiziert hat mit der Sprachlichkeit. Und das ist ein fataler Weg, der in mancherlei Hinsicht gewesen Wenn man sich Deutschland anschaut, der Weg hin zum Großdeutschen Reich, dann im Nationalsozialismus war einer, der sehr stark dadurch geprägt war, dass man alle Menschen, die die deutsche Sprache als Muttersprache hatten, einem Staatszusammenhang zusammenbringen wollte, plus viele anderen Interessen natürlich, die damit sich verbunden haben. Und davon sind wir glücklicherweise heute, jedenfalls in Europa, ziemlich weit weg inzwischen wieder. Wir definieren uns nicht mehr durch Sprache und deshalb ist die Sprache unsichtbar geworden in solchen, sagen wir mal, staatspolitischen und auch staatsphilosophischen Erwägungen. Und trotzdem ist sie da. Das ist so das Spannungsfeld. in dem sich dieses Buch entwickelt und dass ich interessant fand, ein bisschen näher mal zu betrachten. speaker-0: Jetzt haben Sie die sprachliche Homogenität im Dritten Reich schon angesprochen als Abgrenzungsmerkmal und kommen ja dann im Buch auch auf diese historische Warnung hinter der heutigen Sprachpolitik. Können Sie das auch noch mal ein bisschen näher ausführen, was das eigentlich bedeutet? So ein bisschen klingt das vielleicht schon an, aber noch nicht so richtig. speaker-1: Ja, die heutige Sprachpolitik ist, also sagen wir mal anders, die Bundesrepublik Deutschland hatte eigentlich gar nicht eine richtige ausgeprägte Tendenz zu einer Sprachpolitik. Wenn man sich die politische Programmatik der im Bundestag vertretenen Parteien über viele Jahrzehnte anschaut, da gab es das Thema praktisch nicht. Es wurde da vielleicht mal das Goethe-Institut erwähnt oder auch sprachliche Bildung, wenn es hochkam, das war auch alles. Aber das hat sich geändert und das hat sich geändert tatsächlich dadurch, dass die AfD in den Deutschen Bundestag gewählt worden ist 2017 und die AfD mit einer Programmatik dort nun vertreten war, bei der die Sprache für eine nationale Identität in einer neuen Fasson auf einmal eine sehr große Rolle gespielt hat. Das kann man in den Wahlprogrammen sehen, das kann man im Grundsatzprogramm sehen, auch in vielen Anfragen und Gesetzesinitiativen. Sprache in allen möglichen Facetten hat einen ganz großen Stellenwert für die Partei und es wird auch immer wieder von einzelnen Protagonisten dieser Partei so benannt. Und da sind die anderen Parteien, wenn man sich dann wiederum auch die Entwicklung der Wahlprogramme anschaut, nach und nach immer mehr darauf eingestiegen. Es haben sich in den Jahren seit 2017, in den letzten neun Jahren bei den Bundestagswahlen immer mehr solche sprachpolitischen Positionen finden lassen. auch bei der SPD, bei der CDU, bei der FDP, Grün, bei den Linken, bei allen. Teilweise mit einem völlig anderen Ausrichtung natürlich, aber doch in einer Weise, dass man spüren kann, die Sprache ist doch etwas, was anscheinend wieder eine politische Verortung sinnvoll erscheinen lässt. Und das ist ein bemerkenswerter Prozess, muss ich sagen, der dazu führt, dass wir auch eben viele, sagen wir mal, allgemeinpolitische Debatten nun über Sprache und sprachliche Themen führen und die damit aufladen, weil sie so gut vermittelbar sind. speaker-0: Da ist ja vielleicht auch die Frage, inwiefern das bewusst oder unbewusst, strategisch oder parteipolitisch taktierend passiert. Vielleicht gehen wir mal auf das ein bisschen näher ein, was sie gerade gesagt hat, mit praktischen Beispielen. Also Sprache bleibt ja ein Zugangsschlüssel, könnte man sagen, zur Zugehörigkeit. Und das Beispiel Einbürgerung ist ja so eins, was sehr griffig ist. Und im Buch habe ich es so verstanden, dass der Zweck von Sprache zur Einbürgerung gar nicht wirklich erklärt wird, sondern dass es einfach so ist, die Alltagstauglichkeit quasi sozusagen als politische Teilhabe definiert ist. Und da frage ich mich natürlich, es nicht eigentlich beides, also Alltagstauglichkeit und politische Teilhabe, die natürlich über Sprache und genügend Deutschkenntnisse doch dann letztendlich überhaupt erst hergestellt werden. speaker-1: Auf alle Fälle, da stimme ich Ihnen voll und ganz zu, bloß die Rechtslage und die Verortung eben auch der Sprache in diesem Einbürgerungsprozess ist einfach nicht so. Es ist ja ganz kurios, muss man sagen. Im deutschen Grundgesetz haben wir ja überhaupt gar keine Nationalsprache oder Landessprache in irgendeiner Form definiert. Das Wort Sprache kommt im ganzen Grundgesetz überhaupt nur ein einziges Mal vor, nämlich in Artikel 3, wo es sprachliche Diskriminierung geht. und andere Formen der Diskriminierung, die abgelehnt werden oder die jedenfalls verboten werden. Ansonsten nicht. Und trotzdem werden bei der Einbürgerung sprachliche Anforderungen gestellt. Ein gewisses sprachliches Niveau muss erreicht werden. Das ist sehr, sehr grob beschrieben. Es gibt ja diesen sogenannten gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen. Und da wird gesagt, bei einer normalen Einbürgerung muss das Niveau beabrückt erreicht werden. Das ist also ein mittleres, untleres, mittleres Niveau, das einem erlaubt, ein bisschen sich zurecht zu finden. Und es wird dann bei diesem B1 Niveau gesagt, dass man in Alltagssituationen so weiter zurechtkommen muss. An einigen anderen Stellen, also beispielsweise auch bei der Gesetzgebung für Spätaussiedler, wird das sogar noch ein bisschen genauer gefasst, weil da nicht mal diese Rahmenrichtlinien dann voll zum Tragen kommen. Und es wird gesagt, man muss sich da, das nachzuweisen, so irgendwie so bisschen in deutscher Sprache unterhalten können. Es muss da einen Zusammenhang erkennbar sein, aber es geht auch nur einfache alltägliche Gegenstände, die man dort beherrschen muss. Und das ist etwas, da habe ich mich auch gefragt, wird da nicht eigentlich der Ziel von Sprache in einem Staatswesen, in einer Demokratie ein bisschen unterbelichtet. Denn es ist so, wie Sie es auch gerade gesagt haben, über Sprache tauschen wir Argumente aus, bilden politische Meinungen heraus, versuchen andere zu verstehen, versuchen Sachverhalte zu beschreiben und insbesondere natürlich auch abstrakte Sachverhalte, die in einer sehr großen Gesellschaft auch sehr vorherrschend sind. Und das alles fällt eigentlich bei dieser Positionierung von Sprache komplett unter den Tisch. Das ist erstaunlich, denn in anderen Ländern wird teilweise auch ein bisschen anders gehandhabt. speaker-0: Bevor wir vielleicht auch noch über andere Länder und Beispiele sprechen, Sie haben das Grundgesetz angesprochen und da fällt mir immer auf, dass die Sprache des Grundgesetzes bestechend klar und schnörkellos ist. Also sowas wie der kürzeste Paragraph bzw. Artikel im Grundgesetz Eigentum verpflichtet. Jeder versteht, was damit gemeint ist. Es sind wirklich nur zwei Wörter, die einen ganzen Satz bilden. Wenn man sich jetzt anschaut, wie sich das über die Zeit entwickelt hat, sind ja die Veränderungen des Grundgesetzes alle viel, komplizierter ausformuliert. Würden Sie mir zustimmen, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes es wirklich aufs Vortrefflichste verstanden, eine schnörkellose, klare Sprache? zu nutzen oder sich einer solchen zu bedienen, das Grundgesetz zu formulieren und dass wir das heute eigentlich so nicht mehr drauf haben. Und dann würde ich das, wenn Sie das unterschreiben können, der Frage ergänzen, warum das eigentlich so ist. Warum hat sich Sprache an dieser Stelle verändert und ist vielleicht politische oder auch juristische Sprache so viel komplizierter geworden? Denn das wäre eine schöne Überleitung gleich auch zu der nächsten Frage. Da hat eigentlich selbst eine verständliche Sprache, wenn ich so an Behördenbriefe und sowas denke, das auf der einen Seite das B1 Niveau, was wir erwarten von Menschen, die zu uns kommen und deutsche Staatsbürger werden wollen und umgekehrt aber Briefe, die wir bekommen und als Muttersprachler vielleicht gar nicht verstehen, was der Staat von uns will, weil es so kompliziert formuliert ist. speaker-1: Ja, man kann vielleicht sagen, dass ... Wenn man das Glück hatte oder die Verantwortung hatte, in seinem Leben an Grundrechten in einer Verfassung mitschreiben zu dürfen, wie die Mütter und Väter des Grundgesetzes es hatten, dann war das natürlich eine Chance, die ganz zentralen und großen Themen sprachlich fassen zu dürfen. Und sie haben sie in gewisser Weise auch abgeräumt, denn der grundlegende Sachverhalt, Punkte, die Sie gerade angesprochen haben, die wirklich gerade in den ersten Artikeln des Grundgesetzes abgehandelt werden, sind so elementar, dass sie von der Sache her auch in einfachen Worten und in kurzen Sätzen dargelegt werden können. Es gab da ja durchaus auch eine Tradition, auf die man sich auch berufen konnte. Also mit der Weimarer Verfassung von 1919 und auch mit der Verfassung von 1848-49, da finden sich ja immer wiederkehrende Formulierungen, die auch teilweise nach und nach sogar noch einfacher geworden sind, auf die Essenz reduziert worden sind. Ja, wenn man heute nun in die hinteren Artikel des Grundgesetzes hineinschaut, da findet man ja teilweise richtig lange Darlegungen, die eigentlich eher in Spezialgesetzen einen Raum haben könnten, wenn es etwa das Verhältnis von gemeinsamen Aufgaben, die Finanzierung gemeinsamer Aufgaben von Bund und Ländern, Exzellenzinitiative, Bund-Länder-Angelegenheiten und so weiter die Rede ist. Endlos lange Artikel sind das am Ende im Grundgesetz. Ich glaube, ich muss man einfach anerkennen, so eine Verfassung, wie sie das Grundgesetz ist, am Anfang aus wenigen klaren Kernüberlegungen heraus entwickelt werden und dann sie nach und nach an die Rechtswirklichkeit, die gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst werden. Das haben wir mit dem Grundgesetz so. Das ist ja auch in der amerikanischen Verfassung so, die einen wirklich zentralen Kern hat, an die eine ganze Reihe von Ergänzungen immer wieder angefügt worden ist, die die tatsächliche Ausformung dieser rechtslichen, grundlegenden Regelungen dann auch überhaupt erst herbeigeführt hat. Ich glaube, ist ein wesentlicher Grund. Ich glaube nicht, dass wir nicht mehr in der Lage sind, solche einfachen Gesetzesformulierungen zu erbringen, sondern dass diese Themen abgeräumt sind und wir bei den schwierigeren und komplexeren angelangt sind. So könnte man es vielleicht sagen. Und auch da sind hin und wieder, glaube ich, auch immer noch so ganz gute Beispiele zu finden, wie etwas doch auch klar formuliert werden kann. Wir haben es heute halt viel mit Fachgesetzgebung zu tun, die nicht für das Verständnis und die Lektüre doch eines jeden Staatsangehörigen so gedacht sind. speaker-0: Aber an der Stelle komme ich natürlich dann auf so Begriffe wie Inklusion und Diversität. Einfache und leichte Sprache sind ja durchaus mittlerweile auch rechtlich verankert, wenn wir an sowas wie das Behindertengleichstellungsgesetz denken. Ich würde aber einen Schritt weiter gehen und sagen, selbst unser politisches System wie Wahlen in Deutschland ablaufen auf den verschiedenen gebietskörperschaftlichen Ebenen. Das ist schon alles hochkompliziert. Und ich habe neulich gerade noch gehört, dass kurz vor Wahlen immer die Informationen leichter Sprache besonders schnell vergriffen sind. Und das hat sicherlich nicht damit zu tun, dass kurz vor Wahlen Menschen schlechter lesen können oder im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetzes adressiert werden, sondern ich glaube, dass ganz viele Menschen es vielleicht auch einfach brauchen, weil unser System so kompliziert ist. Hat das auch mit Sprache zu tun oder würden Sie sagen, das ist eher eine Sache, die dann wirklich originell das Geschäft von uns in der Politikwissenschaft ist? speaker-1: Also ich... speaker-0: mich ja auch kräftig mit beschäftigen, der Wahlforschung, der Politikforschung. speaker-1: Ja, also ich glaube, ganz generell, ist... meine persönliche Meinung, ist die Meinung, ich glaube, ganze Institut, in dem ich hier tätig bin, dass Sprache und sprachliche Verständlichkeit ein ganz wesentliches Element der Demokratie ist. Und dass unser Land, unser Gemeinwesen nur funktionieren kann, wenn eben diese komplexen Verhältnisse, die nun mal leider in einer Demokratie immer wieder aufkommen, Wahlverfahren, Repräsentanz, Gewaltenteilung die Regeln, die das organisieren, wenn dieses doch in einer Form vermittelt wird, dass es verständlich ist und bleibt. Und das geht runter bis auch auf die einfachen, was was ich Behörden briefe, mit denen wir uns auch hier tatsächlich befassen und deren Verständlichkeit uns anschauen und auch Behörden, wie zum Beispiel die ganzen Finanzministerien in Deutschland auf Bund- und Länderebene beraten, mit was für Arten von Formulierungen sie so etwas doch auch verständlicher machen können, mit was für eine Grundhaltung beim Schreiben und formulieren sie das auch noch besser hinbekommen können. Und das ist ein Aspekt, wahrscheinlich in die Richtung oder der Grund dafür ist. von dem Phänomen, das Sie gerade beschrieben haben, nämlich dass vor Wahlen diese Informationen leichter Sprache doch so nachgefragt sind. Einige Parteien bieten ja auch Wahlprogramme in leichter Sprache an. Es gibt das deutsche Grundgesetz in leichter Sprache. Es gibt Beschreibungen der Institutionen in unserem Land in einfacher Sprache. Es gibt ja sogar eine gesetzliche Verpflichtung dafür, dieses auch vorzuhalten. Und die doch Intensität. und Häufigkeit, in der das nachgefragt wird, spricht doch sehr dafür, dass dieses Instrument Verständlichkeit herzustellen, oftmals auch kritisiert wird, etwas, das Komplexität zu stark reduzieren mag, doch auch etwas ist, was genau an dieser Stelle wirklich weiterhilft. Und davon bin ich eigentlich auch überzeugt, dass es ein weiterer Weg ist, Verständlichkeit herzustellen und politische Willensbildung damit tatsächlich auch überhaupt erst zu ermöglichen und vielleicht auch zu immunisieren gegen eben Äußerungen und politische Einflussnahme. die einfach zu simpel strukturiert sind, als dass man eigentlich darauf reinfallen sollte. speaker-0: Und jetzt gibt es aber trotzdem auch Konflikte. So ein Beispiel, was wahrscheinlich alle Zuhörerinnen und Zuhörer auch kennen und wo es sofort Klick macht, ist gendern. So, das wird ja aufgeladen ohne Ende und ich frage mich, ob das identitätspolitische Kämpfe wirklich sind wegen der Sprache und ob uns das als Gesellschaft eigentlich weiterbringt oder ob es uns nicht viel mehr zurückführt. wenn wir uns daran immer festhalten. Oder wird es uns vielleicht eben genau, wie Sie es am Anfang oder früher im Gespräch gesagt haben, möglicherweise genau von Parteien an den Rändern aufoktroyiert und wir reiben uns daran, obwohl wir eigentlich vielleicht gesellschaftlich schon viel weiter sind. So ist manchmal meine Wahrnehmung. speaker-1: Ja. Es sind auf alle Fälle mehrere Ebenen, hier immer ineinandergreifen und manchmal auch in den Auseinandersetzungen dazu sich kaum trennen lassen. Es wird auf der einen Ebene argumentiert, zum Beispiel identitätspolitisch und auf der anderen Ebene geantwortet, dass das doch ganz hässlich sei oder andersrum. Ich glaube, es ist wichtig, diese Ebenen zunächst einmal auseinanderzuhalten. Man kann durchaus sagen, dass man vielleicht die sprachlichen Formen irgendwie schwierig und hässlich oder wie auch immer findet. aber auf der anderen Seite sagen, dass man das Anliegen für richtig hält, aber vielleicht nicht in dieser Form. Das wäre ja eine Position, über die man diskutieren kann. Und dann funkt in eine solche Mehr-Ebenen-Diskussion eben noch die, ja ich will mal sagen, auch Instrumentalisierung dieses Themas mit hinein. Die Instrumentalisierung etwa, wenn eine Thematik wie das Gendern zugleich, sagen wir mal, familienpolitisch aufgeladen wird, wofür die AfD tatsächlich auch immer wieder Beispiele gebracht hat, weil sie denn das mit allgemeinen familienpolitischen Positionen in Verbindung bringt, die der eigentlich ja nicht unmittelbar drin stecken. Oder auch auf der anderen Seite sagen wir mal die doch stark überzogenen Positionen, die dann auch eben viele Menschen, die damit konfrontiert werden, irgendwie in einer Weise zurück lässt, dass die das Gefühl haben, sie das Gefühl haben, hier in eine Ecke gestellt zu werden, in der sie sich gar nicht auffinden lassen wollen, nämlich als Reaktionär oder womöglich rechts und so weiter. All das ist extrem ungut und das zeigt eigentlich nur, dass das ein wirklich höchst aufgeladenes Triggerthema ist, das auch immer wieder mit neuen Aspekten so in die Diskussion gebracht wird. ich glaube nur, entweder durch wirklich Präzision in dem, was denn der Punkt ist, der einen an dieser Stelle interessiert, gelöst werden kann, Präzision und Information zu den Aspekten, die da zusammenlaufen und auf der anderen Seite auch wahrscheinlich durch so eine gewisse Abnutzung dieses Themas eben gerade aus einem Grund, wie Sie es angesprochen haben, dass wir ja in vielerlei Hinsicht doch auch mit dieser Thematik wohl vertraut sind und irgendwie eine, sagen wir mal, doch auch sehr inklusive Sichtweise auf Gleichstellungsfragen im großen Teil der Bevölkerung jedenfalls haben. ist sozusagen so eine Tendenz, in der wir uns da befinden. In der Bundeszentrale für politische Bildung, da erscheint in dieser Zeit durchaus ein interessantes Sammelwerk, wo genau solche Ordnungen auf eine sehr differenzierte Art und Weise vorgenommen werden. Und das sind, glaube ich, die Informationen, die wir brauchen. Wir haben, glaube ich, Meinung dazu gehört. Und jetzt kommt es wirklich darauf an, Informationen präziser Art, die aber auch gut vermittelt wird, vorzulegen. Und das scheint mir jetzt auch häufiger der Fall zu sein. speaker-0: Sie haben in Ihrem Buch einen interessanten, vielleicht komplett neuen Begriff, das weiß ich historisch betrachtet gar nicht, nämlich der Diskursgemeinschaft vorgeschlagen. Das klingt für mich erstmal sehr voraussetzungsvoll, vielleicht sogar wieder ein bisschen exklusiv. Also wie ist eine gemeinsame Diskursgemeinschaft zum Beispiel auf europäischer Ebene mit 24 Amtssprachen? überhaupt möglich oder ist es so gar nicht gemeint, dass es sich auf andere Länder vielleicht auch bezieht, sondern geht es vielleicht ja auch so im Generationenssinn so was wie ja Jugend debattiert wäre so was, was jetzt dieser Tage 25 jähriges Jubiläum feiert. Bei uns gibt es Europa, EU debattiert als Debattenformate. Aber auch da, es gibt ja diese verschiedenen Ebenen, unterschiedliche Nationalitäten, Generationen habe ich schon angesprochen mit verschiedenen Peer Group Sprachen, intellektuelle Kompetenzunterschiede in der Sprache, Dialekte vielleicht auch, regionale Unterschiede, wo man sich dann missverstehen kann oder schlicht nicht versteht. Deswegen, wie meinen Sie das mit der Diskursgemeinschaft? Wie weit kann oder sollte das gehen aus Ihrer Perspektive? speaker-1: Also ich habe es zuerst einmal gemeint in einem ganz konkreten Sinne dessen auch was zu beobachten ist. Wenn man sich anschaut wie die medialen Diskussionen in digitalen Medien, im audiovisuellen Medien, im Fernsehen und so weiter stattfinden, ist es ja ganz interessant, dass diese Diskussionen, dieser Diskurs sich immer noch eigentlich in nationalen Grenzen entfaltet. ein ganz kurioses Phänomen. diskutieren beispielsweise alleine schon mal nicht oder wenig über die Landesgrenze nach Österreich hinweg. Wir wissen doch gar nicht so ganz genau, üblicherweise zumindest, was aktuell in Österreich innenpolitisch beispielsweise heiß diskutiert wird oder in der Schweiz, in der Deutschschweiz von mir aus. Und das zeigt, dass wir auch, obwohl es keine Sprachgrenze oder keine große Sprachgrenze gibt, wir immer noch in Landesgrenzen unseren Diskurs führen. Das ist eine interessante ist sehr Phänomen. Der hat was mit der medialen Struktur zu tun, dass die immer noch national geprägt sind. Das hat wahrscheinlich was mit der Gesetzgebung zu tun. Das hat etwas mit dem politischen System zu tun und den Partizipationsweisen. Und das ist zunächst einmal das, was Diskursgemeinschaft gemeint ist. Es ist nicht alleine rein sprachlich. sondern es ist die Möglichkeit an einem solchen Diskurs teilzunehmen, ob man nun, anders als das im 19. Jahrhundert gewollt und behauptet worden ist, echt nur dazu gehört, wenn man diese Sprache als Muttersprache beherrscht. Nein, auch wenn man sie als Fremdsprache gelernt hat und vielleicht auch nur unvollkommen beherrscht, ist man Teil einer solchen Diskursgemeinschaft. Und das ist etwas, glaube ich, worauf wir uns besinnen können, so bisschen im Sinne vielleicht von Habermas, eine Spur. Foucault mag da auch drin sein. aber ich habe mir das eigentlich sehr sehr konkret vorgestellt und glaube, dass dieses auch etwas ist, was wir einfach auch so selbstverständlich voraussetzen. und immer noch voraussetzen, ohne dass wir eigentlich groß uns darüber Gedanken machen. Auf der Ebene der EU ist es natürlich wesentlich schwieriger. Da ist ja immer wieder versucht worden, solchen europaweiten Diskursraum auch herzustellen. Das gelingt vielleicht in bestimmten Gruppen der Bevölkerung und vielleicht auch in Hinsicht auf bestimmte Themen und Anliegen, aber in gleicher über die vielen Sprachgrenzen hinweg ist das eigentlich nicht möglich. Da braucht man ja eigentlich sogar auch nur nach Belgien oder in die Schweiz zu schauen. Auch in diesen Ländern müht man sich sehr ab einen sprachübergreifenden Diskursraum zu schaffen, weil doch die Sprachgrenzen selbst innerhalb dieser Länder als nicht ganz niedrig angesehen werden. Das einzige Land, das ich hier in unserer näheren Umgebung kenne, bei dem das wirklich funktioniert, ist Luxemburg, wo tatsächlich ein Wechsel zwischen drei Sprachen wirklich bei jedem Einwohner von Luxemburg möglich ist. Meistens kommt Englisch noch als vierte hinzu und vielleicht die Herkunftssprache Portugiesisch oder eine andere als fünfte. Ich war gerade vor zwei Wochen dort und habe eine Veranstaltung mitgemacht. Das war hoch beeindruckend, wie die Luxemburgerinnen und Luxemburger zwischen diesen Sprachen hin und her springen und tatsächlich auch ihre Schulausbildung nach und nach in allen diesen Sprachen durchlaufen haben, sodass sie also nicht irgendwie geografisch dort verteilt sind, auch noch nicht sozial oder auf unterschiedlichem Bildungsniveau. Sie sind wirklich buchstäblich bei allen vorhanden. Und das ist etwas, da kann man die Vorstellung gewinnen, dass vielleicht auch das eine Vision für Europa sein könnte, dass mit einigen ausgewählten Sprachen, die aber denn wirklich verankert sind über die Schulsysteme in allen europäischen oder EU-Ländern, eine solche echte mehrsprachige, funktionale Mehrsprache auch hier gestellt wird, mit der wir dann auch innerhalb von Europa einen echten gemeinsamen Diskursraum aufbauen können und eine Diskursgemeinschaft auch darstellen. speaker-0: Ich bedanke mich ganz herzlich, dass dieses letzte Konzept der Diskursgemeinschaften kann man wunderbar in ihrem Buch nachlesen. Es erscheint wie gesagt voraussichtlich im März 2027 im Campus Verlag Staat und Sprache hochspannend. Ganz herzlichen Dank, Herr Professor Lubin. Vielen Dank fürs Zuhören. Und wenn Sie eigene Themenwünsche haben oder uns einen Gast vorschlagen möchten im politischen Pausen Podcast, dann schreiben Sie uns jederzeit gerne an. politischepause.at outlook.de. freuen uns auf Gedanken, Feedback und natürlich bis zur nächsten Folge. Vielen Dank. Tschüss.