Latest / recht:zeitig / Meinungsfreiheit unter Druck? Ronen Steinke über die (strafrechtlich) verengten Grenzen des Sagbaren
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- 0:11Herzlich willkommen, Sie haben rechtzeitig eingeschaltet.
- 0:15Ich bin Charlotte Schmitt-Leonardy und spreche heute mit Ronen Steinke über Meinungsfreiheit.
- 0:21Herr Steinke, wie schön, dass Sie da sind.
- 0:23Danke für die Einladung.
- 0:24Bevor ich mit Ihnen tiefer in das Thema einsteige, möchte ich Sie kurz vorstellen.
- 0:28Sie sind Journalist, nämlich leitender Redakteur im Politikressort der Süddeutschen Zeitung.
- 0:35Aber zum Journalismus kamen Sie über die Rechtswissenschaften.
- 0:39Sie haben Jura studiert, unter anderem an der Bucerius Law School in Hamburg und zu einem völkerstrafrechtlichen Thema promoviert und sind jetzt Lehrbeauftragter an meiner akademischen Heimstätte an der Goethe-Universität.
- 0:53in Frankfurt.
- 0:54Das fand ich besonders schön.
- 0:55Sie haben in den letzten Jahren neben zahlreichen Artikeln auch Bücher geschrieben, wie eine hervorragende Biografie über Fritz Bauer, ein Buch zum Verfassungsschutz und nun auch zur Meinungsfreiheit.
- 1:08Das ist ihr jüngstes Buch, das gerade für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert wurde.
- 1:13Das ist ein wirklich großer Erfolg und das klingt wie eigentlich Lebensläufe im Allgemeinen nach einem sehr glatten geradlinigen, sehr glänzenden Weg, Berufsweg, gab es da auch, das fragen wir alle unsere Gäste, ein Scheitern, ein Umweg, für den sie vielleicht heute besonders dankbar sind.
- 1:38hatte nicht die ausreichenden Noten, mein eigentlich Wunschfach zu studieren, wenn ich Politikwissenschaft gewesen wäre.
- 1:45Da bin ich sehr dankbar dafür, dass mir das erspart geblieben ist und ich stattdessen dann die zweite Wahl, nämlich Jura, genommen habe, was am Ende dann wirklich ein großes Glück meines Lebens war, glaube ich.
- 1:55Und es hat dann aber auch wirklich was nicht Zufälliges, dass sie im Politikressort der Süddeutschen hat gar nicht zufällig.
- 2:01Genau, also ich habe eigentlich die Motivation gehabt, mich mit Politik zu befassen, vielleicht auch ein bisschen die Welt zu verändern, wenn man so pathetisch sein darf.
- 2:10Das hat mich so hingetragen zum Jurastudium.
- 2:13Wie gesagt, bisschen über Umwege, aber das war eigentlich von Beginn an die Motivation.
- 2:17Es gibt ja andere, die kommen aus ganz anderen Motiven zur Juristerei, weiß ich, für Wirtschaft interessieren oder für organisieren und solche Dinge.
- 2:25Bei mir war es wirklich das, dass Thema der Gerechtigkeit und des Zusammenlebens in einer Gesellschaft, der Politik.
- 2:34Und deswegen, das wäre wirklich ein Wunder gewesen, wenn ich dann nicht im Politikrestaurant Ende gelang.
- 2:39Aber das hat dann manchmal auch was Strukturierendes.
- 2:42Das ist eine Frage, die ich mir oft selbst gestellt habe.
- 2:45Ich hatte über Philosophie und Politik auch nachgedacht, ob ich nicht ich jedenfalls ins Labern gekommen wäre, wenn nicht das Jurastudium so bisschen die Dinge strukturiert hätte und Argumente auch bisschen differenzierter abschichtet.
- 2:56Nicht, unsere Freunde aus dem Politikwissenschaften das nicht machen, aber mir wäre es so gegangen.
- 3:00man auf jeden Fall sagen.
- 3:01Also auch die Gerüsterei ist nicht frei von einfach viele Worte In der Tat.
- 3:06Aber ich glaube, dieses sehr Konkrete, also diese Partie wie so ein Handwerk, das ist schon gut, weil am Ende das ist, wie es gemacht wird.
- 3:17da kann man dann trotzdem noch in der Abstattungsebene drüber labern und reflektieren.
- 3:21Genau.
- 3:21Aber das einmal mal gesehen zu haben und auch zu verstehen, das ist, ich, sinnvoll.
- 3:25Ja, das ist auch so ein bisschen das Anliegen, das hinter diesem Podcast steckt und hinter den Themen, die wir ansprechen und Meinungsfreiheit.
- 3:36Sie sind unsere erste Folge.
- 3:37Sie waren mein erster Wunschgast.
- 3:39Das ist kein Zufall, dass wir uns genau in diesem Thema treffen und ringen die Grenzen der Meinungsfreiheit.
- 3:46Und da will ich auch gleich reinspringen in Ihrem Vorwort, lieber Herr Steinke.
- 3:50Eröffnen Sie fast unmittelbar mit einem Verweis auf J.D.
- 3:54Vance, der auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor einem Jahr sagte, ich zitiere, die Demokratie beruht auf einem heiligen Prinzip, dass die Stimme der Menschen ein Gewicht hat.
- 4:06Und dieses heilige Prinzip sieht er bei uns bedroht.
- 4:10Jetzt finde ich es persönlich immer gut, sich in Frage zu stellen und sich ein bisschen mit Blicken von außen zu konfrontieren.
- 4:16Fällt mir jetzt vielleicht mit dem Blick von JD Vans, also das Ausgerechnete.
- 4:21das denn?
- 4:21Aha, Sie Vorbehalte etwa?
- 4:24ich muss zugeben, ich also ihn sozusagen, mich von ihm belehren zu lassen über Demokratie, aber er hat ja aus Ihrer Sicht einen Punkt, ne?
- 4:32Welchen Punkt hat er denn?
- 4:34Mir geht es natürlich auch so, J.D.
- 4:35Vance ist der allerletzte, von dem man sich über demokratische Tugenden etwas sagen lassen möchte.
- 4:39J.D.
- 4:39Vance, der in seinem eigenen Land Journalisten mobbt, weil sie irgendwie diesen Quatsch mit The Gulf of America nicht mitmachen wollen.
- 4:47Die Liste der Brüche mit liberalen Werten ist lang im Weißen Haus, aber ...
- 4:54Es ist schon was dran und es ist nicht etwas, nur Rechtspopulisten in den USA auffällt, sondern was auch Linksliberalen in den USA auffällt, wenn sie über den Atlantik blicken, dass wir uns ganz schön schnell gewöhnt haben hierzulande daran, dass es Razzien gibt.
- 5:06Morgens sechs steht die Polizei vor der Tür.
- 5:08Police Raids heißt es dann in den New York Times wegen ...
- 5:12Frechen Äußerungen.
- 5:13Also mit Worten kann man ja auch Morde androhen.
- 5:17Das ist nicht das, worüber ich finde, wir diskutieren müssen.
- 5:20Das ist nämlich vollkommen klar, dass man Morddrohungen oder andere Gewaltdrohungen verfolgt.
- 5:24ist USA auch nicht anders.
- 5:27Aber wegen frechen, provokanten, politischen Äußerungen.
- 5:30Der Präsident ist ein Volldepp.
- 5:33Der Kanzler ist ein Pinocchio.
- 5:37Der Vizekanzler ist ein Schwachkopf.
- 5:40Das sind Beispiele, die sind Das lächerlich, das sind Worte, die sind so niedlich eigentlich.
- 5:44Also die Schulhöfe, auf denen ich so unterwegs war, da war keine Schlägerei mit Start mit Schwachkopf.
- 5:51Und trotzdem, das genügt in diesem Land im Jahr 2024, dieser Razzia, dass da die Polizei morgens kommt.
- 5:59Und das ist eigentlich etwas, wo ich finde, das sollten wir uns reservieren, also diesen Umgang mit Menschen für wirkliche Verbrechen.
- 6:06Das ist im Grunde auch schon ein ganz guter Thread für die folgenden halben, dreiviertel Stunden, die wir vor uns haben.
- 6:15Sie haben in Ihrer Antwort schon drin gehabt, na ja, aber natürlich mit Worten kann man auch Gewalt androhen und das ist nicht das, was Sie meinen.
- 6:21Und das ist eine Unterscheidung, die wichtig ist und auf die wir zurückkommen werden.
- 6:26Vielleicht ist das aber auch guter Startpunkt.
- 6:28Was ist denn das, worüber wir sprechen und das, was wir schützen wollen, was Sie in Ihrem Titel erstmal drin haben, Meinungsfreiheit in ihrem Untertitel, schränken sie es ein Stück weit ein auf diese strafrechtliche Verengung.
- 6:41Aber was ist das, was Sie hier ins Zentrum stellen?
- 6:45Sie schreiben auf Seite 30 von der Amnesty International Kampagne, eine super Kampagne, die aber den Slogan hatte, Rassismus ist keine Meinung.
- 6:53Und das ist ja jetzt was, was man ziemlich oft hört, Antisemitismus ist auch keine Meinung und so weiter.
- 6:57Oder ist das eine Meinung?
- 6:58Wie definieren Sie eigentlich Ihren Ausgangspunkt?
- 7:03Definitiv ist Antisemitismus eine Meinung und es ist sogar eine leider weit verbreitete.
- 7:08Genauso wie Rassismus, wie Sexismus, wie viele andere Dinge.
- 7:11Ich verstehe natürlich schon, wenn man das als Slogan sagt, hast es keine Meinung, damit ist ja gemeint, dass man das für eine empörende Haltung hält und von der man es distanzieren möchte.
- 7:21wenn man das mal so als ein Nüchterner sieht, wir sollten nicht dem Irrtum erliegen, dass es sinnvoll wäre, diese Dinge auszuschließen aus dem Schutzbereich der Meinungsfreiheit.
- 7:31Die Idee von Meinungsfreiheit ist, dass wir ein Gespräch haben wollen.
- 7:35Die Idee ist nicht, dass nur die netten und die klugen reden.
- 7:37nur die guten Meinungen vielleicht für nett halten, was ja auch nochmal eine Frage der Ansicht ist, sondern die Idee ist, dass ja alle miteinander reden.
- 7:47oh was in Ihrem Kopf ist, im Grunde, was als Hass oder Antisemitismus, Sexismus eben irgendwie Ausdruck verlangt, dass auch das aus Ihrer Sicht in diesem Bereich der Meinungsfreiheit unbedingt gelingt.
- 8:01das ist, so weit beschreibe ich erstmal unsere gegenglätte Gerechtislage.
- 8:05Antisemitische Dinge zu äußern auf Bühnen, in Büchern ist legal.
- 8:10Ich bin der Erste, dann aufspringt und widerspricht und das outcallt, aber es ist legal.
- 8:16Genauso ist Rassismus.
- 8:17Also fragen wir mal Herrn Sarrazin, wie viele Millionen Bücher damit verkauft sind.
- 8:21Also es ist derzeit nicht verboten.
- 8:23Und ich glaube, da steckt auch eine Weisheit unseres Grundgesetzes darin, dass es nicht klug wäre, das verbieten zu wollen.
- 8:28weil wir haben noch alle etwas davon, dass die Dinge in die frische Luft kommen, dass man weiß, wer wie tickt, dass man dann sich überlegen kann, ob man Herrn Sarrazin noch so gut findet oder nicht.
- 8:37Und andere, oder Lisa Eckhart, die Komikerin, die da antisemitische Jokes macht.
- 8:42Und auch im eigenen Umfeld, dass man weiß, wer wie tickt, wo es Probleme gibt, wo man dringend mal ein Gespräch führen muss.
- 8:49Das ist erstmal ein weiterer Ausgangspunkt, den ich vollkommen teile und Sie stehen dann auf dem Standpunkt, dass der erlaubte Korridor für Meinungen, zu denen Meinungen zählt alles, was wir beschreiben hier, dass der erlaubte Korridor für Meinungen in Deutschland in den letzten Jahren deutlich enger geworden ist.
- 9:07Und das will ich mit Ihnen so ein bisschen strukturiert auspacken.
- 9:13Vielleicht als erstes die Verengung die so bisschen dieses Gefühl ist, man darf ja gar nichts mehr sagen.
- 9:21Dann als zweites die Verengung über das Strafrecht, die steht im Zentrum ihres Buches.
- 9:27Und dann vielleicht zum Schluss, ob es doch sinnvoll sein kann, den Meinungskorridor zu verengen, aber vielleicht anders zu verengen.
- 9:36Klingt das noch einen guten Plan?
- 9:37Ich bin dabei.
- 9:39Also zunächst mal zu diesem ersten Punkt, man darf ja gar nichts mehr sagen.
- 9:42Man wird ja direkt gecancelt.
- 9:44Ist das Ein fairer Punkt ist da der Meinungskorridor zu unrecht, zu eng geworden.
- 9:52null Mitleid.
- 9:53Also es ist ein Wehklagen, was man von rechts sehr oft hört, was dann auch medial sehr stark reproduziert wird, was man übrigens aber auch von links hört.
- 10:01Ich kann ja gar nicht mehr Israel kritisieren, ich werde sofort als Antisemit abgestempelt.
- 10:06Sorry, manchmal stimmt es halt.
- 10:08Manchmal stimmt dieser Vorwurf auch.
- 10:09Und es ist also etwas, mit dem man dann leben muss.
- 10:12Auch wenn es nicht stimmt, möchte ich nicht eine staatliche Autorität haben, die entscheidet, wann dieses Etikett antisemitisch, rassistisch, sexistisch, legitim ist und wann nicht.
- 10:22Es ist besser, dass wir in Diskurs unterwegs sind, wo man sich gegenseitig hart die Meinung sagen kann, wo es durchaus auch denkbar ist, dass mal jemand was Rassistisches gesagt hat und das dann auch dementsprechend gespiegelt bekommt.
- 10:33Und es ist überhaupt keine sinnvolle Vorstellung, dass man sich so eine Form von Kritik verbitten könnte, weil sie einem irgendwie zu schmerzhaft erscheint.
- 10:41Das ist ja so ein Satz, den Sie manchmal sagen, ne?
- 10:43Niemand hat das Recht, nicht kritisiert zu werden.
- 10:46alle denken, sie hätten das Recht.
- 10:47ist wirklich erstaunlich.
- 10:48Und das ist nicht eine rechts-links-Sache.
- 10:50Wir haben in den Medien oft überzogen und Fokus auf das Wehklagen vor allem älterer Herren von ...
- 10:58Das ist doch auffällig, ja, die es nicht gewohnt sind biografisch, dass man ihnen so Kontra gibt und die jetzt neuerdings erleben, dass junge Frauen da plötzlich ihnen sagen, sie sollten andere Worte benutzen und das empfinden die dann als eine große Kränkung und als eine ...
- 11:12Das Problem für die Demokratie.
- 11:14Das sehe ich überhaupt nicht als ein Problem für die Demokratie.
- 11:15Im Gegenteil, das ist eher ein Gewinn, dass wir mehr Menschen haben, die sich trauen im Diskurs einander kontraktieren.
- 11:22Ich werde da trotzdem ein bisschen pushen.
- 11:24Darin üben wir uns auch in diesem Podcast.
- 11:26Das ist jedenfalls meine Intention.
- 11:29Die Gegenargumente in meiner Vorstellung, es wird niemanden verwundern, dass wir in vielen Punkten relativ überein liegen, sie und ich, aber dass wir sozusagen diese Gegenargumente noch mal so ein bisschen stärker machen.
- 11:41Und ein Aspekt, den ich doch bemerkenswert fand, also es geht ja hier eigentlich dann eher subjektive Meinungsfreiheit, dieses Gefühl, nichts mehr sagen zu dürfen.
- 11:50Und da hat eine Allensbach-Umfrage neulich ergeben, dass 46 Prozent der Leute das Gefühl haben, das nicht mehr tun zu können.
- 11:59Ist das ein Befund, den wir ernster nehmen sollten aus strategischen Gründen?
- 12:07Also ich erkläre vielleicht auch den Kontext, woher ich komme.
- 12:10habe neulich nochmal das Buch von Loretta Ross in Vorbereitung auf das Gespräch mit Ihnen gesprochen, Calling in.
- 12:16wo sie beschreibt, dass das, passiert, das, Leute als canceln ansehen, so ein Stück weit mit Demütigung verbunden ist der anderen Seite.
- 12:27Sie haben ja eben auch auf die älteren Männer, die es nicht gewohnt sind und gekränkt sind in ihren Gefühlen, dann auch Debatten verhärtet werden dadurch.
- 12:35Also so ein Stück weit diese Ausgrenzung stattfindet, wirklich in diese dialogische Konfrontation zu gehen.
- 12:42Deswegen sie sagt, statt calling out, das ist eine Frau, also sehr in der Bürgerrechtsbewegung, gerade in den 70er Jahren, sehr geprägt wurde in der US-Stadt, dieses calling out weiter zu verfolgen, so eine Art calling in Strategie smarter wäre.
- 12:56Und wir durchaus ernst nehmen sollten, wenn wir Leute, diese vielleicht 46 Prozent, ein Stück weit verlieren aus dem Diskurs.
- 13:04Ist da was dran?
- 13:05Also nur zum Verstehen, also sie möchte vorschlagen, dass man nicht sagt, das war sexistisch, was du da gesagt hast.
- 13:11Ein bisschen weniger hart.
- 13:12Also sie will nicht Verantwortlichkeit abschaffen, sondern eher verändern, wie man die Leute wieder reinholt.
- 13:19Also nicht im Sinne, du hast das gesagt, du bist so, du gehörst zu jener Gruppe oder bist anders als ich, gehörst zu irgendeinem Feindbild, sondern einen smarteren Weg suchen, als diese cancel culture, als die es von manchen empfunden wird.
- 13:35Eine sehr linksprogressive Denkerin.
- 13:38Ich finde das auch erst mal sympathisch.
- 13:40Das ist ja ein taktisches Gedankenspiel, was sie da treibt.
- 13:43Da geht es ja nicht darum, was ist das bessere Argument, sondern was ist das effektivere Argumentationstaktik.
- 13:49Da bin ich sehr dafür offen, dass es manchmal bestimmt besser ist, etwas kühleren Ton anzuschlagen, gerade wenn es hitzig wird.
- 13:57Das führt oft mehr zum Erfolg.
- 13:59Auf der anderen Seite, ich möchte es nicht Leuten verwehren, dass sie auch zuspitzen, weil sie anders gar nicht Gehör finden könnten.
- 14:05Also gerade wenn wir Machtgefälle haben, ja.
- 14:07mächtige Politiker und auf der anderen Seite Bürgerinnen.
- 14:10Ja, also das ist schon legitim, dass man dann versucht, die Dinge so knapp auf den Punkt zu bringen, sei es auf einem Transparent, auf einem Demo-Plakat, oder sei es mit einem Hashtag, dass es irgendwie durchdringt.
- 14:22Und da möchte ich dann schon auch einen Freiraum dafür lassen, dass es dann auch zugespitzt sein darf und dass man auch Sexismus Sexismus nennt.
- 14:28Aber gut, aber der Gedanke, der ist, glaube ich, sehr wert, dass man dem nachgeht.
- 14:33Was ist, in welcher Situation die beste Teil...
- 14:35Und da ist es wieder wie so oft mit komplexen Problemen.
- 14:38Es ist nicht ein entweder oder, es ist ein both and.
- 14:41Also dass man einerseits anerkennt, dass der Diskurs, die zitieren ja auch Cass Sunstein, den ich sehr, sehr liebe, ein amerikanischer, auch Rechtswissenschaftler, eben politisch denkender Mensch, der in seinem Campus Free Speech Buch von 24 eben dieses Maintaining Open Spaces in den Vordergrund stellt.
- 14:59Und das finde ich eben sehr smart.
- 15:01Auch wenn man sehen muss, das wie der Jonathan Hyde in dem Coddling of the American Mind, dass wir manchmal dazu neigen, diesem Open Space so ein Freund-Feind-Denken, ein, wie soll ich sagen, zugespitztes Um des Zuspitzenswillens und vielleicht, und das ist auch eins seiner Argumente, vielleicht in diesem Canceling-affinen Raum manchmal auch so bisschen diese emotionale Reaktion im Vordergrund ist.
- 15:30Ist der was abzugewinnen, so höre ich Sie so ein bisschen oder sollten wir das sozusagen in der Disziplinierung unserer Umgangsform im Diskurs im Blick behalten, dass wir tatsächlich nicht allzu spitz werden, dass wir nicht zu emotionalisiert diskutieren?
- 15:46Ist das ein fairer Punkt?
- 15:48Und ich würde auch dazu raten, wann immer das möglich ist.
- 15:51Ja, also ich erlebe das ja selber.
- 15:53Als Journalist habe ich jetzt nicht das Problem, dass ich keine Plattform hätte.
- 15:55In der Zeitung lesen oder bekommen es jedenfalls viele Menschen geliefert.
- 15:58Ob sie es dann lesen, weiß ich nicht.
- 16:00Und trotzdem überlegt man sich, was ist der richtige Ton, durchzudringen?
- 16:03Und mit welchem Ton wird man einem Thema vielleicht eher gerecht?
- 16:06Und ich erlebe ganz oft, dass der beste Rat ist, sich ein bisschen zu dämpfen.
- 16:11Lieber auf die Macht oder auf die Kraft von Argumenten als auf die Kraft von rhetorischer Feuerwerksabfackelei zu vertrauen.
- 16:20Das ist ein Rat, der allerdings halt leicht gesagt ist, wenn man nicht dafür fürchten muss, dass andere einen übertönen, sondern deswegen ich möchte zugeschienen, es gibt andere Situationen im Leben, wo es halt vielleicht alternativlos ist oder wo es jedenfalls ja sehr, sehr viel auch dafür spricht, laut und zugespitzt und ja auch mal wirklich verdammt sich zu äußern.
- 16:42Also es gibt Positionen, es gibt auch Lebenswerke von Menschen, da ist es auch gerechtfertigt, eine ganz rote Linie zu ziehen und nicht zu werben und nicht zu locken und nicht zu zu schmeicheln.
- 16:54Also deswegen, das möchte ich nicht per se jetzt als irgendwie dumpf oder unterste Schublade abtun, sondern...
- 16:59Bei Ihnen.
- 17:00ist unangenehm, ist auch wirklich eine, glaube ich, ein Gewöhnungsprozess, eine Veränderung, dass man sich vielleicht auch manchmal von Helden verabschieden muss, wenn man entdeckt, dass dahinter, hinter dieser glänzenden Fassade wirklich was anderes war oder dass von bestimmten Verhaltensweisen auch das, ne, das sozusagen der typische weiße ältere Mann, einfach jahrzehntelang auf eine bestimmte Art und Weise, and we love you, da sind tolle Leute dabei, aber der auf jahrzehntelang auf eine bestimmte Art und Weise funktionieren konnte in bestimmten Machtkontexten, in bestimmten Hierarchiekontexten, bestimmten Gesellschafts-Ecken, dass der halt jetzt leider sich umgewöhnen muss.
- 17:38Und das ist ein Prozess und das ist fair.
- 17:41Und es ist manchmal vielleicht ein bisschen hart, sich mit bestimmten Dingen zu konfrontieren.
- 17:45Ja, too bad, ne?
- 17:47Mach mal Beispiel, also wenn wir über Krieg und Frieden sprechen, sei es Ukraine, sei es Nahost.
- 17:53Wenn man über so ein menschliches Drama wie im Gazastreifen spricht, also mich überrascht es nicht, dass Menschen da also sehr, sehr knallig formulieren, vielleicht auch nach den superlativem Suchen geradezu in der Sprache, um ihre Emotionen irgendwie halbwegs abzubilden.
- 18:09Da kann man dann vielleicht, wir beide haben es leicht zu reden, da kann man sagen, ja, du würdest mehr durchdringen wenn, aber wollen wir ernsthaft das den Jemen absprechen?
- 18:17Und wollen wir auch eine Gesellschaft sein, die das nicht packt?
- 18:21Da uh muss Raum für sein.
- 18:22deswegen, beide hier als JuristInnen sprechen, ja, wir sollten, glaube ich, nicht so missverstanden oder ich würde ungern so missverstanden werden, als ob ich finde, da sollte man Grenzen ziehen.
- 18:31Nein, das hat alles seinen Platz.
- 18:33Ich würde dafür kämpfen, dass Leute auch Dinge schreien dürfen, die ich nicht heile.
- 18:37Gerade im Thema Nordost fallen mir einige Dinge ein, die ich nicht heile, wo ich aber ganz es wichtig finde.
- 18:41Und ich glaube, es wäre wirklich gefährlich, wenn man da Leuten den Mund verbieten würde, weil es würde nicht dazu führen, dass jemand seine Meinung dann runterdübt.
- 18:48Sehe ich genauso.
- 18:48Ich glaube auch Loretta Ross, die wir eben zitiert hatten, meint das nicht.
- 18:53Sie meinen schon Konfrontation.
- 18:55halt diese Strategiefragen.
- 18:56Aber ich finde das auch noch mal wichtig in diesem ersten Aspekt.
- 19:00Ja, man darf ja gar nichts mehr sagen.
- 19:01Sozusagen nicht automatisch in ein, das ist mir egal, wie du dich fühlst.
- 19:06Das sagen sie ja auch nie.
- 19:07Sondern dass man eben sieht, okay, es gibt Leute, die so empfinden, in manchen Punkten müssen sie halt ein bisschen tougher werden, bisschen dickeres Fell.
- 19:15Das ist schon okay.
- 19:17Manchen Ecken des Diskurses kann es vielleicht smarter sein, sozusagen nicht gleich in diesen Cancel-Mechanismus zufallen, sondern zu schauen, ob ich hier vielleicht einen Plan B oder einen Plan C sozusagen diesen Aspekt der subjektiven Meinungsfreiheit, der, glaube ich, für diese Menschen im Vordergrund steht, ein Stück weit mitzuintegrieren in meine Überlegungen.
- 19:37Also es wäre jetzt mal das, was ich mitnehmen würde.
- 19:40Aber ganz krass geht es dann, und das ist der Schwerpunkt Ihres Buches, Ganz krass ist die Verengung, wenn es dann der Staat ist, mit seiner Strafgewalt und mit der Polizei, die unterstellt ist und die an die Tür klopft und morgens sechs.
- 19:58Und da schreiben sie in ihrem Vorwort, noch nie hat es hierzulande so viele Ermittlungen wegen bloßer Worte gegeben, wegen reiner Äußerungsdelikte.
- 20:08Die Zahlen der Ermittlungen haben sich in diesem Jahrzehnt, je nachdem welchen Tatbestand man ansieht, teils verdreifacht, verfünffacht bei manchen völlig unbekannten Straftaten wie der öffentlichen Billigung von Straftaten sogar verhundertfacht von jährlich knapp 20 auf 2000.
- 20:25Das ist schon krass, was hier passiert.
- 20:28sie nennen Beispiel, das ist auch das Spannende in ihrem Buch.
- 20:33Sie fordern den Leser immer wieder heraus mit kleinen Quiz-Fragen.
- 20:38Ich muss sagen, also da hätte ich an ganz vielen Stellen gar nicht so richtig gelegen.
- 20:43Und das ist mein Beruf.
- 20:45Es ist schon interessant.
- 20:46Also wenn Sie sich schon nicht so recht finden in dem Gestrüpp, würde ich es mal nennen, an neuen Paragrafen oder an Interpretationen von alten Paragrafen, der Beleidigungstatbestand ist das beste Beispiel.
- 20:56Ein Paragraf, der seit 150 Jahren im Strafgesetzbuch steht, ohne Definition, was eigentlich eine Beleidigung ist, wo dann ganz viel Hirnschmalz und Kreativität von Juristinnen und Juristen reingeflossen ist, irgendwie handhabbar zu machen und trotzdem, ja, selbst wenn man Professorin für Strafrecht ist, wenn man all diese Urteile gelesen hat, man sitzt dann davor, vor einem konkreten Sachverhalt und man staunt, wie ein Amtsrichter's entschieden.
- 21:18Ja, dann duscht man sich morgens mit Shampoo Schwarzkopf Professional und liest in ihrem Buch, dass Seite 154 das Robert Habeck in so einer Aktion von einem Mann aus Bayern, jetzt 901 Follower hatte, das...
- 21:36Also ich bin jetzt seit zwölf Sekunden bei Instagram insofern nicht vergleichbar auf Druck meines Umfelds, aber 901 klingt jetzt...
- 21:44Noch nicht riesig.
- 21:45Für mich ist es noch ein Ziel, aber nicht riesig.
- 21:48Und der schreibt Schwachkopf Professional mit einem Bild von Robert Habeck.
- 21:53Wie ging das dann weiter?
- 21:55tatsächlich die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss des örtlichen Amtsgerichts in der Hand morgens 6 und forderte diesen Herren auf, entweder sie geben uns jetzt ihr Handy und ihr Tablet oder wir gehen da rein und holen uns das.
- 22:07So und das ist ja nicht eine nette Einladung zum Gespräch, sondern diese Herren haben eine Schusswaffe am Gürtel und die machen Ansagen.
- 22:15Das ist ein Erlebnis, was in dem Moment wirklich hart ist.
- 22:19ist ein harter, harter Grundrechtseingriff.
- 22:20Das dürfen wir nicht vergessen.
- 22:21Es geht hier ums Private.
- 22:23Nicht nur, dass man da morgens 6 Also wirklich in einem Zustand, erwischt wird, der nicht für die Öffentlichkeit...
- 22:28Im Schlafanzug, total überrascht.
- 22:31Und das ist auch ein Punkt, den Sie immer wieder machen und den ich sehr berechtigt finde.
- 22:35Wenn Sie den Mann gefragt hätten, warum kommt denn die Polizei, warum klopften die, dann hätte er wahrscheinlich gar nicht gewusst, oder?
- 22:43habe mir Account, als das dann geschehen ist, mal länger angeschaut und da gibt es ganz viele Posts, die er so über die Zeit abgesetzt hat.
- 22:51Die spöttisch sind auch gegen die SPD, gegen die Grünen, gegen verschiedene politische Richtungen.
- 22:56Das ist gar nicht so festgelegt, jetzt nur auf einen.
- 22:59Und also, wenn man mich jetzt gefragt hätte, rate mal welche von diesen 50 Posts ist der gewesen, der strafrechtlich das Maß zu überlaufen bringt?
- 23:07Am allerwenigsten hätte ich gedacht, bei dem Wort Schwachkopf.
- 23:10Bezogen auf einen dämlich grinsenden Robert Habeck, dass da schon das Strafrecht greift.
- 23:16So und ich bin jetzt kein Professor wie sie, aber ich bin ja auch irgendwie einigermaßen rechtskundig.
- 23:21Und dass wir da so ahnungslos oder so staunend davor stehen.
- 23:24Also ich habe mal was gelernt vom Bestimmtheitsgebot im Strafrecht.
- 23:27Das scheint mir hier überhaupt nicht gewahr zu sein.
- 23:29Das halten wir hoch, wir aus der Wissenschaft, jedenfalls die meisten von uns.
- 23:34ist aber in der Tatenpunkt, den wir immer wieder machen müssen, dass tatsächlich Strafgesetze so formuliert sein sollten, dass der Strafrechtsadressat auch weiß, was verboten ist und nicht im Wagen bleibt.
- 23:47Und das hat mit all den Aspekten zu tun, die sie nennen, aber um gleich auch sozusagen das mitzunehmen, wenn Sie an den Schwachkopf denken, März, wo da das Pinocchio bezeichnet auch.
- 23:58Dazu gab es ein Ermittlungsverfahren, das eingestellt wurde.
- 24:01Da man ja denken, naja gut, die Leute sind ja jetzt nicht irgendwie im Gefängnis und das wird ja dann irgendwie eingestellt und na gut, dann klopft die Polizei.
- 24:09So ist es.
- 24:10Schatz, hast du gesehen, ist Post für dich da von der Kriminalpolizei.
- 24:13Um was geht es denn da?
- 24:14Ja.
- 24:14Es sind doch Situationen, in die möchte man nicht kommen, nur weil man mal bisschen gesagt hat, was man denkt über eine Politikerin.
- 24:19So Ermittlungsverfahren ist jetzt auch nicht in irgendwie zwei Tagen vorbei.
- 24:23Das dauert ja eine Weile.
- 24:27Man muss sich verteidigen, man muss vielleicht investieren in einen Strafverteidiger und das führt zu etwas, das wir als Chilling Effects bezeichnen.
- 24:36Das heißt, wenn ich sehe, dass mein Nachbar Rudi irgendwie, weil er Schwachkopf unter so einem Post geschrieben hat oder Merz als Pinocchio bezeichnet, weil er gelogen hat, dann werde ich mir das vielleicht noch mal überlegen, ob ich tatsächlich das äußere.
- 24:48Sind Sie besorgt, wenn Sie das sehen, diesen Trend?
- 24:50Ja, und ich möchte nicht in Abrede stellen, dass der Trend aus guten Absichten geboren wurde.
- 24:55Denn es gibt auch den Chilling-Effekt, dass Politikerinnen und Politiker gar nicht mehr diesen Beruf oder dieses Amt irgendwie anstreben wollen, weil sie sagen, da werde ich doch nur vollgekübelt mit Hass und warum tue ich mir das überhaupt an.
- 25:08Oder ich nehme keine kontroversen Positionen ein, dieses Jahr habe ich da nicht mehr die Nerven.
- 25:12Das ganz wichtiger Punkt, dass Sie das sagen.
- 25:15Dieser fürsorgliche Gedanke steht ja am Anfang dessen, dass wir, und da schließe ich mich selber ein, ich habe jahrelang auch dafür plädiert auf den Seiten unserer Zeitung, dass wir als Gesellschaft, als Staat sensibler werden müssen für die schädigende Wirkung von Hate Speech.
- 25:28Also beschimpfen kann ein Mensch ein Mürbe machen und auch aus dem Diskurs vertreiben, selbst wenn es strafrechtlich noch nicht relevant ist.
- 25:36Also wenn ich einmal gesagt bekomme, du bist doch dumm, okay.
- 25:39Aber wenn ich es jeden Tag auf allen Kanälen gesagt bekomme, vielleicht suche ich mir dann einen neuen Job.
- 25:43Dieser Chilling-Effekt ist auch real.
- 25:46das, was Sie zu Recht gerade hervorgehoben haben, ist eben auch real.
- 25:50Und ich glaube, dass wir das oft übersehen haben in letzten Jahren.
- 25:54Dass Bürgerinnen und Bürger vielleicht oft etwas ungehobelt und deswegen dann kriegen sie nicht so wahnsinnig gute Presse.
- 26:01Ihre Wut äußern gegenüber Politikerinnen und Politikern, auch in der Corona-Zeit war das sehr verbreitet.
- 26:07Dass man ein bisschen übersieht, dass da sich Menschen auch zurückziehen.
- 26:12wir das doch noch ein bisschen weiter aus.
- 26:15Denn das, worum es hier geht, wenn März als Pinocchio bezeichnet wird oder eben Robert Habeck, ist im Grunde oft mit Machtkritik verbunden.
- 26:27Hat das für Sie eine andere Qualität?
- 26:29Also auch das finde ich noch mal einen sehr wichtigen Punkt.
- 26:32erinnere mich, vor zwei Monaten war der Strafverteidiger-Innen-Tag in Köln.
- 26:36Da haben Gabriele Rittig und Hans Zippert von der Titanic berichtet.
- 26:42Und es war großartig, was sie da an Beispielen gebracht hat.
- 26:45Spielt Jesus noch eine Rolle oder Papst Benedikt mit diesem Urinfleck, ne?
- 26:50irgendwie die undichte Stelle.
- 26:52Genau.
- 26:53Und da war im Übrigen sehr Helmut Kohl und ich glaube, Angela Merkel auch.
- 26:58Das war nicht so.
- 27:00Da waren die unempfindlicher.
- 27:02Wo sehen Sie da den Unterschied zu heute?
- 27:07Und was sozusagen sind Ihre Schlussfolgerungen?
- 27:10Ja, also Gabriele Rittig, die langjährige Hausanwältin der Satire-Zart-Titanik, hat da die Theorie, dass Konservative interessanterweise mehr Humor verstehen als Linke.
- 27:20Roland Koch, der langjährige CDU-Ministerpräsident von Hessen, wurde als Hessen-Hitler routinemäßig bezeichnet.
- 27:26gibt ein Titelbild, eine historische Titanik, wo er so bisschen unvorteilhaft abgebildet ist.
- 27:31Und dann steht da als Überschrift, Klondebatte, wann beginnt menschliches Leben, also oder Gendebatte.
- 27:37Also, und da gab es nie Anzeigen hingegen, Kurt Baeck.
- 27:40oder andere SPD-Politiker haben ganz schnell nach der Staatsanwaltschaft gerufen.
- 27:43Also das kann schon sein, dass da bisschen was an Dickfälligkeit oder an Satire-Wertschätzung verloren gegangen ist.
- 27:51Ich würde aber sagen, es müsste uns doch eigentlich egal sein, ob der Mensch den Spaß versteht oder nicht.
- 27:56Weil sie sagen, Machtkritik, ich glaube, das ist das entscheidende Wort.
- 27:59Die Meinungsfreiheit ist erfunden worden, naja, erkämpft worden, besser gesagt, für Machtkritik.
- 28:05Die ist nicht erkämpft worden dafür, dass ich in der Zeitung schreiben kann, diese Gesundheitsreform ist eine gute Gesundheitsreform, weil das würde mir keiner verbieten von den Mächtigen.
- 28:14Die ist für den Moment erfunden worden, wo ich schreibe, diese Gesundheitsreform ist ein Skandal.
- 28:20Da brauche ich Schutz.
- 28:21Und da brauche ich ein Grundrecht, das mich berufen kann, damit mir da keiner zensierend reingerätscht.
- 28:26Und deswegen muss das auch immer die Frage sein.
- 28:29Also haben wir eine Situation, in der harte Kritik, ob berechtigt oder unberechtigt, mag jeder für selber beurteilen, Angstfrei geäußert werden kann und ich fürchte, dass kann man nicht mehr so unangeschränkt mit Ja beantworten.
- 28:40In der Tat.
- 28:40Also das finde ich ist ein Punkt, man wirklich stark machen sollte, dass Machtkritik hier an vielen oder so scheint die Entwicklung der letzten zehn Jahre, korrigieren sie mich, 15 Jahre zu sein, wiederum durch Mittel des Staates, nämlich durch das Strafrecht adressiert wird.
- 28:57Und das halte ich für sehr, sehr problematisch, wenn es auch Satire, das sind ja Gespräche, die wir ein bisschen breiter machen können, auch wenn es Sie wissen, ich bin Französin, dieser Tierezeitschrift, Charlie Hebdo zum Beispiel, auch sehr kritisiert worden für bestimmte Karikaturen.
- 29:13Sehen Sie da oder beziehungsweise ich mache mal ein Angebot, ich sehe da einen Negativtrend.
- 29:20Ich sehe ihn zum Beispiel in meiner eigenen, in meiner Strafrechtswissenschaft, im Moment in der STPU-Reform.
- 29:25Da wird im Kontext Justizkritik überlegt.
- 29:28ob es Content-of-Court-Regelungen geben soll, dass also sozusagen diese Missachtung des Gerichts, so sagt man in den USA, nur von den Anwälten, nicht von den Staatsanwälten jetzt mit Zwangsgeld pönalisiert werden soll oder eben jemand, nehmen wir jetzt mal einen Konservativen wie Herr Merz, der wegen Dingen, die man als Lügen bezeichnen kann, als Pinocchio bezeichnet wird.
- 29:51Ich halte das für extrem problematisch, wenn da das Strafrecht eingekriegt.
- 29:56Ja, sehe ich auch so.
- 30:00das ist auch ein bisschen eine deutsche Angewohnheit.
- 30:01Also wir sind schon immer, seit 1949 jedenfalls, das Land in der westlichen Welt, am meisten vom strafrechtlichen Gebrauch macht, es das Regulieren des Diskurses geht.
- 30:09Also diese Tatbestände wie Volksverhetzung, auch wie Beleidigung, die werden in anderen Ländern mit Interesse beäugt und studiert, weil das gibt es in vielen Ländern gar nicht.
- 30:18Großbritannien beispielsweise, auch die USA haben kein strafrechtliches Verbot von Beleidigungen.
- 30:23Und dieses Mittel, was lange sozusagen in den Büchern stand bei uns, aber nicht so wahnsinnig viel genutzt wurde, das ist jetzt sozusagen entstaubt und poliert worden und wird jetzt seit ein paar Jahren, ich würde auch sagen seit zehn Jahren, immer stärker genutzt.
- 30:38Das ist so bisschen etwas, wo wir uns selber so suggerieren, das sei ein effektives Mittel.
- 30:43Und immer wenn dann eine neue Entwicklung, die Empörung auslöst, Diskurs auftaucht.
- 30:48Jetzt ein Beispiel ist während der Corona-Zeit Leute, die sich gelbe Sterne basteln und sich als ungeimpft, also so auf eine Stufe mit verfolgten Juden stellen.
- 30:57Dann ist ganz schnell der Ruf zur Hand, naja, da brauchen wir halt eine neue Sterfung des Strafrechts.
- 31:02Als ob das ein Mittel sei, was sich irgendwie bewährt hätte.
- 31:04Es ist immer interessant, wenn so etwas Empörendes, so Welle hochkommt und vielleicht aus Gesetzgeberperspektive so meine Unterstellung, weil dann unter Kosten keine steht.
- 31:15Das Strafrecht kann man verschärfen, beliebig und man hat den Eindruck, man hat das Problem adressiert und muss sozusagen nicht mit sich selbst, mit der Gesellschaft, aber eben auch mit wirklichen Präventionsmitteln in die Tiefe gehen.
- 31:28Hälfte ist es ja auch richtig, also das Strafrecht unterscheidet sich ja von anderen Rechtsgebieten durch seine moralische Aussage.
- 31:35Also es ist ja eine deutliche Aussage des Staates, von uns allen im Namen des Volkes, das ist falsch.
- 31:41Ich bin sogar dabei zu sagen, also Leute, sich selber für sozusagen die Anne Franks halten, nur weil sie eine Maske tragen müssen, das ist falsch, so was zu sagen.
- 31:51ist auch nicht hinaus auch wirklich unmoralisch, so was auf der Straße vor sich her zu tragen.
- 31:57Aber die andere Hälfte ist eben, ist es richtig, dass das der Staat sagt, denn ich bin auch nicht immer der Meinung, dass der Staat da richtig liegt, und ist es richtig da mit scharfen Schwert, mit dem einschneidenden Instrumentarium von Strafe heranzugehen.
- 32:11Das ist glaube ich nicht so.
- 32:12Da bin ich ganz bei Ihnen.
- 32:13Ich muss jetzt gleich wieder einen Punkt finden, wo ich bisschen pushen kann, aber das ist in der Tat genau meine Beobachtung.
- 32:19Das scharfe Schwert, das aber dann mit ganz vagen und weiten Begrifflichkeiten operiert und dann dazu führt, um nochmal an den Mann zu denken, mit dem 901 verloren, dass Ermittlungsverfahren oder Durchsuchungsbeschlüsse möglich sind.
- 32:35Und auch wenn sie dann wieder aufgehoben wird, das ist ja manchmal so ein Gegenargument, naja, dann in nächsten Instanz wird das aufgehoben.
- 32:42Bin ich mir nicht sicher, ob das so ein starkes Gegenargument ist.
- 32:45Erstens, die nächste Instanz ist manchmal die letzte Instanz.
- 32:48Also Sie haben ein Beispiel in Ihrem Buch, es einen, vielleicht erzählen Sie das, wo es einen Strafgefangenen geht, der sich doch durchkämpfen musste bis zum Bundesverfassungsgericht.
- 32:58Wir als Jurakeperten finden das sogar eine sportlich spaßige Angelegenheit, durchzuklären.
- 33:03Aber der Normalmensch hat da Jahre oder jedenfalls Monate lang Angst.
- 33:10Also der war im Gefängnis und die Sozialarbeiterin, die für zuständig ist, hätte ihm eigentlich sein Taschengeld auszahlen müssen, damit er sich seine bescheidenen Zigaretten und Gummibärchen kaufen kann.
- 33:20Wegen eines Computerproblems klappte das aber nicht.
- 33:22Da hat er sich so furchtbar aufgeregt, dass er seine Wut an der Frau ausgelassen hat und sie eine aufgepasst.
- 33:27genannt hat.
- 33:29Ja, also es ist nicht höflich, soll man nicht machen, aber so und dann hat, da gab es eine Strafanzeige und das örtliche, die erste Instanz, die zweite Instanz, die dritte Instanz fanden alle, dieser Mann ist als Beleidiger zu verurteilen.
- 33:44Das wußte ich so zu schätzen, dass Sie auch so ein Beispiel so akzentuieren.
- 33:50Denn gerade da finde ich, also am längeren Hebel könnte doch diese Sozialarbeiterin nicht stehen.
- 33:58Ich meine, er ist literally sozusagen ganz, ganz, ganz unten in der Hierarchiekette in einer, in einem Kontext, in dem literally sie den Schlüssel hat und er eingesperrt ist.
- 34:12doch finden zwei Instanzen gute Argumente, in diesem, wie ich finde, stilosen, aber doch sehr harmlosen Wort, einen Angriffungspunkt für Beleidigung zu finden und erst das Bundesverfassungsgericht rückt das zurecht.
- 34:24Also ich war ganz verblüfft.
- 34:27Wir haben über Machtkritik vorhin gesprochen.
- 34:30Ganz oft habe ich den Eindruck, Machtkritik wird so im Abstrakten immer gelobt.
- 34:33wir sind ein Aber wenn es konkrete Beispiele geht, dann soll Machtkritik bitte aus Lob bestehen.
- 34:41sind erwünscht.
- 34:42Wir uns halt angewöhnen, es Situationen gibt, wo die Leute unzufrieden sind und wo sie auch wirklich wütend sind und das sich dann auch verbal ausdrückt.
- 34:49Und ich finde, das ist ein gutes Zwischenfazit, dass dafür Raum verteidigt werden muss, dass eben da die Leute, die am längeren Hebel sind, das aushalten müssen, insbesondere Politiker auf einer ganz großen Bühne, also da teile ich ihre Kritik.
- 35:05Und auch vielleicht von unserer Seite dann her, dass Bewusstsein gestärkt werden muss, wo denn die Macht liegt und wo sie nicht liegt und dass hier sozusagen ein bisschen Frustrationstoleranz auf der Seite der Kritisierten geübt werden muss.
- 35:18Jetzt wünsche ich aber trotzdem und pushe ein ganz klein bisschen, denn für uns beide ist es immer relativ offensichtlich, dass hier die Polizei, die Sozialarbeiterin der Werder, der Politiker den Staat repräsentieren und mehr Macht haben.
- 35:35Ich war letzte Woche auf einer Party und da war eine Polizistin, total nett, habe ich an dem Abend kennengelernt, die oft irgendwie auch im Kontext von Fußballspielen irgendwie eingesetzt wird und die mir dann gesagt hat, ja, aber weißt du, wir sind irgendwie, wir sind eigentlich nur noch eine Lachnummer.
- 35:52Wir werden überhaupt nicht ernst genommen.
- 35:54Das ist auch in dem Bundesland, im Saarland, wo es gerade so ein Polizistenmord gab.
- 35:57Also da merkt man, dass da was arbeitet.
- 35:59Und wir sind eigentlich sozusagen, wir haben gar keinen Schutz mehr und es nimmt niemand mehr ernst.
- 36:05Das brachte mich so bisschen auf den Gedanken, ob ich vielleicht zu schnell immer die Repräsentanten des Staates mitmache.
- 36:13identifiziere und vielleicht übersehe, und das ist ein Punkt, den Sie eben gemacht haben, Chilling Effects, auch bei Kommunalpolitikern, vielleicht übersehe, dass so vorne auch ganz normale Leute in dieser Funktion stehen und wirklich extrem viel verrohte, extrem beleidigende Widerworte aushalten müssen.
- 36:37Übersehen wir da was?
- 36:38Also ich glaube, diese Beobachtung trifft zu.
- 36:40Also vor 50 Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, was heute über Politiker frei geäußert werden kann.
- 36:46Das ist aber, gilt aber für alle gesellschaftlichen Institutionen, die früher ehrfurchtgebietend waren.
- 36:52Also ich würde das auch für den Journalismus zum Beispiel sagen.
- 36:56was früher irgendwie, ha, die Zeitung, das hatte so eine Aura und eine Autorität, das ist heute nicht mehr so.
- 37:02Ähnlich ist es, wenn die Kirchen etwas verkünden.
- 37:05Was da an Kontra kommt, also dieselbe Klage, die diese Polizistin wahrscheinlich zurechtführt, könnten genauso auch Bischöfe oder Pfarrer oder Parteipolitiker oder Journalisten und so weiter führen.
- 37:19Was wir da beobachten insgesamt ist eine Gesellschaft, die ihre Ehrfurcht ein wenig ablegt.
- 37:24Und ich glaube, dass da eine gute Nachricht drin steckt.
- 37:27Wir sind alle ein bisschen besser informiert, wir sind selbstbewusster.
- 37:31bürgerliches, ja, Assytoyen.
- 37:33Wir hinterfragen mehr und da möchte ich nicht zurück in eine frühere Zeit.
- 37:36Und das sage ich als jemand, also bei der Zeitung arbeitet.
- 37:41Die Medien haben oder die Leitmedien haben unheimlich verloren im Vertrauen.
- 37:46Das ist aber auch gut.
- 37:49Ja, man sollte das Vertrauen auch nicht geschenkt bekommen.
- 37:51Man sollte das Vertrauen auch nicht erarbeiten.
- 37:53Das gilt auch für Politiker und ich finde es gar nicht so furchtbar, dass wir Donald Trump in Comics gezeichnet bekommen wie South Park, diese fantastische Ferse-Serie.
- 38:04liegt dann Donald Trump im Bett mit dem Satan und es geht die Größe seines Gemächts.
- 38:09lieber so, als irgendwie alle Herr schlagen die Hacken zusammen und so wie in Thailand, man darf den Monarchen nicht kritisieren.
- 38:15Ja, ich mag das auch, muss ich zugeben.
- 38:17Auch wenn ich sehe, dass meine jungen Patenkinder irgendwie so Autoritäten hinterfragen.
- 38:22Man neigt immer noch dazu, ach nee, man muss doch, aber Wirklichkeit, gut gemacht, gut, dass man es hinterfragt.
- 38:28Neulich war eine Umfrage, Friedrich Merz ist der unbeliebteste Kanzler aller Zeiten.
- 38:32Also es gibt wohl Untersuchungen, die weniger Menschen bringen ihm Vertrauen entgegen als auf dem Tiefpunkt von Olaf Scholz und allen Kanzlern zuvor.
- 38:41Ich glaube nicht, dass das unbedingt etwas ist, was uns über Friedrich Merz aussagt, wie viel mehr über unsere Zeit und über unsere Desillusionierung und um Illusionen, die wir verlieren, sollten wir nicht so traurig sein.
- 38:53finde ich einen guten Punkt, kann ich mitgehen.
- 38:56Ich pushe ein bisschen weiter.
- 38:57Wir gehen jetzt sozusagen von dem langen Hebel noch ein Stück weit weg.
- 39:05Was ist, wenn es Leute betrifft, die wirklich gar nicht am langen Hebel sind?
- 39:09Also marginalisierte Gruppen, Leute, die eher am Rand des Diskurses sind.
- 39:17Wenn wir so ein zunehmend verrohenden Diskurs diagnostizieren würden, da haben wir ja auch ein Fragezeichen dran gemacht.
- 39:24Aber wenn wir davon ausgehen, doch diese Zuspitzungen, gerade wenn man das gegenüber nicht sieht, gerade Hate Speech im Internet und so weiter, da haben wir ein Forum, dem Leute ausgesetzt sind, die vielleicht sozusagen über eine Dimension der Meinungsfreiheit geschützt werden sollten.
- 39:48Und das ist jetzt sozusagen die Frage.
- 39:50Es gibt Leute wie, ich versuche immer jetzt die Leute, an die ich denke, zu nennen, weil ich das wichtig finde.
- 39:55Jeremy Waldron, Philosoph aus Neuseeland.
- 39:59Sein Buch hieß The Harm in Hate Speech.
- 40:01Der zum Beispiel sagt, Hate Speech gehört nicht zur Meinungsfreiheit.
- 40:04Das gehört gar nicht dazu.
- 40:06Und sie zitieren den Verfassungsrechtler Karl Löwenstein, der, bevor er zu ihrem Punkt kommt, trotzdem sagt, sei ein historischer Fehler gewesen, Hitlers Partei je an Wahlen teilnehmen zu lassen.
- 40:20Ich muss auch zugeben, das ist ein Gedanke, den ich auch schon mal zwischendurch hatte in Auseinandersetzungen mit Leuten, die so krass rassistisch sind.
- 40:25Es eigentlich sehr peinlich, das zuzugeben.
- 40:28Aber ich habe wirklich noch vor 10, 12 Jahren den Gedanken, ich kann nicht fassen, dass deine Stimme bei der nächsten Wahl das gleiche Gewicht hat wie meine.
- 40:36Ich konnte es nicht fassen.
- 40:37Und gerade wenn sozusagen, und ich will uns bewusst bei dieser Hate Speech Ebene halten.
- 40:46Denn im US-Diskurs, erst wenn es überschnappt, überschwappt sozusagen in Hate Crimes, wenn es gewaltsam geht.
- 40:53Aber übersehen wir nicht eine Schutzfunktion von Meinungsfreiheit, wenn wir sagen, wir geben diesen Raum, über den wir die ganze Zeit sprechen.
- 41:01Wir gehen mit Cass Sunstein dahin.
- 41:04und bin auch der Letzte, ehrlich gesagt einen niedrigen Blutdruck behält bei rassistischen Äußerungen.
- 41:11Aber die ganze Lehre, die uns zu einem liberalen rechtsstaatlichen Denken geführt hat, ja, und das ist eine blutige Erfahrung, ist, lass uns die staatlichen Regeln so gestalten, dass wir beide ruhig schlafen können, auch wenn die Mehrheitsverhältnisse mal ganz andere sind.
- 41:26Das finde ich einen wichtigen Punkt.
- 41:27Was meinen Sie genau damit?
- 41:29Es mag jetzt so sein, dass ich kenne viele Staatsanwälte und Staatsanwälte, bei denen sehe ich das in guten Händen und da hätte ich das Vertrauen, dass die schon auch unterscheiden können, was ist Rassismus und was ist vielleicht ganz legitime politische Kritik oder auch Antisemitismus, aber das kann sich alles ändern.
- 41:45Es gibt auch heute schon Beispiele für Staatsanwälte, die so und so sind und auch für Gerichte, die so und so sind.
- 41:50Wir haben einige Landtagswahlen vor Augen, wo sich auch die politischen Machtverhältnisse sehr deutlich ändern könnte.
- 41:56Sachsen-Anhalt.
- 41:58In USA ist schon mal auf ganz großer Bühne uns vorgemacht worden, wie ein Land ins rechtspopulistische kippt.
- 42:04Das ist nicht ausgeschlossen, dass wir das auch nicht in Deutschland oder in Frankreich 2027 erleben könnten.
- 42:09Also lasst uns den Staat so beschränken, so einschränken, dass wir selbst dann noch ruhig schlafen können.
- 42:16Ich pushe trotzdem noch ein bisschen.
- 42:18Die EMRK hat nämlich in Artikel 17 so einen ganz spannenden Trick drin und sagt, die Meinungsfreiheit aus Artikel 10, die schützen wir.
- 42:29Aber nur, solange diese Rechte nicht sozusagen in ihrem Missbrauch Schaden für die demokratische Gesellschaft anrichten können.
- 42:38Also die hat diese Missbrauchsklausel drin.
- 42:40Das Grundgesetz ja auch in Artikel 8.
- 42:43Gibt es nicht eine integrierende Funktion der Meinungsfreiheit, die Sie nicht ausreichend sehen, beziehungsweise wo wir doch sehen müssen, ein Teil von der Meinungsfreiheit ist auch der Schutz der Meinungsfreiheit derjenigen, nicht so stark sind, die marginalisiert sind, auch zum Beispiel in anderen Konstellationen in der Regierung?
- 43:04das ist ja die Paradoxie, die wir mit behärfte Demokratie ganz oft bezeichnen.
- 43:08Also die Demokratie zu schützen und zu erhalten, sollte man die Demokratie an der einen oder anderen Stelle einschränken, den Laden dicht machen.
- 43:15Ist aber, also ist auf jeden Fall eine Paradoxie, ja.
- 43:19Wie soll man eine liberale Ordnung verteidigen, indem man an der einen oder Stelle erstmal illiberal wird?
- 43:24Das, ähm, also sollte man wirklich sich gut überlegen, bevor man es macht.
- 43:28Und nicht das Argument nennen, ja gut, ich bin auf der richtigen Seite der Geschichte.
- 43:32Ja.
- 43:33Also ich plädiere sehr dafür, dass wir uns die Möglichkeit eines AfD-Parteiverbotsverfahrens mal ehrlich vornehmen und den Ball mal nach Karlsruhe spielen.
- 43:42Aber nicht deswegen, weil ich finde, die AfD ist eine rassistische Partei.
- 43:45Denn mir fallen auch Polizeipolitiker anderer Parteizugehörigkeit ein, wie ich das auch sagen würde.
- 43:51In früheren Zeiten, auch in heutigen Zeiten.
- 43:53Sondern das Argument bei der AfD, und ich glaube, darauf sollte man es auch beschränken, ist, sie spielen nicht nach den Regeln.
- 43:58Das ist der Vorwurf.
- 44:00Die brechen die Regeln, die setzen auf Ellenbogen, auf Baseballschläge und nicht auf ich mache dumme Argumente und die verfangen halt.
- 44:07So und ich glaube, das sollte man nicht allzu großzügig ausweiten und dann sagen, naja, die anderen sind ja auch und die anderen sind dann auch, das kann sich ganz schnell dagegen einwenden.
- 44:17Das ist im Grunde auch so bisschen die Richtung, die Löwenstein dann eingeschlagen hat, wenn ich mich richtig erinnere an das, was sie in ihrem Buch geschrieben haben, dass sie auf so einer institutionellen Ebene schon eingreifen würden.
- 44:28Ich habe im Übrigen war ich immer dieser Auffassung, dass man diesen Verbotsantrag mal formulieren sollte, einfach mal schon mal diese Argumente in den Diskurs geben sollte und einfach mal schauen sollte, was das nutzt und dann eben in Karlsruhe prüfen lassen sollte.
- 44:41Dass wir also sozusagen der Versuchung widerstehen, dieses Individualrecht einzuschränken, Löwensdien sagt, weil es sowieso nicht funktioniert, aber gleichzeitig auf institutioneller Ebene dann nachjustieren.
- 44:56Ist es das, was Sie sagen, also dass wir auf Parteiebene, auf Verbotsebene so nachjustieren?
- 45:02Ein Beispiel aus dem echten Leben, Roger Waters, der ehemalige Musiker von Pink Floyd, macht entsetzliche Shows, wo er irgendwie Schweine durch die Luft fliegen lässt mit Davidstern drauf.
- 45:13Also muss man gar nicht groß ausführen, warum das Hate ist, antisemitisch ist.
- 45:18Und gleichzeitig, was wäre denn gewonnen, wenn man diese Konzerte verbieten würde?
- 45:22Also Stadt Frankfurt hat das versucht, ist von Frankfurt gescheitert und ich glaube, es ist gut, dass sie gescheitert sind.
- 45:28Da wird man doch nicht Leute davon kurieren, dass sie so denken.
- 45:32Das Einzige, hilft, und das ist auch das, wozu das amerikanische Supreme Court uns wiser, wie sagt man, klugerweise, so wisely raten wir uns dazu, ist Gegenrede, Counterspeech.
- 45:43Und ich glaube, ist jetzt nicht, weil es die edlere Herangehensweise ist, es ist die effektivere Herangehensweise.
- 45:49Man gewinnt keine Debatte, das ist ja so ein Satz von Ihnen, wenn man den Staat zu Hilfe nimmt, Es ist wie auf dem Schulhof, wenn ich nach Mama rufe, weil ich mich in der Keilerei nicht durchsetzen kann, bin ich erst recht unten durch.
- 46:00Ja, ist ist was dran und doch ist es natürlich eine Wette auf die Zukunft.
- 46:05Hält das, aber das ist ja auch dieses alte Böckenfördediktum.
- 46:09Hier die ganze Nummer mit der pluralistischen Demokratie, die lebt halt von Voraussetzungen, die der Staat nicht entforcen kann, nicht garantieren kann und schon gar nicht mit dem Strafrecht.
- 46:18Und das ist hart, weil es natürlich Verantwortung auf uns zurückwirft.
- 46:25Sie haben in ihrem Buch das Beispiel von Sir Good.
- 46:29Marshall, in dieser Überlegung extrem konsequent wirklich diesen Worten hat Taten folgen lassen.
- 46:38Was war denn das für ein Beispiel?
- 46:40ganz ganz beeindruckender Mensch.
- 46:41war der erste schwarze Richter am Supreme Court der USA.
- 46:45Der hatte zuvor schon eine beeindruckende Karriere als Bürgerrechtsanwalt für die NAACP, also für die Rechte von Schwarzen gegen die Segregation und saß dann auf der Richterbank umgeben von acht Richtern.
- 47:01Weißen Richtern.
- 47:02Und vor ihm kam ein Fall eines Kukluks-Klan-Anführers aus Ohio.
- 47:08Ein Herr namens Brandenburg, Clarence Brandenburg.
- 47:11Der Vorwurf gegen Herrn Brandenburg war, dass der in seinem Garten bei einer Zusammenkunft mit seinen KKK-Kameraden so eine Hetzrede gehalten hat, wenn der Präsident weiter uns als weiße Rasse verrät, werden wir eines Tages Rache üben müssen.
- 47:24Endsätzlich.
- 47:25Der Staat Ohio hat ihn dafür dann angeklagt und verurteilt wegen aufrührerischer Hetzrede.
- 47:31Und der Mann kam dann nach Washington vor Supreme Court, sich zu beschweren und für seine Meinungsfreiheit zu kämpfen.
- 47:36Und Thurgood Marshall auf der Richterbank hat, ich finde, klugerweise den Mann freigesprochen, gemeinsam mit dem restlichen Supreme Court, mit dem Argument, wenn wir schon so vage Hassrede, abstrakte Formulierungen, wir werden eines Tages Rache üben, was heißt das genau, wenn wir das schon ausreichen lassen.
- 47:59dann mag uns das heute gefallen.
- 48:01Und dann sind wir vielleicht heute glücklich mit unserem Tagwerk und gehen nach Hause, weil der Herr Brandenburg hat es verdient.
- 48:07Aber schon morgen werden Leute kommen und sagen Martin Luther King, der ist ja auch ein Aufhörer.
- 48:12Der redet ja auch davon, wir werden uns nicht länger gefallen lassen.
- 48:15Das müssen wir dann auch.
- 48:16Das heißt, das öffnet man eine Büchse der Pandora.
- 48:20Und ich glaube, das war weitsichtig.
- 48:24Er hat das nicht bereut und er hat auch im Nachhinein gesagt, gerade die marginalisierten, die wenig auf festem Boden stehenden Gruppen in der Gesellschaft wären die ersten, die von so einer ausufernden Kriminalisierung von beunruhigender Rede getroffen werden würden.
- 48:42Das beeindruckend.
- 48:43Das heißt, für Sie, so lese ich Sie in Ihrem Buch und höre Sie jetzt auch hier, ist es, wenn die Grenze Richtung Hatecrime, Richtung Gewalt, Richtung Agitation, die sozusagen in echte, handgreifliche Taten umschlagen kann, erst dann sehen Sie das Strafrecht.
- 49:05Was heißt das konkret jetzt sozusagen für das deutsche Strafrecht?
- 49:08John Stuart Mill hat ein Beispiel gebildet, was aber heute auch Alltag ist in Deutschland.
- 49:13Also wenn ein Mob sich vor dem Haus einer Politikerin versammelt, Angela Schwesig, Beckelburg-Vorpommern hat das erleben müssen.
- 49:19Da war wirklich ein Mob von Leuten vor ihrem Privathaus.
- 49:22Und dann werden da vielleicht Fackeln oder irgendwas hochgehalten, da ist die Grenze erreicht.
- 49:26Das ist eine Form von physischer Einschüchterung, das muss sich niemand gefallen lassen.
- 49:29Da, finde ich, muss die Polizei gerufen werden und das räumen.
- 49:32Wenn aber Leute einfach abstrakt Dinge sagen, die vielleicht beunruhigend sind, vielleicht zwischen den Zeilen irgendwie die Gesellschaft aufheizen, sollten wir uns hüten.
- 49:43Voreilig zu sagen, da schicken wir schon die Polizei.
- 49:46Insbesondere weil das, was wir haben, sind öffentlicher Friede, könnte gefährdet sein.
- 49:52Was ist das?
- 49:54Die Ehre kann verletzt sein.
- 49:56Wer genau misst das?
- 49:57Also das ist, ich, eben auch ein ganz wichtiger Punkt, den Sie auch in Ihrem Buch machen, dass gerade entlang dieser wagen Tatbestandsmerkmale, die im Übrigen keineswegs konsentiert sind, weder in der Rechtsprechung noch in der Literatur, ganz genau, dass wir in dieser Landschaft nicht im Zweifel den Staat schicken, nicht im Zweifel mit dem Kriminalstrafrecht reagieren, sondern im Zweifel Raum für den Diskurs lassen.
- 50:26Genau, also wir haben in Deutschland das Gegenbeispiel zu dem, was Thurgood Marshall gepredigt hat.
- 50:31Wir haben eine ganz große Freiheit für Gerichte, Dinge schon als angstmachend, als Gewaltaufstachelung zu etikettieren, mit einer Vielzahl von Argumenten.
- 50:43Es genügt sogar schon das Argument, teilweise wird das rechtskräftig gemacht.
- 50:48Wenn man solche Worte stehen ließe im Diskurs, dann würde in der Gesellschaft das Vertrauen darauf, dass das das Völkerrecht eingehalten wird, würde erodieren.
- 50:57Und das wäre auch schon für ihn gefährden.
- 51:00mein Vertrauen darauf ist auch nicht so groß, muss ich leider ehrlich sagen.
- 51:04Und trotzdem, sind Formulierungen, sind so wachsweich.
- 51:10Das eröffnet einfach einen Raum für auch eine gewisse willkürliche Benutzung dieser Tatbestände in der einen oder anderen Politik.
- 51:16da stimme ich Ihnen tatsächlich vollkommen zu, dass es auf meine Kritik an diesem Einsatz des Strafrechts, also ein bisschen nach dem Giesgannen-Prinzip, insbesondere bei diesen sehr vagen Rechtsbegriffen.
- 51:29Das heißt, das Strafrecht wird es nicht lösen.
- 51:32Damit sind wir bei diesem dritten Überlegungsparameter, an diesem dritten Punkt, den ich machen wollte.
- 51:40Kann es sinnvoll sein, den Meinungskorridor dann anders einzueängen.
- 51:47Und ich will anfangen wieder mit einer Perspektive, die jetzt gar nicht unserer entspricht, die mir im Gespräch mit Musti Ulaqciolu, meinem lieben Kollegen und Freund, der sie angekommen ist.
- 52:01Was ist, wenn Strafrecht in Anbetracht der Alternativen gar nicht so schlimm wäre?
- 52:09Was ich meine ist, die Tendenz jetzt über Blocking.
- 52:16Wir reden hier mehr über diesen Social-Media-Bereich, wir könnten aber auch über Jean-François Abo sprechen, das ist ein Schweizer Oberst, war Mitarbeiter der NATO, der eben von der EU sanktioniert wurde wegen Aussagen im Zusammenhang mit dem Überfall der Ukraine.
- 52:32Das sind neue Reaktionsformen, die vielleicht weniger Raum geben für die Auseinandersetzung über den Vorwurf.
- 52:43die weniger in Verfahren, zum Beispiel bei diesem Blocking, wie gesagt, zwölf Sekunden bei Instagram, aber ich glaube, da gibt es jetzt sozusagen kein Aushandlungs- oder Verfahren, in dem man sich wirklich verteidigen kann.
- 52:54Was ist, wenn sozusagen die Alternativen zum Strafrecht einschneidender sind?
- 52:59Ist da was dran?
- 53:01von Herrn Bo, den Sie gerade geschildert haben, das muss man vielleicht mal kurz so einen Satz noch hinzugeben, da geht es darum, eine EU-Sanktion ist gegen einen Privatmenschen, Bürger, ich glaube, er ist Schweizer eigentlich, zwar in Belgien, aber er ist kein EU-Bürger, ausgesprochen worden mit dem Vorwurf, er würde Russland-Propaganda betreiben.
- 53:18Kann man vielleicht sogar finden, dass das stimmt.
- 53:20Und dann entscheidet es nicht ein Gericht, sondern es entscheidet ein politisches Gremium, nämlich in dem Fall, ich glaube, es ist der Ministerrat in Brüssel.
- 53:26Der hebt oder senkt den Daumen und dann wird dieser Mensch einfach, ja.
- 53:30dazu verdonnert, sanktioniert.
- 53:32Das heißt Einreiseverbot in die EU, was interessant ist, wenn man schon in der EU drin ist, man so Angst vor was ist, wenn ich jetzt hier mich bewege.
- 53:38Und das gilt dann das Verbot sehr sehr scharf im Übrigen, auch strafbewährt, dem man irgendwie wirtschaftliche Dinge zukommen zu lassen.
- 53:46bedarf dem kein Geld geben, keine Sachleistungen.
- 53:49Dann ist Strafrecht viel, viel besser.
- 53:52Das ist sehr, sehr problematisch, darüber können wir gern reden.
- 53:55Nur, es wäre jetzt, glaube ich, falsch, daraus das Argument zu ziehen.
- 53:59Nur weil es Dinge gibt, die noch schlimmer sind oder rechtsstaatlich noch zweifelhafter.
- 54:03Das ist ein Argument, das im Übrigen in der letzten Zeit oft gemacht wird, gegen Leute, die strafrechtlich kritisch sprechen.
- 54:08Das ja ja, weil das Strafrecht hat wenigstens ein Verfahren, willst du vielleicht was Schlimmeres.
- 54:13Ja, naja, aber ist halt ein schwaches Argument.
- 54:15die skandalöse Dimension dieser EU-Sanktionen ist ja, dass die Leute noch nicht mal etwas Verbotenes tun.
- 54:21Politisch habe ich ein großes Problem mit dem, was der genannte Herr Bo macht.
- 54:27Wirklich beschönigen von einer Angriffskriegspolitik in Moskau das wirklich widerwärtig.
- 54:35Aus dem wohlgemerkt irgendwie beschaulichen Leben in Brüssel heraus.
- 54:40Aber es verstößt halt gegen kein Gesetz.
- 54:42Und wir haben schon wirklich scharfe Gesetze, haben jetzt lange drüber geredet, aber wenn man jetzt auch noch, wenn man noch nicht mal gegen Gesetze verstößt, dann so eine harte Sanktion erleben kann.
- 54:52Ja, und dann haben wir wirklich ein Problem, aber das zwingt uns, sie, mich jetzt aber auch Farbe zu bekennen.
- 54:59Was machen wir denn?
- 55:00Was machen wir alternativ?
- 55:02Denn man muss sich eingestehen, glaube ich, dass die Zivilgesellschaft, in die sie so viel Vertrauen setzen, nicht nur aus Leuten besteht, die interessiert sind, in der Lage sind, die Kapazitäten haben, die Ressourcen, überhaupt die Zeit haben, sich aktiv am Diskurs zu beteiligen und in diesem Dickicht von Informationen, jetzt bei Bo geht es ja auch viel um Desserninformation und Fake News und das ist sozusagen das letzte Thema, was ich da wirklich wichtig finde, sich da durchzukämpfen.
- 55:34Und das wiederum hat aber auch einen ganz direkten Konnex zur Demokratie, zu sozusagen dem Raum, in dem dann Wahlen stattfinden, bestimmte Parteien hochkommen und so weiter.
- 55:49Sie vertrauen da auf den Diskurs, weil Wahrheit nicht verordnet gehört.
- 55:52Und da gebe ich Ihnen recht.
- 55:55Aber sind wir nicht in der Antwort schuldig?
- 55:58Also Sie sagen es ja selber, sind irgendwie, Wahrheit und Unverwahrheit dürfen frei nebeneinander stehen.
- 56:05Der Diskurs hält das aus.
- 56:06Wir sind in so einem Wettstreit der Geschichten.
- 56:08Da will man natürlich warm angezogen sein, schreiben Sie auf Seite 183.
- 56:13Ja, sind wir warm genug angezogen?
- 56:15Mit Taffa dafür ist so ein Pullover, ich in einer Zeitungsredaktion der Jungen Welt, so heißt diese Zeitung, die ist also vom linken Rand des politischen Spektrums und die erscheint jeden Tag, kann man am Kiosk kaufen und da wird also im jeden Tag erzählt, dass in Wahrheit Russland nicht das Problem ist, sondern die NATO ist der Aggressor und der Nahosten sieht dann auch ganz anders aus mit deren Brille.
- 56:36Also ist das jetzt etwas, was wir verbieten sollten?
- 56:38Ich glaube nicht.
- 56:39Ich glaube, dass man damit argumentativ durchaus klarkommen kann.
- 56:43Aber ich will Sie persönlich pushen.
- 56:46Was machen wir dann stattdessen?
- 56:47Also gehen wir auf diese Metapher.
- 56:49Sind wir warm genug angezogen in Zeiten der Desinformation?
- 56:53nicht, aber wir werden noch schwächer, wenn wir uns noch nicht mal damit konfrontieren.
- 56:58Also ich habe im Buch da geschildert, wie ich es mir angetan habe, in die Redaktion der Jungen Welt reinzugehen und mal nicht auszuweichen.
- 57:06Ja, es ist ja, wenn wir beides miteinander reden, ist es ja eigentlich relativ easy, ja, wir sind da einer Meinung.
- 57:10Gut, aber wenn jetzt im Raum noch einer wäre, der das wirklich ganz anders sieht und der aber höflich und kundig Kontra gibt.
- 57:18sich dem auch mal auszusetzen als Herausforderung an einen selbst.
- 57:21Mal gucken, wie weit ich komme und woran hakt es eigentlich?
- 57:24Warum kommen wir nicht zusammen?
- 57:25Das ist viel lehrreicher und es ist auch kein Selbstzweck zur Selbstveredelung, sondern man lernt ja auch was darüber.
- 57:32Was für Argumente kann ich mir sparen mit der Gegenseite und was für Argumente sollte ich vielleicht schärfen?
- 57:37Und deswegen war das für mich eigentlich einer der lehrreichsten Tage überhaupt für mein politisches Denken, mal nachmittag lang mit Leuten, die wirklich meinen, die NATO ist das Problem in der Ukraine, bis ins Letzte zu diskutieren.
- 57:48Die große Lehre für mich, das war mir vorher nicht so klar, ist, dass wir nicht bei den Fakten auseinanderliegen.
- 57:55Das denkt man vielleicht.
- 57:56Ja, die kriegen falsche Infos und die sind alle geblendet.
- 57:59Nein, die haben also was so Truppenbewegungen betrifft, was Daten, über, also so.
- 58:05Es geht immer die Frage des Kontextes.
- 58:08Ich sage hier, Donbass ist besetzt durch Russland seit vielen Jahren, ja, unterdrückt.
- 58:12Und dann sagen die ja, Sie wissen schon, im Donbass gab es eine Volksbefragung und die Bürger dort haben sich entschieden, sie wollen zu Russland gehören.
- 58:19Das muss man doch respektieren.
- 58:21Das ist wahr.
- 58:22Dann muss man den Kontext wieder hinzugeben, naja, die haben diese Volksbefragung oder Umfrage gemacht zu einem Zeitpunkt, als sie schon besetzt waren und die russischen Soldaten haben die Menschen zu den Wahllokalen hingebracht.
- 58:32Also es ist keine ganz freie Wahl.
- 58:33So und dann kommt wieder ein neuer Kontext.
- 58:34Also es ist immer die Frage, was ist der Zusammenhang, in dem man die Dinge betrachtet und deswegen, kann da nicht so sagen, das ist auch eine Lehre von, wenn man, Zeitungen liest, die am Kiosk liegen, da wird selten so richtig plump was Falsches behauptet, aber es werden ganz oft Kontexte gewählt, die mir nicht passend erscheinen.
- 58:53Das ist ein sehr gutes Stichwort, weil ich dann was loswerden kann, was ich immer wieder sage auch den Studierenden, dass wir nicht nur Faktenchecks brauchen, sondern auch Kontextchecks.
- 59:01Das gehört ganz entscheidend dazu, sich sozusagen der Wahrheit, die es nicht gibt, doch einigermaßen zu nähern.
- 59:08Aber ich will trotzdem noch mal ein bisschen pushen.
- 59:14Sie haben Jura studiert und sehr viel Ahnung von Politik.
- 59:19Sie gehen dahin in diesen Kontext und sind einigermaßen ausgeschlafen.
- 59:23Sie wissen, dass am Ende des Monats ihr Gehalt kommt.
- 59:27sind einigermaßen gut gelaunt, nicht schwer traumatisiert, haben vielleicht nicht irgendwie fünf Kinder, die sie allein versorgen müssen und gehen in so ein Gespräch mit einem Level an Geduld, Frustrationstoleranz, Übung, Argumentationsfähigkeiten.
- 59:41Die hat ja aber nicht jeder.
- 59:43Die hat nicht jeder in der Gesellschaft und Diese Gesellschaft besteht aus Leuten, die aber alle wählen dürfen und die erreicht werden von Desinformationskampagnen, die teilweise von anderen Ländern gesteuert werden, von Fake News im Interesse von Plattformen, Interesse von Mediengruppierungen, die davon monetär profitieren.
- 1:00:04Lassen wir die nicht ein Stück weit im Regen stehen, wenn wir so sehr auf den Diskurs vertrauen, auf den Diskurs, der von Rationalität und von einer gewissen Robustheit lebt.
- 1:00:15Ja, also das ist wahr.
- 1:00:17Das tun wir.
- 1:00:20Ja, also ich kann das nicht abstreiten.
- 1:00:23Das ist so, das ist auch ungerecht, wie Sie sagen.
- 1:00:26Ja, der eine hat fünf Kinder, muss alleine erziehen und der andere ist, es gibt auch Menschen, die sind mit unterschiedlich dicker Haut geboren.
- 1:00:32ist auch ungerecht.
- 1:00:34Auch gute Laune ist auch ein bisschen angeboren vielleicht.
- 1:00:36Also das sind Dinge, sind, da habe ich jetzt auch keine Antwort drauf.
- 1:00:40Und ich glaube auch nicht, dass es da eine gibt, also dass da … schlage mal eine vor.
- 1:00:46Ich überlege nämlich seit einer Weile, wie viel letztlich die Profitmaximierung, also in diesem digitalen Bereich, in dem Bereich des Internets, die Algorithmen der Plattformen, der Social Media Kontexte, in denen sich viele Leute bewegen, haben was, also Clickbait hat was mit bestimmten Tendenzen zu tun.
- 1:01:10Rage und bestimmter Kontext.
- 1:01:12generiert mehr Klicks, differenzierte Ausführungen, die mehr Zeit kosten, deswegen Podcastformat so gut und die auch ein Stück weit uns herausfordern, mal dieses unangenehme Gefühl, dass es nicht nur schwarz oder weiß ist und man nicht nur auf der richtigen Seite steht.
- 1:01:28All das generiert weniger Klicks.
- 1:01:31Ist das nicht zu adressieren?
- 1:01:33Weil hier profitieren, finde ich, in monetärer Hinsicht große Machtakkumulationen in der Wirtschaft davon.
- 1:01:41dass Meinungen in die eine oder andere Richtung gehen.
- 1:01:43Und das ist vielleicht etwas, das man adressieren könnte durch den Staat, durch Gesetze.
- 1:01:50Das wäre auch gar nicht so, so sehe ich auch so.
- 1:01:51Und ich glaube, es wäre auch gar nicht so, dass man das Rad neu erfinden würde.
- 1:01:54Also wir haben auch bei herkömmlichen, nicht sozialen Medien ja auch so was wie Kartellrecht, ja, darf nicht irgendwie, der Markt alles nur einem einzigen Verleger gehören.
- 1:02:03Und jetzt haben wir das nicht, da haben wir Oligopole.
- 1:02:06Da selbst, also Instagram und Facebook sind, also gehören eigentlich einem, einem Laden.
- 1:02:12Also das ist schon ein großes Problem, ja.
- 1:02:14Die, Kiosk haben wir immerhin eine Zeitungsvielfalt.
- 1:02:18Das ist auch nicht so groß, wie man sich wünschen würde, aber immerhin.
- 1:02:21Und im Netz haben wir es nicht.
- 1:02:23wäre vielleicht sozusagen noch eine Möglichkeit weiterzudenken, systemisch weiterzudenken, was ich immer sozusagen sinnvoller finde, als auf den Einzelnen sozusagen drauf zu hauen mit staatlicher Gewalt.
- 1:02:36Da kann ich Ihnen sozusagen nur zustimmen zu all den Schlussfolgerungen, die Sie treffen in Ihrem hervorragenden Buch.
- 1:02:42Ja, wir sind irgendwie, Sie haben Louis Brandeis, den ersten jüdischen Richter am Supreme Court zitiert, das hat mir sehr gefallen, das beste Mittel gegen Bad Speech ist laut.
- 1:02:52ist.
- 1:02:52Nach ihm more speech, not enforced silence.
- 1:02:57Ich finde, da haben wir jetzt mal eine Stunde dazu Ball getragen, versucht.
- 1:03:01Wir fragen unsere Gäste immer, eigentlich schon im Rahmen der Vorstellung, aber jetzt passt es hier vielleicht besser, ob es ein Buch gibt oder einen Film, der ihnen besonders viel bedeutet hat, der ihr Wirken besonders geprägt hat, vielleicht für die heutige Zeit, vielleicht auch für dieses Thema besonders prägt.
- 1:03:23Gibt es da etwas, das Sie den Zuhörerinnen und Zuhörern mitgeben wollen?
- 1:03:27Ja, ich habe so...
- 1:03:29Eskapismus.
- 1:03:31Neulich einen sehr schönen lustigen Science-Fiction-Roman gelesen, Red Dwarf.
- 1:03:35Der ist in den 90er Jahren erschienen.
- 1:03:36ich als Teenager zum ersten Mal gelesen.
- 1:03:40Man muss auch mal bisschen was für den Ausgleich.
- 1:03:43Ja, mega ist das.
- 1:03:44Und das ist vielleicht der letzte Punkt.
- 1:03:48Wir versuchen am Ende jeder Folge, irgendetwas mitzugeben.
- 1:03:53Irgendwelche Tipps, Buchtipps haben wir jetzt, vielleicht Ratschläge, gerade in diesem Diskurs, dem Sie so viel zutrauen oder in der Welt, die wir ja doch beschrieben haben, als mit einigen Herausforderungen für uns versehen.
- 1:04:08Haben Sie da?
- 1:04:10ein Rad oder ein Mitgiebsel, irgendeine goldene Regel, die sie uns...
- 1:04:14Also, wenn Leute was sagen, wenn Leute was reden, was man wirklich anstößig findet, kommt vor, erlebe ich oft.
- 1:04:23Also, es ist schwer da irgendwie in dem Moment, irgendwie Trost zu finden, aber vielleicht ist dieser Gedanke ein bisschen tröstlich.
- 1:04:29Immerhin bin ich jetzt klüger geworden über den anderen.
- 1:04:32Ja, also das, was der da denkt, das dachte er vielleicht auch vorhin schon oder gestern schon.
- 1:04:37Aber ich wusste es nicht.
- 1:04:38Eigentlich habe ich jetzt Wissen über ihn gewonnen.
- 1:04:42ist jetzt eine Basis für mich dann auch ins Handeln zu kommen.
- 1:04:45Vielleicht brauche ich noch bisschen Zeit zu überlegen, wie ich ins Handeln komme, aber jedenfalls habe ich dazu gewonnen und er nicht.
- 1:04:52Das ist vielleicht ein Gedanke, der einen dann eher aktiviert, als dass er einen matt und unmächtig macht.
- 1:05:01Das gefällt mir.
- 1:05:02Herr Steinke, vielen Dank, dass Sie da waren.
- 1:05:05Ganz herzlichen Dank Ihnen.
- 1:05:15Rechtzeitig wird produziert vom Nomos Verlag mit Unterstützung der Bucerius Zeitstiftung.
- 1:05:20Die Hostinnen sind Susanne Beck, Stefanie Bock, Charlotte Schmitt-Leonardy, Georgija Stefano-Polu, Dana Sofia Valentina und Liane Wörner.
- 1:05:31Schnitt und Produktion Sebastian Bauer.
- 1:05:34Executive Producer Uros Simnani.
- 1:05:38Marketing Anke Schlemmer.
- 1:05:40Musik Inga Schuchmann.
- 1:05:42Bildgestaltung und Videoproduktion Janik Motten.