Latest / Schwarze Akte - True Crime / #311 Wann kommt Mama nach Hause? Der Fall Arlene F.
Transcript
- Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Es ist ein ganz normaler Dienstagabend in Elgin, einer Stadt an Schottland. Hinter den Reihenhäusern der Smith Street flattern Kleidungsstücke auf Wäschelein, Kinder spielen auf den Straßen und viele Menschen kommen gerade erst von der Arbeit nach Hause. Zeitlich betrachtet befinden wir uns Ende April 1998. Die Tage sind schon wieder etwas länger geworden. In den Wohngebieten rund um die Stadt ist um diese Uhrzeit daher noch einiges los. Auch der kleine Jamie läuft an diesem Abend die Straße entlang. Er kommt jetzt gerade erst von der Schule nach Hause. Der Zehnjährige war nämlich den ganzen Tag lang unterwegs. Jamie hat seine Schule an diesem Tag bei einer Umweltaktion gegen zu viel Müll auf den Straßen vertreten. Normalerweise ist er schon viel früher zu Hause. Wahrscheinlich erwarten ihn seine Mutter und seine Schwester längst. Auch wenn es etwas seltsam ist, dass ihn seine Mutter nicht wie geplant abgeholt hat. Jamie bewegt sich auf das Haus mit der Nummer zwei zu. Auf der Terrasse vor dem Eingang liegt achtlos ein Fahrrad auf dem Boden. Jamie geht daran vorbei, direkt auf die Haustür zu. Draußen hängt noch die Wäsche, die seine Mutter morgens aufgehängt hat. Er geht auf die Haustür zu. Die ist gar nicht abgeschlossen. Jamie geht also hinein. Drinnen wirkt alles wie immer. Im Flur steht ein Staubsauger, noch eingesteckt in der Steckdose. Im nächsten Raum, der Küche, liegen noch die Sachen vom Frühstück herum. Jamie ruft nach seiner Mutter, bekommt aber keine Antwort. Also geht er von einem Zimmer ins andere, um sie zu suchen. Aber hier ist niemand. Weder seine Mutter noch seine Schwester sind irgendwo. Er läuft nochmal zurück in die Küche. Dann am Staubsauger im Flur vorbei, zurück zur Haustür. Bevor Jamie also an diesem Abend das Haus wieder verlässt, kramt er aus seinem Rucksack einen Zettel und einen Stift hervor. Er schreibt eine Nachricht darauf und legt den Zettel auf die Treppe. Darauf steht, ich war um halb acht zu Hause, du warst nicht da, wo bist du? Das Du schreibt er groß und dahinter ein Ausrufezeichen. Anschließend verlässt Jamie das Haus und macht sich auf den Weg in Richtung Nachbarhaus. In den Jahren danach werden Menschen überall in Schottland Bilder aus Jamies Haus kennen, Immer wieder werden Kamerateams durch dieselben Räume filmen, den Staubsauger im Flur, die Wäsche hinter dem Haus, die Küche, die aussieht, als wäre die Familie gerade erst vom Frühstückstisch aufgestanden. Dieses kleine Haus in Elgin wird zu einem Ort, den fast jeder schon einmal gesehen hat. Alle kennen die Haustür, den eingesteckten Staubsauger und die wehende Wäsche. Denn die Mutter, nach der Jamie an diesem Abend sucht, wird nie wieder nach Hause zurückkommen. Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der schwarzen Akte mit Anne Luckmann und mit Patrick Strohbusch. Hallo! Die kleine Stadt Elgen liegt im Nordosten von Schottland. Von hier ist es nicht weit bis zur Küste. Ende der 90er Jahre leben hier etwas mehr als 20.000 Menschen. Die Stadt ist also überschaubar und nicht so trubelig wie eine Großstadt. Durch das Zentrum zieht sich eine breite Hauptstraße mit kleinen Geschäften, Cafés und Pubs. An einem Ende der Stadt stehen noch die Ruinen der alten Kathedrale, am anderen Ende das Schloss der Stadt. Dazwischen befindet sich der große Marktplatz. 1998 regiert in Großbritannien Tony Blair seit knapp einem Jahr und überall ist von Modernisierung die Rede. Im Radio laufen die Spice Girls, Robbie Williams und Oasis rauf und runter. Die Menschen sehen sich noch immer begeistert Titanic im Kino an. Und nicht nur in Schottland sprechen viele in diesen Wochen über die anstehende Männerfußball-Weltmeisterschaft, die im Sommer in Frankreich stattfinden wird. Gerade erst wurde ausgelost, dass die schottische Nationalmannschaft im Eröffnungsspiel ausgerechnet gegen die starke Mannschaft aus Brasilien spielen muss. Hier in Elgin ist Dienstag, der 28. April 1998, zuerst ein ganz gewöhnlicher Tag. In der lokalen Zeitung wird berichtet, dass die regionale Polizei, die Grampian Police genannt wird, bald einen neuen Polizeichef bekommen soll. Eigentlich ein angenehmer Job, denn Gewaltverbrechen sind in Elgin und der Umgebung eher selten. Die meisten Einsätze drehen sich um Streitigkeiten, kleinere Delikte oder Verkehrsunfälle. Doch am Abend, das 28. April, bekommt die Polizei einen doch eher ungewöhnlichen Anruf. Ein Ehepaar aus der Smith Street ruft an und berichtet, dass bei ihnen tagsüber zwei Kinder untergekommen sind. Denn die Mutter der beiden ist nicht nach Hause gekommen. Der 10-jährige Jamie und seine kleine Schwester, die 5-jährige Natalie, haben bei den Nachbarn gewartet und wissen nicht, wo ihre Mutter ist. Sie müssen sich riesige Sorgen machen. Die Polizei macht sich also direkt auf den Weg zu ihnen. Noch ahnt niemand, dass aus dieser vermissten Meldung einer der bekanntesten Kriminalfälle Schottlands werden wird. Es dauert nicht lange, bis die ersten Polizisten vor Ort in der Smith Street sind. Jamie und seine kleine Schwester Nathalie warten hier schon seit Stunden bei den Nachbarn auf ihre Mutter, die 33-jährige Arlene. Sie ist an diesem Morgen noch zu Hause gewesen und hat ihre Kinder verabschiedet, bevor sie zur Schule gegangen sind. Aber seitdem ist sie verschwunden. Trotzdem wirkt die Situation erst einmal nicht weiter bedrohlich. Das wird sich alles bestimmt gleich aufklären. Vielleicht hat sich Aline tagsüber ja entschieden, Freunde zu besuchen und hat einfach nur die Zeit vergessen. Vermisstenmeldungen gehören für die Polizei jedenfalls zum Alltag. Und meistens gibt es eine ganz vernünftige Erklärung für das Verschwinden. Trotzdem machen sich die Polizisten natürlich direkt auf den Weg rüber zum Haus mit der Nummer 2. Zum Haus von Aline. Schon von außen betrachtet wirkt alles fast seltsam gewöhnlich. Im Inneren, in einem der Zimmer, steht noch das aufgebaute Bügelbrett. Der Staubsauger steckt in der Steckdose und in der Küche stehen ja noch die Dinge vom Frühstück herum. Sonst ist aber alles normal. Die Beamten versuchen zu verstehen, wann Aline zuletzt hier gewesen ist. Sie entdecken natürlich schnell den Zettel von Jamie, den er auf die Treppe gelegt hat. Kurz darauf finden die Ermittler noch eine zweite Nachricht. Die stammt von Michelle, einer Freundin von Aline. Michelle muss an diesem Vormittag vorbeigekommen sein, weil die beiden Frauen verabredet waren. Offenbar war Aline zu diesem Zeitpunkt aber schon nicht mehr da, denn die Freundin schreibt ein paar schnelle Worte auf die Rückseite eines Umschlags. Diesen lässt sie im Haus zurück. Die Tür kann also nicht abgeschlossen gewesen sein. Für die Polizei ist das Haus mit der Nummer 2 seltsam normal. Dort sieht es aus, als hätte sich Aline einfach in Luft aufgelöst. All ihre Sachen sind übrigens noch da, auch ihre Medikamente gegen Morbus Crohn. Aline hat nämlich eine chronische Darmerkrankung. Wenn sie geplant hätte, eine längere Zeit weg zu sein, dann hätte sie die mitgenommen. Von hier aus beginnen die Polizisten nun, den Ablauf des Tages rückwärts zusammenzusetzen. Und zwar mithilfe von Beobachtungen, Uhrzeiten, Anrufen und Menschen, die Aline an diesem Dienstag noch gesehen oder mit ihr verabredet waren. Am Morgen ist Aline mit ihren Kindern ja noch ganz normal im Haus. Gegen acht wird sie von einer Nachbarin im Garten gesehen, bei der Wäscheleine. Es sieht so aus, als würde sie nachsehen, ob die Wäsche schon trocken ist. Etwa eine Stunde später verabschiedet Aline ihre beiden Kinder, Jamie und Natalie. Aline steht im Morgenmantel an der Tür und winkt den beiden hinterher. Für die Kinder ist das ein ganz normaler Abschied. Wie jeden Morgen, wenn sie zur Schule gehen. Aber es ist der letzte Morgen, an dem sie ihre Mutter sehen werden. Es ist aber nicht die letzte Spur. Denn es gibt Anrufe. Um 9.41 Uhr ruft Aline in Jamies Schule an. Sie will wissen, wann sie ihren Sohn später nach dem Projekttag abholen muss. Das ist ein kleines Detail, aber trotzdem wichtig. Denn dieser Anruf zeigt, dass Aline ihren Tag weiter plant. Das Schulsekretariat will Aline gleich mit der Info zurückrufen und sie legen auf. Etwa 10 Minuten später ruft die Schule zurück, um ihr die Uhrzeit mitzuteilen. Im Haus klingelt das Telefon, aber Aline nimmt nicht ab. Gegen halb elf kommt Alines Freundin Michelle vorbei. Von ihr haben wir euch ja vorhin schon kurz erzählt. Die beiden sind verabredet. Michelle klingelt, aber niemand öffnet. Weil sie Aline gut kennt, geht sie einfach ins Haus rein. Das ist für sie nichts Ungewöhnliches. Die Haustür war ja auch nicht abgeschlossen. Michelle läuft durchs Haus, schaut im Wohnzimmer, in der Küche, im Schlafzimmer und im Badezimmer nach ihrer Freundin. Sie schaut auch in den Kinderzimmern nach, aber Aline ist nirgends zu finden. Michelle schreibt daraufhin die Nachricht auf die Rückseite eines Briefumschlags. Sie notiert, dass sie wie verabredet vorbeikam, aber niemand da gewesen sei und Aline sie später anrufen solle. Dann verlässt Michelle das Haus wieder. Bis dahin könnte es noch eine harmlose Erklärung dafür geben, dass Michelle sie nicht vorfindet. Vielleicht ist Aline nur kurz aus dem Haus gegangen und hat die Verabredung vergessen. Aber je länger der Tag dauert, desto weniger passt diese Vorstellung zu dem, was Menschen über Aline wissen. Sie ist sonst sehr pünktlich und lässt keine Termine sausen. Sie verschwindet nicht einfach aus einem Haus und lässt den Staubsauger im Flur stehen, die Wäsche draußen hängen und ihre Medikamente zurück. Und ganz wichtig, sie lässt auch nicht ihre Kinder allein. Das betonen auch Alines Mutter Isabel und ihre Schwester Carol immer wieder in den Zeitungsartikeln oder Dokus. Isabel und Carol erfahren noch in derselben Nacht, dass Aline spurlos verschwunden ist. Carol erinnert sich daran, wie die Polizei plötzlich vor ihrer Tür stand. Es ist mitten in der Nacht, als ihr Mann die Haustür öffnet. Von einem Moment auf den anderen hat sich alles verändert. Für Carol habe sich alles ab da an wie ein Albtraum angefühlt. Die Familie bleibt die ganze Nacht wach, telefoniert herum und versucht herauszufinden, ob irgendjemand Aline gesehen hat. Aber je mehr Menschen angerufen werden, desto deutlicher wird, dass niemand weiß, wo sie ist. Und genau das passt für ihre Familie überhaupt nicht zu Aline. Vor allem Jamie und Natalie hätten für sie immer an erster Stelle gestanden. Dass sie einfach verschwindet, ohne Kleidung, ohne Tasche, ohne eine Nachricht, das wirkt auf die Menschen, die sie kennen, fast unvorstellbar. Und damit fragen sich die Ermittler nicht nur, wo Aline ist, sondern auch, wer diese Frau eigentlich ist, die an einem ganz normalen Dienstag spurlos verschwindet. Wer Aline kennt, der weiß, dass sie keine ruhige Frau ist, die im Hintergrund bleibt. Sie ist eher extrovertiert. Auf vielen Bildern wirkt sie sehr typisch 90er Jahre. Sie hat schulterlange blonde Haare, die oft geföhnt oder voluminös gestylt sind. Sie lächelt meistens breit in die Kamera. Aline wirkt offen, direkt und sehr präsent. Sie mag Mode, probiert gerne Dinge aus und leiht sich zum Beispiel als Teenagerin oft Sachen von ihrer älteren Schwester Carol, meist ohne zu fragen. Daran erinnert sich Carol in einer Doku zum Fall. Zwischen Carol und Aline liegen nur gut 20 Monate Altersunterschied. Carol ist die ruhigere, Aline die offenere. Das ist nicht immer harmonisch. Die Schwestern streiten sich und versöhnen sich dann aber wieder. Für Carol bleibt Aline immer die kleine Schwester. Als beide noch klein sind, beauftragt ihre Mutter Carol oft, auf Aline aufzupassen. Und dieses Gefühl des Beschützens bleibt auch noch Jahrzehnte später bestehen. Aline wird im August 1964 in Elgin geboren. Ihr Vater Hector arbeitet als Flugzeugmechaniker bei der Marine. Als Aline noch klein ist, wird er nach Malta versetzt und die Familie zieht für etwa 15 Monate mit. Danach kehren sie zurück nach Elgin. Als sich ihre Eltern Anfang der 70er Jahre trennen und ihr Vater nach Cornwall zieht, bleibt Aline mit ihrer Mutter Isabel und Schwester Carol in Elgin. Als Kind ist Aline nicht unbedingt das Mädchen, das gerne stundenlang an ihren Hausaufgaben sitzt. Aline will lieber ihre Freundinnen treffen, arbeiten und eigenes Geld verdienen. Sie ist manchmal rebellisch und schwänzt wohl auch mal die Schule. Sie interessiert sich für Jungs und für Kleidung. Aber sie ist nicht faul. Nach der Schule arbeitet sie in einer Boutique, später auch in einer Bar. Sie ist gern unter Menschen und Menschen sind gern mit ihr zusammen. Aline hat in Elgin viele Freunde. In den Zeitungen steht, sie sei beliebt gewesen und habe einen großen Freundeskreis gehabt. 1985, als sie 20 Jahre alt ist, lernt Aline einen Mann namens Ned kennen. Ned ist vier Jahre älter als sie, besitzt ein Obst- und Gemüsegeschäft und spielt Gitarre in einer Band. Er hat dunkle Haare und sieht auf alten Bildern recht attraktiv aus, ein bisschen geschniegelt und sehr selbstbewusst. Man versteht sofort, warum Leute ihn charmant, lustig oder charismatisch finden. Nettest einer, der hier in der kleinen Stadt auffällt, ohne sich besonders anstrengen zu müssen. Aline und Ned verloben sich ein Jahr, nachdem sie sich kennenlernen und heiraten dann im Jahr darauf. Ned spielt auf der Hochzeit sogar Gitarre für Aline. Auf Fotos und Videoaufnahmen fällt allerdings auch etwas anderes auf. Ned hat nämlich ein ziemlich zugeschwollenes blaues Auge. Damals ist das wohl nur eine kleine Anekdote am Rand und Aline schüttelt deswegen auf der Hochzeit schmunzelnd den Kopf. Was diese Ehe aber wirklich bedeutet, das wird erst viel später klar. Und wo Ned, Alines Ehemann, am 28. April 1998 ist, als Aline verschwindet, wird noch eine der wichtigsten Fragen in diesem Fall. Aber dazu erzählen wir euch später mehr. Im selben Jahr, in dem Aline und Ned heiraten, wird ihr Sohn Jamie geboren. Aline ist da 22 Jahre alt. Fünf Jahre später kommt die kleine Natalie zur Welt. Aline geht in ihrer Rolle als Mutter total auf. In Interviews macht Alines Mutter Isabel deutlich, dass Jamie und Nathalie immer Alines Mittelpunkt gewesen sind. Sie organisiert, plant und sorgt immer dafür, dass die Kinder nie einfach irgendwo allein bleiben, wenn sie oder Ned nicht da sind. Sie fährt Jamie zu Schwimmveranstaltungen, Nathalie tanzt und singt gern. Alines Mutter ist total beeindruckt von ihrer Tochter. Und auch Alines Schwester Carol ist stolz, besonders als Aline Ende der 90er Jahre noch einmal etwas Neues anfangen will. 1997 schreibt sie sich im College ein, für einen zweijährigen Businesskurs. Da ist sie 32 Jahre alt. Als Aline Mutter wird, bleibt sie nämlich für Jamie und Natalie zu Hause und kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. Das College ist also kein kleiner Schritt. Es bedeutet Zeit, Organisation und Mut. Aline will sich weiterentwickeln. Vielleicht auch etwas Eigenes aufbauen und nicht nur Ehefrau und Mutter sein. Im April 1998 sieht ihr Leben also nicht aus wie das Leben einer Frau, die plötzlich alles hinter sich lassen will. Aline hat ihre Kinder, ihren Mann, ihre Freunde, ihr College, Pläne für die nächsten Wochen und Monate. Und dann ist sie plötzlich einfach verschwunden. In der Nacht ihres Verschwindens wird ein Polizist in Alines Haus positioniert und wartet darauf, dass sie wieder nach Hause kommt. Dass sich die Haustür öffnet und sich alles doch noch irgendwie klärt. Aber die Haustür bleibt geschlossen. Aline kommt nicht zurück. Und je länger sie weg bleibt, desto mehr verändert sich die Stimmung. Denn das Problem der Ermittler ist, dass es keine Anhaltspunkte gibt. Kein Tatort, keine Kampfspuren, keine Forensik, keine Zeugen, keine Videoaufnahmen. Und auch keine Leiche, falls Aline tatsächlich etwas Schlimmes zugestoßen ist. Das Haus an der Smith Street wird später sogar mit der Mary Celeste verglichen, dem berühmten Geisterschiff, das Verlassen auf dem Meer trieb, obwohl an Bord noch alles an seinem Platz war. Darüber haben wir auch schon eine Folge gemacht. Und auch bei Aline wirkt es so, als würde sie jeden Moment zurückkommen. Oder aber, als hätte sie sich einfach in Luft aufgelöst. Die Polizei durchsucht das Haus natürlich gründlich. Beamte schauen in Schränken nach, in Abstellräumen und jeder noch so kleinen Ecke. Sie suchen nach irgendwas, das erklärt, was hier passiert sein könnte. Aber nichts deutet darauf hin, dass Aline geplant hatte, wegzugehen. Aber gleichzeitig gibt es Anzeichen, dass hier überhaupt kein Verbrechen passiert ist. Für die Ermittler ist deshalb vor allem das Thema Zeit entscheidend. Denn der Polizei fällt schon früh auf, dass Alines Alltag normalerweise anders aussieht. Oft sind nämlich die Kinder da. Und wenn nicht, ist Aline am College. An diesem Dienstagmorgen ist sie aber ganz allein im Haus. Und genau in diesem Zeitfenster verschwindet sie. Genauer gesagt irgendwo zwischen Alines Anruf in Jamies Schule um 9.41 Uhr und dem Rückruf aus dem Sekretariat etwa 10 Minuten später, der ja unbeantwortet bleibt. 10 Minuten, in denen irgendetwas passiert sein muss. Immer mehr Polizisten werden in den Fall mit einbezogen. Ermittler aus anderen Städten kommen sogar extra nach Elgin, um die Polizei vor Ort zu unterstützen. Damals gibt es ja weniger Technik und digitale Möglichkeiten als heute. Für die Ermittler heißt das viel klassische Polizeiarbeit, also an Türen klopfen und Menschen befragen. Doch obwohl die Polizei hunderte Gespräche führt, hat niemand etwas gesehen. Niemand hat gesehen, dass Aline irgendwo hingegangen oder hingefahren wäre. Ihr Wagen steht auch immer noch vor dem Haus. Der fährt nämlich nicht mehr. Das Auto hat nur wenige Wochen vor ihrem Verschwinden wegen eines technischen Defekts vor dem Haus gebrannt. Ein Detail, das später nochmal wichtig wird. Fünf Tage nachdem Aline verschwunden ist, organisiert die Polizei eine große Suchaktion rund um Elgin. Mehr als 300 Menschen beteiligen sich daran. Polizisten, freiwillige Helfer, sogar Teams der Bergrettung und Taucher sind mit dabei. Gesucht wird unter anderem in einem Park und entlang eines Flusses. Hunderte Menschen laufen durch Büsche, Wiesen und Uferbereiche und halten Ausschau nach Kleidung, Schmuck oder irgendeinem Gegenstand, der Alin gehört. Auch Alins Vater Hector sucht mit. Ein Vater, der gemeinsam mit hunderten anderen Menschen nach seiner verschwundenen Tochter sucht. Dieser Moment und diese Unsicherheit müssen nur schwer ertragbar gewesen sein. Alins Verschwinden verändert Hector. Besonders deutlich wird das an einer Stelle in einer Doku. Dinge, über die Alins Vater Hector sich früher Sorgen gemacht habe, interessieren ihn heute einfach nicht mehr. Rechnungen sind ihm zum Beispiel völlig egal geworden. Denn das Schlimmste, was ihm passieren konnte, sei ihm bereits passiert. Aber auch bei der Suche gibt es keine neue Spur von Aline. Trotzdem ist ihre Familie noch immer voller Hoffnung. Solange die Polizei Aline offiziell als vermisste Person behandelt, bedeutet das auch, dass niemand sicher sagen kann, dass sie tot ist. Und genau deshalb tritt die Familie schließlich auch vor die Presse. Alines Schwester Carol sitzt vor laufenden Kameras und bedankt sich bei den Menschen, die nach Aline suchen. Es sei überwältigend zu sehen, dass plötzlich nicht nur die Familie selbst nach ihr sucht, sondern eine ganze Stadt. Auch für Jamie und seine Schwester Natalie müssen diese Tage völlig surreal gewesen sein. Innerhalb weniger Stunden ist ihre Mutter einfach weg. Erwachsene laufen plötzlich ständig durchs Haus. Polizisten kommen und gehen. Überall wird telefoniert, gesucht und spekuliert. Und gleichzeitig versuchen die Menschen um die Kinder herum wahrscheinlich mit aller Kraft, irgendeine Form von Alltag aufrechtzuerhalten. Die beiden schlafen weiterhin in ihren eigenen Betten. Um sie herum ihre Spielsachen und damit zumindest ein bisschen Routine für die Kinder. Familienmitglieder kümmern sich um sie, aber ihre Mutter bleibt verschwunden. In der Zeit passt auch Vater Ned auf die Kinder auf. Auch er stellt sich vor die Presse und bedankt sich für die Unterstützung. Er bittet darum, dass weiter nach Aline gesucht wird. Er wendet sich auch ganz direkt an sie und fordert sie auf, sich zu melden. Jamie und Natalie würden ihre Mutter sehr vermissen. Noch während Ned vor Kameras steht, beobachten ihn die Ermittler sehr genau. Denn je länger Aline verschwunden bleibt, desto stärker richtet sich der Blick der Polizei auf ihr engstes Umfeld. Und vor allem auf den Mann, mit dem sie seit über zehn Jahren verheiratet ist. Und das liegt nicht nur daran, dass bei vermissten Fällen immer zuerst das engste Umfeld überprüft wird, sondern auch daran, dass die Polizei Dinge in der Ehe der beiden entdeckt, die lange kaum jemand wahrgenommen hat. Und das, obwohl Ned in der Gegend als sympathischer Typ bekannt ist. Laut Freunden ist er lustig, locker und der typische Kumpel, mit dem man einfach gerne unterwegs ist. Viele Menschen können sich deshalb überhaupt nicht vorstellen, dass Ned etwas mit Alins Verschwinden zu tun haben könnte. Und genau das macht die Ermittlungen für die Polizei so schwierig. Einige Menschen stellen sich fast schützend vor Ned. Der glaubt selbst, dass Aline ihre Familie vielleicht freiwillig verlassen habe. Als Ned von der Polizei befragt wird, erzählt er ihnen etwas von einem Geldversteck im Schlafzimmer. Und als die Polizei dort nachschaut, ist das Versteck leer. Ned deutet also an, dass sich Aline mit ein paar hundert Pfund einfach auf- und davongemacht haben könnte. Vor Kameras fleht er Aline ja direkt an, sich bitte zu melden. Und auf diesen Aufnahmen wirkt er angespannt und nervös. Er liest eine vorbereitete Erklärung vor und agiert dabei hektisch und liest viel zu schnell. Für einige wirkt er dabei bestimmt wie ein verzweifelter Ehemann. Andere halten Netzauftritt für seltsam kontrolliert und distanziert. Und gleichzeitig gibt es da etwas, das viele zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen. Denn nur Wochen vor Alines Verschwinden, Ende März 1998, soll Ned versucht haben, seine eigene Frau umzubringen. Deswegen wohnt Ned Ende April 1998 gar nicht mehr in dem Zuhause in der Smith Street. Als Aline verschwindet, lebt er schon woanders, nämlich bei einem Geschäftspartner. Aline sei in diesem Abend, also die fünf Wochen vor ihrem Verschwinden, bei Freunden gewesen und erst spät nach Hause gekommen. Ned habe dort offenbar komplett die Beherrschung verloren. Er soll Aline so lange gewürgt haben, bis sie bewusstlos wird. Die Verletzungen waren massiv. In ihren Augen sind Blutgefäße geplatzt. Aline hat den Angriff nur knapp überlebt und ist direkt zur Polizei gegangen. Als sie dann fünf Wochen später, am 28. April, verschwindet, läuft deshalb schon ein Verfahren wegen versuchten Mordes gegen Ned. Er ist auf Kaution frei, darf aber nicht mehr zurück ins Haus in der Smith Street. Für die Polizei ist das natürlich von Beginn an ein riesiges Warnsignal. Dann verschwindet plötzlich genau die Frau, die in wenigen Wochen bei einem Prozess gegen ihren eigenen Mann aussagen soll. Und langsam entsteht für die Ermittler ein Bild der Ehe der beiden, das mit dem sympathischen Musiker und beliebten Geschäftsmann aus Elgin nur noch ganz wenig zu tun hat. Aline hat wohl über Jahre versucht, nach außen alles ganz normal wirken zu lassen. Aber hinter verschlossenen Türen war die Beziehung längst von Kontrolle, Eifersucht und Gewalt geprägt. Laut Alines Freundinnen ist Ned extrem besitzergreifend gewesen. Angeblich habe er ständig Angst gehabt, Aline könnte andere Männer treffen oder ihn verlassen. Schon Anfang der 90er Jahre flüchtet sie zweimal in ein Frauenhaus. Beide Male kehrt sie später aber wieder zu Ned zurück. Für Außenstehende ist das manchmal schwer nachvollziehbar. Aber das passiert bei häuslicher Gewalt häufig. Viele Frauen haben zum Beispiel Angst davor, ganz allein neu anzufangen, auch finanziell, besonders mit kleinen Kindern. Aline versucht trotzdem weiterzumachen. Sie kümmert sich um Jamie und Natalie, organisiert den Alltag und hält die Familie zusammen. Sie startet das College und lernt dort neue Menschen kennen. So kommt sie mal aus ihrem Alltag raus und gewinnt damit wieder mehr Selbstvertrauen. Aber genau das könnte die Situation zu Hause weiter verschärft haben. Denn ausgerechnet am Tag ihres Verschwindens hat Aline eigentlich einen Termin bei einer Anwältin. Es geht dabei um eine mögliche Scheidung. Aline möchte von der Anwältin wissen, welche Möglichkeiten sie hat und wie eine Trennung finanziell aussehen könnte. Für die Ermittler entsteht dadurch ein Motiv. Denn bei einer Scheidung wäre es nicht nur um die Beziehung der beiden gegangen, sondern auch um Geld. Ned gilt als jemand, für den Geld extrem wichtig ist. Jemand, der Geld versteckt und Dinge kontrollieren will. Alle Indizien deuten auf ihn. Aber die Ermittler haben ein riesiges Problem. Denn Ned hat ein wasserdichtes Alibi. Am Morgen von Alins Verschwinden fährt er wie immer seine Touren als Gemüsehändler. Zusammen mit einem Kollegen beliefert er verschiedene Geschäfte rund um Elgin. Mehrere Menschen sehen ihn auch an diesem Vormittag. Außerdem telefoniert Ned um kurz nach neun mehrere Minuten lang öffentlich an einem Kiosk. Genau zu der Zeit, in der Aline vermutlich verschwindet. Die Polizei überprüft sein Alibi natürlich gründlich. Auch die Telefonzeiten, Fahrten und Aussagen von Zeugen. Er hat gar keine Möglichkeit gehabt, zur selben Zeit in der Smith Street bei Aline zu sein. Damit fällt er als Täter raus. Trotzdem behält ihn die Polizei im Auge. Auch deshalb, weil immer wieder Dinge passieren, die den Ermittlern extrem seltsam vorkommen. Da ist zum Beispiel das angebliche Geldversteck im Schlafzimmer, von dem Ned erzählt hat. Oder Alines Ringe. Neun Tage nach ihrem Verschwinden findet Alines Stiefmutter im Badezimmer der Smith Street plötzlich Alines Ehering, den Verlobungsring und einen weiteren Ring. Die Familie ist sich sicher, dass die Ringe vorher nicht dort gelegen haben. Und falls die Ringe tatsächlich erst später dort platziert wurden, würde das bedeuten, dass jemand nach Alines Verschwinden noch einmal im Haus gewesen sein muss. Jemand, der Aline nach ihrem Verschwinden gesehen hat und ihr die Ringe abgenommen haben könnte. Und die Polizei ist sich ziemlich sicher, wer dafür in Frage kommt. Nett, aber sie kann es nicht beweisen. Während die Ermittlungen weiterlaufen, vergeht die Zeit. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen werden Monate. Alines Fall verschwindet aber nicht aus den Schlagzeilen, ganz im Gegenteil. Immer mehr Menschen in Schottland kennen inzwischen ihren Namen. Zeitungen berichten fast täglich über die verschwundene Mutter aus Elgin. Fernsehteams stehen vor dem Haus in der Smith Street und immer mehr Menschen wollen wissen, was wirklich dort passiert ist. Wenige Monate nach ihrem Verschwinden wird der Fall sogar in einer landesweiten Fernsehsendung vorgestellt. Frontline von BBC Scotland. Ähnlich wie Aktenzeichen XY ungelöst bei uns in Deutschland. Millionen von Menschen sehen das. Auch Ned wird dafür interviewt. Er spricht über Aline und über die Kinder. Und dann stellt die Reporterin irgendwann die Frage, die längst überall im Raum hängt. Nämlich, ob Ned etwas mit Alines Verschwinden zu tun hat. Ned schaut sie an und sagt sofort, nein, er habe nichts mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun. Ned schaut kurz zur Seite und wirkt angespannt. Für die Reporterin fühlt sich Neds Reaktion damit seltsam an. Beweisen lässt sich daraus aber natürlich nichts. Für viele Zuschauer ist das wahrscheinlich ein seltsamer Moment. Da sitzt ein Mann im Fernsehen, gegen den nur wenige Wochen vor dem Verschwinden seiner Frau noch ein Verfahren wegen versuchten Mordes lief und gleichzeitig gibt es keine Beweise, um ihm irgendetwas nachzuweisen. Ein paar Monate vergehen, ohne dass die Ermittlungen wirklich entscheidend vorankommen. Die Polizei richtet neue Hotlines für Hinweise ein, startet Plakatkampagnen und fängt an, Zeugen noch einmal neu zu befragen. Überall in Elgin hängen Bilder von Aline. In Supermärkten, in Schaufenstern, in Pubs. Zu diesem Zeitpunkt haben die Ermittler schon über tausend Aussagen gesammelt. Und dann taucht im Herbst 1998, ein halbes Jahr später, eine neue Geschichte auf. Denn über die eingerichtete Hotline bekommt die Polizei einen interessanten Tipp. Jemand erzählt in einem Pub von einem Auto, das kurz vor Alins Verschwinden gekauft worden sein soll. Eins von vielen Gerüchten, die damals kursieren, doch die Ermittler gehen der Sache trotzdem nach. Und die Geschichte ist wirklich interessant. Im Mittelpunkt steht ein Mann namens Hector. Wir haben es in unserer heutigen Geschichte also mit zwei Personen zu tun, die Hector heißen. Alins Vater heißt ja auch so. Dieser Hector ist jetzt ein ruhiger und verschlossener Landwirt aus der Gegend. Er kennt Ned gut, denn die beiden sind schon seit Jahren eng befreundet. Ned war sogar Trauzeuge bei Hectors Hochzeit. Die Ermittler finden heraus, dass Hector am Abend vor Alins Verschwinden ein Auto gekauft hat. Von einem Verkäufer namens Kevin, ein Typ aus der Gegend, der regelmäßig gebrauchte Autos kauft und weiterverkauft. Verkäufer Kevin erzählt der Polizei, dass Hector ihm 400 Pfund für den Wagen bezahlt habe und zusätzlich noch einmal 50 Pfund dafür, den, Zitat, Mund zu halten. Noch wichtiger für die Polizei ist allerdings, dass Ned dabei gewesen sein soll, als Hector das neue Auto übergeben wurde. Die Frage der Polizei ist ganz klar. Warum organisieren Ned und sein Freund Hector ausgerechnet am Abend vor Alins Verschwinden heimlich ein neues Auto? Noch dazu eins, über das laut Verkäufer niemand sprechen soll. Für die Ermittler entsteht daraus eine mögliche Theorie. Vielleicht braucht ja jemand kurzfristig einen Wagen, den Aline nicht kennt. Ein Auto, das später niemand direkt mit Ned in Verbindung bringt. Möglicherweise, um Aline irgendwo hinzulocken oder sie unauffällig mitzunehmen. Und dann ist da noch Alines eigenes Auto, das zu diesem Zeitpunkt immer noch kaputt vor dem Haus in der Smith Street steht. Nur wenige Wochen vor ihrem Verschwinden hat es ja gebrannt. Damals ging man noch von einem technischen Defekt aus. Aber als die Polizei genauer nachforscht, da wird klar, dass jemand den Wagen von Aline angezündet hat. Also, das könnte ja auch im Zusammenhang mit dem neuen Wagen von Ned & Hector stehen. Vielleicht wollte man Aline in das neue Auto locken, um es ihr als neuen Wagen anzubieten, sie also für eine Testfahrt überreden. Plötzlich interessiert sich die Polizei sehr für dieses neu gekaufte Auto, einen alten, beigefarbenen Ford Fiesta. Die Ermittler versuchen herauszufinden, wo der abgeblieben ist. Aber genau da wird die Geschichte noch merkwürdiger. Denn der Landwirt Hector blockt komplett ab. Er bestreitet zunächst sogar, das Auto überhaupt gekauft zu haben. Die Ermittler glauben dem Landwirt aber nicht. Die Polizei durchsucht daraufhin Gebäude, Felder und Wege rund um Hektors Grundstück. Auch Suchhunde kommen zum Einsatz, später sogar Hubschrauber. Doch trotz all dieser Maßnahmen kann die Polizei nichts finden. Und deshalb greifen die Ermittler zu einer anderen Methode. Autoverkäufer Kevin erklärt sich bereit, noch einmal Kontakt zu Hektor aufzunehmen. Diesmal allerdings heimlich, nur für die Polizei. Die Ermittler statten Kevin mit einem versteckten Aufnahmegerät aus. Später treffen sich Kevin und Hector nachts auf einem abgelegenen Parkplatz im Wald. Die Polizei hofft vor allem auf eine Sache. Dass der Landwirt Hector endlich zugibt, den Fort Fiesta gekauft zu haben. Und tatsächlich spricht Hector irgendwann auch darüber. Er versucht Kevin offenbar zu beruhigen. Die Polizei wisse nichts und Kevin solle einfach stillbleiben. Für die Ermittler ist das ein wichtiger Durchbruch. Denn bisher hat Hector den Kauf des Autos ja komplett abgestritten. Über Aline sagt Hector zwar nichts, aber die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Hector wegen Versuch der Strafvereitelung. 2001 wird er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das ist fast drei Jahre später, nachdem Aline verschwunden ist. Eine lange Zeit, in der Hector nicht zugibt, wofür das Auto wirklich gebraucht wurde. Er sagt nicht, was mit Aline passiert ist. Und er behauptet, nichts mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben. In den drei Jahren passiert aber noch etwas anderes, denn auch Alins Ehemann Nett landet im Gefängnis. Es gibt ja das Verfahren wegen versuchten Mordes gegen ihn, als er Aline bis zur Bewusstlosigkeit gewirkt hat, nur fünf Wochen bevor sie verschwunden ist. Auch ohne Aline als Zeugin macht die Staatsanwaltschaft Nett den Prozess. Allerdings wird 2000 der ursprüngliche Vorwurf des versuchten Mordes gegen ihn fallen gelassen und zu schwerer Körperverletzung geändert. Für Alines Familie ist das ein harter Schlag. Ned wird wegen des Angriffs zu 18 Monaten Haft verurteilt. Der Richter spricht von einem gefährlichen und abschaulichen Angriff, gleichzeitig aber auch von einem angeblich einmaligen Kontrollverlust. Alines Schwester Carol sieht das ganz anders. Mit unserem Blick heute ist die Vorstellung, Gewalt gegen Frauen sei ein einmaliger Ausraster, einfach lächerlich. Für Carol liegt genau darin die Gefahr solcher Männer. Menschen wie Ned seien oft gerade deshalb so gefährlich, weil sie nach außen so freundlich, ruhig und charmant wirken. Aber im Gefängnis hört Alins Geschichte nicht auf. Denn Ned bekommt dort Besuch. Und dieser Besuch bringt die Ermittlungen erst so richtig in Gang. Glenn ist ein Geschäftsmann aus England, der früher auch in Elgin gelebt hat und Ned kennt. Er besucht ihn mehrfach im Gefängnis. Die Treffen werden über Kameras aufgezeichnet. Einen Ton gibt es allerdings nicht. Die Ermittler sehen deshalb stumme Aufnahmen dieser Gespräche und haben schließlich eine Idee, wie sie doch verstehen können, was die beiden Männer sagen. Sie holen eine Lippenleserin dazu. Und was die glaubt zu erkennen, erschüttert auch die erfahrensten Ermittler. Die Männer sollen darüber sprechen, wie eine Leiche entsorgt wurde, dass man die Überreste niemals finden werde, dass Zähne zerstört und Überreste verbrannt worden seien. Immer wieder soll es auch um ein Auto gehen. Ob die Interpretation der Lippenleserin denn wirklich so stimmt, das wird später noch heftig diskutiert. Gerade die Verteidigung greift die Analyse massiv an, wie ihr euch sicher denken könnt. Aber zu dem Zeitpunkt, im April 2002, fast genau vier Jahre nach Alins Verschwinden, verändert das die Ermittlung komplett. Denn das bestätigt die Idee der Polizei, dass Alins Verschwinden möglicherweise kein spontanes Verbrechen war, sondern ein geplanter Mord. Und dass ihr Ehemann Ned dabei nicht alleine gehandelt hat. Im April 2002 erhebt die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage gegen drei Männer. Gegen Ehemann Ned, den Landwirt Hector und den Geschäftsmann Glenn, der Ned im Gefängnis besucht hat. Der Vorwurf lautet, Mord an Aline. Die Verhaftungen der drei sorgen in Schottland für riesiges Aufsehen. Für Alins Familie ist das ein schwer auszuhaltender Moment. Denn damit wird etwas ausgesprochen, das viele von ihnen wahrscheinlich längst befürchtet haben, aber nie ganz akzeptieren wollten. Für Alins Mutter Isabel sei es das härteste gewesen, langsam zu verstehen, dass ihre Tochter vermutlich tot ist. Im Januar 2003 beginnt dann, vor dem High Court in Edinburgh, der große Mordprozess. Fast fünf Jahre, nachdem Aline von jetzt auf gleich verschwunden ist. Von Anfang an ist eine der großen Fragen im Prozess, ob die Beweise überhaupt ausreichen. Denn eigentlich fehlt fast alles, was Menschen normalerweise mit einem Mordfall verbindet. Es gibt keine Leiche, keine DNA, keine Tatwaffe und keinen Tatort. Die Staatsanwaltschaft hat nur ein großes Netz aus Indizien, aus Widersprüchen und Aussagen. Sie versuchen deshalb vor allem zu zeigen, dass Aline niemals freiwillig abgehauen wäre. Außerdem wird deutlich, wie belastet die Ehe mit Ned gewesen sein soll und dass Aline offenbar über eine Scheidung nachgedacht habe. Und trotzdem bleibt leider vieles kompliziert. Vor allem auch, weil die Jury nichts über den schweren Angriff erfahren darf, bei dem Ned wenige Wochen vor Alines Verschwinden sie fast getötet hat. Nach schottischem Recht bleiben frühere Verurteilungen eines Angeklagten normalerweise vor der Jury verborgen. Die Geschworenen sollen nämlich nur über die Beweise in diesem konkreten Fall urteilen und nicht schon voreingenommen sein, weil jemand früher schon einmal straffällig geworden ist. Tagelang geht es deshalb um Telefonzeiten, das perfekte Alibi, den neu gekauften Ford Fiesta, die plötzlich aufgetauchten Ringe und um die Frage, ob Ned seine Frau möglicherweise von anderen Menschen hat töten lassen. Denn er selbst hat ja ein wasserdichtes Alibi bei der Arbeit. Doch dann passiert etwas, womit niemand gerechnet hat. Am sechsten Verhandlungstag kommt plötzlich alles anders als gedacht. An diesem Morgen beginnt der Prozess später als sonst. Im Gerichtssaal wird bereits leise getuschelt. Journalisten laufen hektisch umher, denn irgendwas scheint passiert zu sein. Schließlich erklärt der Staatsanwalt, dass die Anklage gegen Landwirt Hector und Geschäftsmann Glenn fallen gelassen wird. Für die Menschen im Saal muss das ein Schock gewesen sein. Besonders für Alins Familie. Gleichzeitig verkündet die Staatsanwaltschaft, dass Hector nun als Zeuge gegen Alins Ehemann nett aussagen soll. Dafür wird die Anklage fallen gelassen. Und gegen Geschäftsmann Glenn gibt es einfach zu wenig Beweise. Für Alins Familie ist das ein unglaublicher Moment. Vielleicht kommt jetzt doch endlich heraus, was wirklich mit Alin passiert ist. Und wenige Tage später sagt Hector dann auch tatsächlich aus. Zum ersten Mal hört die Öffentlichkeit jetzt ausführlich, was laut Hector in den Tagen rund um Alins Verschwinden wirklich passiert sein soll. Hector hat mit seinem Freund Ned viel über das Thema Eifersucht gesprochen. Auch darüber, dass Ned überzeugt war, dass Aline eine Affäre habe. Und Ned soll ihm vor Alins Verschwinden gesagt haben, dass wenn Menschen verschwinden und ihre Leiche nie gefunden wird, dann könne man niemanden wegen Mordes verurteilen. Anschließend geht es um den Ford Fiesta. Ned habe Hector gebeten, ein Auto zu besorgen. Hector hat dann ja den Wagen gekauft und 50 Pfund Schweigegeld an den Verkäufer Kevin gezahlt. Er habe das Auto dann auf seine Farm gebracht. Am Morgen von Alins Verschwinden sei der Wagen dann plötzlich nicht mehr auf seiner Farm gewesen. Zwei Tage später habe Nett sich dann bei ihm gemeldet und gesagt, es habe ein kleines Problem gegeben. Der Wagen komme zu Hector zurück. Und tatsächlich, einige Tage später stand der Fiesta wirklich wieder auf Hectors Farm. Beschädigt. Wie genau, wird aber nie irgendwo im Detail erklärt. Hector habe sich dem Fahrzeug genähert und durch das Heckfenster ins Innere geschaut. Im Wageninneren konnte er nichts weiter erkennen. Keine Personen im Auto, keine sichtbaren Blutspuren. Und trotzdem bekommt Hector irgendwie Angst. Vielleicht, weil Ned und er kurz vorher noch über Morde ohne Leichen geredet haben. Er entscheidet sich jedenfalls, das Auto loszuwerden. Er schnappt sich Diesel, gießt ihn in den Innenraum des Fiesta und zündet den Wagen an. Später bringt er das ausgebrannte Wrack zu einem Schrottplatz. Damit ist das Auto weg. Noch schwerer wiegt aber, was Hector danach über Ned erzählt. Wochen später sei Ned auf seine Farm gekommen. Hector habe ihn gefragt, was mit Aline passiert sei. Und Ned habe gesagt, dass sie tot sei. Sie werde nicht zurückkommen. Außerdem habe Ned angedeutet, dass ihm jemand aus dem Süden bei der Tat geholfen habe. Alines Leiche sei verbrannt worden, es gebe keine DNA mehr und selbst die Zähne seien zerstört und entsorgt worden. Wichtig hier anzumerken ist nochmal, dass das keine bewiesene Rekonstruktion der Tat ist, sondern Hektors Aussage. Denn Hector ist als Zeuge extrem problematisch. Netzverteidigung greift seine Aussagen natürlich an. Schließlich hat Hector monatelang gelogen, Beweise versteckt und seine Geschichte immer wieder geändert. Für die Jury stellt sich deshalb ständig dieselbe Frage. Sagt Landwirt Hector jetzt plötzlich die Wahrheit oder versucht er einfach nur sich selbst zu retten? Nach mehreren Wochen kommt der Prozess schließlich zu einem Ende und die Jury berät sich. Polizisten und Journalisten beschreiben, dass die Spannung kaum auszuhalten gewesen sei. Der gesamte Fall besteht fast nur aus Indizien und Aussagen. Niemand weiß, wie die Jury entscheiden wird. Nach zwei Stunden und 39 Minuten kommen die Geschworenen zurück. Und das Urteil lautet schuldig. Ned bricht daraufhin im Gerichtssaal zusammen. Der Richter bezeichnet Ned als böse und verurteilt ihn zu lebenslanger Haft mit einer Mindeststrafe von 25 Jahren. Für Alins Familie ist das Urteil eine lang ersehnte Erleichterung, aber auch ein neuer Schmerz, der losgetreten wird. Alins Schwester Carol ist überwältigt und erleichtert, dass jemand für Alins Verschwinden verantwortlich gemacht wurde. Aber gleichzeitig auch voller Trauer darüber, dass ihre Schwester trotzdem nie mehr zurückkommen wird. Besonders schwer ist das Urteil aber natürlich für Alines Kinder, Jamie und Natalie. Jamie ist mittlerweile 15 Jahre alt, Natalie 10. In Zeitungsartikeln wird beschrieben, dass beide Kinder anfangen zu weinen, als ihnen erklärt wird, dass ihr Vater wegen Mordes an ihrer Mutter ins Gefängnis muss. Gleichzeitig glauben die Kinder offenbar weiterhin an die Unschuld ihres Vaters. Der Fall hat damit längst nicht nur eine Familie zerstört, er hat sie auch gespalten. Während Ned nun im Gefängnis sitzt, beginnt sein Verteidiger, seine Berufung vorzubereiten. Stück für Stück tauchen neue Zweifel auf. Es geht um mögliche Ermittlungsfehler, um problematische Aussagen und um die Frage, ob die Jury damals wirklich alle wichtigen Informationen bekommen hat. Und irgendwann steht etwas im Raum, das Alins Familie eigentlich nie wieder erleben wollte. Ein zweiter Prozess. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Alins Ringe. Die Ringe waren im ersten Prozess ein extrem wichtiger Teil der Anklage. Die Staatsanwaltschaft hat argumentiert, dass Alins Ringe erst Tage nach ihrem Verschwinden wieder im Haus aufgetaucht seien. Daraus entstand die Theorie, dass nur Ned selbst sie dort platziert haben könnte. Nur er war vor dem Fund der Ringe im Haus. Aber Jahre später stoßen Reporter auf Aussagen zweier Polizeibeamter, die darauf hindeuten, dass die Ringe möglicherweise doch schon früher im Haus lagen. Einer der Beamten soll die Ringe schon kurz nach Alins Verschwinden gesehen haben. Genau diese Informationen wurden der Verteidigung beim ersten Prozess nie vollständig übergeben. Deswegen ordnet die schottische Justiz 2006 zwei Untersuchungen an. Eine soll prüfen, wie die Staatsanwaltschaft mit Beweismitteln umgegangen ist. Die andere untersucht die Arbeit der Polizei. Und dann wird Ned während des Berufungsverfahrens gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen. Nach drei Jahren Haft ist er plötzlich einfach wieder frei. Fernsehkameras filmen, wie nett das Gefängnis verlässt und kommentarlos in ein Auto steigt. Für Alines Schwester Carol fühlt sich dieser Tag an, als würde alles wieder von vorne beginnen. So schildert sie es der Presse. Ihre Familie wird praktisch über Nacht wieder in denselben Zustand aus Angst und Unsicherheit zurückgeworfen. 2007 landet der Fall dann vor dem Berufungsgericht in Edinburgh. Wochenlang geht es dort fast ausschließlich um die Ringe, um mögliche Fehler der Polizei und um die Frage, ob wichtige Informationen absichtlich oder versehentlich zurückgehalten wurden. Trotzdem entscheidet das Berufungsgericht 2008 zunächst, dass Ned schuldig bleibt. Eine riesige Erleichterung für Alins Familie. Ihr Vater sagt der Presse, dass Ned seiner Familie eine lebenslange Strafe gegeben hat und er verdiene deshalb selbst eine lebenslange Strafe. Aber Ned gibt nicht auf. Seine Anwälte ziehen sogar vor den Supreme Court in London. Dort geht es jetzt nicht mehr direkt um die Frage, ob Ned schuldig ist oder nicht, sondern darum, ob er überhaupt ein faires Verfahren bekommen hat. Und tatsächlich gibt es 2011 eine unglaubliche Entscheidung. Acht Jahre nach dem Mordprozess urteilt der Supreme Court, dass Ned's Verteidigung damals relevante Informationen zu den Ringen vorenthalten wurden. Die Richter betonen ausdrücklich, dass das nicht heißt, dass Ned unschuldig sei. Aber sie erklären, dass das Verfahren möglicherweise unfair gewesen ist. Der Schuldspruch wird aufgehoben. 13 Jahre nach Alins Verschwinden steht damit plötzlich wieder alles auf Anfang. Im April 2012 beginnt der neue Mordprozess gegen Ned. Prozess Nummer 2. Der Fall ist inzwischen so bekannt, dass generell darüber diskutiert wird, ob Ned in Schottland überhaupt noch fair vor Gericht stehen kann. Aber der Prozess findet statt und alles beginnt von vorne. Wieder geht es um das Alibi, den Landwirt Hector, den Fort Fiesta, die Ehe und um die Frage, ob Ned jemanden angeheuert hat, seine Frau zu töten. Hector sagt wieder als Zeuge gegen Ned aus. Diesmal wird der Prozess sogar für das Fernsehen gefilmt. Die Doku The Murder Trial zeigt direkte Einblicke in einen echten britischen Mordprozess. Für Alines Familie ist das erstmal ein seltsames Gefühl. Auch Carol hat anfangs große Bauchschmerzen, aber irgendwann nimmt sie die Kameras im Saal kaum noch wahr. Nets Verteidigung versucht die Schuld auf den Landwirt Hector zu schieben. Was, wenn Hector selbst viel stärker beteiligt war, als er zugibt? Am Ende dauert es Wochen, bis der Prozess abgeschlossen ist. Dann berät sich die Jury und kommt mit einem Urteil zurück. Nett ist schuldig. Wieder wird Nett wegen Mordes an Aline verurteilt. Diesmal legt der Richter fest, dass frühestens nach 17 Jahren über eine mögliche Freilassung gesprochen werden kann. Ned habe einen kaltblütigen Mord organisiert und dafür gesorgt, dass Alins Körper mit gnadenloser Effizienz beseitigt wurde. Im Gerichtssaal reagiert Ned diesmal kaum sichtbar auf das Urteil. Alins Familie reagiert ebenfalls kaum. Sie alle sind erschöpft. Nach 14 Jahren hin und her ist einfach keine Kraft mehr übrig. Was bleibt, ist die Frage, wo Alins Leiche ist. Bis heute wurde ihre Leiche nicht gefunden. Genau das beschreiben Ermittler und ihre Familie als den grausamsten Teil dieses Falls. Nicht nur der Mord selbst, sondern auch das, was danach kommt. Dieses dauerhafte Nichtwissen. Laut einem ehemaligen Ermittler sei das wie eine Verlängerung der Folter, die Ned über die Familie ausübe. Denn solange niemand weiß, wo Arlene ist, können sie keine Beerdigung organisieren und sich nicht richtig verabschieden. Ned habe Arlene schon zu Lebzeiten kontrollieren wollen, sagt Carol gegenüber der Presse. Und selbst nach ihrem Tod halte diese Kontrolle weiter an. Denn er allein wisse vermutlich, wo ihre Überreste sind. In den Jahren danach beginnt Alins Familie deshalb für eine Gesetzesänderung zu kämpfen. Im September 2025 wird Susans Law verabschiedet. Das Gesetz verpflichtet die schottische Bewährungskommission dazu, bei Entscheidungen über eine mögliche Freilassung zu berücksichtigen, ob ein Täter Informationen über den Verbleib eines Opfers verschweigt. Hintergrund ist auch der Fall Susanne, einer weiteren verschwundenen Frau, deren Leiche nie gefunden wurde. Für Alines Familie bedeutet dieses Gesetz Hoffnung, dass Ned doch noch irgendwann die Wahrheit sagen könnte. Denn theoretisch könnte er ab 2028 auf Bewährung hoffen. Nach allem, was öffentlich bekannt ist, beteuert er bis heute weiterhin seine Unschuld. Und während Ned im Gefängnis sitzt, sind seine Kinder Jamie und Natalie längst Erwachsene. Für beide muss das alles nach wie vor kaum vorstellbar sein. Die eigene Mutter verschwindet spurlos. Der Vater wird zweimal wegen Mordes verurteilt. Und trotzdem bleibt da diese Loyalität. Besonders Natalie spricht öffentlich darüber. Sie glaube keinen Moment daran, dass ihr Vater etwas mit dem Mord an ihrer Mutter zu tun habe. Für sie sei Hector verantwortlich, der Landwirt, zu 100 Prozent. Gleichzeitig fehlt Natalie ihrer Mutter aber sehr. Eine Mutter, an die sie sich kaum noch erinnern kann. Also es liegt nicht nur daran, dass wir gerade zuletzt über genau diesen Punkt gesprochen haben, aber schon während des Falls ist mir das nicht aus dem Kopf gegangen, dass die beiden Kinder, von der Unschuld des Vaters überzeugt sind. Und ich habe mir vorgestellt, wie das so innerhalb der Familie gewesen sein muss. Du vermisst Aline, deine Tochter, deine Schwester, deine Mutter und suchst ja irgendwie den Schuldigen, den man in Net gefunden hat. Und die Kinder glauben aber nicht, dass es der Vater war, oder? Also dieser Zwiespalt innerhalb der Familie, das muss so furchtbar sein und top zu dem, was da ja eh passiert ist. Und ich meine, die Kinder waren ja sehr, sehr klein, als das alles passiert ist. Also da hast du ja eigentlich auch geringe Erinnerungen an deinen Vater, würde ich mal sagen, der ja auch versucht hat, die Mutter umzubringen. Also, dass die trotzdem von der Unschuld überzeugt sind, das finde ich irgendwie krass, irgendwie traurig, irgendwie, ja, ich weiß auch nicht. Bei sowas hoffe ich manchmal, dass dann halt, wenn sie älter werden, sie die Fakten besser verstehen können und nicht so verbohrt sind darin. Weil ich meine, als Kind, wenn du eine gute Beziehung zu den Eltern hast. Dann natürlich sind sie deine größten Vorbilder. Natürlich glaubst du nicht daran, dass sie das verbrochen haben. Und man muss ja auch in dem Fall hier sagen, es gab schon viele Variablen, wo man jetzt hätte sagen können, okay, Hector, so wie Nettelie das am Ende jetzt zum Beispiel gesagt hat, dass es Hector gewesen sein könnte. Kinder brauchen das wahrscheinlich wirklich ganz, ganz plastisch, ganz direkt. Für uns Erwachsene reicht es schon viel, viel einfacher aus, einfach das zu hören, was wir heute erzählt haben. Aber bei sowas hoffe ich natürlich dann auch, dass wenn die Kinder erwachsen werden diese Familie wieder zusammenwachsen kann und im Zuge dessen habe ich auch so überlegt, Wenn es nicht wirklich war, ob der beste Move, den er machen könnte, nicht wirklich wäre, das komplett zuzugeben, reinen Tisch zu machen, um seine Familie nicht noch weiter zu zerstören. Und ja, dann wird er zwar keine gute Verbindung mehr mit seinen Kindern haben, dann muss er das aufgeben. Aber wenn seine Kinder ihm halt wertvoll genug sind, dann fände ich zumindest, wäre das ein Ansatz zu sagen, so kann ich euch wieder halt ein richtiges Leben zurückgeben. Voll stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht, dass er mit seiner Aussage ja auch total deren Leben beeinflussen kann. Also Aussage im Sinne von, ich war es. Und ja vor allem auch diese große ungeklärte Frage für die Familie zu beantworten, wo ist Alins Leiche? Also das ist ja noch so mit der letzte wichtige Punkt, der hier noch gar nicht geklärt ist. Aber klar, er könnte total das Denken der Kinder beeinflussen, weil. Ob sie jetzt noch eine gute Beziehung aufbauen, nachdem der da irgendwie ewig im Gefängnis war und auch ja so alle Fakten in der Presse einmal durchgetreten wurden, auch sowas wie er hat versucht, ihre Mutter umzubringen. Wie baust du denn da ein gutes Verhältnis zu deinen Kindern auf? Also das stelle ich mir sowieso schon schwierig vor. Ja, wobei, also das Ding ist halt, ich habe es ja jetzt letztens halt wirklich ganz direkt gesehen, als ich in diesem Gericht gesessen habe, wo ja der Vater verurteilt worden ist und der Sohn und die Partnerin da gewesen sind und der Sohn hat er auch so, und der war auch älter schon zu dem Zeitpunkt, er hat auch so krass an seinen Vater geglaubt und das Ding ist, wir können ja nicht berichten, was hinter verschlossenen Türen so gesehen besprochen wird. Wir können nicht in deren Köpfe reingucken und nicht an den Essenstisch, wo die dann darüber sprechen, wie schlecht er sich behandelt gefühlt hat oder so, keine Ahnung, von der Justiz. Man kann, solange man so einen kleinsten gemeinsamen Nenner hat und das wäre in dem Fall dann wahrscheinlich, wie unfair er sich von der Justiz behandelt fühlt, kann man halt trotzdem sich dann verbinden, verbinden. Und deswegen, ich kann es leider schon verstehen, dass die Kinder da halt nicht ihren Vater verlieren wollen noch irgendwo. So kann man es ja auch sehen. Aber ja, ich meine, die meisten von uns sehen das, denke ich mal, anders. Was glaubst du, was hier die Rolle vom Landwirt Hector ist? Warum sollte der an der Sache beteiligt gewesen sein? Er hat ja die ganze Zeit gelogen, kann man ihm als Zeuge jetzt glauben. Da dachte ich in dem Moment ja gut, aber er hat sich davor ja auch einfach verteidigt so. Ich kann mir keinen richtigen Grund ausdenken, warum er das gemacht haben soll, um ehrlich zu sagen, dass er da aus Versehen reingerutscht ist oder so. Ich weiß es nicht, wie siehst du es? Ja, ich kann es mir nur irgendwie mit Freundschaftsdienst tatsächlich erklären, dass Ned so ein guter Freund ist, war, der Hilfe gebraucht hat. Wir haben es ja auch gehört. Ned soll ja super charismatisch gewesen sein, super sympathisch, klar. Eigentlich ein guter Punkt, dass es einfach nur ein Freundschaftsdienst gewesen ist. Wer weiß, welche Infos Hector hatte über die Ehe der beiden, welche Perspektive Ned mit ihm geteilt hat. Und ja, also ich kann es mir irgendwie nur so erklären, dass Ned ihn um Hilfe gebeten hat. Vielleicht ist zu dem Zeitpunkt schon irgendwas passiert und er brauchte Hilfe bei der Beseitigung der Leiche oder er brauchte Hilfe beim tatsächlichen Mord. Wissen wir nicht, weiß niemand. Aber ich kann es mir eigentlich nur so erklären, weil was sollte sonst der Landwirt da mit der ganzen Nummer zu tun haben? Ja, wahrscheinlich schon. Und damit würde ich sagen, steigen wir rein in die Personaakte, wa? Ich habe auf jeden Fall, so wie du es letztes Mal bei mir gemacht hast, eine Frage an dich. Nämlich, wie war es in Amsterdam? Wie war es bei Harald Stiles? Bei Harald Stiles, ja. Es war super, super schön. Also Amsterdam eh immer eine Reise wert, haben wir beide ja vor der Aufnahme nochmal zusammen festgestellt. So eine wunderschöne Stadt, so ein toller, entspannter Vibe, tolles Essen, alles einfach super schön. Hot Take? Ja. Bitte hatet mich nicht, besser als Venedig. Amsterdam, besser als Venedig. Ja, würde ich so unterschreiben. Ja, würde ich genauso sagen. Ich war einmal bisher in Venedig, jetzt zum fünften Mal in Amsterdam und bei der nächsten Wahl würde sie wieder auf Amsterdam fallen. Und auch das Harry Styles Konzert war so toll. So ein krasser Vibe in dieser riesigen Halle bzw. Fußballstadion war das eigentlich. mit so vielen Leuten und trotzdem hat er auch die letzte Person am obersten Rang mitgerissen, alle haben getanzt, gesungen, ob jung, ob alt und das muss ein Künstler auch erstmal schaffen, finde ich. Wir waren danach alle ganz beseelt, ganz happy, es war so schön und du weißt ja, ich gehe auf super viele Konzerte und die sind alle immer cool so, aber das war jetzt nochmal eins der ganz besonderen Highlights und ein ganz toller Abend, ja. Was steht bei dir die Woche so an? Also jetzt in der Woche, wo ihr zumindest die Folge hört. Habe ich nur gesagt bekommen, dass am Donnerstag in Berlin wohl irgendein Beachvolleyball-Ding ist. Okay, richtig random. Ja, ein bisschen random. Okay, cool. Da überlege ich vielleicht noch hinzugehen. Mal schauen, falls ich da hingehe, erzähle ich euch davon. Ansonsten steht aber auch nicht viel an. Es ist gefühlt so ein bisschen ein Sommerloch gerade. Oder es fängt jetzt sowieso auch an dem Tag, wo wir heute aufnehmen, ist der heißeste Tag überhaupt. Holy Shit, ich habe auch schon die Schuhe ausgezogen. Und deswegen irgendwie ist gerade nicht so viel. Ja, meine Woche wird auch sehr, sehr ruhig. Was ich aber total begrüße, dass nichts ansteht, weil mein restlicher Juni relativ voll wird mit einem Arbeitstrip noch nach München. Vielleicht wissen einige dann jetzt schon, was das bedeutet. Und ich bin nochmal in Rom und nochmal ein bisschen unterwegs, bevor Ende des Monats dann die kleine Nala kommt. Die bleibt zwei Wochen bei mir, bei uns zu Hause. Wir passen auf. Ja, deswegen finde ich es total schön, dass die Woche jetzt mal ein bisschen entspannter ist. Aber was mich ja interessiert, kleiner Themenwechsel zumindest. Wo geht es für euch, wenn ihr verreist, dieses Jahr, diesen Sommer in den Urlaub hin? Das fände ich total spannend zu hören. Also wenn ihr verreist, schreibt uns doch gerne mal, was so eure Urlaubsziele sind. Für ein bisschen Inspiration hier. Das würden wir gerne lesen. Patrick nickt auch. Das interessiert ihn auch. Bleibt es in Deutschland, bleibt es in Europa. Geht es überhaupt irgendwo hin? Und dann würde ich sagen, schließen wir mal diese schwarze Akte und die Personalakte für heute. Und wir freuen uns sehr, sehr, sehr, wenn ihr nächste Woche Dienstag hier wieder einschaltet, wenn wir eine neue Folge für euch am Start haben. Bis nächste Woche. Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktion Johanna Müsiger und wir. Schnitt Anne Luckmann. Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes. Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios. Besonderer Dank geht an Falco Schulte.